Keine Selbstverständlichkeit

Neue Schilder für den Weg neben der S-Bahn, auf dem Weg zum Corona-Test gesichtet.

Wenn unsere hiesigen Fahrradfahrer die Klingel zu benutzen lernen würden, wäre schon viel gewonnen. Zweimal bin ich heute ganz nah so leise überholt worden, dass ich beim Laufen erschreckt zucken musste.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Wochenende in Berlin

Wir haben das Wochenende in Berlin verbracht. Familientreffen. Die angeheiratete Familie, versteht sich.

Ich war zuletzt im Februar dort, als wir den Schwiegervater im Krankenhaus besucht hatten. Seitdem war der Ehemann alleine hin gefahren, bis er seinem Vater noch rechtzeitig vor den Corona-Einschränkungen einen Platz in einem Pflegeheim gefunden hat. Wir haben seit seinem Umzug in den Nachrichten die Corona-Ausbruchsgeschichten in Pflegeheimen jedes Mal mit einem sinkenden Gefühl im Magen gehört. Dem Schwiegervater geht es doch gut, und er ist sogar froh, die Ausgangssperre nicht alleine zu Hause durch gesessen haben zu müssen.

Das weiß ich dank des Ehemannes, weil die Aphasie vom Schwiegervater durch den Schlaganfall am Anfang des Jahres immer noch nicht richtig therapeutisch angegangen wurde. Wortfindung fällt ihm schwer, ich kann kaum etwas von dem verstehen, was er versucht zu erzählen. Wegen Corona-Einschränkungen konnte seine verschriebene Behandlung nicht persönlich statt finden. Es hat Monate gedauert, bis eine Online-Lösung durch seine Praxis eingerichtet wurde, weil das Heim Besuche streng reguliert hatte. Es ging nur mit Termin hinter einer Plexiglasscheibe, was dem behandelnden Arzt nicht passte. Und jetzt am Anfang des Monates, nach gerade zwei Terminen, hat die Krankenkasse die Bezahlung der Online-Behandlung abgebrochen, weil durch die Lockerungen die Therapie wieder persönlich statt finden kann. Die Praxis hat aber erstmal keinen Ersatztermin angeboten, und der Ehemann musste ewig hin und her telefonieren, damit der Schwiegervater nach zwei Wochen Unterbrechung seine Therapie fortsetzen kann. Fortschritte, die er gemacht hatte, sind schon weg. Eigentlich hätte es doch die Aufgabe vom Pflegeheim sein sollen! Ich bin richtig sauer darüber, dass weder sie noch die Praxis es für nötig gehalten haben, sich darum zu kümmern. Ich verstehe nicht, wie der Ehemann da so sachlich und geduldig am Telefon mit den Verantwortlichen reden konnte. Ich hätte schon längst einen Anwalt eingeschaltet, denn es kann nicht sein, dass man jemandem mit einem akuten Hilfebedarf eine Behandlung monatelang nicht ermöglicht. Eine Schlamperei ist das.

Jedenfalls darf jetzt der Schwiegervater wieder raus aus dem Heim. Am Sonntag ist er mit uns zu seiner noch nicht gekündigten Wohnung gekommen, wo wir übernachtet haben, um mit dem Ehemann darüber zu diskutieren, was entsorgt werden soll.

Der Schwiegervater hat sich zum Schluss mit einer Umarmung von mir verabschieden wollen, was mir unheimlich war. Ich bin nicht sicher, ob ich nicht während meiner kurzen Zeit in Berlin nicht schon angesteckt wurde. Es fing am Freitagabend an, als wir in die S-Bahn am Südkreuz eingestiegen sind, und eine Gruppe Italiener auf der anderen Seite vom Wagen nur am rum schreien war – ohne Maske. Als wir später unterwegs auf der Suche nach einem Restaurant waren, stand plötzlich eine alte Frau auf dem Bürgersteig vor uns uns hat munter links und rechts um sich grässlich gehustet – auch ohne Maske. Wie kann man heutzutage noch nichts von Hustenetikette gehört haben? Am nächsten Tag haben wir den Bürgersteig wechseln müssen, weil ein junger Mann auch dabei war, demonstrativ ohne Maske in der Gegend herum zu husten. Machen sich die Leute in Berlin einen Spaß daraus? Als ich noch dort gewohnt hatte, war ein solches ekliges Verhalten eher selten zu sehen.

