Nächtliche Party

Wir waren gerade in eine neue Wohnung umgezogen. Die Wohnung war klein, im Erdgeschoß, in einem mehrstöckigen Haus aus dunklem Holz. Wir hatten Freunde zur Einweihungsfeier eingeladen. Unter Anderen war Sascha dabei, ein Schulfreund vom Ehemann. Er hatte seine Gitarre mitgenommen.

Wir waren alle stark alkoholisiert und haben auf die Uhrzeit nicht aufgepasst. Es sah ganz hell aus, durch die Fenster. Die ganze Nacht haben wir gefeiert. Gegen sechs Uhr morgens sind einige Gäste mit Sascha nach draußen gegangen. Um zu rauchen, und um Musik zu spielen, und um zu singen. Um sechs Uhr morgens! Die Nachbarn würden doch gleich ausflippen! Ich habe versucht, die Gäste zurück in die Wohnung zu bringen. Vergeblich.

Als alle endlich weg gingen, kam der Ehemann zu mir. Wir bräuchten uns keine Sorge mehr um die Nachbarn zu machen. Er hätte gerade mit dem älteren Mann oberhalb von unserer Wohnung geredet. Also sich eher heftig gestritten. Der würde bestimmt nie wieder mit uns zu tun haben wollen. Ich war enttäuscht, dass er es geschafft hatte, uns so schnell einen schlechten Ruf im Haus zu geben.

Gekehrt

Wir haben diese Woche einen Zettel im Flur entdeckt, neben den Briefkästen, wo die allgemeinen Ankündigungen für die Bewohner des Hauses immer veröffentlicht werden. Am Samstagmorgen wird gemeinsam vor dem Haus gekehrt. Natürlich nur, wenn man Lust dazu hat. Unter dem Motto, „we take Kehr“, was ich recht lustig fand. Die Idee hatten die Nachbarn unter uns, die sich irgendwie immer um vieles kümmern. Sie haben mit der BSR den Termin vereinbart, und Besen mit Handschuhen für den Tag geliehen bekommen. Und weil wir es seit über zwei Jahren im Haus noch nie geschafft haben, etwas mit den Nachbarn zu unternehmen, habe ich dem Ehemann gesagt, wir sollten da mitmachen. Endlich mal mit den Leuten in Kontakt kommen.

Heute Morgen bin ich früh aufgewacht, und habe den Ehemann erstmals ausschlafen lassen. Der hat so lange geschlafen, dass ich schon dabei war, ihm fünf Minuten vor dem Termin einen Einkaufszettel für morgen zusammen zu schreiben (wir haben Freunde zum Essen eingeladen), als er aufgestanden ist. Ich bin also alleine vor dem Haus gegangen, um mit den Nachbarn den Bereich um unser Haus zu putzen, während er einkaufen gegangen ist. Da wir fast alle Eigentümer sind, war das Interesse an die Aktion groß.

Aber wie ich so bin, habe ich zuerst die Lage analysiert, geschaut, wo schon gearbeitet wird, und mir eine Stelle ausgesucht, wo noch keiner war. Um effizienter zu arbeiten, statt sich nur im Weg zu stehen. Tja, so bin ich natürlich kaum ins Gespräch mit den Nachbarn gekommen, was doch ursprünglich mein Ziel war. Wenigstens habe ich dadurch eine gute Stunde Sport bekommen, ich war am Ende voll verschwitzt. Ich habe mich um die Wege gekümmert, während die anderen die Parkplätze gefegt haben. Zwei Müllsäcke habe ich gefüllt. Mit einem jungen Mann habe ich zum Schluß noch kurz gequatscht, aber das war’s. Ein Sozialmuffel bin ich echt.

Heute zu Hause

Es ist toll, wenn ich von zu Hause aus arbeiten darf. Ich spare mir gleich zwei Stunden Fahrt mit der ÖPNV. Wenn ich den Anfang der Woche betrachte, würde ich sogar drei Stunden sagen.

