Montag

Die Woche hat ganz schön hart angefangen. Ich war heute um acht bei der Arbeit. Ich hätte also um sieben das Haus verlassen müssen, aber da mein Mann für eine Dienstreise zum Flughafen musste, hat er mich auf dem Weg dahin mit dem Auto gefahren. Ich konnte eine halbe Stunde länger schlafen.

Ganz unerwartet war der Stress heute nicht, da wie jedes Semester unser gemeinsame Kurs mit der Uni statt findet. Ich organisiere unseren Teil, vorbereite die Lehrmaterialien, kontaktiere die Studenten, melde sie für die Experimente an (seit dem Versäumnis vom letzten Jahr habe ich die Verantwortung dafür übernommen), und halte auch Vorlesungen. Ich mache es zum siebten Mal und es läuft wie geschmiert. Ich habe für heute nicht mal meine Präsentation vorher durchlesen müssen.

Dasselbe kann ich für Mr Keen nicht behaupten. Er hat eine Vorlesung von Uschi geerbt, die er heute zum zweiten Mal gehalten hat. Eigentlich hätte ich seine Präsentation damals übernehmen können, ich hatte sie schon bei mehreren Veranstaltungen vorgetragen und es hätte mir nicht viel Aufwand gekostet. Uschi meinte aber, ich sollte mich für den Kurs nicht überanstrengen, und Mr Keen würde sich bestimmt freuen, selber eine Vorlesung halten zu dürfen.

Tja. Wie es bei Mr Keen so ist, sagt er den Chefs immer „ja, mache ich gerne“, aber dahinter steckt nichts. Kein Bock, das war bei ihm in den letzten Wochen schon anzumerken. Und null Vorbereitung, so viel war heute wieder klar. Winfried war diesmal dabei, weil Mr Keen nächste Woche eine ähnliche Präsentation bei einer anderen wichtigeren Veranstaltung halten sollte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit seiner Leistung zufrieden sein konnte. Begriffe verwechselt, ständig versprochen (seine Sprachstörung kommt noch dazu), ich habe teilweise eingreifen müssen, damit die Studenten verstehen, was er so mühsam nicht richtig erklären konnte.

Was mich noch irritiert hat, ist, wie er mir heute sagte, ich müsste nicht so viel alleine für den Kurs machen, er würde gerne helfen. Das hört man von ihm häufig. Er hilft gerne, wirklich, man muss nur fragen. Wenn man es mal versucht, stöhnt er, hat dann doch etwas ganz anderes und wichtigeres zu tun und überhaupt keine Zeit, aber sonst „gerne“, jederzeit, nur jetzt nicht. Und wenn es eh dazu kommt, dass er alles wie seine Präsentation heute verschlampt, dann kommt es definitiv nicht in Frage, dass ich ihn etwas anderes für den Kurs machen lasse. Ich glaube, ihm geht es vor allem darum, sich als hilfsbereit zu zeigen und Verantwortung an sich zu reißen, um sich wichtiger erscheinen zu lassen. Aber bitte ohne zusätzliche Arbeit.

Es wird Zeit, dass Florian, unser neuer Mitarbeiter, bei uns anfängt. Noch zwei Wochen. Es wird einiges in der Gruppe ändern. Mr Keen war beim ganzen Bewerbungsprozess stark gegen ihn. Hat ihm immer vorgeworfen, mehr Schein als Sein zu zeigen. Die Beschreibung trifft eher auf Mr Keen zu. Ich glaube, er sieht Florian als ernsthafter Gegner. Mit Recht. Florian ist jung, sympathisch, dynamisch, motiviert und produktiv. Hat schon viele wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Und sieht auch noch gut aus. Das Gegenteil von Mr Keen, wirklich. Kein Wunder, dass er sich von ihm so bedroht fühlt. Ich kannte Florian schon, bevor er sich bei uns beworben hat, und hatte die ganze Zeit die Hoffnung, dass die Entscheidung auf ihn fallen würde. Es freut mich, ihn demnächst als Kollegen zu haben.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Eine stressige Dienstreise

Die Reise selbst war nicht stressig. Ich war drei Tage mit Kate unterwegs, in einer kleinen Stadt in Mittelhessen, die trotzdem mit einer Uni versehen ist. Dort sitzt eine Arbeitsgruppe, mit der wir beide zu tun haben. Es war ein sehr produktives Treffen.

Was mich geärgert hat, sind die Kollegen zu Hause. Wir haben nächste Woche einen gemeinsamen Kurs mit der Uni, den ich mittlerweile zum fünften Mal für unseren Teil organisiere. Es ist bis jetzt immer gut gelaufen. Alles, was ich machen muss, ist beinahe trivial: Termin finden, da die Nutzung unserer Geräte an einem Kalender gebunden ist, Raum buchen, was fast ein Jahr im Voraus geschieht, Zeitplan für den Kurs herstellen, da die Studenten manchmal gleichzeitig andere Veranstaltungen haben, und meine Vorlesungen und Skripte vorbereiten, es gibt immer Verbesserungsmöglichkeiten. Um die Online-Anmeldung der Studenten für die Nutzung unserer Geräte kümmern sich die Kollegen aus der Uni, die den Rest vom Kurs organisieren. Bis auf dieses Mal.