Gestern war jemand aus einem Auktionshaus in der Wohnung vom Schwiegervater, um sich ausgewählte Objekte anzuschauen, die der Schwiegervater entsorgen will. Der Ehemann musste dabei sein, der Schwiegervater wollte oder konnte nicht, und da ich keine Lust hatte, am Sonntagabend alleine mit dem Zug nach Hause zu fahren, habe ich den ganzen Montag in der Wohnung vom Schwiegervater gearbeitet. Mobile Office macht’s möglich. Ich habe dem Ehemann gesagt, es ist so cool, wir könnten im Prinzip überall vereisen, tagsüber arbeiten und abends die Touristen spielen, aber er muss ins Büro.

Am Wochenende haben wir viel gegessen. In der Wohnung wurde schon alles Verderbliches entsorgt und wir haben Restaurants besucht, wenn wir nicht von Freunden eingeladen wurden. Bei unserem Lieblingsspanier konnten wir nicht reservieren. „Dauerhaft geschlossen“, sagt Google Maps. An der Tür hängt ein Schild: Geschlossen wegen Umbaumaßnahmen. Wir haben beim anderen Spanier am Savignyplatz gegessen. Die Atmosphäre war nicht so gemütlich, keiner der Mitarbeiter hat eine Gesichtsmaske getragen und selbst drin haben wir den ganzen Qualm der Raucher auf der Terrasse abgekriegt, weil die Türe weit offen waren. Das Essen war in Ordnung.

Zum Ausgleich mussten wir uns viel bewegen. Wir sind trotz der recht kühlen Temperatur spazieren gegangen. Ich hatte meine neue Tischtennisausrüstung mitgebracht und wir haben viele Platten in Parks gefunden. Der Ehemann hat genervt, weil er immer gewinnt. Jedenfalls konnten wir es so gerade schaffen, nicht mehr zu essen als unser Tagesbedarf.

Am Samstag bin ich beim Tischtennisspielen mit meinen doch recht glatten Snickers auf dem sandigen Steinboden ausgerutscht und habe mir an der linken Pobacke richtig weh getan. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich den Fall gestoppt und ich dachte, alles gut. Kurz danach bin ich am Boden auf dem angespannten Muskel gelandet. Dafür, dass der Fall am Ende nicht so hoch war, war der Schmerz danach so stark, dass ich kaum noch laufen konnte. Trotzdem waren wir gestern viel unterwegs, weil sitzen auch schmerzhaft war, und ich habe diesmal barfuß Tischtennis gespielt. Erst heute geht es wieder halbwegs. Ich dachte, ich hätte einen riesigen blauen Fleck gekriegt. Nicht. Dafür ist die Pobacke angeschwollen und drückt auf den Ischiasnerv. Hoffentlich lässt es bald nach.


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In Marseille – Le Panier

Mit Marseille bin ich immer noch nicht befreundet. Die Stadt ist dreckig und stinkt. Überall dicke Hundehaufen und Uringestank. Alte, heruntergekommene Gebäude. Autofahrer, die ohne Rücksicht auf Fußgänger am Hafen rasen, selbst wenn sie eigentlich rot haben. Wen interessiert’s? Die Fußgänger gehen nicht auf Grün los, sondern schauen erstmal um sich um und warten, bis alle Autos durch sind, bevor sie sich auf der Straße trauen. Etwas Anderes wäre Selbstmord.

Dazu kommt die allgegenwärtige sexuelle Belästigung. In Marseille kann man als Frau einfach nirgendwo Ruhe haben. Das habe ich in meiner Jugend mit Freundinnen erlebt und am Wochenende aus der Ferne leider wieder beobachtet. Frau sitzt auf einer Bank und liest, Jugendlicher setzt sich dicht neben ihr und belästigt sie derart, dass die Frau aufsteht und den Platz verlässt. Obwohl ein anderer, unbeteiligter Mann auf der anderen Seite der Bank saß. Nichts hat er unternommen. Unterlassene Hilfeleistung ist in Frankreich weit verbreitet.

Aber zurück zur Stadt selbst. Der Ehemann wollte vor unserer Abreise eine Nacht in Marseille verbringen. Ich war nicht begeistert. Wir haben ein Apéro am Hafen getrunken. Ich wollte danach zurück zum Hotel. Es wurde schon dunkel.

