Dienstag

Mir geht’s schon viel besser. Das hätte ich nach heute Nacht nicht erwartet. Mit Kopfschmerz gegen elf ins Bett, um halb drei aus irgendeinem Grund wieder wach. Unruhig. Ständig gewälzt. Um halb sechs habe ich noch den Wecker geschaut. Um sieben hat er mich plötzlich aus einem heißen lesbischen Traum gerissen. Am frühen Morgen nach langer Schlaflosigkeit sind meine Träume immer sehr merkwürdig.

Als ich auf dem Weg zur Arbeit in die Straßenbahn eingestiegen bin, war Winfried auch drin. Er wohnt ein bisschen weiter weg auf der gleichen Linie. Wir haben uns während der Fahrt über die Entwicklung meines Projektes unterhalten. Wenn Uschi nicht da ist, übernimmt er ja seine Funktion als Chef. Ich habe wieder im Büro meiner Kollegen gesessen und versucht, mein Programm auf einer frischen Installation von openSUSE 13.1 zum Laufen zu bringen. Vergeblich. Qwt5 kann nicht gefunden werden, obwohl ich alle Pakete installiert habe. Google hat mich im Stich gelassen. Die Kaffeemaschine hat erneut gestreikt. Martin war wegen eines Termines den ganzen Vormittag nicht da. Er ist kurz vor der Mittagspause angekommen. Mittags waren wir nicht alleine. Ich bin dafür mit ihm nachmittags im Labor geblieben, aber natürlich ging’s primär um die Arbeit. Keine süße Zärtlichkeit wie am Wochenende. Um fünf war er schon weg, um zum Sport zu gehen. Mist.

Nach weiteren erfolglosen Versuchen mit Qwt5 bin ich zum Fitness-Studio gegangen. Mein Training lief super. Zwei Stunden, wie immer. Ich werde beim nächsten Mal das gleiche machen, aber es wird danach wieder Zeit, einige Gewichte zu erhöhen, damit es anstrengend genug bleibt. Ich habe fast die 70kg verlassen. Das Gewicht hatte ich ewig nicht mehr erreicht, obwohl ich nicht besonders auf meine Ernährung aufpasse. Döner-Box mit Pommes gibt’s relativ häufig. Selbst als ich vor drei oder vier Jahren täglich trainiert hatte, vor meinem Ischias-Problem, war ich nie unter 74kg gekommen. Ich muss zum Arzt gehen, um meinen Zustand prüfen zu lassen. Ich habe seit dem Sommer zu schnell abgenommen, und ich erinnere mich an mein Diploma-Jahr, als ich wegen der ganzen Paukerei super dünn geworden war und den Sommer danach mit Eisen- und Magnesium-Tabletten verbringen musste, weil erhebliche Mängel durch eine Blutspende zufällig ans Tageslicht gekommen waren.

Aber jetzt fühle ich mich toll. Das Training hat Spaß gemacht. Mein Ischias verhält sich fast wieder, als ob nie etwas gewesen wäre. Morgen gibt’s ein enges Kleid mit Pumps. Vielleicht kann ich Martin überzeugen, etwas am Abend zu unternehmen. Ohne dass meine (deutlich ältere) Kollegin Mieke es mitbekommt. Ich mag es nicht, wie sie sich manchmal mit ihm verhält, vor allem, da sie sich vor kurzem von ihrem Mann getrennt hat. Als ich das letzte Mal mit Martin zum Weihnachtsmarkt verabredet war, hatte sie es irgendwie erfahren und wollte sich einmischen. Etwas hatte sie doch im letzten Moment daran gehindert. Es war ein bisschen der Grund, warum ich zum Labor mit ihm heute Nachmittag gegangen bin, da er zum ersten Mal dort arbeitet und sie ihn vorher einweisen musste. Ich habe selber nie im Labor etwas gemacht, ich konnte dadurch meine Absicht gut tarnen. Vielleicht bilde ich mir nur etwas ein. Mit mir verhält sie sich auch überfreundlich.

