Krank vor dem Urlaub

Immerhin besser als während des Urlaubs.

Gestern meinte Martin, ihm ginge es nicht so gut. Es fühlte sich schlecht, obwohl er kein Fieber hatte. Wir haben früh Feierabend gemacht, eingekauft, einige Vorbereitungen für die Reise erledigt, und sind zu ihm gefahren. Nichts gegessen, wir hatten beide kaum Hunger. Zwei Episoden von Game of Thrones geschaut. Ich kannte die Serie nicht, aber er ist begeistert davon, ich wollte endlich mal wissen, worum es geht. Um elf sind wir schon ins Bett gegangen. Heute Morgen ist er nicht aus dem Bett gekommen. Fieber hatte er diesmal wirklich. Ich habe ihm gesagt, er soll zum Arzt gehen, und bin alleine mit der S-Bahn zur Arbeit gefahren. Ausnahmsweise gab es weder Zugausfälle noch Polizei- oder Feuerwehreinsätze.

Ich hatte heute wieder so viel zu tun, dass ich mich gar nicht um meinen Vortrag kümmern konnte. Er ist zur Hälfte fertig, und ich muss ich übermorgen halten. Morgen will der Veranstalter der Tagung die Präsentation geschickt bekommen. Ich werde heute Abend noch spät dran sitzen müssen. Und dazu kam, dass ich ab dem Nachmittag Bauchschmerze bekommen habe, mit Stichen im Magen, begleitet von Übelkeit und Durchfall. Ein übles Gestank. Zum Glück war ich heute alleine im Büro. Nach einem heftigen Krampf und erneutem Klobesuch habe ich den Laptop gepackt und bin nach Hause gefahren, mit einem Zwischenstop bei der Apotheke. Die Frau an der Theke hat mir eine Flasche Iberogast, ein pflanzliches Heilmittel, für fast zehn Euro verkauft. Sie hat mir versichert, dass es kein homöopathischer Mittel ist, daher habe ich es, obwohl wenig überzeugt, mitgenommen. Auf dem Weg nach Hause hatte ich den Eindruck, dass es mir schon besser ging. Vielleicht doch kein Magen-Darm-Infekt, sondern etwas schlecht verdaut. Wenigstens scheint das Iberogast tatsächlich eine nachgewiesene Wirkung zu haben.

Martin hat einen viralen Infekt, meint sein Arzt. Er ist für den Rest der Woche krank geschrieben. Ich denke, er hat sich überanstrengt. Neben seinem Vollzeitjob organisiert er die Renovierung der Wohnung und ist ständig unterwegs. Zur Zeit werden die Wände gemalt. Wir verbringen viel Zeit in Küchenläden, wobei ich denke, wir haben jetzt eine gute Wahl getroffen. Die aktuelle Küche, von den vorherigen Eigentümern zurück gelassen, soll auf jeden Fall entsorgt werden. Sie hatten uns gefragt, ob wir sie nicht als Übergangslösung behalten wollten, und ich hatte nein gesagt. Nicht mal mit Handschuhen will ich sie anfassen. Ursprünglich weiße Möbel von schlechter Qualität, zwanzig Jahre alt, völlig vergilbt, mit orangefarbenen Spuren in den Schränken, wo die Umrandung der Teller und anderen Gefässen deutlich erkennbar ist. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Gegenstände drin geklebt haben müssen, und mit welchen Geräusch man sie raus genommen hat. Die Spülmaschine, die uns als „relativ neu und gut funktionierend“ gelobt wurde, hat am unteren Innenrand der Tür riesige Rostflecken. Ich hätte mich geschämt, eine solche Küche anderen Personen zu zeigen. Irgendwie haben sie es geschafft, Martin absichtlich zu missverstehen und sich vor der Entsorgen der Müllküche zu drücken. Das müssen wir jetzt machen, weil der Maler noch an die Wände ran kommen muss. Danach ist der Parkettverleger dran. Es muss alles geregelt werden, bevor wir am Wochenende fliegen.

