Schon November

Unser neuer Türkranz

Ich spüre fast den Wind, so schnell die Zeit an mir vorbei läuft. Schon November! Ich hatte so viel zu tun, dass ich mein armes Tagebuch im Stich lassen musste.

Was ich seit der Rückkehr aus dem Urlaub (und eigentlich schon im Urlaub) getrieben habe: Ganz viele Online-Kurse belegt. Im September gab’s plötzlich viele interessante Angebote, das Nerd in mir konnte sich nicht zurückhalten. Dabei habe ich mich bis jetzt nur auf zwei Plattformen für kostenlose Kurse beschränkt: openHPI und France Université Numérique (kurz: FUN). Der erste Kurs, Einführung in die Mathematik der Algorithmik, hatte es ganz schön in sich, und statt nur die versprochenen wöchentlichen 3-6 Stunden dafür zu brauchen, habe ich, trotz Physikstudiums und Doktortitels, gut fünfzehn Stunden jede Woche dran gesessen. Andere Kurse von der FUN Plattform mussten erstmal liegen bleiben, da beim openHPI jede Woche Prüfungen abgegeben werden sollten, und es bei FUN nur eine einzige Abgabefrist für alle Prüfungen nach Ende der Kurse gibt. Python 3.6 (ich habe bis jetzt hauptsächlich mit Python 2.7 programmiert), Statistik mit R (Wiederholung), Ruby, und wissenschaftliche Kurse zur persönlichen Weiterbildung im Zusammenhang mit der Arbeit… Da blieb wenig Zeit für etwas anderes. Langsam geht es besser, einige Kurse sind vorbei, und ich kann meinen Lebenslauf mit neuen Zertifikaten beschmucken.

Endlich kann ich berichten, dass unsere Küche völlig funktional ist. Fast vier Monate nach dem Umzug. Erst musste die Steckdose für den Backofen wieder zugänglich gemacht werden. Dann haben wir festgestellt, dass der Wasseranschluss, der ebenfalls zugemauert wurde, nach dessen Befreiung nicht zu unserer Möbeleinrichtung passte. Entweder die schweren Möbeln umräumen, was bei der Winzigkeit der Küche und der Empfindlichkeit des Parkettbodens sehr schwer wäre, oder unseren teuren Spülmöbel zersägen, um ihn an die Wasseranschlüssen anbringen zu können, meinte der erste Handwerker. Dass das nicht in Frage kam, brauche ich nicht zu erzählen. Ein zweiter Handwerker wurde bestellt, und es wurde doch möglich, die Anschlüsse selber an unseren Möbeln anzupassen. Seitdem müssen wir (hauptsächlich der Ehemann) nicht mehr das Geschirr in die Badewanne spülen, die Spülmaschine ist wieder im Einsatz! Der Wasserhahn leider nicht, er hatte scheinbar im Umzug gelitten und leckte. Einen neuen Hahn haben wir erst vorgestern angebracht. Wenigstens konnte ich seit ein paar Wochen endlich wieder hemmungslos kochen. Heute Abend gab’s den längst vermerkten Kürbis-Hummus. Das Einzige, was in der Küche noch nicht zufriedenstellend läuft: Warmes Wasser. Ich muss fünf Minuten lang den Hahn voll aufgedreht lassen, ohne  zu übertreiben, bevor das Wasser warm wird, wie ich heute Abend feststellen durfte. Das kann kein Dauerzustand werden.

Seit letzter Woche habe ich eine neue Beschäftigung gefunden: Jahresplaner für 2019 selber basteln, als Geschenkidee für die Nichten vom Ehemann. Meine Nichten. Nochmal danke Carrie. Die Notizbücher sind gekauft, ich habe mir ganz viele Videos auf YouTube angeschaut, wie man sowas macht, am Freitag noch mehr Material besorgt, wie Washi Tape, und angefangen, an den Monatsdeckblättern zu arbeiten.

Doch weg von den Farbstiften. Dafür habe ich, wie der Zufall es will, mein ebenfalls lange nicht mehr benutztes Wacom-Bamboo-Tablet wieder in Betrieb genommen. Batterie aufgeladen, und los ging’s. Das Ding hatte ich mir vor sechs Jahren geschenkt, und ich hatte viel Spaß damit, bis ich nach Berlin umgezogen bin. Danach hatte ich keine Zeit mehr. Irgendwie blöd. Ich meine, wie genial ist das denn, mit Strg-Z malen zu können? Ups, die Hand ist verrutscht, Strg-Z. Menno, der letzte Einfall mit der Wasserfarbe hätte nicht sein müssen, Strg-Z. Ich hatte sogar eine Taste vom Tablet mit der Tastenkombination belegt. Von Spielchen mit Ebenen ganz zu schweigen. Das hat aber mehr mit der Software zu tun, die mit dem Tablet geliefert war. ArtRage 3 Studio Pro. So intuitiv zu benutzen, viel besser, als Adobe Photoshop Elements, das ich mir auch herunterladen durfte. Ich hatte vor einigen Jahren Malkurse belegt, aber seit dem Tablet zeichne ich viel lieber digital.

Die Mieze hat auch einiges auf dem Tablet inspiriert… Daher mein Blog-Logo!

Und zunehmend denke ich daran, mir Fahrstunden zu buchen und mein MVV-Abo zu kündigen. Ich bin seit zwanzig Jahren nicht mehr selber Auto gefahren. Der miserable Zustand vom Münchner ÖPNV wird mich dazu bringen. Ein neues Auto haben wir schon geplant. Hybrid, automatisch, von Toyota. Viel umweltfreundlicher als unser aktuelles Diesel-Polo, und eine Stunde pro Tag gespart. So konkret haben wir keinen Zeitplan, aber es wird hoffentlich ziemlich bald kommen.

Ach, und was macht der Daum? Er erholt sich langsam. Sieht schon nicht mehr so übel aus.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Nächtlicher Unsinn

Es ist kurz nach sechs Uhr morgens, und ich kann seit drei Stunden nicht mehr schlafen. Das war lange nicht mehr passiert. Nach einer Stunde wurde es mir zu blöd, im Bett zu liegen und das Rumwälzen zu vermeiden, um den Ehemann, der nicht mal schnarchte, nicht zu wecken, und ich bin aufgestanden. Dabei war ich schon nicht müde, als wir ins Bett gegangen sind, konnte aber nach gegenseitiger Befriedigung recht schnell einschlafen.