Anstatt am Hafen lang zu gehen, nehmen wir die Rue de la République. Ein Schild zeigt den Weg zum Panier. Ich habe keine Ahnung, worum es geht, und beschließe, dem Schild zu folgen. Erstmal Treppen hoch. Wir entdecken ein entzückendes Viertel. Immer noch dreckig und stinkend, aber mit interessanten Graffiti und vielen, besser als am Hafen aussehenden gastronomischen Lokalen. Wir essen eine Kleinigkeit am „Panier Marseillais“[1]. Fisch-Tapas.

Am Sonntag gehen wir wieder hin, zu einem anderen Lokal. Essen kann man in dem Viertel toll. Leider, und man glaubt es nicht, wenn man es nicht selber erlebt, sind die engen Straßen nicht für den motorisierten Verkehr gesperrt. Oder die Anwohner pfeifen drauf. Mofas fahren dicht an uns vorbei, als wir am Tisch mitten auf der Straße sitzen und essen. Ich meine, die Terrasse vom Lokal beanspruchte schon die Hälfte der Gasse. Gegenüber standen zwei Frauen aus einem Laden und diskutierten. Und da lang fahren Leute mit Mofas durch. Völlig rücksichtslos.

Am Sonntagabend war unser Rückflug nach München geplant. Über Frankfurt. Tja. Wegen Unwetter wurde der Flug gestrichen. Unmut bei den Passagieren und Chaos am Flughafen, als wir nur hin und her geschickt wurden. Wir sind dadurch eine extra Nacht in Marseille geblieben. Diesmal haben wir in einem besseren Hotel geschlafen. Ich war vom Golden Tulip[1] enttäuscht. Die Lage war lange nicht so toll wie auf den Bewertungen gepriesen. Nicht mal Margaritas konnte der Barman richtig machen. Der Radisson Blu[1] hat mir viel besser gefallen. Wir konnten sogar im Außenpool am späten Abend schwimmen. Leider mussten wir am Montag um vier aufstehen, um unseren Flug von 06:20 nach München zu kriegen. Wenigstens sind wir direkt geflogen und konnten halbwegs pünktlich auf Arbeit erscheinen. Ich fühle mich immer noch müde davon.

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung.


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Hausarzt gewechselt

Ich war schon länger mit unserem Hausarzt unzufrieden. Der Ehemann hatte ihn uns ausgesucht, bevor wir zusammen umgezogen sind. So praktisch auf der anderen Seite der Straße. Das war vor drei Jahren.

Mich hat es vom Anfang an gestört, wie sehr es im Treppenhaus und in der Praxis nach Zigarettenqualm stinkt. Sobald man die Haustür öffnet, wird man von dem Mief begrüßt. Meistens hat es in der Praxis nicht so stark gestunken, und ich hatte immer gedacht, es wäre ein Nachbar im Haus, der die ganze Zeit so raucht. Nein. Es lag daran, dass die Fenster in der Praxis häufig weit geöffnet sind, um zu lüften. Der Arzt hat eine Küche hinter dem Warteraum, und als ich eines Morgens bei der Eröffnung vor dem Schreibtisch seiner Sekretärin stand, saß er da am Küchentisch mit breit geöffneter Tür und rauchte. In seiner Praxis. In völliger Verachtung seiner Patienten. Das darf doch nicht wahr sein! Der Arzt ist auf Bewertungsportalen dafür bekannt, dass er seine Patienten leicht krank schreibt, wahrscheinlich deswegen ist seine Praxis trotzdem gut gefüllt, überwiegend von kerngesund aussehenden jungen Menschen.

Als er mich vor zweieinhalb Jahren mit Verdacht auf Appendizitis wegen Bauchschmerzen zur Notaufnahme vom nächsten Krankenhaus geschickt hatte, dachte ich nach der OP, immerhin hat er mich dahin geschickt und mir so das Leben gerettet. Ich hatte innerlich viel Blut verloren. Gut, es war keine Appendizitis sondern eine Bauchhöhlenschwangerschaft, aber wie soll man bei so starken Schmerzen so schnell die richtige Diagnose stellen? Die Möglichkeit einer Extrauteringravidität hatte er erwähnt, obwohl er nicht daran glaubte und die zusätzlichen Schulterschmerzen ignoriert hatte. Im Nachhinein: Er hätte drauf kommen sollen. Wir hätten auf jeden Fall viel Zeit gespart, wenn er mich gleich zu einem Krankenhaus mit einer Gynäkologie-Abteilung geschickt hätte.