Davor findet die Tagung statt, für die ich meinen Vortrag vorbereiten muss. Mit intensivem Programm, von morgens halb neun bis abends halb zehn, außer am Samstag, wo wir gegen Mittag fertig sind. Zum Glück so gelegen, dass ich zu Hause übernachten kann, sonst hätte ich jetzt meinen Rucksack packen müssen. Die gute Nachricht ist, dass ich diesmal eine kostenlose Pflege für meine Katze gefunden habe. Mein Nachfolger, der bei mir im Büro normalerweise sitzt, hat sich mit seiner Frau, die noch in ihrer Heimat lebt, meine Wohnung angeschaut und beide sind begeistert davon. Da er ab Oktober keine Wohnung mehr hat, habe ich ihm angeboten, während meiner Abwesenheit bei mir zu wohnen. Danach werde ich ausziehen und er kann bis zur offiziellen Wohnungsübergabe auf der Couch bleiben. Die Vermieterin hat kein Problem damit, er muss nur ein bisschen Papierkram füllen. Da er meine ehemalige Arbeitsstelle hat, mit der gleichen Gehaltseingruppierung, sollte es glatt laufen.

Meine einzige Sorge ist jetzt meine Haut. Nachdem ich bei der Arbeit über meine allergische Reaktion berichtet habe, habe ich einen neuen Halsband in einer anderen Farbe bekommen, ohne Nickel-Teile, weil die verantwortliche Person meinte, ich hätte deswegen Hautprobleme. Ich habe ihn vor vier Tagen getragen und mir geht’s noch schlimmer. Der ganze Nacken ist mit einem roten schuppenden Fleck bedeckt, rechts und links bis zum Hals. Es hat am Wochenende fürchterlich gejuckt und hat sich bis zum Rücken verbreitet. Ich habe den Halsband zurück gegeben und mich mehrmals eingecremt. Es hat jedesmal gebrannt. Jetzt heilt es langsam wieder. Ich frage mich, wie ich mich im Salzwasser beim Tauchen fühlen werde. Hoffentlich habe ich bis dann keine Wunde mehr.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Festival – Tag 3

Auszug aus meinem Reisetagesbuch.

Wir sind heute Morgen wieder nach Leuven gefahren, um das Schwimmbad zu besuchen. Alle zwei Tage reicht. Ich hatte vorher nicht geahnt, dass ich am Festival so wenig Bier trinken und so viel Sport treiben würde. Das nur, weil die sanitären Einrichtungen mit ihrer spärlichen Hygiene alles andere als einladend wirken. Vor elf Jahren, als ich mit meinem ehemaligen Kollegen Pascal hierher gefahren war (er aus Frankreich, ich aus Deutschland), hatten wir zwei Zimmer in einem Hotel in Leuven gebucht, und wir waren sowieso nur für einen Tag gekommen. Diesen Aspekt von Musikfestivals hatte ich gar nicht mitbekommen.

Da das Wetter weiterhin nicht so toll war, haben wir beschlossen, am frühen Nachmittag ins Kinepolis zu gehen und Transcendence zu schauen. Mir hat der Film nicht gefallen. Wie immer, wenn es in einem Film um Wissenschaft geht, und den Schauspielern Unsinn in den Mund geschoben wird. Es ärgert mich, und ich habe keine Lust, mir den Rest anzuschauen. So ging’s mir schon, als ich mit Kommilitonen während meines Physikstudiums Jurassic Park 2 im Kino gesehen hatte (den ersten Teil hatte ich wegen der spannenden Vorschau mit meinem damaligen Freund geschaut). Quantenmechanische Beobachtungseffekte im Zusammenhang mit sehr makroskopischen Dinosauriern bringen, geht’s noch? Ich wollte damals nach zehn Minuten wieder raus. Die anderen Folgen habe ich nicht mehr wahrgenommen. Ich bin heute in Transcendence geblieben, da sonst die alternative war, irgendeine Kneipe in Leuven zu besuchen und zu warten, bis das Wetter besser wird.

Das Wetter wurde nach dem Film nicht besser. Martin hat sich Sorgen gemacht, weil morgen der letzte Festivaltag ist und wir am Montag ganz früh das Zelt packen müssen, bevor wir zum Flughafen fahren. Was ist, wenn wir es gar nicht trocken bekommen? Wir haben beschlossen, für die letzte Nacht ein Zimmer zu suchen, um im Notfall drin das Zelt zum trocknen zu legen. Er hat auf seinem Handy nach Hotels gesucht und ein Doppelzimmer für 75€ mit Frühstück gefunden. Das einzige, was ginge, seiner Meinung nach. Zu teuer, habe ich ihm gesagt. Wir sind immer noch pleite. Ok, nicht ganz, Ersparnisse haben wir, aber wir werden pleite, wenn wir weiterhin zu viel ausgeben. Nach einer zweiten Suche hat er eine kleine Einzimmer-Mietwohnung für 50€ gefunden. Geht doch. Wir sind zum Verwalter der Ferienwohnungen gegangen, nicht weit vom Schwimmbad, und haben für morgen eine Wohnung reserviert bekommen.

