Die Beschwörung — Verfolgung

Ich war auf Arbeit. Unweit von unserem Gebäude stand ein Turm. Wir wollten dort mit der Arbeitsgruppe Pause machen und eine Kollegin besuchen. Sie lebte drin und wollte mit uns eine Beschwörung machen[1], um sich selbst in irgendetwas zu verwandeln.

Als wir oben im Turm waren, lag ein Zettel im Vorraum auf dem Boden, auf dem sie geschrieben hatte, sie bäte uns um Verzeihung, aber sie wäre wirklich menschlich und würde erst in zehn Minuten ihre ursprüngliche Form wieder erlangen. In dem runden Beschwörungsraum nebenan fingen meine Kollegen an, sich im Kreis zu sortieren. Auf dem Boden waren Markierungen, um zu zeigen, wo wir zu stehen hatten.

Ich hatte große Zweifeln, ob wir es wirklich durchziehen sollten. Es war gruselig und könnte schief gehen. Ich wollte damit nichts zu tun haben und während alle noch mit sich selbst beschäftigt waren, bin ich geflohen.

Nach einer längeren Pause bin ich zum Büro zurück gekehrt. Ute saß schon an ihrem Schreibtisch, als ob nichts geschehen wäre. Ich fühlte mich unwohl und beschloss, mir erstmal die Haare zu waschen. Im Büro verteilte ich mir Shampoo in die Haare und massierte alles schäumig. Um sie zu spülen, ging ich zum Waschbecken in die Toilette. Der Hahn war leider zu tief und am Boden vom Waschbecken lagen Essensreste, wie glasierte Zwiebelstücke. Ich wollte mir die Haare nicht dort spülen und ging zur Küche, wo ich ewig warten musste, weil Kollegen am Becken beschäftigt waren.

Ich ging wieder raus, um mir die Haare woanders zu spülen, und bemerkte bewaffnete Männer, die die Flure nach mir durchsuchten[2]. Ich musste mich versteckten, aber wohin? Auf dem Weg zum Ausgang auf der Etage traf ich Björn[3], einen ehemaligen Arbeitskollegen, der jetzt in einer Schule arbeitet. Er meinte, er hätte mit meinem Chef geredet und wir müssten zusammen Klausuren korrigieren[4], wie Björn mit mir schon diskutiert hatte. Ich konnte mich daran gar nicht erinnern und außerdem, die bewaffneten Typen liefen mir immer noch hinterher. Wir sind nach draußen gelaufen.

Am nächsten Tag suchten die Männer immer noch nach mir. Es waren viele und es war kein Leichtes, mich ungemerkt ins Gebäude zu schleichen. Beim Feierabend haben wir mit Kollegen auf der Wiese gelegen und Bier getrunken, hinter einem Hügelchen am Sportplatz versteckt. Die Männer suchten immer noch nach mir, aber sie wechselten sich ab und einige wussten nicht, wie ich aussah. Ein dieser Mann ist mir sogar über den Weg gelaufen, als ich aus der Toilette kam, und hat mich nicht erkannt. Ich konnte weg gehen, ohne dass er mir folgte.

[1] Den Film Conjuring haben wir diese Woche gesehen.

[2] Wir haben gestern Fallout geguckt.

[3] Björn hat mir gestern frohe Weihnachtswünsche per WhatsApp geschickt.

[4] Das haben wir in der Tat früher häufig zusammen gemacht.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Das Wassermonster

Heute Nacht war ich in die Seychellen. Ich saß am Straßenrand, direkt gegenüber dem Meer, aber hinter der Straße. Es war morgens. Ich saß und machte etwas – ob ein Buch lesen oder die Landschaft malen, ich habe vergessen.

