Unheimlich

Wir haben gestern Abend in einem türkischen Restaurant in meinem Viertel gegessen. Das Wetter war bedeckt, wie häufig in letzter Zeit. Der Sommer ist vorbei. Wir haben drin gesessen. Einige Gäste sind zur Terrasse gegangen, und sofort wieder rein gestürzt, als die starken Windböen angefangen haben. Geregnet hat es kaum.

Wir sind nicht lange geblieben. Oder besser gesagt, wir waren ungewöhnlich früh da. Um 21:00 haben wir, satt und zufrieden, das Restaurant wieder verlassen und sind zu Fuß zu mir gegangen. Es wurde schon dunkel. Martin hat mein Fahrrad geschoben. Kurz vor meiner Wohnung war die Nacht eingebrochen. Wir haben uns über Pläne fürs Wochenende unterhalten. Ich habe gesagt, dass ich am Sonntag bei mir sein muss, weil ich am Bürgerentscheid teilnehmen will. Ich habe bemerkt, dass ich jede Berechtigung zur Stimmenabgabe wahr nehmen will, wobei ich es noch nicht mal geschafft habe, mich um einen Termin für den Einbürgerungstest zu kümmern. Dabei hat mein Besuch beim Standesamt schon vor zwei Monaten statt gefunden.

Zeitgleich waren zwei Jugendliche auf dem Bürgersteig vor uns. Beide in Sportklamotten; einer war am Rauchen. Ich bin nicht sicher, dass sie volljährig waren. Oder vielleicht knapp Anfang zwanzig. Als ich den Einbürgerungstest erwähnt habe, hat der Rauchende plötzlich angehalten, sich umgedreht und mich hasserfüllt angeschaut. Es war nachts und dunkel. Gesichtszüge konnte man nicht erkennen. Trotzdem habe ich seine Ausländerfeindlichkeit voll ins Gesicht gespürt. Er hat nichts gesagt, sich uns lediglich einige Sekunden lang angestarrt, und ist seinem Kumpel gefolgt, der weiter am Spielplatz entlang gegangen war. Martin hat gar nichts bemerkt, aber ich glaube, ich habe schon einen Sinn für Gefahr entwickelt.

Mein Bezirk ist dafür bekannt, dass viele Rechtsextremisten dort wohnen. Die NPD hat sogar ihre Zentrale hier. Mein Vorgänger war aus diesem Grund aus dem Viertel ausgezogen, als er noch hier arbeitete. Letztes Jahr war ich einfach froh, überhaupt eine Wohnung zu bekommen. Ich merke trotzdem, jedesmal, wenn ich in meinem Viertel alleine unterwegs bin, dass ich mit den Leuten hier möglichst wenig zu tun haben will. Sie verhalten sich so unfreundlich, wobei man es allgemein in Berlin behaupten kann. Ich habe jedoch eine auffällig starke Konzentration an scheinbar ungebildeten und arroganten Zicken gemerkt, die ich sonst woanders nicht mitbekommen hatte. Alle gleich aussehend, dürr, mit langen glatten Haaren in einem hochgezogenen Pferdeschwanz, voll tätowiert und meistens in Begleitung von kräftig gebauten Männern mit rasiertem Schädel. Keine Verallgemeinerung machen, klar, aber jedesmal schauen sie sich mich feindlich an, wenn sich unsere Blicke zum Beispiel an der Kasse am Supermarkt treffen. Ich weiß, dass ich nicht wie eine Deutsche aussehe. Ich sehe nicht mal wie eine Französin aus. Ich habe gedacht, der Jugendlicher, der uns so angestarrt hat, müsste von seiner ganzen Umgebung angesteckt worden sein. Und ich habe blöderweise auf der Straße von einem Einbürgerungstest erzählt.