Ein schöner Tag

Ich bin trotz Müdigkeit recht früh aufgewacht. Wieder die Kleine oben, die einen Alptraum hatte und ihre Eltern beim Weinen geweckt hat. Was für eine anstrengende Zeit. Dass es über ein halbes Jahr dauern kann, wusste ich aus meiner eigenen Kindheit nicht mehr. Immerhin konnte ich dadurch den Status des Fluges meiner Mami prüfen und sie direkt nach der lang erwarteten Landung anrufen.

Ich war gerade mit der Dusche fertig, als Martin mir eine Nachricht schickte. Ob wir uns um 13:00 treffen könnten? Ich habe mich fertig gemacht und bin los gegangen. Es hat mit Bus und Bahn gerade zeitlich geklappt. Wir haben eine Ausstellung besucht. Über drei Stunden sind wir dort geblieben. Wie kann es sein, dass ich beim Spazierengehen mit meiner Mami solche starke Ischiasschmerze gespürt habe, und mich total gut fühle oder nur eine leichte Störung merke, wenn ich mit ihm unterwegs bin? Die wahrscheinliche Antwort gefällt mir nicht. Die Schmerze sind doch real.

Nach der Ausstellung haben wir in einer Kneipe nebeneinander gesessen. Wieder viel geredet. Bier getrunken. Nach einiger Zeit hat er meine Hand in seine genommen und sie nicht mehr los gelassen. Klar habe ich mich nervös gefühlt, auch wenn ich es so schön fand. Bei seinem Vorschlag, ein drittes Bier zu trinken, musste ich die Bremse ziehen. Ich wusste noch, wie es mir gestern auf dem Weg nach Hause ging. Stattdessen sind wir essen gegangen. Und auf dem Weg dahin haben wir Händchen gehalten. Die Strecke kam mir viel zu kurz vor. Hunger hatte ich sowieso nicht. Wie auch? Nach dem Essen hat er vorgeschlagen, zur U-Bahn zurück zu gehen. So früh. Ich habe gedacht, wir hätten doch in der Kneipe bleiben sollen. Aber stimmt, morgen fängt die Arbeit wieder an. Wir sind Hand in Hand zur U-Bahn langsam gegangen. Mein Zug kam zu schnell an. Ich habe ihn umarmt; er hat nicht versucht, mich zurück zu halten. Küssen, nicht küssen? Er hat nicht ausgesehen, als ob er das möchte. Ich bin in den Zug eingestiegen. Völlig durcheinander. Bei der nächsten Station wollte ich schon aussteigen und zu ihm zurück laufen. Aber nein, ich bin doch weiter gefahren.

Es gibt also Männer, die sich mit einer Frau richtig süß verhalten können, ihren Herzen völlig wild zum Schlagen bringen, und sie anschließend alleine nach Hause gehen lassen. Eigentlich wollte ich nichts erwarten und mich nicht zerreißen lassen. Es klappt nicht so gut.

Gestriges Date

In einem Wort zusammengefasst: Frust.

Wir hatten uns in einer Kneipe verabredet. Die mag ich sehr, sie bietet richtig bequeme hängende Sessel auf der Terrasse an. Es war ein bisschen kalt, aber die nette Kellnerin hat uns Decken verteilt. Wir haben zuerst Kaffees bestellt. Es gab vieles zu diskutieren, er ist ständig unterwegs gewesen. Als die Zeit verging, wurden wir hungrig. Er vor allem, ich nicht wirklich. Ich hatte schon wieder Kribbeln im Bauch. Nach einem Cocktail haben wir uns auf der Suche nach einem Restaurant gemacht.

