Weihnachten ohne den Schwiegervater

Wir hatten geplant, Weihnachten in Berlin zu verbringen, um den Schwiegervater aus dem Heim zu holen und mit ihm ein paar Tage zu verbringen, nachdem wir Quarantäne einhalten und uns testen lassen. Die Testergebnisse hat der Ehemann in seine App geladen, da die Corona-Warn-App für mein Handy nicht verfügbar ist. So alt ist mein Handy nicht, gerade zwei Jahre, und ich gehöre nicht zu den Suchtkonsumenten, die funktionierende Geräte entsorgen, nur weil ein Neueres auf den Markt kommt. Ein neues Handy für diese App zu kaufen kam für mich daher nicht in Frage. Vor allem, da ich zu Hause arbeite und wenn ich das Haus verlasse, dann überwiegend mit dem Ehemann. Eine App für uns beide muss reichen. Der Ehemann hat sein Test geladen, negativ. Er musste dann sein Test löschen, um mein Test auch zu laden. Ebenfalls negativ. Das war am Samstag.

Unser Plan für Weihnachten wird trotzdem nichts. Wir sind stattdessen in Frankfurt, bei der jetzt engsten Familie vom Ehemann. Der Schwiegervater ist am Anfang des Monates verstorben, und so schnell konnte ich nicht darüber schreiben. Das muss man erstmal verdauen.

Ich sage, Corona ist schuld. Es gab im November einen Fall im Heim. Alle Bewohner wurden dazu aufgefordert, ihre Zimmer nicht mehr zu verlassen, und Besuche wurden verboten. Den Schwiegervater hat es sehr getroffen. Infiziert hat er sich nicht, aber die Ausgangssperre wurde ihm zu viel, vor allem, als sie verlängert wurde, als ein zweiter Fall bekannt wurde. Er hat angefangen, nicht mehr essen zu wollen, und sich geweigert, seine Medikamente zu nehmen. Das Heim hat den Ehemann angerufen, der Ehemann hat mit seinem Vater telefoniert und dachte, er hätte ihn dazu überredet, wieder auf sich zu achten. Aber dann hat der Schwiegervater seine Anrufe nicht mehr angenommen. An dem letzten Sonntag von November wurde der Ehemann so unruhig, dass er auf die Stelle nach Berlin fahren wollte. „Und was dann?“ hatte ich ihn gefragt. Wenn Besuche verboten sind, kommt er nicht ins Heim, egal, was er versucht, den Mitarbeitern zu erzählen. Der Ehemann ist zu Hause geblieben. Sein Vater hat weiterhin keine Anrufe angenommen. Zwei Tage später ist der Ehemann vom Heim angerufen worden. Sein Vater ist friedlich im Schlaf gestorben.

Wir sind nach der Meldung nach Berlin gefahren. Der Ehemann hat auf einmal viel zu regeln gehabt, da er Einzelkind und jetzt Waise ist. Natürlich konnte ich ihn in der Zeit nicht alleine lassen, und Tim, unser neuer Teamleiter seit dem Sommer, war sehr verständnisvoll und hat mich von der Arbeit befreit. Es gab eine kleine Trauerfeier im engsten Kreis. Auf dem Weg zum Bestattungsinstitut war ich richtig froh, dass der Ehemann sich nicht für die Konkurrenz einige Häuser vorher entschieden hat. Wir sind von der S-Bahn-Station aus zu Fuß dahin gelaufen, und ich habe zuerst gedacht, wir wären an eine billige Fahrschule vorbei gelatscht. Nee, es war ein Bestattungsdiscounter und sah furchtbar aus. Der Ehemann hatte sich für die andere Firma entschieden, weil der Name ihm bekannt vorkam. Er hatte nicht mal Zeit, sich über sie richtig zu informieren. Glück gehabt, vor allem, weil der Discounter den selben Namen wie die Bowling-Lounge[1] trägt, wo der Ehemann sonst mit seinen Kumpeln Geburtstag feiert, er hätte auch sagen können, dieser Name kommt ihm bekannt vor. Wenigstens konnten wir uns von dem Schwiegervater in Würde verabschieden. Das Gefühl hätte ich beim Discounter nicht gehabt.

Der Ehemann gibt den Anschein, es gehe ihm gut. Ich weiß aber, wie schlecht er in letzter Zeit schläft und was für unruhige Träume er hat. Er hat sich am Anfang schuldig gefühlt, dass er sich bei der Nachricht vom Tod seines Vaters nicht nur traurig, sondern auch erleichtert gefühlt hat. Er hat gesehen, wie es dem Schwiegervater schlechter wurde, und es gab keinen Anlass zu glauben, dass sein Zustand sich verbessern würde. Seit dem Schlaganfall wurde seine Aphasie wegen den Corona-Beschränkungen nicht richtig behandelt, und man hat gemerkt, dass es ihn sehr frustriert hat, nicht mehr reden zu können. Lesen konnte er auch nicht mehr. Am Telefon hat er in letzter Zeit viel zu schnell aufgegeben, wenn ihm ein Wort nicht mehr eingefallen ist. Wie wert ist ein Leben, wenn man nicht mehr in der Lage ist, mit anderen Menschen zu kommunizieren? Wenn man sich ständig vom Pflegepersonal missverstanden fühlt und seine Wünsche nicht mehr äußern kann? Der Ehemann hatte seinen Vater verstanden, aber das reicht nicht. Er hat sich jetzt eingeredet, dass sein Vater beschlossen hat, aus dem Leben auszutreten.

