Oberstufe

Ich bin auf ein altes Foto gestoßen. Es stammt aus meinem ersten Jahr Oberstufe, vermutlich im Herbst 1991. Ein Gymnasium in einer mittleren Stadt im Var.

Es ist ein schlechtes Foto. Damals hatten wir alle diese billige Einweg-Fotoapparate, die mit eingebautem Film verkauft waren und einfach so zum entwickeln abgegeben wurden. Ich hätte gedacht, dass sie jetzt völlig aus dem Markt verschwunden wären, aber nein, man kann immer noch welche finden.

Oberstufe
Was man auf dem Foto sieht, ist das Mädchen-Internat, ein Großraum ganz oben im vierten Stock vom Gymnasium. Ich war dort gelandet, weil ich zwar bis zum Ende der Mittelstufe in meinem Dorf studieren konnte, aber die Oberstufe in der Stadt 35 Kilometer von zu Hause entfernt statt fand. Es war zu weit weg, um täglich die Strecke hin und zurück zu fahren; ich habe Bus- und Autoreisen sowieso nie gut ertragen, vor allem auf unseren kurvenreichen Strassen. Ich war ehrlich gesagt nicht so unglücklich darüber, nur am Wochenende nach Hause zu fahren.

Das damalige Internat sah furchtbar aus. Wir haben erzählt bekommen, dass es während des zweiten Weltkrieges als Krankenhaus für verwundete Soldaten benutzt wurde (um uns zu sagen, wir sollten uns nicht beschweren?). Ungefähr vierzig Mädchen haben dort gelebt und sich vier Duschen geteilt. Jeder Vorhang diente als Tür für ein Doppelzimmer. In jedem Zimmer waren rechts ein Etagenbett, links ein Schrank, ein niedriger Schreibtisch und ein Kinderstuhl. Mehr passte nicht rein. Den Schreibtisch und den Stuhl hätten sie sich sparen können, wegen der Größe waren sie unbenutzbar und wir hatten unsere Hausaufgaben sowieso in einem großen Saal geschrieben.

Ich teilte mein Zimmer mit Christelle. Christelle war eine große Fan von der Olympique de Marseille, deshalb hatte sie das blaue „OM“ an unsere Außenwand gemalt. Sie war auch extrem magersüchtig und hatte sich abends immer versteckt, damit die Aufsichtperson nicht mitbekommt, dass sie das Abendessen in der Kantine geschwänzt hatte. Ich hatte mir das Bett oben ausgesucht. Wenn ich drin aufrecht saß, konnte ich in den Nachbarzimmern einen Blick werfen, weil die Wände nicht so hoch waren. Auf meiner Höhe rechts schlief Marie-Pierre, die, wie ich, Italienisch als dritte Fremdsprache ausgewählt hatte. Wir haben uns abends häufig mit Konjugation über die Wand getestet.

Auf dem Bild stehen wir vor meinem Zimmer. Es ist abends. Ich glaube, Caroline hatte das Foto gemacht. Anscheinend schminke ich mir meine Augen ab. Neben mir, an der Heizung angelehnt, steht Sandra. Sie kam uns ursprünglich suspekt vor, weil sie aus dem Norden kam (in Wirklichkeit, irgendwo mittig in Frankreich). Wir haben uns angefreundet. Das große Mädchen gegenüber von uns ist Iris. Sie kam aus Holland, und es ist alles, woran ich mich noch erinnere. Sie hat auf Jean-Christophe, einen Kommilitone von mir, einen großen Eindruck gemacht. Einige Jahre nach dem Gymnasium habe ich ihn zufällig auf einer Mediziner-Party in Nizza getroffen, und alles, was er mich fragte, war, ob ich wüsste, was aus Iris geworden war. Noch ein paar Jahre später habe ich Jean-Christophe in Metz getroffen (Zufälle gibt’s…) und er fragte mich immer noch nach ihr. Ich habe keine Ahnung. Nach dem Gymnasium habe ich kaum Kontakte mit meinen Mitschülerinnen gehabt.

Nach meinem ersten Jahr in der Oberstufe haben wir ein nagelneues Gebäude als Internat bekommen. Wir haben Mini-Appartments bekommen, mit zwei Doppelzimmern (mit getrennten Betten), einer Dusche und eine Toilette für vier Mädchen. Es hat sich wie der reine Luxus angefühlt.

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