Es wurde eine Pizzeria. Er war sich nicht sicher, ob er dahin gehen möchte, weil er sie nicht kannte. Wieder ein Ausdruck seiner Entschlussunfähigkeit? Ich habe ihm gesagt, wenn er nichts probiert, kann er sich keinen Urteil bilden. Wir sind hingegangen. Da sie voll war, wurden wir zuerst zur Gin-Bar nebenan geleitet. Natürlich musste es eine Kostprobe geben. Kurz danach wurde ein Tisch frei. Ein Pizza war mir eigentlich zu viel. Es war lecker. Dazu gab’s noch ein Glas Rotwein. Es hätte nicht sein müssen. Mir wurde sehr warm. Im Gegenteil zu ihm, weil er noch kalte Hände hatte. Ich habe sie erwärmt. Es ist nicht das erste Mal. Er hat meine Hände so sanft gestreichelt, dass ich den Eindruck hatte, dass mein Brustkorb viel zu klein ist und explodieren könnte. Und danach ist nichts geschehen. Ich könnte heulen.

Wir sind noch ins Kino gegangen und haben The Secret Life of Walter Mitty geschaut. Es hat mir sehr gefallen. Um ehrlich zu sein, habe ich mich in dem Hauptcharakter mit seinen Tagesträumereien total erkannt. Das ist nicht gut. Als er am Ende endlich mit seiner Verliebte Händchen gehalten hat, wollte ich Martin sagen, „siehst du, so einfach geht’s“. Ich hab’s nicht geschafft. Wir haben uns an der S-Bahn verabschiedet. Ich hatte eigentlich Kopfschmerz, mir ging’s übel, im Kino war’s mir zu warm gewesen, mein Puls war viel zu hoch. Ich glaube, er hat’s nicht mitbekommen. Als ich endlich zu Hause angekommen war, habe ich ihm buchstäblich eine gute Nacht SMS geschickt.

Heute treffen wir uns wieder.

Neues Date

Er hat sich gemeldet.

Ich war mit meiner Mami in der Küche. Wir hatten gerade zum Abend gegessen und waren beim Aufräumen. Ich hatte kurz mit Mei gechattet, das Handy lag noch auf dem Küchentisch. Als ich aus der Küche raus ging, hat es geklingelt. Ich dachte, es wäre wieder Mei. Es war Martin. Ein breites Grinsen konnte ich nicht unterdrücken. Ich habe ihm gesagt, dass meine Mami erst am Samstagnachmittag zurück nach Hause fliegt. Danach treffen wir uns. Für „was auch immer uns einfällt“. Ein guter Plan.

Ich verstehe jetzt nicht mehr, warum ich seit zwei Wochen keine Zeit gefunden habe, ins Fitness-Studio zu gehen. Ich hatte viel zu tun, da meine Mami zu Besuch gekommen ist. Ich habe vor ihrer Ankunft meine Wohnung weiter eingerichtet (fertig bin ich noch nicht ganz). Dann war sie da und wir haben vieles unternommen. Mein Ischias hat dabei teilweise höllisch geschmerzt, ich musste zum ersten Mal seit ewig Diclofenac einnehmen. Trotzdem hätte ich mehr Sport machen sollen. Ich war erst heute vormittags wieder im Fitness-Studio, und das nur, weil ich bei der Optikerin gegenüber einen Termin hatte. Gestern war ich kurz mit dem Fahrrad unterwegs. Ich habe seit unserem letzten Date ein wenig zugenommen. Vielleicht mache ich am Samstag früh noch Sport. Morgen werde ich wenig essen. Dieser Bauch muss wieder flacher werden. Wer weiß, was am Samstag geschieht…

Ich vermisse ihn

Schon seit unserem letzten Treffen. Ich bereue, dass ich an dem Abend nichts gewagt habe. Ich glaube, was mich davon abgehalten hatte war, dass ich nichts Ernstes im betrunkenen Zustand machen will.

Am Tag danach hat es mich zu sehr beschäftigt. Ich wusste, dass er sich den Nachmittag frei genommen hatte. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich mein Handy holen wollte, um ihn anzurufen. Aber er hatte gesagt, dass er den Nachmittag brauchte, um sein Gepäck fürs Urlaub zu packen. Er hatte auch gesagt, er würde sich bei mir im Januar melden, sobald er wieder in Berlin ist. Ich habe ihn nicht angerufen.