Ich frage mich, würde ich in einem solchen Zustand leben wollen? Ich habe dem Ehemann schon gesagt, dass ich mich for Demenz graue. Lieber würde ich eine assistierte Sterbehilfe in Anspruch nehmen, als jahrelang vor mich hin zu vegetieren. Die Unfähigkeit, sich auszudrücken, selbst mit klarem Kopf, möchte ich auch nicht erleben. Nicht auf Dauer. Da wird man nur noch hilflos für jede Art von Missbrauch ausgeliefert, denn wie sollte man sich darüber beschweren können? Deswegen hatte ich mich so viele Sorgen gemacht, als ich im relativ späten Alter mal länger schwanger wurde.

Ob der Schwiegervater also absichtlich gestorben ist? Eine solche Entscheidung könnte ich nachvollziehen, aber kann das einfach so im Schlaf passieren, wenn man sich dafür entschieden hat? Schön wär’s.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Wasserstandmeldung

Ich bin erschöpft. Kaum zu glauben, dass der letzte Urlaub keine zwei Monate her liegt. Heute mittags habe ich mich im Spiegel angeschaut und einen Schreck bekommen. Solche dunkle Ringe unter den Augen sind mir neu.

Auf Arbeit gibt es immer mehr zu tun. Nicht ganz unerwartet, in meiner Branche, in Pandemie-Zeiten. Meinem Arbeitgeber geht’s richtig gut. Ich bin trotz Home Office platt. Seit dem Anfang des Jahres hat sich meine Überstunden-Situation nicht gebessert, und so lange wir keine Zeiterfassung haben, kriege ich nichts davon:

KW 39 40 41 42 43 44 45
Arbeitszeit 44:07:37 42:34:13 43:40:48 41:19:45 34:37:01 49:31:49 48:33:29
Überstunden 4:07:37 2:34:13 3:40:48 1:19:45 2:37:01 9:31:49 8:33:29

Kein Wunder, dass ich hier in letzter Zeit so wenig schreibe.

Dabei war ich in der 43ten Woche ein Tag krank. An dem Mittwochabend lag ich alleine im Wohnzimmer auf der Couch und las auf dem Handy, während der Ehemann oben im Arbeitszimmer war. Ich habe kurz den Kopf minimal zur Seite geneigt und auf einmal hat sich der ganze Raum gedreht. Ich dachte zuerst, es hört gleich auf, aber nein, im Gegenteil drehte sich der ganze Raum schneller und schneller. Ich könnte meine Umgebung gut scharf sehen, nur ruhig blieb sie nicht. Mit geschlossenen Augen ging es mir noch gut. Kein Schwindelgefühl, keine Übelkeit oder sonst was. Mit geöffneten Augen hatte ich den Eindruck, ich würde gleich von der Couch fallen. Panik. Ehemann gerufen, mehrmals, ich glaube, er hört langsam nicht mehr so gut. Das Handy konnte ich nicht benutzen, um ihn anzurufen, da ich nichts mehr fokussiert schauen konnte. Als er endlich die Treppe runter kam, hörte es auf, und ein Rauschen wurde plötzlich laut in meinem linken Ohr. Das Ohr vom Hörsturz, das sich inzwischen völlig erholt hatte, Corona und Home Office sei dank. Das Rauschen ging nach dem Schwindel schnell zu Ende. Übrig blieb die Angst, was denn gerade los war.

Am nächsten Tag bin ich nach einer schlechten Nacht gleich bei der Eröffnung zu meiner Arztpraxis gerannt. Genauer gesagt, der Ehemann hat mich hin gefahren, da ich Angst hatte, die Strecke alleine zu laufen. Man sollte eigentlich nicht mehr einfach so auftauchen, wegen Corona, mahnte mich die Sekretärin in der noch leeren Praxis, aber bleiben durfte ich doch. Nach der Untersuchung bin ich zum hiesigen HNO-Arzt überwiesen worden, worüber ich mich gefreut habe, da ich mit der Notlösung in der Nachbarstadt nicht richtig zufrieden war. Am Nachmittag wurde ich gleich untersucht. Mir wurde warme und kalte Luft in die Ohren geblasen, und anschließend die Augenbewegung gemessen. Beim ersten Versuch rechts habe ich mich ganz schwindelig gefühlt, bei den Anderen habe ich gar nichts gespürt. Ich dachte schon, ich hätte ein größeres Problem. Das Ergebnis: Nichts. Der Arzt konnte keine Ursache für den Schwindel feststellen. Seine Vermutung: Kleine Kristalle hätten sich gelöst und auf die Härchen im Innenohr gerieselt. Es scheint häufig zu passieren[1]. Dass ich beim ersten Versuch so stark reagiert habe, wäre ein Zeichen für Hypersensibilität, aber eigentlich hätte ich bei allen Messungen eine Reaktion gezeigt. Ich habe nichts davon gemerkt.

