Montag

Die Woche hat ganz schön hart angefangen. Ich war heute um acht bei der Arbeit. Ich hätte also um sieben das Haus verlassen müssen, aber da mein Mann für eine Dienstreise zum Flughafen musste, hat er mich auf dem Weg dahin mit dem Auto gefahren. Ich konnte eine halbe Stunde länger schlafen.

Ganz unerwartet war der Stress heute nicht, da wie jedes Semester unser gemeinsame Kurs mit der Uni statt findet. Ich organisiere unseren Teil, vorbereite die Lehrmaterialien, kontaktiere die Studenten, melde sie für die Experimente an (seit dem Versäumnis vom letzten Jahr habe ich die Verantwortung dafür übernommen), und halte auch Vorlesungen. Ich mache es zum siebten Mal und es läuft wie geschmiert. Ich habe für heute nicht mal meine Präsentation vorher durchlesen müssen.

Dasselbe kann ich für Mr Keen nicht behaupten. Er hat eine Vorlesung von Uschi geerbt, die er heute zum zweiten Mal gehalten hat. Eigentlich hätte ich seine Präsentation damals übernehmen können, ich hatte sie schon bei mehreren Veranstaltungen vorgetragen und es hätte mir nicht viel Aufwand gekostet. Uschi meinte aber, ich sollte mich für den Kurs nicht überanstrengen, und Mr Keen würde sich bestimmt freuen, selber eine Vorlesung halten zu dürfen.

Tja. Wie es bei Mr Keen so ist, sagt er den Chefs immer „ja, mache ich gerne“, aber dahinter steckt nichts. Kein Bock, das war bei ihm in den letzten Wochen schon anzumerken. Und null Vorbereitung, so viel war heute wieder klar. Winfried war diesmal dabei, weil Mr Keen nächste Woche eine ähnliche Präsentation bei einer anderen wichtigeren Veranstaltung halten sollte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit seiner Leistung zufrieden sein konnte. Begriffe verwechselt, ständig versprochen (seine Sprachstörung kommt noch dazu), ich habe teilweise eingreifen müssen, damit die Studenten verstehen, was er so mühsam nicht richtig erklären konnte.

Was mich noch irritiert hat, ist, wie er mir heute sagte, ich müsste nicht so viel alleine für den Kurs machen, er würde gerne helfen. Das hört man von ihm häufig. Er hilft gerne, wirklich, man muss nur fragen. Wenn man es mal versucht, stöhnt er, hat dann doch etwas ganz anderes und wichtigeres zu tun und überhaupt keine Zeit, aber sonst „gerne“, jederzeit, nur jetzt nicht. Und wenn es eh dazu kommt, dass er alles wie seine Präsentation heute verschlampt, dann kommt es definitiv nicht in Frage, dass ich ihn etwas anderes für den Kurs machen lasse. Ich glaube, ihm geht es vor allem darum, sich als hilfsbereit zu zeigen und Verantwortung an sich zu reißen, um sich wichtiger erscheinen zu lassen. Aber bitte ohne zusätzliche Arbeit.

Es wird Zeit, dass Florian, unser neuer Mitarbeiter, bei uns anfängt. Noch zwei Wochen. Es wird einiges in der Gruppe ändern. Mr Keen war beim ganzen Bewerbungsprozess stark gegen ihn. Hat ihm immer vorgeworfen, mehr Schein als Sein zu zeigen. Die Beschreibung trifft eher auf Mr Keen zu. Ich glaube, er sieht Florian als ernsthafter Gegner. Mit Recht. Florian ist jung, sympathisch, dynamisch, motiviert und produktiv. Hat schon viele wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Und sieht auch noch gut aus. Das Gegenteil von Mr Keen, wirklich. Kein Wunder, dass er sich von ihm so bedroht fühlt. Ich kannte Florian schon, bevor er sich bei uns beworben hat, und hatte die ganze Zeit die Hoffnung, dass die Entscheidung auf ihn fallen würde. Es freut mich, ihn demnächst als Kollegen zu haben.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Eine stressige Dienstreise

Die Reise selbst war nicht stressig. Ich war drei Tage mit Kate unterwegs, in einer kleinen Stadt in Mittelhessen, die trotzdem mit einer Uni versehen ist. Dort sitzt eine Arbeitsgruppe, mit der wir beide zu tun haben. Es war ein sehr produktives Treffen.