Wir sind wie immer durch den hinteren Eingang zum Haus weiter gegangen. Der Weg ist kürzer. Da ich mein Fahrrad nicht mehr im Durchgang übernachten lassen kann, habe ich es an meine Parkplatzsperre angeschlossen. Martin hatte sein Motorrad auf meinem Parkplatz gelassen. Wir haben uns weiterhin unterhalten. Plötzlich kam aus der anderen Seite vom Spielplatz der Rauchende auf uns zu, wobei er kurz gezögert hat. Stimmt. Der Spielplatz ist auf beiden Seiten vor dem Haus zugänglich. Er muss uns reden gehört haben. Ich habe nicht gewartet, habe Martin gehetzt, der noch unbesorgt vor dem Haus stand und ausschließlich mit seinem Handy beschäftigt war, und habe die Tür zum Durchgang wieder abgeriegelt. Ich habe mich ganz schlecht gefüllt.

In die Wohnung angekommen, habe ich kein Licht angemacht und bin direkt zum Fenster gegangen. Erst dann hat Martin gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Ich habe gesehen, wie die beiden Jungs das Haus beobachteten. Sie haben sich zuerst im Dunkel vor der Durchgangstür versteckt. Wenn der Rauchende nicht weiter an seiner Kippe gezogen hätte, hätte ich sie vielleicht nicht gemerkt, aber der rote Punkt war nicht zu übersehen. Sie sind hin und her zwischen Tür und Parkplatz gegangen. Ich habe gedacht, dass sie gesehen haben, wie wir das Fahrrad geschoben haben, und etwas Blödes damit anstellen wollten. Martin meinte, sie würden sich nur verstecken, um heimlich zu rauchen und hätten nichts Böses vor. Ich bin nicht überzeugt. Der Spielplatz ist um die Uhrzeit viel geeigneter dafür. Und ich weiß noch, wie sich die ungebildeten jungen Männer in meinem Dorf damals verhalten hatten, als ich zum Gymnasium ging. Stolz darauf zu erzählen, dass sie jemanden geprügelt hatten, oder wieder eine Nacht bei der Polizei verbracht hatten. Wie ein Wettbewerb. Vielleicht dachten sie, dadurch die Mädels beeindrucken zu können. Die gleichen Trottel findet man leider überall wieder.

Ein Auto kam mit Scheinwerfern an, und sie haben sich hinter der Hecke vor der Tür verkrochen. Die Passagiere sind zu einem Nachbarhaus gegangen. Erst als sie weg waren, sind die Beiden aus ihrem Versteck gekommen und haben wieder das Haus beobachtet. Nicht lange, kurz danach kamen zwei weitere Autos an. Als die Leute ausgestiegen sind, sind die beiden Jungs mit gebücktem Rücken in Richtung Spielplatz wieder verschwunden. Anscheinend endgültig.

Es hat lange gedauert, bis ich einschlafen konnte.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Eins stinkt mir

Und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.

Es geht um meine Familie. Ich sehe sie kaum, da ich so weit weg lebe. Bei meiner Mami wünsche ich mir, dass wir uns häufiger sehen könnten. Sonst bin ich eher froh, so wenig Kontakt mit den Anderen zu haben. Vor allem seit letzter Woche.

Ich weiß nicht, wer wen so schlecht beeinflusst hat. Tatsache ist, dass mein Bruder und mein Vater sich immer mehr dem Rechtsextremismus nähern. Ihre Ausländerfeindlichkeit habe ich schon früher gemerkt, vor allem bei meinem Vater. Dagegen zu argumentieren hilft nicht. Mein Vater hat nur Vorurteile im Kopf, die der Realität nicht entsprechen, und ist überfordert, wenn er darüber hinaus nachdenken muss (was häufig mit Wutausbrüchen endet). Seine Freundin ist nicht besser. Sie braucht nur eine Frau mit Kopftuch zu sehen, um sich sofort aufzuregen und vor sich hin zu schimpfen. Sie kann sich dabei extrem bösartig verhalten. Als wir vor einigen Jahren am Strand in Fréjus waren, sind einmal drei jungen Araber an uns vorbei gegangen, zwei Männer und eine Frau, die sich unterhielten. Barfuß, da es überall Sand gibt. Als die Frau näher kam, habe ich eine gebrochene Glasflasche im Sand gemerkt und sie darauf aufmerksam gemacht. Die Freundin meines Vaters war sauer darüber, weil sie sich so sehr gefreut hätte, wenn die Frau sich verletzt hätte. Sie hat wirklich einen Dachschaden. Bei meinem Bruder hatte ich bis jetzt nicht so viel in die Richtung gemerkt, was wohl daran liegen muss, dass ich ihn seit seiner Schulzeit kaum gesehen habe. Er war noch minderjährig, als ich vor fünfzehn Jahren nach Deutschland umgezogen bin.

