Die zickige Nichte

Wir haben einen großen Teil vom Osterwochenende mit der Schwiegerfamilie verbracht. Alle waren da, wenigstens alle aus der näheren Verwandtschaft vom Ehemann. Sein Vater, den wir gestern Morgen mit dem Auto abgeholt haben, um zu einer Cousine zu fahren. Deren Eltern, Schwester und Schwager, die samt Kindern aus Frankfurt hierher gekommen sind. Ihre eigene Kinder und Ehemann. Ich denke immer an sie als „die Familie vom Ehemann“, aber jetzt sind sie auch meine Familie. Ich habe mich noch nicht ganz an den Gedanken gewöhnt.

Mit seinen Cousinen ist der Ehemann eng gebunden, vor allem mit der aus Frankfurt, mit der wir den letzten Urlaub verbracht haben. Nach dem Tod seiner Mutter, als sein Vater mit der neuen Situation nicht klar kam, hat er viel Zeit mit ihnen verbracht. Sie sind ein bisschen wie Schwestern für ihn. Ihre Kinder, alle Mädchen, nennt er seine „Nichten“. Ein besseres Wort gibt es wohl nicht, sonst würde er es benutzen. Er kann sehr penibel sein, wenn es darum geht, die richtigen Begriffe zu benutzen. „Kinder“ trifft bei den Nichten eigentlich nicht mehr zu. Die Jüngste, Ella, ist elf Jahre alt. Die Älteste, Charlotte, ist mit ihrem Bachelor schon fast fertig. Jedenfalls sind sie jetzt auch meine Nichten. Das ist mir erst bewusst geworden, als wir einmal zufällig Charlotte in der Nähe der Uni getroffen haben, und sie uns dann ihrem anwesenden Kommilitonen als „mein Onkel und meine Tante“ vorgestellt hatte. Krass.

Wir haben uns am Wochenende zuerst am Samstagabend zum Essen in einem Restaurant verabredet. Das hat Tradition, wenn die Großeltern zu Besuch kommen. Wir waren alle an einem langen Tisch. Es hat sich natürlich ergeben, dass die vier jüngeren Cousinen an einem Ende des Tisches gesessen haben, während die ältere Familienmitglieder am anderen Ende saßen. Wir waren mit dem Essen noch nicht fertig, als die ältere Schwester von Ella, Mila, uns verlassen hat, weil sie mit einer Freundin in der Nähe verabredet war, um bei ihr zu übernachten. Ich fand es recht rücksichtslos von ihr, da ihre Großeltern nicht häufig da sind und von weitem angereist waren, um ihre Enkelinnen zu besuchen, und sie es offensichtlich nicht zu schätzen weiß. Nun, wenn die Eltern nichts dagegen einzuwenden haben, habe ich auch nichts zu sagen. Ich fand es noch merkwürdig, dass sie sie mit knapp dreizehn Jahren alleine zu Fuß bei Anbruch der Dunkelheit gehen lassen, da man nie weiß, wen man treffen kann. Vielleicht wollen ihr die Eltern dadurch einen Eindruck von Vertrauen vermitteln. Mir kommt es ziemlich unverantwortlich vor.

Zickig finde ich die Kleine, vor allem seit dem letzten Weihnachten. Die vier Mädels sind reichlich mit Geschenken verwöhnt gewesen, und die Anderen haben sich wenigstens dankbar gezeigt. Nicht so bei Mila. Sie hat ihre Mutter richtig angefaucht, weil sie es gewagt hatte, ihr zusätzlich Sachen zu schenken, die sie sich nicht ausdrücklich gewünscht hatte. Sie hat es geschafft, mit ihrem Verhalten sowohl ihre Mutter als auch ihre Oma derart zu verletzen, dass die Oma Tränen bekommen hat. Sie hat sich danach nicht mal entschuldigt. Angeblich war die Mutter in dem Alter genau so. Es scheint erblich zu sein, obwohl die zwei anderen Nichten eine viel bessere Erziehung zeigen. Mit deren Mutter ist auch nicht zu spaßen.

Jedenfalls waren wir gestern Morgen wieder alle zum Essen verabredet. Mir ist dabei ganz schnell ein bestimmter Geruch in die Nase gekrochen, den ich bei mir sehr gut kenne, seitdem wir mit dem Ehemann keine Kondome mehr benutzen. An solchen Tagen wechsle ich ganz häufig meine Slipeinlagen, um keine olfaktive Belästigung für meine Mitmenschen zu werden, weil die morgendliche Dusche nicht reicht. Der Geruch stammte eindeutig aus Mila, aber den schien außer mir keiner wahrgenommen zu haben. Ich wäre fast drauf und dran gewesen, ihr zu sagen, sie sollte duschen gehen, so sehr sie nach Sperma stank. Von wegen „ich übernachte bei einer Freundin“. Ich habe sie doch nicht darauf angesprochen, weil ich nicht die Gelegenheit hatte, kurz alleine mit ihr zu reden, und ich sie nicht vor den Anderen bloß stellen wollte. Im Nachhinein frage ich mich, warum eigentlich nicht? Sie schert sich nicht um die Gefühle Anderer, wie ich über Weihnachten erfahren durfte.

Ich hoffe wenigstens, dass sie die Pille nimmt, wenn sie offensichtlich schon mal keine Kondome benutzt. Mit dreizehn schwanger zu werden wäre echt blöd. Sie muss aber auch wissen, dass Kondome nicht nur von Schwangerschaft sondern auch von schweren Krankheiten schützen und nicht weg zu denken sein sollten. Das sollte doch in der Schule Thema sein. Ich weiß nicht, ob ich irgendwas unternehmen soll, oder einfach nur die Klappe halten soll. Schließlich muss sie wissen, was sie tut, und wenn sie so zickig ist, wird sie sowieso nicht gut auf ein solches Gespräch reagieren.

Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen

Bis Montag war ich mit dem Mini-Urlaub zufrieden. Wir haben Museen besucht. Das Dalí-Museum in Figueres, aber auch das Schloss von Púbol, wo Gala Dalí gelebt hatte und begraben wurde. Wir sind am frühen Sonntagmorgen zum Castell de Montgrí gewandert, was wegen des Zustandes vom Weg recht anstrengend war. Vor allem, um wieder runter zu kommen. Die starke Tramontane, die seit Freitag wehte, hat wenigstens dafür gesorgt, dass es uns nicht zu heiß wurde. Wir sind ein paar Male am Strand gewesen. Im Meer zu schwimmen war toll. In der Sonne haben wir nur wenig gelegen. Zum weiteren Abnehmen haben unsere Aktivitäten nicht gereicht, da es auch reichlich leckere Tapas gab. Ich habe uns eine Caponata gekocht, als Dankeschön für unsere Freundin, die uns so großzügig empfangen hat. Meinem Mann zuliebe habe ich die Sellerienstangen durch eine grüne Paprika ersetzt.