Auf ein Mal kam eine so große Welle aus dem Meer, dass sie die Straße überquert hat und gegen den steilen Straßenrand hinter mir geprallt ist. Ich bin schnell aufgestanden und weggelaufen, und konnte die Welle vermeiden. Kurze Zeit später kam eine neue große Welle auf mich zu. Ich habe beschlossen, die Stelle zu verlassen. Im gleichen Moment kam Martin von seiner Joggingsrunde aus meiner rechten Seite zurück. Die Welle hat ihn nicht erwischt.

Als wir uns gemeinsam auf dem Weg gemacht haben, ist ein großer Arm aus Wasser aus dem Meer heraus gekommen und hat sein Ende weit geöffnet, wie ein Maul, um uns beide zu holen. Wir konnten fliehen. Ich habe gesehen, wie der Rest vom Monster aus dem Meer sich hob und wie ein Dinosaurier aus Wasser aussah. Wir sind in Richtung Berg gelaufen, möglichst weit vom Strand. Das Monster hat wieder seinen Arm zu uns geschickt. Er kam weiter als beim ersten Mal, aber dafür wurde der Arm schmäler. Ich habe gedacht, dass es logisch wäre, da das Monster das gleiche Volumen auf eine größere Strecke verteilen musste. Aus dem Wasser ist das Monster nicht heraus gekommen.

Wir sind an der Spitze vom Berg angekommen, und das Monster versuchte immer noch, mit seinem immer dünner werdenden Arm nach uns zu greifen. Weiter zu laufen machte keinen Sinn, da unten auf der anderen Seite vom Berg wieder Wasser zu sehen war. Es gab ein Gebäude, eine Art Schule, und wir haben drin nach Schutz gesucht. Die Schule war voll mit Skinheads und gebrochenen Bierflaschen am Boden. Meine Freundin Mei war da und hat uns den Weg nach oben gezeigt. Dort waren Wohnungen. In einer Küche habe ich ein Messer gefunden und konnte gleich ein Stück vom Arm abreißen, der uns, jetzt so dick wie ein Zeigefinger, die Treppe hoch gefolgt war. Der Arm hat sich zurück gezogen.

Wie der Traum zu Ende ging, habe ich vergessen. Es war um die 03:00 und ich bin wieder eingeschlafen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Im Kino

Ich war mit meiner Mami in der Stadt. Wir haben beschlossen, ins Kino zu gehen. Unsere Reihe war nicht groß, gerade fünf Sessel breit. Meine Mami saß am linken Rand, ich habe den Platz rechts von ihr genommen. Die Sessel sahen genau wie im IMAX aus. Überraschenderweise ist Martin zu uns gekommen. Wir hatten uns nicht verabredet. Er hat seinen Rucksack auf dem Sessel ganz rechts gestellt und wollte sich in der hinteren Reihe hinsetzen. Ich habe ihm gesagt, er soll doch direkt neben mir sitzen, und habe den Sessel neben mir mit der Hand geklopft. Das hat er gemacht. Er meinte, er wollte sich doch an die Regel vom minimalen Abstand von zwei Sesseln zwischen Unbekannten behalten. Wir sind doch keine Unbekannte[1].

Als der Film zu Ende ging, sind wir an einem anderen Kino vorbei gegangen. Es war nachts. Die Fassade des Gebäudes hatte die Punktsymmetrie m. Genauer gesagt sah es aus, als ob es zwei Gebäude wären, die Spiegelsymmetrisch zu einander wären und aneinander gelehnt wären. Ganz oben war das Gebäude mit starken weißen Lampen beleuchtet. Daniel und seine Frau Céline wollten doch an dem Abend zu diesem Kino gehen. Ihr Film war noch nicht zu Ende. Ich habe die breiten Fenster auf der letzten Etage geschaut. Man sah die großen schwarzen Sessel vom Kino. Sie waren alle weit von einander getrennt[2].

