Unruhige Nächte

Ich war in einer Art Kathedrale ohne Dach. Der Himmel war grau. Um mich herum waren einige Menschen. Sie trugen Tarnkleidung und waren damit beschäftigt, Waffen für ihre Verteidigung bereit zu stellen. Um uns herum wurde bombardiert. Ich wusste nicht wirklich, warum ich da war, konnte aber nicht raus. Es war zu gefährlich. Als es für längere Zeit still wurde, habe ich es doch gewagt.

Die Straße aus meinem Traum, zwischen den zwei Kurven. Rechts, nicht angezeigt, das DDE-Gebäude, in der großen Kurve. Dahinter der versteckte steile Weg. Links die Mauer mit Treppe zu unserer Straße. Am Ende der Straße links, hinter der Mauer versteckt, der Kreisverkehr.

Ich war im Dorf meiner Kindheit und versuchte, mich zu unserem Familienhaus zu schleichen, ohne von den kämpfenden Russen erwischt zu werden. Anstatt auf der Straße zu bleiben, bin ich an der großen Kurve vor dem Kreisverkehr dem kleinen steilen Weg hoch gefolgt, der hinter dem DDE-Gebäude versteckt ist. Der Weg war viel steiler als in meiner Erinnerung, ich musste richtig mit den Händen klettern. Oben angekommen, wusste ich nicht so recht, wie ich weiter gehen soll. In meiner Kindheit war ich immer eine schmale, steile Treppe an der Steinmauer entlang auf der anderen Seite der Straße hoch nach Hause gelaufen[1]. Dahin zu kommen war jetzt schwierig, der Panzerverkehr war zu stark und die Sicht auf beiden Seiten der Straße zu kurz, um sie zu überqueren. Ich würde die Straße rechts zum Kreisverkehr und zurück nach links die Straße hoch zu meinen Eltern laufen müssen.

Im Haus meiner Eltern waren bewaffnete Russen. Sie erklärten uns, sie hätten mit dem Bombardieren erstmal Pause gemacht, weil es Sonntag war, aber jetzt würden sie weiter machen. „Warum muss das sein?“ habe ich gefragt. Keine Antwort.

Ich bin mit dem Geräusch von Maschinenpistolen in den Ohren aufgewacht. Zwei Uhr morgens. Der Ehemann war neben mir am Schnarchen. Kurz danach hat er im Traum geschrien, aufgeregt geatmet, sich umgedreht und weiter geschlafen. Das Wiedereinschlafen hat bei mir länger gedauert.

Gestern bin ich schon um sechs Uhr morgens in Panik aufgewacht. Jemand war im Haus, davon war ich mir sicher. Ich habe mich nicht getraut, den Ehemann zu wecken, damit die Einbrecher uns nicht hören. Ich habe die Schlafzimmertür beobachtet. Ein gelbes Licht ging kurz an, wie ich durch den Spalt zwischen Tür und Türrahmen sehen konnte. Ich habe weiterhin die Tür beobachtet. Ich sollte meine Schwester benachrichtigen, dass sie nicht aus der Etage runter kommt, ich wusste nur nicht wie. Es wurde langsam heller. Die Schlafzimmertür war eigentlich dicht geschlossen, das Licht muss ich mir ausgeträumt haben. Und meine Schwester war doch gar nicht bei uns.

[1] Wenn ich mir diese Treppe heutzutage anschaue, frage ich mich, wie ich mich früher da hoch wagen konnte. Die Treppe verläuft eng an der Mauer lang, ohne Sicherung auf der Abgrundseite zur Straße. Die Steine sind glatt getreten und die Stufen zu einer steilen Rutsche geworden. Vermutlich ist die Treppe all die Jahre nicht instand gesetzt worden. Auf halber Höhe der Mauer läuft eine schmale, waagerechte Stufe den Rest der Mauer lang, die nirgendwo hin führt. Wir hatten uns mit meinem Bruder häufig da hingegessen und das Spiel von „rate mal welches Motorrad gleich aus dem Kreisverkehr angefahren kommt“. Mein Bruder konnte die einzelnen Modelle aus dem Geräusch vom Motor von weitem erkennen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Wochenende zu Hause

Wir haben endlich das erste schöne Wochenende seit langem. Diese Woche sind die Temperaturen hochsommerlich geworden. Endlich könnte man etwas draußen für längere Zeit unternehmen.

