Unerwartet

Ich bin im Urlaub bei meiner Mama. Ohne den Ehemann, der im neuen Job in der Probephase steckt und noch keinen Urlaub machen darf. Er kommt am Wochenende zum Geburtstag vom Neffen.

Mein letzter Urlaub war verdammt lange her. Um die Weihnachten-Neujahr-Zeit.

Die Woche in Februar, die ich mir frei genommen hatte, zählt nicht, da ich mich trotz Impfung mit der auf Arbeit kursierenden Grippe infizieren lassen hatte, und wir unsere Reise stornieren mussten.

Gut, es gab die eine Woche Ende Juni, als ich meine Mama zu uns eingeladen hatte. Sie war noch nie in München gewesen. Es war genau diese eine Woche, als es richtig heiß wurde. Selbst für uns aus der Provence, wo man vermeintlich an die Hitze gewöhnt sein müsste, wurde es unerträglich, und wir waren nur vormittags unterwegs.

Jetzt also Urlaub. Es ist zwei Uhr morgens und ich kann nicht schlafen. Dabei hatte ich gestern richtig entspannen können. Viel geschlafen. Vielleicht zu viel. Oder es liegt an der Mücke im Schlafzimmer. Ich höre sie, kann sie aber nicht entdecken. Ab und zu fliegt sie mir um die Ohren. Ich habe schon sieben Stiche, seit meiner Ankunft am Sonntag. Oder meine Gedanken kreisen zu sehr. Außerdem nervt ein Großhund in der Nachbarschaft, der draußen die ganze Zeit nur am Heulen ist. Jetzt um halb vier immer noch. Das ist ätzend.

Heute sind wir zum Lac de Sainte-Croix gefahren. Wir haben’s nicht weit. Seit meiner frühesten Kindheit verbringen wir dort Zeit im Sommer. Ich bin geschwommen. Das Wasser war fantastisch. Dabei meinte die Friseurin vorhin, es wäre deutlich abgekühlt und man könne nicht mehr drin gehen… Ich habe mich wohl abgehärtet. Ich war am letzten Samstag früh morgens mit dem Ehemann mal wieder nach Starnberg gefahren. Lecker in der französischen Bäckerei gefrühstückt, auf dem Markt eingekauft, und in dem See geschwommen. Boah war das kalt drin. Mir hatte das Steißbein geschmerzt und ich musste erstmal wieder raus, bevor ich los schwimmen konnte. Hier war das Wasser heute richtig gut. Und das tolle ist, die meisten Touristen sind weg, es waren nur sehr wenige Leute am Strand.

Als wir zu Hause waren, habe ich eine Nachricht von meinem Gruppenleiter auf WhatsApp entdeckt. Ich sollte ihn anrufen. Er hatte mir noch nie Nachrichten aufs Handy geschickt, außer als ich mich beworben hatte, und ich habe böses geahnt.

Am Freitag ist etwas auf Arbeit passiert. Unser Chef, der Gründer der Firma, ist bei einem Telefongespräch mit einem Kunden an seinem Schreibtisch kollabiert. Keiner hat es mitbekommen, da seine Tür geschlossen war, außer der Kunde, der daraufhin unser Sekretariat angerufen hat. Ein Notarzt wurde angerufen, und kurz danach sind Sanitäter an unsere offene Bürotür zum Aufzug vorbei gelaufen, mit ihm vollständig unter einer Decke versteckt auf einer Trage. Bei dem Anblick lief mir ein Schauer über den Rücken.

Kurz danach wurden wir von der Chefin, die die Stelle von CEO#2 übernommen hatte, zu einer Versammlung gerufen. Die Reaktion von Ute auf ihrer Email: „Weißt du, was das für uns bedeutet? Wir dürfen nicht mehr alleine im Büro sein, das ist, was jetzt kommt. Das ist blöd, da ich immer so spät abends im Büro bin…“ Die Frau ist unglaublich. Selbst an solchen Momenten kann sie nur an sich selbst denken. Darum ging’s in der Versammlung natürlich nicht, sondern darum, uns alle zu informieren, dass der Chef ins Krankenhaus gebracht wurde. Wie die Chefin über den Vorfall berichtete, klang es aber nicht so schlimm.