Ich bin in der kurzen Zeit von Mücken gefressen worden. Es ist noch schlimmer als bei der Dorffeier. Trotz Autan habe ich dreiunddreißig Stiche erst auf den Beinen gezählt. Nur wenige haben eine allergische Reaktion verursacht. Ich bin übrigens nicht sicher, dass alle Stiche von Mücken kommen. Auf der hinteren Seite vom linken Oberschenkel hatte der Ehemann am Freitag berichtet, dass in einem Bereich so groß wie seine Handfläche acht rote Punkte vorhanden waren (er war dabei, einen Stich auf einer Pobacke zu behandeln). Es waren nur Punkte, und sie hatten gar nicht gejuckt. Am nächsten Tag doch. Alle Punkte sind wie Mückenstiche geschwollen. Mücken stechen aber nicht so häufig auf einmal in einer so kleinen Hautgegend. Einige Stiche überlappen sich sogar. Zum Glück hatten wir Fenistil und den Stichbrenner dabei. Die Stiche mussten zweimal am Tag behandelt werden, aber zwischendurch hatte ich Ruhe. Und ehrlich gesagt, verglichen mit den Ereignissen vom Wochenende, erschien es mir lächerlich, mich zu sehr über „ein paar“ Stiche zu beschweren.

Ich lächelte und war also froh, und es kam tatsächlich schlimmer. Wir sind am Montagabend vom Strand zurück gekommen. Wir wollten noch kurz duschen und mit unserer Freundin für den letzten Abend essen gehen. Dazu ist es nicht gekommen.

Es gibt im Garten eine kleine Treppe. Die Stufen bestehen aus breiten unebenen Steinen, sowie der Weg davor. Ich ging als letzte die Treppe hoch, und ich bin auf der zweiten Stufe gerutscht und rückwärts auf dem Weg gefallen. Es gab nichts, wo ich mich hätte festhalten können. Ich konnte nur warten, bis ich am Boden geprallt bin. Es kam mir sehr lang vor, wie beim Fahrradunfall. Dabei konnten mich mein Mann und unsere Freundin nur entsetzt schauen, weil es so schnell ging, dass sie nichts machen konnten. Mein linker Fuß hat sich beim Fall völlig verdreht, und ich habe einen Riss am Radiusköpfchen vom linken Unterarm bekommen.

Ein großes Glück war, dass ich meine Tasche und den Stoffbeutel mit den Handtüchern vom Strand in der linken Hand trug. Beim Fallen sind beide hinter meinen Rücken gekommen und haben den Fall am Gesäß und am Rücken völlig gedämpft. Gleichzeitig kann es sein, dass sie die Verletzung am Arm verursacht haben, da ich mich sonst nicht daran erinnern kann, mich mit der Hand am Boden gefangen zu haben. Ein zweites großes Glück war, dass ich mein Haargummi am Tag davor verloren hatte. Ich hätte mir sonst einen Pferdeschwanz gemacht. Stattdessen hatte ich meine lange Haare zu einem lockeren Knoten gebunden und diesen mit einer flachen Spange oben am Kopf festgehalten. Das war gut, weil mein Kopf zweimal am Boden geknallt ist und vom Knoten geschützt wurde. Mein Schädel ist noch heil. Es fühlt sich alles normal an. Kein Schwindelgefühl. Mit einem Pferdeschwanz hätte es wesentlich schlimmer ausgehen können.

Wir haben den Abend in der Notaufnahme von einem Krankenhaus in der nächsten Stadt verbracht. Der Riss im Radiusköpchen ist röntgenographisch nachgewiesen worden. Der Knöchel ist nicht gebrochen und braucht nur ein paar Tage Ruhe. Der Fuß ist ganz dick geworden und hat sich dunkel gefärbt. Ich habe Gips um die Außenseite vom Arm bekommen, weil es so schmerzhaft war, wenn der Arm gedreht wurde. Ich kann ihn gar nicht mehr strecken. Der Unterarm ist nicht vollständig mit Gips gehüllt, und es ist gut, weil ich sonst gestern nicht zurück nach Deutschland hätte fliegen dürfen. Irgendwas mit Druck und Schwellung vom Arm. Es ist so trotz Halterung um den Nacken recht schwer zu tragen. Mit der ungewohnten Haltung tut mein Rücken weh. Der Oberarm auch. Oh, und der Ellbogen natürlich. Dagegen habe ich Ibuprofen bekommen. Ich frage mich manchmal, ob der Gips nicht mehr Schmerze verursacht als er verhindert. Ich habe heute meinen Arzt besucht und er hat mich bis zum Ende nächster Woche krank geschrieben. Am Montag soll mein Arm befreit werden, um eine neue Röntgenaufnahme zu machen. Ich freue mich so drauf.

Eigentlich hatte ich vor gehabt, gestern nachmittags meinen Arzt zu besuchen. Wir hätten um drei in Tegel landen sollen und seine Praxis geht nachmittags um vier auf. Warum es nicht geklappt hat, ist eine sehr blöde Geschichte. Wir hatten unsere Flüge über Lufthansa gebucht. Hinflug über München, Rückflug direkt mit der Tochtergesellschaft Germanwings (obwohl sie seit einem guten halben Jahr Eurowings heißt). Als wir gestern zum Flughafen in Barcelona ankamen, hieß es, wir wären nicht auf der Passagierliste. Lange Anrufe bei der Lufthansa, die noch häufig einfach mitten drin abgebrochen wurden, haben uns am Ende gelehrt, dass Germanwings die Bezahlung von Lufthansa aus welchem Grund auch immer nicht akzeptiert hatte, uns das Geld zurück überwiesen und die Reservierung storniert hatte. Ohne uns in Kenntnis gesetzt zu haben. Der Flug war inzwischen voll gebucht und es täte der Frau am Schalter von Germanwings sehr Leid, aber wir müssten neue Karten kaufen. Der Ehemann hat es beim rumtelefonieren geschafft, dass die Lufthansa uns als Entschädigung kostenlos auf eine Strecke über München bucht. Spät abends. Wir wären kurz vor Mitternacht angekommen, weil es vorher nicht ginge, alle Flüge wären ausgebucht. Die versprochene Bestätigungsemail für die Umbuchung ist nie angekommen. Irgendwann hat er am Schalter von Lufthansa gefragt, ob wir uns trotzdem einchecken könnten. Kein Problem, meinte die Frau, wir wären in der Passagierliste, aber wollen wir nicht früher fliegen? Klar, meinte er. Es ging doch problemlos.

Zwischendurch gab es mehr Ärger mit meinem Arm. Zum Beispiel, weil ich nach der Sicherheitskontrolle in Barcelona gedacht hatte, es wäre besser, mit dem Aufzug statt mit der Rolltreppe runter zu gehen. Leider ist die automatische Tür vom Aufzug viel zu schnell wieder zu gegangen. Ich war noch am reingehen, als sie mit Schwung gegen meinen eingegipsten Arm geknallt hat. Ich dachte naiv, es gäbe doch optische Sensoren im unteren Bereich der Tür, die so was verhindern würden. Habe ich heulen müssen.