Was mich geärgert hat, sind die Kollegen zu Hause. Wir haben nächste Woche einen gemeinsamen Kurs mit der Uni, den ich mittlerweile zum fünften Mal für unseren Teil organisiere. Es ist bis jetzt immer gut gelaufen. Alles, was ich machen muss, ist beinahe trivial: Termin finden, da die Nutzung unserer Geräte an einem Kalender gebunden ist, Raum buchen, was fast ein Jahr im Voraus geschieht, Zeitplan für den Kurs herstellen, da die Studenten manchmal gleichzeitig andere Veranstaltungen haben, und meine Vorlesungen und Skripte vorbereiten, es gibt immer Verbesserungsmöglichkeiten. Um die Online-Anmeldung der Studenten für die Nutzung unserer Geräte kümmern sich die Kollegen aus der Uni, die den Rest vom Kurs organisieren. Bis auf dieses Mal.

Vorgestern hat mich mein Gesprächspartner für den Kurs aus der Uni eine Email geschrieben, weil er gerade gemerkt hatte, dass er die Studenten bei uns nicht wie üblich anmelden konnte. Da ich den ganzen Tag beschäftigt war und meine Kollegen erst um halb zehn verlassen habe, konnte ich nur sehr spät antworten. Ungefähr so: „Bin nicht vor Ort, kontaktiere so schnell wie möglich unsere Verwaltung, ich weiß nicht, ob sie es noch schaffen können, rechtzeitig den Studenten Zugang zu den Geräten zu ermöglichen.“ Mit CC an Uschi, damit er darauf reagieren kann: Vielleicht hat er eine Idee, wie man auf die Schnelle das Problem lösen kann. Es ist ja ein großer administrativer Aufwand, vor allem bei ausländischen Studenten, da Sicherheitsaspekte berücksichtigt werden müssen, und alle unsere Nutzer wissen eigentlich, dass sie sich spätestens eine Woche vor ihrer Messung bei uns anmelden müssen. Mein Kollege hat etwas massiv verpennt, wenn er erst zwei Werktage vor Anfang des Kurses merkt, dass er die Studenten nicht anmelden kann. Ich habe schon im Gedanke angefangen, den gesamten Kurs umzustrukturieren, damit wir trotzdem etwas Sinnvolles machen können, falls keine Experimente möglich sind.

Gestern habe ich ganz früh Uschi angerufen, als er noch unterwegs zur Arbeit war. Er hatte den Email-Austausch vom späten Abend nicht mitbekommen. Seine Antwort an meinem Kollegen fing mit „Warum merkt ihr das erst jetzt?“ an, aber er hat tatsächlich eine Notlösung gefunden. Dafür mussten die Kollegen an der Uni tätig werden: Wir dürfen selber keine Teilnehmer zu einem Experiment eintragen, obwohl wir Experimente für die Nutzer buchen können (warum auch immer, das versteht nur unsere Verwaltung). Daraufhin kam eine Antwort vom Chef meines Kollegen, der leitender Professor seiner Arbeitsgruppe, der bis jetzt in die Diskussion nicht involviert war aber uns gleich anschuldigen musste, in dem Stil „Ich sehe nicht ein, warum wir uns darum kümmern sollten, seit Frau Dingsbums[1] nicht mehr da ist, klappt irgendwie einiges nicht mehr, wenn es nicht geht werden wir in Zukunft ohne euch den Kurs machen“. Ich glaube, ich spinne. Zum Glück hat Uschi die Situation vorbildlich unter Kontrolle gebracht. Er hat den Vorgang bei den letzten Kursen geprüft und deutlich gemacht, dass die Anschuldigungsversuche an uns völlig unbegründet waren, da die Studenten immer von den Kollegen aus der Uni angemeldet wurden. Der Professor hat keinen Ton mehr von sich gegeben, mein Kollege hat plötzlich geschrieben, dass er die Studenten gerade angemeldet hatte (obwohl er es angeblich nicht vor dem Nachmittag machen konnte), und Uschi hat es geschafft, die Leute aus unserer Verwaltung zu überzeugen, den Vorgang für die Studenten zu beschleunigen. Das alles innerhalb von zwei Stunden nachdem ich ihn angerufen habe. Es ist nicht sicher, dass es gelingt, aber er hat alles dafür gemacht. Das schätze ich sehr an Uschi. Wenn ein Problem auftaucht, ist er zwar geärgert, aber statt einen Prügelknabe zu suchen, versucht er in erster Linie, das Problem zu lösen.