Als ich die Nachricht von meinem Gruppenleiter heute gelesen habe, hat es mich recht beunruhigt. Ich habe ihn angerufen und er hat mir unter Tränen vom Tod vom Chef berichtet. Hirnblutung. Das war ein Schock.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Sonntagsträume

Nachdem ich heute früh kurz vor sechs aufgewacht bin, anderthalb Stunde ohne Erfolg versucht habe wieder einzuschlafen, um dann um halb acht Semmel bei der Bäckerei zu holen, als sie gerade geöffnet hat, mir diverse Videos angeschaut habe, bis der Ehemann aufgestanden ist, und mit ihm gefrühstückt habe, habe ich mich auf der Couch hingelegt. Und diesmal konnte ich endlich schlafen. Es gab Träume. Ich habe mich lange nicht mehr an Träume erinnert, aber wenn ich morgens länger schlafe, merke ich sie mir. Heute waren sie wirr. Ich habe nur noch Brocken in Erinnerung. Vor allem diesen hier.

Ich sitze in der U-Bahn. Ich glaube, ich bin in Berlin. Auf der Schiene links neben uns spielen vier Kinder. Zwei Mädchen und zwei Jungen. Es ist gefährlich. Gerade als ich schaue, kommt eine Bahn in die entgegengesetzte Richtung an. Die zwei Jungs springen zum Gleis hoch. Die zwei Mädchen leider nicht. Sie haben nichts bemerkt. Der Zug fährt mit voller Geschwindigkeit gegen sie und kommt erst weiter zum Stehen. Die Schiene neben mir ist wieder frei. Der Ehemann setzt sich neben mir, er hat nichts mitgekommen. Kurz bevor wir fahren, schaue ich zu den Schienen hinter mir. Ich sehe einen kleinen blutigen abgetrennten Kopf liegen. Wir fahren los. Ich will dem Ehemann das Geschehene erzählen, aber ich denke, es würde ihn traumatisieren. Ich sage doch besser nichts. Später diskutiere ich mit anderen Leuten. Die Geschichte will mir nicht aus dem Kopf und ich versuche, ihnen den Unfall zu schildern. Beim Erzählen bleiben mir die Wörter in der Kehle stecken und ich fange an zu schluchzen.


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So plötzlich kann die Welt kippen

Heute Morgen dachte ich, der Tag fängt schon scheiße an. Meine S-Bahn, die nur alle zwanzig Minuten kommt, ist heute zu früh abgefahren. Ganze zwei Minuten zu früh! Ich war um 07:59 noch nicht zum Treppenuntergang angekommen, und konnte meinen Ohren nicht glauben, als ich sie ankommen hörte. Ich war noch nicht die Treppe zum gegenüberliegenden Bahnsteig herunter gelaufen, schon fuhr sie wieder weg, obwohl sie laut Plan erst um 08:01 fahren soll. Angepisst war ich, und ich durfte zweiundzwanzig Minuten auf die nächste Bahn im Schatten warten. Die einzige Stelle in der Sonne hatte schon ein Typ mit seiner eklig stinkende Kippe für sich beansprucht.

Es kam unerwartet schlimmer, und auf einmal erscheinen Probleme mit dem ÖPNV völlig nebensächlich. Ich hätte früher Feierabend machen können, aber eine Schwierigkeit ließ mich länger am Rechner sitzen. Mit ihrer üblichen frechen Art hatte mich schon Ute gefragt, wie lange ich denn heute im Büro bleiben würde. „So lange, bis ich fertig bin“, war meine Antwort. Beim Programmieren kann man nicht einfach so bei einem ungelösten Problem fürs Wochenende aufbrechen.  Das Problem habe ich nicht vollständig gelöst, als ich doch gehen musste. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren.

Meine Freundin Mei aus Aachen hat mich angerufen. Ich hatte gerade das Zimmer verlassen, als sie sagte, „Karl ist tot“. Karl, ihr Mann. Das war wie ein Schlag. Karl, der nur ein paar Tage zuvor noch auf Facebook stolz seine neue „Frühjahr-Frisur“ zur Schau stellte. Karl, der immer so lustig drauf war. Man stirbt doch nicht einfach so! Woran er gestorben ist, was passiert ist, konnte mir Mei nicht mehr sagen. Dafür haben ihre Kräfte nicht gereicht. Er ist gestern in der Wohnung gefunden worden, sagte sie. Mit Mitte vierzig? Wie passiert denn sowas?