Jetzt sind die Beiden dabei, an Veranstaltungen vom Front National teilzunehmen und lokalen Kandidaten zu unterstützen. Das war letzte Woche. Und sie sind so stolz darauf, dass sie Fotos davon auf Facebook hochladen, wo sie strahlend neben den Parteimitgliedern stehen. Mir stinkt’s gewaltig. Mit Rechtsextremisten will ich nichts zu tun haben. Ich denke, ich sollte den Kontakt mit ihnen völlig abbrechen. Mit meinem Vater kommuniziere ich sowieso extrem selten. Etwa an Geburtstagen und Feiertagen. Sonst rufe ich ihn nicht an, und er mich auch nicht, außer wenn es ihm gerade schlecht geht, wie im Sommer. Es wird keinen Unterschied machen. Wir hatten mit Martin vor, ein Wochenende in Mai in Südfrankreich zu verbringen, er wollte meine Familie kennen lernen. Ich meine, es reicht, wenn wir nur meine Mutter besuchen.

Außerdem finde ich diese politische Gesinnung in meiner Familie umso mehr lächerlich, wenn man weiß, dass wir ursprünglich gar nicht aus Frankreich sind. Mein Vater ist in Tunesien geboren. Seine Eltern waren aus Malta dahin umgezogen, bevor sie 1956 gezwungen wurden, das Land zu verlassen. Wie kann man sich mit einem solchen Migrationshintergrund als Ausländerfeindlich erklären?


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Wahlvorbereitungen bei den Rechtsextremisten

Ich saß im Großraumwagen in einem Zug, ich weiß nicht mehr wohin wir fuhren. Ich war fast allein da. An einem Bahnhof hätte ich aussteigen sollen, aber ich bin geblieben. Viele Männer sind eingestiegen. Sie haben sich auf den Sitzplätzen neben mir hingesessen. Ich glaube, sie haben mich gar nicht bemerkt, ich hatte mich auf zwei Sesseln hingelegt und versteckt. Ein Mann hat sogar auf mich gesessen.

Nach einiger Zeit haben sie angefangen, sich laut über Ausländer zu beschweren und zu diskutieren, wie man sie los werden könnte. Plötzlich ist Jean-Marie Le Pen aufgetaucht, hat seine Ideen darüber erklärt und gesagt, es stünde alles in seinem Wahlprogramm. Die anderen Leute im Wagen haben sich dann gefragt, wie sie am Besten den Rest der Bevölkerung überzeugen könnten, für Le Pen zu wählen.

Ab und zu sind Araber durch den Wagen gegangen und haben sich über die Rechtsextremisten lustig gemacht, indem sie sie begrüßt und geküsst haben. Ich habe mir Sorgen für sie gemacht, ich fand es selbstmörderisch, aber irgendwie ist keiner nach ihnen gegangen. Mich hat das ganze Gespräch angekotzt und ich bin am nächsten Bahnhof ausgestiegen.

Meine Mami war da und fragte mich, ob ich endlich bei meiner Ausspionierung von den Rechtsextremen etwas Nützliches gegen sie erfahren konnte. Ich musste zugestehen, dass es mir nicht gelungen war, weil ich zu früh ausgestiegen war.

