Das Fass läuft über

Ich bin heute früh aufgewacht. In der Regel schlafe ich weiter durch, wenn der Wecker das Radio einschaltet. Ich werde nur wirklich wach, wenn der Ehemann zu meiner Seite vom Bett kommt und mich küsst, bevor er zur Arbeit fährt.

Heute war anders. Wenn man solche Nachrichten im Radio hört, kann man einfach nicht weiter schlafen. Seit Monaten frage ich den Ehemann, wenn er die Nachrichten ohne mich schaut, ob der dritte Weltkrieg ausgebrochen ist. Seit Monaten versucht er mir zu erklären, Putin wäre doch nicht so doof, einen Krieg anzuzetteln. Wie gerne ich im Unrecht geblieben wäre.

Da ich ungewöhnlich früh wach wurde, habe ich mich ungewöhnlich früh ans Laptop gesessen. Es war halb acht. Das hätte nicht sein müssen.

Seit Dienstag war die Höhle los auf Arbeit. Die Datenbank, die ich mit Arndt und Lukas betreue und weiterentwickle, und mit der die ganze Firma tagtäglich arbeitet, hat gewaltig gezickt. Mehrere Sichten, die seit Jahren benutzt werden, haben auf einmal nicht mehr funktioniert. Die Abfragen sind hängen geblieben, die CPU-Last vom Server ist zur Decke gesprungen und wir mussten laufende Abfragen manuell abbrechen. Wir haben die Kollegen darum bieten müssen, die LIMS nicht mehr zu benutzen. Was die Ursache fürs Problem war, haben wir bis heute nicht herausgefunden. Eine Inkonsistenz in den Indizes nach einem Refactoring wurde gefunden und behoben, aber nach der Korrektur liefen die Abfragen immer noch nicht. Gestern am späten Abend haben die Sichten auf einmal wieder funktioniert. Und keiner weiß warum. Ich hasse es, wenn Probleme sich von alleine lösen. Zwei Tage purer Stress und am Ende ist man nicht schlauer geworden.

Was mich länger irritiert ist die Art wie Arndt in letzter Zeit mit Lukas und mir umgeht. Am Dienstag hatte ich eine Notlösung gefunden, um eine Sicht wieder am Laufen zu bringen. Anstatt von INNER JOINs hatte ich LEFT JOINs benutzt und schwupps, die Anfrage lief wieder, mit den korrekten Ergebnissen und mehr Zeilen, wobei die neuen Zeilen in einigen Spalten leer waren, aber dieser Unterschied war für die Kollegen im Labor nicht hinderlich, und sie konnten weiter arbeiten. Arndt hat die Krise bekommen und mir vorgeworfen, ich würde mit meiner Arbeitsweise die Datenbankstruktur durcheinander bringen und Probleme umgehen, ohne die Ursache zu beseitigen. Dass ich in unserem Ticketsystem sofort einen neuen Eintrag für die fehlerhafte Sicht eröffnet hatte, war an ihm scheinbar vorbei gegangen. Dass man durch eine Änderung einer Sicht keine Änderung der Datenbankstruktur bewirkt, weil eine Sicht Daten nur darstellt, schien er auch in dem Moment völlig außer Acht gelassen zu haben. Nee, dafür musste er Lukas und mir mitteilen, er würde sich große Sorgen machen, mit der Art, wie wir arbeiten würden.

Dabei machen wir uns mit Lukas mehr Sorgen darüber, wie Arndt mit der Datenbank umgeht. Berechtigterweise. Arndt arbeitet seit einigen Monaten nur noch drei Tage die Woche. Regelmäßig macht er, ohne Absprache mit uns, halb fertige größere Änderungen an der Produktionsversion der Datenbank am Donnerstagabend, kurz bevor er ins Wochenende geht, ohne sie getestet zu haben. Wozu haben wir einen Testserver? Mit Lukas verbringen wir einen guten Teil der folgenden Tagen in seiner Abwesenheit damit, Bugs wegen seiner Änderungen zu beseitigen, anstatt unserer geplanter Arbeit nachzugehen. Weil sonst die ganze Arbeit im Labor stehen bleibt.

Zuletzt hat Arndt fürs Refactoring alle Indizes im VBA Code der LIMS von Integer auf Long ändern wollen, aber anstatt gezielt nach den Indizes im Code zu suchen um die Typänderung durchzuführen und zu prüfen, was mit den Variables geschieht und gegebenenfalls Datentypkonversionen anzupassen, hat er einfach pauschal „As Integer“ durch „As Long“ überall ersetzt, und ist dann ins Wochenende gegangen, mit dem Commit-Kommentar in der Repository, wir sollten bitte schön alle seine Änderungen prüfen. Wir haben mit Lukas zusammen mehr als einen Tag damit verbracht. Das Dämliche, der größte Teil seiner Änderungen bestand aus „Cancel As Integer“ → „Cancel As Long“, was gar keinen Sinn macht und die ganzen Formulare unbrauchbar gemacht hatte. Ich könnte heulen, wie schlampig der arbeitet.

Der Tropf zu viel war heute eine Diskussion zum Thema Urlaub. Ich hatte vor einem Monat eine Email mit Datum für meine Urlaubsplanung geschickt und gefragt, ob es so passt. Die Email ging an mein wissenschaftliches Team, an das ich offiziell gebunden bin, von Tim geführt, und an das Projektmanagement-Team, weil sicher gestellt werden muss, dass meine Kunden in meiner Abwesenheit betreut werden. Arndt war in den Empfängern der Email drin. Bis heute hatte niemand gesagt, es passt nicht, also habe ich Tim gesagt, ich würde jetzt den Urlaub beantragen. Tim, der offiziell meinen Urlaub genehmigen muss, meinte, ich sollte sicher stellen dass Arndt, Lukas und ich nicht gleichzeitig Urlaub haben, falls es Probleme mit der LIMS gibt. Ich habe also nochmal Arndt explizit gefragt. Seine Antwort: Von ihm aus kein Problem, aber von Lukas und mir muss eine Person immer verfügbar sein. Hallo, wir sind doch zu dritt im LIMS-Team! Arndt sollte auch Probleme alleine lösen können, schließlich hat er die LIMS ursprünglich konzipiert. Und ausgerechnet in meiner gewünschten Woche hat Lukas schon Urlaub geplant. Ohne uns irgendwas zu fragen. Jetzt bin ich die Doofe, weil ich angefragt habe. Zweimal, weil beim ersten Mal keine Antwort von Arndt kam. Wie soll ich denn Urlaub planen können, wenn ich mich mit drei Teams abstimmen soll? Und warum soll ich alle fragen, aber die zwei anderen Kollegen im LIMS-Team keine Rücksicht auf mich nehmen und Urlaub einfach buchen wie es ihnen passt?