Vorgestern hat mich mein Gesprächspartner für den Kurs aus der Uni eine Email geschrieben, weil er gerade gemerkt hatte, dass er die Studenten bei uns nicht wie üblich anmelden konnte. Da ich den ganzen Tag beschäftigt war und meine Kollegen erst um halb zehn verlassen habe, konnte ich nur sehr spät antworten. Ungefähr so: „Bin nicht vor Ort, kontaktiere so schnell wie möglich unsere Verwaltung, ich weiß nicht, ob sie es noch schaffen können, rechtzeitig den Studenten Zugang zu den Geräten zu ermöglichen.“ Mit CC an Uschi, damit er darauf reagieren kann: Vielleicht hat er eine Idee, wie man auf die Schnelle das Problem lösen kann. Es ist ja ein großer administrativer Aufwand, vor allem bei ausländischen Studenten, da Sicherheitsaspekte berücksichtigt werden müssen, und alle unsere Nutzer wissen eigentlich, dass sie sich spätestens eine Woche vor ihrer Messung bei uns anmelden müssen. Mein Kollege hat etwas massiv verpennt, wenn er erst zwei Werktage vor Anfang des Kurses merkt, dass er die Studenten nicht anmelden kann. Ich habe schon im Gedanke angefangen, den gesamten Kurs umzustrukturieren, damit wir trotzdem etwas Sinnvolles machen können, falls keine Experimente möglich sind.

Gestern habe ich ganz früh Uschi angerufen, als er noch unterwegs zur Arbeit war. Er hatte den Email-Austausch vom späten Abend nicht mitbekommen. Seine Antwort an meinem Kollegen fing mit „Warum merkt ihr das erst jetzt?“ an, aber er hat tatsächlich eine Notlösung gefunden. Dafür mussten die Kollegen an der Uni tätig werden: Wir dürfen selber keine Teilnehmer zu einem Experiment eintragen, obwohl wir Experimente für die Nutzer buchen können (warum auch immer, das versteht nur unsere Verwaltung). Daraufhin kam eine Antwort vom Chef meines Kollegen, der leitender Professor seiner Arbeitsgruppe, der bis jetzt in die Diskussion nicht involviert war aber uns gleich anschuldigen musste, in dem Stil „Ich sehe nicht ein, warum wir uns darum kümmern sollten, seit Frau Dingsbums[1] nicht mehr da ist, klappt irgendwie einiges nicht mehr, wenn es nicht geht werden wir in Zukunft ohne euch den Kurs machen“. Ich glaube, ich spinne. Zum Glück hat Uschi die Situation vorbildlich unter Kontrolle gebracht. Er hat den Vorgang bei den letzten Kursen geprüft und deutlich gemacht, dass die Anschuldigungsversuche an uns völlig unbegründet waren, da die Studenten immer von den Kollegen aus der Uni angemeldet wurden. Der Professor hat keinen Ton mehr von sich gegeben, mein Kollege hat plötzlich geschrieben, dass er die Studenten gerade angemeldet hatte (obwohl er es angeblich nicht vor dem Nachmittag machen konnte), und Uschi hat es geschafft, die Leute aus unserer Verwaltung zu überzeugen, den Vorgang für die Studenten zu beschleunigen. Das alles innerhalb von zwei Stunden nachdem ich ihn angerufen habe. Es ist nicht sicher, dass es gelingt, aber er hat alles dafür gemacht. Das schätze ich sehr an Uschi. Wenn ein Problem auftaucht, ist er zwar geärgert, aber statt einen Prügelknabe zu suchen, versucht er in erster Linie, das Problem zu lösen.

[1] Die Vorgängerin meines Vorgängers.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Alles umsonst, schon wieder

Ich weiß jetzt Bescheid, ich bin angerufen worden, und eine andere Kandidatin hat die Stelle bekommen. Sie bedauern dies sehr, sie fänden mein Profil sehr interessant, sie würden sich bemühen, innerhalb von drei Wochen eine andere Stelle für mich zu finden, blablabla, ich sollte nicht zögern, mich weiter bei ihnen zu bewerben, ja ja… Das hatte ich eigentlich schon in Dezember für eine andere Stelle bei ihnen gemacht, die nicht so gut passte aber mir von der Arbeitsagentur explizit geschickt wurde, und damals hatten sie mich von vorne rein abgesagt, ohne mich überhaupt einzuladen.

Genauer gesagt ist diese glückliche Kandidatin die Kollegin Yong Jin, die am nächsten Tag zum Gespräch eingeladen wurde. Die ich teilweise ausgebildet habe, bei der ich für ihre Diplomprüfung Beisitzerin war, für die ich bei unserem Institutsleiter H. Druck ausüben musste, damit er ihr trotz Familie eine Doktorarbeit gibt, weil er wegen den Kindern Bedenken hatte, und die erst vor einem Jahr ihre Promotion abgeschlossen hat. Und die gerade für zwei Jahren ihren Vertrag verlängert bekommen hatte, und erstmal nicht gebraucht hätte, sich um eine neue Stelle umzuschauen. Und warum? Weil das Profil noch ein bisschen besser gepasst hatte? Wir kommen doch aus dem gleichen Institut…

Und was es für mich so schwer zu schlucken macht, ist, dass es genau Lars war, der sie dazu überredet hatte, sich auf diese Stelle zu bewerben. Sie hat mir gesagt, sie hatte es ursprünglich gar nicht vor gehabt. Lars, der genau weißt, dass ich schon seit Monaten arbeitslos bin und nach einer neuen Stelle suche. Arsch. Lars, der auf der einzigen Dauerstelle am Institut vor dreieinhalb Jahren eingestellt wurde. Und warum keiner, der damals am Institut befristet berufstätig war und sich auf die Dauerstelle beworben hatte, für unseren Chef in Frage kam, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Besser als uns ist er definitiv nicht. Eine ehrliche Erklärung vom Chef dafür hatte ich nicht bekommen, als er mir die Absage mündlich gab.

