Schlecht gelaunt

Es ist hormonenbedingt. Ich muss mich daran erinnern und mich selber aktiv dagegen aufmuntern, was diese Woche schwierig genug war. Der Monat ist so schnell vorbei gegangen. Und es hat gerade erst angefangen.

Gestern Abend hatte ich nach dem Sport keine Lust, mir etwas zu essen zu vorbereiten. Ich bin zum Pizza-Laden bei mir um die Ecke gegangen. Auf dem Weg hat mich meine Mami angerufen. Ich habe mich gereizt gefühlt, mit dem Fahrrad anhalten zu müssen, um das Handy in meinem Rucksack zu suchen. Ich war zu spät dran und musste zurück rufen. Als ich nach dem Anruf weiter fahren wollte, ist mir aufgefallen, dass die Kette gesprungen war. Ich musste sie im Dunkel wieder in Ordnung bringen und habe mir die Finger versaut. Es war auch kalt. Beim Pizza-Laden angekommen, fragte mich ein junger Mann hinter der Theke als Begrüßung: „Süß oder Sauer?“ Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete. Ich wollte bloß ein Pizza bestellen. Das hat er wiederholt. Ich: „Häh?“ Ich hatte Hunger und war schon von meiner Fahrradkette geärgert. Ein anderer Junge hinter der Theke: „Sie versteht dich nicht.“ Ich fand’s sehr frech von ihm. Dann meinte der Erste: „Es ist Halloween“. Ach so… Da ich schon da war, habe ich ein Pizza bestellt, aber ich habe mich ernsthaft gefragt, ob ich in Zukunft noch dahin will. Es gab kein Trinkgeld. Um nicht blöd zu bleiben, habe ich zu Hause auf Google exakt nach dem Ausdruck gesucht. Auf der ersten Ergebnisseite waren nur zwei Links, die etwas mit Halloween zu tun hatten. Man kann also nicht wirklich behaupten, es wäre allgemein bekannt.

Ich bin heute den ganzen Vormittag zu Hause geblieben. Ich hatte auf Ebay eine Kommode bestellt, weil ich es einfacher finde, als in der Stadt stundenlang Läden zu besuchen, und man weiß nie, wie viel es am Ende noch kostet, um Sachen geliefert zu bekommen. Die Lieferung ging sehr schnell. Leider war ich an dem Tag nicht zu Hause. Am Dienstag um 09:17 habe ich auf meiner privaten Email-Adresse eine Nachricht der DPD bekommen, um mich zu informieren, dass die Lieferung gerade ab einer Stunden später statt finden würde. Die spinnen wohl. Um die Uhrzeit war ich schon lange bei der Arbeit, und dort lese ich meine private Emails nicht. Bei den Nachbarn haben sie offensichtlich nicht geklingelt. Ich durfte gnädigerweise einmalig einen neuen Termin für die Lieferung beantragen. Das habe ich am Dienstagabend für heute gemacht. Und am Mittwoch früh sagte mir mein Chef, er hätte heute einen Termin und könnte die Nutzerbetreuung nicht selber machen, ob ich ihn nicht ersetzen könnte. Zum Glück ist sein Termin gestern geplatzt. Ich habe dafür auf meinem Rechner PuTTY und Xming konfiguriert, um von zu Hause aus arbeiten zu können. Ich habe am Anfang nicht verstanden, was ich machen sollte. Als es endlich klappte, musste ich feststellen, dass es wirklich frustrierend ist, weil es immer ewig dauert, wenn ich mit graphischen Fenstern arbeiten will. Emacs brauchte eine gute Minute um zu starten. Die Interaktion mit meinem selbst entwickelten Programm ging genau so schleppend. Ich habe trotzdem etwas schaffen können.

Heute Abend hat mich Hülya angerufen. Mit einer neuen Telefonnummer, sonst wäre ich nicht dran gegangen. Zugegeben, meine geärgerte Reaktion hat mit meiner Periode nichts zu tun gehabt. Sie hatte sich so lange nicht mehr gemeldet, dass ich dachte, ich wäre frei von ihr und müsste meine Handynummer doch nicht wechseln. Tja. Sie war anscheinend wieder zu meiner alten Wohnung gewesen, da sie mich fragte, wo ich jetzt wohnen würde. Als ich antwortete, dass es ihr nichts angeht, meinte sie, „Ich hab’s verstanden, du willst nichts mehr mit mir zu tun haben“. Es hat aber lange gedauert, dafür, dass ich sie seit Februar vermieden habe. Morgen fahre ich zum O2-Laden. Eigentlich habe ich sofort schauen wollen, ob es möglich wäre, online eine Änderung der Rufnummer zu beantragen. Und habe dabei festgestellt, dass meine alte Adresse noch als Kontaktdaten vorhanden war. Obwohl ich im August schon meine neue Homezone angeben habe. Die sind genau so trottelig wie bei der Deutschen Telekom. Bei den Kontaktdaten in meinem Konto auf O2 gibt es einen Knopf, um die Adresse zu ändern. Es funktioniert gar nicht. Man kann so lange drauf drücken, wie man will, es passiert nichts. Ich habe Pop-ups ausnahmsweise erlaubt. Ghostery hat nichts gesperrt, Adblock Plus auch nicht. Deswegen muss ich morgen früh zum Shop. Wenn die Adresse stimmt. Auf der Homepage von O2 kann man keine Information über Läden finden. Ich habe den Shop in meinem Viertel durch Google Maps gefunden.