Am Montag lief es erstmal in Ordnung. Ich hatte keine Lust auf S-Bahn. Mit dem ersten Bus los, kurz in der U-Bahn, dann zur nächsten Bushaltestelle, um das letzte Stück zur Arbeit zu fahren. Um neun stand ich dort. Der Bus fährt im zwanzig-Minuten-Takt, zusammen mit einem anderen Bus, der einen Teil der Strecke fährt. Um zwanzig vor zehn, ziemlich durch gefroren, als die Anzahl der Fahrgäste sich schon bedrohlich auf dem Bürgersteig vermehrt hatte, bin ich in den anderen Bus eingestiegen und habe den Fahrer gefragt, ob er irgendwas über die andere Linie wüsste. Nein, aber die Nummer vom Kundendienst hat er mir gegeben: 030-19449. Dort habe ich erfahren, dass es auf der Autobahn einen Unfall gegeben hatte, und alle Fahrzeuge die Ausfahrt nehmen mussten, was einen Monsterstau verursacht hatte. Die Busse kamen einfach nicht durch. Ich bin bis zur letzten gemeinsamen Haltestelle mit dem Bus gefahren und habe den Rest zu Fuß gemacht. Fünfundzwanzig Minuten. Natürlich hat sich inzwischen der Stau aufgelöst, und der lang ersehnte Bus hat mich zwischen zwei Haltestellen überholt. Ich war aber bei der Kälte flott genug unterwegs, und habe ihn bei jeder roten Ampel wieder getroffen.

Gestern hatte der erste Bus schon eine Viertelstunde Verspätung, wie mir meine BVG-App nach fünf Minuten Ungeduld berichtet hat. Mit der App ist es so eine Sache. Verspätungen werden häufig gar nicht angezeigt, wie am Montag. Diesmal schon. Der Bus fährt im zehn-Minuten-Takt, also bin ich in den nächsten Bus eingestiegen. Zu meiner Enttäuschung war es wieder kein Doppeldecker, und nicht mal ein langer Bus, weil er nicht so weit wie der erste Bus fährt und dadurch weniger Gäste bekommt. Im Normalfall. Dadurch, dass der erste Bus de facto ausgefallen ist, war der entsprechend rappelvoll. Wir haben noch auf dem Weg zur U-Bahn im Stau gestanden und zehn Minuten Verspätung gesammelt. Als ich dann bei Rot an der Ampel stand, um zur letzten Bushaltestelle zu gehen, ist mir der Bus vor den Augen weg gefahren. Nochmal zwanzig Minuten in der Kälte warten.

Heute habe ich mich also gefreut, zu Hause zu arbeiten. Dadurch entfällt die Fahrzeit, die ich momentan benutze, um einen Schal für den besten Ehemann der Welt zu häkeln, aber mehr dazu in einem anderen Beitrag. Heute wäre ich sowieso nicht dazu in der Lage gewesen. Schon beim Aufstehen wurde mir klar, ich bin so was von müde! In der Küche würde mir schwindelig, als ich das Radio bedienen wollte. Ich habe mich auf der Couch im Wohnzimmer unter der Decke gekuschelt und geschlafen, als der Ehemann sich für die Arbeit fertig gemacht hat. Nach einer Weile konnte ich mich aufraffen und habe zwei Stunden gearbeitet. Danach bin ich zum Arzt gegangen, um nach den Testergebnissen von letzter Woche zu fragen. Sie hatten mir gar nicht Bescheid gesagt, aber die Ergebnisse lagen schon länger da. Es gab eine kurze Besprechung mit dem Arzt, der meinte, solche tolle Blutwerte hätte er selten gesehen — danke Nadja! Vermutlich. Ich kannte meinte Werte auch nicht, bevor ich meine inzischen elf Kilogramme abgespeckt habe. Und Mängel gibt es keine. Ich habe noch mein bestelltes Buch Schwangerschaft für Dummies bei der Buchhandlung abgeholt und bin zurück nach Hause gefahren. Kurz gegessen. Und dann wurde mir bewusst, ich war unfähig zu arbeiten.