Szenenwechsel. Wir waren vor einem einsamen Haus. Es war wieder nachts. Mein Freund[3] hatte sich hereingeschlichen und wurde von der Wache gejagt. Er hatte sich ganz schlimm am Knie verletzt und konnte nicht mehr richtig laufen. Trotzdem schaffte er es einmal, eine spektakuläre Kaskade als Ausweichmanöver zu machen. Teilweise war ich es selber, die am Laufen war, und nicht mein Freund. Jedesmal, wenn ich das linke Bein benutzte, lösten sich aus dem Knie furchtbare Schmerze aus. Gerade als er dachte, er hätte sich endlich in Sicherheit versteckt, kam ihm ein Panzer entgegen. Er ist ihm über das verletzte Bein gefahren. Mein Freund hat geschrien[4].

Somit war er aus. Ich war alleine, um ins Haus einzudringen. Ich wurde noch nicht entdeckt. Aber Pech, eine Frau hat mich sofort beim reingehen erwischt. Ich habe mich hinter dem Sofa neben der Tür versteckt. Sie stand weiter weg und hatte eine große Schüssel mit Kartoffelpüree vor sich auf dem Tisch. Sie hat drin mit beiden Händen gegriffen und Püreebälle in meine Richtung geworfen. Sie wollte meine Haare damit zusammen kleben, um meine Flucht zu verhindern. Die Bälle sind alle daneben oberhalb von meinem Kopf gelandet. Vom Winkel her konnte es gar nicht klappen, ich war zu dicht am Sofa. Ich habe sie dazu aufgemuntert, weiter zu machen, damit sie ihre Schüssel leer bekommt und keine Munitionen mehr hat. Sie hat meine Absicht durchschaut und sich auf dem Weg zum Sofa gemacht. Ich bin aufgestanden. Es war dunkel, ich konnte nicht viel sehen, außer einer rauen Gestalt ohne erkennbare Form. Es konnte doch keine Frau sein. Ein Geist vielleicht? Ich habe den Schalter betätigt, aber kein Licht kam.

In dem Moment bin ich aufgewacht. Sieben Uhr morgens. Meine Nachbarn oben hatten offenbar gebadet, ich hörte gerade, wie das Wasser entsorgt wurde.

[1] Und was ist das denn für eine Regel?

[2] Sie waren auch alle leer, aber im Traum war das mir nicht aufgefallen.

[3] Wer auch immer das war, er trug einen Bart, der etwa ein Zentimeter lang war.

[4] Diese neue Rechtschreibung ergibt für mich keinen Sinn. Die alte kam mir doch viel logischer vor. Und ich habe Deutsch erst nach der Reform gelernt.


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Nächtliche Türklingeln

Heute bin ich um 04:20 aus dem Schlaf gerissen worden. Ich hörte meine Türklingel, die lange gedrückt wurde, und habe aus lauter Panik, noch im Bett liegend, auf einmal ein sehr hohes Puls bekommen. Was war los, warum klingelte jemand bei mir um die Uhrzeit? Aufstehen wollte ich nicht.

Meine Klingel ist laut, besonders nachtsüber. Alles um mich herum war noch still. Meine lauten Nachbarn aus dem Stadttheater, die ich am Abend noch gehört hatte, gaben keinen Ton von sich. Dabei sind sie schnell, sich zu beschweren, wenn kleinste Geräusche aus meiner Wohnung kommen, diese Heuchler. Die Studenten unter mir bewegten sich auch nicht. Alles blieb still. Hatte ich wirklich die Türklingel gehört? Doch, sonst wäre ich nicht so schlagartig aus meinem schon halb vergessenen unruhigen Traum aufgewacht, mit schnell schlagendem Herzen. Oder hatte ich die Türklingel geträumt? Das hat mich an etwas erinnert.

