Möglich aber verboten: Doppelwahl für Doppelstaatler

So betitelte BR24 diesen Artikel am Anfang des Monates. Gerne wird der Fall vom Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo zitiert, wenn es darum geht, über die Möglichkeit von EU-Bürgern mit doppelter Staatsangehörigkeit zu berichten, zweimal an der Europawahl teil zu nehmen.

Das ist aber nur die halbe Geschichte. Denn es reicht schon, als EU-Bürger mit einer einzigen Staatsangehörigkeit in einem anderen EU-Land zu leben, um die Möglichkeit zu bekommen, zweimal wählen zu gehen. Oder sind nur die Franzosen so verpeilt? Fakt ist, ich habe sowohl von der Gilchinger Gemeinde als auch vom Konsulat Frankreichs in München eine Wahlbenachrichtigung bekommen.

Ich erinnere mich dunkel, dass ich angeben musste, wo ich für die Europawahl wählen möchte. Entweder am Anwohnermeldeamt, nach meinem Umzug, oder bei meiner Anmeldung am Konsulat, ich weiß nicht mehr. Ich weiß auch nicht mehr, was ich damals geantwortet hatte. Das letzte Mal hatte ich in Köpenick gewählt. Ich habe gehofft, dass ich von der richtigen Stelle rechtzeitig informiert werde, wenn es dazu kommt. Kann man schon erwarten, oder? Nein. Angeblich tauschen EU-Staaten ihre Wählerverzeichnisse untereinander aus, behauptet BR24 im vorher verlinkten Artikel. Das stimmt schon mal zwischen den eng verbündeten Deutschland und Frankreich nicht, so viel kann ich sagen. Sonst kann ich nicht erklären, warum ich von beiden Seiten Wahlbenachrichtigungen bekommen habe.

Vor zwei Monaten habe ich eine Email vom Konsulat bekommen, um mich zu informieren, ich könne mich noch bis zum Ende des Monates entscheiden, wo ich wählen möchte: Entweder am Konsulat in München, oder, zu meinem Erstaunen, im Dorf meiner Mutter in der Provence, wo ich noch für lokale Wahlen registriert bin, obwohl ich seit zwanzig Jahren in Deutschland lebe. Ohne Aktion meinerseits würde ich in München eingetragen bleiben. Super, dachte ich, ich habe nichts zu tun. Aber: Der Ehemann hatte uns für eine Feier in Berlin (schon wieder!), ausgerechnet an diesem Wochenende, Bahnkarten besorgt, ohne zu merken, dass es das Wochenende von der Europawahl war. Rückfahrt Sonntagabend um 19:00. Zu spät. Was nun? Briefwahl wird in Frankreich nicht angeboten. Ich könnte eine Person meines Vertrauens, ebenfalls französischer Staatsangehörigkeit und im Konsulat in München wahlberechtigt, beauftragen, für mich wählen zu gehen. Der Hacken: Ich kenne hier nur zwei anderen Franzosen, mit denen ich gerade einmal auf dem Weihnachtsmarkt diskutiert habe. Ich kann sie unmöglich fragen.

Ich war schon am Überlegen, ob ich einen früheren Zug am Sonntag buchen sollte, als ich die Wahlbenachrichtung von Gilching im Briefkasten gefunden habe. Mit der Möglichkeit, per Briefwahl zu wählen. Problem gelöst. Vor drei Wochen habe ich meine Unterlagen am Einwohnermeldeamt geholt, ein paar Tage später habe ich meine Stimme zum Rathaus gebracht. Unkompliziert und bequem. Viele roten Briefumschläge lagen schon im Kasten.

Am 09. Mai habe ich dann eine Email vom französischen auswärtigen Amt bekommen. Eine persönliche Einladung, um für die Europawahl zum Konsulat zu kommen, mit Ort- und Zeitangabe. Häh? Seitdem sprudeln auch die Kampagne-Emails von allen französischen Kandidaten in meine Mailbox ein, selbst von Parteien, die nicht sich nicht zur Wahl stellen. Und diese Woche hat mich diese Wahlbenachrichtigung vom Konsulat erreicht. Obwohl ich offensichtlich in Gilching für die Wahl registriert bin, weil ich sonst definitiv keine Wahlbenachrichtigung bekommen hätte. Im Zweifelsfall traue ich eher dem deutschen Verwaltungsapparat, über die begrenzten Fähigkeiten der Franzosen habe ich hier schon mal gelästert.