Migräne. Lichtempfindlichkeit. Müdigkeit. Lesen und am Rechner arbeiten unmöglich. Ich habe mich wieder auf der Couch unter der Decke mit herunter gezogenen Jalousien gepackt und versucht zu schlafen. Wie gestern, als ich nach Hause gekommen bin. Gestern nachmittag hatte mich genau beim Einschlafen das Klaviermassaker der Nachbarn den Schlaf geraubt. Seitdem wir hier wohnen, hat sich qualitativ am Musizieren der Nachbarn leider nichts geändert, wobei es in letzter Zeit nicht mehr so häufig zu hören ist. Für Elise ist inzwischen halb gelernt aufgegeben worden. Andere Stücke, die ich in meiner Jugend selber gespielt und geliebt hatte, werden dermaßen mishandelt, das ist echt schwer zu ertragen. Wie auch immer. Heute nachmittag konnte ich ohne Störung schlafen. Es hat aber nicht geholfen, weil die Migräne immer noch da war. Viel Wasser getrunken. Einen Apfel gegessen. Nochmal geschlafen. Übelkeit. Am Ende habe ich doch Paracetamol genommen. Es soll unbedenklich sein. Und nach dem ich wieder geschlafen habe, geht es mir endlich wieder besser. Ein mieser Tag war das.

Ich warte nun, dass der Ehemann auf dem Fitnessstudio zurück kommt. Weil er jetzt trainiert. Mit mir, in einem neuen Fitnessstudio. Aber dazu in einem anderen Beitrag.

Blödes Missverständnis

Fast genau ein Jahr nach unserem gemeinsamen Umzug in die Eigentumswohnung haben wir eines Abends einen Brief von der Kripo im Briefkasten gefunden. Und von dem, was der Ehemann mir nach seinem Telefonat mit der Polizei am darauf folgenden Tag erzählt hatte, war ich die ganze Zeit fest davon überzeugt, es ginge um die Nachbarn direkt unter uns. Ein verheiratetes Paar. Der Ehemann hatte mir erzählt, dass der Mann irgendeine Versorgungspflicht nicht eingehalten hatte. Daher die Ermittlungen.

Hätte ich damals den Begriff gegoogelt, hätte ich gemerkt, dass es nicht sein konnte. Versorgungspflichten haben Anbieter von Diensten, wie Strom oder Telefon zum Beispiel. Es ging eigentlich um Fürsorgepflicht. Klingt ähnlich. Verstanden hatte ich dabei, dass der Mann vermutlich einer ehemaligen Ehefrau oder einem leiblichen Kind kein Geld zahlen wollte, obwohl er es müsste. Ich glaube, ich hatte sogar den Ehemann gefragt, was das Wort bedeutet, und er hatte es mir erklärt.

P1110819Er hatte zeitgleich aus einem anderen Grund bei der Hausverwaltung angerufen, und dabei die Auskunft bekommen, dass unsere Nachbarn schon mal Probleme hatten, weil sie sich sehr unordentlich verhalten. Das vor sich hin verderbende Auto auf dem Parkplatz vor dem Haus sollte ihnen gehören.

Erste Zweifel an der Geschichte hatte ich vor zwei Wochen, als die Frau vom gesagten Ehepaar uns darum gebeten hatte, ihre Pflanzen zu gießen, wenn die Beiden im Urlaub sind. Ich hatte gestaunt, wie ordentlich ihre Wohnung aussieht. Dort können unmöglich Messies leben. Ich habe dem Ehemann meine Bewunderung mitgeteilt, und er hat nichts Besonderes dazu gesagt.