Mei arbeitet weit vom gemeinsamen Zuhause und hat ihre eigene Wohnung für die Woche. Jedes Wochenende ist sie nach Hause gependelt. Ich kann mir gut vorstellen, was in ihrem Kopf durch geht. Ob es hätte verhindert werden können, wenn sie eine Stelle näher von zu Hause gefunden hätte? Und welche Schuldgefühle muss sie haben, nachdem sie mir schon gesagt hatte, sie wünschte sich manchmal, sie würde sich von ihm trennen? Trotzdem sitzt der Schmerz tief, das war nicht zu überhören. Ich wünsche, ich könnte bei ihr sein. Urlaub darf ich erstmal nicht nehmen, aber vielleicht kann ich an einem Wochenende zu ihr fahren, statt nach Berlin. Wenigstens hat sie die Schwiegerfamilie, die sich um sie kümmert. Ich wünsche ihr ganz viel Kraft.


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Das war’s

Nachdem ich heute beim Aufwachen Blutungen bemerkt habe, die eindeutig nicht normal waren, bin ich pünktlich zur Eröffnung zur Praxis meiner Gynäkologin erschienen. Da der Ehemann bis heute Abend auf Dienstreise ist, hieß es eine Stunde Fahrt mit ÖPNV. Ich musste schon um 07:00 das Haus verlassen. Gut, dass ich den Wecker eine halbe Stunde davor gestellt hatte.

Meine Gynäkologin war nicht da, aber ich konnte bei einer ihrer Kolleginnen untersucht werden. So wie es aussieht, hat sich das Embryo seit einer Woche nicht weiter entwickelt. Das Herz schlägt nicht mehr, und die Eihülle (oder heißt es Eischale?) hat schon angefangen, sich zu lösen. Wahrscheinlich die Ursache für die Kontraktion am Montag.

Mein Plan war ursprünglich, nach der Untersuchung ins Büro zu gehen, da es nur zehn Minuten zu Fuß von der Praxis liegt. Das kann ich vergessen. Eine Woche bin ich jetzt krank geschrieben, um den fetalen Tod zu verdauen.

Ich habe eine Einweisung fürs Krankenhaus bekommen und fahre auch gleich hin, wenn ich bequemere Kleider angezogen habe. Ich wünsche, ich würde nicht alleine hin fahren.


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Ich träume noch von ihr

Kurz nach ihrem Tod habe ich geträumt, dass ich meine Katze zufällig getroffen habe. Wir haben uns unterhalten. Ich habe sie gefragt, wie es ihr jetzt geht und was sie so macht. „Och, es geht“, meinte sie. „Was mich aber stört ist, dass jetzt alle so sind“, fügte sie hinzu, und rollte die Augen nach oben, so dass nur das Weiße noch zu sehen war. Selbst ich erschien ihr so. „Tja, das ist normal, wenn man tot ist“, habe ich ihr erklärt. „Ach so, ich bin tot?“ Sie hatte es nicht gemerkt. Sie wurde nachdenklich, und ist dann weg gegangen. Ich bin kurz danach aufgewacht.

Ein anderes Mal habe ich geträumt, dass jemand es geschafft hatte, sie wieder lebendig zu machen. Sie stand vor mir. Ich habe mich zuerst gefreut, aber dann doch gemerkt, dass ihr Fell ganz anders als vorher aussah. Die Farbe stimmte nicht, und die Haare waren nicht so lang. „Das ist nicht meine Katze“, habe ich gesagt.

Heute Nacht habe ich geträumt, dass ich mit Martin vor ihrem leblosen Körper stand. Martin hat sich gefreut, sie wieder zu sehen, und hat angefangen, sie unter dem Kinn zu streicheln. Sie hat aber natürlich gar nicht darauf reagiert, außer dass ihr Kopf durch die Bewegung auf der andere Seite eingesackt ist. „Martin, hör auf, sie ist tot“, habe ich ihm gesagt. Das hat ihn erschüttert. Er hat angefangen zu zittern und zu weinen. Ich habe ihn in meine Armen getröstet.


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Es geht nicht weiter

Chipie

So schnell ging das. Ich habe heute ganz früh die Arbeit verlassen. Zu Hause angekommen, habe ich die Mieze in ihre Tasche gepackt. Sie war zu schwach und hat keinen Widerstand geleistet. Gegessen hatte sie gar nichts. Sie musste für die Untersuchung nüchtern sein, weil sie wieder eine Narkose bekommen musste. Ich dachte, wir würden länger brauchen, um fertig zu sein.