Nun sitze ich vor dem Rechner und lese Nachrichten. Dabei ist mir die aktuelle Startseite von Nature aufgefallen. Gut, ehrlich gesagt ist sie mir schon gestern aufgefallen, ich hatte sie nur wieder vergessen. Der erste Artikel ist betitelt mit Dietary fat can increase longevity in worms[1]. Auf Deutsch: Nahrungsfetten können die Langlebigkeit von Würmern erhöhen. Die Synopsis erläutert: Pummelige Rundwürmer, die einfach ungesättigte Fettsäuren speichern, leben länger als Dünnere.

Ich sehe schon, wie diese Ergebnisse von Medien[2] und Befürwortern der Fat Acceptance Bewegung missbraucht werden… Ja, wenn wir Würmer wären, könnte diese Erkenntnis uns helfen[3]… Dabei schreiben die Autoren im Text, dass es bekannt ist, dass Übergewicht bei Menschen gesundheitsschädlich ist. Aber wer liest heute noch weiter als die Überschrift? Und eigentlich ist es schon längst bekannt, dass gerade diese Fettsäuren, die z.B. in Olivenöl enthalten sind, sich positiv auf die Gesundheit auswirken.

Ach ja, das erinnert mich an eine Tagesschau, die ich vor vielen Jahren in Frankreich gesehen hatte. Drin wurde angekündigt, dass laut einer neuen Studie Übergewicht eine bestimmte Krankheit vorbeugen kann. Welche wurde nicht erklärt. Dass es nebenbei viele andere ernste Gesundheitsrisiken mit sich bringt, wurde auch nicht erwähnt. Mit dieser höhlen Nachricht ist dann der Reporter durch die Straßen von Paris gegangen, und hat die Meinung von Passanten darüber gesammelt. Mein Eindruck beim Zuschauen: Bläääh… 😦

Interessanterweise steht ein anderer Artikel direkt unter dem ersten in Nature: ‘Young poo’ makes aged fish live longer. Kot von jüngeren Fischen enthält Mikroben, die ältere Fische länger leben lassen. Das dürfte wohl nicht durch die Massenmedien kommen. Sonst sehe ich schon unsere Rentner vor Müllcontainern stehen, die mal nicht nach Pfandflaschen sondern nach vollen Windeln suchen…

[1] Jetzt gerade wegen Maintenance nicht zugänglich…

[2] Ich habe mich schon darüber geärgert, wie unseriös wissenschaftliche Meldungen von vielen Medien ohne Überprüfung übernommen werden, nur um als Clickbait zu dienen.

[3] Wie bei der Schneckencreme


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Beleidigt

Ich habe es geschafft, Mr Keen zu beleidigen.

Am Samstag war ich auf Arbeit. Ich hatte endlich Zeit, um selber Experimente zu machen. An anderen Geräten waren Gäste beschäftigt. Eine Gruppe von Wissenschaftlern habe ich noch eingewiesen. Der andere Gast, nennen wir ihn Herr Smirnow, ist so häufig bei uns, dass er selbstständig arbeiten kann. Herr Smirnow war schon am Vortag bei seinem Lieblingsgerät beschäftigt gewesen, und machte nun weiter.

Ich mag es ehrlich gesagt nicht, an Tagen, wo ich selber Experimente mache, mich um Gäste kümmern zu müssen. Messzeit ist bei uns knapp, und ich kann sie nicht effektiv nutzen, weil die Gäste sich ständig an mich wenden, wenn etwas nicht stimmt. Aber wenn ich schon am Samstag da bin, brauchen die anderen Kollegen nicht zu kommen, und so wurde es von Winfried entschieden. Selbst an Tagen, wo Kollegen sich um Gäste kümmern, wenden sich diese an mich, wenn ich im Raum bin. Die meisten kennen mich schon. In Ruhe an meinen Projekten arbeiten? Vergiss es. Vielleicht sollte ich mir für solche Tage eine blonde Perücke besorgen. Einweisung fertig, hier ist die Nummer der Rufbereitschaft, Tschüß, kurz mal raus, umziehen, zurück kommen, mich als Gast vorstellen und verkleidet weiter arbeiten? Ob die mich dann nicht wieder erkennen würden?

So ging es mir am Samstag also. Ich fing endlich mit meinem Kram an, da kam plötzlich sehr aufdringlich Herr Smirnow zu mir und meinte, irgendwas würde mit dem Gerät nicht stimmen. „Och nee,“ habe ich mir nur gedacht. Aber ich fragte ihn, was los war. Die Probenumgebung stimmte nicht. Es wäre gar nicht kalt. Er war am Vortag schon irritiert, weil er am Anfang zwei Proben gemessen hätte, bevor ihm aufgefallen wäre, dass das Kühlsystem ja gar nicht eingeschaltet wurde. Mr Keen, der an dem Tag gemeinsam mit Florian für Gäste zuständig war, hätte ihm ganz schnell die Kühlung angeschaltet, und er hätte seine zwei Proben nochmal messen müssen. Nun jetzt, ginge es wieder nicht.

Ich ging zum Gerät und prüfte die Lage. Das Kontrollkasten für das Kühlsystem war an. Leider war das Kühlsystem nicht zum Ort der Probe montiert worden. Es lag in seiner Parkposition, die benutzt wird, wenn die andere Probenumgebung installiert ist. Mr Keen hatte ihm die Kühlung angeschaltet und gar nicht geprüft, ob sie drauf war. Das heißt, dass Herr Smirnow am ganzen Vortag seine Proben gar nicht gekühlt gemessen hatte, und alles von vorne wieder anfangen durfte. Bei ihm nicht tragisch, weil seine Proben bei Raumtemperatur ohne Problem überleben. Die Mehrheit unserer Gäste hantiert aber mit Proben, die sie sehr mühsam erstellen und nur eingefroren messen können, weil sie bei Raumtemperatur zu empfindlich sind, so ein Fehler hätte ihnen Monate Arbeit vernichten können. So nebenbei.