Und ich bin noch geärgert, weil ich seit Montag so gut wie nichts mit Martin zu tun hatte. Am Mittwoch und gestern ist er ganz früh von der Arbeit weg gegangen. Heute bin ich erst nachmittags im Büro gewesen, und habe ihn nur kurz gesehen: Als ich bei Ronald war, um Post zu liefern, und aus dem Zimmer raus gehen wollte, bin ich fast gegen ihn geprallt, weil er mit hoher Geschwindigkeit ins Zimmer kam. Das war’s. Als ich kurz vor 18:00 mein Büro verlassen habe, war er nicht mehr da. Ich habe keine besondere Rechtfertigung, ihn anzurufen. Also lasse ich es lieber sein. Er hat anscheinend keine Lust, sich mit mir zu treffen, sonst hätte er etwas unternommen. Ich habe auf dem Weg vom Supermarkt zurück nach Hause ein wenig mit einem jungen Mann geflirtet. Der war viel zu jung. Und irgendwie interessieren mich Männer, die auf der Straße mit Bierflasche in der Hand rumlaufen, überhaupt nicht. Die sehen meistens aus, als ob sie sich dadurch attraktiv machen möchten. Abgesehen davon, dass es nicht gerade für deren Reifegrad spricht, finde ich Alkoholiker gar nicht anziehend.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Zurück zu Hause

Die erste Arbeitswoche ist vorbei, ich fahre zurück zu meiner Katze. Ich lasse hinter mir die mit Spinnen infizierte Wohnung. Ich glaube, eine hat mich über Nacht gestochen. Ich habe diese Woche viele Mückenstiche bekommen, auch am Hals, aber ich habe in der Wohnung selbst gar keine Mücke wahr genommen, und der Stich hat, im Gegenteil zu den anderen herum, eine starke allergische Reaktion verursacht. Könnte es schlimmer in dieser Wohnung werden? Ja, wenn die Glühbirnen ausfallen. Ich bin nicht mal eine Woche da gewesen, und schon zwei sind kaputt gegangen. Die Hauptbirne im Schlafzimmer und eine der drei Birnen im Eingangsflur. Beide beim Einschalten des Lichtes. Jetzt lasse ich die anderen Lichter ständig an. Sonst geht auch noch eine andere kaputt, und ich will nicht im Dunkel mit den Spinnen sein.

Ich hoffe sehr, bald eine Wohnung zu finden, um umzuziehen und nicht mehr so lange hin und her mit dem Zug zu fahren. Die letzte Wohnung, die ich diese Woche besichtigt habe, gefällt mir sehr. Sie ist groß genug, ruhig gelegen, und bietet auch im Erdgeschoss Zugang zu einem gechlossenen Innenhof, so dass meine Katze ins Grüne gehen könnte und trotzdem von den Gefahren der Straße geschützt bleibt. Ich habe schon einige der verlangten Nachweise zum Makler geschickt und hoffe auf eine positive Rückmeldung. Selbst wenn ich am Anfang nur ein Bett habe, ziehe ich sofort hin. Und obwohl ich für diese Wohnung eine Maklerprovision bezahlen müsste, wäre die Wohnung auf zwei Jahre gerechnet immer noch billiger, als die erste, die ich am Dienstag besucht habe. Diese war dunkel, hatte so hohe Decken, dass ich viel heizen müsste, hatte auf der Anzeige mit einem Balkon geworben, den ich eher als Fensterdekoration bezeichnen würde, so klein und unbenutzbar ist er, und die Einbauküche war in einem sehr schlechten Zustand, ich hätte sie sowieso entfernt und eine neue eingebaut.

Diese Zugreise kommt mir jetzt wie eine Ewigkeit vor. Wir sind mit Verspätung aus Berlin los gefahren, so dass ich meinen Anschlusszug schon mal nicht erreichen werde. Ich habe es aber geahnt, deswegen habe ich die Arbeit heute Nachmittag früh verlassen, um eventuell noch einen späteren Anschlusszug zu bekommen. Die Antwort meines Chefs, als ich fragte, ob es ging: „Klar, kein Problem“. Cool. Ich habe Fachliteratur im Rucksack eingepackt, aber nach einigen Stunden ist Schluss mit Lesen.

Gegenüber von mir am Tisch sitzt ein junger ausländisch aussehender Mann, ein Spanier, glaube ich, der irgendwie komisch wirkt. Nicht nur, dass er die Nutzung eines Taschentuches anscheinend nicht kennt und die ganze Zeit geschnieft und ungeniert in seiner Nase gebohrt hat. Seit einiger Zeit hantiert er nur noch mit seinen Handys. Ich habe schon ausgeflippt, als er anfing, einen elektrischen Kabel aus einem Aufladegerät nackt zu legen und beide Kupferdrähte schön zu vorbereiten und gerade zu drehen. Als er ein Handy genommen hat und die Batterie raus geholt hat, ging’s mir ganz schlecht, mein Herz schlug ganz wild, und ich musste ihn fragen, was er da trieb. Auf Englisch, weil er kein Deutsch spricht. Worauf er antwortete, dass er seine Batterie aufladen wollte, da er nicht das richtige Gerät dabei hätte. Es scheint auch zu stimmen, wie er dann beide Drähte an der Batterie mit seinem Daum fest gehalten hat und keine weitere Sachen damit verbunden hat, aber irgendwie habe ich Geschichte im Kopf von Terroranschlägen, die mit Batterien von Handys gestartet wurden. Wobei, jetzt, wo ich darüber nachdenke, könnte ich eigentlich keinen konkreten Beispiel nennen. Trotzdem werde ich sehr froh sein, wenn ich endlich aus diesem Zug aussteige. Dadurch, dass ich den jungen Mann angesprochen habe, hat er mich auch Fragen gestellt, und sehr schnell, ob ich verheiratet oder Single wäre. Ich hasse es, wenn fremde Männer sich erlauben, solche persönliche Fragen zu stellen. Ich habe die Frage ausgeweicht, bin aber noch freundlich geblieben, falls er doch vor hätte, den Wagen in die Luft zu sprengen. Ha, ich mache mir bestimmt Sorgen umsonst. Ich habe den Laptop aus der Tasche geholt und angefangen zu tippen, dabei glotzt er mich so ab und zu, als ob er noch das Gespräch suchen möchte, was ich schon nicht mehr will. Das mit dem Anbaggern hat er aber gelassen, als ich ihm nebenbei mein Alter gesagt habe. Ich sehe halt nicht so alt aus. Ich glaube, er steigt in Duisburg aus, dann bin ich alleine am Tisch.