Im Flug nach München saß ich direkt vor dem Notausgang. Hinter mir waren die Sitzplätze mit mehr Beinfreiheit. Trotzdem musste die junge Frau hinter mir, die so groß gar nicht war, die Beine so weit strecken, dass ihr Fuß auf meiner Armlehne den Ellbogen berührt hat. Abgesehen davon, dass es völlig unverschämt ist, sich mit seinen Sitznachbarn derart zu verhalten, ging es mit meinem Arm überhaupt nicht. Da sie auf meine Bitte, ihren Fuß weg zu nehmen, gar nicht reagiert hat, habe ich ihn mit der anderen Hand weg geschubst. Sie ist dann völlig hysterisch geworden, weil ich sie beim Schlafen „geschlagen hätte“, und hat gegen meinen Sessel getrommelt. Der Ehemann hat sich schnell eingemischt und sie fertig gemacht, da er sich besser umdrehen konnte als ich, bis die Zicke wutschäumend zu einem anderen Sitzplatz gewechselt ist. Tête à claques.

Um acht Uhr abends waren wir in Berlin. Zu spät für meinen Arzt.

Beim Kaiser’s

Nach der Arbeit bin ich auf dem Weg nach Hause zum Kaiser’s gegangen.

Allgemein mag ich diese Supermarktkette nicht besonders. Ich finde selten alles, was zu meiner Grundernährung als Südfranzösin gehört: Auberginen und Zucchini sind kaum vorhanden, selbst im Sommer, und Kichererbsen habe ich dort nie gesehen. Zu exotisch für die Betreiber? Mangos und asiatische Produkte bieten sie doch ständig an. Wahrscheinlich liegen sie geographisch schon so weiter weg von dem Südeuropäischen Raum, dass Kaiser’s keine Gefahr sieht, unerwünschte Bewohnergruppen anzuziehen… Nur mein Verdacht, aber ich finde es schon seltsam, dass bestimmte Lebensmittel grundsätzlich nicht angeboten werden, weder in Berlin noch in Aachen. Außerdem dürfte Kaiser’s der teureste Anbieter von Katzenfutter und Leckerlies sein. Andererseits sind sie jetzt direkt vor der Haustür an der Haltestelle. Beim Aussteigen ist es bequemer, bei ihnen einzukaufen, statt zehn Minuten bis zum Edeka zu gehen, nur um Brot und Schinken zu holen. Und bis vor kurzem hatten sie eine tolle Marke von frischen Suppen verkauft, die völlig frei von Konservierungsmitteln und Geschmacksverstärkern war. Anscheinend ein Flop, ich habe wahrscheinlich den größten Teil vom Angebot selber gekauft. Die letzten Packungen waren im Preis bis 60% heruntergesetzt, und danach gab’s die Suppe nicht mehr. Ich muss wieder zum Kaufhof für gute schnelle Suppen, und das bedeutet jedesmal Dreiviertelstunde Busfahrt.

Heute war ich also beim Kaiser’s. Nach dem langen Tag Arbeit habe ich leicht geistesabwesend an der Kasse gestanden. Zwei Personen waren vor mir. Als der (trotz Bemühungen von Kaiser’s) offensichtlich Südeuropäer noch am bezahlen war, interpellierte die Frau vor mir (eine kurzhaarige Blonde, um die 50) den jungen Angestellte, der zufällig hinter der Kasse vorbei ging. In einem aggressiven Ton fragte sie ihn, ob er ihr die Freundlichkeit erweisen könnte, einen von mir akustisch nicht verstandenen Gegenstand am oder vor dem Eingang zu entfernen, der seit drei Tagen da läge und gefährlich wäre, weil man drauf treten könnte. Ich fand es seltsam, da ich täglich vorbei gehe und nichts gemerkt habe. Die Gegend ist sehr sauber, Haufen gab es keine. Der Kunde an der Kasse hat etwas gesagt, ich weiß nicht was. Die Frau hat ihn daraufhin angebellt, sich noch bei der Kassiererin beschwert, und sich in meine Richtung umgedreht. Vielleicht hatte sie sich Unterstützung erhofft. Bei ihrem unhöfflichen Verhalten konnte sie aber keine Sympathie von mir erwarten. Es war wieder diese typische deutsche Zickenart, die ich so abscheulich finde. Nein, ich meine nicht, dass alle Deutsche zickenartig sind. Diese Verhaltensweise habe nur ich erst hier überhaupt beobachtet, und leider nicht so selten wie Auberginen bei Kaiser’s. Sie hat sich mich also angeschaut, gemerkt, dass ich mit meinen dunklen lockigen Haaren nicht wie eine Deutsche aussehe, und mir sofort ohne Wort den Rücken wieder zugekehrt. Endlich hat sie ihre Packung Zigaretten bezaht und den Laden verlassen. Beim rausgehen habe ich mich extra umgeschaut und wirklich nicht gesehen, was so viele Aufregung verursachen konnte. Vielleicht war’s einfach Zickentag.

Eine neue Zickengeschichte

Gestern Abend, um die 21:00, in der S42, kurz vor Südkreuz gesehen.

Die Bahn ist voll. Zwischen zwei Türen, nicht weit von mir, stehen zwei Frauen, eine ältere und eine jüngere, um die zwanzig oder weniger. Mit ihnen reist ein Mädchen, bestimmt unter zehn Jahre alt, und ein kleiner Hund mit schwarzer Rückenjacke an der Leine. Sie fallen mir plötzlich auf, weil die junge Frau, mager mit langen schwarzen Haaren und Piercing, in einem geekelten Ton laut von sich gibt, dass sie hier nicht mehr bleiben könnte und bei der nächsten Station aussteigen müsste. Aus meinem Sitzplatz schaue ich in ihre Richtung. Die Leute um sie herum starren den Boden an und gehen ohne Wort einige Schritte zurück. Dort, vom Hund aus, verläuft eine gelbe Flüssigkeit, mit Gras gemischt. Offensichtlich hat sich der Hund gerade übergeben. Der Zug bremst, wir sind fast am Südkreuz. Die Frauen ziehen an der Leine vom Hund und gehen mit dem Mädchen zur Tür.