[1] Die Vorgängerin meines Vorgängers.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Die Woche ist vorbei

Sie war hart. Mit unserer Lehrveranstaltung sind wir fertig. Die Studenten scheinen ganz wenig verstanden zu haben. Weil ich im letzten Semester die Vorlesungen von meinen Kollegen an der Uni mir angehört hatte, weiß ich, dass sie eigentlich die nötigen Grundkenntnisse hatten, um bei uns optimal arbeiten zu können. Diesmal waren sie wohl überfordert. Das habe ich früher an der Uni häufig genug festgestellt. Es gibt Jahrgänge, in denen Studenten sehr gut sind, und andere, bei denen ich mich frage, wie sie überhaupt so weit im Studium kommen konnten. Ich kann mir nicht erklären, warum die Fähigkeiten von Studenten von einem Jahr zum anderen so stark variieren können. Da es in unserem Interesse ist, dass alle in dem Kurs etwas Nützliches lernen[1], müssen wir uns überlegen, wie wir beim nächsten Mal den Kurs besser gestalten können. Ich habe schon heute Nachmittag mit Winfried darüber diskutiert. Uschi wollte, dass wir nächste Woche alle zusammen darüber reden. Immerhin hat er eingesehen, dass ich eine harte Zeit hatte, um mich alleine um die praktischen Aspekte des Praktikums zu kümmern[2]. Das meinten die Studenten auch. Beim nächsten Mal sollen die neuen Postdocs mithelfen.

In meinem Projekt bin ich diese Woche natürlich nicht weiter gekommen. Ich habe trotzdem genug am Montag darüber zu erzählen, da ich neulich eine zusätzliche Funktion in meinem Programm eingebaut habe. Wir wollten ursprünglich regelmäßige Treffen über meine Arbeit organisieren, aber seit einigen Wochen gab es immer eine gute Ausrede, warum wir es ausfallen lassen mussten. Hoffentlich klappt es nächste Woche, bevor mein Urlaub anfängt. Außerdem muss ich noch am Wochenende eine Bewerbung schreiben.

Ich konnte heute kurz nach der Mittagspause schon Feierabend machen. Bei meinen Überstunden kein Luxus. Ausnahmsweise für diese Woche bin ich mit dem Fahrrad nach Hause gefahren. Die Sonne schien und die Temperatur war sogar angenehm. Ich habe eingekauft. Martin muss morgen früh zur Arbeit und will danach bei mir frühstücken. Heute Nacht ist er wieder bei sich zu Hause. Hmm. Er will morgen Abend zur Geburtstagparty von einem Cousin gehen. Ich bin nicht begeistert. Vermutlich wieder eine Feier, bei der ich niemanden kenne, bei der wir lange bleiben werden und spät nach vielen Bieren ins Bett gehen werden. Dazu habe ich echt keine Lust.

[1] Master-Arbeiten bieten wir an, auch wenn ich mir bei dem einem oder anderen Teilnehmer wünsche, dass sie auf die Idee nicht kommen, bei uns eine Arbeit zu machen.