Am Freitag fand ich es immer noch schwer. Ich hätte ihn so gerne vor seiner Reise am Flughafen getroffen. Ich habe ihm doch nur eine „gute Reise“ SMS geschickt. Die hat er erst zwei Stunden später beantwortet. Er hat sich bedankt. Er hat noch mal geschrieben, dass wir uns im Januar sehen. Und er hat „liebe Grüße“ geschrieben. Ich bin noch am Rätseln.

Ich weiß, dass wir uns im Januar sehen. Im schlimmsten Fall erst bei der Arbeit. Warum nimmt er sich die Mühe, dass trotzdem zu schreiben? Es könnte ein Trost sein. Eine Art zu sagen, „ich melde mich wieder, wenn ich da bin, ich hab’s dir ja versprochen“. Es könnte auch heißen, „bis dahin brauchst du mich nicht anzurufen, nerv mich nicht“. Es wirkt irgendwie verbietend. Vor allem, weil er mir schon zwei mal erzählt hat, dass ein Freund von ihm eine Ex-Freundin hatte, die sich in seinem Leben derart eingedrungen hatte, dass er alle Kontakte mit Freunden und Familie abgebrochen hatte. Vielleicht hat er Angst, dass das gleiche ihm passieren könnte. Er hat von vielem Angst. Vielleicht interpretiere ich zu viel aus diesem einfachen Satz.

Ich weiß nicht, ob ich mich über sein „liebe Grüße“ freuen soll. Es ist eine so verbreitete Grußformel, auch wenn er eigentlich bis jetzt keine bei mir benutzt hatte, weder in Emails noch in SMS… Es hat wahrscheinlich nichts besonderes zu bedeuten. Ich warte einfach nur, dass er sich meldet. Bestimmt frühestens ab Freitag. Dann ist es schon in Ordnung, ihn zu fragen, ob er heil zurück gekommen ist.

Ein schönes Wochenende

Vielleicht sollte ich aufhören, mir Vorsätze über meine Gefühle zu machen. Einfach das Leben nehmen, wie es kommt, und mir keinen Kopf mehr machen. Fakt ist, ich bin gerne mit ihm zusammen. Ich will meine Zeit mit ihm genießen. Vielleicht wird es was, es wäre schön, vielleicht nicht. Das wäre auch nicht dramatisch.

Nanu? Was ist denn schon wieder los? Eigentlich nichts, und vieles.

Als wir am Freitag aus der Weihnachtsfeier zur S-Bahn unterwegs waren, hatte ich ihn gefragt, wann wir den Weihnachtsmarkt in seinem Viertel besuchen würden. Er hatte ihn schon mehrmals letzte Woche als wunderschön beschrieben, und ich hatte mein Interesse bekundet. Wir haben uns auf Samstagabend geeinigt. Gesagt, getan. Ich habe anderthalb Stunden mit S-Bahn und Bus gebraucht. Es hat geschneit. Kurz vor sechs habe ich bei ihm geklingelt. Wir haben zuerst auf dem Sofa gequatscht. Es war kalt gewesen draußen, er meinte, ich sollte mich wieder aufwärmen, bevor wir los gehen.

Als wir uns eine Stunde später auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt machten, fragte er sofort, ob ich wüsste, wie der junge Mann aus der Weihnachtsfeier hieß, mit dem wir gesprochen hatten. „Keine Ahnung“, sagte ich, „ich dachte, du wüsstest es. Warum?“ „Ach, einfach so“, erwiderte er. „Unsere Studentin hatte vorher mit ihm geredet, vielleicht kann sie es dir sagen, wenn du es unbedingt wissen willst“, meinte ich uninteressiert. War das gerade Erleichterung auf seinem Gesicht? Er fing dann an, über ihn zu lästern. Irgendwie süß. „Wie kann man sich als Metal-Fan behaupten und Metallica nicht kennen?“ regte er sich auf. Ich hatte ja während der Diskussion am Vorabend erwähnt, das Martin und ich zu einem Rock-Festival im Sommer nach Belgien fahren wollen (yeah!), weil sie diese Woche angekündigt haben, dort zu spielen. Der Balg schien überrascht zu sein. Von Metallica hätte er nur am Rande etwas mitbekommen, und war da nicht eine Geschichte mit dem Herunterladen von Musik? „Er ist einfach zu jung“, meinte ich. „Ja, er hat keine Ahnung“, sagte er abwertend. Hahaha, Männer verhalten sich bei manchen Sachen recht ähnlich. Er muss ihn als ernsten Rivalen gesehen haben. Ich habe den Eindruck, dass es ihn beschäftigt hat. Gut so.