Wir sind zum Camping zurück gefahren. Im Zelt ist uns ein weitaus besserer Zeitvertreib eingefallen. Wunderbar. Wie fast immer. Ich bin überrascht, wie einfach ich mit ihm zu Orgasmen komme. Ich hatte immer gedacht, ich hätte schon Spaß beim Sex gehabt, aber ich merke jetzt mit Martin, dass es noch viel befriedigender gehen kann. Diese starken Kontraktionen sind mir neu. Es liegt bestimmt daran, dass er mit mir sehr aufmerksam ist. Oder es stimmt, dass die Orgasmusfähigkeit von Frauen mit dem Alter steigt. Wahrscheinlich beide. Nach seinem Höhepunkt hat er gelacht. Das macht er häufig.

Nach einem Schläfchen sind wir zum Festivalgelände gegangen. Diesmal hatte ich eine Hose an, da es mir gestern trotz Regenjacke mit dem Rock zu kalt wurde. Wir sind zu einer Nebenbühne gegangen, die in einem Zelt war. Sie war schon voll, es regnete wieder. Von dem Konzert im Zelt hat man kaum etwas gehört, da die Musik von der Hauptbühne bis hier kam. Der Regen wurde stärker als gestern. Sitzen konnte man vergessen, der Boden war so naß und bedeckt mit zermatschten Pommes und Hähnchenknochen, sowie platt gedrückten Bierbechern und Papptellern mit Sauce. Ich weiß nicht, wie die anderen es durchhalten konnten, selbst mit einer Kunststoffmatte hätte ich da nicht sitzen wollen. Eine Frau ging mit einem Plakat in der Hand, auf dem sie für „steamy sex“ in ihrem Zelt mit Angabe ihrer Handynummer warb.

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Wir sind zurück zur Hauptbühne gegangen und haben uns unter den Palmen einen halbwegs trockenen Platz ausgesucht. Ich wollte mir Pearl Jam anschauen. Da sie aber nach einer knappen halben Stunde nach Planangabe noch nicht erschienen waren und es immer noch regnete, habe ich Martin da gelassen, der mehr Resistenz gegen schlechtes Wetter hat, und bin zum Zelt zurück gegangen. Auf dem Weg dahin, als ich hörte, wie Pearl Jam endlich auf die Bühne kam, habe ich von weitem ein Fußballspiel auf den Leinwänden vom Camping gesehen. Es gab viel mehr Publikum als gestern für Frankreich-Deutschland. Klar, wir sind in Belgien, und es dürfte auch viele Holländer hier geben. Ich war schon am Einschlafen, als Martin zum Zelt gekommen ist. Wiedereinschlafen war trotz Ohrstöpsel schwierig. Die Holländer haben ihr Spiel gewonnen, sie haben die ganze Nacht durch das Camping-Gelände rumgebrüllt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Festival – Tag 2

Auszug aus meinem Reisetagesbuch.

Wir sind wieder gegen 07:00 geweckt worden. Einige unserer Nachbarn können anscheinend den Tag nicht beginnen, ohne vorher laut herum zu brüllen. Wir sind erst gegen 08:30 zu den Frühstückstischen gegangen und haben uns gleich danach auf dem Weg nach Leuven gemacht. Ich musste mal, wie jeden Morgen. Ich habe es vermieden, zu viel zu trinken, damit ich noch bis zur Stadt warten konnte. Wir haben in einer Kneipe nah am Bahnhof Kaffee getrunken und die Batterien unserer Handys teilweise aufgeladen (auf dem Festival konnte man vorgeladene Ladegeräte für zwei Marken erwerben, die für zwei Stunden Strom liefern, nicht genug für uns beide).