Ich habe die Schnauze voll. So spannend der Job sonst sein mag, ich bewerbe mich weg. Gerade gibt es eine interessante Stelle in Berlin. Wieder im öffentlichen Dienst, nachdem ich es endlich in die Industrie geschafft hatte, aber immerhin unbefristet. Und im öffentlichen Dienst wird der Gehalt regelmäßig erhöht, im Gegenteil zu meiner aktuellen Stelle. Ich würde nicht vier Jahre lang auf meinem Einstiegsgehalt bleiben. Es ist ein Versuch wert. Der Ehemann hat eh Heimweh.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Häusliche Quarantäne, Tag 11

Heute wäre theoretisch mein letzter Tag Quarantäne. Ich habe die Tage durchgezählt ab dem Moment, wo ich mich beim Gesundheitsamt gemeldet habe und die häusliche Quarantäne angeordnet bekommen habe. Es sind eigentlich vierzehn Tage ab dem Tag von den erstem Symptome, nachträglich gerechnet, weil am Tag meiner ersten Symptome der Schnelltest negativ war, heute ist also in Wirklichkeit der vierzehnte Tag.

Ich bin zu Fuß zum Testzentrum gegangen. Das erste Mal, dass ich das Haus verlasse, seitdem wir zurück gefahren sind. Ich bin mit der Maske gelaufen. Eine halbe Stunde hin, durch die Felder, zwanzig Minuten zurück auf direkterem Weg. Am Testzentrum zehn Minuten in der Kälte gestanden, es gab eine lange Schlange, trotz Terminvergabe. Eine Frau vor mir stand mit ihren zwei Kindern, weil sie vor der Schule getestet werden mussten, einen Termin hatte sie aber nicht. Sie ist weg geschickt worden. Mir ist eine Strichprobe aus dem Rachen für PCR genommen worden. Als ich zurück nach Hause gekommen bin, habe ich mir eine heiße Schokolade gemacht, und bin dann auf der Couch eingeschlafen.

Mit der erhöhten Anzahl an angefragten PCR-Tests ist es nicht sicher, dass ich das Ergebnis wirklich morgen bekomme. Ich werde also meinen ersten Arbeitstag des Jahres normal anfangen. Wenn ich aber immer noch positiv bin, muss ich krank geschrieben werden. Ich habe noch nicht Bescheid gesagt, dass ich seit dem 3. Januar krank geschrieben bin. Eigentlich war ich nicht mal krank geschrieben worden, als ich meine Praxis telefonisch informiert hatte. Das hat die Ärztin erst gemacht, nachdem der Ehemann ausdrücklich danach gefragt hat, als er sein positives Testergebnis bekommen hatte. Sie hat uns den Schein per Post geschickt und ich habe ihn erst vorgestern, am Freitagabend, bekommen. Ich habe offiziell noch Urlaub. Die erste Woche musste ich im Januar nehmen, weil ich letztes Jahr zu wenig Urlaub genommen hatte. Ich habe schon schlechtes Gewissen, wenn ich wegen der Krankschreibung den Urlaub nachholen muss. Das hatte ich schon mal. Vielleicht kann ich mir die übrig gebliebene Woche einfach auszahlen lassen. Ich weiß nicht, ob die Chefin einverstanden wäre.

Es ist gut wahrscheinlich, dass das Ergebnis positiv sein wird. Ich habe immer noch Symptome. Heute Nacht bin ich wieder wegen Hustenanfalls aufgewacht. Reden ist schwierig, ich komme schnell außer Atem und muss viel husten. Das ist mir heute Abend am Telefon mit meiner Mami wieder passiert. Gestern hatte ich sogar plötzlich leichtes Fieber, obwohl ich die ganze Quarantäne lang sonst fieberfrei war. Der Ehemann ist dagegen wieder symptomfrei, obwohl ich ihn scheinbar angesteckt hatte.

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Murnauer Moos und Staffelsee

Einen schöneren goldenen Herbsttag hätten wir uns nicht aussuchen können. Am Sonntag gehen wir früh morgens aus dem Hotel raus und kaufen belegte Semmeln für den Tag ein. Der Ehemann will mit dem Auto[1] zum Münter-Haus fahren, um dort zu parken und abends nicht zurück in die Stadt laufen zu müssen, aber es sind nur zehn Minuten Fußweg dahin, ich finde es besser, das Auto auf dem eh kostenlosen Parkplatz zu lassen. Recht habe ich. Um das Münter-Haus gibt es kaum Parkmöglichkeiten.

Wir hatten zusammen zuletzt das Murnau Moos im Frühling vor dreieinhalb Jahren besucht, was mir viel zu wenig vorkommt, so zauberhaft die Landschaft ist. Kein Wunder, dass so viele Maler hier Inspiration gefunden haben. Im Herbst wirkt die Kottmüller-Allee ganz anders und am frühen Morgen mit dem Rest Nebel ist die Aussicht zu den Alpen wunderschön. Wir laufen, wie beim letzten Mal, am Ähndl vorbei und biegen rechts die Ramsach entlang ab.

Nach zwei Kilometern verlassen wir den Weg rechts zum Panoramaweg, anstatt wie beim letzten Mal weiter die Ramsach entlang zu laufen. Ich werde von der Landschaft nicht satt. Ich beneide die Rinder, die es sich hier gut gehen lassen. Na ja, nicht ganz. Schlachten würde ich mich nicht lassen wollen.