Am letzten Wochenende sind wir gewandert. Der Schwindel war schon Geschichte, aber an dem Tag ging es mir nicht gut. Unsere neuen Nachbarn in der kleinen Wohnung neben uns, die ich seit ihrem Einzug in März noch nie gesehen und kaum gehört habe, meinten wohl, am Freitagabend die Wohnung gründlich zu säubern. Bis zwei Uhr morgens haben sie völlig rücksichtslos Möbel verrückt und staubgesaugt. Der Ehemann schlief seelenruhig neben mir, als ich beschlossen habe, im Gästezimmer oben zu schlafen. Kurz danach haben die Nachbarn ihre Wohnung verlassen, und als ich die Jalousie am Fenster oben herunter gezogen habe, habe ich sie ins Auto einsteigen und verschwinden gesehen. Danke. Nicht. Ich habe in der Nacht kaum schlafen können, und das Wandern am nächsten Tag war hart, obwohl die Strecke diesmal richtig schön war. Ob die Nachbarn wieder ausziehen? Seitdem wir hier wohnen, sind sie schon der dritte Haushalt drin. Nein. Am nächsten Abend war Party. So kurz vor dem neuen Lockdown. Na toll, habe ich gedacht, es fehlt nur noch, dass die sich anstecken, und der Ehemann in Quarantäne muss, weil die Corona-Warn-App meint, wir wären mit den Nachbarn zusammen gewesen. Unser Schlafzimmer ist recht nah an die andere Wohnung. Jedenfalls konnte ich die zweite Nacht in Folge nicht gut schlafen, und am nächsten Tag hatte ich richtig schlimme Migräne. Diese Woche habe ich zu viel gearbeitet, und heute Nacht wurde es wieder laut in der Wohnung nebenan. Nicht so laut dass man sich beschweren könnte, aber laut genug, um mich am Einschlafen zu hindern. Bis um halb zwei die Wohnung verlassen wurde. Verdammt. Ich hoffe, es wiederholt sich nicht jedes Wochenende.

Der Ehemann war am Wochenende wieder in Berlin. Der Schwiegervater ist seit März im Pflegeheim und wird zunehmend dement — mein Eindruck. Wir wissen, dass er nicht mehr in der Lage ist, sich lange zu unterhalten, und nach keiner Stunde wieder anfängt, dasselbe zu erzählen, weil er vergessen hat, was er gesagt hat (abgesehen davon, dass er seit seinem Schlaganfall nur noch schwer reden kann). Jetzt vergisst er Verabredungen mit dem Ehemann, wie gestern. Er meint, seine Wohnung leeren zu müssen. Der Ehemann hilft ihm schon seit Monaten dabei und fährt zweimal im Monat hin, letztens mit dem Auto. Gestern war er mit seinem Vater im Heim verabredet, um zusammen zur Wohnung zu fahren. Das hat er ihm mehrmals am Telefon gesagt, und was war gestern? Der Schwiegervater ist alleine zur Wohnung gegangen und hat angefangen, selber schwere Gegenstände herum zu schleppen. Dafür ist er wirklich nicht mehr fit genug.

Der Ehemann ist heute am späten Nachmittag zurück gekommen. Es hat uns Crémant de Bourgogne zum Anstoßen mitgebracht. Mit meiner Müdigkeit war mir ein Glas schon zu viel.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Ab in den Urlaub

Der letzte Urlaub ist gar nicht so lange her, aber Erholungsbedarf habe ich schon wieder dringend. Seit Anfang Juli betrug meine mittlere wöchentliche Arbeitszeit um die fünfzig Stunden. Endlich, endlich kriegen wir Verstärkung im Team. Mein Eindruck ist, dass man in der freien Wirtschaft super lang am Anschlag arbeiten muss, bis die Leitung denkt, jetzt lohnt es sich, neue Kollegen einzustellen.

Ich sitze im ICE nach Berlin, wo der Ehemann schon seit gestern ist. Es war nicht ganz der Plan gewesen. Der Schwiegervater hat am Donnerstag auf dem Weg zum Arzt, wo er vom Pflegeheim aus unbedingt alleine zu Fuß gehen wollte, einen Schwächeanfall bekommen und liegt jetzt im Krankenhaus. Also hat sich der Ehemann den Freitag zusätzlich frei genommen und ist gestern mit dem Auto hin gefahren. Im Prinzip hätte ich, rein von den Arbeitsstunden für diese Woche her, gleich mitfahren können, wenn ich nicht dringend nach einer geeigneten Vertretung für meine laufende Projekte suchen musste. Theoretisch hätte mein Chef für mich einspringen sollen. Ich hatte ihm vor Wochen gesagt, dass ich im September Urlaub habe und er mich bei einem Kundenmeeting vertreten müsse. Ich habe ihn stets ins CC bei jeder Kommunikation mit den Kunden über die Projekte gesetzt. Als ich ihn am Donnerstag wieder daran erinnerte, dass er mein Vertreter ist, meinte er, das könne er nicht tun, er hätte keine Ahnung über meine Projekte. Dabei gibt es wirklich nicht viel zu tun. Es war für mich ein starkes Stück. Er hat die ganze Zeit seine Aufgaben als mein offizieller Vertreter gar nicht wahrgenommen. Ich frage mich, ob er überhaupt meine Emails gelesen hat. Zum Glück hat ein anderer Kollege jetzt zugesagt, das Meeting zu übernehmen, die Erklärung der Projekte hat gerade eine Viertelstunde über Skype[1] in Anspruch genommen, und die Leitung der Firma sucht für mich nach einem anderen dauerhaften Vertreter, denn mein Chef kann es offensichtlich nicht sein.

Wir hatten vor, im Urlaub zuerst nach Berlin zu fahren. Eine Freundin vom Ehemann wollte ihren Fünfzigsten feiern. Das hat sie dann vor zwei Wochen Corona-bedingt abgesagt. Wir wollten danach, wie inzwischen jedes Jahr, zu meiner Schwester fahren, um den Geburtstag vom Neffen zu feiern. Das müssen wir jetzt absagen, die Region PACA ist seit zwei Wochen als Risikogebiet eingestuft worden und dem Ehemann drohen Gehaltsverkürzungen, wenn er wissentlich in ein Risikogebiet Urlaub macht. Mir nicht, ich arbeite ja seit März ausschließlich von zu Hause aus, es sei denn, ich muss etwas persönlich abholen, eine Quarantäne hätte keinen Einfluß auf meine Arbeit. Ich habe inzwischen durch den neuen Kollegen sowieso keinen regulären Arbeitsplatz mehr, er sitzt an meinem Schreibtisch und benutzt meine Rechner. Wir bleiben also in Deutschland und werden den Neffen zum Geburtstag über Skype[1] gratulieren.