So sah mein Radiusköpchen im letzten Sommer aus.

Nach der Fehlgeburt am Anfang des Jahres bin ich bei ihm gewesen. Ich hatte einige Wochen zuvor Schmerzen in meinem linken Ellbogen gespürt. Ein Dreivierteljahr davor hatte ich mir den Radiusköpchen angebrochen, und nach der Behandlung wurde der Riss nicht geprüft. Nicht, dass es den Arzt interessiert hätte, er hatte sich damals die Tomographie-Erbegnisse gar nicht angeschaut. Der Bruch war komplizierter als gedacht. Als ich also während der Schwangerschaft Schmerzen bekommen hatte und den Unterarm nicht mehr so weit drehen konnte, bin ich zur Orthopädie gegangen. Wegen meines Zustandes kam Radiologie nicht in Frage, der Unterschied zum rechten Arm war aber deutlich zu sehen. Nach der Fehlgeburt bin ich zurück zum Hausarzt gegangen. Der Schmerz war wieder weg, der Arm sah normal aus, es gab kein akutes Problem, was die Nutzung der Sprechstunde bei der Orthopädie rechtfertigen würde. Außerdem hatte der Hausarzt damals die Tomographie angefordert. Tja. Alles, was er mir verordnet hat, waren Antidepressiva. „Mit ihrem Arm ist alles in Ordnung, Sie haben ein Problem im Kopf“, verkündete er mir. Ist ja klar, nach der Fehlgeburt drehe ich jetzt durch, war seine Schlussfolgerung. Es hat mich recht sauer gemacht. Ich habe beschlossen, nie wieder zu ihm zu gehen.

Einen neuen Arzt hatte ich mir leider noch nicht ausgesucht, als ich vor zehn Tagen aus heiterem Himmel eine Blasenentzündung bekommen habe. Ich war gerade aus einem zweitägigen Workshop mit dem Bus aus dem Flughafen zurück nach Hause gefahren. Nach der Haltestelle hatte ich gut zehn Minuten Fußweg, worüber ich mich freute. Mir ging’s blendend. Beim Aussteigen habe ich plötzlich so einen schmerzhaften Harndrang gespürt, das war unglaublich. Ich konnte keine zehn Meter laufen, ohne eine kurze Pause einlegen zu müssen, um den Urin in der Blase zu halten. Die Nacht war hereingebrochen, die Gegend nicht so stark besiedelt, und obwohl ich so gerne einfach am Straßenrand meine Blase geleert hätte, konnte ich nicht. Es war mir zu hell beleuchtet, vereinzelte Leute waren noch unterwegs. Ich trug einen langen Mantel und habe ernsthaft daran gedacht, mir in die Hose zu pinkeln. Aber dann, die Sauerei in den Schuhen… Ich habe es bis nach Hause geschafft. Habe alles am Boden fallen lassen, bin am erstaunten Ehemann vorbei gerauscht und samt Schuhe und Mantel zum Klo gerannt. Hat es weh getan! Und zum Schluss war der Urin rötlich gefärbt. Den ganzen restlichen Abend hatte ich Harndrang, obwohl ganz wenig zu entsorgen war, und es gab Blut im Urin. Am nächsten Morgen musste ich zum Arzt. Als ich ihn gefragt habe, ob er eine Urinprobe wollte, hat er gelacht. Ich habe pauschal Antibiotika gegen E. Coli bekommen. Wie lange möchte ich denn krank geschrieben werden, wollte er wissen. Gar nicht, war meine Antwort. Ich programmiere, habe also keine schwere körperliche Arbeit, und es macht mir Spaß. Das war für ihn unbegreiflich. Eine junge Frau soll hübsch sein und nicht so viel denken, hat er mir gesagt. Was will ich mit Programmieren? Ah ja, ich hatte schon mitgekriegt, wie frauenfeindlich er seine weiblichen Hilfskräfte behandelt. Und er war schon dabei, mir geistesabwesend das Formular für eine Krankschreibung zu füllen. Die habe ich abgelehnt.