Also, wer auch es immer ins Europäischen Parlament schafft: Es wäre schon super, wenn solche Umstände beim nächsten Mal vermieden werden könnten.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Der neue Wahl-O-Mat ist da

Am letzten Maiwochenende findet die Europawahl statt. Wir sind genau dann zu einer Feier in Berlin eingeladen, daher habe ich mir heute die Unterlagen für Briefwahl besorgt. Bin ich froh, in meiner Gemeinde und nicht am Konsulat für die Europawahl registriert zu sein! In Frankreich wird Briefwahl nicht angeboten.

Da es bis jetzt noch keine richtige Antwort zur Politik-Frage von der Liebster-Award-Nominierung gab, heute ein Bild, das bekanntlich mehr als tausend Wörter sagt: Mein Wahl-O-Mat-Ergebnis.

Das da unten, das sind 22,4% zu viel.


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Anstrengender Sonntag

Ich bin früh aufgestanden. Das ist nichts Ungewöhnliches. Ich kann morgens nicht lange im Bett bleiben. Wenn ich einmal wach werde, bleibe ich es meistens. Der Ehemann braucht deutlich mehr Schlaf. Ursprünglich war meine Idee, ganz früh um 08:00 zur Botschaft wählen zu gehen, um die Schlange von vor zwei Wochen zu vermeiden. Wir hatten aber Freunde zum Mittagessen, also der Ehemann hatte Freunde zum Brunch, eingeladen, und ich habe gekocht. Das tue ich ja gerne. Nun, bei der vermuteten Schlange vor der Botschaft würde ich wahrscheinlich nicht vor zehn wieder zu Hause sein, und das Kochen würde ich nicht mehr rechtzeitig hinkriegen.

Vor einigen Wochen bin ich zufällig in einer Buchhandlung am Savignyplatz auf das NOPI Kochbuch gestossen. Nachdem ich hier und da soviel darüber lesen konnte, habe ich es mir endlich geschenkt und beschlossen, für heute einige Rezepte daraus zu kochen. Entschieden habe ich mich für das Selleriepüree, allerdings ohne Blumenkohl, die getrüffelte Polentastäbchen mit Tomaten-Chutney, und die Zucchini-Manouri-Krapfen mit Sauerrahm-Limette-Dip, für die ich übrig gebliebene Ricotta statt Manouri benutzt habe, da ich uns am Freitag eins meiner Lieblingspastagericht zubereitet habe. Es war eine Menge Arbeit, aber vieles konnte ich schon gestern Nachmittag vorbereiten. Heute Morgen habe ich trotzdem vier Stunden in der Küche gestanden. Es hat sich mehr als gelohnt. Ein Volltreffer war das. Die Gäste waren hin und weg.

Nachmittags bin ich dann zur Botschaft mit dem Ehemann gefahren. Vor zwei Wochen durfte er noch mit mir rein und auf mich drin warten. Heute musste er wie ein Hund draußen bleiben. Zum Glück regnete es nicht, und die befürchtete Schlange ist ausgeblieben. Einerseits gut, weil ich nicht ewig stehen musste. Andererseits schlecht, weil es bedeutete, dass die Wahlbeteiligung viel niedriger als vor zwei Wochen war. Ich habe beim Einwerfen von meinem Briefumschlag nachgefragt: Tatsächlich sind viel weniger Franzosen in Berlin heute zur Wahl gekommen. Ob es am endlich schönen Wetter lag, oder an der Ablehnung beider Kandidaten, oder wegen der Schlange vom letzten Mal… Eines war klar: Die Le Pen ist hier nicht beliebt. Man muss ja beide Zettel zum kleinen Raum hinter dem Vorhang mitnehmen, und nur eines davon in den Briefumschlag stecken. Der Mülleimer war voll von Le Pen Zettel. Vor zwei Wochen haben ihr in Berlin gerade 2% ihre Stimme gegeben, schrieb noch der tip in seiner letzten Ausgabe. Es ging heute also schnell, in fünf Minuten war ich wieder raus.