Wir erreichen den Bahnhof Seeleiten-Berggeist, laufen über die Schienen, überqueren die Staatsstraße und gehen durch ein Stück Wald bis zum Staffelsee. Dort war ich zuletzt vor drei Jahren mit der Arbeitskollegen geradelt. Eine Joggerin ist vor uns unterwegs, wir treffen sie mehrmals.

Der Weg am Seeufer ist im Schatten, mir wird kalt. Trotzdem teste ich die Wassertemperatur. Die Badesaison ist wirklich vorbei. Am Ende vom Uferweg kommen wir zu einem Biergarten und setzen uns auf Liegestühle. Ein Schiff legt an und lädt Passagiere aus. Enten kommen in regelmäßigen Abständen zwischen den Tischen, drei Paare, Männchen und Weibchen getrennt aber zielstrebig, sie wirken wie eine organisierte Bettlerbande. Wir setzen unseren Weg fort und machen nochmal Pause an einem Aussichtspunkt auf einem Hügel, wo wir unsere Semmeln essen.

Nach der Rast besuchen wir das Münter-Haus und laufen dann zurück in die Stadt. Vor einer Eisdiele am Untermarkt stehen Leute Schlange, und wir stellen uns auch an. Eine Berliner Gewohnheit, habe ich mir sagen lassen. Es lohnt sich, das Eis ist vorzüglich.

Der Spaziergang war elf Kilometer lang, ich habe es kaum gemerkt, obwohl wir zwischendurch noch viel gestanden haben. Meine Wangen werden doch rot und warm, als wir im Auto auf dem Rückweg sind.

[1] Ich hatte ursprünglich in Erwägung gezogen, mit der Bahn nach Murnau zu fahren. Dafür hätten wir mit der S8 nach Pasing fahren müssen, um dort in die Regionalbahn umzusteigen. Am Wochenende gab es aber mal wieder Änderungen im Betriebsablauf, der Ehemann war am Freitagabend schon genervt von der Arbeit nach Hause gekommen, weil er in Pasing umsteigen wollte und wie immer erst im allerersten Moment angekündigt wurde, dass die S8 ab einem abweichenden Gleis abfährt, das nicht mehr rechtzeitig zu erreichen war. Ergebnis, zwanzig Minuten auf die nächste S8 warten. Eigentlich der Grund, warum ich lieber in Westkreuz umsteige, dort ist nur ein Bahnsteig.

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Wochenende in Murnau

Die Entscheidung, das Wochenende in Murnau zu verbringen, war recht spontan. Wir waren am vorherigen Wochenende im Buchheim Museum und hatten die Ausstellung „Farben der Avantgarde“ besucht, die Teil der Ausstellungsreihe MuseenLandschaft Expressionismus[1] ist. Einige dieser Ausstellungen sind nur noch für kurze Zeit verfügbar, wie die im Schlossmuseum Murnau[1], die in zwei Wochen schließt. Grund genug, dort einen Mini-Urlaub übers Wochenende zu verbringen. Samstag Kunstprogramm, Sonntag Spaziergang am Murnauer Moos und am Staffelsee. Mehr dazu demnächst.

Übernachtet haben wir am Hotel Griesbräu[1]. Murnau liegt keine Stunde Auto von zu Hause aus entfernt, aber mit einer Übernachtung vor Ort war es entspannter. Was der Webseite vom Hotel nicht zu entnehmen war: Die Brauerei ist momentan wegen Urlaub geschloßen, und es gibt nicht mal warme Küche, wie uns die schlecht gelaunte Frau an der Rezeption informierte. Unfreundlich war zum Glück nur sie, die anderen Mitarbeiter vom Hotel haben einen besseren Eindruck hinterlassen. Enttäuschend war trotzdem, dass die Brauerei geschlossen war, vor allem für den Ehemann. Dabei war das Hotel gut besucht, wie wir am nächsten Morgen beim Frühstück feststellen konnten.

Wir sind den Untermarkt hoch und runter gelaufen, mit seinen ganz niedlichen Brunnen und interessanten, leider schon geschlossenen Boutiquen. Eine Brauerei hatte geöffnet, aber ein Schild mit „heute geschlossene Gesellschaft“ stand vor der Tür. Am Hotel Angerbräu[1] hat uns die freundliche Dame an der Rezeption enttäuschen müssen, weil sie auch keine Gastronomie anbieten konnte: Es mangelt an Personal. Vermutlich eine Folge der Pandemie. Einen guten Rat wusste sie doch: Wir sollten beim griechischen Restaurant versuchen, einen Tisch zu bekommen, der Fisch wäre richtig gut. Das hat sich sowas von gelohnt! Ich bin von der Küche begeistert, auch wenn wir keinen Fisch bestellt haben. Der Kataifi als Nachtisch war umwerfend und ich bin froh, sehr wenig am Tag gegessen zu haben, so hatte ich noch ausreichend Platz dafür. Bei der Größe wäre es sonst ein Nachtisch zum Teilen.

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

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In Alba

Nach der langen Autofahrt erreichen wir Alba kurz nach zwanzig Uhr[1]. Wir checken ins Hotel ein, haben gerade Zeit, schnell zu duschen, und gehen wieder raus. Der Ehemann will mich in einem bestimmten Restaurant ausführen. Er kennt sich gut aus, er war häufig beruflich zum Einsatz hier. Leider gibt’s das Restaurant nicht mehr. Alternativ gäbe es ein Lokal direkt gegenüber, aber es sieht voll aus, Menschen stehen draußen wie vor einer Studentenkneipe, mich zieht es nicht an.

Wir laufen zurück zum Hotel und bekommen einen Tisch im Restaurant[2] direkt nebenan. Außer uns sitzen nur vier Personen an einem Tisch weiter weg, sie sprechen irgendeine skandinavische Sprache die ich nicht näher identifizieren kann. Das Restaurant sieht viel schicker aus als das Lokal, und das Menü erhobener. Nach dem Abendessen am Schloss Haigerloch wird es meine zweitbeste kulinarische Erfahrung vom Urlaub. Dazu einen exzellenten Barbera d’Alba[2]. Als Nachtisch gönne ich mir das Duo von Cannoli, einmal klassisch sizilianisch und einmal mit Haselnüssen. Die Cannoli sind viel besser als die, die ich bisher aus den italienischen Marktständen in Deutschland kannte, die meistens zu trocken und brüchig sind.