Mir hat’s gereicht. Der Ehemann hat sich letzte Woche einen grippalen Infekt geholt und ich habe etwas davon bekommen. Wir mussten beide zum Arzt. Diesmal war eine Krankschreibung nötig. Wir haben einen anderen Arzt gefunden, der zwar weiter weg liegt, dafür einen viel besseren Eindruck macht. Die Praxis stinkt nicht wie ein Rauchsalon, der Empfangsbereich sieht sauberer und professioneller aus, das Wartezimmer ist viel angenehmer gestaltet, und der Arzt nimmt mich ernst, wenn ich etwas erzähle! Dass ich übrigens nach der Behandlung mit Antibiotika eine vaginale Mykose entwickelt habe, überrascht ihn nicht, es ist bekannt. Das ist die Art von Information, die ich gerne von meinem ehemaligen Arzt bekommen hätte. Ich habe es nicht kommen gesehen. Ich finde nun, langsam könnten die Wehwehchen aufhören. Einen Monat dauert es schon an. Was der neue Arzt sonst angesprochen hat ist, dass wir einen Termin für einen Gesundheitscheck vereinbaren sollen. Darauf hat jeder Versicherter ab 35 alle zwei Jahre einen Anspruch, und das hatte mir der vorherige Arzt verschwiegen! Ich bin froh, dass wir die Praxis gewechselt haben.


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Autismus in der S-Bahn

Junger Mann sitzt in der S-Bahn. Ziemlich groß, gepflegt angezogen, aber die Körperhaltung, mit dem Hinten auf der Kante vom Sessel und so breitbeinig zusammengesackt, verrät den Mangel an guten Manieren. Seine Knien reichen bis zum Sessel gegenüber von ihm. Ohrstöpsel an, mit dem Handy beschäftigt. Die Welt könnte untergehen, ohne dass er davon Kenntnis nimmt.

Schräg gegenüber von ihm sitzt eine Frau. Wir kommen an eine Haltestelle. Die Frau steht auf und will offensichtlich aussteigen. Wenn sie sich nur von ihrem Platz weg bewegen könnte. Der Mann Balg sperrt ihr komplett den Weg. Sie spricht ihn an, er zeigt keine Reaktion. Sie schubst ihn leicht. Immer noch kein Zeichen von Wahrnehmung. Sie streckt beide Arme und drückt mit den Händen so stark gegen seine Beine, dass diese doch zur Seite rutschen müssen. Er hebt den Kopf, schaut die Frau kurz an. Sie kann endlich raus und steigt aus. Er bleibt an der Stelle und schaut wieder aufs Handy.

Die Situation ist so skurril, dass ich ein Lachen nicht unterdrücken kann. Leise. Das merkt er doch. Sichtlich gestört, steht er auf und verschwindet.


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Heute wieder nicht überfahren

Das grenzt langsam an einem Wunder.

Heute Morgen fuhr ich nicht besonders schnell mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit. Ich habe mir am Wochenende einen neuen Lenker besorgt, um die Schmerze in den Handgelenken zu vermeiden. Das scheint zu klappen, aber ich muss mich an die geänderte Haltung gewöhnen, es fühlt sich nicht mehr so stabil an. Vielleicht ist er zu hoch gestellt. Heute Morgen fuhr ich also hinter einem helmlosen Opa mit weißen Haaren auf dem Radweg, zwischen geparkten Autos und Bürgersteig. Auf einmal ist eine Autofahrerin nach rechts abgebogen, um zu einem Gebäude zu fahren, und hat den Opa erst gemerkt, als er kurz vor ihr war, obwohl das Sichtfeld an der Stelle sehr gut ist. Sie hat halbwegs auf dem Radweg notgebremst, das Auto hat einen leichten Sprung gemacht und der Motor ist ausgegangen. Schreck für den Opa, zum Glück hat sie ihn gerade nicht erwischt. Er ist weiter gefahren. Ich kam einige Sekunden hinterher und dachte, sie muss jetzt gemerkt haben, dass es hier einen Radweg gibt. Nein. Ich war gerade dabei, den Ausweichbogen vor ihrer Haube auf dem Bürgersteig zu machen (kein Rentner in Sicht), als sie den Motor wieder startete und schnell weiter fahren wollte, wieder ohne vorher rechts zu schauen. Wieder notgebremst, erneuter Motorstillstand. Es war sehr knapp. Die blöde Kuh hat noch geschimpft.