Da es zu früh war, sind wir zu Fuß zur nächsten Bushaltestelle gegangen. Also, ich bin gegangen und habe ihre Tasche getragen, sie hat durch die Löcher der Tasche um sich herum geschaut und die Luft geschuppert. So schön war es nicht, weil wir entlang einer viel befahrenen Straße gegangen sind. Die laute Autos haben sie erschreckt. Im Nachhinein denke ich, ich hätte besser den ruhigen Weg hinter dem Haus entlang gehen sollen, und mit der S-Bahn statt mit dem Bus fahren sollen. Wir sind wieder von einem älteren Paar an der Haltestelle angequatscht worden, und mir war es echt nicht danach, Small-Talk zu leisten. Die Ergebnisse von gestern waren nicht gut.

Wir waren noch zu früh bei der Praxis. Die Tierärztin, die die Ultraschall-Untersuchung machen musste, war verspätet. Die Mieze war genervt, wieder so lange in ihrer Tasche bleiben zu müssen. Wir sind eine Stunde im Warteraum geblieben. Sie hat ihre Narkose bekommen, und wir haben sie zu einem anderen Behandlungsraum gebracht. Wir haben nicht so lange gewartet wie gestern, und sie hat noch gefaucht und gegrollt, als sie aus ihrer Tasche geholt wurde. Aber sonst konnte sie sich nicht mehr wehren, die Assistentin hat ihre dicke Schutzhandschuhe doch nicht gebraucht.

Ihr Bauch ist rasiert worden. Ein beeindruckender Anblick, bei ihrer Haarlänge. Sie hat einen Gel auf der Haut bekommen, sich leicht darüber beschwert, und die Tierärztin hat die Untersuchung begonnen. Ich habe auf ihrem Bildschirm geschaut, aber ich konnte gar nichts davon verstehen. Am Ende hat sie mir gesagt, dass es sich um einen Tumor handelte. Ein enormer Tumor, knapp 5 mal 8 cm groß, am Anfang vom Darm, und in Kontakt mit anderen vitalen Organen. Operieren oder irgendwie sonst handeln konnte man den schon nicht mehr.

Ich hatte es geahnt, aber gehofft, dass es doch nicht so schlimm wäre. Die Masse auf dem Röntgenbild gestern war doch riesig, und die Ärztin hat nur bestätigt, was ich befürchtet hatte. Und so richtig gut vorbereitet war ich doch nicht, weil ich zusammengebrochen bin. Die Tierärztin und ihre Assistentin haben mich zum Warteraum mit meiner Mieze geschickt, bis der Tierarzt von gestern mit mir sprechen konnte. Der Tumor muss schon lange da gewesen sein. Sie hat sich nichts anmerken lassen, und als die Symptome erschienen sind, war es schon zu spät.

Es war klar, dass ihr Krebs so fortgeschritten war, dass nichts mehr zu machen ist. Es war klar, dass es ihr nur noch schlechter gehen könnte. Nur zuzuschauen, wie sie vor sich hin leidet, wäre einfach blöd gewesen. Als sie gestern Abend auf ihrem Lieblichsteppich ruhig lag, hat sie immer wieder kleine Miau von sich gegeben. Ich bin geblieben, als er ihr die letale Injektion verabreicht hat. Sie war noch unter Narkose und hat nichts mitbekommen, hoffe ich. Ich habe gesehen, wie ihr kleiner Kopf zwischen ihren Pfoten gesackt ist. Es ging so schnell.

Ihr Körper bleibt erstmal in der Praxis. Ich muss überlegen, was aus ihr wird. Gläubig bin ich nicht, dass ich viel Wert auf eine Beerdigung lege, aber die Vorstellung, sie einfach lieblos zu entsorgen, ist mir zu grausam. Ich bin zurück nach Hause mit ihrer leeren Tasche und ihrer Plüschente gegangen. Sehr langsam. Die kleine Plüschente hatte ihr meine Mami als Spielzeug geschenkt, als sie noch ein Kätzchen war, und sie hat sie immer noch so gerne überall mit sich herum geschleppt.