Auf der anderen Seite der Tür steht ein Paar. Er ist kahl und hellhäutig, vielleicht Mitte vierzig, sie ist braun mit lockigen Haaren, bildhübsch, und hält eine Rolle Papier in der Hand. Der Mann sagt den Frauen in einem höflichen Ton, sie können doch nicht einfach aussteigen und das Erbrechen da liegen lassen. Die Frauen wirken irgendwie beleidigt, dass jemand es gewagt hat, sie anzusprechen und ihnen Vorwürfe zu machen. „Was sollen wir denn machen?“ fragt die ältere Frau. Er sagt, sie könnten wenigstens mit einem Taschentuch die Flüssigkeit entfernen, die sich immer noch im ganzen Gang im Bremssrichtung verbreitet. Die junge Frau kichert. Die ältere Frau zuckt arrogant mit den Achseln, sagt, sie haben kein Taschentuch, und beide Frauen steigen mit geradem Rücken mit dem Hund aus, ohne um sich herum zu schauen. Das Mädchen schaut besorgt zurück, wird aber mitgeschleppt. Am Bahnsteig angekommen, fragt die alte Frau, ob sie denn das Erbrechen vom Hund hätte lecken sollen. Eine tolle Idee, denke ich, das würde ich gerne sehen, dafür, dass sie nicht mal auf die Idee gekommen ist, sich bei den anderen Gästen überhaupt zu entschuldigen (wäre es nicht das Minimum?).

Die Tür geht wieder zu, wir fahren gleich weiter. Erst jetzt wagt es die junge Frau, dem im Zug gebliebenen Paar anzuschimpfen. Sie ruft „Fickt euch!“ nach ihnen, indem sie den mittleren Finger hoch hebt (und bringt damit wunderbar ihr Niveau zum Ausdruck). „Assis“, denke ich. Ich weiß nicht, ob das Paar die Rufe der Frau gehört haben. Durch die geschlossene Tür habe ich es kaum wahrgenommen, so leise es war, wenngleich die Schimpfworte deutlich waren (ich habe ja feine Ohren). Andere Leute am Bahnsteig haben sie schon komisch geschaut. Der Mann, der einzige, der die Frauen angesprochen hat (alle andere Gäste haben sich vom Anfang an verhalten, als ob plötzlich in die andere Richtung etwas super spannendes statt finden würde), hat auf jeden Fall nichts gemerkt, er stand die ganze Zeit mit dem Rücken zur Tür. Die Frau, die mit ihm reiste, hat gelacht und dem Mann gesagt, „das ist dein Volk“. Das alles sagt schon, was für ein Eindruck Ausländer von Deutschen bekommen.

Eigentlich hätte man die Frauen wegen Beleidigung anzeigen lassen sollen. Ich hatte Zeit, ich hätte mich sogar als Zeugin bereit gestellt. Vom Verhalten und Aussehen der Frauen her glaube ich kaum, dass sie viel verdienen. Es würde ihnen nicht schaden, als Erziehungsmaßnahme Strafgeld für ihr Benehmen zu bezahlen. Schließlich hat mein Vater selber schon auf dieser Weise von einem verbalen Angreifer Geld bekommen. Leider fuhr der Zug schon weg, und wenn die Betroffenen von der Beleidigung nichts merken, kann ich auch nichts für sie machen.

Mit Kindern fliegen

Für einige eine Herausforderung, wie ich schon mal erfahren durfte.

Gestern sind wir aus unserem verlängerten Wochenende bei meinen Eltern zurück gekommen. Martin wollte meine Familie kennen lernen, und zum Glück hat sich mein Vater einigermaßen normal verhalten, was bei ihm nicht unbedingt zu erwarten ist. Es gab nicht zu viel von seiner üblichen vulgären Sprache zu merken (es hat auch geholfen, dass Martin nicht perfekt Französisch beherrscht), und von seinem letzten Zwischenfall ist er doch nicht so begeistert gewesen, wie ich vermutet hatte, im Gegenteil. So lange sind wir nicht bei ihm geblieben, da wir bei meiner Mutter auch zu Besuch waren. Aber ich weiche vom Thema ab.

Der Rückflug ging nicht direkt nach Berlin, und wir mussten in Frankfurt umsteigen. Wir sind mit Lufthansa geflogen, da wir uns so spät um die Reiseplanung gekümmert haben, dass es keinen großen Preisunterschied mehr mit anderen Fluggesellschaften gab. Wir waren in der letzten Reihe. Vor uns saßen eine ältere Frau am Gang und ein Mann. Der Sitzplatz am Fenster war unbesetzt. Kurz vor dem Start ist eine Stewardess zum Mann gekommen und hat ihm mitgeteilt, er sollte einen anderen Sitzplatz benutzen, als den, den er schon gebucht hatte. Die Begründung: Nur so könnte eine Frau mit ihrer noch sehr jungen Tochter zusammen sitzen. Hatte die Frau es verpennt, sich um die Sitzplatzreservierung rechtzeitig zu kümmern? Mit Martin hatten wir es erst am Tag davor gemacht, und es waren noch einige freie Paare von Sitzplätzen vorhanden. Gut, es kann sein, dass sie im letzten Moment den Flug buchen musste.

Wofür ich weniger Verständnis habe, ist, wie sie sich dabei verhalten hat. Dass der Mann aus seinem Sitzplatz weg musste, schien ihr völlig normal zu sein, sie hat sich nicht mal für die Störung entschuldigt oder dafür bedankt, dass er den Platz für sie frei gemacht hat. Da sie ursprünglich vorne saß, und alle anderen Gästen schon auf ihren Sesseln waren, hat sie ihr Gepäck mitgenommen, um dann festzustellen, dass es keine Möglichkeit mehr gab, es in ihrer Nähe aufzuräumen. Den kleinen Koffer hat sie einfach mitten im Gang gelassen und sich nicht mehr darum gekümmert. Als ein Mitarbeiter vorbei kam und dies merkte, nahm er den Koffer mit, um ihn weiter vorne zu packen, und sagte der Frau, im Gang könnte er nicht bleiben, da die Gehwege frei bleiben sollten. Wie reagierte die Frau? Sie hat sich über den Mann aufgeregt, und dabei versucht, ihre Sitznachbarin in ihrer Lästerei über die Lufthansa einzuwickeln (was erfolglos blieb).

Genau wie die Frau, die die Windel ihres Kindes mitten im Flugzeug gewechselt hat, hätte sie eigentlich die Mitarbeiter im Flugzeug um Hilfe fragen können. Ob sie auf das zweite Kind während des Umziehens des Anderes in den dafür aufgerüsteten Toiletten aufpassen oder den Koffer woanders packen könnten, bestimmt wäre es ohne Problem und ohne Ärger gewesen. Wollen sie sich dadurch als „starke Frauen“ angeben? Der Eindruck, den ich dabei habe, ist vor allem, dass Erziehung und gute Manieren an ihnen vorbei gegangen sind.

Erkältet

Seit Freitag. Schuld daran ist die Radtour am Donnerstagabend. Wir waren nach der Arbeit bis zur Wohnung von Martin gefahren. 23km. Kurz vor dem Ziel haben wir uns auf der Terrasse einer noch geöffneten Kneipe am Zoo hingesessen und ein Bier getrunken. Keine gute Idee. Es war am Tag sonnig gewesen, aber es wurde schon dunkel und sehr frisch. Ich war verschwitzt und meine Kleidung war für die Pause nicht geeignet. Beim Weiterfahren habe ich am Anfang große Schwierigkeiten gehabt, die Kontrolle über meine Bahn zu bekommen. Beim nächsten Mal nehme ich ein Alkoholfreies. Am nächsten Tag habe ich mich fiebrig gefühlt. Der Hals hat gekratzt. Jetzt bin ich am Husten und völlig verschnupft.

