Migräne, schon wieder

Heute Morgen ging es mir gut. Ich bin eine Stunde früher als geplant aufgewacht. „Eigentlich könntest du laufen gehen“, habe ich gedacht. Meine Sportsachen hatte ich eingepackt. „Och nee, keine Lust“, habe ich mir beim Aufstehen geantwortet. Um dann meine Sportklamotten anzuziehen. Der Anblick im Spiegel hat mich motiviert. Die Frau sah voll sportlich aus.

Eine schöne Strecke am Fluß entlang hatte ich mir vor der Abreise ausgesucht. Tagsüber und abends ist es schlecht, weil es voll mit Menschen ist, und viele auch im Fluß schwimmen (das muss ich definitiv machen, bevor ich zurück nach Berlin fahre). Morgens um sieben ist keiner da. Und es ist nicht so heiß. Perfekter konnte es nicht sein. Die unerwarteten grauen Wolken haben mir Sorgen vorbereitet, aber es ist trocken geblieben. Ich bin Dreiviertelstunde gelaufen. Länger nicht, weil ich den ersten Vortrag des Tages nicht verpassen wollte. Außerdem wurde die Strecke immer häßlicher, je weiter weg ich vom Zentrum gelaufen bin.

Ein großes Problem war, dass ich vom Anfang an einen viel höheren Puls als sonst hatte. Fünfzehn Schläge mehr pro Minute. Bin ich schneller gelaufen, oder lag es daran, dass es so ungewohnt früh morgens war? Vermutlich letzteres. Laut Google Maps habe ich in der Zeit nur 5,2 Kilometer geschafft. Nicht besser, als wenn ich sonntags mit dem Ehemann jogge. Ich bin so eine Schnecke.

Vielleicht habe ich in den letzten Tagen nicht genug getrunken. Es war sehr heiß. Die Getränke in der Minibar sind kostenlos, hatte mir die Dame am Empfang gesagt, also habe ich alle Wasserflaschen geleert. Trotzdem ist meine Basaltemperatur deutlich gestiegen, seitdem ich hier bin. Es könnte den höheren Puls von heute Morgen erklären.

Zurück im Hotel habe ich festgestellt, dass ich nicht mehr so viel Zeit hatte. Schnell geduscht und angezogen. Kein Frühstück. Ich habe vergessen zu trinken. Bei der Konferenz gab es noch keinen Kaffee. Der erste Vortrag war genau so toll, wie ich es mir von der Person erhofft hatte. Der Raum war leider überklimatisiert. Dreißig Grad draußen, und drin friert man. Obwohl das mit den dreißig Grad heute nicht stimmt. Es ist kühler geworden. Vor meiner Abreise hieß es, jeden Tag genau so heiß. Ich habe dementsprechend gepackt. Jetzt habe ich zu leichte Kleider für den Rest der Woche. Ich habe mich heute Abend gefreut, als ich zu meinem viel zu warmen Hotelzimmer zurück gekommen bin.

Im Laufe des Tages habe ich mich zunehmend schlecht gefühlt. Dass ich am frühen Nachmittag in einem überfüllten Raum eine Stunde lang hinten stehen musste, um Vorträge zu hören, hat nicht geholfen. Mein Ischias hat sehr geschmerzt. Ich habe es nach einer Stunde nicht mehr ausgehalten und bin auf einer Couch draußen im Expositionsraum kurz eingeschlafen, als meine Sitznachbarn sich über Qt und Windows unterhalten haben.

Das Essen hat mich enttäuscht. Gestern war es besser. Nur Croissants und Kaffee oder Tee zur Pause. Kein Obst, wie ich mich aus anderen Tagungen inzwischen gewöhnt habe. Mittags war das Essen nicht besser. Schupfnudel mit gegrilltem Gemüse und Salami. Alles in Öl badend. Würg. Nachmittags fetter Süßkram mit Kaffee. Keine Lust dazu. Ich habe gefragt, ob es Obst gäbe. Nein. Die Frau hat mich wie eine Außerirdische geguckt. Ich bin raus gegangen und habe mir Bananen aus dem Supermarkt geholt. Sonst kriege ich noch Krämpfe, nach dem morgendlichen Laufen. Als ich aus dem Konferenzgebäude raus gekommen bin, habe ich gehört, wie zwei Französinnen sich darüber beschwert haben, wie schlecht das Essen war. Ich war also kein Einzelfall.