Wir sind mit dem Ehemann spazieren gegangen, weil das Wetter so traumhaft war. Zum Gendarmenmarkt gegangen, und dann ein Bier in der Sonne getrunken. Ich bin da Zeugin einer unfassbaren Szene geworden, die mich recht entsetzt hat. Vor allem hat mich entsetzt, dass ich nicht wusste, ob und wie ich helfen könnte. In Konfliktsituationen bin ich nicht gut. An einen Nachbartisch hat sich eine junge Frau hingesessen. Es war an dem Zeitpunkt der einzige noch freie Tisch, und direkt nachdem sie Platz genommen hat, ist eine ältere Frau, etwas klein, pummelig und mit kurzen schwarzen Haaren, geschätzt um die 65, zu ihr gestürmt und hat ihr laut gesagt, sie wäre vorher da und die junge Frau müsste ihr den Tisch lassen. Was definitiv nicht stimmte, die junge Frau war vorher da. Diese konnte anscheinend kein Deutsch und hat auf Englisch gefragt, was die Frau wollte. Daraufhin kam der Mann der ältere Frau, der ein auffällig rotes Gesicht hatte, und hat die junge Frau wie ein Miststück behandelt, und nur laut gerufen, „You go out now!“ Die Frau war sichtlich schockiert von diesem Verhalten, hat aber wenigstens gefragt, „Could you at least be more polite?“ Worauf der Mann nur lauter anwortete, „Go out now please!“ Was wirklich keinen Sinn machte, da wir ohnehin schon draußen waren. Die Frau konnte nichts sagen — nicht, dass sie es nicht versucht hätte, aber das ältere Paar hat sie ständig beim Reden unterbrochen.

Zum Schluß ist die Frau zu ihrem Begleiter gegangen, der in der Schlange stand, um Getränke zu besorgen, und hat ihm die Situation geschildert, nehme ich an, da sie in der Schlange geblieben ist und dieser zum Tisch gekommen ist, wo das ältere Paar in aller Ruhe Platz genommen hatte. Er hat sich einfach zu dem Paar hingesessen. Der Mann konnte Deutsch, das Gespräch verlief aber nicht besser. Als er, ganz ruhig, eine Erklärung für das Verhalten des Paares seiner Frau gegenüber verlangte, sagte die Frau, sie wäre von der Jüngeren beleidigt gewesen. „Wie kommt sie denn drauf?“, habe ich mich gefragt. Weil sie vorher am Tisch saß? Oder weil sie deutlich jünger und hübscher war? Verbal und körperlich habe ich nur Aggression vom älteren Paar wahrgenommen, die Jüngere saß nur sprachlos da und konnte sich nicht wehren. Als der junge Mann nachfragte, inwieweit seine Begleiterin die Frau beleidigt hätte, hat diese dann nur geantwortet, „mit Ihnen will ich nicht mehr reden, gehen Sie weg“, und hat den Kopf gedreht. Er hat sich also dem Mann gewandt und versucht, mit ihm zu reden, aber die Frau, die nicht mehr reden wollte, hat sich ständig eingemischt. Zum Schluß ist ein anderer Tisch frei geworden, und das ältere Paar ist dorthin gegangen, ohne noch abfällige Bemerkungen über Berliner und ihrer Arroganz zu verlieren. Die haben vielleicht einen Knall! Vielleicht hatten sie aber auch einen Sonnenstich bekommen, ober waren schon betrunken, der Mann war so rot im Gesicht, das war nicht normal.