Vor acht Jahren habe ich kurzzeitig wieder bei meinen Eltern gewohnt. Ich war nach meiner Doktorarbeit in Deutschland erstmal arbeitslos, und als Studentin hatte ich unbewusst trotz langjährigem Arbeitsvertrag keine Arbeitslosenversicherung bezahlt, so dass ich mir sehr schnell keine Wohnung mehr leisten konnte[1]. Meine Eltern waren dabei, sich zu trennen, und da das Einfamilienhaus meistens leer blieb, habe ich es benutzt. Ich habe einige Wochen lang in diesem Haus sehr merkwürdige Träume bekommen. Ich befand mich nachts in einer Wüste neben einer dunklen Pyramide und hörte zu, wie (m)eine Stimme mir eine schreckliche Geschichte erzählen wollte, die mir als Kleinkind passiert wäre, und die ich total vergessen hätte. Sehr weit konnte die Stimme in der Geschichte nie kommen, da ich jedes Mal aufwachte: Ich hörte, wie jemand an der Haustür laut klopfte und nach meinem Namen rief. Manchmal hörte ich noch an der Tür klopfen, obwohl ich im Bett schon wach lag. Aber mir wurde danach immer klar, dass es wirklich niemanden an der Tür gab. Ich nahm an, das mein Unterbewusstsein – oder was auch immer – mich daran hindern wollte, mich an die Geschichte zu erinnern. Jede Nacht schaffte es die Stimme trotzdem, mir ein Stückchen weiter zu erzählen[2]. Eine Nacht sagte die Stimmte, „Dir ist als Kind etwas furchtbares geschehen, und dein Vater ist daran schuld. Er hat etwas ganz schlimmes getan.“ Nun, was, wollte ich nicht wissen, das habe ich der Stimme gesagt, und bin aufgewacht. Ich dachte, ich wäre langsam dabei, den Verstand zu verlieren. Was mir damals passierte, sagte mir mein Vater aber genau an dem gleichen Tag, mit dem Versprechen, es meiner Mutter nie zu erzählen. Sie spricht kein Deutsch, also los.

Ich war noch kein Jahr alt, als es passierte. Mein Vater war Besitzer von einer Werkstatt, wo er Autos und Motorräder reparierte. Er hatte zwei Kollegen, die in der Werkstatt auch arbeiteten. Eines Abends hatten sie Alkohol getrunken und angefangen, sich Gruselgeschichten zu erzählen. Einer sagte, er wüsste, wie man den Teufel beschwört, und fragte, ob sie es probieren wollten[3]. Natürlich, als Spaß sagten die betrunkenen Kumpel zu. Als sie nach Hause gingen, versprachen sie sich also, vor dem Einschlafen einen bestimmten Satz zu wiederholen, um den Teufel zu rufen. Mein Vater erzählte, wie er sich zum Schlafen hingelegt hatte, sich an die Geschichte seines Kumpels noch erinnerte, und ich plötzlich anfing unglaublich laut zu schreien, genau in dem Moment, als er gerade mit seiner „Beschwörung“ fertig war. Er sagte, nach einigen Stunden hätte ich immer noch nicht aufgehört zu weinen, und er sei mit meiner Mutter am frühen Morgen zum Krankenhaus gefahren. Dort bin ich untersucht worden, die Ärzte haben nicht besonderes gefunden. Ich habe zwei Tage im Krankenhaus mit meiner Mutter verbracht, ohne zu schlafen, und habe nur geschrien. Verzweifelt hat mein Vater dann eine Nachbarin besucht, die sich mit esoterischen Sachen beschäftigt, und hat ihr alles erzählt. Sie hat ihm ein bestimmtes Wasser zum Trinken gegeben und gesagt, er sollte einen ganzen Tag lang jede Stunde ein Gebet sagen. Das tat mein Vater, und er sagte, nach dem letzten Gebet wäre ich endlich ruhig geworden. Als er mit dem Erzählen fertig war, fragte mich mein Vater dann um Entschuldigung. Da ich mich an das Ganze gar nicht erinnern kann und nicht wirklich wusste, ob ich die Geschichte glauben sollte, habe ich ihm zur Beruhigung gesagt, klar, kein Problem. Ich habe gesehen, dass ihm eine große Last vom Herzen gefallen ist, aber die Geschichte kam mir zu unglaubwürdig vor. Komisch finde ich trotzdem immer noch, wie ich jede Nacht diese Träume hatte, bis mein Vater mir diese Geschichte erzählte. Danach haben diese Träume definitiv aufgehört.