Ich glaube, alle promovierte Wissenschaftler, die jemals am Institut gearbeitet haben und noch befristet eingestellt waren, hatten sich auf diese Dauerstelle beworben. Mir sind mindestens fünf Personen in diesem Fall bekannt. Wir sind alle bestens mit den Lehrveranstaltungen vertraut gewesen und kannten uns mit den Geräten sehr gut aus. Wir sind auch vom aktuellen Institutsleiter dazu aufgefordert worden, uns zu bewerben. Dabei hat er nie vor gehabt, einer von uns zu nehmen. Ich denke, seine große Angst war einfach, dass er zu wenige Bewerbungen bekommt. Mir ist schon schleierhaft, wie er zu der Liste von Leuten gekommen ist, die er zum Vortrag eingeladen hat. Der erste Kandidat hatte mit unseren Forschungsthemen und Methoden gar nichts zu tun. Der zweite war Lars. Der dritte war ein älterer Mann, der uns durch seine frühere Arbeit sogar ein bisschen bekannt war. Dass der erste Kandidat nicht passte, war klar. Er hätte gar nicht eingeladen werden sollen. Begründung vom Chef: „Ich wusste, dass er nicht passt, wollte aber seinen Vortrag hören, weil es mit meinem Habilitationsthema verwandt ist.“ Und wozu gibt es denn Fachtagungen? Bei Lars hatte ich nichts Besonderes gedacht. Schöne Ergebnisse aus seiner Doktorarbeit hatte er gezeigt, aber nichts, bei dem ich gesagt hätte, er wäre uns so weit überlegen, dass er besser als wir für die Stelle geeignet wäre. Den dritten Kandidat hätte ich sofort akzeptiert, sein Fachwissen war außer Frage, und er war wirklich gut. Tja, wir haben wohl Lars bekommen. Heute frage ich mich immer noch, warum? Der Chef sagte, mit ihm hätte er jemanden, der genau das machen würde, was er will, vom dritten Kandidat könnte er es nicht erwarten, weil er so gut war. Und was hatte ich dann all die Jahre gemacht? …

Eigentlich kann Lars gerade die Hälfte unserer Methoden anwenden. Und er hat sich bis jetzt noch nie die Mühe gegeben, sich mit dem Rest der Geräte anzuvertrauen. Wozu auch, das brauchte er nicht, das konnten wir selber machen. Ich habe mich bemüht, nichts über ihn zu sagen, weil ich als neidisch erschienen wäre. Und habe mich nur geärgert zu sehen, wie man mit einer großen Klappe und wenig Können bei unserem Chef gut ankommen kann. Beispiel: Wir mussten ein Mal ein Gerät justieren. Wir saßen zu viert bei meinem Chef, mit Lars und meinem früheren Kollegen Sebastian, und hatten diskutiert, was zu tun war. Lars sagte sofort mit Überzeugung, „Ja, machen wir das alle drei zusammen“. Als der Zeitpunkt kam, wo wir uns an die Arbeit machen mussten, hat sich Lars aber entschuldigt, weil er etwas anderes zu tun hätte. Aber dann große Töne beim Chef spucken, wie toll wir zusammen gearbeitet hätten – obwohl er die ganze Zeit in seinem Zimmer geblieben ist. Wäre es nur eine Ausnahme gewesen, aber nein, so ist es jedes Mal. Und er wird vom Chef auch noch sehr geschätzt. Dabei ist Lars der einzige Wissenschaftler am Institut, der peinlich genau auf die Uhr schaut und so gut wie nie nach 16:30 am Institut zu sehen ist. Sein Spitzname: „Nichts wie weg“ – vom Chef selbst vergeben.

Ehrlich gesagt sehe ich doch gemeinsame Merkmale mit dem früheren (gestorbenen) Inhaber der Dauerstelle, bei denen ich nicht mit halten kann: Beide sind ernsthaft suchtkrank. Alkohol und Zigarette. Obwohl ich in letzter Zeit bei Lars den charakteristischen Geruch von Alkohol, der durch die Hautporen wieder raus geht, nicht mehr so stark wahrgenommen habe, aber so häufig bin ich auch nicht mehr dort. Ich hatte sonst vom Anfang an schon gemerkt, wie stark seine Hände zittern, wenn wir morgens im Kaffeeraum sitzen. Normal ist es nicht, selbst meine chinesische Freundin Mei hatte mich gefragt, was mit ihm los ist. Und seine Sucht auf Zigaretten ist so stark, dass er nicht in der Lage ist, eine Lehrveranstaltung auf einem Stück durch zu ziehen. Unsere HiWis berichten ab und zu, wie er während Übungsstunden den Hörsaal einfach verlässt, um draußen rauchen zu gehen. Jetzt weiß ich, was ich von Leuten zu halten habe, die „coole“ Bilder von sich selbst sitzend auf der Wiese bei einer Lehrveranstaltung fotografieren lassen. So kann man doch so viel rauchen wie man will.