[2] Das hatte er beim letzten Mal schon gesagt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Stimmungstief

Vielleicht liegt es am Wetter. Seit einer Woche macht es mir keinen Spaß, draußen zu sein. Das Wochenende war nicht so toll. Wieder Jacken anziehen, Regenschirme mitnehmen… Dauerregen habe ich nie besonders gemocht. Als ich heute Morgen gegen 07:15 das Haus verlassen habe, regnete es schon länger kontinuierlich stark. Es hat den ganzen Tag gedauert.

Hinzu kommt der Stress von der Arbeit. Ich bin nicht mehr an einer Uni tätig, aber ganz frei von Lehrveranstaltungen bin ich nicht. Jedes Semester organisieren wir in Zusammenarbeit mit mehreren Instituten ein großes Praktikum für Studenten. Diese Woche ist es wieder so weit. Ich bin für die Vorbereitung von unserem Teil zuständig und kümmere mich schon seit einiger Zeit um die Details. Räumlichkeiten buchen, Wochenplan vorbereiten, sicher stellen, dass Rechner zur Verfügung stehen, Sicherheitsaspekte klären, Vorlesungen bearbeiten, Skripte drucken, spät im Büro bleiben, Schlafmangel… Und dann kommt ein Tag wie heute. Vormittags Vorlesung gehalten. Ich habe absichtlich einige Sachen mehrmals auf verschiedenen Weisen wiederholt, um sicher zu sein, dass ein bisschen davon in den Köpfen übrig bleibt und verstanden wird. Von den Studenten selbst durchgeführten Experimenten wurden am Rechner ausgewertet. Die Ergebnisse wurden diskutiert. Mittagspause. Nachmittags war Winfried mit seiner Vorlesung dran. Er hat viele Begriffe benutzt, die ich heute Morgen eingeführt habe. Die Studenten haben sich verhalten, als ob sie sie zum ersten Mal hören würden. Bei Winfrieds Versuchen, die Diskussion interaktiv zu gestalten, meinten sie, es wäre ihnen alles neu. Dabei haben sie nicht mal in ihren Unterlagen durchgeblättert. Alles, was er gefragt hatte, hatte ich schon drin erklärt. Wie dumm kann man sein?

Mit Martin habe ich auch Schwierigkeiten. Kann sein, dass es daran liegt, dass meine Tage diesen Monat nicht richtig enden wollen. Leichte Blutungen habe ich immer noch. Oder der Stress spielt eine Rolle. Sex ist seit dem Wochenende nicht wirklich befriedigend. Er scheint Probleme zu haben, eine Erektion länger als eine Viertelstunde lang zu behalten, was unsere typische Koitusdauer entspricht. Das letzte Mal war am Montag. Letzte Nacht bin ich alleine bei mir gewesen, da ich abends noch vieles für die Vorlesung vorbereiten musste. Dienstags hat er sowieso immer Sport. Heute hat er den Wunsch geäußert, bei sich zu bleiben, weil er zu Hause einiges zu tun hat. Morgen weiß ich schon, dass er mit einem Freund Fußball gucken will. Ich will nicht mit. Es interessiert mich nicht, und ich muss am Freitag wieder ganz früh zur Arbeit. Ein bisschen merkwürdig finde ich es schon, dass er auf einmal kein Interesse zeigt, mit mir zu sein, wenn wir sonst fast jede Nacht miteinander verbracht haben. Andererseits kann ich es mir nicht heimlich wünschen, mehr Zeit für mich zu haben, und irritiert sein, wenn er offensichtlich das gleiche Bedürfnis empfindet.

Ich habe ihm heute noch gesagt, dass wir in letzter Zeit zu viel Geld ausgeben. Ich finde es schlimm, dass wir jedes Wochenende unterwegs waren. Ständig hat er etwas vorgeschlagen und mich darum gebeten, mit ihm irgendwohin zu fahren. Es hat mich nicht nur gestört, weil ich wegen ihm meine Routine völlig geändert habe und müde bin, sondern auch, weil es auf Dauer ziemlich teuer wird. Ich habe im letzten Monat mehr als mein Gehalt ausgegeben. Es reicht. Es hat mir zugegeben, dass er selber den Überblick über seine Ausgaben verloren hatte. Ich hatte mich schon gewundert, wie er es mit seinem geringeren Gehalt schaffen würde. Vielleicht trägt alles zusammen dazu bei, dass ich mich momentan nicht so gut fühle und unsere Beziehung eher pessimistisch betrachte.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Erfolgreich studieren