Wir haben Glühwein geholt und sind durch den Weihnachtsmarkt und am Schloss spazieren gegangen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, worüber wir uns unterhalten haben. Es war einfach schön, dicht an seiner Seite zu gehen. Ich habe die Hütten kaum beobachtet. Wir haben in einem Zelt gegessen. Es gab viele lange Blickkontakte mit süßen Lächeln. Ich habe wieder Kribbeln im Bauch bekommen. Er hat sogar für einen kurzen Moment meine Wange ganz sanft berührt. Ich war zu überrascht, um die Gelegenheit am richtigen Zeitpunkt zu nutzen. Und das war’s. Ich habe gedacht, er muss wirklich sehr scheu sein. Das bin ich auch. Das kann lange dauern.

Als wir den Zelt verlassen haben, hat er mich spontan gefragt, ob ich nicht Lust hätte, bei ihm einen Film zu schauen. Klar. Für ihn komme ich jederzeit gerne zu einem letzten Glas / Film / was-auch-immer mit. Wir haben es uns wieder bequem auf dem Sofa gemacht. Blöderweise hat er zwischen uns noch Gläser gestellt. Nette Idee, aber ich konnte mich dadurch nicht bei ihm einkuscheln. Das fand ich sehr frustrierend. Als der Film zu Ende ging, war es schon halb eins. Er hat mich geschaut, als ob er etwas sagen wollte und sich nicht traute. Mund auf, eingeatmet, Mund zu. Ich habe einfach gewartet. Beim dritten Versuch meinte er, ich könnte auch bei ihm übernachten. Ich habe gedacht, meiner übergewichtigen Katze würde es ausnahmsweise nicht schaden, den Futternapf über Nacht nicht gefüllt zu bekommen. Ich habe zugesagt. Er meinte, ich könnte auf dem Sofa schlafen. Seufz.

Heute Morgen sind wir spazieren gegangen. Wir haben in einem Kaffee gegessen. Wieder verliebte Blicke ohne Folge. Da er nachmittags verabredet war und ich zum Sport gehen wollte, hat er mich zur S-Bahn begleitet. Sein Gesicht war schön warm, als wir uns zum Abschied umarmt haben. Er hat dabei gelächelt. Ein breites Grinsen hat sich im Zug auf meinem Gesicht eingenistet und wollte während der ganzen Fahrt nicht mehr weg gehen. Ich habe getan, als ob ich gegen die Fensterscheibe schlafen würde und habe es versteckt.

Oder auch nicht

Am Dienstag hieß es, ich wäre nicht mehr verliebt. Von wegen.

Das dachte ich noch am Mittwoch. An dem Tag ging’s mir nicht so gut. Ich bin mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren, wie jeden Tag. Es hat stark geregnet. Ich habe nicht daran gedacht, Regenkleider anzuziehen. Ich war schon verspätet und habe gedacht, das Wetter würde gleich besser werden. Nein, es hat im Gegenteil noch stärker geregnet, als ich weg gefahren bin. Aber mit der Straßenbahn wäre ich länger unterwegs gewesen. Ich habe den ganzen Vormittag in meinem Zimmer gebraucht, bis meine Hose wieder trocken wurde. Mittags bin ich zu meinen Kollegen auf der ersten Etage herunter gegangen, um mit ihnen essen zu gehen. Meine schwarze Wolljacke war noch ein bisschen naß und kalt. Und da saß Martin vor seinem Rechner, mit bloß einem T-Shirt. Ich habe spontan Lust gehabt, in anzufassen. Ich habe es auch getan. Nein, ich wollte ihm nur zeigen, wie kalt meine Jacke noch war, als ich seinen Arm sanft berührt und gestreichelt habe. Ich war ja doch gar nicht mehr von ihm angezogen. Er hat die Näße meiner Wolljacke zuerst gar nicht gemerkt und mich mit angenehm überraschtem Lächeln geschaut. Dadurch ist mir meine Tat bewusst geworden. Ich habe mich innerlich gefühlt, als ob ich gleich mehrere Stufen in der Treppe verpasst hätte. Uh oh.