Diese Fahrt nach Berlin dauert ganz schön lange. Als ich vorgestern nach Verbindungen geschaut hatte, gab es gerade nur zwei Züge, die ohne Umstieg fahren, und beide dauern über sechs Stunden. Wir sind über Fulda gefahren. Ich habe die Nachrichten lange nicht mehr geguckt, vielleicht gab es in Thüringen Hochwasserschäden wegen des starken Regens in letzter Zeit. Gut, das mit der Covidioten-Demo letzte Woche in Berlin habe ich schon mitbekommen. Meiner Meinung nach sollten Leute, die sich, trotz alles verfügbaren Wissens, an solchen Veranstaltungen freiwillig anstecken, ihren Anspruch auf intensive Behandlung verspielt haben, wenn der Verlauf der Krankheit sich doch schlecht entwickelt. Sie können auch einfach Globuli verabreicht bekommen, wenn sie glauben, der Virus wäre eine reine Erfindung. Ethisch ist diese Ansicht zwar nicht vertretbar, aber für Ethik interessieren sie sich auch nicht, wenn sie das Recht anderer Personen auf körperliche Unversehrtheit derart zertrampeln wollen.

Wenigstens funktioniert das WLAN im Zug heute gut, und ich habe mir Videos angeschaut, die ich länger auf meiner Liste hatte, aber für die ich bis jetzt keine Zeit gefunden hatte. Dieses Video von Arte[1] war nicht auf meiner Liste, sondern am rechten Rand, und ich hatte keine Ahnung, worum es ging. Ich fand diesen Beitrag beeindruckend, spiegelt es doch sehr meine derzeit pessimistische Ansicht über die Menschheit. Zitat: „[der Mensch] meint alles zu beherrschen und beherrscht nicht einmal sich selbst„. Mir scheint, als ob sich unser Planet nur auf Dauer von den menschengemachten Schäden erholen kann, wenn die Menscheit vernichtet wird, ob aus eigener Schuld oder durch externe Ereignisse. Nachdem ich auch dieses Video[1] vor einigen Tagen gesehen habe, denke ich, wir werden es schon selber schaffen. Ich bin deswegen doch recht froh, dass uns das Elternsein erspart geblieben ist.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Wochenende in Berlin

Wir haben das Wochenende in Berlin verbracht. Familientreffen. Die angeheiratete Familie, versteht sich.

Ich war zuletzt im Februar dort, als wir den Schwiegervater im Krankenhaus besucht hatten. Seitdem war der Ehemann alleine hin gefahren, bis er seinem Vater noch rechtzeitig vor den Corona-Einschränkungen einen Platz in einem Pflegeheim gefunden hat. Wir haben seit seinem Umzug in den Nachrichten die Corona-Ausbruchsgeschichten in Pflegeheimen jedes Mal mit einem sinkenden Gefühl im Magen gehört. Dem Schwiegervater geht es doch gut, und er ist sogar froh, die Ausgangssperre nicht alleine zu Hause durch gesessen haben zu müssen.

Das weiß ich dank des Ehemannes, weil die Aphasie vom Schwiegervater durch den Schlaganfall am Anfang des Jahres immer noch nicht richtig therapeutisch angegangen wurde. Wortfindung fällt ihm schwer, ich kann kaum etwas von dem verstehen, was er versucht zu erzählen. Wegen Corona-Einschränkungen konnte seine verschriebene Behandlung nicht persönlich statt finden. Es hat Monate gedauert, bis eine Online-Lösung durch seine Praxis eingerichtet wurde, weil das Heim Besuche streng reguliert hatte. Es ging nur mit Termin hinter einer Plexiglasscheibe, was dem behandelnden Arzt nicht passte. Und jetzt am Anfang des Monates, nach gerade zwei Terminen, hat die Krankenkasse die Bezahlung der Online-Behandlung abgebrochen, weil durch die Lockerungen die Therapie wieder persönlich statt finden kann. Die Praxis hat aber erstmal keinen Ersatztermin angeboten, und der Ehemann musste ewig hin und her telefonieren, damit der Schwiegervater nach zwei Wochen Unterbrechung seine Therapie fortsetzen kann. Fortschritte, die er gemacht hatte, sind schon weg. Eigentlich hätte es doch die Aufgabe vom Pflegeheim sein sollen! Ich bin richtig sauer darüber, dass weder sie noch die Praxis es für nötig gehalten haben, sich darum zu kümmern. Ich verstehe nicht, wie der Ehemann da so sachlich und geduldig am Telefon mit den Verantwortlichen reden konnte. Ich hätte schon längst einen Anwalt eingeschaltet, denn es kann nicht sein, dass man jemandem mit einem akuten Hilfebedarf eine Behandlung monatelang nicht ermöglicht. Eine Schlamperei ist das.

Jedenfalls darf jetzt der Schwiegervater wieder raus aus dem Heim. Am Sonntag ist er mit uns zu seiner noch nicht gekündigten Wohnung gekommen, wo wir übernachtet haben, um mit dem Ehemann darüber zu diskutieren, was entsorgt werden soll.