Ich habe die Probenumgebung gewechselt, einen Vermerk im experimentellen Buch geschrieben und an meinem Projekt weiter gearbeitet. Ich hatte schon vor, das Problem im wöchentlichen Meeting am Montag zu erwähnen, aber falls ich aus welchem Grund auch immer nicht zur Arbeit erschienen wäre, sollten es die Kollegen durch das Buch erfahren können. Dabei ging es mir nicht darum, Mr Keen schlecht darzustellen, sondern darauf hinzuweisen, dass ein ernsthafter Fehler statt gefunden hatte, den man mit besserer Planung in Zukunft vermeiden könnte. Früher hatten wir im Meeting das Wechseln von Probenumgebungen für Gäste immer im Voraus diskutiert. Das ist in letzter Zeit vergessen worden. Winfried geht vielleicht davon aus, dass wir automatisch daran denken. Wenn es aber ein bisschen Stress bei der Einweisung der Gäste gibt, kann man schnell etwas vergessen. So lief es am Freitag wohl. Früher, als Uschi noch bei uns war, war ein anderer Kollege dafür zuständig, solche Änderungen an Geräten vorzunehmen, weil man mit Einweisung schon die Hände voll hat. Besagter Kollege neigt aber gerne dazu, nichts zu machen, wenn der Chef nichts explizit von ihm verlangt, und so ist es in letzter Zeit üblich geworden, dass wir das selber machen. Das muss sich offensichtlich ändern.

Wir haben am Montag darüber diskutiert. Wir besprechen immer die Probleme, die wir in der letzten Woche hatten. Mr Keen hat von Herrn Smirnow gar nichts gesagt. Ich kam als letzte dran, da ich am Samstag Einweisungen gemacht hatte, und habe den Vorfall erklärt. Mr Keen hatte wohl das experimentelle Buch schon gelesen, und in einem theatralischen Ton gesagt, es wäre eine Katastrophe. Tja, Herrn Smirnow war alles anderes als belustigt, einen kompletten Tag verloren zu haben. Winfried war ebenfalls nicht erfreut und hat gesagt, er würde ihm gleich einen Brief zur Entschuldigung schicken.

Was ist bei Mr Keen angekommen? Ich habe ihn vor der ganzen Gruppe als unfähig dargestellt. Er, der sich gerne als Mr Wichtig angibt und immer wieder betont, was er alles gemacht hat, hat dadurch einen Kratzer am Ego bekommen. Dabei war er nicht mal alleine für die Gäste am Freitag zuständig, also müsste er es auch nicht so persönlich nehmen. Mit Kritik kann er offensichtlich nicht umgehen. Seitdem verhält er sich mit mir, wie er sich am Anfang vom Sommer mit Kate verhalten hatte, als sie den fatalen Fehler gemacht hatte, bei seinem Vortrag nicht anwesend zu sein. Antwortet knapp, wenn es Sachen zu besprechen gibt, wobei er selbst nicht das Gespräch sucht, schaut einem nicht mehr ins Gesicht und dreht demonstrativ den Rücken zu. Kate hatte es damals verletzt, weil sie ihn mochte. Mir ist es egal. Diese Art von Reaktion finde ich ziemlich lächerlich. Irgendwann wird er sich schon davon erholen.


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Dilemma

Ich habe heute Winfried in seinem Büro besucht, als er gerade aus einem Meeting mit unserer Geschäftsführung zurück kam. Ich wollte ihn nur kurz was fragen, und wir hatten gleich danach einen anderen Termin. Als ich wieder raus wollte, meinte er, wir hätten noch ein bisschen Zeit, und er wollte mit mir reden. Ich sollte die Tür zu machen und mich hinsetzen. Ich habe sofort gedacht, es müsste etwas Ernstes geben, weil seine Tür sonst immer zum Flur offen bleibt.

Er liest gerade meinen DFG-Antrag, meinte er. Endlich, habe ich gedacht. Es müsste mir aber klar sein, dass es keine Garantie für einen Erfolg gibt, meinte er. Natürlich weiß ich das. Vor einigen Jahren lag die Ablehnungsquote bei DFG-Anträgen über 80%. Gerüchterweise soll es jetzt besser geworden sein, ich habe aber keine konkrete Information darüber gelesen. Der Unterschied zu seinen Ermutigungen und Optimismus am Anfang vom Sommer ist mir nicht entgangen. Damals meinte er, so ein Antrag hätte gute Chancen. Wir würden noch Unterstützungsbriefe von einigen prominenten Nutzern meines Programmes #1 bekommen, und es würde ihn wundern, wenn der Antrag nicht durch ginge.

Nun, meinte er, bei dem Meeting heute Morgen hatte er erfahren, dass eine Person zur Verstärkung in der Verwaltung intern dringend gesucht wird. Es ginge um Studentenkoordination, und die Stelle wäre unbefristet. Er hätte sofort an mich gedacht, weil ich gewisse wichtige Anforderungen besonders gut erfülle. Es würde mir endlich Sicherheit für meine Zukunft geben, dafür würde ich nicht mehr in der Gruppe arbeiten. Ich frage mich, ob er sich schon vielleicht eine andere Person ausgesucht hat, um die Weiterentwicklung von meinen Programmen zu übernehmen. Der Gedanke ist nicht schön.

Eigentlich war ich froh, aus der Uni weg zu sein. Mit Studenten zu arbeiten war nicht wirklich der tollste Aspekt meiner Tätigkeit. Ich meine, ich bin Wissenschaftlerin. Für Studentenkoordination braucht man sicherlich keinen Doktortitel. Oh. Die Frau, die sich momentan ganz alleine in der Verwaltung um diese Aufgabe kümmert, ist auch promoviert. Man muss ganz schön verzweifelt sein, um eine spannende Tätigkeit als Wissenschaftlerin zu verlassen, um dann so was zu machen. Das stelle ich mir höchst langweilig vor.

Meine Arbeit gefällt mir sehr (ich komme doch dazu, einige Fragen ausführlich zu antworten). Ich programmiere viel, was in sich schon Spaß macht. Ich freue mich riesig, wenn ich Zeilen Code schreibe, die danach genau das machen, was ich wollte, und dabei eine Menge Arbeit ersparen. In meinen Projekten geht es vor allem darum. Auswertungen automatisieren, um die experimentelle Produktivität zu erhöhen. Programm #1 wird mittlerweile weltweit benutzt, was mich sehr erfreut. Wir haben sogar industrielle Kunden. Ich genieße die Anerkennung, die damit verbunden ist. Ich werde auf Workshops eingeladen, um Vorlesungen zu halten und Programm #1 vorzustellen. Wenn ich mich bei wissenschaftlichen Veranstaltungen namentlich vorstelle, sagen manchmal Leute mit aufgeregten runden Augen, „Oh, du bist die Entwicklerin von Programm #1!“. Ein Mal hat sich ein Messgast sogar die Mühe gemacht, mein Büro ausfindig zu machen, um sich bei mir persönlich für Programm #1 zu bedanken. Das schmeichelt schon. Letzte Woche hat ein Gast Programm #2 für sein Experiment ausprobiert und musste mir unbedingt seine Begeisterung mitteilen. Ich hatte solche Reaktionen am Anfang meiner Tätigkeit in der Gruppe nicht erwartet.