Heute haben wir nur zu zweit gegessen. Er war den ganzen Vormittag unterwegs, und ich hatte ihm gestern am Telefon gesagt, dass ich mittags auf ihn warten würde. Er hatte mich in meinem Zimmer angerufen, um mich über seine Abwesenheit zu informieren. Meine anderen Kollegen wollten heute früher essen gehen, und so konnte ich alleine mit Martin sein. Beim Kaffee hat er mich daran erinnert, dass wir mal über den Beaujolais nouveau geredet hatten (ich weiß es noch ganz genau, es war bei unserem dritten Date). In Frankreich schauen wir zwar auf diesen Wein immer herunter, aber gefeiert wird er trotzdem. Da sagte er, „Wenn du willst, könnten wir zusammen –“ „Ja!“, meinte ich sofort. „… zusammen bei mir zu Hause etwas dafür machen.“ Schüchternes Lächeln. Hätte ich wenigstens auf das Ende seines Vorschlages warten können, dann hätte es nicht so eifrig gewirkt. „Ja, gerne,“ wiederholte ich mit einem Lächeln. Ich war diesmal in der Lage, seinen Blick zu erwidern.

So ist Der Plan also. In zwei Wochen besaufen wir uns bei ihm. Wenn dann nichts passiert… Hoffentlich kommt er nicht auf die Idee, andere Freunde einzuladen.

Spontanes Date

Wenn ich mich nicht verzähle war’s gestern mein fünftes Date mit Martin. Und es war nicht mal geplant. Die beste Art von Dates überhaupt.

Wir haben wieder spät gearbeitet, wie bei jedem Montag. Wir sind nicht sehr effizient gewesen. Ich denke, unser Chef hätte für die gleiche Aufgabe locker die Hälfte der Zeit gebraucht. Ich kenne mich noch nicht so gut mit den Geräten aus, und Martin arbeitet lieber langsam, dafür sehr sorgfältig. Ich muss gestehen, er arbeitet ein bisschen zu langsam für mein Gefühl. Aber ich beschwere mich nicht, sonst hätten wir früher den Labor verlassen und danach vielleicht gar kein Date gehabt.

Es war schon nach 20:00, als wir Feierabend gemacht haben. Wir waren deutlich früher als letzte Woche fertig, da uns keine neue Probe zu messen gegeben wurde. Ich hatte schon Martin daran erinnert, dass wir letzte Woche ursprünglich vor hatten, Eis essen zu gehen, was uns doch nicht gelungen war. Er meinte, wir sollten es am Ende der Woche nachholen, da das Wetter besser werden soll. Wir sind zu seinem Büro zurückgekehrt, wo ich meine Sachen auf dem Weg zum Labor schon gelassen hatte, um nicht zu dritten Etage zurück gehen zu müssen (im Dunkel auch noch, nur mit dem Licht für die Fluchtwege, ich habe bis jetzt nicht herausgefunden, wo die Lichtschalter im Flur sind).