Wir sind durch die Stadt spazieren gegangen. Wir hatten noch nicht alles besucht. Da wir an eine Apotheke vorbei gegangen sind, habe ich mir Ohrstöpsel aus Wachs besorgt. Die habe ich auch zu Hause, aber leider nicht mitgenommen. Vor der Universitätsbibliothek (bei der ich vor acht Jahren an eine Tagung teilgenommen hatte) war ein Markt. Wir sind vorbei gegangen und haben in einem Park im Schatten der Bäume auf der Wiese geschlafen. Da wir hungrig wurden, haben wir mittags am Ende einer sehr süßen engen Gasse am Rathhaus in einer Kneipe gegessen. Drin, weil die Tische draußen ziemlich wackelig waren. Das selbst gebraute Amber ist definitiv sehr empfeglenswert, aber nur, wenn jemand es vorher kurz davor schon bestellt hat. Sonst kriegt man einen unangenehmen metallischen Geschmack, das hatte ich beim zweiten Glas. Den Fischburger fand ich nicht so toll. Zu viel von der Panade und viel zu wenig vom Fisch.

Auf unserem Tisch ist plötzlich eine dicke Ameise mit Flügeln gefallen. Es musste Paarungszeit sein, die Kopulation findet bei denen beim Fliegen statt. Beeindruckend fand ich, wie die Ameise sich so schnell von ihren Flügeln getrennt hat. Es hat vielleicht zehn Sekunden gedauert, bis alle vier Flügel auf dem Tisch geblieben sind. Davon hatte ich nur gelesen, aber nie selber beobachtet. Sie muss erfolgreich schwanger geworden sein. Es konnte nur ein Weib sein, da die Männchen bei der Paarung sterben (ihre am Boden gefallenen Leichen werden von den Arbeiterinnen als Nahrungsquelle zum Bau geschleppt). Wir haben die neue Königin nach draußen gebracht, damit sie eine bessere Möglichkeit findet, ihre Kolonie in einem neuen Ort zu gründen. Später sind noch drei oder vier Ameisen auf unserem Tisch gefallen, die aber ihre Flügel behalten haben und herum gelaufen sind.

Wir sind später zum Camping zurück gefahren. Sie hatten große Leinwände für die Fußballspiele bereit gestellt. Wir haben Bier geholt und an den Tischen das Spiel geschaut. Es gab nicht viele Festivalbesucher, die sich für Deutschland-Frankreich interessiert haben. Am Nachbartisch saßen einigen meiner noch Landesgleichen. Als ich gesehen habe, wie einer einfach seine Hose geöffnet hat, um unter dem Tisch auf der Wiese zu pinkeln, habe ich beschlossen, dass Deutschland gewinnen musste. Ich habe mich gefreut, als sie es tatsächlich geschafft haben. Bei der Halbzeit hatte ich ein bisschen Hunger und habe bei der veganen Bude geschaut. Sie hatten asiatische Nudeln, die zwar überkocht aussahen, aber mit Gemüse, mal was anderes als Hotdogs und Pommes. Ich hätte gerne welche probiert, aber als es mir klar wurde, dass das „4t“ kein halb verwischtes „4€“ war, sondern „4 tickets“ bedeutete (also 10€ pro Portion), habe ich es sein lassen. Wir haben doch Pommes auf der Straße vor dem Festivalgelände gegessen.

Danach sind wir zum Festival-Gelände gegangen. Es gab gerade eine Pause auf der Hauptbühne. Die Arctic Monkeys waren geplant, und ich war milde daran interessiert zu schauen, was sie machen. Inzwischen regnete es leicht, aber meine Regenjacke hatte ich dabei. Um uns herum wurde es ganz eng und der Rauch von den vielen Zigaretten ist nicht wie gestern schnell verschwunden, sondern hing lange in der Luft. Ständig sind Leute um uns herum hin und her gegangen. Dabei sind wir noch mit Bier geduscht worden. Was ich für Metallica ertragen habe, wollte ich für andere Gruppen nicht unbedingt erleben. Vor allem unter Regen. Ich habe schnell die Schnauze voll bekommen und bin zum Zelt zurück gegangen. Mit meinem leichten Rock und dem stärkeren Regen wurde es mir zu kalt. Ich habe es mir im Schlafsack gemütlich gemacht und mein Tauchlehrbuch weiter gelesen (mein erster praktischer Kurs ist am Tag unserer Rückreise geplant). Martin hat sich den Konzert zu Ende angeschaut und war zufrieden. Als er zurück kam, konnten wir relativ schnell einschlafen. Wachsohrstöpsel sind für mich wirklich am besten.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Festival – Tag 1

Auszug aus meinem Reisetagesbuch. Warnung: Für empfindlichen Seelen nicht geeignet.