Der Schwiegervater hat sich zum Schluss mit einer Umarmung von mir verabschieden wollen, was mir unheimlich war. Ich bin nicht sicher, ob ich nicht während meiner kurzen Zeit in Berlin nicht schon angesteckt wurde. Es fing am Freitagabend an, als wir in die S-Bahn am Südkreuz eingestiegen sind, und eine Gruppe Italiener auf der anderen Seite vom Wagen nur am rum schreien war – ohne Maske. Als wir später unterwegs auf der Suche nach einem Restaurant waren, stand plötzlich eine alte Frau auf dem Bürgersteig vor uns uns hat munter links und rechts um sich grässlich gehustet – auch ohne Maske. Wie kann man heutzutage noch nichts von Hustenetikette gehört haben? Am nächsten Tag haben wir den Bürgersteig wechseln müssen, weil ein junger Mann auch dabei war, demonstrativ ohne Maske in der Gegend herum zu husten. Machen sich die Leute in Berlin einen Spaß daraus? Als ich noch dort gewohnt hatte, war ein solches ekliges Verhalten eher selten zu sehen.

Gestern war jemand aus einem Auktionshaus in der Wohnung vom Schwiegervater, um sich ausgewählte Objekte anzuschauen, die der Schwiegervater entsorgen will. Der Ehemann musste dabei sein, der Schwiegervater wollte oder konnte nicht, und da ich keine Lust hatte, am Sonntagabend alleine mit dem Zug nach Hause zu fahren, habe ich den ganzen Montag in der Wohnung vom Schwiegervater gearbeitet. Mobile Office macht’s möglich. Ich habe dem Ehemann gesagt, es ist so cool, wir könnten im Prinzip überall vereisen, tagsüber arbeiten und abends die Touristen spielen, aber er muss ins Büro.

Am Wochenende haben wir viel gegessen. In der Wohnung wurde schon alles Verderbliches entsorgt und wir haben Restaurants besucht, wenn wir nicht von Freunden eingeladen wurden. Bei unserem Lieblingsspanier konnten wir nicht reservieren. „Dauerhaft geschlossen“, sagt Google Maps. An der Tür hängt ein Schild: Geschlossen wegen Umbaumaßnahmen. Wir haben beim anderen Spanier am Savignyplatz gegessen. Die Atmosphäre war nicht so gemütlich, keiner der Mitarbeiter hat eine Gesichtsmaske getragen und selbst drin haben wir den ganzen Qualm der Raucher auf der Terrasse abgekriegt, weil die Türe weit offen waren. Das Essen war in Ordnung.

Zum Ausgleich mussten wir uns viel bewegen. Wir sind trotz der recht kühlen Temperatur spazieren gegangen. Ich hatte meine neue Tischtennisausrüstung mitgebracht und wir haben viele Platten in Parks gefunden. Der Ehemann hat genervt, weil er immer gewinnt. Jedenfalls konnten wir es so gerade schaffen, nicht mehr zu essen als unser Tagesbedarf.

Am Samstag bin ich beim Tischtennisspielen mit meinen doch recht glatten Snickers auf dem sandigen Steinboden ausgerutscht und habe mir an der linken Pobacke richtig weh getan. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich den Fall gestoppt und ich dachte, alles gut. Kurz danach bin ich am Boden auf dem angespannten Muskel gelandet. Dafür, dass der Fall am Ende nicht so hoch war, war der Schmerz danach so stark, dass ich kaum noch laufen konnte. Trotzdem waren wir gestern viel unterwegs, weil sitzen auch schmerzhaft war, und ich habe diesmal barfuß Tischtennis gespielt. Erst heute geht es wieder halbwegs. Ich dachte, ich hätte einen riesigen blauen Fleck gekriegt. Nicht. Dafür ist die Pobacke angeschwollen und drückt auf den Ischiasnerv. Hoffentlich lässt es bald nach.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Die Erkenntnis des Tages

Wir waren am Wochenende in Berlin. Am Samstag haben wir uns einen Seniorenheim für den Schwiegervater angeschaut, der sich momentan wieder stationär in Behandlung befindet, bevor wir ihn besucht haben. Seine Ärzte sind sich einig, alleine kann er nicht mehr leben.

Um zum Seniorenheim zu kommen, sind wir mit der X11 gefahren. Wie damals, als ich die Strecke zwischen Zehlendorf und Schöneweide gefahren war, wenn ich keinen Bock auf die S-Bahn hatte. Diese Fahrt hatte ich genossen, vor allem im Doppeldecker. Es gibt in der Gegend so viele schöne Häuser zu bewundern. Wie jedes Mal, wenn wir in Berlin sind, bekomme ich den Eindruck, nie weg gezogen zu sein. Es fühlt sich immer noch wie zu Hause an. Wie gerne ich diese Zeit zurück hätte!

Als wir heute im Zug nach München saßen, ist mir bewusst geworden, andersrum hätte ich dieses nostalgische Gefühl gar nicht. Wenn ich mir jetzt vorstelle, von der Münchner Gegend weg zu ziehen und nach einigen Jahren mal wieder in der 266 durch Martinsried unterwegs zu sein, würde ich sicherlich nicht mit einem Stich im Herzen an meine Zeit hier zurück denken[1]. Wie zu Hause fühle ich mich hier seit zwei Jahren immer noch nicht. Es ist nur der Ort, wo ich lebe und arbeite.