Es hilft nicht, dass ich Nachbarn habe, die nicht in der Lage sind, die Treppe leise runter zu gehen. Dank ihnen bin ich um 05:30 und 06:30 aufgewacht. Das nach einem sehr langen Tag.

Ich war gestern bei einem Meeting, das bekanntlich immer länger als geplant dauert, und war erst nach 23:30 zu Hause. Zum Glück muss ich keinen Vortrag beim Meeting halten. Obwohl, es wäre vielleicht besser gewesen. 20mn reden, das war’s. Mit meinem Poster muss ich zwei Mal 90mn stehen und mit Leuten reden. In meiner Posterecke sind zwei Kolleginen aus einer anderen Arbeitsgruppe. Die zwei sind unzertrennlich, ich habe bei Meetings die Eine noch nie ohne die Andere gesehen. Mit bestem Willen kann ich die Beiden nicht leiden. Sie verhalten sich ständig hochnäsig und scheinen kein besseres Gesprächsthema zu haben, als sich über das Äußere von anderen Teilnehmern lustig zu machen. Ein Grund, warum ich ungerne mit anderen Frauen arbeite. Heute Abend muss ich wieder hin. Ich habe zum Glück genug Besucher, um ihr Gelaber nicht ertragen zu müssen.

Im Zug nach Frankfurt

Ich war heute nur vormittags bei der Arbeit. Mein IT-Kollege hat seit gestern Urlaub. Dafür haben wir seit Montag eine neue Mitarbeiterin im Büro. Ganz frisch aus ihrer Doktorarbeit. Ich bin immer noch nicht daran gewöhnt, mit anderen Frauen zu arbeiten. Wenn ich am Rechner sitze, arbeite ich halt. Konzentriert. Jetzt muss ich ab und zu auch Small Talk leisten. Das stört mich. Und sie fühlt sich jedesmal angesprochen, wenn ich beim Arbeiten mal ein bisschen laut seufze oder vor mir hin fluche (gerade wenn ich vergessen habe, dass sie im Zimmer auch ist, hinter ihrem Bildschirm versteckt). Leises Fluchen ist normal in unserem Zimmer, mein IT-Kollege macht es genau so. Heute Morgen fragte sie mich, was los war. Ich: „Ach, ich habe bloss ein Fehler gemacht.“ Sie meinte antworten zu müssen, „Dann lösche es wieder weg!“ Wie eine Mutter mit ihrem Kind sprechen würde, obwohl sie gut zehn Jahre jünger ist. Ohne eine Ahnung darüber zu haben, was ich gerade machte. Mit Programmierung hat sie gar nichts am Hut (das wird auch klar, mit der Art, wie sie mit ihrem Rechner umgeht). Ich habe sie als blöde Zicke kategorisiert. Und ich muss sie für die nächsten Jahre ertragen.

Zum Glück war ich früh weg. Wir fahren ja mit Martin zu seiner Familie nach Frankfurt. Zu zweit lässt sich die lange Fahrt schon viel besser ertragen. Ich habe das Buch The Ocean at the End of the Lane von Neil Gaiman mitgenommen, ein wunderschönes Buch, wie viele von ihm. Martin hört gerade Musik und schläft halbwegs. Am Tisch auf der anderen Seite vom Gang saß bis vor Kurzem ein Mann um die vierzig. Ich war angenehm überrascht, als er sein Mittagessen auspackte und sich eine frische gelbe Paprika zubereitet hat. Es roch sehr lecker. Mal was Anderes als die stinkende billige Salami.

In knapp zwanzig Minuten sind wir endlich da. Ich bin gespannt. Das einzig blöde ist, dass ich keine Betreuung für meine Katze am Wochenende gefunden habe. Meine beiden vertrauten Nachbarn sind momentan gar nicht da. Die neu eingezogene Familie will ich gar nicht fragen. Sie nerven, wie sie so häufig beim Hausmeister fragen, ob ich ihnen meinen Parkplatz überlassen könnte (es gibt nicht genug Parkplätze für alle und unsere vorherige Nachbarin hatte kein Auto). Nein habe ich schon gesagt. Auch wenn ich es nicht so häufig benutze, finde ich es sehr praktisch. Sie müssen doch gesehen haben, dass er gelegentlich benutzt wird. Egal. Ich frage sie nichts, damit haben sie nichts von mir als Gegenleistung zu erwarten. Ich habe jetzt überall Futter für die Mieze in die Wohnung verteilt. Zwei Schalen Wasser habe ich vorbereitet. Sie wird die zwei Tage ohne mich aushalten müssen. Ich muss unbedingt nach Katzensittern suchen.

Die Weihnachtsfeier

Gestern war sehr entspannt. Da ich es diese Woche wieder geschafft habe, Überstunden zu sammeln (den Abendessen habe ich nicht als Arbeitszeit angerechnet, es war ja eine freiwillige Entscheidung von mir), und die Überstunden vom letzten Monat noch nicht ausgleichen konnte, habe ich mir den Vormittag frei genommen. Ich brauchte Zeit, um Geschenke zum Wichteln in der Arbeitsgruppe zu finden. Zuerst habe ich richtig ausgeschlafen. Es wurde nicht so spät vormittags, weil oberhalb von meiner Wohnung eine Familie mit Kleinkind wohnt; wenn alle aufstehen, ist es immer der Zeitpunkt, an dem ich mich aus dem Bett zwinge. Sonst bekomme ich den Eindruck, meine Zeit zu vergeuden.

Ich bin mit der Tram zum Forum Köpenick gefahren. Ich habe so gefroren auf dem kurzen Weg zur Haltestelle! Starkes Wind, das mir ständig Schnee ins Gesicht geworfen hat und mich aus meiner Trajektorie weg gepustet hat, meine Hose, die sich schnell eisig angefühlt hat, obwohl ich darunter noch eine Strumpfhose trug… Das Einkaufszentrum selbst gefällt mir. Es ist nicht zu weit weg und enthält so viele Geschäfte, ich war mir sicher, dort etwas passendes zu finden. Ich habe beim schlechten Wetter einen anderen Eingang zum Forum als sonst benutzt. Schräg gegenüber von dem Telekom-Shop ist ein Teehaus, in dem ich noch nie war. Ich bin gestern auch zum letzten Mal dort gewesen. So eine unfreundliche Bedienung habe ich selten erlebt. Ich war nicht mal fünf Minuten in dem Laden gewesen, um mir die verschiedenen Teesorten anzuschauen, dass die ältere Tante hinter der Theke mir sagte, ich würde lange da stehen, so viel Zeit hätte man doch nicht. Nachdem sie mich schon als Begrüßung trocken gefragt hatte, was ich denn hier suchte. Ich habe beschlossen, dass meine Kollegen keinen Tee bekommen würden und habe den Laden auf der Stelle verlassen.

