Das neue Vorstellungsgespräch kommt wie gerufen

Ich bin erschöpft und habe die Schnauze voll. Schuld ist mal wieder die Rufbereitschaft. Der Chef hatte letzte Woche angekündigt, dass er am jetzigen Wochenende eine private Angelegenheit wahrnehmen wollte und hatte nach Freiwilligen gefragt, um seine Pflichten zu übernehmen. Ich bin erstmal still geblieben. Florian hat sich bereit erklärt, die Messgäste von heute einzuweisen. Alle anderen Kollegen hatten eine Ausrede, warum sie die Rufbereitschaft nicht machen konnten. Wem ist es hängen geblieben? Richtig.

Dass wir heute Nacht ohne Unterbrechung schlafen konnten, hatte ich beim Aufstehen leichtsinnig als gutes Zeichen gesehen. Das war nur die Ruhe vor dem Sturm. Denn ab halb eins hat das Handy angefangen zu klingen, und danach war es einfach die Hölle. Beim ersten Anruf waren wir mit dem Ehemann gerade auf dem Weg vom Markt nach Hause unterwegs. Irgendwas hinderte die Fortsetzung einer Messung. Angekommen, Rechner hochgefahren, auf Arbeit eingeloggt, scheinbare Ursache des Problems gefunden und behoben, Nutzer zufrieden. Bis zum nächsten Anruf eine Stunde später. Genau dasselbe Fehlerbild, aber diesmal gab es gleich zwei unabhängige Probleme, die ich auch lösen konnte. Beim dritten Anruf eine halbe Stunde später war ich schon recht genervt. Immer wieder das Problem, eine andere Ursache, die behoben wurde, und danach ging nichts mehr. Ich hatte schon aufgegeben, aber Florian, der sich bestens mit der Maschine auskennt und den ich versucht hatte anzurufen, hat sich zurück gemeldet und konnte anscheinend das Problem vorübergehend endgültig beheben. Von seinem Auto aus, mit seinem Laptop. Der war mit seiner Freundin unterwegs, der Arme, es hat mir echt Leid getan, ihn nach Hilfe fragen zu müssen. Inzwischen war es schon halb sieben, und ich hatte den ganzen Nachmittag nichts anderes machen können. Doch, kochen konnte ich, und zwar nur, weil Florian mit den Nutzern ausgemacht hatte, dass sie eine halbe Stunde Pause machen. Und es war nicht alles, weil andere Nutzer auf einem anderen Gerät auch zweimal anrufen mussten, weil die Robotik zickte. Jetzt, kurz vor zehn Uhr abends, bin ich noch voll gestresst und ich frage mich, ob ich in der Lage sein werde, einschlafen zu können, und wenn ja, wie lange ich wohl schlafen werde, bevor der nächste Anruf kommt. Gestern gab es doch kein Problem! Gestern war auch Mr Keen den ganzen Tag selber an dem Gerät am Messen. Ich frage mich, ob er irgendwas angestellt haben kann, um mir das Wochenende zu verderben. Das würde ich ihm zutrauen.

Mir reicht’s. Die dreihundert Euro, die man dafür zusätzlich zum Gehalt bekommt, sind es einfach nicht wert, so viel Stress in der freien Zeit zu bekommen. Der Ehemann leidet auch darunter, wenn das Handy nachtsüber klingelt, oder wenn wir am Wochenende bei schönem Wetter zu Hause bleiben müssen, weil irgendwas an den Geräten nicht stimmt. Und das mit dem zusätzlichen Geld stimmt nicht mal, wie ich gerade gemerkt habe. In den letzten zwei Monaten habe ich genau so viel überwiesen bekommen als während meiner Schwangerschaft, als ich von Rufbereitschaft befreit wurde! Ich muss mich am Montag beschweren. Den ganzen Scheiß will ich nicht auch noch kostenlos machen. Schlimm genug, dass unsere Verwaltung immer neue Gründe erfindet, warum meine Reisekosten nicht vollständig erstattet werden.

Ich habe gestern eine neue Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen. Wieder bei München. Diesmal geht es rein um Software-Entwicklung. Hoffentlich klappt es endlich. Nichts wie weg von hier!

VERDAMMT, SCHON WIEDER EIN ANRUF!


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Rufbereitschaft

Diesen Traum hatte ich gestern Nacht.

Ich war unterwegs, für einen kurzen Urlaub. Es war am Wochenende. Ich befand mich in einem Schlafzimmer in einer Stadt. Es war dunkel, ich war alleine. Das Licht hatte ich nicht angeschaltet und ich konnte teilweise die Fensterkreuzschatten an der Wand sehen. Meine kleine Reisetasche lag auf einer blauen Holzkommode. Ich wollte ins Bett gehen.