Der Ehemann ist leider nicht da. Er besucht übers Wochenende einen Freund in der Schweiz. Ursprünglich wollte er mit dem Motorrad hin und ich bin froh, dass er sich doch fürs Auto entschieden hat, und zwar unabhängig davon, dass er gestern schon gefahren ist und es Gewitter gegeben hatte. Das wär’s gewesen, zuerst den Bruder und dann den Ehemann zu verlieren.

Dass der Ehemann nicht zu Hause ist hindert mich natürlich nicht daran, selber alleine etwas zu unternehmen. Ich hatte schon geschaut, wie ich mit dem Bus nach Starnberg fahren könnte, um in den See zu schwimmen. Und ich hatte mir heute früh überlegt, was ich alles einkaufen müsste, um zum Beispiel Ratatouille zu machen, die ich im Sommer neben Caponata (die der Ehemann wegen Sellerie nicht mag) immer wieder gerne koche. Beide Gerichte esse ich im Sommer kalt. Ich packe davon kleine Portionen, die im Kühlschrank eine gute Woche halten. Perfekt für die Mittagspausen.

Am besten ganz früh einkaufen gehen, bevor es zu heiß wird. Es ist kurz nach acht schon sehr warm. Alle Fenster waren über Nacht gekippt und es hat keine Abkühlung gebracht, außer, dass man die Jugendlichen draußen bis spät in der Nacht beim Feiern schreien hören konnte. Ich höre lieber Gewitter als das, nachtsüber.

Ich gehe also heute früh aus der Wohnung raus, laufe die Treppe runter, öffne die Haustür… Da flietzt was auf der langen, dunklen Fußmatte von der Tür weg in meine Richtung. Etwas schwarzes, riesiges, ganz klar achtbeiniges und super schnell. Unwillkürlicher Schrei. Ich laufe ein paar Schritte rückwärts, Richtung Nachbartür, das Monster scheint mich ins Visier genommen zu haben. Als es droht, mir zwischen den Beinen zu kommen, mache ich einen großen Sprung drüber nach vorne, greife die Tür, die noch offen ist, und komme raus.

Die Tür klappt zu. Ich stehe da angewurzelt und denke, ich kann jetzt unmöglich einkaufen gehen. Wenn ich zurück komme weiß ich nicht, wo die Spinne ist, und ich traue mich nicht mehr rein. Selbst wenn ich durch die Tiefgarage komme, muss ich da lang laufen.

Symbolbild. Edvard Munch, Der Schrei.
Skizze vom Hauseingang.

Ich sehe durch die Glastür, wie sich die Spinne auf der Fußmatte bewegt. Die Matte ist grauschwarz und teilweise sieht man die Spinne gar nicht. Nach einer kurzen Pause kommt sie links zur Wand und fängt an, diese schräg Richtung Scharniere hoch zu laufen. Ich denke, ich könnte die Tür öffnen, wenn sie raus will, wäre es am besten für uns beide. Als ich die Tür vorsichtig öffne, läuft sie auf einmal zurück die Wand runter und wenige Zentimeter vom Boden lässt sie sich neben dem Türhalter fallen, der am Boden geschraubt ist. Sie muss sich in einem Spinnennetz gefangen haben, weil sie kurz Schwierigkeiten hat, da raus zu kommen, man sieht, wie Beine stecken bleiben. Sie befreit sich, läuft nochmal auf der Matte, jetzt nach rechts. Ich mache die Tür ganz auf und klemme sie in den Halter rein, damit sie raus kommen kann – immer noch von draußen aus, versteht sich. Es sieht zuerst aus, als ob sie stattdessen Richtung Treppe zur Tiefgarage gehen würde, aber als sie den Rand der Stufe prüft, beschließt sie, zum orangenfarbenen Sack zu gehen, der schon seit einer Woche gegen die Glasscheibe neben der Tür liegt. Eine Lieferung für einen Nachbarn, der zur Zeit nicht da ist.

Ich beschließe, jetzt zurück zur Wohnung zu laufen. Ich gehe blitzschnell rein, mache die Tür wieder zu, laufe die Treppe hoch und barrikadiere mich in die Wohnung. Bis der Ehemann am Montag wieder kommt. Ich kann mich fürs Wochenende von unserem Lieblingsitaliener liefern lassen.

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Migräne-Träume

Mich hat heute nachmittags eine üble Migräne erwischt. Ich habe alle Rolladen runter gebracht, mich nach einem frühen Feierabend auf die Couch hingelegt und geschlafen. Ich hatte heute Nacht zu lange an diesem Artikel gesessen. Diese Träume waren die Folge vom Nachmittagsschlaf.