Mein Kollege Winfried hatte mir erklärt, das Geschenk sollte nicht teurer als 10€ werden. Ich hatte selber noch nie gewichtelt, das hatten wir in meinem früheren Institut nicht gemacht. Meine ursprüngliche Idee war eigentlich, entweder ein Buch oder Pralinen zu kaufen. Beim Wichteln sollte man aber nicht wissen, wer welche Geschenke gebracht hat, meinte Winfried. Als Buch hätte ich sehr gerne Der Herzausreißer von Boris Vian geschenkt, wegen eines Gespräches mit Martin, in dem er von dem übervorsichtigen Verhalten seiner Mutter mit ihm als Kind gesprochen hatte, und hätte mich dabei natürlich sofort selbst verraten. Ich habe bis jetzt nur von sehr wenigen deutschen Kollegen erfahren, dass sie diesen Schriftsteller kennen. Ich habe mich für die Pralinen entschieden. Die Idee war, ein Geschenk zu kaufen, das ich selber gerne bekommen würde, da wir beim Wichteln um die Geschenke würfeln würden. Was ich super cool gefunden hätte, ist eine gelbe Badeente. Aber ich dachte, es würde für die Kollegen zu billig vorkommen, und sie würden den Sinn wahrscheinlich nicht erkennen. Außer mein IT-Kollege programmiert sonst keiner.

Ein bisschen habe ich gearbeitet, bis kurz vor vier. Die Pralinen habe ich, genau wie die anderen Kollegen bei ihren Geschenken, mit Zeitungspapier verpackt und heimlich in den Jutesack getan. Wir haben Glühwein vorbereitet und eine erste Runde getrunken. Wir haben gewürfelt, um zu entscheiden, wer sich Geschenke in welcher Reihenfolge im Sack aussuchen darf. Als sie ausgepackt wurden und nach der zweiten Glühweinrunde haben wir weiter gewürfelt, um die Geschenke zu tauschen. Es hat mir Spaß gemacht. Ich habe festgestellt, dass meine Pralinen sehr begehrt waren. Es war doch eine gute Idee, ich war mir am Vormittag nicht so sicher gewesen. Winnfried hat sie am Ende behalten dürfen, und den Inhalt der Tüte gleich unter uns geteilt.

Wir haben uns anschließend auf dem Weg zur größeren Weihnachtsfeier vom Forschungszentrum gemacht. Es waren dort viele Leute, die ich nicht kannte. Wir waren die einzige Wissenschaftler, die sich zur Feier angemeldet hatten. Es waren sonst Leute aus der Verwaltung und aus der Werkstatt da. Mein gelegentlicher Flirt aus der Verwaltung war nicht da, obwohl er auf der Liste gestanden hatte. Seine Kollegin erklärte uns, er hätte in letzter Zeit zu viel gearbeitet und ihm ginge es nicht gut. Es hörte sich wie ein Burn-Out an. Hoffentlich nicht. Ich habe drei Männer an dem Abend kennen gelernt. Der erste Mann war so eigenartig, dass er einen ganzen Eintrag für sich bräuchte. Nach fünf Minuten Aufmerksamkeit habe ich mich einer anderen Gruppe angeschlossen. Mit dem zweiten habe ich länger geredet, obwohl ich schnell das Interesse verloren habe. Ich will keinen Mann, der zehn Jahre jünger als ich bin (er hat sein Abiturjahr verraten). Zwei, drei Jahre, ok, aber mehr nicht. Ich glaube, er hat mich für jünger gehalten, wie viele es häufig machen. Außerdem raucht er. Ich hatte früher am Nachmittag Mieke nach draußen zum Rauchen begleitet. Ich wollte einfach in die frische Luft. Vor der Tür waren schon zwei Männer am Rauchen. Er war einer davon gewesen, sagte er (ich hatte ihm kaum Aufmerksamkeit geschenkt und konnte mich nicht mehr daran erinnern). Sein Gespräch hat mich an manchen Stellen gestört. Irgendwie unbedacht, unreif, protzig… Zum Glück ist Martin zu uns am Tisch gekommen und hat mit ihm geredet. Ich habe Martin irgendwann gefragt, mir ein Bier zu holen. Der junge Mann ist ihm zur Theke gefolgt und war frech genug, über Martin wegen Langsamkeit zu lästern, weil er früher als ihn zum Tisch zurück gekommen ist. Ich glaube, er wollte sich einfach besser als Martin darstellen. Kleiner Balg. Nach dem zuvieltem Bier habe ich Martin gefragt, ob er nicht mit mir zurück zur S-Bahn gehen wollte. Der Balg sagte, er würde auch jetzt gehen wollen, und es wäre so toll, dass er in die gleiche Richtung wie ich müsste, wir könnten gemeinsam Bus fahren. Und ist dann ohne Wort in Richtung Toilette verschwunden. Martin hat zu mir geschaut und, ich bilde mir ein, mich ein bisschen irritiert gefragt, ob wir auf ihn warten sollten. Wir sind zu zweit gegangen. Ach ja, der dritte Mann… Irgendwie hat er lange neben mir gesessen und mit Winfried geredet. Ich habe mich ab und zu nach links gedreht und ihn neben mir gesehen. Also, „kennen gelernt“ ist übertrieben. Aber er ist jetzt jemand, den ich im Gebäude wieder erkennen würde.

Ich bin mit Tram nach Hause gefahren. Glaube ich. Ich erinnere mich, dass ich an den Balg gedacht habe und mir sagte, es wäre gut, dass er Bus fahren wollte. Ich hätte kein gutes Gefühl gehabt, mit ihm zu fahren. Zu Hause angekommen, habe ich meine Hose ausgezogen, bevor ich merkte, dass ich die Rollos runter bringen sollte. Bei meiner Rückkehr im Flur habe ich mein Handy aus der Tasche geholt. Ich habe mich weiter ausgezogen und bin ins Bett gefallen. Stimmt, Martin fragt mich am nächsten Morgen häufig, ob ich gut nach Hause angekommen bin… Kleine SMS geschickt. Ich war schon am Einschlafen, als er geantwortet hat. Mist. Ich habe ihm eine „gute Nacht SMS“ geschickt. Ach, das hat er bestimmt nicht so verstanden.

Schlecht gelaunt

Es ist hormonenbedingt. Ich muss mich daran erinnern und mich selber aktiv dagegen aufmuntern, was diese Woche schwierig genug war. Der Monat ist so schnell vorbei gegangen. Und es hat gerade erst angefangen.