Aber unser Chef hat ihn eingestellt, und damit allen gezeigt, dass er ihn für besser hält. Das Schlimme daran ist, dass die Ankündigung für die Dauerstelle allgemein bekannt war, und solche Stellen sind schon in unserem Fach eine Seltenheit. Das heißt, viele Leute können sich noch daran gut erinnern. Was denken sie wohl, wenn sie jetzt jemanden aus unserem Institut kommen sehen, der damals die Anforderungen für die Stelle erfüllt hätte, und sich bei ihnen später noch bewirbt? Diese Person muss schlecht sein, weil sie damals die Dauerstelle im eigenen Haus nicht mal bekommen hat?

Vor allem als Frau, wo man es doch leicht haben sollte, eine Stelle zu finden, da es ja Gleichstellungsbeauftragte gibt… Tja, es gibt welche an der Uni, aber zu diesem Auswahlverfahren ist wohl keine gekommen. Bei Dauerstellen ist es eine Pflicht, eine Gleichstellungsbeauftragte zu bestellen. Das hatte der Chef auch gemacht. Aber keine ist gekommen, und es gab nicht mal eine Entschuldigung dafür. Ich habe mich nach dem Grund erkundigt, weil ich damals selber dem Gleichstellungsteam gehört hatte (und aus selbstverständlichen Gründen nicht bei diesem Verfahren als Gleichstellungsbeauftragte mitmachen konnte) und die verantwortliche Person kannte. Sie meinte, sie hätten zu viel zu tun gehabt (aber keine ist auf die Idee gekommen, dass ich sie woanders entlasten könnte…), und sie müssten zwar bei Dauerstellen eingeladen werden, aber ihr offizieller Ziel wäre es in erster Linie, die relative Anzahl von Professorinnen zu erhöhen, „normale“ wissenschaftliche Mitarbeiterinnen würden sie nicht so sehr interessieren… Und Professorinnen tauchen plötzlich aus dem Nichts auf, einfach so, ohne vorher Mitarbeiterinnen zu sein? Das hat mich genug genervt, um aus dem Team auszutreten. Weil keiner mir einreden kann, dass Lars besser als ich wäre, das ist er nicht – laut Gleichstellungsgesetz hätte ich eingestellt werden sollen (oder der dritte Kandidat, aber nicht Lars). Und ich weiß noch, als ich gerade arbeitslos geworden war, dass ich mit Yong Jin eines Tages mittags gegessen hatte, und sie zum ersten Mal am Institut selber mit ihm zu tun haben musste, und sie mir beim Essen auf ein Mal sagte, „Weißt du, Lars ist eigentlich schlecht!“, als sie ärgerlich ihr Essen auf ihre Gabel aufspießte… als ob ich das noch nicht wüsste… aber ich hatte es niemandem erzählt, weil ich mich auch beworben hatte, und es hätte wie Neid ausgesehen. Dass sie es mir so spontan selber gesagt hat, obwohl sie sonst nie schlecht über andere Personen redet, ist mir Bestätigung genug, dass ich mich nicht geirrt habe.

Manchmal frage ich mich, ob unser Chef dem früheren Doktorvater von Lars ein Gefallen schuldig war. Das ist für mich die einzige Erklärung, die Sinn macht. Seinen Doktorvater habe ich übrigens bei der letzten Fachtagung gesehen. Er hat sich mich amüsiert angeschaut, als ob er es lustig fände, dass Lars am Institut ist. Aber jetzt, wo ich Lars kenne, denke ich, es gibt keinen Grund, so stolz auf ihn zu sein, ich würde mich eher schämen, wenn die Person aus meinem Institut kommen würde. Ach, was soll’s… Jetzt würde ich eh nicht wieder am Institut arbeiten wollen, mein Chef hat mich nicht verdient. Ich habe damals nur deswegen nicht offiziell gekündigt, weil man ja Geld verdienen muss. Innerlich aber wohl.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Geschichte einer Homepage

Dass die Homepage mal aufgefrischt werden sollte, wussten wir am Institut schon lange. Sie wurde vor etwa fünfzehn Jahren erstellt und viele Informationen drin sind längst nicht mehr aktuell. Damals hatten sich zwei Studenten, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter und unsere Sekretärin um das neue Design gekümmert, es war die Zeit, als es so cool war, Frames zu benutzen – heute wirkt es wie die Vorgeschichte von Internetseiten. Für die Aktualisierung des Inhaltes ist unsere Sekretärin zuständig. Ankündigungen für Vorträge waren immer aktuell, wir haben aber jede Menge Lehrveranstaltungen für Studenten noch drin behalten, die wir längst nicht mehr anbieten, oder bei denen die zuständigen Dozenten entweder nicht mehr bei uns arbeiten, oder sogar in einem Fall seit einigen Jahren gestorben ist. Und das obwohl wir es bei unserer Sekretärin mehrmals bemängelt haben.