Wissenschaftlich habe ich ein spannendes Thema. Ich bin nur frustriert, so wenig Zeit dafür investieren zu können. Nebenbei muss ich mich auch, wie alle anderen Wissenschaftler in der Gruppe, um Gäste kümmern, die unsere Geräte benutzen. Das ist interessant, weil ich dadurch viele Leute kennen lerne, die an verschiedenen Themen arbeiten. Das ist auch sehr anstrengend, weil ich zu den wenigen in der Gruppe gehöre, die Rufbereitschaft machen. Das heißt, Tag und Nacht telefonisch zur Verfügung zu stehen, falls irgendwas plötzlich nicht mehr funktioniert. Ich mache es gerne und versuche, immer freundlich zu klingen, auch wenn unsere Messgäste um zwei Uhr morgens anrufen. Sie können nichts dafür, wenn unsere Geräte versagen. Es raubt aber viel Energie. Meistens kann ich Probleme von zu Hause aus lösen. Manchmal muss ich hin fahren. Am letzten Wochenende war es extrem. Sonntag um zwei Uhr morgens, und noch abends um elf bin ich zur Arbeit gefahren. Zwischendurch hat das Handy den ganzen Tag geklingelt, weil immer etwas anderes nicht ging. Das haben wir gestern im Meeting ausführlich diskutiert, und meine Kollegen bemühen sich darum, dass es sich nicht wiederholt.

An solchen Tagen fange ich vermehrt an, mich nach anderen Stellen umzuschauen. Wie toll es doch wäre, eine stinklangweilige Arbeit zu haben, wo man seine Stunden absehen kann und am Wochenende einwandfrei weg fahren kann, nach Lust und Laune! Ich könnte mit der Frau bei der Studentenkoordination diskutieren. Ob ich dort meinen aktuellen Gehalt bekommen würde? Im öffentlichen Dienst darf man nicht unter seiner Qualifikation bezahlt werden.


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Heute soll es stürmisch werden

Sturmböen bis zu 88 km/h sind laut wetter.de zu erwarten. Ich werde wohl das Fahrrad zu Hause lassen.

Und weiter auf der Seite steht ein Link zum Artikel „Der Sommer war früher doch besser“, untertitelt „Knapp Zwei Drittel der Deutschen finden, dass diese Aussage richtig ist“. So viel zur Objektivität. Wenn man wissen will, wie das Wetter früher wirklich war, sollte man sich gemessene Daten anschauen. Aus dem subjektiven Empfinden von befragten Leuten zieht sich doch kein ernster Meteorologe (m/w) wissenschaftliche Schlussfolgerungen.


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Die Panikmacher

Oder warum ich mit den Grünen meine Schwierigkeiten habe… Das ist in der heutigen Ausgabe von der FAZ am Beispiel vom „Kugelhaufen von Jülich“ wunderbar beschrieben.

Ich sage nicht, dass Nuklearenergie ohne Gefahr ist. Selbst wenn kein Unfall passiert, ist das Problem mit der Entsorgung von radioaktivem Material immer noch da, und das ist ein enormes Problem. Andererseits sollten die Atomgegner aus der Politik wissen, worüber sie reden, bevor sie anfangen, nach BILD-Art eine alarmierende Meldung nach der anderen zu veröffentlichen[1]. Mit der Art, wie sie den Fall Jülich behandelt haben, machen sie sich nur lächerlich. Es wird vor allem klar, wie sie über die Ausschreibung vom FZ-Jülich für den Forschungswettbewerb „Innovative Energietechnologien für morgen“ reagiert haben. Womit das FZ-Jülich sich beschäftigt, ist nicht die Wiederbelebung von Kernkraftanlagen, wie behauptet wurde und was aus den beantragten Mitteln eh unmöglich gewesen wäre, sondern die langfristige Entsorgung von radioaktivem Material, unter anderen. Ich frage mich, ob jemand diese Ausschreibung überhaupt gelesen hat, bevor die Vorwürfe formuliert wurden.

Was das Ziel dieser ganzen Meldungen ist, ist klar: Angst in der Bevölkerung verbreiten, um Stimmen für die nächste Wahl zu sammeln. Dazu sollte man aber besser bewiesene Fakten statt irrationale Panikmeldungen benutzen. Sonst ist man kaum von anderen Parteien zu unterscheiden, die ebenfalls Angst benutzen, um an die Macht zu kommen (konkrete Beispiele dürften nicht nötig sein). Damit wird nicht besser als bei den Leugnern vom Klimawandel gehandelt. Gerade dieser Hirnwäschereiversuch stoßt mich bei den Grünen ab. Das Problem ist, dass die Mehrheit der Leute alles glaubt, was sie erzählt bekommt. Bei einigen kann es zu Gewalt führen. Zum Beispiel zu einem Attentat-Versuch mit einem Molotow-Cocktail gegen einen Teilchenbeschleuniger, in dem Glauben, es handele sich um einen geheim gehaltenen Forschungsreaktor (leider eine wahre, wenn blöde, Geschichte[2]).

Ein anderes Beispiel von Panikmacherei kommt von der Anti-Impfung-Front. Darüber hat Ben Goldacre, Autor von Die Wissenschaftslüge und Bad Pharma (anscheinend noch nicht übersetzt), schon viel geschrieben, besser als ich es formulieren könnte. Einfach lesen. Achtung, drin geht es nicht darum, pauschal gegen Impfungsgegner zu schlagen. Es geht darum, dass man zuerst einen wissenschaftlichen Nachweis haben muss, bevor man eine Impfung für schädigend erklärt[3]. Sonst sorgt man für irrationale Angst gegen Impfungen aller Art in der Bevölkerung, was in manchen Fällen dazu führt, dass einige tödliche Krankheiten sich wieder verbreiten.

[1] Dass Politiker häufig nicht wissen, worüber sie reden, habe ich während eines Vorstellungsgespräches bei einem Projektträger knall hart erfahren. Einer der Prüfer stellte mich die Frage, was ich sagen würde, wenn ein Berater von der damals noch Ministerin Frau Schavan anrufen würde, um für sie ein Statement über eine neue Großforschungseinrichtung zu vorbereiten. Als Theologin hätte sie ja von Physik keine Ahnung. Ich habe mit fast geöffnetem Mund einige Sekunden lang geschwiegen. Nicht, dass die Antwort mir schwer fiel, aber in meiner Naivität konnte ich mir nicht vorstellen, dass der Fall statt finden würde. Der Mann sagte, es sei doch durchaus üblich. Ich habe meine Antwort geliefert, und dabei nur gedacht, Politiker sollten (wie alle anderen) doch die Klappe halten, wenn sie über ein Thema nicht Bescheid wissen. Außerdem würde ich ihre Berater feuern, wenn sie nicht in der Lage sind, eine solch simple Aufgabe zu erledigen.