Gestern Abend hatte ich nach dem Sport keine Lust, mir etwas zu essen zu vorbereiten. Ich bin zum Pizza-Laden bei mir um die Ecke gegangen. Auf dem Weg hat mich meine Mami angerufen. Ich habe mich gereizt gefühlt, mit dem Fahrrad anhalten zu müssen, um das Handy in meinem Rucksack zu suchen. Ich war zu spät dran und musste zurück rufen. Als ich nach dem Anruf weiter fahren wollte, ist mir aufgefallen, dass die Kette gesprungen war. Ich musste sie im Dunkel wieder in Ordnung bringen und habe mir die Finger versaut. Es war auch kalt. Beim Pizza-Laden angekommen, fragte mich ein junger Mann hinter der Theke als Begrüßung: „Süß oder Sauer?“ Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete. Ich wollte bloß ein Pizza bestellen. Das hat er wiederholt. Ich: „Häh?“ Ich hatte Hunger und war schon von meiner Fahrradkette geärgert. Ein anderer Junge hinter der Theke: „Sie versteht dich nicht.“ Ich fand’s sehr frech von ihm. Dann meinte der Erste: „Es ist Halloween“. Ach so… Da ich schon da war, habe ich ein Pizza bestellt, aber ich habe mich ernsthaft gefragt, ob ich in Zukunft noch dahin will. Es gab kein Trinkgeld. Um nicht blöd zu bleiben, habe ich zu Hause auf Google exakt nach dem Ausdruck gesucht. Auf der ersten Ergebnisseite waren nur zwei Links, die etwas mit Halloween zu tun hatten. Man kann also nicht wirklich behaupten, es wäre allgemein bekannt.

Ich bin heute den ganzen Vormittag zu Hause geblieben. Ich hatte auf Ebay eine Kommode bestellt, weil ich es einfacher finde, als in der Stadt stundenlang Läden zu besuchen, und man weiß nie, wieviel es am Ende noch kostet, um Sachen geliefert zu bekommen. Die Lieferung ging sehr schnell. Leider war ich an dem Tag nicht zu Hause. Am Dienstag um 09:17 habe ich auf meiner privaten Email-Adresse eine Nachricht der DPD bekommen, um mich zu informieren, dass die Lieferung gerade ab einer Stunden später statt finden würde. Die spinnen wohl. Um die Uhrzeit war ich schon lange bei der Arbeit, und dort lese ich meine private Emails nicht. Bei den Nachbarn haben sie offensichtlich nicht geklingelt. Ich durfte gnädigerweise einmalig einen neuen Termin für die Lieferung beantragen. Das habe ich am Dienstagabend für heute gemacht. Und am Mittwoch früh sagte mir mein Chef, er hätte heute einen Termin und könnte die Nutzerbetreuung nicht selber machen, ob ich ihn nicht ersetzen könnte. Zum Glück ist sein Termin gestern geplatzt. Ich habe dafür auf meinem Rechner PuTTY und Xming konfiguriert, um von zu Hause aus arbeiten zu können. Ich habe am Anfang nicht verstanden, was ich machen sollte. Als es endlich klappte, musste ich feststellen, dass es wirklich frustrierend ist, weil es immer ewig dauert, wenn ich mit graphischen Fenstern arbeiten will. Emacs brauchte eine gute Minute um zu starten. Die Interaktion mit meinem selbst entwickelten Programm ging genau so schleppend. Ich habe trotzdem etwas schaffen können.

Heute Abend hat mich Hülya angerufen. Mit einer neuen Telefonnummer, sonst wäre ich nicht dran gegangen. Zugegeben, meine geärgerte Reaktion hat mit meiner Periode nichts zu tun gehabt. Sie hatte sich so lange nicht mehr gemeldet, dass ich dachte, ich wäre frei von ihr und müsste meine Handynummer doch nicht wechseln. Tja. Sie war anscheinend wieder zu meiner alten Wohnung gewesen, da sie mich fragte, wo ich jetzt wohnen würde. Als ich antwortete, dass es ihr nichts angeht, meinte sie, „Ich hab’s verstanden, du willst nichts mehr mit mir zu tun haben“. Es hat aber lange gedauert, dafür, dass ich sie seit Februar vermieden habe. Morgen fahre ich zum O2-Laden. Eigentlich habe ich sofort schauen wollen, ob es möglich wäre, online eine Änderung der Rufnummer zu beantragen. Und habe dabei festgestellt, dass meine alte Adresse noch als Kontaktdaten vorhanden war. Obwohl ich im August schon meine neue Homezone angeben habe. Die sind genau so trottelig wie bei der Deutschen Telekom. Bei den Kontaktdaten in meinem Konto auf O2 gibt es einen Knopf, um die Adresse zu ändern. Es funktioniert gar nicht. Man kann so lange drauf drücken, wie man will, es passiert nichts. Ich habe Pop-ups ausnahmsweise erlaubt. Ghostery hat nichts gesperrt, Adblock Plus auch nicht. Deswegen muss ich morgen früh zum Shop. Wenn die Adresse stimmt. Auf der Homepage von O2 kann man keine Information über Läden finden. Ich habe den Shop in meinem Viertel durch Google maps gefunden.

Und ich bin noch geärgert, weil ich seit Montag so gut wie nichts mit Martin zu tun hatte. Am Mittwoch und gestern ist er ganz früh von der Arbeit weg gegangen. Heute bin ich erst nachmittags im Büro gewesen, und habe ihn nur kurz gesehen: Als ich bei Ronald war, um Post zu liefern, und aus dem Zimmer raus gehen wollte, bin ich fast gegen ihn geprallt, weil er mit hoher Geschwindigkeit ins Zimmer kam. Das war’s. Als ich kurz vor 18:00 mein Büro verlassen habe, war er nicht mehr da. Ich habe keine besondere Gerechtfertigung, ihn anzurufen. Also lasse ich es lieber sein. Er hat anscheinend keine Lust, sich mit mir zu treffen, sonst hätte er etwas unternommen. Ich habe auf dem Weg vom Supermarkt zurück nach Hause ein wenig mit einem jungen Mann geflirtet. Der war viel zu jung. Und irgendwie interessieren mich Männer, die auf der Straße mit Bierflasche in der Hand rumlaufen, überhaupt nicht. Die sehen meistens aus, als ob sie sich dadurch attraktiv machen möchten. Abgesehen davon, dass es nicht gerade für deren Reifegrad spricht, finde ich Alkoholiker gar nicht anziehend.

Tagung in Österreich

Wir sind am Donnerstag gegen mittags nach Salzburg geflogen. Die Alternative mit der Bahn fand ich mit über zehn Stunden Fahrt nicht besonders attraktiv, und ich hatte keine Mühe gehabt, meinen Chef und unsere Studentin davon zu überzeugen, den Flugzeug zu benutzen. Gerne hätte ich Günther, einen ehemaligen Kollegen, besucht, der seit einigen Jahren dort arbeitet, aber die Zeit dafür hatte ich nicht. Mein Chef hatte einen Leihwagen gebucht und wir sind direkt vom Flughafen zum Tagungsort gefahren – ein sehr schönes Hotel in der Nähe eines großen Sees umgeben von Bergen. Es ist definitiv ein Ort, an dem ich für den Urlaub zurück fahren möchte.