Vor einigen Jahren hat unsere Universität ein neues Design für ihren Internetauftritt bekommen. Es hieß, man sollte sich dem „Corporate Design“ anpassen und Institute wurden dazu eingeladen (aber nicht gezwungen), mit Hilfe des neu entwickelten CMS und des Webteams ihre Webseiten neu zu gestalten. Wir hatten uns damals also an das Webteam gewandt und uns wurde versichert, dass sie eine neue Webseitenstruktur für uns sobald wie möglich bereit stellen würden, bei der wir uns nur noch um den Inhalt kümmern sollten. Jahre vergingen. Mit meinen Lehrpflichten und Forschungsarbeit hatte ich die Folgen dieses Treffen mit dem Webteam nicht mitbekommen. Es war auch nicht meine Aufgabe und ich hatte gedacht, wenn sich etwas tut, würde sich unsere Sekretärin melden. Ich hätte auch jeden Fall mitgemacht, um neue IT-Kompetenzen zu erwerben und mich bei späteren Bewerbungen besser zu verkaufen. Ich habe ab und zu nachgefragt, ob vom Webteam etwas Neues zu hören gewesen war und habe vorgeschlagen, sich dort zu informieren, wie der Stand war – das wollte unsere Sekretärin aber nicht machen, da sie uns schon gesagt hatten, dass sie an unsere Homepage arbeiten würden. Zwischendurch habe ich neben meiner Tätigkeit eine beratende Funktion an der Uni angenommen und habe selber dafür eine Homepage mit dem gleichen CMS gestaltet. Als ich nach dieser Tätigkeit wieder Vollzeit zum Institut kam, waren schon zwei Jahre vergangen. Da sich für unsere Homepage nichts geändert hatte, habe ich selber die Initiative ergriffen und eine Email an unseren damaligen Gesprächspartner beim Webteam geschrieben, mit dem Leiter des Teams im CC, wo ich fragte, wie weit sie seit den mehr als zwei Jahren mit unserer Homepage fortgeschritten waren. Da kam die Antwort, dass sie bedauerlicherweise unseren Fall völlig vergessen hatten und sich entschuldigten. Wir haben zu viert, die Sekretärin, die adipöse Assistentin, ein Doktorand und ich, einen neuen Termin mit einer frisch diplomierten Frau beim Webteam vereinbart. Die Struktur für die Homepage wurde dann schnell bereit gestellt und wir konnten daran offline arbeiten.

Wir haben uns also zu viert die Arbeit geteilt. Mein Teil wurde schnell erledigt, der vom Doktoranden auch. Bei den zwei anderen haben wir sehr lange gewartet. Als sich nach ein paar Monaten nichts geändert hatte und ich arbeitslos wurde, habe ich selber den Teil der Sekretärin und der Assistentin übernommen. Die Assistentin: „Mir war nicht klar, dass ich etwas machen musste“, ich denke, sie hat sich vom Institut aus noch nie ins CMS eingeloggt. Die Sekretärin: „Toll, dass du die ganze Arbeit gemacht hast“. Immerhin. Ich habe dann alle darum gebeten, dass sie den Inhalt genau prüfen und gegeben falls korrigieren. Ich weiß, dass ich den Teil über die Geschichte des Instituts aktualisiert hatte, und mich genervt nicht nett gegenüber unserer Fakultät geäußert hatte, weil sie uns vor kurzem eine Professur weg genommen hatten, als der Institutsleiter in Rente ging, und noch vor hatten, andere Stellen bei uns abzukassieren. Bearbeitungsbedarf im Text war also da. Nachdem alle letzten Korrekturen gemacht wurden, habe ich mich im Dezember an das Webteam erneut gewandt und geschrieben, dass sie die Homepage online umschalten konnten, nachdem einige Probleme beseitigt wären – z.B. Zugriffsverweigerung auf Beispielseiten, die die Frau für uns erstellt hatte, bei denen sie aber die Rechte nicht richtig gesetzt hatte, oder die Veröffentlichungsliste, die doch eine andere Struktur bekommen sollte.

Ich habe gewartet, vielleicht war die Frau schon im Urlaub, und habe mich weiter um meine Bewerbungen gekümmert. Einen Beitrag für eine Fachtagung wollte ich auch vorbereiten, um den Kontakt mit anderen Kollegen wieder aufzufrischen. Es hat sich auch gelohnt, ich habe spontan durch einen früheren Kollegen ein Vorstellungsgespräch bei der Tagung gemacht, wobei ich mich frage, ob es wirklich etwas bringen wird. Der erste Verantwortlicher für die Stelle wirkte sehr interessiert, aber ich fand den zweiten Mann sehr hochnäsig und unangenehm – wie er sich verhalten hat, immer stur geradeaus über meinem Kopf zu schauen (so groß ist er) und zu reden, ohne mich überhaupt anzuschauen, habe ich eher den Eindruck bekommen, dass er eine spontane starke Antipathie gegen mich entwickelt hat. Ich habe meinen Lebenslauf trotzdem geschickt, aber ich erwarte da nichts. Nach der Tagung habe ich mich gefragt, wie es mit der Homepage ging, es waren schon über drei Monate vergangen. Da die Frau an meiner Email gar nicht geantwortet hatte, habe ich sie angerufen. Mit der Frage, ob sie meine Email bearbeitet hatte. „Welche Email?“ „Die vom 6. Dezember.“ „Ach so, am Nikolaustag! Nein, ich habe an dem Tag keine Email von Ihnen bekommen.“ Wie konnte sie das so schnell sagen, ohne sich die Zeit zu nehmen, in ihrem Postfach zu schauen? Es riecht nach verschlampter Arbeit. Ich habe ihr also noch mal den Inhalt der Email erläutert, die ich vor den Augen hatte. Sie sagte, sie würde es gerne machen, aber die Uni würde in Kürze ein neues CMS anbieten, für die paar Monate würde es sich nicht mehr lohnen. Nachdem ich sie daran erinnert hatte, dass wir nun schon über drei Jahren den Antrag auf die neue Homepage gestellt hatten und sie frech implizierte, dass wir schuld daran gewesen wären, so lange gewartet zu haben, hat sie doch zugestimmt, die Homepage online bereit zu stellen. Dabei ist sie auf Kleinigkeiten gestoßen und hat mich darum gebeten, die Probleme zu beseitigen – ich wiederhole, ich bin arbeitslos und mache das nur noch ehrenamtlich, weil ich bei Vorstellungsgesprächen in der Lage sein will zu sagen, dass ich an der Homepage gearbeitet habe. Ich habe nach der Bearbeitung der Kleinigkeiten der Frau gesagt, dass sie meine Email-Adresse am Institut nicht mehr benutzen soll, da ich dort nicht mehr arbeite, sondern die webmaster@…, die wir extra für die Homepage eingerichtet haben und die auf jeder Seite in der Fußzeile steht. Tja, heute hat sie mich wieder persönlich angeschrieben, weil sie nicht mehr wusste, wie die Veröffentlichungsliste behandelt werden sollte. Allerdings knapp und so formuliert, als ob es mein Fehler gewesen wäre: „ich habe gerade gesehen, dass die Publikationen noch doppelt vorhanden sind“, und das war’s schon. Ja, blöde Kuh, die zweite Seite mit der neuen Struktur hat sie doch selber angelegt, damit ich den Inhalt der alten Seite drauf kopieren kann bevor sie sie löscht. Sie hat anscheinend große Schwierigkeiten damit, sich den Inhalt von Telefongesprächen zu merken. Ich bin gespannt, wie lange es noch dauern wird, bis die neue Homepage endlich online zugänglich ist.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Geschichten aus der Arbeit – Meine männliche Kollegen