Ich habe wegen beginnender Migräne einen Vortrag geschwänzt und mich kurz im Hotelzimmer erholt. Das Wetter war bedrückend. Dunkle Wolken. Kalt. Nur zweiundzwanzig Grad. Danach musste ich zurück zu meinem Poster. Die Migräne ist stärker geworden. Am Empfang hatten sie kein Aspirin. Ich habe mich geärgert, dass ich die Packungen zu Hause vergessen habe. Mein Poster wurde gut besucht. Leute sind gekommen, die sich es gezielt ausgesucht hatten. Keine Zufallsbesucher, wie ich es aus meiner Zeit in meinem früheren Institut kenne. Ich bin froh, die Forschungsrichtung gewechselt zu haben. Heute war es aber hart, und ich habe jedesmal gehofft, dass die Leute nicht zu viele Fragen stellen. Die Migräne wurde so stark, dass ich Übelkeit bekommen habe.

Um sieben war offizieller Schluß. Die waren alle noch am Quatschen. Ich habe mein Poster abgenommen und bin zum Hotel gegangen. Im Viertel habe ich keine Apotheke gesehen. Die Frau am Empfang meinte, am Bahnhof gäbe es eine. Viel zu weit weg, wenn man pochende Migräne hat. Ich bin zu einem Lokal in der Nähe essen gegangen. Flammkuchen mit crème fraîche, Speck, Zwiebel, Rucola, Parmaschinken und Parmesan. Eine Apfelschorle dazu. Ein bisschen viel, das stimmt. Aber hey, seitdem geht es mir viel besser. Die Migräne ist weg.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Unterwegs

Ich bin für eine Woche auf Dienstreise. Es war schon lange geplant, obwohl ich nicht besonders Lust darauf hatte. Es war mal im Gespräch, dass Pawel und ich an dieser Konferenz teilnehmen. Am Ende bin ich die Einzige in der Gruppe, die hinfährt. Und diesmal halte ich nicht mal einen Vortrag. Nur ein Poster wurde angenommen. Ich bin enttäuscht. Es ist weniger Arbeitsaufwand, aber man verbreitet seine Ergebnisse nicht so effektiv. Vorträge sehe ich auch als Werbung für mich, wenn ich mich wegbewerben will. Ich nehme an, ich habe schon zu häufig über meine Arbeit bei Konferenzen geredet. Jetzt sind andere dran. Bei tausend Teilnehmern ist es klar, dass nicht jeder einen Vortrag bekommt. Kate hätte sich gefreut. Sie hasst es, Vorträge halten zu müssen.

Mein Mangel an Begeisterung für diese Konferenz hat dazu geführt, dass ich mich ziemlich spät um die Organisation meiner Reise gekümmert habe. Zug und Hotel erst am Montag gebucht. Ich hatte Glück und konnte noch ein preiswertes Hotel finden. Na ja, ziemlich teuer eigentlich, aber für das Land ist es preiswert. Die Finanzabteilung hat es genehmigt. Mit den Bahnkarten war es nicht optimal. Vor einigen Monaten hätte ich Fahrkarten für 25€ bekommen können. Jetzt nicht mehr, es ist trotzdem immer noch billiger als fliegen, also habe ich gebucht. Es dauert länger, ist aber umweltfreundlicher. Das hört man mindestens immer wieder. Der Zug ist direkt und der Bahnhof nah am Hotel. Direkt ist gut. Ich habe schlechte Erfahrungen mit Verspätungen mit der Bahn gemacht. Ein oder zweimal im Jahr kann ich ja Bahn fahren. Die Sitzplatzreservierung habe ich nur gestern am sehr späten Abend gemacht. Fast hätte ich es vergessen. Sitzplätze am Tisch und am Fenster gab es nicht mehr. Ich habe einen am Tisch am Gang ergattert. Hauptsache am Tisch.