Weil ich heute Nacht in der Lage sein will, einzuschlafen, habe ich eine andere nicht so gruselige Geschichte mit nächtlichen Türklingeln. Es war in meiner ersten Wohnung in Aachen. Was mir die letzten Monate dort besonders unerträglich gemacht hat, neben den ganzen Verfolgungen, fing am Anfang der Fußball-EM an, kurz bevor meine Schwester zu Besuch kam. An einem Abend gab es ein Spiel. Ich war zu Hause geblieben, Fußball interessiert mich eh nicht. Gegen zwei Uhr morgens hat jemand bei mir geklingelt. Nicht nur bei mir sondern im ganzen Haus. Ich war geärgert, nach einiger Zeit konnte ich wieder einschlafen. Ich dachte, Deutschland muss gewonnen haben, und ein Besoffener würde jetzt meinen, aus lauter Freude bei allen klingeln zu müssen. Bis ich aber drei Monate später ausgezogen bin, hat der nächtliche Türklinger bei uns nie aufgehört. Zwischen zwei und vier Uhr morgens bin ich jede Nacht wegen ihm aufgewacht. Wasser aus dem Fenster zu werfen hat ihn dabei nicht gestört, im Gegenteil, er hatte dann sofort mit erneutem Mut weiter geklingelt. Mein damaliger Freund hatte mich eines Abends nach Hause gefahren, als wir ihn gesehen haben – offensichtlich ein Südländer, den ich noch nie gesehen hatte, und der zwei große mit Kleidern gefüllte Mülltüten hielt, und bei mir im Haus klingelte. Wir haben beschlossen, dass ich die Nacht doch bei meinem Freund verbringen sollte. Nach vielen erfolglosen Nachfragen bei meinen Vermietern, die im Haus wohnten, meine Türklingel nachtsüber auszuschalten, habe ich eines Morgens gesagt, dass ich bei der Polizei eine Anzeige erstatten wollte. An dem gleichen Tag habe ich sofort einen Schalter für die Klingel bekommen. Allerdings haben sie es in meiner Wohnung in meiner Abwesenheit gemacht, und ohne mich vorher in Kenntnis gesetzt zu haben. Ich habe an dem Abend nach der Arbeit auf einmal einen neuen Knopf neben der Sprechanlage gefunden, mit einem handgeschriebenen Zettel dran geklebt. Das Klingeln bei meinen Nachbarn habe ich weiterhin wahr genommen, es hat mir nur nicht mehr den Schlaf geraubt. Ich war trotzdem froh, als ich ausgezogen bin.

[1] Dazu hatte mir die Angestellte beim Ausländeramt meine noch gültige Aufenthaltserlaubnis wörtlich aus den Händen gerissen und hysterisch angebrüllt, ich soll dorthin zurückkehren, wo ich herkomme. Wie ich später bei meiner Rückkehr nach Deutschland zwecks Arbeit an der gleichen Uni erfuhr, durften Studenten gerade ab dem darauf folgenden Jahr nach einem Uni-Abschluss ein Jahr länger in Deutschland bleiben, um Arbeit suchen zu können. Dies teilte mir mit bedauernder Miene dieselbe Frau mit, die mir gegenüber so vehement ihren Ausländerhass ins Gesicht gespuckt hatte.
[2] Das ist genau die Art von Geschichten, die ich nicht mag und gruselig finde. Selbst jetzt beim Tippen bekomme ich noch Gänsehaut.
[3] Ab hier sei erwähnt, dass ich an die Geschichte nicht glauben wollte und noch heute damit Schwierigkeiten habe. Weil es meinem Vater so wichtig war, habe ich einfach weiter zugehört und mich gezwungen, den Mund nicht zu öffnen. Ich erzähle die Geschichte trotzdem, wie ich sie gehört habe.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Verfolgung