Irgendwie komisch, dass dieses Thema von Ausländerhass in meinen Träumen immer wieder vorkommt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Nazi-Demo, Polizei…

Ich war heute Morgen in einer unbekannten Stadt unterwegs. Als ich mich einer großen Kreuzung näherte, hörte ich, wie viele Männer einen Slogan skandierten, begleitet von einer Trommel. An der Ampelkreuzung habe ich links geschaut und gesehen, dass gerade eine Nazi-Demo im Anmarsch war. Damit wollte ich natürlich gar nichts zu tun haben. Als das Männchen grün wurde, bin ich dann schnell über die Kreuzung gegangen. Rechts hatte ein Motorrad an der roten Ampel gestanden. Als der Fahrer mich gesehen hat, ist er aber auf einmal auf mich zu gefahren. Ich bin bis zur anderen Seite gerannt. Der Fahrer hat seinen Kurs geändert, um mich zu erwischen, er hat es aber nicht geschafft und ist weiter Richtung Demo gefahren. Als sein Mitfahrer sich umdrehte, um mir den mittleren Finger zu zeigen, habe ich gesehen, dass sie auch Nazis waren. Der zweite Mann hatte seinen Kopf rasiert und trug einen weißen (!) Pulli, auf dessen Rückseite ein Totenkopf abgebildet war. Ich bin weiter schnell gegangen und habe das Polizeigebäude erreicht, das plötzlich vor meinen Augen erschienen ist. Vorne saßen sechs Polizisten am Schalter, drei waren am Telefonieren, die anderen spielten mit ihren Kugelschreibern in der Hand. Als ich rein kam, hat der Polizist mittig links aufgelegt. Ich habe ihm gesagt, dass ich eine Anzeige erstatten wollte und habe angefangen, das gerade geschehene Ereignis zu beschreiben. Ich habe mich kurz gefragt, ob ich mich nicht bei der Polizei bewerben sollte, oder in der forensischen Abteilung. Eine Frau ist hinter den Männern aufgetaucht, auch eine Polizistin. Sie hatten anscheinend gerade das Mittagessen gehabt, weil die Frau anfing, das Geschirr per Hand zu spülen[1]. Sie hatte sogar die dunkel grünen Papierservietten im Wasser getunkt und fing an, diese sauber zu machen, indem sie sie mit einem Messer kratzte. Ich habe mich gefragt, ob ich wirklich dort arbeiten sollte, ich möchte nicht meine Papierserviette waschen müssen, sie gehören nach dem Gebrauch in den Müll.

In dem Moment hat sich meine Katze völlig aufgeregt und wild gegen etwas gekratzt, was mich geweckt hat.

Einen anderen Traum mit Nazis hatte ich schon, der mir sehr stark in Erinnerung geblieben ist, es war am 02.09.2011. Warum ich davon geträumt hatte, keine Ahnung, aber beim Aufwachen habe ich gedacht, ich könnte auf Wikipedia den Artikel über Neonazismus verbessern und habe tatsächlich gefragte Quellen gefunden, so dass ich den Traum noch gut datieren kann.

Ich war in der Stadt unterwegs und wollte nach Hause. Ich bin dafür Richtung Hauptbahnhof gegangen. Es war in Aachen. Als ich am Hauptbahnhof angekommen bin, habe ich eine große ordentliche Truppe von Männern in den SS-Uniformen gesehen, die am Marschieren waren. Ich wollte mich gleich umdrehen und einen anderen Weg nach Hause finden, da hat mir ein Polizist auf der Straße angehalten und gesagt, ich dürfte jetzt nicht mehr nach Hause gehen. Da ich Ausländerin bin[2], hat er mir gesagt, ich sollte in den Bahnhofgebäude rein, dort würde sich jemand um mich kümmern. Im Bahnhof angekommen, habe ich eine lange Schlange von Ausländern gesehen. Eine Frau aus Kamerun stand vor mir, mit ihrem Baby auf dem Arm. Ich habe gesehen, dass am Anfang der Schlange Ärzte waren, die jedem eine Zwangsimpfung machen mussten. Auf beiden Seiten der Ärzte waren Polizisten mit Waffen, die uns dazu zwingen wollten, die Impfung anzunehmen. Danach sollten wir woanders hin gebracht werden. Ich habe an meine Katze gedacht, die alleine zu Hause geblieben war. Ich wollte nirgendwohin ohne sie, es wäre zu grausam, sie zu verlassen. Irgendwie habe ich die Flucht ergriffen können und habe mich zu meiner Wohnung geschlichen. Der Krieg hatte richtig ausgebrochen, man sah aus dem Fenster nur noch Truppen von Soldaten, die jedes Haus durchsuchen wollten. Alle meine Fenster waren gebrochen, überall lagen Glasscherben. Als die Soldaten bei mir kamen und an die Tür klopften, habe ich mich ganz leise mit meiner Katze versteckt, sie haben uns nicht gemerkt. Ich habe beschlossen, von zu Hause aus versteckt mit Hilfe von Internet über die neuen Kriegszuständen hier zu berichten.