Heute will ich euch ein bisschen von meiner Erfahrung mit dem Studium profitieren lassen – aus beiden Seiten betrachtet, als Studentin, und später als Dozentin an der Uni. Was mich dazu bewegt ist die hohe Durchfallquote in einem niedrigen Semester in einem Fach, der als Basiswissen nur Stoff aus dem Gymnasium voraussetzt – was man an der Uni drauf haben sollte. Es ist im Grunde ganz simpel: Richtig zuhören und sich Notizen machen. Konsequent zu das ganze Semester lernen, am besten in einer kleinen Gruppe. Der schwierigerer Teil wäre wohl, sich zuzutrauen, Fragen zu stellen. Und manchmal auch zu merken, dass das gewählte Studium vielleicht doch nicht geeignet ist.

Ich weiß nicht mehr, wie viele Studenten ich schon vor mir sitzen hatte. Fakt ist, dass ich sie selten dabei erwischt habe, wie sie sich Notizen machen, sei es auf Papier oder auf dem Tablett. Viele sitzen einfach da mit leerem Blick und sehen aus, als ob sie vor dem Fernseher sitzen würden. Wenn sie sich nicht einfach untereinander unterhalten. Ich frage mich manchmal, ob sie es merken würden, wenn ich plötzlich das Thema wechseln würde. Dabei bemühe ich mich auch noch, immer Bescheid zu sagen, wenn etwas so wichtig ist, dass es in der Klausur mit sehr hohen Wahrscheinlichkeit gefragt werden kann (was gerade für 2mn Aufmerksamkeit sorgt). Während den Übungen merke ich am Ende des Semesters häufig, dass die Grundbegriffe immer noch nicht beherrscht sind. Und wenn ich darauf aufmerksam mache, dass die Klausur naht, bekomme ich als Antwort „Natürlich, bis zur Klausur werde ich es gelernt haben“. Dabei habe ich auch den Spaß, die Klausuren selbst zu korrigieren, und bin häufig fassungslos, was man als Blödsinn schreiben kann. Schlimmer noch, wenn sie die Klausur bestanden haben, wissen sie im nächsten Semester schon nicht mehr, was sie gelernt haben. Kein Wunder, denn das akute Büffeln kurz vor der Klausur nicht für Langzeitgedächtnis hilft. Vielleicht denkt ihr, „was mich interessiert ist nicht das Studium, sondern die Urkunde, mit der ich mich später auf guten Jobs bewerben kann“. Denkt aber dran, dass man bei Bewerbern erwartet, dass sie auch das können, was sie studiert haben. Ein großes Maul hilft nicht immer, wenn aus dem Studium nur ein Stück Papier geblieben ist.

Für beide Probleme, das Aufmerksamkeitsvermögen und das Langzeitgedächtnis, gibt es eine Lösung. Nehmt ihr euch am Anfang der Vorlesungsstunde Papier und Stift, und schreibt alles auf, was die Person vor der Tafel erzählt, selbst wenn ihr ein Skript bekommt. Papier und Stift sind immer noch besser als Tablett, weil man auch schnell Skizzen kopieren kann. „Häh, alles aufschreiben kann man doch gar nicht.“ Das Wichtigste herausfiltern und aufschreiben. Glaubt mir, ich hab’s an der Uni selber so gemacht, habe sonst außerhalb der Uni-Zeit kaum lernen müssen, weil man beim Mitschreiben und Mitdenken sich den Stoff sehr gut einprägen kann (na gut, für Physik hat es geklappt, in anderen Fächern ist es vielleicht anders). Ja, ich habe am mittleren Finger die harte Vertiefung vom Stift bekommen, weil ich ihn so lange in der Hand hatte, und ich habe auch Muskelkater in der Hand am Anfang jedes Semesters bekommen, aber es hat sich gelohnt, schließlich hatte ich ohne große Mühe die vierte beste Note in meinem Vordiplom-Jahrgang. Zeit in der Vorlesung verbringt man sowieso, also macht das Beste daraus!

