Tagung in Österreich

Wir sind am Donnerstag gegen mittags nach Salzburg geflogen. Die Alternative mit der Bahn fand ich mit über zehn Stunden Fahrt nicht besonders attraktiv, und ich hatte keine Mühe gehabt, meinen Chef und unsere Studentin davon zu überzeugen, den Flugzeug zu benutzen. Gerne hätte ich Günther, einen ehemaligen Kollegen, besucht, der seit einigen Jahren dort arbeitet, aber die Zeit dafür hatte ich nicht. Mein Chef hatte einen Leihwagen gebucht und wir sind direkt vom Flughafen zum Tagungsort gefahren – ein sehr schönes Hotel in der Nähe eines großen Sees umgeben von Bergen. Es ist definitiv ein Ort, an dem ich für den Urlaub zurück fahren möchte.

Das Programm der Tagung war sehr dicht, mit vielen Teilnehmern aus mehreren Ländern, wir haben in drei Tagen über dreißig Vorträge gehört. Es war für mich nicht einfach, weil ich in dieser Thematik ganz neu bin, ich bin als Programmiererin quer eingestiegen. Meine Biologie-Kenntnisse stammen aus dem Gymnasium, und das liegt schon fast zwanzig Jahre zurück. Außerdem war die Tagung für junge Wissenschaftler gedacht, damit sie Übung im Präsentieren von Ergebnissen bekommen, Credit-Points konnten sie dafür kriegen. Ich habe auch einen Vortrag gehalten, weil mein Chef es so wollte, aber es passte nicht richtig im Konzept der Tagung. Es hat doch Vorteile, dass ich noch sehr jung aussehe.

Abends gab’s von den industriellen Ausstellern freies Bier in der Kneipe vom Hotel. Ich habe am ersten Abend den eingeladenen Lecturer aus Ungarn kennen gelernt, der als einzige geduldeter deutlich älterer Wissenschaftler als Highlight der Tagung eine Vorlesung gehalten hatte, in der ich vieles lernen konnte. Wir haben den ganzen Abend fachlich geredet. Neben uns haben Doktoranden die Kegelbahn benutzt, was mich nicht besonders interessierte. Ein industrieller Aussteller hatte anscheinend schon ganz früh zu viel getrunken, weil er mit nicht richtig zu gemachter Hose überall in der Kneipe nach seiner Tasche suchte, wobei er mindestens fünf mal zu unserem Tisch gekommen ist und uns gefragt hat, wo seine Tasche wäre. Der Wirt hat irgendwann die Geduld verloren und ihn unsanft zum Hotelempfang gebracht. Der Mann hat am nächsten Tag in der Sponsoren-Session die Produkte seiner Firma vorgestellt, aber es war klar, dass sie nicht mehr marktführend in dem Sektor sind. Irgendwie Schade, ich hatte mit den Geräten dieser Firma vor fünfzehn Jahren angefangen zu arbeiten. Als mein Gesprächspartner nach einem Telefonat zurück zum Tisch kam, fragte er mich, ob die Studenten mich zum Kegelspielen eingeladen hätten. Da ich dies verneinte, meinte er mit angeekelter Miene, „They don’t care“. Ich wollte ihm gleich „Welcome in Germany“ antworten, als mir einfiel, dass wir in Österreich waren. Außerdem gab’s Interessanteres zu besprechen, als über die nicht philanthropischen Art von Deutschen zu philosophieren. Ich habe mich seit langem daran gewöhnt, aber ich sehe immer wieder, dass es für ahnungslose Ausländer wie ein Schock wirkt. Die Doktoranden kannte ich eigentlich schon vage seit Dienstag, sie hatten einen Vortrag bei unserem Meeting gehalten. Wir sind auch später ins Gespräch gekommen und haben zusammen gespielt, nachdem mein Gesprächspartner sie darum gebettet hat, obwohl Kegeln nicht mein Ding ist. Ich bin nach Mitternacht zu meinem Zimmer gegangen. Schlafen konnte ich lange nicht, weil Leute unter meinem Fenster laut diskutiert haben. Wie ich am nächsten Tag erfahren habe, war unsere Studentin daran schuld, sie hatte sich bis 05:00 mit anderen Studenten unterhalten.

Am zweiten Abend habe ich mich mit einer Österreicherin unterhalten. Es gab nicht viele Anknüpfungspunkte, ich kenne sie nur durch eine ehemalige Mitarbeiterin aus meiner Gruppe, die ausgeschieden ist, bevor mein Vertrag anfing, und mit der ich selber nur einmal gesprochen habe. Ich habe erwähnt, dass ein früherer Kollege von mir jetzt wie sie an der Uni Salzburg arbeitet, mit der Bemerkung, dass sie ihn kaum kennen dürfte, da er Mineraloge ist. Aber als ich den Namen von Günther erwähnte, war sie ganz überrascht, und meinte, sie hätte Vorlesungen von ihm gehört. Klar, ich hatte völlig vergessen, dass er unsere Methode für Biologen unterrichtet hatte. Ich bin relativ früh zu meinem Zimmer gegangen, weil ich am Samstagvormittag meinen Vortrag halten musste. Ich hatte mir Sorgen gemacht, weil die vorgesehene Zeit die Hälfte von meinem Vortrag am Dienstag war, und ich musste heftig meine Folien kürzen. Ich habe es doch gut geschafft, die Zeit einzuhalten. Mittags ging die Tagung zu Ende, wir haben nicht gegessen und wir sind sofort zum Flughafen zurück gefahren.

Im Flugzeug saß in der Reihe vor mir eine dünne Frau um die vierzig mit zwei kleinen Kindern, die extrem nach Käse roch. Die Kinder haben auch gestunken, ich habe vom Anfang an gedacht, dass sie die Windeln voll haben mussten. Es hat mich genug gestört, dass ich trotz verpasstes Mittagessens das verteilte Snack nicht essen wollte. Als die Frau nach einer guten halben Stunden anfing, auf den Sesseln selbst die Windel von dem kleinsten zu wechseln, hat eine Stewardess sie angesprochen und gesagt, dass es in der Toilette einen Wickeltisch gibt und es völlig unhygienisch für die anderen Gäste wäre. Die Frau hat die typische „Leck mich am Arsch“ Haltung adoptiert und meinte, sie hätte erwartet, von der Stewardess mindestens Verständnis zu bekommen, da sie überfordert wäre, mit ihren zwei Kindern alleine zu reisen. Dass die Stewardess eine Frau ist, bedeutet aber lange nicht, dass sie solche rücksichtslose Verhalten von anderen Frauen verteidigen muss. Wir hatten sowieso nicht mehr lange zu fliegen, und die Kinder hatten schon so lange gestunken, das bisschen Warten hätte keinen Unterschied mehr gemacht. Mich wundert, dass sie es nicht früher gemerkt hat, aber ich habe den Eindruck bekommen, dass es ihr wirklich Spaß gemacht hatte, die anderen Reisende auf dieser Weise zu stören.

Ich bin mit meinen Kollegen noch eine Weile S-Bahn gefahren, wir wollten in die gleiche Richtung, wobei ich am weitesten vom Flughafen wohne – uns am nähesten von der Arbeit. Ich habe beschlossen, meinen Laptop im Büro zu lassen, statt damit nach Hause zu fahren und ihn am Montag zu schleppen. Ich konnte danach noch einkaufen gehen, und habe den Rest des Wochenendes zu Hause verbracht. Ich glaube, ich habe mich erkältet. Meine Katze, die von meiner Nachbarin gepflegt wurde, hat sich gefreut, mich wieder zu sehen, und hat mich am Sonntag nicht mehr los gelassen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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