Gegen 07:00 sind wir aufgewacht. Die Sonne schien und unser Zelt wurde schnell zur Sauna. Außerdem wurden unsere Nachbarn schon wach und laut. Ich habe mich angezogen und auf dem Weg zu den Toiletten gemacht. Ich hatte sie gestern nicht besucht, aber Martin meinte, sie wären nicht weit von unserem Zelt entfernt. Die Reihen von Dixi-Klos waren in der Tat nicht zu übersehen.

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Nichts ahnend, habe ich mich in der Schlange hingestellt und gewartet, bis ein Klo frei wurde. Das Entsetzen war groß. Der herrschende Geruch war schon beim ersten Tag überwältigend. Fäkalienreste klebten direkt oben am inneren Rand vom riesigen Loch, das als Kloschüssel galt. Es gab keine Spüle. Nur eine dunkel blaue Flüssigkeit in der Tiefe vom Loch, die als Desinfizierungsmittel gedacht war und in der, unter anderen, Spritzen an der Oberfläche zu sehen waren. Ich habe meine Blase schnell entleert, ohne in Berührung mit dem Klo zu kommen, und habe beschlossen, nie wieder solche Anlagen zu benutzen. Mein Mitleid geht an allen Bauarbeitern, die keine andere Möglichkeit haben und das schon ewig erleben dürfen. Ich habe danach meine Hände an den Becken waschen wollen. Auch ekelhaft. Drin waren noch Kotzreste mit Nudeln, vermutlich vom Abend. An einem Hahn hing eine lange farblose schleimartige Masse. Meine Zähne dort zu putzen habe ich ausgeschlossen.

Ich bin zurück zum Zelt gegangen. Nach einer Erholungszeit haben wir an den Tischen vor den Klos gefrühstückt (es gab sonst keine andere Tische, und die Camping-Shops mit Bäckerei und Kaffee waren auch dort). Nur Kaffee haben wir gekauft (eine Marke, 2,50€), sonst hatten wir unsere Einkäufe vom Carrefour. Ich habe die Becher behalten, um mir mit Evian hinter dem Zelt die Zähne zu putzen. Gegen 08:00 wurde der Duschenbereich zwischen Shops und Klos eröffnet. Die spontane Schlange war sehr lang. Ich habe Martin vorgeschlagen, den Tag sportlich zu beginnen, indem wir mit dem Bus nach Leuven fahren und das lokale Schwimmbad besuchen. Schwimmhose und Bikini hatten wir ja für die Reise nach Spanien nach dem Festival eingepackt. Eine tolle Idee, auch wenn die Suche nach der Sportoase am Anfang schwierig war (nicht mal eine Touristeninformation haben wir gefunden). Der Eingang kostet 5,50€, das Doppelte vom Preis einer Dusche am Camping (auch eine Marke). Dafür kriegt man noch Sauna und jede Menge Spaß. Ich habe mich gefreut, meine Haare richtig waschen zu können. Komisch, dass so wenige Leute auf diese Idee gekommen sind. Der Schwimmbad war nicht überfüllt.

Wir wollten nach einem leckeren Mittagessen am frühen Nachmittag zum Camping-Gelände zurück fahren. Blöderweise haben wir den Bus zum Festival benutzt, statt den zum Camping. Die Haltestelle war 2,5km vom Festival-Eingang entfernt, und 3km vom Campingplatz. The Hive war am teuersten von allen Campings, und den Grund dafür haben wir nicht wirklich verstanden, weil der Camping auch am weitesten vom Festival entfernt war. Wir mussten die ganze Zeit sehr lange Strecken zu Fuß machen. Nicht gut, weil Martin so viele Probleme mit seinen Sehnen hat. Zum Glück war das Wetter toll. Ich habe mich eingecremt und trotzdem einen leichten Sonnenbrand bekommen.