[…] Tja, jetzt, wo er ausgestiegen ist, habe ich mir wirklich umsonst Sorgen gemacht. Wir haben doch weiter gesprochen, er hat erzählt, er ist unterwegs, um einen Freund zu besuchen. Irgendwann hat er seine Handys wieder eingesteckt. Er hat die ganze Zeit versucht, seinen Freund anzurufen, hat aber anscheinend nicht die richtige Nummer gehabt, obwohl der Freund ihn vorher angerufen hatte. Ich denke, weil sein Handy nicht deutsch ist. Meine Mami hatte auch früher das Problem, dass sie meine Nummer nie vollständig auf ihrem Display gesehen hatte, wenn ich sie aus dem Ausland angerufen hatte. Wir haben mit meinem Handy probiert, seinen Freund anzurufen, und es ging nicht. Er hat erzählt, dass er diesen Freund erst morgen besuchen wollte und für gerade 30€, die er noch in der Tasche hatte, irgendwo übernachten wollte. Ich habe ihm viel Glück gewünscht, weil ich nicht weiß, wo man so billig schlafen kann. Ich habe ihm vorgeschlagen, nach Jugendherbergen zu suchen. Ich kenne mich in Duisburg aber gar nicht aus.

Ich bin sonst diese Woche nach einigen Wochen Stille wieder von Hülya angerufen worden. Diesmal hatte sie ihre Nummer nicht versteckt, was mich verunsichert hat. Ich hatte sie auf dem Handy nicht mehr gespeichert gehabt, er waren zu viele Jahre her, als sie sich jedes Wochenende bei mir eingeladen hatte. Ich dachte, es wäre jemand, der für eine Wohnungsbesichtigung anruft, und habe nach dem verpassten Anruf zurück gerufen. So ein Mist, sie war’s. Da ich abends in der Stadt unterwegs war und gerade viel Verkehr vorhanden war, habe ich so getan, als ob ich nicht hören könnte, wer dran war. Nach mehrmaligen „Allo?“ und „Ich höre Sie ganz schlecht“ habe ich wieder aufgelegt. Sie hat mich seitdem drei/vier Male am Tag versucht, anzurufen, aber jetzt, wo ich ihre Nummer kenne, gehe ich nicht mehr dran, das Handy habe ich auf leise gestellt. Sobald ich eine Wohnung in Berlin habe, ändere ich meine Handynummer. Vorher kann ich nicht, da ich diese Nummer für Wohnungsbesichtigungen angegeben habe. Sie hatte damals eine Freundin erwähnt, die bei O2 arbeitet. Ich lasse mich zwar nie in Telefonbüchern eintragen, aber vielleicht sollte ich sogar den Anbieter wechseln, falls sie auf die Idee kommt, diese Freundin nach meiner Nummer zu fragen.

[…] Endlich zu Hause. Die Glühbirne im Flur hat sich hier auch beim Einschalten verabschiedet, es ist wirklich nicht meine Woche mit Lampen. Rucksack auf dem Boden, Katze in den Armen, sie hat sich wieder über meine längere Abwesenheit beschwert, die Arme, ich habe sie auch vermisst, dann konnte ich nicht länger warten, ich bin trotz später Stunde in die Dusche gegangen und habe meine Haare gewaschen. Nächste Woche sind meine Tage vorbei, ich werde dann dafür zu einem Schwimmbad in der Nähe der Arbeit gehen – und dabei noch Sport treiben.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Ein Tag in Karlsruhe

Gestern war schon hart. Ich bin um 05:00 aufgestanden, um mit einem Zug gegen 06:00 zu fahren. Die Idee war, um die 09:00 in Karlsruhe anzukommen, um eine Stunde Zeit zu haben, bis zum Ort des Vorstellungsgespräches zu fahren. Es war warm, der Zug wurde schnell voll, es war eine gute Idee, einen Sitzplatz reserviert zu haben. Ich saß an einem Tisch. Auf der anderen Seite des Ganges saß eine Frau in Begleitung von einem Arbeitskollegen. Sie fuhren zu einer Stadt, deren Namen ich schon vergessen habe, um bei einer Messe Ergebnisse vor verschiedenen Firmen vorzustellen – das habe ich erfahren, weil sie sich die ganze Zeit mit einer Freundin am Telefon unterhalten hat. Sie war dabei so laut, dass ich beschlossen habe, mir im Speisewagen in Ruhe ein Croissant mit Kaffee als Frühstück zu gönnen. Als ich zehn Minuten später zurück kam, war sie immer noch am quatschen. Zum Glück sind wir dann durch Tunnels gefahren, die Verbindung wurde mehrmals abgebrochen, und sie hat eingesehen, dass es keinen Sinn machte, weiter telefonieren zu wollen.

In Karlsruhe ist mir erst aufgefallen, dass es ein sehr warmer Tag werden würde. Ich hatte eins vor der Fahrt vernachlässigt: Mich über das Wetter zu informieren. Mit meinem Kostüm war ich schnell verschwitzt. Ich habe die Jacke ausgezogen und bin mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Forschungszentrum gefahren. An der Pforte waren andere Gäste vor mir, die ebenfalls einen Besucherausweis brauchten. Es hat so lange gedauert, dass ich trotz schnellen Laufens mit fünf Minuten Verspätung zum Termin angekommen bin. Das Institut liegt gut zehn Minuten zu Fuß von der Pforte entfernt. Die Sonne hat auf dem Weg voll geknallt. Auf den Wiesen habe ich die gleichen gelben Blumen wie in meiner Heimat gesehen. Ich habe gedacht, allein wegen des Wetters wäre es schon toll, dort zu arbeiten.

Ich habe im Gebäude die Jacke wieder angezogen und bin zur ersten Etage gegangen. Von meinem Empfang bin ich enttäuscht gewesen. Die Organisatoren haben es scheinbar für unnötig gehalten, irgendwelche Getränke anzubieten – dass habe ich noch nie erlebt, ich hatte bei allen anderen Gesprächen immer mindestens einen Kaffee oder Wasser angeboten bekommen. Vor allem bei der Hitze hätte ich es gestern nötig gehabt. Es sagt für mich schon einiges darüber aus, wie das Wohlbefinden der Mitarbeiter an diesem Institut geschätzt wird. Ich bin zu einem Raum gebeten worden, der trotz vielen Fenstern sehr dunkel wirkte. Zwei Personen waren da, der noch junge Institutsleiter und die Gleichstellungsbeauftragte[1]. Der Institutsleiter hat sich am Tisch gegenüber von mir mit dem Rücken zu den Fenstern so platziert, dass ich ihn kaum sehen konnte: Ich habe die ganze Zeit mit einer dunklen Gestalt gesprochen, deren Gesichtszügen ich nicht mal erkennen konnte. Von dem Gespräch bin ich auch nicht überzeugt gewesen. Es war interessant, aber obwohl ich die Anforderungen erfülle, denke ich nicht, dass ich für die Stelle geeignet bin[2]. Nach dem Gespräch habe ich mit der Leiterin der Personalabteilung kurz gesprochen und einige organisatorischen Fragen geklärt.