[1] Toll, diese erniedrigenden Rollen-Klischees verfolgen mich bis in den Träumen.

[2] Das sieht man, ich habe den Mediterranen Typ.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

„Il n’a personne vu“

Heute rege ich mich über meine Landesgleichen auf[1]. Und ich fange gleich mit dem Zitat im Titel an.

Nach meiner Promotion habe ich einen kurzen Vertrag für eine Arbeit in einem Forschungsinstitut in Frankreich bekommen. Fast alle meine Kollegen waren Franzosen, wir hatten auch einige Ausländer in meiner Gruppe, unter anderen einen Deutschen, Burkhardt, der seit zwei oder drei Jahren schon da war und fleißig Französisch lernte[2]. Wir sind eines Tages mit ihm und anderen Kollegen in die Mensa gegangen. Burkhardt hat uns eine Anekdote erzählt, ich weiß nicht mehr genau, worum es ging, aber er hat irgendwann gesagt, dass ein Mann niemanden gesehen hatte. Dabei hat er versehentlich die deutsche Grammatik eingesetzt und das Partizip am Ende gesagt: „Il n’a personne vu“, statt „Il n’a vu personne“. Im Grunde sind nur zwei Wörter getauscht. Nicht schlimm, man kann’s trotzdem verstehen, dachte ich. Was für eine Aufregung bei meinen französischen Kollegen! Einige haben nur gelacht, nachdem ich sein Fehler erklärt habe; eine andere Wissenschaftlerin konnte sich aber nicht mehr beruhigen, weil der Satz für sie völlig unverständlich war, und hat sich nur noch darüber aufgeregt, er sollte wenigstens richtig Französisch sprechen, wenn er sich mit den Leuten hier unterhalten wollte. Die blöde Zicke hat mir ein wenig Leid getan[3]. Wenigstens hatte sich Burkhardt die Mühe gegeben, sich unsere Sprache zu eignen. Ich würde gerne sehen, wie sie in sich in Deutschland ausdrücken würde. Deutsch hat sie anscheinend nie gelernt, sonst hätte sie sein Fehler verstanden. Diese Geschichte zeigt mir, wie verschlossen und intolerant einige Franzosen gegenüber andere Sprachen oder Ausländer sein können. So wenige Franzosen sind es nun auch nicht…

2002 hatten wir eine Präsidentschaftswahl. Wie üblich gab es zwei Wahlgänge, zwei Wochen voneinander entfernt, jeweils sonntags. Ich hatte damals den langen Weg aus Deutschland zu meiner Heimat gemacht, um mich an die Wahl zu beteiligen – das war gleichzeitig die Gelegenheit, meine Eltern zu besuchen. Am ersten Sonntag, Ende April, habe ich mit der Tagesschau abends einen tiefen Schock bekommen, als die Ergebnisse bekannt gegeben wurden. Bei einer Wahlbeteiligung von knapp 72% haben 17% der Wähler ihre Stimme für die rechtsextremistische Partei von Le Pen gegeben, und ihn damit ermöglicht, zum zweiten Wahlgang zu kommen, wo nur noch zwei Kandidaten übrig bleiben dürfen. So konnte Chirac mit 82% der Stimmen zum zweiten Mal gewählt werden. Mein Volk, meine Heimat? Nein, ich kann mich seitdem wirklich nicht mehr mit diesem Volk identifizieren[4].