Es fing mit meinem Vater an. Wir waren nachts in einer kleiner, ruhigen Straße in einer unbekannten Stadt unterwegs. Wir liefen die Straße hoch auf dem Bürgersteig. Er sagte mir, er wäre so froh, wieder in Kontakt mit mir zu sein. Er wollte mich umarmen, was mir sehr befremdlich vor kam. So hatte er sich nie mit mir verhalten. Ich sagte ihm, er sollte mich los lassen. Als er das nicht tat, versuchte ich zu schreien, aber kein Laut kam aus meiner Kehle. Ich konnte mich irgendwie befreien, ließ ihn enttäuscht stehen und ergriff die Flucht.

Mein Vater versucht tatsächlich, wieder mit mir in Kontakt zu treten, seitdem mein Bruder verstorben ist. Jahre lang war ihm das Geld zu schade, mich auf dem Handy anzurufen, was mir recht war. Als ich ihm als Doktorandin meine Festnetznummer gegeben hatte, weil ich damals kein Handy hatte, hatte er sogar Sonntags um halb sieben morgens angerufen. Ich hatte mir deswegen angewöhnt, nachtsüber den Stecker auszuziehen. Mein Bruder hatte geklagt, dass mein Vater ihn ständig angerufen hatte, jedes Mal, wenn er sich mit seiner Freundin gestritten hatte. Den Mist will ich jetzt nicht ausbaden. Zurück zum Traum. Ich war vor vielen Jahren mal mit ihm und seiner aktuellen Freundin an der Strandpromenade in Fréjus unterwegs, wo sie zusammen leben, als ich noch dachte, ich hätte eine morale Pflicht, ihn zu besuchen. Hah. Das war ihm sowas von egal. Der war schon ein paar mal mit ihr in den Urlaub verreist, obwohl ich angekündigt hatte, genau dann in die Gegend zu kommen. Jedenfalls. An dem Tag meinte seine Freundin, er sollte Arm in Arm mit mir laufen, das fände sie schön, wir hätten sicherlich viel zu diskutieren. Das fand ich eine bescheuerte Idee, aber weil seine neue Freundin es verlangte, wollte er das auch tun, um sich vor ihr gut darzustellen. Das war richtig befremdlich. Mit mir hat sich mein Vater nie lieb verhalten, ich hatte als Kind eher Ohrfeigen von ihm bekommen, wann immer er drauf war, und er war häufig drauf. Richtige Diskussionen gab es nie. Was ich tue hatte ihn nie interessiert, oder nur, wenn er sich vor seinen Kumpels wichtig tun wollte, weil ich studiert hatte.

Nächster Traum.

Ich war in meiner aktuellen Wohnung. Es war dunkel, alle Rolladen waren runter. Im kleinen Flurbereich zwischen Küche und Treppenhaus zur Etage hatte ich einen Korb mit Austern am Boden gelassen. Eine Auster sprang plötzlich aus dem Korb und lief herum, ohne ihre Schale. Um sie wieder zu fangen, habe ich den Spülbecken in der Küche verstopft und das Wasser laufen lassen. Das Wasser ist gut zwanzig Zentimeter in die Wohnung hoch gekommen. Ich habe die kleine Auster wieder gefunden, mitten in der Küche. Sie hatte auf dem Rücken eine Art Umhang, braun rötlich, womit sie super schnell im Wasser schwimmen konnte. Sie beschloss, mich anzugreifen.

Ich flüchtete ins Treppenhaus. Oben waren meine beiden Geschwister. Ich bat meinen Bruder um Hilfe. Als er zur Küche runter kam, war er entsetzt, dass alles unter Wasser stand. Er fing an, das ganze Wasser zu entfernen. In der Zeit blieb ich oben mit meiner Schwester. Sie war gekommen, weil ich an dem Tag viele Termine hatte, in der Mittagspause zum Arzt musste und um drei eine Telekonferenz mit einem Kunden hatte. Ich konnte unmöglich alles schaffen, und sie hatte sich angeboten, mich mit dem Auto zum Arzt zu bringen.

Als ich wieder in die Küche kam, war das Wasser weg. Mein Bruder wischte den Parkettboden vor dem Badezimmer. Ich habe gedacht, toll, jetzt werde ich die Auster nicht wieder finden. Ich habe überall auf dem Boden gesucht, aber es war zu dunkel. Ich habe die Rolladen hoch gezogen und bin zum Badezimmer gegangen, wo mein Bruder im Bad lag. Ich habe mich für das Bodenwischen bedankt und mich weiter auf die Suche nach der Auster gemacht.