Heute Abend war es ein alter Motorrad- oder Scooterfahrer mit dickem weißem Schnurrbart, der mich auf dem Radweg überfahren wollte. Wieder eine Stelle mit sehr gutem Blickfeld, eigentlich, es hätte echt nicht passieren dürfen. Der Mann kam sehr schnell aus der entgegengesetzten Richtung und hat im letzten Moment auf dem feinen Kiesel vor dem Radweg und links von mir gebremst. Fast wäre er ausgerutscht. Sehr wahrscheinlich wollte er zum Scooter-Laden. Ich habe einen großen Schreck bekommen. Selbst die Autos auf der Straße haben kurz angehalten.

Ich frage mich, ob ich die neue Streikperiode der Bahn heil überleben werde. Es fängt erst morgen an.


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Gereizt

Der Traum von heute Morgen ist nur ganz vage in Erinnerung geblieben. Ich weiß vor allem, dass ich die ganze Zeit gereizt war.

Es war tagsüber, das Wetter war nicht schön, windig, kalt und bedeckt, ohne Regen. Ich war mit Martin mit dem Fahrrad durch die Stadt unterwegs, ich weiß nicht, wohin. Es war hart, ich konnte ihm schlecht folgen, und er fuhr vorne, ohne sich darum zu kümmern, ob ich noch hinter ihm war. Leute sind auf dem Radweg gegangen und haben uns überhaupt nicht beachtet. Ich habe sie geschimpft.

Als ich Martin nach einer Kreuzung plötzlich nicht mehr sehen konnte, habe ich beschlossen, ihn alleine fahren zu lassen, und bin zu einem Einkaufszentrum gegangen. Dort gab es eine kleine Konditorei, mit Reihen von Stühlen vor dem Schaufenster. Ein junger Mann saß auf der letzten Reihe und hatte seinen Stuhl auf den hinteren Beinen so weit nach hinten gekippt, dass man nicht mehr durch gehen konnte, um zum Schaufenster zu gelangen. Er hat gesehen, dass ich dahin wollte, ist trotzdem so geblieben und hat den Weg weiter gesperrt, als ob ich nicht da wäre. Die Art von Verhalten, die man in Berlin täglich sehen kann. Es hat mich genervt. Ich habe die Lehne seines Stuhles mit der linken Hand so geschoben, dass er plötzlich wieder aufrecht saß. Er hat nichts gesagt. Ich habe bei der Konditorei etwas gekauft und bin weiter durch das Einkaufszentrum gegangen. Auf dem Rückweg bin ich wieder vor der Konditorei gegangen. Martin kam mir entgegen. Ich habe ihm die Geschichte mit dem jungen Mann erzählt. Dieser, der immer noch aufrecht saß, hat mich gehört und gelacht. Sein Lachen ist erstickt, als er gesehen hat, dass Martin mich geküsst hat.

Später waren wir in einer Art Auditorium an einer Uni. Ich ging mit Martin die seitliche Treppe hoch. Plötzlich kam der junger Mann von der Konditorei hinter uns. Er trug eine Arbeitshose, die mit weißen Farbflecken bedeckt war. Er meinte, wenn ich mich für Martin interessieren würde, und Martin zur Uni geht, würde er auch zur Uni gehen wollen.

Der Traum war kurz vor 08:00 heute Morgen, nachdem ich um 05:00 geweckt wurde und lange nicht mehr einschlafen konnte. Ich vermute, er hatte mit dem gestrigen Tag zu tun. Wir sind tatsächlich mit dem Fahrrad mit Gegenwind gefahren, wenn auch nicht lange, bis zur S-Bahn Haltestelle, um zu mir zu fahren. Es war kalt und bedeckt. Die S-Bahn wurde voll, es hat irgendwann nach Alkohol gestunken (oder nach Alkoholikern), und die Oma, die sich danach neben mir hingesessen hat, meinte auch, das Fenster zu klappen zu müssen. Sie muss ihren Geruchssinn schon längst verloren haben. Ich war froh, als wir eine Station später umgestiegen sind. Ab einer bestimmten Dichte ertrage ich meine Mitmenschen nicht mehr. Außerdem habe ich mich den ganzen Nachmittag ein bisschen fiebrig gefühlt, und heute hält es an.


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Eine neue Zickengeschichte

Gestern Abend, um die 21:00, in der S42, kurz vor Südkreuz gesehen.