Kurz nach 11:00 war ich schon fertig. Ich habe Michael, einen ehemaligen Kollegen, angerufen, der fünf Jahren in meinem früheren Institut gearbeitet hat, bevor er zum Forschungszentrum gewechselt ist. Er hat mir die Maschine gezeigt, die er jetzt am Synchrotron betreut. Wir haben über die Nutzer gelästert, die manchmal mit Proben ankommen, aber gar nicht wissen, was sie damit anstellen wollen, wobei ich mich dann frage, wie sie einen erfolgreichen Antrag auf Messzeit schreiben konnten – ich werde in Berlin bestimmt den gleichen Ärger bekommen. Wir haben mittags in der Kantine zusammen gegessen. Es war so warm, bestimmt um die 35°C, dass ich die Jacke meines Kostüms nicht mehr angezogen habe. Nach dem Mittagessen hatten wir eine lange Kaffeepause, und ich konnte danach andere wissenschaftliche Geräte sehen. Ich hatte für einen Zug um 17:00 reserviert und Michael hat mich zum Bahnhof mit seinem Auto gefahren.

Bei der Rückfahrt hat sich mein Ischias plötzlich wieder heftig gemeldet. Ich habe zum ersten Mal seit langem gedacht, wie schön es wäre, eine Diclofenac-Tablett dabei zu haben. Zum Glück war es mir im ICE bequem genug, und der Schmerz hat nachgelassen. Ich habe die Nürnberger Würstchen mit Kartoffelsalat im Speisewagen gegessen, ich wollte sie schon lange mal probiert haben. Das kühle Weizenbier dazu war super – der Speisewagen war der einzige Wagen ohne Klimaanlage. Der Zug hatte Verspätung und ich musste mit einem späteren Anschlusszug weiter fahren. Meine Mami hat mich angerufen, um über den Verlauf des Gespräches informiert zu werden, aber ich saß noch im Zug und die Verbindung war schlechter Qualität. Im Zug war auch eine Truppe von Rentnern anwesend, die sich auf der Treppe zwischen beiden Etagen niedergelassen hatte. Dabei war eine Frau, die so laut ihre Meinung über alles Mögliche ununterbrochen sagen musste, dass die Frau vor mir ausgerastet ist und selber noch angefangen hat, sich laut über die Frau zu beschweren. Ich war froh, aus dem Zug auszusteigen.

[1] Gleichstellungsbeauftragten habe ich allerdings bei Gesprächen in der Industrie nie gesehen, nur an Unis oder Forschungszentren.
[2] Außerdem habe ich vorgestern per Email eine gescannte Kopie meines neuen Arbeitsvertrages in Berlin bekommen, den unterschreibe ich am Montag.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Mich hat’s erwischt…

Ich bin erkältet, seit fast acht Tagen. Meine liebe Mami hat letzte Woche ihre schöne sonnige Gegend in der Provence verlassen, um ihre Tochter im großen und kalten Deutschland zu besuchen. Wir hatten uns zwar schon über Weihnachten gesehen, es hat mich aber richtig gefreut, dass sie gekommen ist. Schön war’s, wir haben viel unternommen, oder so viel wie mein Ischias es mir erlaubte (stimmt, die Geschichte habe ich noch nicht fertig geschrieben). Und weil meine Mami so großzügig ist, hat sie mir auch Bakterien aus der Heimat mitgebracht, mit denen sie selber erkältet war. Zum Glück habe ich nur Schnupfen, es hört sich aber schon komisch an, wenn ich den Mund aufmache.

Blöderweise habe ich heute Nachmittag ein telefonisches Vorstellungsgespräch. Auf Englisch auch noch. Ich hoffe, die Erkältung wird dabei nicht zu sehr stören („Excuse me, I have to blow my nose“). Und ich muss diesmal daran denken, ab und zu das Telefon an das rechte Ohr zu halten. Eine ganze Stunde soll das Interview dauern, mit drei verschiedenen Gesprächspartnern. So viele Personen hatte ich noch nie bei einem Telefongespräch gehabt, normalerweise ist nur die Kontaktperson der Personalabteilung dabei. Ich liebe telefonische Vorstellungsgespräche. Kein Stress mit Reisen, man kann sich gemütlich auf die Couch setzen, muss nicht perfekt angezogen sein, mit angeschaltetem Laptop und allen Unterlagen über die Firma parat auf dem Tisch, und mit den selbstgeschriebenen Antworten auf übliche Fragen… Nur, wie man auf die Schnelle genau das richtige Blatt findet, habe ich noch nicht raus. Vor allem die Vorbereitung hilft, nicht die Unterlagen, die sind nur zur psychologischen Unterstützung da. Noch eine Idee: Fisch für die Mieze heute kochen, damit sie danach nur noch auf meinem Koffer (ihrem Bett) den Nachmittag beim Verdauen verbringt.

Nun, warum kriege ich diesmal früh am Morgen schon eine Panik-Attacke? Das wäre eigentlich genau die richtige Stelle für mich, ich muss es aber schaffen, die Leute dazu zu überzeugen, dass ich die Richtige für die Stelle bin. Hart. Nach so vielen Pleiten zweifle ich an meine Überzeugungsfähigkeiten. Die beschriebenen Tätigkeiten wären so interessant, F&E im Bereich Halbleiter, auch wenn es nur für 18 Monate ist und für Berufseinsteiger, also nicht so gut bezahlt aber trotzdem besser als an der Uni, dann hätte ich endlich den so langen gesuchten Einstieg in die Industrie. Die wohl härteste Frage, auf die ich noch nicht so eine richtige Antwort habe: „Warum haben Sie so viele Jahren nach dem Studium an der Uni verschwendet?“ Ich habe bei einem Vorstellungsgespräch in Dezember bei Uhde genau auf dieser Art erfahren, dass eine berufliche Tätigkeit in Forschung und Lehre an der Uni in der Industrie nicht gewürdigt wird. Ich war damals sprachlos. „Ja, meine Arbeit an der Uni war wichtig, schließlich habe ich kleine Zicken wie Sie ausgebildet, damit sie arbeiten können.“ Nein, keine Sorge, ich hab’s mir nur gedacht, nicht gesagt.