Die junge Frau ist kurz danach mit Getränken zu ihrem Begleiter am Tisch zurück gekommen, und die beiden sind dort geblieben, bis die Sonne hinter einen der Doms verschwunden ist. Das ältere Paar hat übrigens ziemlich lange gewartet, dass jemand ihre Bestellung entgegen nimmt, bis sie verstanden haben, dass man sich an der Schlange anstellen muss. Das junge Paar hatte schon ausgetrunken, als der ältere Mann mit Getränken zu seiner Frau zurück gekommen ist. Was ich daraus ziehe ist, man sollte in Berlin touristische Ziele vermeiden, wenn man sein Bier in Ruhe trinken will.


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Gewählt

Wäre ich momentan nicht so müde, hätte ich vorher darüber geschrieben. Schon mal vorweg: Enttäuschend aber nicht überraschend, mein Plan, Fillon vor Le Pen zu bringen und diese dadurch daran zu hindern, in die zweite Runde zu kommen, ist nicht aufgegangen. 1,3% der Stimmen haben gefehlt. Der EU-feindliche Mélanchon stand nur ein halbes Prozent hinter Fillon und hat dadurch viel mehr Stimmen bekommen als geplant. Hmm. Keine Panik. Jetzt ist eh klar, dass Macron durch kommt. Ich will noch glauben, dass es genug Vernunft in diesem Land gibt.

Wir sind gestern früh aufgestanden. Ich hatte im Kopf, dass die Wahllokale um 09:00 auf machen und wollte so früh dort sein. Gut fünfzig Minuten brauche ich bis dahin. Die Lokale waren eigentlich schon seit 08:00 geöffnet, aber dafür hätten wir um 06:00 an einem Sonntag aufstehen müssen… Im Nachhinein: Es hätte sich doch gelohnt. So schlimm wie in anderen Ländern war es nicht, aber eine gute Stunde vor Ort hat es mir gekostet. Zuerst eine halbe Stunde unter dem leichten Regen auf dem Bürgersteig vor der Botschaft in der Schlange gestanden. Hätte ich mir ein Kleinkind ausgeliehen, wäre ich vom Personal einfach so vor der ganzen Schlange durchgewunken worden. Hmm, vielleicht eine Idee für die zweite Runde…

Die Sicherheitsvorkehrungen: Minimal. Polizisten haben die Ausweise vor dem Eintritt ins Gebäude geprüft. Im Gebäude wurden die Taschen geröntgt. Aber draußen, wo so viele Wähler standen? Keinen sichtbaren Schutz. Ganz normaler Straßenverkehr. Die Leute standen in zwei Reihen bis zur Kante vom Bürgersteig, und leichte Beute waren wir, falls jemand mit Sturmgewehr oder LKW einen Massaker anrichten wollte. Nichts hätte es verhindern können.

Drin habe ich noch zweimal Schlange gestanden. Zuerst, um den Ausweis geprüft zu bekommen und die Nummer von meinem Wahlzimmer zu erfahren. Eine Frau hinter mir hat sich darüber aufgeregt, dass die Sicherheitsleute am Eingang der Botschaft maghrebiner Herkunft sind, und noch die Frechheit besitzen, sich auf Arabisch zu unterhalten, wenn sie sich alleine glauben. Weil die Frau vielleicht in ihrem täglichen Leben hier mit anderen Franzosen nur auf Deutsch redet? Was geht ihr an, welche Sprache andere Leute unter sich benutzen? Vor allem diese Sicherheitsleute, die ich immer recht freundlich erlebt habe. Blöde Kuh. Die Frau habe ich zum Glück nicht so lange hinter mir ertragen müssen. Danach musste ich nochmal vor dem Wahlzimmer Schlange stehen. Eine Mitwählerin hat sich in der Schlange nach vorne durchgeschummelt, indem sie sich als Journalistin für Le Point angegeben hat und Leute vor der Wahl zu ihrer Meinung vom Wahlkampf befragt hat. Mein Ischias hat am Ende angefangen, sich zu beschweren. Als ich endlich im Büro war, ging es ziemlich schnell.