Ich fand sie unter dem Herd. Die Auster war es nicht. Es war Chipie, und sie war richtig sauer. Sie stürzte sich mit ihren Krallen auf mich und wollte meine Beine durchbeißen. Ich versuchte sie zu beruhigen, und da fiel mir auf, dass sie einen riesigen Schnitt in der rechten Schulter hatte. Es war, als ob jemand sie mit einem Messer aufgeschnitten hätte. Es gab klein Blut auf dem Fell, aber die Wunde klaffte und man konnte drin Knochen und Fleisch sehen. Kein Wunder, dass sie sich so wütend verhielt. Meine Schwester kam die Treppe runter. Ich sagte ihr, wir hätten einen medizinischen Notfall, Chipie müsste sofort zum Tierarzt, und es wäre egal, wenn ich nicht zum Arzt gehen würde. Meine Schwester meinte, unsere Mutter müsste zuerst zurück nach Hause kommen, bevor wir weg fahren können. Wann würde sie zurück kommen, fragte ich. Um zwölf. Wir hätten gerade halb zwölf. Eine halbe Stunde erschien mir viel zu lang.

Ich bin aufgewacht, kurz bevor der Ehemann nach Hause gekommen ist. Zwanzig Uhr. Der zweite Traum hat mich richtig gestört, sind doch sowohl mein Bruder als auch meine Katze gestorben. Wenigstens ist die Migräne weg.

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Es ist wie in den Tropen

Tagsüber heiß, abends Gewitter. Das hatten wir schon die ganze letzte Woche, nur am Wochenende ging’s besser. Heute zittert sogar der Boden unten meinen Füßen im Arbeitszimmer, wenn der Donner grollt.

Letztes Jahr habe ich nicht so häufig so heftig in Erinnerung, aber bei einem starken Gewitter hatten sich Fenstersprossen an der Außenseite der Fenster aus dem Arbeitszimmer verabschiedet. Wir hatten es ein bisschen spät der Vermieterin gemeldet und es hat bis gestern gedauert, bis ein Handwerker kam, um sie zu ersetzen. Es musste dafür warm genug sein. Der Handwerker hat auch wackelige Sprossen an den anderen Fenstern getauscht, unter anderen an der Balkontür. Als er fertig wurde, sagte er, sie wären sofort fest geklebt, da würde erstmal nichts mehr passieren, ich könne ohne Angst die Scheiben wischen. Tja. Die Tür zum Balkon hat schon eine Sprosse verloren, alleine dadurch, dass der Ehemann gestern Abend die Tür geöffnet hat.

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Heftig

Bunter Stromkasten, Bahnhof Berlin-Friedenau.

Heute hat meine Mami eine Nachricht von ihrem Stromversorger bekommen: Im Vergleich zum vorherigen Monat ist ihr Verbrauch um einen Drittel gestiegen.

Ich wohne seit einem Monat bei ihr und bin weiterhin im Mobile Office. Ein Dell[1] Laptop (Latitude E5500) und mein Handy müssen täglich aufgeladen werden.

Sie würde es nicht akzeptieren, wenn ich anbiete, die Differenz auszugleichen. Vielleicht kann ich ihr unauffällig im Portemonnaie etwas stecken.

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung.

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Ein Hauch Weihnachten an den Fenstern

Ich habe am Wochenende die Fenster mit flüssiger Kreide dekoriert. Das hatte ich noch nie gemacht.

Weiß und blau, die einzigen Farben, die im Schreibwarenladen zu kaufen waren. Kennt Bayern keine andere Farben?

Und nebenbei habe ich mir Handstulpen gehäkelt, weil, obwohl die Wohnung gemütliche 22 Grad warm ist, wird es auf Dauer richtig schmerzhaft kalt an den Handgelenken, wenn man den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt. Sie sehen ungefähr so aus, außer, dass ich andere Farben benutzt habe, und in durchgehende Kreisen gehäkelt habe, statt Reihen, die ich nur für die Daumenöffnung gemacht habe. So ist die Vorgehensweise viel einfacher, und man braucht am Ende keine Naht. Sie halten ganz schön warm.