Der Job ist am ganz anderen Ende von Deutschland, so dass ich umziehen müsste – super, ich ändere gleich auch noch meine Handynummer, und bin befreit von Hülya, die frühere Bekannte, die mich momentan täglich anruft (hoffentlich nicht während des Gespräches, die anderen kriegen das sonst mit). Eines Tages muss ich den Mut finden, ans Telefon zu antworten und ihr zu sagen, dass ich kein Bock habe, mich mit ihr zu treffen. Kein Bock auf nach Zigarette stinkende Kleider, kein Bock auf Kopfschmerzen, kein Bock auf die zigste Erzählung von ihren nie zu ändernden Problemen mit ihrer ständigen jammernden Stimme, kein Bock auf ihre Lügen… Ich hoffe, sie kommt nicht auf die Idee, ausgerechnet heute Nachmittag bei mir zu klingeln, so als spontaner Besuch. Seit unserem letzten Treffen, als sie bei mir unerwartet nach Jahren geklingelt hatte, habe ich nur einmal mit ihr gesprochen, letzte Woche. Ich stand an der Kasse in einem Supermarkt. Meine Mami: „Dein Telefon klingelt“. Versteckte Telefonnummer. Ich: „Seufz… (Vor meiner Mami wollte ich nicht nicht antworten… warum eigentlich?) Allo?“ Hülya: „Hey, ich bin‘s“. Ich, insgeheim: „Mist!“ „Ich bin beim Einkaufen. Was willst du?“ Hülya: „Du bist beim Einkaufen? Schön! (Lächeln in der Stimme, vielleicht dachte sie, ich hätte dann Zeit für sie) Können wir uns heute treffen?“ Ich: „Nee, geht nicht, ich habe Besuch diese Woche.“ Ich habe nicht gewartet, dass sie weiter erzählt und nachfragt, sondern habe frech wieder aufgelegt, so untypisch von mir. Damit hatte ich Ruhe bis Sonntag geschafft. Ich sollte mal Sebastian anrufen und nachfragen, ob er in letzter Zeit mit ihr telefoniert hat, da sie nicht wollte, dass er über ihr Wiederbesuchen bei mir erfährt. Ich denke, ich weiß, warum sie wieder Kontakt mit mir aufnehmen wollte, sie sucht Leute, bei denen sie wohnen kann und die sie ausnutzen kann – dabei spricht sie immer so schlecht über alle, die sich bis jetzt um sie gekümmert haben…

Äh, ich sollte lieber an mein Gespräch heute Nachmittag denken. Es wird klappen. Es muss klappen. Ich hasse Arbeitslosigkeit.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Plötzlich wieder aufgetaucht

Manchmal freut es mich, lange nicht mehr gesehenen Bekannten wieder zu sehen. Manchmal nicht. Genau wie bei Hülya, die vor kurzem nach gut fünf sechs Jahren Funkstille plötzlich bei mir vor der Tür stand.

Ich habe Hülya durch meinen Arbeitskollegen Sebastian kennen gelernt. Er hatte mich eines Abends zum Grillen im Westpark eingeladen, und sie war auch dabei. Wir haben uns später bei ihm wieder getroffen und Kontaktdaten getauscht. Gerne hätte ich mit ihr häufiger kleine Konzerte in Kneipen besucht. Da sie arbeitslos war, haben wir uns aber zunehmend bei mir getroffen. Wir haben viel gequatscht, wobei ich mehr zugehört als geredet habe. Und geraucht. Mensch, was hat sie geraucht, viel mehr als ich. Selbst gedrehte Zigaretten. Aber irgendwie hat es Spaß gemacht, mit ihr zu reden und zu lachen. Auch wenn ich sie gleichzeitig zu vulgär in ihrer Wortwahl gefunden hatte, sie hatte zu viele Schimpfwörter benutzt, und zu viel über anderen gelästert. Als sie sich nach einiger Zeit jedes Wochenende bei mir eingeladen hat, habe ich gemerkt, dass es bei mir immer mehr heftige Kopfschmerzen verursacht hat. Ich habe damals gedacht, es läge am Zigarettengeruch, und hatte alle Fenster breit aufgemacht. Im Nachhinein würde ich jetzt sagen, es ist ein Zeichen dafür, dass jemand einem die Lebensenergie aussaugt – wie Vampiren, oder Parasiten.