Als wir die Treppe zum Haupteingang herunter gingen, meinte Martin plötzlich, dass wir essen gehen könnten. Ich habe ihn also durch den Viertel auf der anderen Seite der S-Bahn-Station geführt – ich kenne mich dort sehr gut aus, da ich in den ersten anderthalb Monaten hier keine Wohnung hatte (die Notwohnung in Juli war mit Spinnen infiziert, ich habe so wenig Zeit wie möglich dort verbracht). Wir sind zu einem asiatischen Restaurant gegangen. Genauer kann ich es nicht spezifieren, weil sie Gerichte aus vielen Ländern anbieten. Ich habe Sushi bestellt. Die Auswahl war schwierig. Weil Martin mir gegenüber saß, und mir wieder so ein schönes Lächeln geschenkt hat. Also musste ich viel durchblättern, bevor ich überhaupt etwas von der Karte wahrnehmen konnte. Warum muss ich dabei immer so nervös sein? So wird es nie was, wenn ich mich ständig schüchtern verhalte. Ich hätte gedacht, ich wäre dafür schon längst aus dem Alter raus.

Wir haben gerade eine Stunde im Restaurant verbracht, weil Martin auf der anderen Seite der Stadt wohnt und noch eine lange Fahrt hatte. Ich bin mit dem Fahrrad nach Hause gefahren, und war verblüfft, am Park kurz vor meiner Wohnung einen Fuchs zu treffen. Fotografieren ging nicht, es war viel zu dunkel. Er hat mich geschaut und ist ins Gebüsch verschwunden, als ich mich langsam näherte. Heute habe ich Martin kaum gesehen. Es liegt aber daran, dass ich mittags beim Zahnarzt war, um alte Füllungen neu zu machen, und den ganzen Nachmittag einen schiefen Gesicht hatte. Die Wirkung der Betäubung hat über fünf Stunden gedauert.

Wochenende

So schnell.

Ich hatte diese Woche viel zu tun. Die Nutzer-Betreuung hat viel Zeit in Anspruch genommen. Ich war eigentlich nur gestern für die Nutzer zuständig, aber ich bin immer wieder gerufen worden, weil sie meine Software benutzen. Das ist gut, dadurch kann ich am besten ihre Bedürfnisse erfahren und Bugs identifizieren. Der Nachteil ist, dass ich sehr wenig Zeit für mein Projekt hatte. Ich habe heute Nachmittag schnell ein paar neue Bugs beseitigt, um bei unserem Meeting am Montag etwas zu erzählen zu haben.

Heute kam eine nette Gruppe aus Polen, die ich bei der letzten Tagung kennen gelernt hatte. Es hat mich sehr gefreut, sie wieder zu sehen. Ich war früh angekommen, um den Stand der Geräte nach meinen Gruppen von gestern zu prüfen und für die nächsten Gruppen aufzuräumen. Sie haben angenommen, dass ich ihre Gerätewissenschaftlerin wäre, aber heute war Martin dran.

Ihm ging’s heute nicht gut. Er hat seit Mittwoch immer noch Kopfschmerz. Er sagt, es liege am Schlafmangel. Heute beim Kaffee wirkte er besonders schlecht gelaunt. Er hat sich aber entschuldigt, als er gesehen hat, dass ich mir Sorgen gemacht habe. Er hat erzählt, dass er morgen mit seinem Vater nach Hamburg fahren muss. Er ist wirklich sehr häufig mit ihm. Ich frage mich manchmal, ob es ihn nicht ein bisschen bedrückt. Ich habe versucht, ihn aufzumuntern. Ich wollte ihn umarmen, aber ich habe mich nicht getraut. Immerhin habe ich es geschafft, ihm auf dem Rückweg zur Arbeit ein Lächeln zu entlocken. Vielleicht warte ich, dass es ihm besser geht, bevor ich in die Offensive gehe.

Ich hatte gehofft, dass wir am kommenden Montag wieder zu zweit eine Spätschicht machen würden. Unser Chef hat sich dazu nicht geäußert. Als ich Martin gefragt habe, ob er etwas wüsste, meinte er spontan, es wäre schön, wenn wir wieder zusammen arbeiten könnten. Ich konnte nur zustimmen. Seine Aussage hat mich sehr gefreut. Aber ich frage mich, wenn er das wirklich meint, warum hat er mich gestern Abend nicht zurück gerufen? Ich hatte versucht, ihn aufs Handy zu erreichen, und er war nicht dran gegangen… Heute hat er es nicht mal erwähnt. Merkwürdig.