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Wasserstandmeldung

Ich bin erschöpft. Kaum zu glauben, dass der letzte Urlaub keine zwei Monate her liegt. Heute mittags habe ich mich im Spiegel angeschaut und einen Schreck bekommen. Solche dunkle Ringe unter den Augen sind mir neu.

Auf Arbeit gibt es immer mehr zu tun. Nicht ganz unerwartet, in meiner Branche, in Pandemie-Zeiten. Meinem Arbeitgeber geht’s richtig gut. Ich bin trotz Home Office platt. Seit dem Anfang des Jahres hat sich meine Überstunden-Situation nicht gebessert, und so lange wir keine Zeiterfassung haben, kriege ich nichts davon:

KW 39 40 41 42 43 44 45
Arbeitszeit 44:07:37 42:34:13 43:40:48 41:19:45 34:37:01 49:31:49 48:33:29
Überstunden 4:07:37 2:34:13 3:40:48 1:19:45 2:37:01 9:31:49 8:33:29

Kein Wunder, dass ich hier in letzter Zeit so wenig schreibe.

Dabei war ich in der 43ten Woche ein Tag krank. An dem Mittwochabend lag ich alleine im Wohnzimmer auf der Couch und las auf dem Handy, während der Ehemann oben im Arbeitszimmer war. Ich habe kurz den Kopf minimal zur Seite geneigt und auf einmal hat sich der ganze Raum gedreht. Ich dachte zuerst, es hört gleich auf, aber nein, im Gegenteil drehte sich der ganze Raum schneller und schneller. Ich könnte meine Umgebung gut scharf sehen, nur ruhig blieb sie nicht. Mit geschlossenen Augen ging es mir noch gut. Kein Schwindelgefühl, keine Übelkeit oder sonst was. Mit geöffneten Augen hatte ich den Eindruck, ich würde gleich von der Couch fallen. Panik. Ehemann gerufen, mehrmals, ich glaube, er hört langsam nicht mehr so gut. Das Handy konnte ich nicht benutzen, um ihn anzurufen, da ich nichts mehr fokussiert schauen konnte. Als er endlich die Treppe runter kam, hörte es auf, und ein Rauschen wurde plötzlich laut in meinem linken Ohr. Das Ohr vom Hörsturz, das sich inzwischen völlig erholt hatte, Corona und Home Office sei dank. Das Rauschen ging nach dem Schwindel schnell zu Ende. Übrig blieb die Angst, was denn gerade los war.

Am nächsten Tag bin ich nach einer schlechten Nacht gleich bei der Eröffnung zu meiner Arztpraxis gerannt. Genauer gesagt, der Ehemann hat mich hin gefahren, da ich Angst hatte, die Strecke alleine zu laufen. Man sollte eigentlich nicht mehr einfach so auftauchen, wegen Corona, mahnte mich die Sekretärin in der noch leeren Praxis, aber bleiben durfte ich doch. Nach der Untersuchung bin ich zum hiesigen HNO-Arzt überwiesen worden, worüber ich mich gefreut habe, da ich mit der Notlösung in der Nachbarstadt nicht richtig zufrieden war. Am Nachmittag wurde ich gleich untersucht. Mir wurde warme und kalte Luft in die Ohren geblasen, und anschließend die Augenbewegung gemessen. Beim ersten Versuch rechts habe ich mich ganz schwindelig gefühlt, bei den Anderen habe ich gar nichts gespürt. Ich dachte schon, ich hätte ein größeres Problem. Das Ergebnis: Nichts. Der Arzt konnte keine Ursache für den Schwindel feststellen. Seine Vermutung: Kleine Kristalle hätten sich gelöst und auf die Härchen im Innenohr gerieselt. Es scheint häufig zu passieren[1]. Dass ich beim ersten Versuch so stark reagiert habe, wäre ein Zeichen für Hypersensibilität, aber eigentlich hätte ich bei allen Messungen eine Reaktion gezeigt. Ich habe nichts davon gemerkt.