Worüber hatten wir uns unterhalten? Wir waren beide Single und haben uns beschwert, wie schwierig es wäre, einen guten Mann zu finden. Ich war damals unglücklich verliebt; Hülya lebte noch bei ihrem Ex-Freund Kay und hatte eine sporadische Beziehung mit Olivier aus ihrem alten Studentenwohnheim. Sie erzählte auch, wie eine Spanierin aus dem gleichen Wohnheim versucht hatte, mit ihr eine sexuelle Beziehung zu haben, was sie als hartnäckige heterosexuelle Frau sehr gestört hätte. Es klang für mich irgendwie seltsam, aber na gut, es kann auch passieren. Kurz danach fragte sie mich, ob ich nach so langem Single-Sein keine Lust hätte, mit Frauen, zum Beispiel mit ihr, Sex zu haben. Aha… Als sie meinen Gesichtsausdruck sah, meinte sie, es wäre nur gedacht, um mich zum Lachen zu bringen. Ach so… Ich fragte mich, ob die Geschichte mit der Spanierin wirklich so passierte, wie sie es mir geschildert hatte. Nach einer Weile ging es aber nur noch um Hülya. Sie hatte einmal die Frechheit gehabt, mir zu sagen, meine Probleme würden Sie nicht interessieren, da ihre eigenen noch schlimmer wären. Ich sollte nur dazu beitragen, bei ihren Beschwerden Mitleid zu haben, ohne mich je beklagen zu dürfen. Probleme schien sie auch zu haben, ich habe aber nie verstanden, was sie daran hindern sollte, ihr Leben zu ändern. Zuerst Arbeit finden. So häufig hat sie sich beschwert, keine Arbeit und kein Geld zu haben, nicht mehr bei ihrem Ex-Freund wohnen müssen zu wollen, aber ich habe noch nie erfahren, dass sie sich irgendwo beworben hätte. Ihre Ausrede war, wenn sie eine Arbeit hätte, müsste sie dann ihr Bafög zurück bezahlen, solange sie arbeitslos bliebe, müsste sie es nicht tun. Dabei hat sie ihr Studium nie zu Ende gebracht. Monatelang durfte ich mir alle ihre Beschwerden anhören, über ihr Single-Sein, ihre bösartige Familie und ihre Menstruationsprobleme. Sie lästerte die ganze Zeit über andere Leute. Leute, die sie unfair behandeln würden, sie schimpfen würden… Nur, von der Art, wie sie selbst redet und sich verhält, dachte ich, dass sie es sich vielleicht verdient hatte. Ich habe mich schon gefragt, wie sie bei anderen über mich sprechen würde, denn ich nie erlebt hatte, dass sie über jemanden etwas Gutes zu sagten hatte. Als ich sie einmal fragte, ob es nicht zu kompliziert für ihre Beziehung mit Olivier war, mit ihrem Ex-Freund Kay zusammen zu leben, wirkte sie beleidigt und meinte, Kay wäre doch immer noch ihr Freund. Was also das Zusammentreffen mit Hülya für mich so schwer zu ertragen machte, war nicht nur, dass sie sich ständig beschwerte und erwartete, dass ich für alle ihre Probleme Verständnis hätte, sondern auch, dass sie so viele widersprüchliche Aussagen machte.

Eines Tages kam Hülya zu mir und sagte, sie hätte etwas wichtiges mir mitzuteilen. Was war’s? Nachdem sie mir so lange gesagt hatte, sie wäre Single und würde so gerne endlich einen Mann finden, und dabei mein Mitleid haben wollte, erzählte sie mir plötzlich, sie wäre eigentlich verheiratet. Sie hatte es meinem Kollegen Sebastian erzählt und wollte es mir jetzt sagen, bevor ich es von ihm höre. Ihr Mann würde sich aber nicht für sie interessieren, deswegen sie andere Männer gesucht hätte. Sie hatte ihn damals mit Hilfe von ihrem ganzen Bafög-Geld zu einer Hochzeit gebracht, weil sie als Türkin sonst keine Aufenthaltserlaubnis mehr hätte. Dabei würde ihr Mann aber nur Frauen übers Internet suchen, zum Beispiel aus Südamerika, und sie nach Deutschland holen. Was kann ich sagen? Wenn einige ihrer früheren Geschichte mir schon unglaubwürdig vorkamen, war diese letzte der Hammer. Sie meinte dann, sie hätte mir die „Wahrheit“ nicht früher erzählt, da sie Angst hätte, ich hätte kein Verständnis für ihre Lebensweise. Wofür ich aber definitiv kein Verständnis habe, ist, wenn Leute nur Lügen hintereinander aufreihen. Sie wollte sich auch beim Einwohnermeldeamt mit meiner Adresse melden, um ihre Korrespondenz per Post bei mir zu bekommen. Den Grund dafür habe ich nie verstanden. Was ich wohl verstanden habe, ist, dass ich bei der Behörde für sie lügen und sagen sollte, dass sie bei mir wohnen würde. Das kam für mich nicht in Frage. Ich war also insgesamt nicht wirklich traurig, als wir uns kurz danach nach einer scheinbaren Nichtigkeit gestritten hatten und nicht mehr getroffen hatten – es kam nach einem guten Jahr eher wie eine Erlösung.

Und vor etwa einem Monat hat sie bei mir eines Abends geklingelt. Ich muss zugestehen, ich hatte sie inzwischen völlig vergessen. An der Sprechanlage: „Ich bin’s!“ Ich, misstrauisch, da ich auch niemanden erwartet hatte: „Wer, ich?“ Sie: „Na ich, Hülya. Hör mal, ich muss mit dir reden.“ Ich habe sie bei mir nicht eingeladen und bin die Treppen runtergegangen. Wir haben uns vor meiner Haustür unterhalten. Sie meinte, sie wollte sich nach all den Jahren für unseren Streit entschuldigen, weil sie keine Ruhe hätte und an nichts anderes denken könnte, ich wäre immer so nett zu ihr gewesen und sie hätte es nicht geschätzt. Sie sagte auch, sie hätte schon vorher häufig versucht, bei mir zu klingeln, als sie in der Gegend war. Ich habe mich dabei gefragt, ob ich es ihr zu verdanken hatte, ab und zu am Sonntagmorgen gegen 07:00 aufgewacht zu sein, weil jemand meine Türklingel betätigt hatte. Ich habe aber nichts gesagt. Wenn ihr eine Entschuldigung so wichtig war, wollte ich es ihr nicht verderben, auch wenn ich gleichzeitig dachte, hoffentlich bleibt es auch dabei und sie versucht nicht, wie vorher Kontakt zu knüpfen. Eine der ersten Sachen, um die sie mich gebeten hat und die mir komisch vorkam, war, dass ich Sebastian nicht sagen sollte, dass sie wieder mit mir Kontakt aufgenommen hat. Dabei ist er seit längerer Zeit für eine neue Arbeit umgezogen. Sie fragte mich, ob mein Nachbar, der Deutschlehrer, der so laut war, immer noch auf der Etage wohnen würde. Leichtsinnigerweise sagte ich, er war ausgezogen und ich hatte seine Wohnung zwecks Ruhe übernommen. Sofort bemerkte sie, es wäre so praktisch, da sie dann bei mir wohnen könnte. Was haben die denn alle? Die arbeitslose Spanierin Cristina, die ich nur so kurz kennen gelernt hatte, hatte genau die gleiche Reaktion, als sie mein Wohnzimmer sah. Ich habe ihre Idee sofort abgelehnt. Hülya wollte gleich an dem Abend mit mir Kaffee trinken gehen. Ich habe aus Prinzip nein gesagt, da sie unangekündigt kam und nicht erwarten konnte, dass ich für sie sofort verfügbar sein sollte, und habe mich für den nächsten Abend in einem Café verabredet, mit der Idee, einmal getroffen reicht, und dann brauche ich sie nie wieder zu sehen. Sie wollte lieber den Abend bei mir verbringen, „so wie früher“; als ich aber sagte, bei mir würde keiner mehr rauchen dürfen, weil ich aufgehört habe, war sie mit dem Café einverstanden.