Heute bin ich von der Arbeit direkt nach Hause gefahren. Es war schon kurz nach sieben, als ich am Bahnhof ausgestiegen bin. Ich habe Mei angerufen. Es hat anderthalb Stunden gedauert. In der Zeit bin ich vom Bahnhof nach Hause gegangen. Vor der Haustür stand ein Mann vom Ordnungsamt. Ich habe mein Telefonat kurz unterbrochen und den Mann gefragt, ob er Hilfe braucht. Er meinte, die Leute, mit denen er reden wollte, wären offensichtlich nicht da, also würde es ihm nichts nutzen, ins Haus zu kommen. Dann hat er mich gefragt, ob ich wüsste, wem das rote Auto auf dem Parkplatz gehören würde. „Ja, es gehört unseren Nachbarn“, habe ich gesagt (ohne Namen zu nennen). „Die sind aber momentan im Urlaub“, habe ich hinzugefügt. Der Mann hat sich bedankt und ist gegangen. Der Parkplatz ist nicht privat, daher kann es passieren, dass das Ordnungsamt sich für Autos drauf interessiert. Privat haben wir alle Tiefgaragen unter dem Haus. Warum das Auto von unseren Nachbarn nicht drin ist, weiß ich nicht. Sein Parkplatz in der Garage steht leer. Vermutlich fährt das Auto längst nicht mehr.

Ich habe, immer noch am Telefon mit Mei, die Pflanzen der Nachbarin versorgt. Danach bin ich zu unserer Wohnung gegangen und habe unsere Pflanzen versorgt. Kurz vor neun haben wir uns ausgeplaudert und aufgelegt. Ich habe mein Handy wieder aufladen müssen.

Der Ehemann hat mich kurze Zeit später aus Norwegen angerufen. Ich habe ihm das heutige Ereignis vor der Haustür erzählt. Und da meinte er, nicht die Nachbarn direkt unter uns waren damals gemeint, sondern die gaaaanz unter uns. Im Erdgeschoss. Er hatte es damals falsch verstanden, und später seinen Fehler erkannt. Mich hatte er aber die ganze Zeit im falschen Glauben gelassen, das Auto würde dem Paar unter uns gehören. Es hat mich geärgert, weil ich dadurch dem netten Mann vom Ordnungsamt eine falsche Information gegeben habe. „Aber ich hatte dir doch Bescheid gesagt“, hat er versucht, mir zu erzählen. Dann hätte ich es noch gewusst. Schließlich schreibe ich nicht umsonst Tagebuch. Gut, das weiß er nicht. Genervt bin ich immer noch.

Mir fällt die Decke auf den Kopf

Also bin ich raus gegangen. Das Wetter sah heute Morgen schön aus, hat sich aber schnell geändert.

Ich habe zuerst unsere Pflanzen auf dem Balkon gewässert und habe die Nachbarin unter uns auf ihrem Balkon gesehen. Da sie uns gefragt hatte, Pflanzen während ihres Urlaubs zu pflegen, bin ich zu ihr gegangen, um den Schlüssel zu holen. Sie hat mir ihre Pflanzen gezeigt und erklärt, welche Pflanzen wieviel Wasser brauchen.

P1110819Dabei konnte ich sehen, dass das Wort „Messie“, das die Frau bei der Hausverwaltung benutzt hatte, um unsere Nachbarn zu beschreiben, gar nicht passend ist. Ich wünsche, unsere Wohnung würde so schön aufgeräumt wie die unten aussehen. Wir haben Möbel, die aus zwei Wohnungen zusammengefügt wurden und nicht unbedingt zueinander passen, der Ehemann neigt dazu, seine Zeitschriften überall rum liegen zu lassen, mein Schreibtisch ist chaotisch… Das einzige ist das Auto unserer Nachbarn, das sich seit unserem Umzug nie vom Parplatz bewegt hat. Drin ist jede Menge Müll. Das sieht man jetzt nicht, weil die Frontscheibe so dreckig ist, und die Blätter vieles verstecken. Ursprünglich war das Auto überall rot.

