Verpeilt

Gestern bin ich in der S-Bahn kontrolliert worden. Kurz bevor ich aussteigen musste.

Mein Jahresabo liegt in meinem Portemonnaie. Seitdem ich es letztes Jahr gekauft habe. Ich musste es nur raus graben.

Das Portemonnaie liegt in meinem Rucksack. Ganz tief im mittleren Fach, wo man schlecht ran kommt. Ich will es Langfingern nicht leicht machen. Obendrauf lag gestern meine Tüte mit der leeren Mittagessensdose, und obendrauf noch meine neuen Kopfhörer, die mir der Ehemann zu Weihnachten geschenkt hatte. Sowie ein noch nicht geöffneter Briefumschlag mit meiner Gehaltsabrechnung von Januar, weil wir sie nicht per Post geschickt sondern im Büro ausgehändigt bekommen.

Ich greife also zum Portemonnaie. Dafür muss ich erstmal den Rest raus nehmen. Neben mir sitzt niemand mehr, ich habe Platz. Ich zeige dem jungen Mann mein Abo, nachdem ich es mühsam aus seinem Fach geholt habe. Der Mann nimmt sich Zeit, es sich genau anzuschauen, aber nach meinem Ausweis fragt er nicht, obwohl mein Abo persönlich ist und nicht geliehen werden darf. Ich packe dann das Abo zurück ins Portemonnaie, was nicht auf Anhieb klappen will. Ich hole es zu selten aus seinem Fach. In Berlin war es einfacher, man hatte eine Karte die elektronisch gelesen werden konnte, statt so ein kleines Pappstück wie hier, und man konnte es sogar auslesen lassen, ohne die Karte vom Portemonnaie raus zu nehmen.

Wir erreichen Argelsried. Ich packe noch die Tüte mit der Dose ein, und muss schon gleich aussteigen.

Heute Morgen komme ich zur Arbeit an. Ich will wie gewohnt die Kopfhörer benutzen und stelle fest, ich habe sie nicht dabei. Ich muss sie zu Hause liegen lassen haben, und teile dies dem Ehemann mit, der darauf nicht antwortet.

Ich arbeite munter vor mich hin, da die Kollegen nicht im Büro sind, bis das Telefon vom Büro mich aus meiner Programmiererei reißt. Es ist für mich, den Anrufer kenne ich nicht. Er fragt, ob ich seit gestern nichts vermissen würde. Mir fällt erstmal nichts ein, weil ich noch glaube, die Kopfhörer zu Hause vergessen zu haben. Er sagt, er hätte gestern Abend in der S-Bahn einen Briefumschlag mit meinem Namen auf einem blauen Beutel gefunden, der Kopfhörer enthält.

Ich fasse es nicht. Wie verpeilt muss ich sein, dass ich nach einer einfachen Fahrscheinkontrolle die Hälfte meiner Sachen auf dem Sitzplatz neben mir übersehe und liegen lasse? Es macht mich ganz schön fertig, weil die Kopfhörer ein Geschenk vom Ehemann sind, und ich schaffe es, sie nach einem Monat zu verlieren. Im Büro wollte ich sie nicht auf dem Schreibtisch lassen, weil wir keine verschließbare Möbeln haben, und ich nicht sicher bin, dass ich allen Kollegen vertrauen kann. Ich kenne noch nicht mal die Namen von der Hälfte. Also habe ich bis jetzt die Kopfhörer jeden Tag hin und her geschleppt.

Ein Glück, dass ich gestern meine Gehaltsabrechnung mitgepackt habe, sonst hätte der gute Mann am Telefon gar nicht gewusst, wem die Sachen gehören. Er hätte sie zum Fundbüro gebracht, sagte er, und ich hätte sicherlich nie daran gedacht, dort nachzufragen. Ein Glück auch, dass der Mann so nett ist und sich die Mühe gegeben hat, mich ausfindig zu machen.

Wir verabreden uns heute Abend nach der Arbeit bei ihm. Der Ehemann fährt mich mit dem Auto hin. Wir bringen als Dankeschön eine Flasche Wein aus unserem Lager mit.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Der verlorene Regenschirm

Meinen letzten Regenschirm habe ich vor vielen Jahren erworben. Vorher hatte ich immer ganz billige Regenschirme gekauft, die recht schnell zerbrachen, sobald es zum Regen ein bisschen Wind gab. Also ziemlich häufig, vor allem, wenn man in Aachen lebt. Nachdem der letzte billige Regenschirm nicht mal einen halben Tag gehalten hat, habe ich beschlossen, mehr zu investieren, und habe mir einen schicken Taschenregenschirm von Knirps geholt. Die von der Verkäuferin angepriesene Windstabilität hat mich überzeugt, sowie der Knopf, der nicht nur den Regenschirm öffnet, sondern den auch zusammen falten lässt. Es war damals ein Schock, vom üblichen 5€ Regenschirm zur 30€ Variante zu wechseln, hat sich aber definitiv gelohnt. So lange hatte ich noch nie einen Regenschirm behalten.