Wir haben uns in einem Lokal nicht weit weg von meiner Wohnung getroffen, wo ich noch nie war. Hülya sagte, es wäre jetzt ihr Stammcafé geworden. Die Kellner würden sich aber nicht nett mit ihr verhalten. Der Raucherbereich war ein großes Zimmer mit sehr hoher Decke, wo wir alleine gesessen haben, so dass ich dachte, ausnahmsweise meine Klamotten danach nicht gleich in die Waschmaschine stecken zu müssen. Wir haben uns unterhalten und mir wurde sofort klar, dass sie sich gar nicht geändert hat. Sie hat an dem Abend besonders übel über Sebastian und seine Frau Amandine geredet, die sie aus der Zeit kennt, als die beide im Studentenwohnheim zusammen waren. Ach so, deswegen wollte sie nicht, dass Sebastian erfährt, dass sie wieder mit mir sprechen wollte? Haben die sich gestritten, oder hat sie ihm schlechtes über mich erzählt? Mir gefällt es wirklich nicht, wenn ich zuhöre, wie jemand über anderen so lästert, und wollte das Thema wechseln. Wieder hat Hülya über ihr Leben geklagt, über ihre Arbeitslosigkeit, über die Tatsache, dass sie mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin in Baden-Württemberg jetzt wohnt, über ihre Gesundheit… Als der Kopfschmerz nach einer knappen Stunde kam, war ich nicht überrascht. Ich habe es ihr auch gleich gesagt, mit dem Ergebnis, dass wir nach noch einer Stunde das Café endlich verlassen haben. Sie sagte, wie es damals schön war, als sie jeder Zeit zu mir kommen und von mir leckeres zu essen bekommen konnte. Ich habe ihr die Geschichte von Cristina erzählt, die mir in einer Woche so viel Zeit und Energie geklaut hatte, dass ich sie nicht mehr sehen wollte, in der Hoffnung, sie könnte ihr eigenes Verhalten damit vergleichen und sich selbst in Frage stellen. Sie meinte am Ende, es wäre schön, mit mir wieder gesprochen zu haben, wobei ich zu streng geworden wäre, da sie zum Beispiel nicht mehr bei mir rauchen dürfte, das wäre so doof. Ich stimmte ihr zu, so wäre ich nun geworden. Eigentlich habe ich aber gar nicht mehr vor, sie zu Hause zu Besuch zu haben, das mit dem Rauchen ist nur eine bequeme Ausrede. Zu Hause angekommen merkte ich doch, wie stark der Zigarettengeruch an meinen Kleidern klebte. Ab in die Waschmaschine.

Nach einer Woche meldete sich Hülya wieder. Sie rief mich an, als ich mit Freunden beim Mittagessen in der Stadt war. Sie wollte sich mit mir gleich am Nachmittag treffen, ich war aber schon mit einer Freundin verabredet. Sie sagte, sie würde mich dann später zurückrufen. Bei meinem Ton am Telefon fragten meine Freunde sofort, was los war. Ich habe ihnen also die Geschichte von Hülya kurz geschildert. Sie haben mir vorgeschlagen, nicht mehr an der Sprechanlage zu antworten, wenn jemand abends klingelt, und nicht mehr ans Telefon zu gehen, wenn die Nummer nicht angezeigt wird – da sie mich nur mit versteckter Nummer angerufen hat. Ihre Nummer habe ich sonst lange nicht mehr. Das ist blöd, falls ich einen Anruf für eine Bewerbung bekomme, aber ich habe es noch nie erlebt, dass Firmen ihre Nummer verstecken. Ich habe dann meine Freunde gewarnt, dass sie mich immer vorher anrufen sollen, wenn sie mich spontan besuchen wollen. Bis jetzt war es effektiv.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Die arbeitslose Spanierin

Geschichte von Cristina, die ich eines Novembertages beim Einkaufen kennen lernte. Sie fragte mich nach dem Weg zum Theater, und da es auf meinem Weg lag, unterhielten wir uns und tauschten unsere Telefonnummer aus.

Einige Tage später ruft sie mich an, als ich in der Umkleide des Fitness-Studios meine Sportklamotten anziehe[1]: „Ich bin in der Stadt, kannst du jetzt kommen? Wir könnten Kaffee trinken und spazieren gehen.“ Ich: „Jetzt kann ich gerade nicht, aber in anderthalb Stunden ja.“ Also treffen wir uns in einem Kaffee, und diskutieren über die Stadt (sie ist gerade eingezogen), Pläne fürs Wochenende (ich bin schon ausgebucht) und die Arbeitssuche (wir sind beide betroffen). Sie schlägt vor, dass wir uns bei der Stellensuche gegenseitig helfen könnten, sie könnte mir Tipps geben. Ich zweifle zwar daran, da sie Spanischlehrerin ist und ich Physikerin, so viele Gemeinsamkeiten haben wir nicht, aber ich sage zu, warum nicht. Danach der Spaziergang: Eigentlich ein Besuch bei allen Internetanbietern der Stadt, um den günstigsten Vertrag für Cristina zu finden.