Als wir wieder in unserer Wohnung waren, habe ich mit dem Gedanken gespielt, mich in Berlin nach einer neuen Arbeit umzuschauen. Unsere Wohnung dort ist leider vermietet und wir kämen nicht einfach wieder rein, aber wenn die Wohnung vom Schwiegervater nicht mehr benutzt wird…

Andererseits wäre es für den Ehemann nicht leicht, jetzt schon wieder nach einem neuen Job zu suchen. Nach der kurzen Zeit in der ersten Firma und der längeren Arbeitslosigkeit ist er noch kein Jahr in seiner neuen Arbeit, es würde bei potentiellen Arbeitgebern nicht gut ankommen, wenn er sich jetzt schon wieder weg bewirbt. Ich denke, wir müssen noch ein paar Jahren hier bleiben, und dann ist der Ehemann Mitte fünfzig und es wird für ihn nicht einfacher, einen neuen Job in Berlin zu finden. Verdammt. Warum gab’s meinen Traumjob damals in Berlin nicht?

[1] Abgesehen von der holprigen Fahrt in den Bussen, die keine Federung haben und jede Unebenheit auf der Straße dermaßen bis zum Schädel übertragen, das ich fürchten muss, eine Gehirnerschütterung davon zu kriegen…

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

K.O.

So lässt sich der Anfang des Jahres gut beschreiben. Ich bin seit einem Monat nicht mal dazu gekommen, hier in meinem Tagebuch irgendwas zu schreiben. Wenn ich mal Zeit gehabt hätte, hat mir die Motivation einfach gefehlt. Gekocht? Nur selten, und nichts, was ich hier fest halten möchte, wenn es was neues war.

Zum einen bin ich müde. Mein Entschluss, mit den Überstunden aufzuhören, stimmt mit der Realität nicht überein. Clockify[1] verrät es mir:

Kalenderwoche 2 3 4 5 6
Arbeitszeit 30:12:20 45:35:37 38:52:13 46:31:50 29:13:21
Überstunden -1:47:40 5:35:37 6:52:13 6:31:50 5:13:21

Dabei war in der 2. Kalenderwoche der Montag frei (Dreikönigfest), den Nachmittag des ersten Arbeitstages hatte ich beim Arzt verbracht, in der 4. Woche hatte ich mir den Freitag frei genommen, und diese Woche bin ich heute und morgen krank geschrieben.

K.O. fasst aber aus einem anderen Grund die letzten Wochen sehr gut zusammen: Zuerst das Knie, dann das Ohr. Bäm.

Das Knie habe ich mir gleich am ersten Arbeitstag des Jahres verletzt. Ich bin an einem nicht so kalten Morgen aus dem Bus ausgestiegen, nachdem es unterwegs angefangen hatte leicht zu regnen, habe die Straße überquert und bin von der glatten Eisfläche auf dem Bürgersteig auf der anderen Seite der Straße sehr überrascht worden. Die Luft war nicht kalt, aber der Boden noch gefroren, und durch das Regen hatte er sich im Nu zu einer Eisbahn umgewandelt. Es hat nur den Bruchteil einer Sekunde gedauert: Der rechte Fuß ist in seinem starren Lederstiefel nach links gerutscht, ich habe das Gleichgewicht verloren und bin mit dem Gesäß auf dem rechten Unterschenkel gelandet, wodurch das Kniegelenk gezerrt wurde. Ich konnte nicht mal wieder aufstehen, weil es so glatt war, dass ich keinen Halt unter den Füßen mehr finden konnte. Eine Frau hat mir wieder hoch geholfen und ist weiter gezogen. Panik. Ich habe gute zwanzig Minuten für den Rest der Strecke zur Arbeit gebraucht, dreimal so lange wie sonst.

Am Anfang lässt sich das Knie nichts anmerken, aber nach drei Stunden am Schreibtisch tut er plötzlich weh, als wir mit Kollegen essen gehen. Ich verbringe den Nachmittag beim Durchgangsarzt in meinem Dorf, kriege eine fürchterlich nach Erdöl stinkende Salbe auf dem Knie geschmiert, eine Bandage herum, soll diese erst in drei Tagen abmachen und Hitze vermeiden. Ich halte den Geruch der Salbe nach zwei Tagen nicht mehr aus, packe das Knie wieder frei und bade ausgiebig. Zwei Wochen lang halten die Schmerzen an, vor allem, wenn ich Treppen runter gehe. Bis ich an einem eiskalten Samstag nach dem Einkauf im Dorfzentrum zu Fuß nach Hause gehe, weil ich die S-Bahn verpasst habe. Ich trage einen kurzen Rock mit dicken Strumphosen, die gegen die Kälte nicht mehr helfen, als der starke Schneeregen anfängt. Ich komme nach zwanzig Minuten klatschnaß und gefroren zu Hause an und ziehe mich erstmal um. Seitdem sind die Schmerzen aber völlig verschwunden.

Dann das Ohr. Ich habe den heutigen Tag in Arztpraxen verbracht, weil ich seit Dienstagabend plötzlich eine ganz andere auditive Wahrnehmung erlebe. Rechts ist alles gut. Links kommen die Geräusche auch normal an, aber obendrauf höre ich leise die Geräusche deformiert und metallisch klingend, vor allem bei hohen Frequenzen. Und wenn es hoch und laut ist, wie beim Mädchen, das heute Morgen im Bus auf einmal laut kreischen musste, ist es schmerzhaft. Wenn ich rede, höre ich meine Stimme doppelt. Ich war eigentlich zuerst zur Arbeit gefahren, weil ich dachte, es würde sicherlich nach einigen Tagen wieder abklingen. Der Chef hat meine Geschichte gehört[2] und mich sofort ohne Ausrede zum Arzt geschickt. Meine Hausärztin hat mich zu einer HNO-Praxis überwiesen, wo ein harter Pfropfen festgestellt wurde. Nach dessen Beseitigung wurde ein Hörtest durchgeführt, und die Diagnose: Hörsturz bei hohen Frequenzen. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich zu der Hörstörung keinen begleitenden Tinnitus oder Schwindel habe.