Ich habe mich danach entschlossen, im botanischen Garten spazieren zu gehen. Ich kann mit dem linken Fuß wieder normal gehen. Das war eine gute Entscheidung. Entspannend. Kaum Besucher waren da. Mitten in der Woche ist es vielleicht normal, und das Wetter war doch nicht so schön. Zweimal hat es Schauer gegeben.

Die Hummeln waren fleißig am Werk. Die hat man schon am lustigen Geräusch erkannt. Bienen waren auch unterwegs. Merkwürdige Früchte hingen in den Bäumen. Und Pilze sind schon auf der Wiese geschossen.

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Der Arzt hatte mir am Montag vorgeschlagen, den Arm aus der Schlinge zu nehmen und beim Gehen hängen zu lassen. Das habe ich gemacht. Die Schlinge benutze ich seit Montag nicht mehr. Ich habe sie trotzdem in die Tasche gepackt. Ich kann den Arm immer noch nicht strecken, heben geht schwer. Ich kann ihn kaum benutzen, wirklich. Immerhin kann ich mich jetzt alleine an- und ausziehen, seitdem der Gips weg ist. Wenn ich mit der rechten Hand den linken Arm zu meinem Kopf hoch hebe, bin ich in der Lage, mir einen Pferdeschwanz oder einen Knoten zu machen. Das ist gut, weil der Ehemann wieder unterwegs ist. Diesmal in Belgien. Ich sehe sonst keine Verbesserung am Arm seit Montag. Es fühlt sich an, als ob der Knochen sich von seiner normalen Lage verschoben hätte, was die Bewegungen einschränkt. Ich denke, ein Eingriff wird nötig sein. Hoffentlich wird sich der Arzt bis morgen die Tomographie-Bilder angeschaut haben.

Ich bin eine Stunde am botanischen Garten geblieben, und dann zum Boulevard Berlin mit dem Bus gefahren. Shopping. Mir war doch nicht so richtig danach. Zu viele Menschen. Ich habe nur ein Buch bei Hugendubel gekauft. Mieses Karma. Das hörte sich von der Beschreibung her lustig an. So lange der Laden nicht zurück zur anderen Straßenseite umzieht, werden keine englischsprachige Bücher angeboten. Ich war enttäuscht.

Mein Ellbogen hat am Ende weh getan, und ich habe die Schlinge wieder benutzen müssen. Zu Hause habe ich gemerkt, dass mein linker Fuß an der Außenseite doch ein bisschen schmerzt. Den Ischias spüre ich auch.

Doch gar nicht so wild

Ich habe nicht mal bei der Polizei anrufen müssen. Das hat Martin für uns heute Morgen erledigt. Er hat mir nur nicht sofort sagen wollen, worum es ging, oder jedenfalls nicht übers Nachrichtenversanddienst aufs Handy, und mir erst heute Abend Bescheid gesagt.

Es ist im Haus nicht eingebrochen worden, und niemand wurde umgebracht. Tief ausatmen. Es ging „nur“ um einen Streit wegen Verletzung der Versorgungspflicht bei den Nachbarn direkt unter uns.

Martin hat auch wegen unseren Wasserschäden bei der Hausverwaltung angerufen (die Kosten bei der Küche fällt auf uns, obwohl die Ursache durch einen Defekt am Dach zustande kam, dagegen müssen wir bei der Dusche nicht bezahlen). Er hat davon profitiert, um nachzufragen, wem das vor sich hin zerfallende rote Auto auf dem Parkplatz vor unserem Haus gehört, das seit einem Jahr auf dem gleichen Platz steht (ein Bild müsste her, es ist beeindruckend). Meine Vermutung war, dass es geklaut wurde und einfach unten verlassen wurde. Das hintere Kennzeichen fehlt sogar. Es gehört doch auch dem Nachbar direkt unter uns. Die Frau bei der Hausverwaltung hat am Telefon hinzugefügt, dass sie schon mehrmals mit ihm zu tun hatte, weil der Mann ein Messie wäre. Es ist mir vor zehn Tagen nicht aufgefallen, als ich mit seiner Mitbewohnerin kurz in der Wohnung war, um den Wasserschaden durch unsere Dusche zu prüfen. Andererseits ist das Gästebadezimmer direkt neben der Wohnungstür, ich habe nicht viel vom Rest der Wohnung mitbekommen. Und ich frage mich nebenbei, warum die Frau bei der Hausverwaltung solche Details über die anderen Bewohner vom Haus einfach so verbreitet. Solange niemand dadurch gestört wird, ist es Verletzung der Privatsphäre.