Nach dem Essen machen wir einen kurzen Spaziergang um die Kathedrale, deren Turm nachtsüber mit den Farben der italienischen Flagge beleuchtet wird. Am nächsten Morgen merke ich, den Turm sieht man auch vom Innenhof vom Hotel aus, wo wir das Auto geparkt haben.

Wir verbringen den folgenden Vormittag mit Stadtbummeln. Alba zählt nicht weniger als acht religiöse Gebäude, was Christentum betrifft, laut der italienischen Wikipedia-Seite der Stadt. Wir besuchen die Kirche San Giuseppe (1656) und die Kathedrale San Lorenzo (vom 6. Jahrhundert), die hinter dem großen Altar die Gebeine von San Fortunato enthält. Diese Art Verehrung von verwesten Knochenresten fand ich schon in meiner Kindheit verstörend[3], eine einfache Statue hätte m.E. gereicht. In der Kathedrale hätte es auch den Kopf von San Teobaldo geben sollen, wäre die goldene Büste Anfang der Achtziger nicht gestohlen worden. Eine Informationstafel erwähnt, dass sie vor zehn Jahren in Minneapolis wieder gefunden worden sei, den Weg zurück zur Kathedrale hat sie bis jetzt nicht gefunden.

Wir schlendern die Einkaufsmeile bis zum Ferrero-Platz – am nordöstlichen Rande von Alba sitzt eine Produktionsstätte von Ferrero[2]. Als wir morgens aus dem Hotel gekommen war, dachte ich, die Bäckerei um die Ecke riecht intensiv nach Schokolade, der Ehemann meinte, es wäre das Ferrero-Werk, das über die ganze Stadt duftet. Wir kaufen keine Schokolade. Auf dem Weg zum Platz gibt es viele kleine Boutiquen mit leckeren Spezialitäten, ich fülle lieber meine Tasche voll mit Pasta und Pesto für die Rückkehr nach Hause, um das Urlaubsgefühl zu verlängern. Am Ferrero-Platz trinken wir ein Espresso. Es ist kurz vor zwölf als ich denke, wir sollten nochmal lecker essen gehen, bevor wir wieder ins Auto steigen. Mein Handy zeigt mir eine Osteria keine zwei Minuten vom Platz entfernt. Sie ist in einem Innenhof direkt hinter dem Café. Als wir ankommen sind wir die einzigen Gäste, alle Tische auf der Terrasse sind frei. Eine Viertelstunde später ist es schon voll und die Kellner müssen Leute ohne Reservierung weg schicken – drin wird scheinbar nicht gegessen. Ich bestelle eine Portion Tajarin al sugo di salsiccia, diese Pasta-Sorte kannte ich noch nicht, der Ehemann ist mit seinen Agnolotti glücklich.

Wir fahren am frühen Nachmittag in Richtung Gardasee los, am Ferrero-Werk vorbei. Ich bin fest entschlossen, zurück nach Alba zu kommen, um wenigstens einmal vor Ort die berühmte Trüffel zu essen. Die habe ich diesmal auf den Menüs nicht gesehen, aber wenn Saison ist, werden sie die Restaurants sicherlich anbieten.

[1] Nach der Rückkehr aus dem Urlaub geschrieben, zum Tag des Abfahrt aus Alba zurück datiert.

[2] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

[3] Dabei bin ich in einer katholischen Familie gewachsen. Praktiziert haben meine Eltern nicht, taufen lassen haben sie uns trotzdem alle drei, als wir noch nicht mal der Sprache mächtig waren.

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Sonntagabend von Ligurien zum Piemont

Autobahn. Auf der Provençale ging’s, aber sobald wir die Grenze überqueren gibt es an gefühlt jedem Tunnel Bauarbeiten und man muss ständig die Spur wechseln, mal durch den linken Tunnel, mal durch den Rechten. Einheimischen halten sich gar nicht an die Geschwindigkeitsgrenzen, die, verglichen an deutschen Standards für solche Strassenzustände, schon recht lasch sind, trotz angekündigten Radarkontrollen. Vielleicht funktionieren die sonntags nicht. Wir werden häufig überholt, wobei ich den Eindruck bekomme, es hat mehr damit zu tun, dass wir ein deutsches Autokennzeichen haben, als dass wir zu langsam fahren würden. Den Eindruck hatte ich schon in Frankreich. Nach einer Weile gibt’s nur noch einen Stau nach dem dem Anderen. Unsere Ankunftszeit verzögert sich ständig.

Der Navi schlägt uns eine schnellere alternative Route vor, und wir verlassen die Autobahn. Ob es wirklich klug war? Wir kommen ganz schnell auf sehr engen kurvenreichen Bergstrassen, die aussehen, als ob niemals zwei Autos neben einander fahren könnten, und ich lasse mich immer wieder überraschen, dass es doch klappt. Strassen, auf denen ich im Winter nicht unterwegs sein möchte. Bin ich froh, nicht selber zu fahren. Wir werden ein paar Male überholt, obwohl wir schneller als die offiziell erlaubten dreißig Kilometer pro Stunde fahren. Durchgehende weiße Linien in der Mitte der Strasse werden höchstens als Dekoration wahrgenommen. Interessant: Wenn man in Frankreich mit dem Navi einen Ziel angibt, stimmt die gerechnete Ankunftszeit bis zum Schluss, obwohl wir langsamer als erlaubt fahren. In Italien  fahren wir schneller als erlaubt aber unsere Ankunftszeit ändert sich nicht. Wir fahren über den Colle von San Bernardo. Die einsame Wirtschaft dort oben sieht längst verlassen aus. Alle Fenster sind eingeschlagen. Es regnet, wir kriegen dickes Gewitter, und ich bin froh, als wir endlich die Bergstrasse hinter uns lassen.