Die Bahn ist voll. Zwischen zwei Türen, nicht weit von mir, stehen zwei Frauen, eine ältere und eine jüngere, um die zwanzig oder weniger. Mit ihnen reist ein Mädchen, bestimmt unter zehn Jahre alt, und ein kleiner Hund mit schwarzer Rückenjacke an der Leine. Sie fallen mir plötzlich auf, weil die junge Frau, mager mit langen schwarzen Haaren und Piercing, in einem angeekelten Ton laut von sich gibt, dass sie hier nicht mehr bleiben könnte und bei der nächsten Station aussteigen müsste. Aus meinem Sitzplatz schaue ich in ihre Richtung. Die Leute um sie herum starren den Boden an und gehen ohne Wort einige Schritte zurück. Dort, vom Hund aus, verläuft eine gelbe Flüssigkeit, mit Gras gemischt. Offensichtlich hat sich der Hund gerade übergeben. Der Zug bremst, wir sind fast am Südkreuz. Die Frauen ziehen an der Leine vom Hund und gehen mit dem Mädchen zur Tür.

Auf der anderen Seite der Tür steht ein Paar. Er ist kahl und hellhäutig, vielleicht Mitte vierzig, sie ist braun mit lockigen Haaren, bildhübsch, und hält eine Rolle Papier in der Hand. Der Mann sagt den Frauen in einem höflichen Ton, sie können doch nicht einfach aussteigen und das Erbrechen da liegen lassen. Die Frauen wirken irgendwie beleidigt, dass jemand es gewagt hat, sie anzusprechen und ihnen Vorwürfe zu machen. „Was sollen wir denn machen?“ fragt die ältere Frau. Er sagt, sie könnten wenigstens mit einem Taschentuch die Flüssigkeit entfernen, die sich immer noch im ganzen Gang im Bremsrichtung verbreitet. Die junge Frau kichert. Die ältere Frau zuckt arrogant mit den Achseln, sagt, sie haben kein Taschentuch, und beide Frauen steigen mit geradem Rücken mit dem Hund aus, ohne um sich herum zu schauen. Das Mädchen schaut besorgt zurück, wird aber mitgeschleppt. Am Bahnsteig angekommen, fragt die alte Frau, ob sie denn das Erbrechen vom Hund hätte lecken sollen. Eine tolle Idee, denke ich, das würde ich gerne sehen, dafür, dass sie nicht mal auf die Idee gekommen ist, sich bei den anderen Gästen überhaupt zu entschuldigen (wäre es nicht das Minimum?).

Die Tür geht wieder zu, wir fahren gleich weiter. Erst jetzt wagt es die junge Frau, dem im Zug gebliebenen Paar anzuschimpfen. Sie ruft „Fickt euch!“ nach ihnen, indem sie den mittleren Finger hoch hebt (und bringt damit wunderbar ihr Niveau zum Ausdruck). „Assis“, denke ich. Ich weiß nicht, ob das Paar die Rufe der Frau gehört haben. Durch die geschlossene Tür habe ich es kaum wahrgenommen, so leise es war, wenngleich die Schimpfworte deutlich waren (ich habe ja feine Ohren). Andere Leute am Bahnsteig haben sie schon komisch geschaut. Der Mann, der einzige, der die Frauen angesprochen hat (alle andere Gäste haben sich vom Anfang an verhalten, als ob plötzlich in die andere Richtung etwas super spannendes statt finden würde), hat auf jeden Fall nichts gemerkt, er stand die ganze Zeit mit dem Rücken zur Tür. Die Frau, die mit ihm reiste, hat gelacht und dem Mann gesagt, „das ist dein Volk“. Das alles sagt schon, was für ein Eindruck Ausländer von Deutschen bekommen.

Eigentlich hätte man die Frauen wegen Beleidigung anzeigen lassen sollen. Ich hatte Zeit, ich hätte mich sogar als Zeugin bereit gestellt. Vom Verhalten und Aussehen der Frauen her glaube ich kaum, dass sie viel verdienen. Es würde ihnen nicht schaden, als Erziehungsmaßnahme Strafgeld für ihr Benehmen zu bezahlen. Schließlich hat mein Vater selber schon auf dieser Weise von einem verbalen Angreifer Geld bekommen. Leider fuhr der Zug schon weg, und wenn die Betroffenen von der Beleidigung nichts merken, kann ich auch nichts für sie machen.