[2] Bei diesem Versuch war der verursachte Schaden sehr gering, und den Tätern muss wohl nicht bewusst gewesen sein, was passiert wäre, falls sie tatsächlich einen nuklearen Reaktor zur Explosion gebracht hätten…

[3] Und in einer idealen Welt hat man in dem verkaufenden Pharma-Konzern vorher wissenschaftlich nachgewiesen, dass der Impfstoff eine positive Wirkung gegen eine Krankheit hat, ohne zu schummeln, Ehrenwort.


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Henri Broch

Ich bin heute Abend durch Zufall über seine Seite gestolpert.

Ich habe auf Youtube ein Video aus einer Sendung für TF1 von Mitte ’80 über den Sarkophag einer Abtei von Arles-sur-Tech gesehen. Für die, die wie ich bis heute die Geschichte nicht kannten: Es handelt sich um einen Sarkophag, der im Mittelalter gebaut wurde, ursprünglich Reste von Heiligen enthielt und immer noch regelmäßig ohne erkennbaren Grund mit klarem Wasser gefüllt wird. Dem Wasser werden heilende Kräfte zugewiesen; jedes Jahr organisiert die Kirche eine Prozession und verteilt das heilige Wasser an ihre Anhänger. Ende ’50 hatten sich Wissenschaftler mit dem Phänomen beschäftigt. Was gefunden wurde: Eine signifikante zeitliche Korrelation zwischen Regenfällen und Befüllung des Sarkophags, der immer unter freiem Himmel gestanden hatte. Aber wie die Reportage berichtet: Die Wissenschaftler haben „laut der Bevölkerung des Dorfes“ nie die Lösung des Rätsels gefunden. Außerdem hatte ein ehemaliger Militär in Rente Gegenargumente einzuwenden, die meiner Meinung nach ziemlich wackelig wirkten.

Nun, Massenmedien und abergläubige Dorfbewohner sind für mich keine zuverlässige Quelle, was Wissenschaft betrifft. Ich habe gegoogelt. Und die Seite von Henri Broch gefunden. Es hätte mich nicht überraschen sollen. Henri Broch ist Zetetik-Professor. Was das bedeutet habe ich in meinem letzten Jahr an der Uni Nizza gelernt, als ich seinen frisch entstandenen Institut besucht hatte. Wir waren dazu aufgemuntert worden, uns in Labors umzuschauen, und ich hatte mir alle auf dem Campus durchgearbeitet. Sein Institut stand auf meiner Liste. Ich war mit zwei Kommilitonen hingegangen. Er erklärte uns, dass seine Beschäftigung darin bestand, unerklärte Phänomene zu erklären, und Mythos und Aberglaube zu bekämpfen. In Frankreich ist er ein Pionier in dem Gebiet. Eine interessante Tätigkeit, wo man eine breite Palette an Wissen anwenden muss. Das Problem: Eine unsichere Finanzierungsquelle (auf seiner Homepage erwähnt er die Unterstützung eines Wissenschaftlers in Belgien), und die Antwort zur Frage, ob man in dem Bereich eine gute Arbeit finden kann, hatte meine Erwartung nicht erfüllt. Ich habe in dem Sommer stattdessen an die optischen Eigenschaften von Nanoteilchen gearbeitet.

Zurück zum ursprünglichen Thema: Henri Broch hat mehrere Seiten verfasst, die sich ausschließlich mit dem Mysterium des Sarkophags befassen. Selber hat er keine Untersuchung durchgeführt, die vorhandene Literatur war genug. Was in der Reportage als großes unerklärtes Wunder verkauft wurde, ist eigentlich schon seit der Arbeit von 1958 geklärt. Es ist tatsächlich Regenwasser, das durch den porösen Deckel des Sarkophags sickert. Gleichzeitig nimmt das Wasser Sedimente vom Deckel mit, die am inneren Boden des Sarkophags deponiert werden und diesen dicht machen – das Wasser braucht zwischen vier und fünf Tage, um durch den Deckel zu kommen (was auch sicherlich erklären kann, dass die Zusammensetzungen des Wassers im Sarkophag und des Regens unterschiedlich sind). 1950 wurden schon 2kg schwarzes Schlamms aus dem Boden entfernt. So passiert es, dass mit geschlossenen Deckel Regenwasser den Sarkophag füllen kann. Diese Erklärung hat den „Journalisten“ der Reportage anscheinend nicht gefallen. Einer hatte sogar Henri Broch kontaktiert, als die Reportage gedreht wurde, und offensichtlich seine Meinung als Expert nicht wahrnehmen wollen, weil sie nicht mit dem gewollten esoterischen Charakter der Sendung passte.

Die Homepage von Henri Broch enthält viel mehr als diese eine Geschichte. Leider ist sie nur auf Französisch. Drin erfährt man zum Beispiel, dass es einen Preis von 200000€ gab, für Leute, die ein paranormales Phänomen vorführen können. Der Preis wurde 15 Jahre lang angeboten. Es gab 264 Bewerbungen. Alle ohne Erfolg. Ein Mann hatte sogar versucht, gegen das Institut zu klagen, um ohne Vorführung den Preis zu bekommen, und musste am Ende 40000€ Strafgeld bezahlen. Henri Broch bietet auch seit den ’80 eine Vorlesung an der Uni zum Thema „wissenschaftliche Arbeitsweise“ an. Ich frage mich, warum ich es während meiner ganzen Zeit dort nie erfahren habe. Schade.


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Tagung in Österreich

Wir sind am Donnerstag gegen mittags nach Salzburg geflogen. Die Alternative mit der Bahn fand ich mit über zehn Stunden Fahrt nicht besonders attraktiv, und ich hatte keine Mühe gehabt, meinen Chef und unsere Studentin davon zu überzeugen, den Flugzeug zu benutzen. Gerne hätte ich Günther, einen ehemaligen Kollegen, besucht, der seit einigen Jahren dort arbeitet, aber die Zeit dafür hatte ich nicht. Mein Chef hatte einen Leihwagen gebucht und wir sind direkt vom Flughafen zum Tagungsort gefahren – ein sehr schönes Hotel in der Nähe eines großen Sees umgeben von Bergen. Es ist definitiv ein Ort, an dem ich für den Urlaub zurück fahren möchte.