Als ich zum ersten Mal zum Institut ankam, vierzehn Jahre her, hatte ich gerade das Diplom in der Tasche und wollte meine Promotion anfangen. Am ersten Tag hatte mich der Institutsleiter, sei er mit H. bezeichnet, durch das ganze Institut mitgenommen und allen anderen Mitarbeitern vorgestellt. Ich erinnere mich ganz genau, wie er sagte, ich sollte mich an ihn wenden, falls ich aufgrund meines Geschlechtes von den Kollegen Schwierigkeiten bekommen würde. Dabei habe ich im Laufe der Jahre gemerkt, dass H. das größte Schwein vom Institut gewesen ist – nicht nur sexuell, ein Fresssack ist er auch, ich habe mich häufig gefragt, wie lange er sein… „e Füße“ nicht mehr gesehen hat. H. besitzt kein Humor und versteht keine Witze, wenn sie nicht sexueller Natur sind. Es ist mir wirklich peinlich für ihn gewesen, wie er einmal mit mir und einer anderen Kollegin in Lachen ausgebrochen ist, weil irgendwo die Zahl 6 vorkam, und er nur „Sechs, Sex“ wiederholte. Zur Erinnerung, der Mann hat Physik studiert und ist Institutsleiter geworden. Und lacht sich tot über Grundschüler-Witze. Ständig muss er die Leute um sich herum anfassen. „Wir sind eine große Familie“, meint er, er würde sich wie unser Vater fühlen. Bei meinen männlichen Kollegen hat er einfach nur kumpelhaft die Hand auf die Schulter gelegt. Als Frau muss man immer sehr schnell reagieren und den Kopf nach hinten ziehen, um nicht die Wange gestreichelt zu bekommen. Nach dem er mir einmal sogar die Hand aufs Gesäß gelegt hat, und ich mit Mühe den Inhalt des Wasserkochers, den ich in der Hand hielt, nicht auf seinen Kopf gegossen habe (er hat immerhin eingesehen, dass es unangemessen war), habe ich immer dafür gesorgt, dass mindestens drei Meter als Sicherheitsabstand zwischen uns stehen. Jetzt ist er Rentner, er kommt aber wieder ab und zu zum Institut. Ich denke immer noch, ich hätte an dem Tag seine Frau anrufen und mich bei ihr beschweren sollen. Und ich frage mich nebenbei, welche Rolle er dabei gespielt hat, dass ich die einzige dauerhafte wissenschaftliche Stelle am Institut nicht bekommen habe, aber da wäre genug Stoff für einen neuen Eintrag, so bizarr der Vorgang war.