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Termin

Laut Wikipedia ist ein Termin

ein festgelegter Zeitpunkt im allgemeinen Zeitverlauf und wird durch ein Kalenderdatum und eine Uhrzeit bezeichnet. Termine kommen meist in einem geschäftlichen Kontext vor, wo sie der zeitlichen Festlegung sowohl von Besprechungen als auch von Zahlungen, Leistungen oder Lieferungen dienen […]

Heute Morgen hatte ich einen Termin bei dem Dermatologen, den ich zuletzt besucht hatte. Um 08:50, da ich bei der Terminvereinbarung explizit gefragt hatte, möglichst früh dran zu kommen, um pünktlich bei der Arbeit zu sein. Das letzte Mal hatte ich in der Mittagspause schon lange genug warten müssen, aber morgens direkt nach der Eröffnung der Praxis sollte es schnell gehen. Da ich zur Zeit eine intensive Lehrveranstaltung betreue und die Studenten bei ihren praktischen Arbeit unterstütze, kann ich es mir schlecht erlauben, verspätet zu sein. Um die Zeit zu überbrücken, hatte ich einen Kollegen gefragt, seinen Vorlesungsteil zur ersten Stunde zu verschieben, damit meine Abwesenheit keine schlechte Auswirkung hat.

Um meinen Schlafmangel auszugleichen, habe ich heute länger geschlafen und bin ohne Frühstück zum Termin gefahren. Mit dem Regen hatte ich gestern mein Fahrrad bei der Arbeit gelassen und musste daher die Tram benutzen. An der Haltestelle kam gerade eine Tram an, als ich zweihundert Meter entfernt an der Ampel wartete. Um diese blöde Kreuzung zu überqueren braucht man immer ewig. Ich bin beim Grün in Richtung Haltestelle gesprintet. Die Nummer von der Tram habe ich bei der Entfernung nicht gut lesen können. Die Anzeige war nicht beleuchtet und die Scheibe war schmutzig. Es sah aber sehr wie meine Tram-Nummer aus. Der Fahrer hat mich kommen gesehen und hat ausnahmsweise gewartet, unglaublich. Andere Fahrer sind schon an mir vorbei los gefahren, nachdem sie mich kaum zehn Meter vor ihnen noch wahrgenommen haben. Es hat mich gerührt. Leider war es doch nicht meine Tram. Als ich näher kam, habe ich gemerkt, dass es eine 8 statt eine 0 gab. Der Fahrer hat umsonst auf mich gewartet. Die nächste Tram, die kam, war auch nicht meine, aber sie war neuer. Sie hatte eine LED-Anzeige und man konnte sie wunderbar von weitem erkennen. Es wird Zeit, dass die alten Fahrzeugen der BVG erneuert werden. Wie auch immer. Zum Termin bin ich pünktlich angekommen.

Am Empfang habe ich zuerst meine Krankenkassenkarte an der Theke gelassen und meine Jacke im Warteraum gelassen, da die Frau am Telefon war. Als sie fertig war, habe ich ihr die Karte gereicht und gesagt, ich hätte gleich einen Termin. Sie hat die Karte eingelesen, sie mir ohne Wort zurück gegeben, und ich habe mich hingesessen. Nach zwanzig Minuten habe ich bei der Frau gefragt, ob mein Termin wirklich um 08:50 war. Den Zettel vom letzten Mal hatte ich dabei, aber ich wollte prüfen, ob sie den gleichen Termin gespeichert hatte, um ein Missverständnis wie bei der letzten Praxis zu vermeiden. Mein Termin war wirklich um 08:50, aber erst als ich nachfragte, gab sie mir zu, dass der Arzt heute schon eine Verspätung von dreißig Minuten hatte. Ich sollte doch noch zehn Minuten geduldig bleiben. Das hätte sie mir gleich bei meiner Ankunft sagen können. Da ich bei der Arbeit unter Zeitdruck war, habe ich gereizt reagiert. Nach den zehn weiteren Minuten bin ich immer noch nicht gerufen worden. Dafür wurde ein Mann zum Besprechungsraum gebeten. Es hat mir gereicht. Es ist unverschämt, wie mit der Zeit von Patienten umgegangen wird. Ich habe den Zimmer verlassen und bin zur Arbeit gegangen. Ich bin gerade pünktlich für meine Lehrveranstaltung angekommen und kann mir wieder eine andere Praxis aussuchen.


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