Nach San Bernardino kommen wir wieder zur Autobahn. Wie auf dem ersten Stück Autobahn schert sich keiner um Sicherheitsabstand. Die Nacht bricht herein. Am Ende kommen wir Dreiviertelstunde später am Ziel als vor der Abfahrt gedacht. Immerhin unfallfrei.

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In Dijon

Wir fahren am Sonntag direkt nach dem Frühstück von Mittelbergheim los[1]. Auf Autobahn haben wir keine Lust, die Strecke an den Ballons des Vosges ist viel schöner. Einen Teil dieser Route war ich schon ein paar Male vor über zwanzig Jahren gefahren.

Der beinahe Unfall

Es ist unser dritter Urlaubstag und ich habe genug von Autofahrten. Das Auto ist bequem, dass ist nicht das Problem. Das lange Sitzen und die Idiotie mancher Verkehrsteilnehmer gehen mir auf den Keks. Am Ende einer Ortschaft kurz nach Mittelbergheim fahren wir die maximal erlaubten fünfzig Kilometer pro Stunde[2], ein Auto klebt uns am Arsch. Der Fahrer setzt zum Überholen an, gerade als wir in einer Kurve nach rechts sind, und verfehlt nur ganz knapp ein Oldtimer-Cabrio, das gerade aus der Kreuzung nach der Kurve uns entgegen kommt. Trotzdem, der Ehemann fährt weiterhin gerne Auto.

Wir treffen mehrere Fahrradfahrer unterwegs, viele tragen dicke Nummer auf die Kleidung gepinnt, einige werden dicht von Autos mit Sponsoren gefolgt, es muss ein Rennen geben. Es wundert mich, dass die Strassen dafür nicht gesperrt sind.

Am Col du Bonhomme machen wir eine kleine Pause. Die Gegend sieht toll aus und ich würde gerne wandern gehen. Wir haben leider zu wenig Zeit dafür, wenn wir bei Tageslicht in Dijon ankommen wollen, es reicht gerade für ein paar Fotos.

Auf der Weiterfahrt kommen wir auf eine breitere, gerade Strasse, die durch eine Ortschaft[3] führt, und ich sehe groß auf einem Schild auf der linken Seite, dass in dem Laden, vor dem es steht, Munster fermier des Vosges verkauft wird. Das habe ich seit über zwanzig Jahren nicht mehr gegessen. Ich schreie „Halt, Halt, Halt!“ und da zu dem Zeitpunkt niemand hinter uns fährt, niemand uns entgegen kommt und der Parkplatz links nur halb voll ist, hält der Ehemann an. Im Laden kann man auch Kaffee trinken, was nötig ist, und ich kaufe einen großen Munsterkäse. Wem jetzt denkt, na dann viel Spaß bei dem Geruch im warmen Auto bis zur Provence, sage ich, weit gefehlt. Diesen Käse habe ich während meiner Diplomzeit in der Gegend kennengelernt und er ist fantastisch, er hat gar nichts mit dem Munster zu tun, den man sonst aus dem Supermarkt in Frankreich oder aus gut sortierten Käseläden in Deutschland kennt. Er riecht ganz frisch und schmeckt herrlich, so richtig kann ich es nicht beschreiben, einfach mal dahin fahren und probieren. Jedenfalls, für die Fahrt haben wir den Käse in der Kühlbox gehalten, wir haben kaum etwas im Auto bemerkt, außer, wenn man die Kühlbox geöffnet hat.

Es ist kurz nach vier, als wir das Hotel in Dijon erreichen. Ich bin müde und habe Kopfschmerze. Als wir im Zimmer sind, mutieren die Kopfschmerze zur Migräne. Ich verdunkle das Zimmer und lege mich hin, während der Ehemann spazieren geht. Gegen sieben Uhr abends geht es mir geringfügig besser. Wir gehen essen. Der Ehemann hatte auf dem Handy nach Restaurants gesucht und nichts Besonderes gefunden. Auf der Webseite vom Guide Michelin gibt es einige interessante Restaurants, die hat er wohl nicht gesehen. Bei den Kopfschmerzen will ich sowieso nicht lange laufen, die Altstadt (Fußgängerzone) ist für meine Sommerschuhe zu glatt, und wir landen in einem Restaurant an der Markthalle. Die Eier meurette als Vorspeise kannte ich nicht und ich werde sie auf jeden Fall nachmachen. Das Hähnchen in Senfsauce „vom Chef“ war eine Enttäuschung, einfach ein Stück Hähnchen lieblos auf dem Teller mit einer Art Senf-Béchamel geklatscht, es sah nicht sehr appetitlich aus und hat nur so lala geschmeckt.

Am nächsten Morgen schlendern wir durch die Altstadt von Dijon. Die Markthalle hat geschlossen, es ist Montag. Ich mache erst jetzt Fotos. Am Sonntagabend waren mir viel zu viele Touristen unterwegs.

Bilder der Kirche Notre-Dame, die wir nicht besucht haben. Der Stuck oberhalb von der Tür wurde kurz nach der französischen Revolution zerstört. Die Fassade war zu groß um sie mit der Kamera zu fotografieren. Jedenfalls nicht von meinem Standpunkt aus. Sie ist voll von lustigen Wasserspeiern.

Dijon wirkt verspielt. Überall in der Stadt sieht man Käuzchen abgebildet. Stolpersteine auf dem Bürgersteig. Die Eule ist ein Symbol der Stadt. Sie ist in einer Kante der Kirche eingemeißelt und sieht gut poliert aus. Der Grund: Es soll Glück bringen, sie mit der linken Hand zu streicheln. Vor zwanzig Jahren wurde sie randaliert und dank einer früheren Abformung[4] wieder restauriert. Und sonst, Space Invaders[5] haben die Stadt erobert.