Abends, beim Lesen meiner Emails, war ich nicht ganz erfreut zu sehen, dass ich eine neue merkwürdige Kontaktanfrage auf LinkedIn bekommen hatte. Von einer Französin, die ich gar nicht kenne und die bei den Republikanern tätig ist. Wahrscheinlich war sie Wahlhelferin, obwohl ihr Profilbild mir nichts sagt. Ich fand es auf jeden Fall eine Frechheit, da sie offensichtlich Datenschutz völlig missachtet. Aber sie kann doch nicht den Namen aller Wähler behalten haben, um sie danach zu kontaktieren! Wir waren um die 7500 Personen, die in Berlin gewählt haben. Keine Ahnung, warum sie meinte, mich kontaktieren zu wollen. Ignorieren kann ich es ja. Wir haben beruflich rein gar nichts miteinander zu tun.


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Wahlunterlagen bekommen

Ich habe sie heute im Briefkasten gefunden. Inklusiv Wahlzettel und Werbematerial aller Kandidaten. Es sind ja noch vier Tage bis zur Wahl… Immerhin habe ich letzte Woche die Information zum Wahlort per Email erhalten. Wie zu erwarten war, muss ich zur Botschaft. Ich hatte mir nur Sorgen gemacht, weil ich bisher gar nichts über die Wahl bekommen hatte, und mich fragte, ob ich irgendwie vergessen wurde und doch nicht wählen gehen könnte.

Ich hatte mich bis jetzt noch nicht entschieden, für wen ich wählen würde. Gegen wen ist ja klar, obwohl sie in der zweiten Runde sowieso keine Chance hat. Als ihr Vater es vor fünfzehn Jahren durch die erste Runde geschafft hatte, und alle Franzosen plötzlich blöd geguckt hatten, wurde Chirac in der zweiten Runde mit über 80% der Stimmen neu gewählt. Zähneknirschend, aber immer noch besser als die Alternative. Nun, wenn man den Umfragen glaubt, hätte sie selbst bei der zweiten Runde viel mehr Stimmen als ihr Vater, aber nicht genug, um durch zu kommen.

Das Aussortieren der Kandidaten ging relativ schnell. Als Expat in der EU sind schon mal alle, die sich für ein Frexit ausgesprochen haben, in den Mülleimer gelandet. Ihnen sind die gefolgt, deren Namen ich noch nicht mal kannte. Ich gebe zu, ich lese kaum französische Nachrichten. Alles, was ich über den Wahlkampf mitbekommen habe, stammt aus der deutschen Presse. Wichtig ist mir aber, dass die Le Pen nicht durch kommt. Meine Stimme einer kleinen Partei zu schenken, die von vornherein keine Erfolgschance hat, hätte den selben Effekt, wie in eine Geige zu pinkeln — was jetzt direkt eins zu eins vom Französischen übersetzt wurde, der deutsche Äquivalent wäre eher, „es wäre völlig für die Katz“. Genau das ist 2002 passiert, als alle dachten, Jospin würde mit links durch kommen, und deswegen kleine Parteien als Ausdruck der allgemeinen Unzufriedenheit gewählt haben.

Nun habe ich jetzt mit diesen Kriterien meine Auswahl auf zwei Kandidaten reduzieren können. Ich habe dann nach Umfragen gegoogelt, und beide stehen in der Viererliste vorne. Mélanchon hat schon vorher wegen seiner EU-feindlichen Haltung den Weg zum Papierkorb gefunden. Die Frage ist nun, Fillon oder Macron? Macron hat laut Umfragen knapp mehr Wahlabsichten als Le Pen, Fillon liegt deutlich drunter. Ich könnte Fillon wählen, um Le Pen nicht so einen großen Vorsprung zu gönnen. Der Ehemann ist Fillon skeptisch gegenüber, weil er sich als überzeugter Katholiker angibt. Er fürchtet, dass er die Laizität, die ich in Frankreich so schätze, gefährden könnte. In seinem Wahlkampfblatt steht aber, dass er sie weiterhin schützen würde. Und ich hatte vor vielen Jahren im Fernseher eine Debatte zwischen ihm und Jospin gehört, in der er viele interessante Ideen gebracht hatte. Andererseits kenne ich Macron nur seit dem aktuellen Wahlkampf, aber er bringt bessere Vorschläge im Bereich Soziales. Na ja, wie gesagt, meine Stimme für Fillon in der ersten Runde wäre erstmal nur eine rein taktische Wahl, um ihn näher an Le Pen zu bringen. Ich wage es kaum zu glauben, dass er sie sogar überholen könnte. Träumen kann man.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Vom Wochenende