Als ich unten die Haustür geöffnet habe, habe ich mich dabei ertappt, wie ich gelauscht habe, ob sie dabei war, an die Wohnungstür ganz oben zu kratzen. Ich habe ihre Tasche im Flur gelassen. Ihre Ente ist noch drin. In der Küche ist ihr leerer Napf am Boden neben dem Kühlschrank. Ihr Lieblingsteppich ist noch voller Haare, aber ich habe ihn nicht staubsaugen wollen. In einer Ecke steht ihr neuer Transportkäfig, den wir am Samstagnachmittag besorgt haben, weil die Tierärztin meinte, es wäre viel besser als die Tasche, aus der sie entkommen könnte (was ich nicht für möglich gehalten habe). Ich habe die Tasche weiter benutzt, weil sie Zeit braucht, um sich an neue Gegenstände zu gewöhnen. Sie ist noch nicht mal drin gewesen.

Die Wohnung ist verdammt leer. Martin kommt erst morgen Abend zurück.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Gestorben

Ein diffuser Traum.

Ich war gestorben. Wie spielte keine Rolle mehr. Meine Mutter war mit mir. Wir waren in einem Raum. Ein Wohnzimmer mit vielen Möbeln und Dekorationen. Dunkel rot. Es war nachts, eine schwache Glühbirne erhellte ein wenig den Raum. Eine Atmosphäre, in der ich mich unwohl fühle. Es erinnerte mich am Wohnzimmer meiner Oma.

Ich habe gedacht, ich sollte zurück zu den Lebenden gehen, um Bescheid zu sagen, dass ich gestorben bin. Meine Mutter hat mir einen Nebenraum gezeigt, der als Verbindung zwischen beiden Welten funktionierte. Drin war es hell weiß. Das echte Weiß. Es wäre unerträglich blendend gewesen, wenn ich noch Augen gehabt hätte. Ich wusste, dass der Raum etwas wie dunklere Ecken zwischen Wänden und Boden haben musste, aber es leuchtete so hell weiß, dass man gar keine Umrisse erkennen konnte. Wir sind herein gegangen.

Ich war plötzlich im Wohnzimmer meines Doktorvaters. Es war auch nachts und dunkel. Er schaute gerade den Fernseher. Ich war neben ihm auf der Couch, eine neblige Gestalt. Ich habe es trotzdem geschafft, mit ihm den Kontakt aufzubauen. Ich habe ihm gesagt: „Ich bin gestorben. Und weißt du, ich habe noch nicht verstanden, was das alles soll. Den Sinn des Lebens habe ich immer noch nicht gefunden.“

Und dann lag ich wach im Bett.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Das Leben nach dem Tod

Erklärt von einem vierjährigen Mädchen. Diese Geschichte ist also 32 Jahre alt.

Es war im Sommer. Wir waren mit meinen Eltern gerade aus der Stadt ausgezogen und wohnten in einem kleinen Dorf. Unsere Mietwohnung war in einer engen Gasse, die ganz steil war, wie man in der Provence häufig sehen kann. Ich kann mich nicht mehr genau an die Umstände erinnern, aber ich weiß noch, dass kurz nach unserem Umzug ein Bruder meiner Mutter gestorben ist. Mir hat es niemand so richtig gesagt, ich habe es verstanden, weil ich alles zugehört hatte, was die Erwachsenen um mich herum erzählten (sie verhielten sich immer, als ob ich nichts verstehen würde), und weil meine Mami traurig war. Ich musste erstmal genauer fragen, was der Tod wirklich bedeutet. Ich weiß eigentlich nicht mal, ob ich diesen Onkel überhaupt kannte. Eines Sommertages waren viele Geschwister meiner Mami (also noch fünf) und unbekannte Personen zu Hause und hatten auf einem Paperboard viel geschrieben und diskutiert. Mich hatte es nicht interessiert, ich konnte sowieso noch nicht mal lesen. Ich nehme jetzt an, es gab damals nach dem Tod meines Onkels finanzielle Fragen zu klären.

Sein Tod hat mir viel zum Grübeln gegeben. Vor allem, weil meine Mami traurig war. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich abends alleine in meinem Bett über den Tod nachgedacht hatte und versuchte, mir vorzustellen, wie es war, nicht mehr zu leben. Na ja, nach gerade vier Jahren ist das mit dem Denken noch nicht so entwickelt, aber ich hatte mir eine Geschichte im Kopf gebastelt. Für mich war es so, dass die Leute nach dem Tod weiterhin mitbekommen würden, was die Lebenden machen, aber von weit weg, deswegen wir sie nicht mehr sehen können. Die Verstorbenen würden unter sich bleiben und das Leben ihrer Verwandten auf einem riesen Fernseher schauen. In meinen inneren Bildern konnte ich es mir genau vorstellen, und sah einen Raum, der sehr ähnlich wie die Räume in meiner früheren Vorschule in der Stadt aussah, mit hohen breiten Fenstern, vielen kleine Banken zum sitzen und einen großen Fernseher, wo die Verstorbenen alles, was wir hier machen, schauen würden.