Am letzten Wochenende sind wir gewandert. Der Schwindel war schon Geschichte, aber an dem Tag ging es mir nicht gut. Unsere neuen Nachbarn in der kleinen Wohnung neben uns, die ich seit ihrem Einzug in März noch nie gesehen und kaum gehört habe, meinten wohl, am Freitagabend die Wohnung gründlich zu säubern. Bis zwei Uhr morgens haben sie völlig rücksichtslos Möbel verrückt und staubgesaugt. Der Ehemann schlief seelenruhig neben mir, als ich beschlossen habe, im Gästezimmer oben zu schlafen. Kurz danach haben die Nachbarn ihre Wohnung verlassen, und als ich die Jalousie am Fenster oben herunter gezogen habe, habe ich sie ins Auto einsteigen und verschwinden gesehen. Danke. Nicht. Ich habe in der Nacht kaum schlafen können, und das Wandern am nächsten Tag war hart, obwohl die Strecke diesmal richtig schön war. Ob die Nachbarn wieder ausziehen? Seitdem wir hier wohnen, sind sie schon der dritte Haushalt drin. Nein. Am nächsten Abend war Party. So kurz vor dem neuen Lockdown. Na toll, habe ich gedacht, es fehlt nur noch, dass die sich anstecken, und der Ehemann in Quarantäne muss, weil die Corona-Warn-App meint, wir wären mit den Nachbarn zusammen gewesen. Unser Schlafzimmer ist recht nah an die andere Wohnung. Jedenfalls konnte ich die zweite Nacht in Folge nicht gut schlafen, und am nächsten Tag hatte ich richtig schlimme Migräne. Diese Woche habe ich zu viel gearbeitet, und heute Nacht wurde es wieder laut in der Wohnung nebenan. Nicht so laut dass man sich beschweren könnte, aber laut genug, um mich am Einschlafen zu hindern. Bis um halb zwei die Wohnung verlassen wurde. Verdammt. Ich hoffe, es wiederholt sich nicht jedes Wochenende.

Der Ehemann war am Wochenende wieder in Berlin. Der Schwiegervater ist seit März im Pflegeheim und wird zunehmend dement – mein Eindruck. Wir wissen, dass er nicht mehr in der Lage ist, sich lange zu unterhalten, und nach keiner Stunde wieder anfängt, dasselbe zu erzählen, weil er vergessen hat, was er gesagt hat (abgesehen davon, dass er seit seinem Schlaganfall nur noch schwer reden kann). Jetzt vergisst er Verabredungen mit dem Ehemann, wie gestern. Er meint, seine Wohnung leeren zu müssen. Der Ehemann hilft ihm schon seit Monaten dabei und fährt zweimal im Monat hin, letztens mit dem Auto. Gestern war er mit seinem Vater im Heim verabredet, um zusammen zur Wohnung zu fahren. Das hat er ihm mehrmals am Telefon gesagt, und was war gestern? Der Schwiegervater ist alleine zur Wohnung gegangen und hat angefangen, selber schwere Gegenstände herum zu schleppen. Dafür ist er wirklich nicht mehr fit genug.

Der Ehemann ist heute am späten Nachmittag zurück gekommen. Es hat uns Crémant de Bourgogne zum Anstoßen mitgebracht. Mit meiner Müdigkeit war mir ein Glas schon zu viel.

[1] Unbezahlte Werbung, da Verlinkung.

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Mobile Office

Seit nun quasi vier Monaten arbeite ich von zu Hause aus. Ich liebe es. Von mir aus könnte es so bleiben.

Dadurch spare ich mir täglich zwei Stunden ÖPNV. Ich schlafe morgens länger. Ich dachte immer, ich wäre eine Frühaufsteherin, aber wenn der Stress vom ÖPNV fahren müssen weg fällt, mit Umsteigen und bloss nicht zu spät auf Arbeit ankommen, kann ich doch bis fast acht Uhr morgens schlafen.

Ich bewege mich dadurch auch weniger, und die Pfunde haben nicht gewartet, um meine Hüften wieder zu beschmücken[1]. Denen habe ich den Kampf angesagt. Ins Wohnzimmer ist im Mai ein Ergometer eingezogen, mit einer Sportmatte und kleinen Hanteln. Radeln vor dem Best Of von Tour de France, Giro d’Italia usw. im Fernseher nach der Arbeit macht Spaß. Ich muss nicht mehr vierzig Minuten zum Fitnessstudio, vierzig Minuten nach Hause zusätzlich mit ÖPNV fahren. Sowieso habe ich schon länger keine Lust mehr, zum Fitnessstudio zu gehen. Fitness First[2] fand ich in Zehlendorf Spitze. Hier in Laim wirkt es so heruntergekommen. Geräte bleiben Monate lang außer Betrieb, bevor sie repariert werden, sie stehen ungemütlich zu nah zu einander, die viel zu laute Musik schallt durch die geschlossenen Türe der Kursräume und bringt mein Oberkörper auf den nahestehenden Geräten zu vibrieren, was sich sehr unangenehm anfühlt, aus den Duschen kommt häufig nur eisiges Wasser raus… Ich kündige. Schade. Wäre ich in Berlin geblieben, wäre ich bestimmt immer noch begeisterte Mitgliederin.