Ich wechsle jetzt zu unserer Werkstatt. Der Leiter, Egbert, der zum Glück in nur wenigen Wochen in Rente geht, hat anscheinend sehr große Schwierigkeiten damit, dass Frauen eine wissenschaftliche Karriere anstreben und promovieren. Ich weiß nicht mehr wie oft er während meiner Doktorarbeit in mein Zimmer gekommen ist, um mir ernsthaft zu erzählen, ich sollte einen Mann heiraten, und zu Hause bleiben, um mich um die Kinder zu kümmern. Anfangs habe ich noch versucht zu diskutieren, aber das ist bei ihm zwecklos, danach habe ich nur noch gesagt, ich hätte jetzt keine Zeit für ihn. Das hat er aufgehört, als ich Gleichstellungsbeauftragte wurde. Ist es ein Generationsproblem? Nein, Franz-Dieter, der im gleichen Alter ist und auch in der Werkstatt arbeitet, ist ganz im Gegenteil in meiner Sicht der beste männliche Mitarbeiter im ganzen Institut. Mit ihm kann man ohne Bedenke allein bleiben, über vieles diskutieren und bekommt immer das Gefühl, ernst genommen zu werden. Wie bei Rolf auch, eigentlich. Und Franz-Dieter hat schon vor den anderen Egbert widersprochen, der sein Chef ist, wenn dieser im Kaffeeraum sexistische Aussagen gemacht hat. Dafür kriegt er meine vier Daumen hoch. Dann gibt‘s noch Bernd, der vom Anfang an – und auch bis ich Gleichstellungsbeauftragte wurde – nie in der Lage war, in einem Gespräch mich oberhalb vom Hals zu gucken. Ich fand ihn gruselig und habe immer vermieden, alleine mit ihm zu sein. Gut, dass ich so wenig mit ihm zu tun hatte und er schon in Rente weg ist. Zum Schluss habe ich auch eine Anekdote über Josef, der einmal im Kaffeeraum sich geäußert hatte, er würde gerne seine jetzige Frau verlassen und eine jüngere heiraten, um die 30, weil Frauen erst ab 30 interessant werden (ich glaube, mein 30. Geburtstag war fast ein Jahr her gewesen), er würde ihr ein stabiles Einkommen anbieten und wäre bereit, wieder Kinder zu haben. Attraktiv wäre er ja, meinte er, da er so viel Sport treibt und eine jüngere Studentin, die bei ihm eine Arbeit als HiWi gemacht hatte, hätte mit ihm eine Affäre haben wollen (es gab eigentlich nur eine Studentin, die mit ihm gearbeitet hatte, und während ihrer Tätigkeit hier hatten wir uns häufig beim Uni-Fitness-Studio getroffen, mit ihrem Freund, einem gut gebauten großen Blonden… und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie gleichzeitig Interesse an Joseph hatte, es war nur „möchte-gerne-Talk“). Ich hab’s zuerst nicht persönlich genommen und fand ihn nach diesem Gespräch nur ekelhaft. Mein Zimmerkollege sagte, mindestens wäre er ehrlich, so offen darüber zu sprechen. Nach einigen komischen Vorfällen habe ich gemerkt, dass Josef es doch auf mich abgesehen hatte. Der hat vielleicht Nerven. Mir gefällt’s nicht, wie er manchmal mir zu nah kommt, ich einen Schritt zur Seite mache, und er direkt danach mir wieder an die Pelle rückt. Und dabei merke ich, dass ich seinen Geruch auch nicht mag, ich glaube, er raucht heimlich Cannabis, wenn er alleine in seiner getrennten Werkstatt ist.

Über meine männlichen wissenschaftlichen Arbeitskollegen gibt es nicht so viel zu berichten. Die meisten haben mich einfach wie eine Arbeitskollegin behandelt, und das fand ich richtig gut so, wir verstehen uns prima. Es gab Volker, der frühere Inhaber der wissenschaftlichen Dauerstelle, der jetzt verstorben ist und versucht hatte, mir Anmachen zu machen. Ich habe mich danach von ihm distanziert. Außerdem hatte er ein großes Alkoholproblem. Und es gibt Lars, sein Nachfolger, der einfach nur ein möchte-gerne-Chef mit großer Klappe ist (und das haben mir die anderen gesagt, es ist nicht (nur) ein Ausdruck von Neid). Aber mit dem muss ich nichts mehr zu tun haben, da ich jetzt arbeitslos bin. Und darüber freue ich mich doch, weil ich mit ihm keine Lust hätte, weiterhin am Institut zu sein. Vor allem jetzt, wo der neue Leiter auf langer Reise ist und ihn als Vertreter gelassen hat.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Erfolgreich studieren

Heute will ich euch ein bisschen von meiner Erfahrung mit dem Studium profitieren lassen – aus beiden Seiten betrachtet, als Studentin, und später als Dozentin an der Uni. Was mich dazu bewegt ist die hohe Durchfallquote in einem niedrigen Semester in einem Fach, der als Basiswissen nur Stoff aus dem Gymnasium voraussetzt – was man an der Uni drauf haben sollte. Es ist im Grunde ganz simpel: Richtig zuhören und sich Notizen machen. Konsequent zu das ganze Semester lernen, am besten in einer kleinen Gruppe. Der schwierigerer Teil wäre wohl, sich zuzutrauen, Fragen zu stellen. Und manchmal auch zu merken, dass das gewählte Studium vielleicht doch nicht geeignet ist.

Ich weiß nicht mehr, wie viele Studenten ich schon vor mir sitzen hatte. Fakt ist, dass ich sie selten dabei erwischt habe, wie sie sich Notizen machen, sei es auf Papier oder auf dem Tablett. Viele sitzen einfach da mit leerem Blick und sehen aus, als ob sie vor dem Fernseher sitzen würden. Wenn sie sich nicht einfach untereinander unterhalten. Ich frage mich manchmal, ob sie es merken würden, wenn ich plötzlich das Thema wechseln würde. Dabei bemühe ich mich auch noch, immer Bescheid zu sagen, wenn etwas so wichtig ist, dass es in der Klausur mit sehr hohen Wahrscheinlichkeit gefragt werden kann (was gerade für 2mn Aufmerksamkeit sorgt). Während den Übungen merke ich am Ende des Semesters häufig, dass die Grundbegriffe immer noch nicht beherrscht sind. Und wenn ich darauf aufmerksam mache, dass die Klausur naht, bekomme ich als Antwort „Natürlich, bis zur Klausur werde ich es gelernt haben“. Dabei habe ich auch den Spaß, die Klausuren selbst zu korrigieren, und bin häufig fassungslos, was man als Blödsinn schreiben kann. Schlimmer noch, wenn sie die Klausur bestanden haben, wissen sie im nächsten Semester schon nicht mehr, was sie gelernt haben. Kein Wunder, denn das akute Büffeln kurz vor der Klausur nicht für Langzeitgedächtnis hilft. Vielleicht denkt ihr, „was mich interessiert ist nicht das Studium, sondern die Urkunde, mit der ich mich später auf guten Jobs bewerben kann“. Denkt aber dran, dass man bei Bewerbern erwartet, dass sie auch das können, was sie studiert haben. Ein großes Maul hilft nicht immer, wenn aus dem Studium nur ein Stück Papier geblieben ist.