Und doch kein Date

Heute Morgen bin ich beim Aufwachen immer noch sehr müde gewesen. Ich habe eine Stunde gebraucht, bis ich mich endlich von dem Bett gelöst habe. Beim Fahrrad fahren zur Arbeit wollte ich an jeder Ampel einschlafen, und habe einen leichten Kopfschmerz gespürt, der mich den ganzen Tag begleitet hat. Es liegt daran, dass ich gestern Abend wieder spät bei der Arbeit geblieben bin, bis etwa 19:30. Eine Beamline war ausnahmsweise frei, und ich habe die Gelegenheit genutzt, um weitere Proben zu messen. Gleichzeitig waren Nutzer an den anderen Geräten beschäftigt, und ich habe für sie nebenbei den local contact gespielt, da Winfried, der gestern dran war, schon nach Hause gefahren war. Danach musste ich alles im Labor aufräumen, was ich für die Probenvorbereitung gebraucht hatte. Ich hatte noch vor, an dem Tag zum Fitness-Studio zu gehen. Ich habe die letzten Übungen mit Mühe gemacht und bin nach 22:00 nach Hause angekommen. Heute war schwierig. Ich bin mehrfach vor meinem Rechner fast eingedöst. Nicht ganz, weil mein IT-Kollege da war. So richtig produktiv war ich nicht.

Gegen 17:30 hat Martin mir gesagt, wir könnten jetzt zu mir gehen. Das Wetter war bedeckt. Wir haben beide festgestellt, dass wir Kopfschmerz hatten. Meine Kollegin Mieke, die sonst ständig darunter leidet, fühlte sich heute ausnahmsweise gut. In meinem Fall liegt es definitiv am Schlafmangel. Seit dem Wochenende habe ich viel zu wenig geschlafen. Hauptsächlich wegen Martin. Aber er hatte mir am Montag angeboten, heute Abend Eis essen zu gehen, und ich wollte mit ihm ausgehen, egal, wie ich mich fühle. Er wollte vorher bei mir noch mit Hilfe der Bohrmaschine die restlichen Lampen aufhängen. Es hat über eine Stunde gedauert. Wir sind nicht Eis essen gegangen. Sein Vater hat ihn zwischendurch angerufen. Als er mit meinen Lampen fertig war, hat sich Martin von mir verabschiedet und ist für seinen Vater einkaufen gegangen. Morgen Abend hat er sich mit ihm verabredet. Ich habe mich für seine Hilfe mehrmals bedankt, und er hat gesagt, dass er das doch sehr gerne gemacht hat. Und ist mit einem breitem Lächeln weg gegangen. Und nicht mal ein Küsschen auf die Wange. Ich bin auf meine Katze neidig. Sie hat sich hemmungslos voll gegen ihn gereibt, und er hat sie viel gestreicht. Mich hat er kaum berührt. Das ist so unfair.

Mein Kopfschmerz ist verschwunden, seitdem wir zu mir angekommen sind. Ich bin auf ein mal nicht mehr so erschöpft. Ich fühle mich jezt aber leer. Eigentlich wollte ich mit ihm einen schönen Abend verbringen. Es ist ganz anders gelaufen. Es ist vielleicht besser so, ich habe viel Schlaf nachzuholen, und morgen bin ich zum allerersten Mal offiziell local contact für die Nutzer an den Beamlines. Das heißt, ich muss spätestens um halb neun bei der Arbeit sein, und muss dafür schon um zehn vor acht mit der Straßenbahn fahren. Mein Fahrrad ist heute bei der Arbeit geblieben, wir sind mit Martin im Auto zu mir gefahren. Gerade hat er mich angerufen. Ich war wieder voll aufgeregt, aber es ging nur darum, zu wissen, ob er morgen mit mir als local contact stehen soll oder nicht. Soll er nicht. Morgen muss ich ihn daran erinnern, dass wir eigentlich vor hatten, Eis essen zu gehen. Mal schauen, wie er darauf reagiert. Hoffentlich nicht mit einem „Warum fragst du nicht Ronald?