Was einen Hörsturz auslösen kann ist unklar. Häufig wird Stress als mögliche Ursache benannt. Stress habe ich, auf Arbeit. Aber ich kann mir andere Ursachen ausdenken. Zum Beispiel, dass ich am letzten Wochenende am Rechner vom Ehemann gespielt habe, der in Berlin war, und ich seine Kopfhörer benutzt habe, die enger als meine eingestellt sind und mir auf Dauer Schmerze verursacht haben. Seitdem spüre ich eine Störung im Ohr, und die Tondeformation hat sich erst drei Tage später bemerkbar gemacht. Oder die Tatsache, dass mir der Ehemann für Weihnachten eine Gitarre geschenkt hat, und ich seit vier Wochen fleißig lerne. Alleine, ohne Lehrer, denn ich mit Arbeits- und Pendlerpensum keine Zeit für einen regelmäßigen Unterricht hätte. Meine Haltung war am Anfang falsch und ich habe schnell Schmerze in der linken Schulter gespürt, die bis zum Hals und fast zum linken Ohr gestiegen sind. Jetzt geht’s besser. Oder ist es kein Zufall, dass ich Migränen vorwiegend links habe, und jetzt das linke Ohr einen Schaden hat? Behandlungsmöglichkeiten sind auch unklar. In vielen Fällen klingt ein Hörsturz von alleine wieder ab. Bei mir ist es seit Dienstag eher schlechter geworden, und der Arzt hat mir empfohlen, Cortison einzunehmen. Als Infusion. Keine Kassenleistung, die 80€ Medikation + 60€ Behandlung in der Praxis zahle ich aus eigener Tasche. Ich habe heute Nachmittag am Tropf gehangen, dann nochmal morgen und übermorgen. Ob es etwas bringt ist umstritten, es soll die natürliche Heilung unterstützen, sofern eine natürliche Heilung statt findet. Ich hoffe es sehr, weil es jetzt grauenhaft geworden ist, auf der Gitarre zu üben. Ich kann nicht mehr mit dem Ohr die Saiten relativ zu einander stimmen und muss das Stimmgerät benutzen, Akkorde klingen auf einmal ganz falsch. Es wäre echt blöd, in so kurzer Zeit das Lernen einstellen zu müssen. Kleiner Trost, Motörhead hören wird dadurch nicht wesentlich beeinträchtigt sein.

K.O. will ich aber nicht sein. Der Ehemann braucht mich, momentan umso mehr, seitdem sein Vater Anfang Januar einen leichten Schlaganfall erlitten hat. Als er ins Krankenhaus gebracht wurde, konnte er sich nicht mehr richtig ausdrücken. Der Ehemann hat seitdem fast jedes Wochenende in Berlin verbracht und ihn im Krankenhaus besucht. Jetzt fühle ich mich auch noch schuldig, dass wir wegen meiner neuen Stelle von Berlin nach München umgezogen sind. Es wäre nicht so stressig, würden wir noch in Berlin wohnen. Der Schwiegervater ist letzte Woche vom Krankenhaus entlassen worden. Entscheidend war dabei, dass sie den Ehemann gefragt haben, ob Pflege und weitere Behandlung für den Schwiegervater organisiert wurden. „Nein“, hat der Ehemann geantwortet, „aber zur Not werden wir es machen (müssen).“ Und Schwupps wurde der Schwiegervater an dem Tag auch entlassen. Völlig unzulässig, wie der Arzt gestern dem Ehemann mitteilte, der wieder in Berlin ist und dank Vorsorgevollmacht bei Terminen anwesend sein darf und Entscheidungen treffen kann. Der Schwiegervater ist nicht mehr in der Lage alleine zu leben und muss in ein Pflegeheim. Eine leichte Demenz wurde ihm schon vor einigen Monaten diagnostiziert, und seitdem er am Ende vom extrem heißen Sommer kollabiert hatte, hat der Ehemann einen Pflegedienst für seinen Vater organisiert, der ihn in die Wohnung besuchen soll. Das hatte der Schwiegervater akzeptiert, als er im Krankenhaus war, um dann fürchterlich mit der armen Frau zu schimpfen und sie weg zu schicken, als er dachte, ihm ginge er besser und er bräuchte keine Hilfe. Am Wochenende selbes Spielchen. Dem Ehemann hat er alles zugestimmt, als er im Krankenhaus war, um dann am Montag zu Hause wieder dem Pflegedienst abzusagen. Daher ist der Ehemann wieder nach Berlin gefahren, und arbeitet von dort aus, wenn er Zeit dafür findet. Insofern ist es gut, dass der Arzt auch dem Schwiegervater sagt, es geht jetzt alleine nicht mehr weiter so. Die nächsten Wochen werden noch stressig.

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[2] Ich habe gestern von zu Hause aus gearbeitet, da ich am Vormittag die Kontrolluntersuchung für das Knie hatte.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Nicht erholt

Zwei Wochen Urlaub sind um. Ich fühle mich gar nicht erholt.