Unser Hauptziel an diesem Morgen ist die Boutique von Maille[5]. Wir kaufen einige Gläser Senf. Die Boutique bietet Sorten an, die man sonst in dem Handel nicht findet. Senf, lerne ich, wird traditionell mit Weißwein hergestellt, nicht mit Essig. Ich nehme auch den Senf mit Rosé mit. Beim Probieren stelle ich fest, der Rosé-Senf ist ganz mild und vielleicht ein bisschen zu salzig für mein Geschmack. Der Senf mit Weißwein steigt richtig in die Nase, wie Senf halt schmecken sollte.

Nach einem letzten Spaziergang setzen wir unsere Reise fort, jetzt nach Saint-Rémy-de-Provence.

[1] Nach der Rückkehr aus dem Urlaub geschrieben, zum Tag des Abfahrt aus Dijon zurück datiert.

[2] Ich gebe zu, ich bin eine nervige Beifahrerin und habe immer einen Auge auf dem Tacho. Wenn wir zu schnell fahren, weiß der Ehemann Bescheid, solange bis wir wieder unter der Geschwindigkeitsgrenze liegen.

[3] Ich wusste schon nicht mehr wo, aber der Kartenzahlungsvorgang aus meinem Kontoauszug hat geholfen: La Bresse[5].

[4] Ich hätte „Moulage“ geschrieben, da es die französische Bezeichnung dafür ist und das Wort ins Deutsche (und ins Englische) übernehmen wurde. Leider ändern andere Sprachen häufig die Bedeutung von den Wörtern, die sie klauen. Gut, dass ich den Begriff zur Sicherheit geprüft habe. Eine Moulage ist auf Deutsch (und auf Englisch) eine Abformung, die nur dem Zweck der Wundedarstellung dient und in der Medizin Anwendung fand.

[5] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

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Weinprobe im Elsass

Die zweite Etappe vom Urlaub[1] bringt uns am Samstag von Haigerloch zum Elsass. Wohin genau weiß ich erstmal nicht, der Ehemann hat diesen Teil geplant. Wir fahren nicht Autobahn und halten auf halber Strecke an der Kniebis-Hütte[2], wo wir uns ein Stück Schwarzwaldtorte teilen. Einige hundert Meter weiter hält der Ehemann wieder an, um die Aussicht zu genießen. Er probiert die Panorama-Funktion von meiner Kamera aus. Das ist nicht etwas, was ich gerne mache, ich finde es verwirrend, das links und rechts vom Bild das selbe zu sehen ist – wobei es im Bild unten nicht so extrem ist, einen Teil der Straße hinter ihm, wo ich mich aufgehalten habe, hat der Ehemann nicht aufgenommen.

Der Rhein bei Regen

Der Weg nach Frankreich führt uns weiter entlang eine kleine, enge Bergstrasse und kurz vor Oppenau kommen wir unerwartet zu einem Stau. Viele Autos stehen auf der Straße, die Leute sind ausgestiegen. Das machen wir auch. Der Ehemann läuft bis zur Kurve unten, wo man durch die Bäume orangefarbene blinkende Lichter sieht: Zwei Abschleppwagen sind da, es gab einen Unfall. Die Strasse ist gesperrt. Er überlegt kurz, ob wir umdrehen sollen. Ich rate ihn davon ab. Ich habe keine Lust, diese kurvige Strasse wieder hoch zu fahren, um noch kleinere Strassen zu benutzen. Es fängt an zu regnen. Nach zwanzig Minuten Wartezeit ist die Unfallstelle schon geräumt und wir können weiter fahren. Den beschädigten Autos nach zu beurteilen, scheint mir die Unfallursache klar zu sein: Zu dicke Autos für eine zu kleine Straße, und ein Mangel an Rücksicht. Wir hatten Glück, nicht selber in dem Unfall verwickelt zu sein, auch wenn es nur Sachschaden war. Es regnet weiter, als wir den Rhein überqueren.

Wir erreichen das Ziel, Mittelbergheim, kurz nach vier Uhr nachmittags. Sobald der Ehemann das Auto geparkt hat, während ich das Gepäck im Zimmer ausgepackt habe, schleppt er mich zu einer Weinprobe, bevor der Laden schließt. Der Grund unseres Besuches ist, dass er schon mal mit seinem Vater hier war. Wenigstens praktisch, die Boutique liegt direkt gegenüber vom Hotel. Nach der Fahrt ist mir nicht wirklich danach, der Kopf schwirrt mir schon, bevor wir überhaupt anfangen. Der Wirt schenkt uns gut gefüllte Gläser, für eine Probe, es sind jedes mal fast zehn Zentiliter. Ich nippe am Glas um den Geschmack festzustellen und der Wirt muss jedesmal meinen Wein weg kippen, um den Nächsten ins Glas zu gießen. Der Ehemann leert alle seine Gläser selber. Ich finde zwei Flaschen, die meiner Mami bestimmt gefallen werden, ein Auxerrois „vieilles vignes“[2] und ein Sylvaner „spontané“[2] ohne Sulfit. Nach der Probe besuchen wir den Keller vom Produzenten, und machen einen Spaziergang durch die Reben am Zotzenberg.

Interessante Strassenbeleuchtungen mit verschiedenen Wappen. Unten rechts, die katholische Kirche Saint-Etienne.

Auf dem Weg zur Kirche und nur des Bildformates wegen unten links, eine animierte Rekonstruktion der traditionellen Weinherstellung. Die restliche Fotos wurden auf dem Weg zurück zum Hotel aufgenommen.

Den Abend verbringen wir im Restaurant vom Hotel. Der Ehemann war, schon vor der Buchung, enttäuscht, dass die Besitzer der Weindomäne das Hotel nicht mehr selber betreiben. Er mag es nicht, wenn Orte sich ändern, in denen er früher Zeit verbracht hat. Das Restaurant bietet keine traditionelle Küche mehr, das Essen war trotzdem hervorragend. Nach einem nächtlichen Spaziergang gehen wir ins Bett. Es ist im Zimmer viel zu warm, wie schon die Nacht davor in Haigerloch. Um drei Uhr morgens liegen wir beide wieder wach und völlig verschwitzt. Der Ehemann öffnet das Fenster vollständig. Draußen ist es kalt und nicht mehr laut, die letzten Feiernden fahren ihren Autos mit lauter Musik nicht mehr. Das Beeindruckendste: Im ganzen Dorf wurden die Strassenbeleuchtungen ausgeschaltet. So einen Sternenhimmel habe ich selten gesehen.