Stolz auf mich, eine tröstende Darstellung über den Tod gefunden zu haben, habe ich beschlossen, das Ergebnis meines Nachdenkens meiner Mami vorzutragen. Wir hatten an einem heißen Tag die Wohnung gerade verlassen und gingen die steile Straße hoch, als ich mit meiner Erklärung anfing. So richtig geschickt im Erklären war ich allerdings noch nicht. So fing ich an: „Weißt du, Mami, es gibt Leute, die uns zuschauen“. Meine Mami hat sich umgeschaut und gesagt, sie würde niemanden sehen. Da konnte ich weiter erklären, da es mit meiner Geschichte so gut passte: „Das ist normal, wir können sie nicht sehen, aber sie schauen uns versteckt“. Und da hat meine Mami etwas gesagt, was ich nicht verstanden habe: „Du bist paranoid“. Also musste ich fragen, was paranoid bedeutet. Meine Mami sagte, es ist, wenn man glaubt, dass alle Leute, wie die Nachbarn oder Unbekannte, uns hinten ihrer Jalousien versteckt aus dem Fenster ihrer Wohnungen beobachten würden. Ich habe mich total missverstanden gefühlt und war frustriert, dass ich meine Gedanken nicht richtig ausdrucken konnte. Aufgegeben habe ich aber nicht, und ich habe gesagt, „Nein, du verstehst nicht, das hatte ich nicht gemeint“. Also hatte meine Mami nachgefragt, was ich wohl erzählen wollte. Neuer Versuch: „Weißt du, manchmal sind Leute da, und danach sieht man sie nicht mehr. Sie verschwinden und sind nicht mehr hier. Aber sie sehen uns trotzdem.“ Kurze Pause, dann hat meine Mami auf einmal verstanden. „Ach so, du meinst, die Leute im Himmel?“ Von Religion hatte ich noch nie was gehört. „Im Himmel?“ „Ja, die Leute, die gestorben sind, gehen zum Himmel“. Ich habe den knallblauen Himmel genauer betrachtet und war ein bisschen skeptisch darüber. Aber warum nicht. Das mit meinem früheren Klassenzimmer konnte nicht wirklich der Realität entsprechen. Wenigstens meinte meine Mami jetzt das gleiche wie ich. „Vielleicht, es ist möglich“, habe ich eingeräumt, und beschlossen, darüber nachzudenken (später konnte ich abends im Bett aus den Fenstern meines Klassenzimmers weiße Wolken vor dem blauen Himmel ziehen sehen). Ich weiß nicht, ob meine Geschichte den gewünschten Effekt hatte, und zwar, meine Mami zu trösten. Ich habe das Thema nicht mehr versucht, so richtig zu diskutieren. Diese Geschichte meiner Kindheit hatte ich sogar völlig verdrängt, bis meine Oma gestorben ist.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Meine Oma

Ich meine hier die Mutter meines Vaters. Als kleines Kind habe ich immer Angst vor ihr gehabt. Sie hat immer sehr laut geredet, ganz typisch die italienische Mama, selbst wenn sie nicht aus Italien kommt sondern aus Malta – mit meinem Opa hat sie häufig auf Italienisch geredet. Was mich immer gestört hatte war, wie sie mich begrüßt hatte. In Frankreich ist man es gewöhnt, sich zur Begrüßung auf die Wange zu küssen; sie musste aber immer „nasse Küsschen“ machen, was ich sehr eklig fand.

Sie hat, wie meine zweite Oma, sieben Kinder zur Welt gebracht. Bei ihr zu Hause herrschte häufig Chaos, wenn viele anwesend waren. Es war immer laut, es hat immer Streitereien gegeben, die Leute haben sich häufig beschimpft und geschlagen… Mir hat es nie gefallen, dort zu Besuch zu sein, ich bin viel zu ruhig im Verhalten. Und die Kakerlaken haben mich angeekelt, es war dort eine Plage. Das alles erklärt sicherlich, warum ich als junge Erwachsene nie alleine zu Besuch zu ihr gegangen bin.