Das Beste ist, ich kann endlich in Ruhe arbeiten. Keine Ute, die uns die Ohren mit ihren blöden Bemerkungen und Verschwörungstheorien voll labbert, kein Fergus, der ins Büro platzt und super laut redet… Nur Ruhe und Vogelgezwitscher aus dem Garten unten. Wobei, vor dem Urlaub hat mich eine Elster richtig erschreckt, als sie mit ihrem Schnabel gegen mein Fenster geklopft hat. So ein Geräusch erwartet man aus einem Dachgeschosszimmer nicht.

Was mich super nervt, ist unsere Internetverbindung. Es passiert ziemlich häufig, dass sie einfach so versagt. Manchmal zwei, dreimal am Tag. Da die Foren von Vodafone[2] voll von Beiträgen von geärgerten Kunden mit ähnlichen Problemen sind, die Techniker geschickt bekommen haben, die sie teilweise nicht mal zu Gesicht bekommen haben, aber dafür satte 90 Euros zahlen mussten, ohne dass eine Verbesserung eingetreten ist, habe ich es mit Beschwerden sein lassen. Mitten in einer Telekonferenz ist es mir schon dreimal passiert, dass die Verbindung weg bricht, und es war bis jetzt nur „Glück“, dass ich jedes Mal nur als Zuhörerin unter Kollegen anwesend war und keiner es gemerkt haben dürfte. Mit einem Kunden wäre es super doof. Woran es liegt ist nicht mir klar. Meistens reicht es, den Router im Wohnzimmer unten neu zu starten, und nach fünf Minuten kann man weiter arbeiten. Heute nicht. Ich habe den Router zweimal neu gestartet, vergeblich. Die Störungsseite von Vodafone hat mir erzählt, es gäbe einen Totalausfall in meinem Anschlussgebiet. Das Handy konnte ich als Hotspot benutzen, es hat mir trotzdem eine Dreiviertelstunde Arbeitszeit gekostet. Die ich also nachholen muss, weil ich echt was anderes zu tun habe, als mit der Internetverbindung zu kämpfen. Anderthalb Stunden später war dann Internet wieder da.

[1] Das liegt auch daran, dass wir uns vorgenommen haben, bei den Restaurants in der Umgebung essen zu bestellen, da sie wegen der Ausgangssperre sonst geschlossen waren. So als Unterstützung der lokalen Betrieben. Wir haben häufiger bestellt, als wir sonst ohne Pandemie ins Restaurant gegangen wären.

[2] Normalerweise würde ich hier schreiben, „Unbezahlte Werbung, da Namensnennung“. Das hier kann man aber kaum als Werbung ansehen.


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Heute nicht gejoggt

Es war windig und dadurch kälter geworden. Stattdessen bin ich eine halbe Stunde lang die Treppe hoch und runter gelaufen. Die Wohnung ist ja auf zwei Etagen verteilt. Seit dem Anfang der Ausgangssperre und Heimarbeitszeit (Mobile Office, genauer gesagt), bin ich doppelt so froh, damals so eine tolle Wohnung gefunden zu haben. Drin lässt sich wirklich gut leben.

Gestern hätte ich noch gesagt, Sport kommt heute gar nicht in Frage. Nicht nur des Wetters wegen. Nach der Wanderung am Samstag habe ich einen heftigen Muskelkater bekommen, der dem letzten epischen Muskelkater von vor dreieinhalb Jahren in nichts nachsteht. Schon am Samstagabend war ich nicht mehr in der Lage, mich normal in der Wohnung zu bewegen. Ich konnte nur noch die Füße am Boden gleiten lassen. Im Bett auf dem Rücken zu liegen war zu schmerzhaft, weil ich dabei die Beine strecken musste. Am nächsten Morgen haben sich auch Bauch- und Rückenmuskulatur gemeldet. Gehen war immer noch schwierig und schmerzhaft. Ich glaube, es ist der Oberschenkelbindenspanner, der mir so große Schwierigkeiten gemacht hat. Gestern habe ich ganz dicke Beulen ganz oben an den Schenkeln vorne bekommen, selbst unter dem Rock waren sie zu sehen.

Ich war also sehr erleichtert, als ich heute früh gemerkt habe, dass es mir schon viel besser geht. Trotzdem war es mir zu riskant, draußen zu joggen. Was ist, wenn ich weit weg von zu Hause plötzlich nicht mehr laufen kann?