Am Eingang vom Festival haben wir wieder Schlange gestanden. Diesmal um den mit Chip versehenen Eintrittsarmband zum Festival-Gelände zu bekommen. Wir haben uns dem Publikum an der großen Bühne hinzugefügt und gewartet. Drauf spielten die White Lies, eine mir unbekannte Gruppe. Danach waren Placebo dran. Den Konzert haben wir uns auch angeschaut und dabei die ganze Zeit versucht, uns nach vorne zu bewegen. Es ging relativ gut, die Publikumsdichte war noch nicht so groß. Am Ende vom Konzert waren wir so weit, dass wir zwei Reihen vor einer Sperre angekommen sind. Es gab danach gut drei Meter Raum, in dem Sicherheitskräfte standen, bevor die nächste eingezaunte Publikumsmasse anfing. Keine Ahnung, wie man dorthin gelangen konnte. Andererseits fand ich den Abstand zur Hauptbühne schon kurz genug. Ich habe mich hingesessen, da wir schon so lange gestanden hatten, während Martin uns Biere geholt hat. Der Boden, kein Rasen sondern eine Kunststoff-Fläche, klebte schon von den vielen gekippten Bieren. Die Sonne knallte weiterhin. Immer mehr Menschen sind angekommen. Wir haben es geschafft, unseren hart erkämpften Platz zu behalten. Vor allem dank mir, weil Martin sonst von allen überholt geworden wäre. Ich hasse Menschendrang, ich hasse warten, ich hasse lange stehen, aber für Metallica kann ich das alles tun.

Sie waren natürlich nicht pünktlich. Als ich sie genau hier vor elf Jahren gesehen hatte, hatten sie gewartet, bis die Dunkelheit ausgebrochen war. Diesmal war es noch ganz hell, als sie aufgetaucht sind. Gleich am Anfang hat ein junger Mann hinter uns Crowdsurfing ausprobiert und ist von den Sicherheitskräften empfangen und rausgeschmissen worden. Es stand groß am Eingang, dass dieses Verhalten verboten war – inmitten einer so langen Liste von anderen verbotenen Sachen, dass ich bestimmt zu den Wenigen zähle, die alles ausgelesen haben. Auf jeder Seite der Bühne standen Gruppen von Fans, die die Band während des ganzen Konzertes hautnah erleben durften. Einige haben teilweise sogar selbst die Songs angekündigt, wobei der zweite junge Mann ziemlich blöd wirkte. Der Konzert selbst war großartig. Keine spezielle Effekte auf der Bühne, aber eine tolle Stimmung. Die Teilnahme der Zuschauer war in keinem Verhältnis zu den zwei vorherigen Konzerten. Meine Stimme hat mehrmals versagt. Trotz meiner Begeisterung bin ich am Ende sehr müde geworden und musste ständig gähnen. Meine Füße taten furchtbar weh (ich trug meine üblichen bequemen flachen Schuhen). Obwohl eine andere Gruppe danach spielen sollte, sind wir nicht geblieben. Ich war sowieso nur für Metallica zum Festival gekommen und hätte gleich am nächsten Tag zurück nach Berlin fliegen können, aber Martin hatte darauf bestanden, bis Sonntag zu bleiben, weil es sich für ihn sonst nicht lohnen würde. Was für ein Quatsch.

Die Umgebung im Camping war wieder total laut. Ich habe die von Martin mitgebrachten Ohrstöpsel ausprobiert, habe es leider nicht geschafft, sie in meine Ohren zu stecken. Ich dachte, ich würde etwas falsch machen, aber er hat es sich mit der Taschenlampe genau angeschaut und meinte, meine Ohrkanäle wären unglaublich schmal. Ich bin irgendwann von lauter Erschöpfung eingeschlafen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Erster Tag in Berlin

Ich bin am Montag früh angekommen. Dadurch, dass ich eine Liege im Nachtzug reserviert hatte, konnte ich deutlich besser als letzte Woche im ICE schlafen. Ich habe mein Fahrrad mitgenommen, es wird bei den Wohnungsbesichtigungen viel helfen. In Frankfurt musste ich zweieinhalb Stunden auf den Nachtzug warten – ich war absichtlich zu früh weg gefahren, weil ich noch nie mit Fahrrad und Bahn unterwegs war. Als ich auf einer Bank am Gleis lag und las (Oliver Twist), gut versteckt durch den riesen Rucksack, ist ein Mann mit weißem Shirt und Jeans zu meiner Höhe – und zur Höhe des Fahrrads neben mir – gekommen. Als er gesehen hat, dass ich nicht schlief, sondern lies, hat er sich plötzlich umgedreht und ist schnell vom Gleis wieder verschwunden. Übrigens: In Frankfurt Süd sind weder ein Aufzug noch eine Rolltreppe vorhanden, um zum Gleis für den Nachtzug zu kommen. So begeistert war ich davon nicht, meine Beine tragen noch deutliche Spuren vom Fahrrad. Es ging in der S-Bahn viel besser als befürchtet. Ich bin am Südkreuz statt am Hauptbahnhof wie geplant ausgestiegen, weil die S-Bahn-Verbindungen von dort aus doch besser waren, und es gab jedes Mal sehr wenige Leute, ich konnte problemlos mit dem Fahrrad ein und aussteigen.