Meine erste Wohnung als Doktorandin hatte ich im Stadtzentrum gefunden, am Kaiserplatz. Sehr günstig, weil man die Toilette mit der anderen Wohnung auf der Etage teilen musste. Wie ich später heraus fand, war der Mietpreis auch wegen der Gegend so niedrig, da es neben einem kleinen Platz für Drogenabhängige war, wo ein Automat für Ein-Weg-Spritzen zur Verfügung stand. In dem Viertel waren auch viele Sexgeschäfte. Meine Kollegen fragten immer, wie ich dort wohnen konnte, mit allen Drogenabhängigen und Alkoholikern, die rum lauern, es wäre so gefährlich… Dabei muss ich sagen, dass ich genau mit ihnen nie Probleme hatte. Die haben sich im Gegenteil immer sehr nett mit mir verhalten, wenn wir mal ins Gespräch kamen.

Nein, die, die mir Probleme zubereitet haben, waren ganz nüchterne Typen. Ich war meistens spät am Institut geblieben, weil ich für meine Doktorarbeit nach Deutschland gekommen war, es sollte nicht umsonst gewesen sein. Also möglichst viel arbeiten, um schnell fertig zu werden. Wie häufig bin ich dabei abends ab dem Drogen-Platz auf dem Weg nach Hause verfolgt worden? Eine Zeit lang gab es Bauarbeiten an meiner Fassade, und ich konnte den Männern entkommen, indem ich im letzten Moment den Bürgersteig verlassen habe und auf der anderen Seite vom Gerüst gegangen bin, an den parkenden Autos und Taxis entlang. Sie haben dabei häufig bemerkbar gezögert, es aber nie über sich gebracht, mir auf der schmalen Bürgersteigkante zu folgen. Oder vielleicht war es immer nur der gleiche Mann. Einmal habe ich mich plötzlich umgedreht, als ein junger, dunkelhäutiger Mann mir von ganz nah folgte, habe getan, als ob ich etwas in meiner Tasche suchen wollte, und ihm gleichzeitig gezeigt, er sollte doch mich überholen. Er meinte, er wollte mit mir reden, was ich kategorisch abgelehnt habe. Er ist einfach weg gegangen.

Das Schlimmste kam, als meine jüngere Schwester im Sommer zu Besuch gekommen war. Wir hatten die EM-Finale 2000 bei meinem damaligen Freund geschaut und waren auf dem Weg nach Hause. Sie hielt meine Schlüssel in der Hand, weil sie ursprünglich vor hatte, alleine zu meiner Wohnung zurück zu gehen, was ich definitiv nicht wollte. An dem Drogen-Platz angekommen, merkte ich von weitem aus dem linken Augenwinkel wie ein verdächtiger Mann auf uns zu kam. Ich habe nicht in seiner Richtung geschaut, und ich habe meiner Schwester nichts gesagt. Als wir das erste Haus nach dem Platz erreicht hatten und aus seinem Blickfeld verschwunden waren, fragte ich sie leise, mir die Schlüssel zu geben. Ich bin sehr schnell zu meiner Haustür gelaufen, schaffte es ausnahmsweise, beim ersten Versuch die Tür zu öffnen, rief eindringlich zu ihr, schnell reinzukommen, und fragte sie dann, mir zu helfen, die schwere langsame Tür zuzuschieben… Sie hatte den Mann immer noch nicht bemerkt, er hat aber wirklich die Tür ins Gesicht bekommen. Durch die Glasscheibe haben wir gesehen, wie er an den Türgriff rumfummelte – ohne irgendwas zu erreichen, da ich schon abgeriegelt hatte und er keinen Schlüssel hatte. Erst dann fing meine Schwester an zu begreifen, was hätte passieren können, und wurde von Schreck bleich. Am nächsten Tag schrieb ich meinen Kündigungsbrief.


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