Ich war am Ende des Jahres auf Arbeit völlig ausgelastet. Mein Teamleiter hatte mich darum gebetet, für ein bestimmtes Projekt meine Arbeitszeit zu erfassen. Ich habe mir dafür eine App[1] auf den Rechnern installiert und protokolliere jetzt alles, was ich mache, nicht nur das eine Projekt. Das war Mitte November. Seitdem ist mir bewusst, wie viele Überstunden ich tatsächlich leiste. Jede Woche deutlich über vierzig Stunden, und das ist die reine Arbeitszeit am Schreibtisch, ohne Pausen. Dafür hat sich mein Gehalt seit meinem Einstieg in der Firma vor zwei Jahren nicht geändert, obwohl ich mehr Aufgaben bekommen habe. Wir haben keine Arbeitszeiterfassung, so dass ich nur auf den guten Willen meines Arbeitgebers angewiesen bin, um Überstunden geltend zu machen, die ich laut Vertrag machen muss, wenn es sein muss. Am zweiten Wochenende Dezember waren wir mit dem Ehemann in Berlin. Ich hatte mir den Montag dafür frei genommen. Am Ende habe ich die ganze Zeit im Zug am Laptop weiter gearbeitet, um ein Projekt für einen Kunden fertig zu kriegen. Hin und zurück. Ich konnte den freien Tag zurück bekommen und mit dem letzten Freitag vor meinem Urlaub tauschen. Ich musste doch an dem Tag einige Sachen von zu Hause aus fertig machen, da ich am Donnerstag davor nach fast zehn Stunden Arbeit nicht mehr funktionsfähig war. Neujahrsvorsatz #1: Auf die Bremse treten und lernen, nein zu sagen. Sonst kippe ich um.

Der Urlaub selbst war nicht erholsam. Wie könnte es anders sein, bei der Reiserei? Weihnachten in der Familie vom Ehemann, Sylvester bei meiner Mutter, inklusiv Besuch der Schwester mit ihrem dreijährigen Sohn, die wenigsten dieses Jahr zu meiner Mutter gekommen sind, um uns eine längere Fahrzeit zu ersparen. In den zwei Wochen gab es viel Lärm, viel Essen und viel Trinken. Neujahrsvorsatz #2, wie letztes Jahr: Mich mehr bewegen. Diesmal aber wirklich. Es wird klappen, wenn ich Vorsatz #1 durchsetze.

Nachdem wir am Montag den Flieger nach Nizza doch gekriegt haben, sind wir mit dem Mietwagen an der Küste entlang gefahren, statt die Autobahn zu benutzen. Das Wetter war fantastisch. Wir haben Pause bei einer Calanque gemacht. Wie ich diese Strecke zwischen Fréjus und Théoule mit dem Zug geliebt habe, als ich Studentin war, mit den roten Gesteinen, die ins blaue Wasser versinken! Schwimmen kann man dort schlecht, da es wenige Strände gibt, aber der Massif de l’Esterel ist jedenfalls ein Besuch wert. Wir sind mit dem Ehemann dort ein paar Male gewandert. Ich wundere mich, dass ich nichts davon hier festgehalten habe.

Das Wetter ist die ganze Woche schön geblieben. Wir sind spazieren gegangen. Unten links, Promenade am Ufer vom Lac de Sainte-Croix bei Les Salles-sur-Verdon, wo ich als Kind häufig gebadet hatte. Traumhaft glattes Wasser. Wir haben Kiesel übers Wasser hüpfen lassen. Unten rechts, Höhle und Wasserfall in Villecroze, wo sich der Neffe vor allem für den Spielplatz interessiert hat. Die Höhle ist leider seit den letzten Überschwemmungen vom November gesperrt, da es jetzt ein erhöhtes Risiko für Steinschlag gibt.

Am Freitag erreichte uns die Nachricht, dass es dem Schwiegervater nicht gut ging. Nachbarn haben einen Notarzt gerufen, der Schwiegervater liegt seitdem im Krankenhaus. Anstatt also dass wir gestern Abend zusammen zurück nach Hause geflogen sind, hat der Ehemann für sich nach Berlin umgebucht. Ich habe dadurch den ganzen Tag in Nizza verbracht und bin nach dem Shoppen zu Fuß zum Flughafen gelatscht. Sieben Kilometer. Ich hatte viel Zeit, und Vorsatz #2. Der Koffer war schwer. Ich musste einige Pausen einlegen, nicht zuletzt um den pan bagnat zu essen, den ich am noch geöffneten Weihnachtsmarkt auf der Place Masséna geholt hatte. Er hat leider geschmacklich meine Erwartungen nicht erfüllt. Ich habe den Verdacht, dass etwas anderes als Olivenöl benutzt wurde. Bei den Temperaturen konnte ich im T-Shirt laufen, wie das letzte Mal vor vier Jahren. Ab drei Uhr nachmittags wurde es windig und ich habe den Pulli wieder angezogen.

Um elf Uhr abends gestern zu Hause angekommen. Ich habe trotz der späten Stunde ein Bad genommen. Meine Beine waren durch den langen Fußweg zum Flughafen richtig müde.

Nicht erholt fühle ich mich vielleicht deswegen auch, weil ich mich seit heute früh erkältet fühle. Die ganze Woche war der Ehemann nur am Niesen, und nachtsüber am Schnarchen, was die Erholung zusätzlich beeinträchtigt hat. Ich dachte bis gestern naiv, mich hätte die Erkältung nicht erwischt. Falsch.

[1] Unbezahlte Werbung, da Verlinkung.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.