Das Programm der Tagung war sehr dicht, mit vielen Teilnehmern aus mehreren Ländern, wir haben in drei Tagen über dreißig Vorträge gehört. Es war für mich nicht einfach, weil ich in dieser Thematik ganz neu bin, ich bin als Programmiererin quer eingestiegen. Meine Biologie-Kenntnisse stammen aus dem Gymnasium, und das liegt schon fast zwanzig Jahre zurück. Außerdem war die Tagung für junge Wissenschaftler gedacht, damit sie Übung im Präsentieren von Ergebnissen bekommen, Credit-Points konnten sie dafür kriegen. Ich habe auch einen Vortrag gehalten, weil mein Chef es so wollte, aber es passte nicht richtig im Konzept der Tagung. Es hat doch Vorteile, dass ich noch sehr jung aussehe.

Abends gab’s von den industriellen Ausstellern freies Bier in der Kneipe vom Hotel. Ich habe am ersten Abend den eingeladenen Lecturer aus Ungarn kennen gelernt, der als einzige geduldeter deutlich älterer Wissenschaftler als Highlight der Tagung eine Vorlesung gehalten hatte, in der ich vieles lernen konnte. Wir haben den ganzen Abend fachlich geredet. Neben uns haben Doktoranden die Kegelbahn benutzt, was mich nicht besonders interessierte. Ein industrieller Aussteller hatte anscheinend schon ganz früh zu viel getrunken, weil er mit nicht richtig zu gemachter Hose überall in der Kneipe nach seiner Tasche suchte, wobei er mindestens fünf mal zu unserem Tisch gekommen ist und uns gefragt hat, wo seine Tasche wäre. Der Wirt hat irgendwann die Geduld verloren und ihn unsanft zum Hotelempfang gebracht. Der Mann hat am nächsten Tag in der Sponsoren-Session die Produkte seiner Firma vorgestellt, aber es war klar, dass sie nicht mehr marktführend in dem Sektor sind. Irgendwie Schade, ich hatte mit den Geräten dieser Firma vor fünfzehn Jahren angefangen zu arbeiten. Als mein Gesprächspartner nach einem Telefonat zurück zum Tisch kam, fragte er mich, ob die Studenten mich zum Kegelspielen eingeladen hätten. Da ich dies verneinte, meinte er mit angeekelter Miene, „They don’t care“. Ich wollte ihm gleich „Welcome in Germany“ antworten, als mir einfiel, dass wir in Österreich waren. Außerdem gab’s Interessanteres zu besprechen, als über die nicht philanthropischen Art von Deutschen zu philosophieren. Ich habe mich seit langem daran gewöhnt, aber ich sehe immer wieder, dass es für ahnungslose Ausländer wie ein Schock wirkt. Die Doktoranden kannte ich eigentlich schon vage seit Dienstag, sie hatten einen Vortrag bei unserem Meeting gehalten. Wir sind auch später ins Gespräch gekommen und haben zusammen gespielt, nachdem mein Gesprächspartner sie darum gebettet hat, obwohl Kegeln nicht mein Ding ist. Ich bin nach Mitternacht zu meinem Zimmer gegangen. Schlafen konnte ich lange nicht, weil Leute unter meinem Fenster laut diskutiert haben. Wie ich am nächsten Tag erfahren habe, war unsere Studentin daran schuld, sie hatte sich bis 05:00 mit anderen Studenten unterhalten.

Am zweiten Abend habe ich mich mit einer Österreicherin unterhalten. Es gab nicht viele Anknüpfungspunkte, ich kenne sie nur durch eine ehemalige Mitarbeiterin aus meiner Gruppe, die ausgeschieden ist, bevor mein Vertrag anfing, und mit der ich selber nur einmal gesprochen habe. Ich habe erwähnt, dass ein früherer Kollege von mir jetzt wie sie an der Uni Salzburg arbeitet, mit der Bemerkung, dass sie ihn kaum kennen dürfte, da er Mineraloge ist. Aber als ich den Namen von Günther erwähnte, war sie ganz überrascht, und meinte, sie hätte Vorlesungen von ihm gehört. Klar, ich hatte völlig vergessen, dass er unsere Methode für Biologen unterrichtet hatte. Ich bin relativ früh zu meinem Zimmer gegangen, weil ich am Samstagvormittag meinen Vortrag halten musste. Ich hatte mir Sorgen gemacht, weil die vorgesehene Zeit die Hälfte von meinem Vortrag am Dienstag war, und ich musste heftig meine Folien kürzen. Ich habe es doch gut geschafft, die Zeit einzuhalten. Mittags ging die Tagung zu Ende, wir haben nicht gegessen und wir sind sofort zum Flughafen zurück gefahren.

Im Flugzeug saß in der Reihe vor mir eine dünne Frau um die vierzig mit zwei kleinen Kindern, die extrem nach Käse roch. Die Kinder haben auch gestunken, ich habe vom Anfang an gedacht, dass sie die Windeln voll haben mussten. Es hat mich genug gestört, dass ich trotz verpasstes Mittagessens das verteilte Snack nicht essen wollte. Als die Frau nach einer guten halben Stunden anfing, auf den Sesseln selbst die Windel von dem kleinsten zu wechseln, hat eine Stewardess sie angesprochen und gesagt, dass es in der Toilette einen Wickeltisch gibt und es völlig unhygienisch für die anderen Gäste wäre. Die Frau hat die typische „Leck mich am Arsch“ Haltung adoptiert und meinte, sie hätte erwartet, von der Stewardess mindestens Verständnis zu bekommen, da sie überfordert wäre, mit ihren zwei Kindern alleine zu reisen. Dass die Stewardess eine Frau ist, bedeutet aber lange nicht, dass sie solche rücksichtslose Verhalten von anderen Frauen verteidigen muss. Wir hatten sowieso nicht mehr lange zu fliegen, und die Kinder hatten schon so lange gestunken, das bisschen Warten hätte keinen Unterschied mehr gemacht. Mich wundert, dass sie es nicht früher gemerkt hat, aber ich habe den Eindruck bekommen, dass es ihr wirklich Spaß gemacht hatte, die anderen Reisende auf dieser Weise zu stören.