Das Wetter war toll, richtig sommerlich. Wir sind am Samstag mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Einmal quer durch Berlin, West-Ost, von seiner Wohnung bis zu meiner. Dreiundzwanzig Kilometer. Ich habe mich daran gewöhnt, mindestens einmal pro Woche die Strecke zu radeln. Am Samstag sind wir mit Pausen zwischendurch gefahren, da ich wieder mit meinen Perioden dran war. Es hilft leider nicht viel. Seitdem wir zusammen sind, nehme ich langsam aber sicher wieder zu. Schuld ist für mich sicherlich das Abendessen, das ich vorher immer vernachlässigt hatte. Außerdem habe ich am Samstagabend leichte Schmerze im rechten Knie gespürt. Ich sollte die Höhe vom Sattel prüfen.

Am Sonntag war Wahltag. Ich habe zuerst das Wahllokal in Köpenick für die Europawahl besucht. Es war in einem hohen Wohngebäude, mit unauffälligen A4-Blättern als Schilder. Ich bin drei Mal mit dem Rad vorbei gefahren, bevor ich es gefunden habe. Zwei Rentner, die direkt gegenüber wohnten, konnten mir nicht sagen, wo das Wahllokal war. Gehen sie denn nie wählen? Danach sind wir, wieder mit Fahrrad, zur französischen Botschaft gefahren. Meine Vertreter am Konsulat wurden ebenfalls an dem Tag gewählt. Vermutlich haben sie diesen Tag ausgewählt, weil sie dachten, die meisten Franzosen gehen eh schon für die Europawahl zum Konsulat, dann können sie gleich an eine zweite Wahl teilnehmen. Nun, ich bin lange genug in Deutschland, um mich eher für die deutsche Politik zu interessieren. Am Ende waren wir wieder in Charlottenburg. Nachdem er auch seine Stimme für die Europawahl abgegeben hat, haben wir ein Bier draußen getrunken.

Über das Ergebnis der Europawahl will ich nicht diskutieren. Es haben sich schon genug darüber geärgert. Meine Stimme zählt sowieso nicht zu den französischen Ergebnissen, da ich in Deutschland für eine deutsche Partei gewählt habe. So viel sei gesagt: Ich habe mir dadurch vorgenommen, die lang in Erwägung gezogene doppelte Bürgerschaft endlich zu beantragen. Nächste Woche gehe ich zum Rathaus. Formal erfülle ich die Bedingungen, und die Gebühren sind kein Hindernis. Ich hoffe sehr, dass es klappt, da ich schon so lange in Deutschland wohne und nicht vor habe, beruflich zurück nach Frankreich zu ziehen, wo ich eh nie gearbeitet habe. Ob ich wirklich die doppelte Bürgerschaft nehme oder sogar die Französische komplett aufgebe, bleibt dann zu sehen.

Mein IT-Kollege konnte sich am Montag Kommentare über die Wahlergebnisse nicht verkneifen. Besonders lustig fand er, dass in Frankreich „vor kurzem noch ein Feiertag als Erinnerung an das Ende des zweiten Weltkrieges und somit den Sieg über Nazismus statt fand“, und gleichzeitig ein Viertel der (wählenden) Bevölkerung für eine rechtsextremistische Partei gestimmt hat. Interessant fand ich das Ergebnis der Wahl der Vertreter im Konsulat, die nur von den im Ausland lebenden Franzosen gewählt wurden. Dort hat die Partei von Le Pen gerade 4% erreicht. Mein IT-Kollege meinte, es wäre klar, da „nur Leute mit einer Arbeit in Deutschland leben würden und diese keine Existenzangst hätten“. Meine Erklärung ist eher, dass man sich als Ausländer nicht selbst in den Knie schießt.