Mein erster Arbeitstag verlief ziemlich ruhig. Wir haben einige Formalitäten machen müssen. Ich bin ein wenig frustriert, dass eine wichtige Sache bei der Arbeitssicherheit ziemlich lange dauern wird, weil ich dadurch nicht so schnell alle vorgesehenen Tätigkeiten durchführen kann. Als ich letzte Woche den Arbeitsvertrag unterschrieben habe, hieß es, ich könnte mich nicht vor dem ersten Arbeitstag darum kümmern. Das blöde ist, dass ich gestern die dafür zuständige Person nicht erreichen konnte. Ans Telefon ging sie nicht. Ihre Email-Adresse war nicht zu finden. Ich habe die Email zur Personalabteilung geschickt, mit der Bitte, sie an die richtige Person weiterzuleiten, aber eine Antwort habe ich nicht bekommen. Allerdings aus meiner privaten Email-Adresse, eine berufliche Adresse habe ich noch nicht bekommen. Einen eigenen Arbeitsplatz auch nicht. Nachmittags hatten wir ein Treffen der Arbeitsgruppe. Es hat nicht lange gedauert, weil viele Kollegen zurzeit im Urlaub sind. Es hat mir schon einen guten Einblick in der Arbeitsorganisation gegeben.

Ich habe den Schlüssel zu meiner temporären Erdgeschoss-Wohnung beim internationalen Begegnungszentrum abgeholt. Der Weg mit dem Fahrrad dahin war toll, aber obwohl die Strecke schön flach ist, war es mit dem schweren Rucksack mühsam. Als ich das Haus entdeckt habe, habe ich Bedenken bekommen. Die Außenwände sind mit grünem Zeug voll bedeckt, das zieht bestimmt alle Insekten wie verrückt an. Die Lage der Wohnung selbst ist idyllisch. Direkt am Dahme (oder heißt es hier schon Spree?), und der Blick aus dem Wohnzimmer geht zum Garten und zum Wasser, wo so viele Leute mit kleinen Booten hingehen. Dagegen sieht die Wohnung von der Seite der Küche und des Schlafzimmers fast wie ein Keller aus, der Fußweg zum Wasser liegt auf der gleichen Höhe wie die Fenster.

Vor der Wohnung

Ich wollte schon die Tür zum Garten öffnen, aber in diesem Moment ist mir die erste Spinne aufgefallen. Beim nach oben Schauen habe ich eine zweite schnell entdeckt. Ich habe das Licht angemacht. Oberhalb vom Fernseher, zwischen Wand und Decke, waren drei weitere Weberknechte zusammen geschmust. Ich habe meine Sachen vorsichtig aus dem Wohnzimmer zurück geholt, habe beschlossen, dass ich es eigentlich nicht nötig habe, in diesem Zimmer zu sein, und habe die Tür geschlossen. Ich habe zu Hause keinen Fernseher, ich kann hier also weiterhin sehr gut keinen Fernseher schauen. Außerdem sind in dieser kurzen Zeit draußen seltsame Ereignisse vor der Tür geschehen. Als ich nach der Entdeckung der ersten Spinne zum zweiten Mal aus der Tür geschaut hatte, lag plötzlich eine weiße Maus am Boden, wirklich direkt vor meiner Gartentür. Kein Tier, sondern Computerzubehör. Mit Kabel. Als ich meinen Rucksack genommen habe, den ich auf der Couch beim Reinkommen geschmissen hatte, fiel aus einer höheren Etage eine schwarze Haarbürste und landete im Garten neben der Maus. Ein bisschen Geschrei gab es auch. Ab und zu, bis etwa 23:00. Irgendwie hörte es sich aber nicht wie Streit an. Als das heftige Gewitter ausgebrochen ist, wurde es ruhig im Haus.