Heute Morgen hat mich der Ehemann zum Bahnhof begleitet. Ich musste nur zum Bahnhof Südkreuz, also nicht weit von zuhause. Wir sind trotzdem sehr früh angekommen. Ich will immer eine halbe Stunde vor Abreise am Bahnhof sein, wenn ich weit weg muss. Das war gut so. Als der Zug angekündigt wurde, hieß es, er wäre gestrichen. Das hat mich schon ganz schön genervt. Bei der Sitzplatzreservierung heute Nacht kurz vor eins war noch keine Rede davon. Wir sind zur Information der Bahn gegangen, und der Mann am Schalter sagte, wir sollten mit einem RE Zug, der zehn Minuten vor dem ursprünglich geplanten ICE fuhr, zum Hauptbahnhof und dort in den ICE einsteigen. Er würde auf den RE warten. Also los. Den Hauptbahnhof mag ich nicht. Er ist mir zu groß. Wir mussten heute von der tiefsten Ebene zu den Gleisen ganz nach oben gehen. Dort haben wir erfahren, dass der Zug eine Viertelstunde Verspätung hatte. So war es also. Der ICE hatte schon vor dem Start eine so lange Verspätung, dass der Halt in Südkreuz gestrichen wurde.

Als der Zug angezeigt wurde, war die erste Klasse bei den Abschnitten E-F angekündigt. Mein Wagen sollte im Abschnitt B sein. Wir haben dort gewartet. Es war angenehm, es waren nur sehr wenige Leute dort. Wahrscheinlich alle blauäugig wie ich, die den Durchsagen der Bahn blind vertrauen. Es kam genau andersrum. Die erste Klasse bei A-B, mein Wagen auf der ganz anderen Seite. Chaos auf dem Gleis, als die Reisenden quer durcheinander versuchten, zu ihren Wagen zu gelangen. Wir sind nur so lange gelaufen, bis die Menschendichte deutlich geringer wurde. Ich bin mitten im Zug eingestiegen. Sonst hätte es passieren können, dass ich bis zu meinem Wagen gegangen wäre, um den Zug ohne mich weg fahren zu sehen. Drin war es natürlich chaotisch. Stau in den engen Fluren. Ich habe den Ehemann noch neben dem Zug gesehen, als wir los gefahren sind. Ich hätte den Zug verpasst, wenn ich versucht hätte, am Gleis zu meinem Wagen zu kommen. Zehn Minuten nach Abfahrt bin ich zu meinem Sitzplatz angekommen. Der Wagen war fast leer. Alle Tische frei. Meine Reservierung war oberhalb von meinem Platz nicht vermerkt. Bei allen Sitzplätzen sind eigentlich bis kurz vom Ziel keine Reservierungen vermerkt. Vermutlich auch eine Panne.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Schon wieder unterwegs

Seit gestern bin ich auf Tagung in Tschechien. Diesmal ausnahmsweise ohne eigenen Beitrag, die Kollegen halten Vorträge. Ich war nicht unbedingt davon begeistert, hierher zu kommen. Ich wäre gerne in Berlin geblieben, um an meinen Projekten zu arbeiten. Aber es ist DIE Tagung, die in unserem Institut auf keinen Fall verpasst werden darf. Ich persönlich ziehe andere vor.

Meine Mieze war auch nicht davon begeistert. Sie hat es mir schon deutlich gemacht, als ich am Mittwochabend den Koffer gepackt habe. Lautes Miauen ohne Ende. Am nächsten Morgen, als ich weg gehen wollte, hat sie mir beleidigt den Rücken zugedreht und mit dem Schwanz den Boden geschlagen. Martin war seit dem Anfang der Woche auf Jobsuche unterwegs, ist aber gestern Abend zurück gekommen. Das konnte sie natürlich nicht im Voraus wissen.