Das letzte Mal bin ich am Freitag in der Mittagspause gejoggt. Es war eigentlich zu warm, in der prallen Sonne, ein richtiger Sommertag. Trotzdem fand ich den recht dicken Mann unpassend, der im Garten eines Mehrfamilienhaus bei Sankt Gilgen mit nur einem schwarzen String bekleidet ganz nah am Bürgersteig stand, um Pflanzen zu gießen. Auf dem Rückweg bin ich von einem anderen Mann aus seiner Haustür angesprochen worden, der ebenfalls dabei war, seine Pflanzen im Garten zu gießen. Immerhin war er anständig angezogen. Ich habe aus Höflichkeit geantwortet, was ein Fehler war, da er meinte, weiter mit mir plaudern zu müssen. Ich meine, ich mache mir die Mühe, joggen zu gehen, es ist nicht um einfach da rum zu stehen. Er fragt, wo ich her komme, und als ich „aus Frankreich“ antworte, meint er, mich mit seinen Französischkenntnissen beeindrucken zu wollen, indem er mir „Je t’aime“ einfach so ruft. Geht’s noch? Den Typ kenne ich nicht, und ja, nichts gegen Bekanntschaften in der Nachbarschaft, aber auf solche Bekanntschaften verzichte ich lieber. Ob ich bei ihm Kaffee trinken kommen möchte, fragt er dann. Der spinnt total, wenn er glaubt, eine Frau würde freiwillig alleine zu einem fremden Mann in die Wohnung gehen. Und wie war’s nochmal mit Corona und Abstand halten? Ausgangssperre und Frühling, eine furchtbare Kombination.

Ich werde mir jedenfalls beim nächsten Mal eine andere Strecke zum Laufen aussuchen.


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Plötzlicher Umzug

Es war ein sonniger Samstagmorgen. Wir standen im Wohnzimmer unserer aktueller Wohnung. Ich hatte mich schon mal beim Ehemann beschwert, einen so langen Arbeitsweg zu haben, aber ich hatte nicht damit gerechnet, was er mir jetzt sagte zu hören: Er hätte uns eine neue Wohnung mitten in München gefunden, und wir würden heute noch umziehen. Ich konnte es nicht glauben.

Wir sind zur neuen Wohnung gefahren. Das Umzugsunternehmen hatte schon unsere Sachen hierher gebracht, ohne dass ich davon irgendwas mitbekommen hatte. Die Wohnung war kleiner und ich habe mich kurz gefragt, wie denn alle unsere Möbel rein passen konnten. Wohnzimmer und Küche waren ein einziger, heller Raum. Der Boden war mit Parkett belegt. Ich habe mich am Boden vor der Couch hingesessen, direkt neben einem großen Fenster, aus dem man Grünes sehen konnte. Der Boden hat sich unter mir gefährlich gebogen und mir ist erst dann aufgefallen, wie marode das Parkett war. Es war löchrig, und drunter konnte man ältere, verfaulte Holzbalken sehen. Wo ich saß fehlte sogar ein solcher Balken.

Ich bin aufgestanden und zum Ehemann gegangen, der im Flur stand. Ich habe ihn gefragt, wie hoch die Miete hier denn wäre. Er sagte, hundert oder zweihundert Euros mehr als die Wohnung in Gilching, die wir gerade verlassen hatten. Wie, noch teurer, obwohl kleiner und in einem so schlechten Zustand? Ich habe ihn darum gebeten, zurück zur alten Wohnung zu gehen. Hätte man nicht einen bestimmten Zeitraum, um einen unterschriebenen Vertrag mit sofortiger Wirkung zu kündigen? Es wäre noch nicht zu spät, und sicherlich hätte unsere Vermieterin noch keine Nachmieter gefunden, so abrupt wie wir ausgezogen waren. Stimmt, antwortete er, allerdings hätte der Umzug jetzt schon so viel gekostet, wir sollten besser hier bleiben.

„Lass uns mal raus gehen“, schlug der Ehemann vor. Ich wusste noch nicht mal, wo wir waren. Wir sind zu einer Straßenbahn-Haltestelle gelaufen. Unterwegs ist mir aufgefallen, wie hier alles dicht gebaut war. Kein Baum war zu sehen, das Viertel war nur grau und voller Gebäude. Wie sollte ich mich hier jemals wohl fühlen?


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