Ich habe sie während der Uni nur gesehen, wenn meine Eltern sie bei ihren häufigen Aufenthalten in Krankenhäusern besucht haben. Sie musste immer häufiger hin, weil sie mit Diabetes erkrankt war, sich aber nie um ihre Diät gekümmert hatte. Bei unseren letzten Besuchen, nach dem Tod ihres Mannes, ging es ihr so schlecht, dass sie sehr leise gesprochen hatte und meinen Vater nicht mehr erkannt hatte. Sie tat mir dann wirklich leid. Wenn wir in das Zimmer gekommen sind, hat sie immer gefragt, wer die ganzen Leute waren, und mein Vater musste sie zuerst beruhigen, ihr sagen, „ich bin dein Sohn“, und musste uns ihr neu vorstellen. Das ist bestimmt sehr hart für ihn gewesen. Danach bin ich nach Deutschland gekommen, und habe sie so gut wie gar nicht mehr gesehen, so häufig bin ich nicht heim gefahren. Es ging auch so schnell…

Ich war schon seit einem Jahr in Deutschland, als ich ein seltsamer Traum nachtsüber hatte. Ich hatte mich am Tag davor mit meinem Freund Stefan gestritten.

Wir waren abends bei Stefans Freunden in Düsseldorf zu Besuch. Mitten im Abendessen habe ich mich plötzlich nervös gefühlt und das starke Bedürfnis gespürt, meine Oma zu besuchen, weil sie mich dringend gerufen hatte. Ich habe meinen Freunden gesagt, ich müsste gleich weg. Ich war verwirrt, weil ich den Weg nicht kannte. Ich bin in der dunklen Stadt blind rumgelaufen und habe Passanten nach dem Weg nach Tunesien gefragt, und plötzlich bin ich zu ihrem früheren Haus in Tunesien transportiert worden. Es war tagsüber, die Sonne schien sehr stark und um das Haus sah ich nur Sand. Als ich reingekommen bin hat mich meine Oma begrüßt; einige Onkel waren auch dabei, sowie die Schwester meiner Oma. Meine Oma hatte wieder ihre ganz laute Stimme und nasse Küsschen, so dass ich mich wieder wie ein kleines Kind gefühlt hatte und verängstigt war. Das hat sie geärgert, sie hat mich gefragt, warum ich ihr nicht auf Wiedersehen sagen wollte. Ich bin aus dem Haus raus gegangen und habe im Garten an einem Baum gesehen, wie die Leiche meines Opas, der Jahre zuvor verstorben war, an einem Seil baumelte. Das Bild fand ich gruselig. Ich wollte zurück nach Deutschland und bin in diesem Moment aufgewacht.

Es war drei Uhr morgens. Dieser Traum hat mir ein komisches Gefühl hinter gelassen. Zum einen war es nie vorgekommen, dass ich von meiner Oma träumte, und der Traum war wirklich komisch. Von Tunesien hatte ich auch nie geträumt, wenigstens nie, dass es mir in Erinnerung geblieben ist, ich war nie in Tunesien, aber mein Vater ist dort geboren. Zum anderen hatte ich beim Aufwachen nur vor Kälte gezittert, weil meine Arme nicht mehr unter der Decke waren, obwohl ich sonst immer schön eingekuschelt im Bett liege. Ich habe lange gebraucht, um wieder einzuschlafen.

Am nächsten Tag, ein Samstag, musste ich mit Stefan genau zu den Freunden aus meinem Traum fahren. Kurz bevor er mich bei meiner Wohnung abgeholt hat, hat mein Telefon geklingelt. Als ich dran ging, war mein Vater am Telefon, und er erzählte mir, dass meine Oma um die drei Uhr morgens im Krankenhaus gestorben war. Das war ein Schock, vor allem, weil ich den Traum noch im Kopf hatte, und ich konnte nur noch am Telefon weinen. Ich habe mich mies gefühlt, weil ich dachte, ich hätte mich nicht richtig von meiner Oma verabschiedet. Ich weiß, dass Skeptiker sagen, dass man häufiger als man denkt träumt, dass man sich von Leuten verabschiedet, und so weiter… Aber ich hatte mit meiner Oma so wenig zu tun, dass ich sonst nie von ihr geträumt hatte. Und das mit der Uhrzeit ist eine zu große Koinzidenz gewesen. Also denke ich, dass meine Oma beim Sterben wirklich versucht hatte, sich von ihrer ganzen Familie zu verabschieden, und ich im Geist tatsächlich zu ihr gegangen bin. Egal was anderen denken. Und obwohl ich das vor dem Traum für unsinnig gehalten hätte.