[1] Nach der Rückkehr aus dem Urlaub geschrieben, zum Tag des Abfahrt aus dem Elsass zurück datiert.

[2] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Spaziergang in Haigerloch

Unser erster Urlaubstag[1]. Wir fahren den langen Weg nach Südfrankreich. Die erste Etappe erreichen wir am Freitagabend nach fast vier Stunden Autofahrt über vorwiegend Landstrassen, nachdem wir auf halber Strecke auf dem Wanderparkplatz in Seekirch Pause machen. Der Ehemann parkt unwissentlich unter zwei Pflaumenbäumen, die noch voll mit Früchten beladen sind. Es wundert mich, dass so viele noch hängen. Sie schmecken leicht säuerlich aber gut, einige sind am Boden gefallen.

Wir verbringen die Nacht im Schloss[2], nach einem leckeren Abendessen im Restaurant. Ein Rezept aus dem Septembermenü werde ich auf jeden Fall versuchen nachzukochen: Crème brûlée mit Ziegenkäse, die als Vorspeise serviert wurde. Ein Gaumenschmaus. Ich habe seitdem viel darüber gelesen und in meinem Familienkreis nachgefragt, scheinbar kann es sehr schnell mit der Dosierung daneben gehen. Die, die ich gegessen habe, war unter der Zuckerhaube leicht karamellisiert, der Ziegenkäse war dezent und hatte nicht dominiert. Mit dem Carpaccio von der Ringelbeete in Vinaigrette, mit dem sie serviert wurde, hatte sie leider nicht wirklich harmoniert.

Am nächsten Morgen machen wir einen Rundspaziergang, bevor wir weiter in Richtung Frankreich fahren. Vom Schloss aus hat man eine wunderbare Aussicht auf die Stadt und ihre Umgebung. In der Eyach sitzt eine Ente ganz ruhig, die Anderen bleiben auf der Betonfläche, vermutlich sind sie noch nicht ganz wach. Die perfekte halbe Kreiswelle, die von der Ente im Wasser ausgeht, kann ich nicht unfotografiert lassen.

Wir laufen durch den Tor den Gehweg an der Schlosskirche vorbei zur Stadt herunter. Es gäbe einiges zu besuchen, zum Beispiel das Atomkellermuseum[2], oder die ehemalige Synagoge, da es bis zum zweiten Weltkrieg eine große jüdische Gemeinschaft in dem Ort gab. Für alles bleibt uns vor der Weiterfahrt zu wenig Zeit und die verbringen wir lieber mit einem Spaziergang beim noch schönen Wetter. So entdecken wir den Brunnen mit der Statue von Sankt Nepomuk. Den Namen kenne ich doch. Unweit davon sehen wir eine Kopie von einer alten Glasmosaik, die an das Gefecht erinnert, bei dem der Graf Albrecht II. von Hohenberg das Leben verlor. Nach der Brücke laufen wir eine kleine Straße (Steigle) hoch, wieder runter, durch die Eyachgasse und einen kleinen Radweg lang, an der Schlossmühle worbei, bis wir nach einer zweiten Brücke links ein Stück Wald mit einem steilen Weg erreichen, wo sich Mücken über unsere Anwesenheit freuen. Ich habe zum Glück Schutz in Form von einem Zitronengras-Spray für die Haut dabei.

Im Wald laufen wir nicht lange, und schon kommen wir zum Kapffelsen an, den wir vom Schloss aus links von Haigerloch gesehen hatten. Drauf wurde ein großes Kreuz am 10. September 2009 von der freiwilligen Feuerwehr errichtet. Von dort aus hat man eine schöne Aussicht auf die Stadt. Nach einer unglaublich kurzen Strecke erreichen wir wieder das Schloss von der anderen Seite.

Der Himmel ist inzwischen bedeckt. Wir fahren los.

[1] Nach der Rückkehr aus dem Urlaub geschrieben, zum Tag des Geschehens zurück datiert.

[2] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Ohrwurm: Ievan Polkka – Loituma

Das Lied habe ich im Frühling 2006 kennen gelernt. Damals hatte jemand in einem Diskussionsforum den Link zum „Lauchlied“ gepostet[1,2], das zur Zeit viral ging, und die wildesten Theorien wurden erfunden, was es denn für eine Sprache wäre. Ich hatte nach den Bestandteilen vom Dateinamen auf Internet gesucht, und die finnische Gruppe Loituma gefunden.

Hier das Lied[1]:

Im Zuge meiner Entdeckung hatte ich mir beide Alben der Gruppe bestellt, um beim Zuhören fiel mir auf, dass ich über Finnland gar nichts wusste[3]. Ein Jahr später hatte ich genug Geld gespart, mir mit Hilfe eines Sprachlehrbuchs mit CD einen Grundwortschatz auf Finnisch angeeignet, eine Katzensitterin gefunden, einen Wanderrucksack gekauft, und damit Anfang August zwei Wochen Urlaub alleine in Finnland verbracht. Dank dieses Liedes.

Mit dem Flieger direkt von Köln nach Helsinki, wo ich das Wochenende verbracht hatte, oder fast. Meine Unterkunft war auf der Insel Suomenlinna und ich hatte mir am ersten Abend beim Spazierengehen einen Sonnenbrand geholt. Von dort aus hatte ich eine elliptische Runde mit Bahn und Bus um die Seen gemacht, im Uhrzeigersinn: Turku, Tampere, Jyväskylä, Kuopio, Joensuu, Imatra, Lappeenranta, Helsinki. Schon mal vorweg: In den ganzen zwei Wochen hatte mich ziemlich genau eine einzige Mücke bei einer morgendlichen Joggingsrunde gestochen.

Wo war das bloss?