Ich bin mit meinen Kollegen noch eine Weile S-Bahn gefahren, wir wollten in die gleiche Richtung, wobei ich am weitesten vom Flughafen wohne – uns am nähesten von der Arbeit. Ich habe beschlossen, meinen Laptop im Büro zu lassen, statt damit nach Hause zu fahren und ihn am Montag zu schleppen. Ich konnte danach noch einkaufen gehen, und habe den Rest des Wochenendes zu Hause verbracht. Ich glaube, ich habe mich erkältet. Meine Katze, die von meiner Nachbarin gepflegt wurde, hat sich gefreut, mich wieder zu sehen, und hat mich am Sonntag nicht mehr los gelassen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Fernarbeit

Mich hat heute meine chinesische Freundin Mei aus der Chemie angerufen. Wir hatten uns das letzte Mal in meinem früheren Institut gesehen, am Tag vor meinem Umzug. Sie hatte mir bis früh nachmittags geholfen, danach hatten wir am Institut an einem Gerät gearbeitet, weil sie eine spezielle Einstellung benutzen wollte, mit der wir sonst nie arbeiten. Ich hatte es mit ihr letztes Jahr schon gemacht und im Laborbuch die ganze Prozedur aufgeschrieben, aber irgendwie war keiner am Institut in der Lage, ihr behilflich zu sein. Yong Jin hatte schon das Institut für ihre neue Stelle verlassen (ich glaube, von ihr werde ich wohl nie wieder was hören, sie hatte zwar gesagt, dass wir in Kontakt bleiben sollten, hat aber seitdem nicht mehr auf Emails oder Anrufe geantwortet). Der adipösen Assistentin Angelika hatte ich schon alles erklärt, weil ich wusste, dass Mei das Gerät buchen wollte, aber sie traute sich nicht, das alleine zu machen. Unser angebliche Expert für diese Messmethode, Lars, hat sich sofort raus gehalten, als Mei ihn nach Hilfe fragte. Mein Nachfolger Andrzej ist sehr gut, ist aber in einer anderen Messmethode spezialisiert. Ein Glück für Mei, dass ich noch da war und bereit war, an einem Urlaubstag Zeit für sie zu nehmen.

So glatt lief es nicht, aber wir haben es nach einer Stunde geschafft, das Gerät für Oberflächenmessungen unter streifendem Einfall einzustellen. Ich habe die Prozedur im Laborbuch aktualisiert, ich musste doch damals vergessen haben, einige wichtige Details aufzuschreiben, um den richtigen Detektor anzusprechen (es war auch nicht sooo schwer, drauf zu kommen). Danach habe ich lange mit meinem ex-Chef diskutiert und bin nach Hause gegangen, um Kartons weiter zu packen. Seitdem habe ich fast täglich mehrmals Anrufe von Mei bekommen. Der Untergrund bei ihren neuen Messungen war komisch, die Phase war nicht zu sehen, die sie erwartet hatte… und keiner konnte ihr helfen. Nicht zu fassen. Bei meinem ex-Chef vermute ich Arbeitsüberlastung, er hat einfach keine Zeit, sich um Institutsexterne zu kümmern. Unser auf Dauer eingestellte „Expert“ Lars war bei meinem ex-Chef im Büro, als Mei ihn fragte: Seine spontane Reaktion nach ihrer Frage war „Pfff, keine Ahnung“. Wenn mein ex-Chef noch ein bisschen Vernunft besitzt und ehrlich mit sich selbst ist, muss er doch gemerkt haben, dass er bei seiner Wahl für die Dauereinstellung total daneben gelegen hat und was für eine Pfeife er eingestellt hat. Am Ende haben wir alle Probleme von Mei zu zweit am Telefon gelöst. Falscher Probenträger benutzt, Erklärung für den Untergrund gefunden, und für die fehlende Phase… Meinen neuen Chef hat es teilweise genervt, dass ich selbst während der Mittagspause den Support für mein frühere Institut gemacht habe. Wenigstens ist die Messung von Mei jetzt erfolgreich durchgeführt worden.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Vorstellungsgespräch in Berlin

Das Kostüm für morgen ist gebügelt, das Butterbrot ist geschmiert. Ich wollte noch vor dem Gespräch von morgen in Holland über den Verlauf des gestrigen Tages berichten.

Das Institut lag gerade zehn Minuten vom Hotel entfernt. Als ich zum Gebäude ankam, habe ich einen jungen Mann mit schwarzem Anzug ankommen gesehen. Ich habe vermutet, dass er Mitkandidat #1 wäre, und hatte recht. Wir haben uns gegenseitig vorgestellt und auf den bequemen Sesseln im Eingang ein wenig diskutiert. Kurz danach kam mein zweiter Mitkandidat #2 an. Wir haben da gewartet, bis unsere Gesprächspartner angekommen sind. Sie sind zum Hörsaal für die Vorträge gegangen und wir konnten unsere Präsentationen auf dem Laptop kopieren.

Ich war von der Ausstattung vom Hörsaal enttäuscht. Es gab kein Pult, der Laptop wurde einfach auf einem Stuhl der ersten Reihe gestellt, und wir haben einen einfachen Laserpointer bekommen, der keine Fernbedienung fürs Laptop hatte. Irgendwie hat mich der starke Eindruck nicht verlassen, dass ich schon mal in dem Hörsaal gesessen hatte. Bei einer früheren Fachtagung? Es kann sehr gut sein, ich komme nur nicht mehr drauf. Kurz danach ist die dritte Mitkandidatin angekommen, sie sprach kein Deutsch und hatte sich auf dem Weg verlaufen. Hätte ich doch allen angeboten, zusammen am Abend vorher essen zu gehen, wie ich am Wochenende gedacht hatte, hätten wir gemeinsam zum Vorstellungsgespräch gehen können. Wir waren sowieso noch nicht so weit und wurden mehrfach so insistent über den Kaffeeraum im ersten Geschoss informiert, dass wir auch dorthin unseren „Prüfern“ gefolgt sind. Ein der beide Männer, #1, meinte, es wäre bestimmt dazu gedacht, damit wir uns vor den Vorträgen entspannen können, es war für ihn aber das allererste Vorstellungsgespräch, weil er gerade im Schreiben seiner Doktorarbeit steckt, und er meinte, er würde sich nicht trauen, noch irgendwas zu schlucken, das Frühstück war ihm schon schwierig genug gewesen. Gutmütig wie ich bin, habe ich auch noch versucht, ihn aufzumuntern. So eine blöde Kuh kann ich manchmal sein.