Das schlimme daran ist, dass ich langsam den Eindruck bekomme, die meisten Wähler sind nicht in der Lage, sich über eine Partei oder über die Lage ihres Landes ein klares Bild zu machen – sie haben keine blasse Ahnung. Das sehe ich täglich auf Facebook. Ein Beispiel von heute Morgen: Eine Bekannte aus der Schulzeit teilt einen Status mit politischem Charakter aus irgendeiner Seite mit, in dem sehr karikaturistische Aussagen über die Parteien von links und rechts gemacht werden, und wo klar wird, dass der Autor die Linksangehörigen für Vollidioten hält und die Rechtsangehörigen für deutlich überlegener. Es ist mir im Grunde egal, wie der Verfasser dieses Status politisch orientiert ist. Was mich stört ist, neben der Benutzung von spöttischen pauschalen Aussagen ohne Quelle, um deren Gültigkeit zu prüfen, der letzte Satz (von mir ins Deutsche übersetzt): „Wenn eine Person einer rechten Partei diesen Status liest, teilt sie ihn mit. Eine Person der Linke nicht.“ Und gleich die Reaktion von meiner Bekannte: „Ich bin parteiunabhängig und teile diesen Status mit.“ Ich wollte gleich schreiben, „Du hast dabei vergessen, deinen Gehirn einzuschalten.“ Ich meine, einfach blind einer Aufforderung zum Mitteilen von irgendeinem Text folgen, weil eine unbekannte Person drin impliziert, wenn du nicht mitteilst musst du linksorientiert sein, also ein Vollidiot? Hallo? Das nenne ich einfach Spam zwecks Hirnwäscherei. Und es ist leider nur ein Beispiel. Vor zwei Wochen hatten wir ein Bild, der viral auf Facebook geteilt wurde, in dem eine Vergleichstabelle zwischen Arbeitnehmern und Arbeitslosen zeigte, dass man als Arbeitslos am Ende vom Staat viel mehr Geld zum Leben bekommt. Nirgendwo wurde angegeben, woher diese ganzen Zahlen kommen, oder auf welcher Basis sie gerechnet wurden, was Facebook-Benutzer nicht daran hinderte, munter das Bild weiter zu teilen. Wie Rue89 später berichtete (auf Französisch), handelte es sich ursprünglich um einen kleinen Witz, der absichtlich zum Spaß viele Fehler enthielt. Dabei interessierte sich keiner dafür, der das Bild weiter teilte, ob die enthaltene Information wahr ist oder nicht. Ahnungsloses Mitteilen ist aber katastrophal, wenn dadurch wie häufig Ideen von Rechtsextremisten an Gewicht gewinnen. Weil man ja diese populäre Weisheit kennt: „Wenn es auf Internet steht, muss es wahr sein“. Und es ist so bequem, die Schuld für eine schlechte Wirtschaftslage auf eine einfach zu identifizieren Bevölkerungsminderheit zu schieben. Diese Beispiele und viele mehr aus einem nicht geringen Teil meines Bekanntenkreises[5] auf Facebook zeigen mir, dass viele Leute ohne nachzudenken alles glauben, was man ihnen erzählt, und mir dadurch als Wahlunfähig erscheinen.

[1] Wobei ich denke, was ich erzähle wird in anderen Ländern nicht anders sein.
[2] Das alleine ist in meinen Augen schon lobenswert. Ich habe in Deutschland französische Kollegen gehabt, die sich nie die Mühe geben wollten, Deutsch zu lernen.
[3] In der Grundschule hatte man – wenigstens noch in meiner Zeit, und die Frau ist älter als ich – eine Übung gehabt, wo Wörter eines Satzes in einer beliebigen Reihenfolge angegeben waren, und man musste sie richtig anordnen, um einen Sinn zu bekommen. Dass sie das in diesem kleinen Satz nicht mal hinbekommen hat, fand ich… traurig.
[4] Ich kann das Ansehen der französischen Flagge auch nicht mehr ertragen, sie ist in meinem Kopf zu sehr mit dieser Partei verbunden. Die haben sie ja in ihrem Logo verarbeitet.
[5] Und aus meiner Familie…


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Deutsche, Ausländer und die Wirtschaftskrise

Oder wie ich mich einmal so angeekelt reden lassen habe, dass mir nichts mehr einfiel. Ich hasse diese Momente der Sprachlosigkeit.