Das Doofe: Ich hatte mir vor der Reise meine allererste Digitalkamera gekauft, und wusste damals nicht, dass es Unterschiede in den AA Batterien gibt, und dass man spezielle AA Batterien für eine Kamera braucht. Nach einigen Tagen musste ich neue besorgen und war sehr verwundert, dass sie gerade ein oder zwei Bilder durchgehalten hatten, bevor sie leer wurden. Ich musste auf die Schnelle auf Wegwerfkameras mit Film umsteigen, nachdem mir ein Berater in einem großen Elektroladen nicht weiter helfen konnte. Die Bilder sind nach meiner Rückkehr entwickelt worden, es gibt zwar eine zeitliche Reihenfolge der Bilder auf dem Negativ, aber ich weiß heute nicht mehr, was ich wo alles fotografiert habe. Die Negativstreifen sind auch ein bisschen durcheinander gekommen, mit den Jahren.

In Turku erinnere ich mich, dass es sehr heiß war, als ich die Jugendherberge erreichte. Ich war zu früh da, mein Zimmer war noch nicht frei, also konnte ich nicht duschen. Ich hatte die junge Frau am Empfang auf Englisch gefragt, ob sie in der Nähe Strände empfehlen könnte. Keine Ahnung, was in ihr Gehirn angekommen war, sie hatte mich ganz schief angeschaut. Dachte sie, ich würde zum Puff gehen wollen? Beach, bitch, vielleicht war es mit meiner Aussprache nicht so perfekt, keine Ahnung. Andererseits muss sie auch ein bisschen doof gewesen sein, weil sie immer noch misstrauisch guckte, nachdem ich fragte, ob es wenigstens ein Schwimmbad gäbe. Ja, es gab eins, und ich hatte drin sogar meinen ersten Saunagang, dank einer netten älteren Dame, die mir alles erklärt hatte, was man über Saunas in Finnland wissen muss. Am nächsten Tag hatte ich Pause bei einer Kirche mit Park gemacht. Zwei Frauen saßen an der Terrasse vom Kirchenkaffee und ich hatte gesehen, wie ein Eichhörnchen ganz frech auf die Bank gesprungen war, wo die Frauen saßen, mit beiden Pfoten die Ränder einer geöffneten Handtasche gehalten hatte, um den Kopf drin zu stecken und sich den Inhalt anzuschauen, und ohne Beute wieder ganz schnell verschwunden war, ohne dass die Frauen es bemerkt hatten. Ich war total verblüfft.

In Tampere hatte mich ein älterer Mann angesprochen, als ich abends alleine meinen Fischteller in einem Restaurant aß, ob er sich zu mir hinsetzen durfte. Wir hatten viel geplaudert und uns am nächsten Morgen zum Kaffeetrinken auf dem Markt wieder getroffen.

In Kuopio wollte ich in die größte Rauchsauna der Welt. Ich war alleine hin gegangen und hatte dort meine Mitbewohnerin aus der Jugendherberge wieder getroffen, eine Engländerin. Wir hatten den Abend mit zwei Franzosen, auch aus der Herberge, im Lokal nebenan verbracht. Und was hatte die Musikgruppe drin gespielt? Genau, Ievan Polkka. Am nächsten Morgen hatte ich in der Küche von der Herberge ein finnisches Paar getroffen. Weil ich mich ein bisschen auf Finnisch unterhalten konnte, beschloßen sie mir auf der Stelle ein finnisches Märchenlied zu singen. Das war das Schönste, was ich je von Fremden bekommen habe.

In Joensuu hatte ich mir in den Kopf gesetzt, zum botanischen Garten mit dem Rucksack zu gehen. Auf dem Plan in meinem Reiseführer stand ein Pfeil an der linken Seite, mit der Notiz „To Botanical Gardens (500m)“. Hah, Pustekuchen. Ich weiß nicht wie viele Stunden ich unterwegs war, bis ich zum botanischen Garten angekommen bin. Ich habe mir in den Wanderschuhen Blasen gelaufen, vor allem an der Unterseite vom rechten kleinen Zeh. Zurück bin ich mit einem Bus gefahren. Der junge Mann an der Apotheke in der Stadt war sehr unfreundlich und wollte partout[4] nicht verstehen, dass ich Pflaster kaufen wollte, selbst als ich ihm mein Wörterbuch vor der Nase hielt.

In Imatra war die Jugendherberge ganz weit weg vom Bahnhof, zwischen Wald und See. Ich bin so viel gelaufen, dass mein T-Shirt durch mein BH nass wurde. Eine Herberge, wo alle Gäste gemeinsam in einem riesigen Saal geschlafen haben. Ich war die einzige Frau und froh, Ohropax[1] eingepackt zu haben. Ich hatte mir ein Fahrrad geliehen, um abends in die Stadt essen zu gehen. Ein altes Fahrrad ohne Gangschaltung und mit Rücktrittbremse. Das war auf der hügeligen Strasse kein Spaß. Am nächsten Tag war es regnerisch. An der Bushaltestelle war ich pünktlich, der Busfahrer ist trotz Winkens meinerseits an mir vorbei gerauscht. Gesehen hatte er mich. Als er mich über eine Stunde später auf dem Rückweg immer noch Richtung Bahnhof klatschnass mit Rucksack laufen gesehen hat, hat er eine übertriebene überraschte Reaktion gezeigt und mich mit offenem Mund angestarrt. Er hat meinen Mittelfinger zu sehen bekommen.

An Lappeenranta habe ich sehr wenige Erinnerungen, außer, dass ich in einem Museum für Geschichte und Vorgeschichte der Gegend war. Ich hatte in diesem Urlaub viele Museen besucht. Ach ja, Karjalanpiirakka hatte ich gegessen.

Fazit: Musik bewegt, auf jeden Fall.

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

[2] Das hier verlinkte Video ist nicht das Original.

[3] Das trifft auf viele Länder zu, muss ich zugeben. Gereist bin ich kaum, und wenn, meistens für Dienstreisen oder zwecks Familienbesuch, bevor ich den Ehemann kennen gelernt habe.

[4] Eine interessante Verwendung von dem Wort. Auf Französisch benutzen wir es definitiv nicht mit dieser Bedeutung. Er heißt doch „überall“.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.