Die Vorträge selbst kamen mir danach sehr schnell vor. Ich war als zweite dran und war als Physikerin die einzige, die nichts mit Biologie zu tun hat. Wir teilen nur eine gemeinsame Messmethode. Ich habe den anderen zugehört und war dabei froh, wenn ich irgendwas von ihren Ergebnissen verstanden habe. Sie haben mir aber gesagt, bei meinem Vortrag ging es ihnen genauso. Und ich dachte, ich hätte extra versucht, didaktisch zu sein… Der Vorteil war, dass ich am Schluss gar keine fiese Frage bekommen habe. Bei meinen Mitkandidaten sind teilweise solche Fragen gestellt worden, bei denen ich dachte, es war offensichtlich, dass die „Prüfer“ sie durchbohren wollten. Bei Mitkandidat #1 waren die Fragen sogar auf einem solchen Grundniveau, dass ich es als beleidigend für ihn empfunden hatte. Aber offensichtlich konnte er mit der Frage nichts anfangen.

Nach den Vorträgen wurde es schon Zeit für die Mittagspause. Wir sind zu viert alleine geblieben und haben beschlossen, zur Mensa zu gehen – was uns nach ein bisschen Verlaufen tatsächlich gelungen ist. Nachmittags hatten wir individuelle Gespräche. In der ersten halben Stunde hatte ich frei, zusammen mit der anderen Mitkandidatin, und wir haben auf den Sesseln auf der zweiten Etage geplaudert. Sie sagte, sie wollte vor allem in Deutschland arbeiten, weil ihr Freund auch hier ist. Ich habe ihr über meine Erfahrungen in Deutschland erzählt. Sie hat mir gesagt, unsere zwei Mitkandidaten würden ihr Angst machen. Wahrscheinlich würden sie eher die Stelle bekommen. Ich fand es frech, dass sie mich nicht als ernste Mitkandidatin betrachtet hat. Danach habe ich eine Gruppenbesprechung gehabt, die meiner Meinung nach gar nicht schlecht lief, und nach der Besprechung sollte ich eine halbe Stunde mit dem aktuellen Inhaber der Stelle sprechen.

Wir haben einen Kaffee geholt und auf der Terrasse draußen diskutiert. Es wurde eine ganze Stunde. Mir ist danach aufgefallen, weil wir den Tagesablauf per Email bekommen hatten, dass es vorgesehen war, dass er nur mit mir spricht und nur eine halbe Stunde, meine Mitkandidaten waren mit anderen Mitarbeitern beschäftigt. Ein gutes Zeichen? Wir haben über vieles diskutiert. Ich fand ihn sehr sympathisch. Er hat auch eine Katze, die er leider nicht nach Berlin mitnehmen konnte. Berlin mag er sowieso nicht. Er hat mir erzählt, dass er es müde war, so viele befristete Verträge in der Wissenschaft durch zu machen, und dass er sich endlich mal niederlassen möchte. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass es als Wissenschaftler nicht möglich ist, und hat jetzt ein neues Studium fürs Lehramt begonnen. Diese verbitterte Erkenntnis ist mir leider allzu oft zu den Ohren gekommen. Wissenschaftler im öffentlichen Dienst in Deutschland haben es schwer. Und es ist kein Leben, ständig für einen zwei oder drei Jahren langen Vertrag umziehen zu müssen. Dabei kann man keine Pläne für die Zukunft machen. Kein Haus kaufen. Keine ernste Beziehung aufbauen, zum Beispiel, das habe ich bei jedem meiner Umzüge bis jetzt festgestellt. Es ist kein Zufall, wenn ich jetzt lieber ledig bleibe. Ich habe selber häufig genug feststellen müssen, dass es keinen Zweck hat. Genau das hat mir ein anderer Wissenschaftler aus meiner Uni letztes Jahr auch erzählt, der Mitte vierzig ist. Auf einen Punkt waren wir uns gestern einig: Es ist eine Schande, wie wenig Geld Wissenschaftler an Großforschungseinrichtungen in England verdienen. Zwischendurch haben wir uns auch daran erinnert, über die Stelle sachlich zu sprechen. Am Ende hat er mir angeboten, im Büro über die Webcam die wissenschaftlichen Geräte zu schauen. Genau dort haben wir Mitkandidatin #3 im Gespräch mit den anderen Mitarbeitern gefunden. Danach hat sie mir mehrmals gesagt, „Wow, du warst eine ganze Stunde mit ihm?“ Worauf ich geschlossen habe, dass es doch möglich ist, dass ich für diese Stelle tatsächlich in Frage komme, obwohl meine Biologiekenntnisse aus dem Gymnasium stammen. Wichtig für die Stelle ist ja, dass man gut programmieren kann, und ich konnte aus meinen Mitkandidaten nicht erkennen, dass sie jemals programmiert hätten.

Als wir alle durch waren, haben wir im Kaffeebereich gewartet, weil wir noch die Formulare für die Reisekosten bekommen sollten. Mitkandidat #1 hat erzählt, dass es ihm während des Gruppengespräches empfohlen wurde, sich auf eine andere Stelle bei denen zu bewerben. Es klang, als ob sie ihn nicht für diese Stelle haben wollten. Ich fand’s hart, dass er auf dieser Art bei einem ersten Vorstellungsgespräch inoffiziell aber direkt eine Absage am gleichen Tag bekommt. Die zwei anderen haben nichts Besonderes über ihr Gespräch erzählt. In meinem Gespräch haben sie mir ausdrücklich gesagt, was ich alles nachzuholen hätte, wobei ich geantwortet hatte, dass es mir bewusst ist, ich aber über eine schnelle und gute Auffassungsgabe verfüge und es als kein Problem betrachte. Ich bin es allerdings nicht gewöhnt, mich selbst so affirmativ zu loben, aber es stimmt, lernen kann ich gut und schnell, meine (wenige) neidische Kommilitonen haben es während meines Studiums hinterlistig häufig zum Ausdruck gebracht – haben mich deswegen gemobbt, was mir aber egal war, ich habe es nicht als eine schlechte Erfahrung eingestuft und hatte eher Mitleid für sie. Winfried, ein der drei „Prüfer“, mit dem ich bei der Tagung in März zuerst geredet hatte, hat mit mir gesprochen und sich mit mir so verhalten, als ob er mich schon als eine seiner Mitarbeiter betrachten würde. Aufgrund meiner vielen Pleiten nach Vorstellungsgesprächen will ich mir keine Hoffnung machen, aber irgendwie ist die Hoffnung doch da. Ich hoffe sehr, dass ich nicht wieder enttäuscht werde.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.