Das war vorher. Jetzt lebe ich nicht mehr alleine, und weil mein Regenschirm so schick aussieht, grau-schwarz mit Hahnentritt-Muster, ist er vom Ehemann recht häufig benutzt worden. Ich habe noch nie gesehen, dass jemand den selben Regenschirm dabei hatte. Bei Regenschirmen dürfte es wie bei Schneeflocken sein: Sie sind alle einzigartig 😀

Ich muss sagen, mit den Jahren ist der Regenschirm nicht mehr so gut geworden. Gegen Wind ist er immer noch recht stabil, aber er tropft jetzt ein bisschen, wenn er naß ist. Man hält ihn über den Kopf und kriegt trotzdem den einen oder anderen Tropf ab. Das sieht man auch daran, dass die Kiele leicht verrostet sind, und der Stoff durchnäßt aussieht an den Stellen, wo das Wasser nicht mehr abperlt. Nicht mehr ganz dicht, der Regenschirm. Trotzdem mochte ich ihn.

Groß war meine Enttäuschung, als der Ehemann mir vor zwei Monaten beichten musste, dass er meinen Regenschirm in der S-Bahn liegen lassen hatte. Er war gerade in Potsdam angekommen und hatte nach dem Aussteigen gemerkt, dass er den Regenschirm nicht dabei hatte. Er ist schnell zurück zum Wagen gerannt, hat aber nichts mehr gefunden. Vermutlich hatte jemand den Regenschirm sofort mitgenommen. Es regnete ja.

Ich komme wieder drauf, weil es momentan so häufig regnet. Wie heute Morgen. Ich bin mit meiner Regenjacke zur S-Bahn gegangen. Habe mich in der S1 hingesessen, zwischen zwei Männern. Ich musste kurz in meiner Tasche zwischen meinen Füßen etwas suchen, und mein Blick ist zufällig zum Regenschirm zwischen den Füßen von meinem Sitznachbarn gewandert — ein asiatisch aussehender gepflegter Mann mittleres Alters mit Anzug, der etwas auf seinem Tablet las. Und ich konnte es nicht fassen: Genau zwischen seinen Füßen lag mein Regenschirm! Ja, genau wie ich ihn in Erinnerung habe, mit seinem Hahnenschritt-Muster und seinen nicht mehr dicht aussehenden Flecken! Was kann man in einer solchen Situation sagen? Leider nichts… Ich hoffe, der neue Besitzer behandelt ihn gut.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Vergesslich

„Wenn man keinen Kopf hat, hat man Beine“, ist ein beliebter Spruch meiner Mami (Quand on n’a pas de tête, on a des jambes). Ich habe ihn stets hören müssen. Meistens, weil ich als ältestes Kind häufig zum schnellen Einkaufen ins Dorf geschickt wurde (Baguette, Eier, Milch, Gitanes sans filtre für meinen Vater), und mehrmals raus musste, um vergessene Sachen zu holen. Ich durfte keine Liste mitnehmen, um mein Gedächtnis zu trainieren.

So ging es mir wieder viele Jahre später, als ich Doktorandin wurde. Wenn ich samstags einkaufen ging, nutzte ich die Gelegenheit gerne, um noch Shopping zu machen. Ich habe viele Tüten dabei geschleppt. Und mindestens eine davon habe ich regelmäßig in einem Laden liegen lassen, was mir wesentlich später einfiel. Zum Glück habe ich meine vergessene Sachen immer wieder gefunden. Selbst das Portemonnaie, das an einem Freitagabend beim Kaisers an der Kasse liegen geblieben war, und das mir erst am Samstag fehlte. Das ganze Geld war sogar noch drin.

Heute Morgen habe ich eine halbe Stunde gebraucht, um zu meiner Haltestelle zu kommen. Grund dafür war wieder mein Gedächtnis. Ich bin momentan überfordert, da der Ehemann die ganze Woche weg war. Jeden Morgen alle Pflanzen auf dem Balkon gießen, was er sonst selber macht. Bei der Hitze wäre es fatal, es zu vergessen. Waschmaschine und Spülmaschine gestartet. Bett zurecht gemacht. Trockene Kleider aufgeräumt. Zwischendurch Kaffee und Bananenshake gemacht und getrunken. Wir teilen uns sonst die Aufgaben so effizient, dass es morgens schnell geht, aber alleine dauert es sehr lange. Angezogen. Zähne geputzt. Portemonnaie aus der Sporttasche von gestern in die Handtasche von heute gesteckt. Samt BVG-Abo. Den hatte ich am Montag vergessen und hatte auf der ganzen Rückfahrt Angst, kontrolliert zu werden. Ist nicht passiert.

Ich war heute Morgen also auf dem Weg zur Haltestelle, wofür ich sonst gut zehn Minuten brauche, und habe kurz davor ein Handy klingen gehört. Es klang wie das Rufbereitschaftshandy. Und diese Woche (sowie die nächste) habe ich Rufbereitschaft. Yeah! Nicht. Schnell in die Tasche gegriffen. Das Handy fehlte. Sowie meins. Beide hatte ich auf einem Tisch zusammen gelassen, um sie nicht zu vergessen. Tja. Zurück nach Hause. Horrorszenarien laufen mir durch den Kopf. Stromausfall oder was weiß ich, das hatten wir schon. Tausende automatische Alarmmeldungen am Handy, die ich immer mit einem Code quittieren muss. Das Handy ist aber zu Hause, und nach einer Weile ohne Rückmeldung von mir gehen die Alarmmeldungen zu einer Liste von anderen Handynummern weiter – die von den lieben Kollegen. Die sind jetzt genervt, weil ich nicht ran gegangen bin.

Zu Hause angekommen. Handys gefunden, wo ich sie absichtlich zum Mitnehmen liegen lassen hatte. Kein verpasster Anruf, ich kann entspannen. Eine halbe Stunde später stehe ich an der Haltestelle. Neuer Eintrag in fddb: 30 Minuten Spaziergang. Immerhin.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.