Ich war mit einem gut befreundeten Arbeitskollegen, Sebastian, ein blonder Deutscher, und seiner Frau Amandine, eine Afrikanerin, in der Stadt unterwegs. Es war Frühling, glaube ich, und wir gingen die Straße vom Markt runter. Da kam auf uns ein Paar zu. Der Mann, ein Deutscher, geschätzt über 30, schon mit vielen grauen Haaren in seiner schwarzen Frisur, war ein früherer Kommilitone von Amandine und fing dann an, mit ihr zu reden. Die Frau, auch eine Deutsche und blond, stand neben ihm und sagte nicht viel. Erst wurden Banalitäten über das Leben nach dem Studium ausgetauscht. Der Mann war seit über einem Jahr an seiner Diplomarbeit beschäftigt und teilte seine Tricks mit, wie er es schaffte, trotz seines Alters als Student bei seinem Job keine Steuer bezahlen zu müssen. Amandine erzählte, sie war inzwischen seit Jahren mit Sebastian verheiratet, hatte bei einer Chemie-Firma gearbeitet und war jetzt schwanger. Die Bemerkung ihres Kommilitonen zu seiner Freundin: „Na Schatz, es wird langsam Zeit, dass wir uns auch an die Arbeit machen“, lachte und klatschte mit der Hand gegen ihr Hinten. Gezwungenes Lachen, ich kannte den Mann nicht und fragte mich, ob er sich wirklich immer so wie ein Vollidiot verhalten würde, oder ob es nur zum Spaß gedacht war.

Als ich noch am Grübeln war, glitt die Diskussion über Ausländer. Der Mann vertritt offenbar der Ansicht, dass Ausländer in Deutschland nur der Wirtschaft schaden würden, da diese meistens nur froh wären, ihr Arbeitslosengeld zu beziehen und gemütlich zu Hause auf Kosten des Staates leben zu können. Ich musste gerade an den Bäcker bei mir unten um die Ecke denken, der Türke ist und das ganze Jahr von 06:30 bis 23:00 an der Theke steht, ohne einen Ruhetag in der Woche zu haben. Abgesehen davon, dass ich von pauschalen Behauptungen nichts halte (ja, das ist auch eine pauschale Behauptung), fand ich seine plötzliche Tirade sehr unpassend, da Amandine Afrikanerin ist. Sie ließ sich nicht irritieren und sagte nur lachend, er würde übertreiben. Was konnte ich noch dazu sagen? Mir hat es die Sprache verschlagen. Stellt euch mal vor, ein Deutscher, der mit über 30 immer noch Student ist, seine Diplomarbeit nach so langer Zeit noch nicht fertig geschafft hat und stolz drauf ist, ein Steuerhinterzieher zu sein, versucht uns ernsthaft einzureden, dass was dem Staat richtig Geld kostet die faulen Ausländer seien. Dabei stand seine Freundin neben ihm und lachte ab und zu, allerdings nicht sehr überzeugend. Ich wollte sie an die Schulter packen, sie schütteln und ihr sagen, „Was treibst du mit dem Mann überhaupt? Wach auf! Klar, viele Frauen wollen nicht alleine leben, aber es ist noch lange kein Grund, sich einem solchen Drecktyp vor die Füße zu werfen!“ Ich habe sie genauer betrachtet und dann gemerkt, „Na ja, so hübsch ist sie auch nicht, vielleicht glaubt sie, keinen abkriegen zu können… Aber trotzdem, allein zu sein ist immer noch besser, als schlecht begleitet zu sein…“ Sie hat meinen Blick gemerkt und ihrem Freund dann halb verschämt gesagt, er solle damit aufhören. Nach einem „Ist doch wahr“ sind die beiden nach Hause gegangen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.