Tja, damit habe ich auch gleich das „konsequent durch das ganze Semester lernen“ abgehackt. Es gibt aber nicht nur Vorlesungen, sondern auch Übungen und Praktika. Am besten sollte man am Anfang des Semesters eine kleine Lerngruppe mit Kommilitonen bilden, um zusammen die Übungen regelmäßig zu bearbeiten. „Nein, ich arbeite lieber alleine, in der Gruppe ist es mir blöd, es würde viel länger dauern.“ So richtig stimmt das nicht. In einer Gruppe sind alle Individuen unterschiedlich, und sehen den Stoff mit einem anderen Blickwinkel. Man versteht selber den Stoff auch viel besser, wenn man es jemandem erklärt. Daher lohnt es sich wirklich, sich über das gelernte auszutauschen. Und Spaß kann man dabei auch haben.

Fragen stellen ist vielleicht das, was am schwierigsten vorkommen könnte. Schon in einer Gruppe von 30 Studenten kann es beängstigend sein, auf sich selbst aufmerksam zu machen. Wenn es nicht anders geht, könnt ihr am Ende der Stunde den/die Dozent/in direkt ansprechen. Emails gibt es auch, macht Gebrauch davon. Oder nutzt die Forum-Möglichkeit aus, die die e-learning-Platform anbietet, falls vorhanden. Aber eines solltet ihr im Kopf behalten: Die Frage, die euch durch den Kopf geht, beschäftigt bestimmt andere auch. Die sich ebenfalls nicht trauen, nachzufragen. Habt keine Angst, denn es gibt schlimmeres: Heute wird im Studium noch mehr Wert drauf gelegt, wie man eine Präsentation macht, die Übung müsst ihr so oder so mindestens einmal machen. „Und was ist, wenn meine Frage doch so blöd ist, dass der/die Dozent/in mich als hoffnungslos einstuft und dadurch bei der Klausurkorrektur schlecht beeinflusst wird?“. Jetzt mal ehrlich. Wisst ihr überhaupt, wie viele Studenten wir im Semester sehen? Glaubt ihr wirklich, man würde sich alle euren Namen merken, vor allem in Vorlesungen, wo eh keine Anwesenheit geprüft wird? Mann, ich bin schon froh, wenn ich eure Gesichter wieder erkenne. Gut, es gibt auch Fälle, wo das Nachfragen belästigend wird, und zwar, wenn immer die eine und gleiche Person ständig Fragen stellt, die sich für allen anderen Anwesenden nicht stellen. Das habe ich aber selten erlebt, und es handelte sich dabei immer um (wie kann ich das politisch korrekt ausdrücken?) Personen, die in einem höheren Alter beschließen, ein Studium neu anzufangen, weil sie ja vor dreißig Jahren die Abitur geschafft haben und sich formal einschreiben dürfen, leider die benötigten Kenntnisse längst vergessen haben.

„Und wenn alles nicht hilft und ich bei fast allen Klausuren durchfalle“? Wenn es keine schlimme Gründe gibt, wie zum Beispiel die lähmende Angst von der Klausur, oder eine schwierige Krankheit, ist es vielleicht ein Zeichen, dass das Studium nicht das richtige ist. Und das kann man sehr schnell herausfinden. Ich würde sagen, wenn ihr am Ende des ersten Jahres nicht die Hälfte der Klausuren bestanden habt, solltet ihr gar nicht versuchen, weiter zu studieren. Mindestens nicht diese Fachrichtung. Vielleicht habt ihr für die Abitur nicht die richtigen Leistungskurse für das Studium gewählt. Das Studiumwechsel muss nicht als Versagen angesehen werden: Ihr zeigt damit, dass ihr in der Lage seid, erfolglose Projekte zu erkennen. Je früher, desto besser. Aber beim zweiten Studium klappt’s besser, weil ihr jetzt wisst, was ihr machen müsst, um gut zu lernen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.