Das Programm der Tagung war sehr dicht, mit vielen Teilnehmern aus mehreren Ländern, wir haben in drei Tagen über dreißig Vorträge gehört. Es war für mich nicht einfach, weil ich in dieser Thematik ganz neu bin, ich bin als Programmiererin quer eingestiegen. Meine Biologie-Kenntnisse stammen aus dem Gymnasium, und das liegt schon fast zwanzig Jahre zurück. Außerdem war die Tagung für junge Wissenschaftler gedacht, damit sie Übung im Präsentieren von Ergebnissen bekommen, Credit-Points konnten sie dafür kriegen. Ich habe auch einen Vortrag gehalten, weil mein Chef es so wollte, aber es passte nicht richtig im Konzept der Tagung. Es hat doch Vorteile, dass ich noch sehr jung aussehe.

Abends gab’s von den industriellen Ausstellern freies Bier in der Kneipe vom Hotel. Ich habe am ersten Abend den eingeladenen Lecturer aus Ungarn kennen gelernt, der als einzige geduldeter deutlich älterer Wissenschaftler als Highlight der Tagung eine Vorlesung gehalten hatte, in der ich vieles lernen konnte. Wir haben den ganzen Abend fachlich geredet. Neben uns haben Doktoranden die Kegelbahn benutzt, was mich nicht besonders interessierte. Ein industrieller Aussteller hatte anscheinend schon ganz früh zu viel getrunken, weil er mit nicht richtig zu gemachter Hose überall in der Kneipe nach seiner Tasche suchte, wobei er mindestens fünf mal zu unserem Tisch gekommen ist und uns gefragt hat, wo seine Tasche wäre. Der Wirt hat irgendwann die Geduld verloren und ihn unsanft zum Hotelempfang gebracht. Der Mann hat am nächsten Tag in der Sponsoren-Session die Produkte seiner Firma vorgestellt, aber es war klar, dass sie nicht mehr marktführend in dem Sektor sind. Irgendwie Schade, ich hatte mit den Geräten dieser Firma vor fünfzehn Jahren angefangen zu arbeiten. Als mein Gesprächspartner nach einem Telefonat zurück zum Tisch kam, fragte er mich, ob die Studenten mich zum Kegelspielen eingeladen hätten. Da ich dies beneinte, meinte er mit geekelter Miene, „They don’t care“. Ich wollte ihm gleich „Welcome in Germany“ antworten, als mir einfiel, dass wir in Österreich waren. Außerdem gab’s Interessanteres zu besprechen, als über die nicht philanthropischen Art von Deutschen zu philosophieren. Ich habe mich seit langem daran gewöhnt, aber ich sehe immer wieder, dass es für ahnungslose Ausländer wie ein Schock wirkt. Die Doktoranden kannte ich eigentlich schon vage seit Dienstag, sie hatten einen Vortrag bei unserem Meeting gehalten. Wir sind auch später ins Gespräch gekommen und haben zusammen gespielt, nachdem mein Gesprächspartner sie darum gebettet hat, obwohl Kegeln nicht mein Ding ist. Ich bin nach Mitternacht zu meinem Zimmer gegangen. Schlafen konnte ich lange nicht, weil Leute unter meinem Fenster laut diskutiert haben. Wie ich am nächsten Tag erfahren habe, war unsere Studentin daran schuld, sie hatte sich bis 05:00 mit anderen Studenten unterhalten.

Am zweiten Abend habe ich mich mit einer Österreicherin unterhalten. Es gab nicht viele Anknüpfungspunkte, ich kenne sie nur durch eine ehemalige Mitarbeiterin aus meiner Gruppe, die ausgeschieden ist, bevor mein Vertrag anfing, und mit der ich selber nur einmal gesprochen habe. Ich habe erwähnt, dass ein früherer Kollege von mir jetzt wie sie an der Uni Salzburg arbeitet, mit der Bemerkung, dass sie ihn kaum kennen dürfte, da er Mineraloge ist. Aber als ich den Namen von Günther erwähnte, war sie ganz überrascht, und meinte, sie hätte Vorlesungen von ihm gehört. Klar, ich hatte völlig vergessen, dass er unsere Methode für Biologen unterrichtet hatte. Ich bin relativ früh zu meinem Zimmer gegangen, weil ich am Samstagvormittag meinen Vortrag halten musste. Ich hatte mir Sorgen gemacht, weil die vorgesehene Zeit die Hälfte von meinem Vortrag am Dienstag war, und ich musste heftig meine Folien kürzen. Ich habe es doch gut geschafft, die Zeit einzuhalten. Mittags ging die Tagung zu Ende, wir haben nicht gegessen und wir sind sofort zum Flughafen zurück gefahren.

Im Flugzeug saß in der Reihe vor mir eine dünne Frau um die vierzig mit zwei kleinen Kindern, die extrem nach Käse roch. Die Kinder haben auch gestunken, ich habe vom Anfang an gedacht, dass sie die Windeln voll haben mussten. Es hat mich genug gestört, dass ich trotz verpasstes Mittagessens das verteilte Snack nicht essen wollte. Als die Frau nach einer guten halben Stunden anfing, auf den Sesseln selbst die Windel von dem kleinsten zu wechseln, hat eine Stewardess sie angesprochen und gesagt, dass es in der Toilette einen Wickeltisch gibt und es völlig unhygienisch für die anderen Gäste wäre. Die Frau hat die typische „Leck mich am Arsch“ Haltung adoptiert und meinte, sie hätte erwartet, von der Stewardess mindestens Verständnis zu bekommen, da sie überfordert wäre, mit ihren zwei Kindern alleine zu reisen. Dass die Stewardess eine Frau ist, bedeutet aber lange nicht, dass sie solche rücksichtlose Verhalten von anderen Frauen verteidigen muss. Wir hatten sowieso nicht mehr lange zu fliegen, und die Kinder hatten schon so lange gestunken, das bisschen Warten hätte keinen Unterschied mehr gemacht. Mich wundert, dass sie es nicht früher gemerkt hat, aber ich habe den Eindruck bekommen, dass es ihr wirklich Spaß gemacht hatte, die anderen Reisende auf dieser Weise zu stören.

Ich bin mit meinen Kollegen noch eine Weile S-Bahn gefahren, wir wollten in die gleiche Richtung, wobei ich am weitestens vom Flughafen wohne – uns am nähesten von der Arbeit. Ich habe beschlossen, meinen Laptop im Büro zu lassen, statt damit nach Hause zu fahren und ihn am Montag zu schleppen. Ich konnte danach noch einkaufen gehen, und habe den Rest des Wochenendes zu Hause verbracht. Ich glaube, ich habe mich erkältet. Meine Katze, die von meiner Nachbarin gepflegt wurde, hat sich gefreut, mich wieder zu sehen, und hat mich am Sonntag nicht mehr los gelassen.