Wir sind mit dem Auto angekommen. Pawels Auto. Muss nicht wieder sein. Ich hänge zu sehr am Leben. Und nach der Grenze war die Fahrt schwierig. Ständig gesperrte Autobahnstücke, die man umfahren musste, wir haben ewig gebraucht und sind spät angekommen. Seit gestern plagen mich leichte Kopfschmerzen. Das Programm, voll gepackt mit Vorträgen, hilft dabei nicht wirklich. Zum Glück hat Kate als gute Pharmazeutin jede Menge Tabletten mitgebracht. Nicht, dass es bei mir viel hilft.

Morgen sind wir schon fertig. Ich fliege dann endlich zu meinen Eltern. Zehn Tage Urlaub. Anlass ist, dass meine Mami am Wochenende einen runden Geburtstag feiert. Feiern wird. Sie weiß noch nichts davon, mein Bruder organisiert es heimlich.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Auf Tagung

Dafür habe ich schon wieder das ganze Wochenende gearbeitet, um meinen gestrigen Vortrag zu verbessern. Ich wollte neuere Ergebnisse zeigen. Es hat sich gelohnt, ich habe gute Rückmeldungen bekommen, aber jetzt bin ich ziemlich müde. Es liegt auch daran, dass ich aus irgendeinem Grund morgens extrem früh aufwache. Bestimmt ein Wecker in der Nachbarschaft.

Wir sind am Montag mit dem Zug zusammen gereist – Kate, Uschi, Winfried und ich. Andere Kollegen sind mit Auto gefahren. Vom Bahnhof aus dachten wir zuerst, dass man zu Fuß zum Hotel laufen könnte. Die Strecke war aber lang, es war warm, und Uschi und Winfried sind so schnell vor uns gelaufen, dass wir hinter ihnen mit Gepäck kaum mithalten konnten. Das war ihnen egal. Beim Hotel angekommen war mein erster Gedanke, zu duschen und mich umzuziehen, weil ich zu sehr verschwitzt war und bei dem Geruch nicht in einem Hörsaal sitzen wollte.

Natürlich haben Uschi und Winfried zuerst eingecheckt. Als Kate und ich an der Rezeption dran kamen meinte die Frau, es gäbe keinen freien Zimmer mehr. Es hätte plötzlich einen Ansturm an Gästen gegeben, und wir mussten warten, bis ein Zimmer frei geputzt wurde. Sie schien überrascht zu sein, dass wir da waren, obwohl wir schon seit Wochen reserviert hatten. Lange warten konnten wir nicht, da Kate gleich am Nachmittag einen Vortrag halten musste. Wir haben darauf gewartet, dass Uschi und Winfried aus ihren Zimmern zurück kamen. Unsere Versuche, sie anzurufen, haben sie völlig ignoriert. Zum Glück kamen noch zwei anderen Postdocs aus unserer Gruppe, die schon einen Zimmer hatten, und wir durften bei ihnen duschen und das Gepäck lagern, das sie noch so lieb für uns hoch getragen haben. Einchecken konnten wir erst am Abend.

Von dem Hotel bin ich völlig enttäuscht. Die drei Sterne verdienen sie sicherlich nicht. Im Eingang stehen auf jedem Tisch billige Stoffblumen, die in kleinen Gläsern in einem harten durchsichtigen Gel stecken. Das hätten sie sich sparen können. Auf meiner Etage hängt ein schwerer kalter Zigarettengeruch in der Luft. Der Türrahmen von meinem Zimmer trägt Spuren vom schweren Schlüsselträger, der dagegen schlägt, wenn man die Tür rücksichtslos öffnet. Der Schloss selbst ist sehr schwer zu bedienen. Einmal drin, sieht das Zimmer in Ordnung aus. Die Wände sind leider nicht so schalldicht, und ich habe einen Nachbar, der den ganzen Abend laut vor sich hin furzt. So hört es sich jedenfalls an. Das freie WLAN funktioniert sonst kaum, ist extrem langsam und wird ständig unterbrochen. Dafür zahle ich knapp über 100€ pro Nacht. Es ist gerade Messezeit, daher die Preiserhöhung. Das hat die Frau an der Rezeption einer Kundin als Erklärung gegeben, als diese sich beschwert hatte, weil ihr Zimmer geöffnet war, als sie zurück kam. Und mein Kollege hat mehrmals nach einem Bügeleisen gefragt und diesen trotz Versprechungen nie gesehen. Auf Englisch. Die Frau an der Rezeption war völlig überfordert. Das einzige, was ging, war der Frühstück. Obwohl. Die Sauberkeit vom Geschirr fand ich mangelhaft. Astoria kann ich nun wirklich nicht weiter empfehlen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Tagung in Österreich