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Verhütungspille

Heute gab’s in meiner Zeitung einen Artikel über die Verhütungspillen (fr), insbesondere die der 3. und 4. Generation. Anlass war eine Veröffentlichung eines Berichtes der ANSM, indem gezeigt wird, dass die Pillen der 3. und 4. Generationen mehr als eine Verdopplung der Thrombusrisiken und Todesfälle verursachen, verglichen mit den Pillen der 1. und 2. Generationen. Die absoluten Zahlen sind nicht sehr hoch, aber das Risiko steigt trotzdem mit den neuen Pillen.

Ich habe die Pille 2001 aufgehört, als ich mich von Stefan getrennt habe. Ich habe die Pille nicht immer genommen, nur wenn ich eine Beziehung hatte. Die letzte Pille war übel. Ich weiß nicht mehr, welche Marke es war, was es drin gab und zu welcher Generation sie gehörte. Ich erinnere mich aber genau daran, wie ich mich damals beim Abbruch gefühlt habe. Plötzlich befreit. Als ob auf einmal mir eine große Last von den Schultern genommen wäre. Das Leben war wieder schön. Ich habe mich so erleichtert gefühlt, dass ich häufig am Seufzen war und allen meinen Freunden erzählt habe, wie gut es mir wieder ging. Dabei hatte ich gar nicht gemerkt, dass ich mich vor dem Aufhören der Pille schlecht gefühlt hatte.

Ich habe dann in den letzten Jahren zurückgeblickt und festgestellt, dass ich mich über Sachen total aufgeregt hatte, die mir nach der Pille völlig unwichtig erschienen haben. Ich finde diese Erkenntnis sehr erschreckend. Es mag vielleicht nicht so schlimm wie bei den Psychopharmaka sein, aber ich habe den starken Eindruck, dass meine Persönlichkeit sich mit der Pille geändert hatte. Und nicht so schlagartig wie mein Befreiungsgefühl nach Abbruch der Pille. Die Veränderung muss sehr progressiv stattgefunden haben, sonst hätten die Leute in meinem Umfeld es gemerkt und mir gesagt – hoffe ich mindestens. Ich war während der Einnahme von der Pille sehr gereizt geworden. Diese Persönlichkeitsveränderung hat bestimmt eine Rolle bei meiner Trennung mit Stefan gespielt, wobei ich denke, so schlimm war es nicht, wir haben sowieso nicht wirklich miteinander gepasst. Und ich habe mich seitdem häufig gefragt, wer bin ich eigentlich?

Wenn meine Meinungen, Stimmungen, Empfindungen durch Einnahme eines Medikamentes sich so ändern, dann bin ich nicht mehr die gleiche Person. Nur wegen ein paar Hormone… Es ist schlimmer als das. Ich habe nach der Pille gemerkt, wie empfindlich ich auf meinen eigenen Zyklus reagiere. Um den Eisprung bin ich optimistisch, manchmal sogar euphorisch. Um meine Periode bekomme ich traurigen Gedanken, bin sehr pessimistisch, schlecht gelaunt und kann sogar Tränenausbrüche haben (genau wie in den Stereotypen). Bestimmte Männer fand ich beim Eisprung sehr attraktiv, obwohl ich mich für sie während meiner Periode gar nicht interessierte. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass es von meinem Zyklus kommt. Die Stimmungsschwankungen waren nach Abbruch der Pille sehr extrem und haben sich jetzt verbessert, seitdem ich bewusst psychologisch dagegen steuere. In welchem Moment in meinem Zyklus bin ich dann die wahre ich? Das ist mir nicht klar.

Ich fand es erschreckend, weil ich noch fest an einem Leben nach dem Tod glauben wollte, und feststellen musste, dass wenn es eine Seele gibt, diese nur ein Produkt der Aktivität der Hormone und des Gehirns sein könnte. Wie auch immer, ich habe mich arrangiert, um meinen noch einzigen Glaubensstück zu erhalten – ohne Leben nach dem Tod kriege ich beim zu vielen Nachdenken wieder eine Depression wie am Anfang von meinem Studium, das muss ich nicht noch mal machen. Vielleicht erzähle ich irgendwann mal darüber. Auf jeden Fall weiß ich jetzt, dass ich nie wieder die Pille nehmen will.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.