Plötzlich ertönte der Klingelton vom Rufbereitschaftshandy. Wie immer, wenn das Handy nachtsüber klingelt, ging mein Puls sofort in die Höhe. Stress. Doch nicht schon wieder ein Problem an den Geräten! Aber Moment mal, ich war doch im Urlaub! Und Rufbereitschaft hatte ich gar nicht! Eine schnelle Suche in meiner Reisetasche ergab doch, dass das kleine weiße Handy sich tatsächlich drin befand. Hatte ich vergessen, es dem nächsten Kollegen zu übergeben? Wer war denn diese Woche für Rufbereitschaft zuständig? Gerne hätte ich im Kalender nachgeprüft, aber ich hatte gerade keinen Zugang. Ich habe aufgelegt. Im Geiste habe ich versucht, meine anderen Kollegen zu kontaktieren, aber keiner war ansprechbar. Was nun? Das Handy fing wieder an zu klingeln.

Ich bin vom Stress aufgewacht. Ich habe diese Woche keine Rufbereitschaft, aber die psychische Belastung ist anscheinend so groß geworden, dass ich auch in ruhigeren Zeiten Alpträume davon bekomme. Ich zucke immer erschrocken, wenn ich diesen Nokia-Klingelton in der Bahn oder sonst wo höre, weil er recht häufig benutzt wird. Ich muss zusehen, dass ich mich weg bewerbe.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Rufbereitschaft

„Also, wenn sie dich fragen, ob du Rufbereitschaft machen willst, sag nein!“ Das waren Martins Worte, als ich letztes Jahr offiziell der Gruppe beigetreten bin. Rufbereitschaft heißt, dass man während einer bestimmten Zeit für auftretende Probleme bei unseren Geräten zuständig ist, und unsere Nutzer uns jeder Zeit anrufen dürfen (sollen), um den Betrieb möglichst schnell wieder herstellen zu können, was meistens nachtsüber geschieht. Vorher durfte ich nicht mitmachen, weil es dafür eine Sondervergütung gibt, die bei meinem früheren Arbeitgeber nicht vorgesehen war.

Ich habe es trotz Warnung angenommen. Falls es für eine Dauerstelle helfen könnte, obwohl der Vorfall von Juni bei Winfried zu einer Meinungsänderung geführt haben könnte. Als ich noch auf dem OP-Tisch lag, hatte er Martin angerufen und so von der schief gelaufenen Schwangerschaft erfahren. Ich hätte es lieber für mich behalten und nicht in der Gruppe erwähnt. Das Thema einer Dauerbeschäftigung ist nicht mehr angesprochen worden.

Wir sind mittlerweile genug Leute in der Gruppe, um nicht zu häufig Rufbereitschaft machen zu müssen. Mein erstes Mal war im Juli. Ich wäre wieder in September dran gewesen, aber ich wurde krank. Diese Woche hat es mich wieder erwischt. Die zwei ersten Nächte waren toll. Kein Anruf, keine Alarmmeldung. Ich habe das Handy mehrmals nach verpassten Nachrichten geprüft.

Heute Nacht bin ich kurz vor fünf aus dem Schlaf gerissen worden. Automatische Alarmmeldung von unserer Anlage. Nutzer angerufen, Maßnahmen am Telefon diskutiert, kurz vor sechs habe ich beschlossen, mich schon auf dem Weg zur Arbeit zu machen, um das doch größere Problem vor Ort zu klären. Ich bin kurz vor sieben angekommen. Und was mich angekotzt hat, ist, dass ich den Raum wo unsere Geräte stehen nicht betreten durfte, weil mein persönliches Strahlenschutzmessgerät nicht mehr da war, wo ich es am späten Abend davor gelassen hatte. Ohne es darf ich nicht rein. Ich habe im Laufe des Tages erfahren, dass es aufs Versehen von einem anderen Mitarbeiter unserer Arbeitssicherheitsabteilung genommen und in seinem Büro gesperrt wurde. Ich konnte so meine Tätigkeit nicht ausführen und musste die Nutzer im Stich lassen, bis meine anderen Kollegen aufgetaucht sind. Ein echt beschissener Start in den Tag. Von der Frau Schnurelitz, die mir mein Strahlenschutzmessgerät zurückgegeben hat, habe ich allerdings nicht mal eine Entschuldigung für den Vorfall bekommen. Stattdessen hat sie mir den Eindruck ermittelt, ich sei ganz schön unverschämt, mich darüber zu beschweren, bei allem, was sie tut, passieren halt ab und zu Fehler. Ab jetzt habe ich beschlossen, trotz Wünsche der Arbeitssicherheitsabteilung mein Strahlenschutzmessgerät in meinem Büro zu verstecken und nur bei der Auswertung rauszurücken.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.