Am nächsten Tag geht’s abends zum Weihnachtsmarkt – da ich sonst nur zu Hause Bewerbungen geschrieben habe, begrüße ich die Abwechslung. Cristina erzählt mir, wie sie mit einer Autobesitzerin aus ihrem Weiterbildungsworkshop unterwegs war und Möbel für ihre Wohnung gekauft hat. Ich bestelle mir ein Glühwein; sie nicht, schaut aber gierig zu, wie ich meinen trinke. Ich bekomme fast den Eindruck, dass sie erwartet, dass ich sie einlade. Wir gehen noch ein bisschen shoppen. Ich kaufe nichts, sie Besen und Eimer für den Haushalt. Als Cristina ihre Einkäufe durch die Straßen mit auffälliger Mühe schleppt, fragt sie, ob ich ein Auto habe. Habe ich nicht[2]. Sie schaut mich in die Augen und wiederholt betont, wie es doch nett von ihrer Bekannten war, dass sie den ganzen Tag Chauffeur für sie gespielt hat, solche Leute gäbe es so wenig. Ich: „Tja, da hast du Recht…“ Sie schlägt vor, dass wir uns am Samstag treffen – ich bin schon mit Freundinnen für einen Schmuckkurs verabredet. Sie schaut beleidigt und fragt vorwurfsvoll, warum ich ihr nicht angeboten habe, mitzukommen. Dabei war der Kurs schon ausgebucht, bevor ich Cristina überhaupt kennengelernt habe. Sie sagt dann mit ernsthafter Miene, es wäre selbstverständlich, dass ich ihr alle meine Freunde vorstelle, da sie gerade angekommen ist und so gut wie niemanden kennt. Mein Ischias meldet sich und ich verabschiede mich von ihr, nachdem wir uns für den nächsten Tag auf ihren Vorschlag hin bei mir verabreden. Ich habe Internet und sie könnte ja mit ihrem Laptop nach Stellen suchen. Irgendwie habe ich aber ein schlechtes Gefühl, ich lebe gerne allein, habe jede Menge Bewerbungen zu schreiben und fühle mich überfordert, eine gerade kennengelernte Person schon drei Tage hintereinander treffen zu müssen – vor allem, weil sie sich bei mir so verhält, als ob ich nur für ihre Bedürfnisse zur Verfügung stehen sollte.

Also Freitag: Wir haben uns gegen 12:00 verabredet, da ich nachmittags noch einen Vortrag einer früheren Kollegin an der Uni hören wollte. Natürlich, um diese Uhrzeit musste ich sie zum Essen einladen – ich koche gerne, es ist kein Umstand, ich bereite in der Tajine[3] Grünkern mit grünen Bohnen, Schafkäse und Oliven[4] vor. Um 12:30 ruft Cristina mich an, weil sie verspätet ist, um 13:00 kommt sie an. Sie geht zum Wohnzimmer[5], dreht einmal um sich selbst mit gestreckten Armen, lacht und sagt, wie sie sich gut vorstellen könnte, hier zu wohnen. Als sie plötzlich meine Katze merkt, kündigt sie an, sie sei allergisch und verlangt, dass ich sie in ein anderes Zimmer einsperre. Dabei hatte ich ihr schon mehrmals gesagt, dass ich eine Katze habe und lehne deshalb ab, da meine Wohnung auch ihr Zuhause ist (danach hat sie eh keine Symptome entwickelt, wie ich sie von anderen Allergikern kenne). Wir gehen zur Küche. Ich habe viel gekocht; ich staune, sage aber nichts, als sie sich zum dritten Mal den Teller zum Rand füllt. Ich frage sie, warum sie aus ihrer früheren Stadt ausgezogen ist, da sie ihrer Aussage nach ohne Auto ihren ganzen Besitz zurücklassen und hier alles neu kaufen musste, keine Bekannte und keine Arbeit hat. Ihre Antwort ist so schwammig und undeutlich formuliert, dass ich das Thema lieber sein lasse. Nach dem Mittagessen schlage ich ihr vor, sich mit ihrem Laptop im Wohnzimmer zu installieren, den Laptop hat sie aber vergessen. Leider hat mein eigener PC ausgerechnet an dem Vormittag nach vielen Jahren guter Leistung den Geist aufgegeben. Wir gehen also raus und ich führe sie in der Gegend rum, mit der Idee, ihr Cafés zu zeigen, wo sie kostenlos WLAN benutzen kann. Als die Zeit für den Vortrag sich nähert, will ich mich verabschieden, da fragt sie, ob sie mitkommen könnte. Es handelt sich um ein sehr spezielles Thema in der Physik und ist eher für eine geschlossene Gesellschaft gedacht, wir kennen uns dort alle, also sage ich, dass es für sie keinen Sinn macht. Sie schaut ziemlich erschüttert aus und fragt mich, was sie denn alleine machen soll, wenn ich jetzt weg gehe. Gereizt, da sie mir im Laufe der Zeit immer mehr auf die Nerven gegangen ist, sage ich ihr, es sei nicht mein Problem. Dabei muss ich sie ziemlich beleidigt haben, da sie sich nie wieder bei mir gemeldet hat.

[1] Ich habe ziemlich viele Probleme mit dem Rücken und insbesondere Ischias gehabt. Das alleine wäre schon mindestens ein Eintrag wert. Seitdem es mir besser geht, versuche ich fleißig die Wirbelsäulengymnastik zu besuchen.
[2] Will ich auch nicht, solange es sich vermeiden lässt. In einer Stadt brauche ich keins, es ist nicht gerade umweltfreundlich, Benzin und Versicherung sind sau teuer, ab und zu finden es einige lustig, die Scheiben zu zerbrechen oder Autos in Brand zu stecken, und dazu kommt noch der Stress mit dem Parkplatz finden.
[3] Eigentlich gehört die Tajine nicht zu meiner Kochkultur. Ich habe sie als Abschiedsgeschenk von meinen lieben Kollegen bekommen und habe erst dann gemerkt, wie lecker Speisen aus der Tajine schmecken können.
[4] Naturgereifte schwarze Oliven. An allen, die meinen, keine schwarzen Oliven zu mögen, empfehlen ich, genau auf der Verpackung zu achten. Ich habe in Deutschland entdeckt, dass es auch künstlich geschwärzte Oliven gibt, die man in vielen Restaurants serviert bekommt. Die schmecken ekelhaft und irgendwie nach Seife.
[5] Als mein Nachbar ausgezogen ist, habe ich zwecks Ruhe meine Einzimmerwohnung mit seiner erweitert (es war vorher sowieso nur eine Wohnung, die in zwei geteilt wurde). So ist der Wohnzimmer entstanden.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.