Wir sind am Donnerstag gegen mittags nach Salzburg geflogen. Die Alternative mit der Bahn fand ich mit über zehn Stunden Fahrt nicht besonders attraktiv, und ich hatte keine Mühe gehabt, meinen Chef und unsere Studentin davon zu überzeugen, den Flugzeug zu benutzen. Gerne hätte ich Günther, einen ehemaligen Kollegen, besucht, der seit einigen Jahren dort arbeitet, aber die Zeit dafür hatte ich nicht. Mein Chef hatte einen Leihwagen gebucht und wir sind direkt vom Flughafen zum Tagungsort gefahren – ein sehr schönes Hotel in der Nähe eines großen Sees umgeben von Bergen. Es ist definitiv ein Ort, an dem ich für den Urlaub zurück fahren möchte.

Das Programm der Tagung war sehr dicht, mit vielen Teilnehmern aus mehreren Ländern, wir haben in drei Tagen über dreißig Vorträge gehört. Es war für mich nicht einfach, weil ich in dieser Thematik ganz neu bin, ich bin als Programmiererin quer eingestiegen. Meine Biologie-Kenntnisse stammen aus dem Gymnasium, und das liegt schon fast zwanzig Jahre zurück. Außerdem war die Tagung für junge Wissenschaftler gedacht, damit sie Übung im Präsentieren von Ergebnissen bekommen, Credit-Points konnten sie dafür kriegen. Ich habe auch einen Vortrag gehalten, weil mein Chef es so wollte, aber es passte nicht richtig im Konzept der Tagung. Es hat doch Vorteile, dass ich noch sehr jung aussehe.

Abends gab’s von den industriellen Ausstellern freies Bier in der Kneipe vom Hotel. Ich habe am ersten Abend den eingeladenen Lecturer aus Ungarn kennen gelernt, der als einzige geduldeter deutlich älterer Wissenschaftler als Highlight der Tagung eine Vorlesung gehalten hatte, in der ich vieles lernen konnte. Wir haben den ganzen Abend fachlich geredet. Neben uns haben Doktoranden die Kegelbahn benutzt, was mich nicht besonders interessierte. Ein industrieller Aussteller hatte anscheinend schon ganz früh zu viel getrunken, weil er mit nicht richtig zu gemachter Hose überall in der Kneipe nach seiner Tasche suchte, wobei er mindestens fünf mal zu unserem Tisch gekommen ist und uns gefragt hat, wo seine Tasche wäre. Der Wirt hat irgendwann die Geduld verloren und ihn unsanft zum Hotelempfang gebracht. Der Mann hat am nächsten Tag in der Sponsoren-Session die Produkte seiner Firma vorgestellt, aber es war klar, dass sie nicht mehr marktführend in dem Sektor sind. Irgendwie Schade, ich hatte mit den Geräten dieser Firma vor fünfzehn Jahren angefangen zu arbeiten. Als mein Gesprächspartner nach einem Telefonat zurück zum Tisch kam, fragte er mich, ob die Studenten mich zum Kegelspielen eingeladen hätten. Da ich dies verneinte, meinte er mit angeekelter Miene, „They don’t care“. Ich wollte ihm gleich „Welcome in Germany“ antworten, als mir einfiel, dass wir in Österreich waren. Außerdem gab’s Interessanteres zu besprechen, als über die nicht philanthropischen Art von Deutschen zu philosophieren. Ich habe mich seit langem daran gewöhnt, aber ich sehe immer wieder, dass es für ahnungslose Ausländer wie ein Schock wirkt. Die Doktoranden kannte ich eigentlich schon vage seit Dienstag, sie hatten einen Vortrag bei unserem Meeting gehalten. Wir sind auch später ins Gespräch gekommen und haben zusammen gespielt, nachdem mein Gesprächspartner sie darum gebettet hat, obwohl Kegeln nicht mein Ding ist. Ich bin nach Mitternacht zu meinem Zimmer gegangen. Schlafen konnte ich lange nicht, weil Leute unter meinem Fenster laut diskutiert haben. Wie ich am nächsten Tag erfahren habe, war unsere Studentin daran schuld, sie hatte sich bis 05:00 mit anderen Studenten unterhalten.