Dass ich unter Arachnophobie leide, ist mein eigenes Problem. Jemand, dem es nicht stört, könnte wunderbar hier wohnen. Ich will schon nur noch möglichst schnell wieder weg. Egal, ob ich dadurch diesen Monat drei Mieten zahlen muss: Die erste Wohnung, die passt, wird genommen. Heute Nachmittag habe ich schon einen Termin für eine Besichtigung. Die Wohnung hier ist übrigens schon teuer: Fast 800€ für nicht ganz 60m2, und hinzu kommen 50€ für die Endreinigung, wenn ich wieder raus bin. Ich zahle das gleiche in meiner aktuellen Wohnung, aber dafür habe ich 100m2, und dort gehört zur Wohnung immerhin eine Waschmaschine, hier nicht. Und für ein Zentrum, das in der Unterkunft von Wissenschaftlern spezialisiert ist, ist es für mich sehr enttäuschend, dass nicht mal Eduroam vorhanden ist.

Ich frage mich allerdings, was mit „Endreinigung“ gemeint wird. Und wann wurde hier zum letzten Mal gereinigt? Ich hätte nicht so viele Spinnen erwartet, wenn es gründlich vor kurzem geputzt worden wäre. Allein im Wohnzimmer sind fünf Weberknechte. Ich habe nicht in jeder Ecke geschaut, nur die gut sichtbaren habe ich gemerkt. Deutliche Spinnennetze hängen von der Decke in den Ecken. In der Küche waren zwei weitere Spinnen, so wie im Badezimmer – wo es auch noch schlecht aus der Kanalisation riecht und eine deutliche Staubschicht auf der Ablage hinter dem Klo lag. Stimmt, an der gekachelten Wand hinter dem Klo klebte noch etwas, was wie Schamhaar aussah. Im Schlafzimmer hängt eine Spinne an der Decke neben dem Fenster (ja, den Spruch kenne ich). Sie ist noch weit weg vom Bett (der selbst mir viel zu weich ist und bei jeder Bewegung quietscht). Ein großer, aber leerer Netz, ist zwischen Nachttisch und Wand gespannt und mit Staub geschmückt. Beim Gehen klebte der Boden an meinen Schuhen. Außerdem hängt überall ganz leicht herum der charakteristische süßliche Geruch von Cannabis. Das einzige, was wirklich sauber aussieht, ist der Kleiderschrank im Schlafzimmer. Kein Staub drin, und gut gewaschene Bettwäsche und Handtücher, wie im Hotel. Auf dem ersten Blick. An den Bettwäschen hingen Haare und es klebt an einem Ende etwas schwarzes, keine Ahnung, was es sein könnte. Es sieht aus, als ob es beim Waschen nicht weg gegangen ist.

Ich habe abends geduscht, um den Schweiß des ganzen Tages und des Vortages endlich los zu werden. Meine Haut hat danach gejuckt. Die Dusche ist wirklich in einem schlechten Zustand. Die Dichtung des Brausekopfes ist zerbröselt, Wasser fließt aus unerwarteten Stellen, und es kommt so wenig Druck raus, dass ich mich frage, ob ich mir die Haare vernünftig waschen kann. Es würde beim Spülen so lange dauern, dass ich dadurch den Boden komplett unter Wasser setzen würde. Der Rand von der Dusche ist sehr niedrig und bei den schon vielen entdeckten Spinnen traue ich mich nicht, den Vorhang zu schließen. Vielleicht ist bei der Arbeit eine Dusche vorhanden, wie in meinem früheren Institut. Dann könnte ich mir dort die Haare waschen.

Ich bin heute Morgen gegen 03:30 aufgewacht. Das Bett ist mir wirklich zu weich. Mein Rücken schmerzt. Ich wollte wieder einschlafen, aber es hat nicht geklappt. Als ich zum Badezimmer gegangen bin, habe ich gesehen, dass alle drei Spinnen, mit denen ich mir den nicht gesperrten Teil der Wohnung noch teile, ganz brav an ihren Stellen geblieben sind. Vielleicht ist eine friedliche Kohabitation doch möglich. Ich fühle mich trotzdem unwohl und flippe gleich aus, sobald ein aus meinem Zopf entlaufenes Haar meine Haut berührt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.