Für beide Probleme, das Aufmerksamkeitsvermögen und das Langzeitgedächtnis, gibt es eine Lösung. Nehmt ihr euch am Anfang der Vorlesungsstunde Papier und Stift, und schreibt alles auf, was die Person vor der Tafel erzählt, selbst wenn ihr ein Skript bekommt. Papier und Stift sind immer noch besser als Tablett, weil man auch schnell Skizzen kopieren kann. „Häh, alles aufschreiben kann man doch gar nicht.“ Das Wichtigste herausfiltern und aufschreiben. Glaubt mir, ich hab’s an der Uni selber so gemacht, habe sonst außerhalb der Uni-Zeit kaum lernen müssen, weil man beim Mitschreiben und Mitdenken sich den Stoff sehr gut einprägen kann (na gut, für Physik hat es geklappt, in anderen Fächern ist es vielleicht anders). Ja, ich habe am mittleren Finger die harte Vertiefung vom Stift bekommen, weil ich ihn so lange in der Hand hatte, und ich habe auch Muskelkater in der Hand am Anfang jedes Semesters bekommen, aber es hat sich gelohnt, schließlich hatte ich ohne große Mühe die vierte beste Note in meinem Vordiplom-Jahrgang. Zeit in der Vorlesung verbringt man sowieso, also macht das Beste daraus!

Tja, damit habe ich auch gleich das „konsequent durch das ganze Semester lernen“ abgehackt. Es gibt aber nicht nur Vorlesungen, sondern auch Übungen und Praktika. Am besten sollte man am Anfang des Semesters eine kleine Lerngruppe mit Kommilitonen bilden, um zusammen die Übungen regelmäßig zu bearbeiten. „Nein, ich arbeite lieber alleine, in der Gruppe ist es mir blöd, es würde viel länger dauern.“ So richtig stimmt das nicht. In einer Gruppe sind alle Individuen unterschiedlich, und sehen den Stoff mit einem anderen Blickwinkel. Man versteht selber den Stoff auch viel besser, wenn man es jemandem erklärt. Daher lohnt es sich wirklich, sich über das gelernte auszutauschen. Und Spaß kann man dabei auch haben.

Fragen stellen ist vielleicht das, was am schwierigsten vorkommen könnte. Schon in einer Gruppe von 30 Studenten kann es beängstigend sein, auf sich selbst aufmerksam zu machen. Wenn es nicht anders geht, könnt ihr am Ende der Stunde den/die Dozent/in direkt ansprechen. Emails gibt es auch, macht Gebrauch davon. Oder nutzt die Forum-Möglichkeit aus, die die e-learning-Platform anbietet, falls vorhanden. Aber eines solltet ihr im Kopf behalten: Die Frage, die euch durch den Kopf geht, beschäftigt bestimmt andere auch. Die sich ebenfalls nicht trauen, nachzufragen. Habt keine Angst, denn es gibt schlimmeres: Heute wird im Studium noch mehr Wert drauf gelegt, wie man eine Präsentation macht, die Übung müsst ihr so oder so mindestens einmal machen. „Und was ist, wenn meine Frage doch so blöd ist, dass der/die Dozent/in mich als hoffnungslos einstuft und dadurch bei der Klausurkorrektur schlecht beeinflusst wird?“. Jetzt mal ehrlich. Wisst ihr überhaupt, wie viele Studenten wir im Semester sehen? Glaubt ihr wirklich, man würde sich alle euren Namen merken, vor allem in Vorlesungen, wo eh keine Anwesenheit geprüft wird? Mann, ich bin schon froh, wenn ich eure Gesichter wieder erkenne. Gut, es gibt auch Fälle, wo das Nachfragen belästigend wird, und zwar, wenn immer die eine und gleiche Person ständig Fragen stellt, die sich für allen anderen Anwesenden nicht stellen. Das habe ich aber selten erlebt, und es handelte sich dabei immer um (wie kann ich das politisch korrekt ausdrücken?) Personen, die in einem höheren Alter beschließen, ein Studium neu anzufangen, weil sie ja vor dreißig Jahren die Abitur geschafft haben und sich formal einschreiben dürfen, leider die benötigten Kenntnisse längst vergessen haben.

„Und wenn alles nicht hilft und ich bei fast allen Klausuren durchfalle“? Wenn es keine schlimme Gründe gibt, wie zum Beispiel die lähmende Angst von der Klausur, oder eine schwierige Krankheit, ist es vielleicht ein Zeichen, dass das Studium nicht das richtige ist. Und das kann man sehr schnell herausfinden. Ich würde sagen, wenn ihr am Ende des ersten Jahres nicht die Hälfte der Klausuren bestanden habt, solltet ihr gar nicht versuchen, weiter zu studieren. Mindestens nicht diese Fachrichtung. Vielleicht habt ihr für die Abitur nicht die richtigen Leistungskurse für das Studium gewählt. Das Studiumwechsel muss nicht als Versagen angesehen werden: Ihr zeigt damit, dass ihr in der Lage seid, erfolglose Projekte zu erkennen. Je früher, desto besser. Aber beim zweiten Studium klappt’s besser, weil ihr jetzt wisst, was ihr machen müsst, um gut zu lernen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.