Apropos, mein Knie schmerzt immer noch, und viel mehr als am Wochenende. Ich konnte gestern bei der Arbeit die Treppe nur schwer hoch oder runter gehen, und bin mit dem Bus nach Hause gefahren. Bei fast jedem Schritt spüre ich, wie er leise knackt. Er zeigt auch eine leichte Schwellung an der Seite. Ich habe gestern den ganzen Abend Eis drauf gelegt, ohne nennenswerte Besserung.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

„Il n’a personne vu“

Heute rege ich mich über meine Landesgleichen auf[1]. Und ich fange gleich mit dem Zitat im Titel an.

Nach meiner Promotion habe ich einen kurzen Vertrag für eine Arbeit in einem Forschungsinstitut in Frankreich bekommen. Fast alle meine Kollegen waren Franzosen, wir hatten auch einige Ausländer in meiner Gruppe, unter anderen einen Deutschen, Burkhardt, der seit zwei oder drei Jahren schon da war und fleißig Französisch lernte[2]. Wir sind eines Tages mit ihm und anderen Kollegen in die Mensa gegangen. Burkhardt hat uns eine Anekdote erzählt, ich weiß nicht mehr genau, worum es ging, aber er hat irgendwann gesagt, dass ein Mann niemanden gesehen hatte. Dabei hat er versehentlich die deutsche Grammatik eingesetzt und das Partizip am Ende gesagt: „Il n’a personne vu“, statt „Il n’a vu personne“. Im Grunde sind nur zwei Wörter getauscht. Nicht schlimm, man kann’s trotzdem verstehen, dachte ich. Was für eine Aufregung bei meinen französischen Kollegen! Einige haben nur gelacht, nachdem ich sein Fehler erklärt habe; eine andere Wissenschaftlerin konnte sich aber nicht mehr beruhigen, weil der Satz für sie völlig unverständlich war, und hat sich nur noch darüber aufgeregt, er sollte wenigstens richtig Französisch sprechen, wenn er sich mit den Leuten hier unterhalten wollte. Die blöde Zicke hat mir ein wenig Leid getan[3]. Wenigstens hatte sich Burkhardt die Mühe gegeben, sich unsere Sprache zu eignen. Ich würde gerne sehen, wie sie in sich in Deutschland ausdrücken würde. Deutsch hat sie anscheinend nie gelernt, sonst hätte sie sein Fehler verstanden. Diese Geschichte zeigt mir, wie verschlossen und intolerant einige Franzosen gegenüber andere Sprachen oder Ausländer sein können. So wenige Franzosen sind es nun auch nicht…

2002 hatten wir eine Präsidentschaftswahl. Wie üblich gab es zwei Wahlgänge, zwei Wochen voneinander entfernt, jeweils sonntags. Ich hatte damals den langen Weg aus Deutschland zu meiner Heimat gemacht, um mich an die Wahl zu beteiligen – das war gleichzeitig die Gelegenheit, meine Eltern zu besuchen. Am ersten Sonntag, Ende April, habe ich mit der Tagesschau abends einen tiefen Schock bekommen, als die Ergebnisse bekannt gegeben wurden. Bei einer Wahlbeteiligung von knapp 72% haben 17% der Wähler ihre Stimme für die rechtsextremistische Partei von Le Pen gegeben, und ihn damit ermöglicht, zum zweiten Wahlgang zu kommen, wo nur noch zwei Kandidaten übrig bleiben dürfen. So konnte Chirac mit 82% der Stimmen zum zweiten Mal gewählt werden. Mein Volk, meine Heimat? Nein, ich kann mich seitdem wirklich nicht mehr mit diesem Volk identifizieren[4].