Am zweiten Abend habe ich mich mit einer Österreicherin unterhalten. Es gab nicht viele Anknüpfungspunkte, ich kenne sie nur durch eine ehemalige Mitarbeiterin aus meiner Gruppe, die ausgeschieden ist, bevor mein Vertrag anfing, und mit der ich selber nur einmal gesprochen habe. Ich habe erwähnt, dass ein früherer Kollege von mir jetzt wie sie an der Uni Salzburg arbeitet, mit der Bemerkung, dass sie ihn kaum kennen dürfte, da er Mineraloge ist. Aber als ich den Namen von Günther erwähnte, war sie ganz überrascht, und meinte, sie hätte Vorlesungen von ihm gehört. Klar, ich hatte völlig vergessen, dass er unsere Methode für Biologen unterrichtet hatte. Ich bin relativ früh zu meinem Zimmer gegangen, weil ich am Samstagvormittag meinen Vortrag halten musste. Ich hatte mir Sorgen gemacht, weil die vorgesehene Zeit die Hälfte von meinem Vortrag am Dienstag war, und ich musste heftig meine Folien kürzen. Ich habe es doch gut geschafft, die Zeit einzuhalten. Mittags ging die Tagung zu Ende, wir haben nicht gegessen und wir sind sofort zum Flughafen zurück gefahren.

Im Flugzeug saß in der Reihe vor mir eine dünne Frau um die vierzig mit zwei kleinen Kindern, die extrem nach Käse roch. Die Kinder haben auch gestunken, ich habe vom Anfang an gedacht, dass sie die Windeln voll haben mussten. Es hat mich genug gestört, dass ich trotz verpasstes Mittagessens das verteilte Snack nicht essen wollte. Als die Frau nach einer guten halben Stunden anfing, auf den Sesseln selbst die Windel von dem kleinsten zu wechseln, hat eine Stewardess sie angesprochen und gesagt, dass es in der Toilette einen Wickeltisch gibt und es völlig unhygienisch für die anderen Gäste wäre. Die Frau hat die typische „Leck mich am Arsch“ Haltung adoptiert und meinte, sie hätte erwartet, von der Stewardess mindestens Verständnis zu bekommen, da sie überfordert wäre, mit ihren zwei Kindern alleine zu reisen. Dass die Stewardess eine Frau ist, bedeutet aber lange nicht, dass sie solche rücksichtslose Verhalten von anderen Frauen verteidigen muss. Wir hatten sowieso nicht mehr lange zu fliegen, und die Kinder hatten schon so lange gestunken, das bisschen Warten hätte keinen Unterschied mehr gemacht. Mich wundert, dass sie es nicht früher gemerkt hat, aber ich habe den Eindruck bekommen, dass es ihr wirklich Spaß gemacht hatte, die anderen Reisende auf dieser Weise zu stören.

Ich bin mit meinen Kollegen noch eine Weile S-Bahn gefahren, wir wollten in die gleiche Richtung, wobei ich am weitesten vom Flughafen wohne – uns am nähesten von der Arbeit. Ich habe beschlossen, meinen Laptop im Büro zu lassen, statt damit nach Hause zu fahren und ihn am Montag zu schleppen. Ich konnte danach noch einkaufen gehen, und habe den Rest des Wochenendes zu Hause verbracht. Ich glaube, ich habe mich erkältet. Meine Katze, die von meiner Nachbarin gepflegt wurde, hat sich gefreut, mich wieder zu sehen, und hat mich am Sonntag nicht mehr los gelassen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.