Das schlimme daran ist, dass ich langsam den Eindruck bekomme, die meisten Wähler sind nicht in der Lage, sich über eine Partei oder über die Lage ihres Landes ein klares Bild zu machen – sie haben keine blasse Ahnung. Das sehe ich täglich auf Facebook. Ein Beispiel von heute Morgen: Eine Bekannte aus der Schulzeit teilt einen Status mit politischem Charakter aus irgendeiner Seite mit, in dem sehr karikaturistische Aussagen über die Parteien von links und rechts gemacht werden, und wo klar wird, dass der Autor die Linksangehörigen für Vollidioten hält und die Rechtsangehörigen für deutlich überlegener. Es ist mir im Grunde egal, wie der Verfasser dieses Status politisch orientiert ist. Was mich stört ist, neben der Benutzung von spöttischen pauschalen Aussagen ohne Quelle, um deren Gültigkeit zu prüfen, der letzte Satz (von mir ins Deutsche übersetzt): „Wenn eine Person einer rechten Partei diesen Status liest, teilt sie ihn mit. Eine Person der Linke nicht.“ Und gleich die Reaktion von meiner Bekannte: „Ich bin parteiunabhängig und teile diesen Status mit.“ Ich wollte gleich schreiben, „Du hast dabei vergessen, deinen Gehirn einzuschalten.“ Ich meine, einfach blind einer Aufforderung zum Mitteilen von irgendeinem Text folgen, weil eine unbekannte Person drin impliziert, wenn du nicht mitteilst musst du linksorientiert sein, also ein Vollidiot? Hallo? Das nenne ich einfach Spam zwecks Hirnwäscherei. Und es ist leider nur ein Beispiel. Vor zwei Wochen hatten wir ein Bild, der viral auf Facebook geteilt wurde, in dem eine Vergleichstabelle zwischen Arbeitnehmern und Arbeitslosen zeigte, dass man als Arbeitslos am Ende vom Staat viel mehr Geld zum Leben bekommt. Nirgendwo wurde angegeben, woher diese ganzen Zahlen kommen, oder auf welcher Basis sie gerechnet wurden, was Facebook-Benutzer nicht daran hinderte, munter das Bild weiter zu teilen. Wie Rue89 später berichtete (auf Französisch), handelte es sich ursprünglich um einen kleinen Witz, der absichtlich zum Spaß viele Fehler enthielt. Dabei interessierte sich keiner dafür, der das Bild weiter teilte, ob die enthaltene Information wahr ist oder nicht. Ahnungsloses Mitteilen ist aber katastrophal, wenn dadurch wie häufig Ideen von Rechtsextremisten an Gewicht gewinnen. Weil man ja diese populäre Weisheit kennt: „Wenn es auf Internet steht, muss es wahr sein“. Und es ist so bequem, die Schuld für eine schlechte Wirtschaftslage auf eine einfach zu identifizieren Bevölkerungsminderheit zu schieben. Diese Beispiele und viele mehr aus einem nicht geringen Teil meines Bekanntenkreises[5] auf Facebook zeigen mir, dass viele Leute ohne nachzudenken alles glauben, was man ihnen erzählt, und mir dadurch als Wahlunfähig erscheinen.

[1] Wobei ich denke, was ich erzähle wird in anderen Ländern nicht anders sein.
[2] Das alleine ist in meinen Augen schon lobenswert. Ich habe in Deutschland französische Kollegen gehabt, die sich nie die Mühe geben wollten, Deutsch zu lernen.
[3] In der Grundschule hatte man – wenigstens noch in meiner Zeit, und die Frau ist älter als ich – eine Übung gehabt, wo Wörter eines Satzes in einer beliebigen Reihenfolge angegeben waren, und man musste sie richtig anordnen, um einen Sinn zu bekommen. Dass sie das in diesem kleinen Satz nicht mal hinbekommen hat, fand ich… traurig.
[4] Ich kann das Ansehen der französischen Flagge auch nicht mehr ertragen, sie ist in meinem Kopf zu sehr mit dieser Partei verbunden. Die haben sie ja in ihrem Logo verarbeitet.
[5] Und aus meiner Familie…


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.