Ein Brief der Kriminaloberkommissarin

Er lag einfach so ohne Briefumschlag im Briefkasten, als wir heute Abend nach der Arbeit und einer Wurst mit Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt nach Hause angekommen sind. Beide unsere Namen stehen handschriftlich drauf. Wir werden darum gebeten, uns im Rahmen von „Ermittlungen im Haus“ bei einer bestimmten Rufnummer zu melden. Bei den angegebenen Uhrzeiten kann es nur morgen erfolgen. Ich bin völlig ratlos, worum es gehen könnte.

Es ist mir nichts außergewöhnliches aufgefallen. Vielleicht doch. Am Wochenende habe ich aus meinem Arbeitszimmer einen Streit in der Wohnung im Nachbarhaus gehört. Es war außergewöhnlich, weil ich dort noch nie einen Streit wahrgenommen hatte. So schlimm hörte es sich aber auch nicht an, dass die Kripo ein Interesse daran haben sollte.

Gestern Abend bin ich als Erste nach Hause gekommen und habe uns eine Suppe gekocht. Bei der Kälte wunderbar, und sehr lecker, auch wenn ich es selber sage. Wir haben uns danach kurz an unseren Rechnern beschäftigt, bevor wir uns vor dem Fernseher hingesessen haben. Gegen halb elf haben wir gehört, wie jemand an eine Wand oder an eine Decke klopft. Das war auch außergewöhnlich. Na ja, ich habe es gehört. Martin ist schon ein bisschen schwerhörig, er kriegt vieles nicht mit, was ich akustisch wahrnehme. Es war nicht direkt gegen unsere Wohnung gerichtet und hat nicht lange gedauert. Ich hätte es fast wieder vergessen. Ich hatte mich gefragt, was los war, da sonst nichts anderes zu hören war.

Heute Morgen haben wir wie immer kurz vor acht das Haus verlassen. Martin ist vor mir mit dem Müll die Treppe runter gegangen, als ich noch die Tür geschlossen habe. Ich habe gehört, wie er sich mit Leuten im Treppenhaus unterhalten hat. Als ich unten vor dem Haus ankam, ging ein älteres Paar weiter weg vor mir zu einem wartenden Taxi. Ich weiß nicht mal, ob sie Nachbarn oder Besucher waren. Ich kenne nur sehr wenige Nachbarn im Haus. Nach einem Jahr ist es echt blöd. Ich habe sowieso nicht besonders aufgepasst, da Martin schon von den Mülltonnen zurück kam und wir zur S-Bahn mussten.

Ich bin gespannt, was ich morgen erfahren werde.

Sonntagabend

Es ist kurz nach sechs. Das Wetter war toll. Wir sind ohne Mantel mit dem Fahrrad zum Textilhandwerksmarkt gefahren. Keine zehn Minuten. Nach einem Jahr im Viertel waren wir noch nie dort. Ich jedenfalls nicht. Martin hatte die Domäne Dahlem früher schon mal besucht. Es war richtig schön, und man kann am Hofladen die dort produzierte Bio-Lebensmittel kaufen. Ich werde es am nächsten Wochenende ausprobieren.

Domäne Dahlem

Wir sind noch bei Tageslicht zurück nach Hause gefahren. Gegen sechs Uhr Abends waren Kinder hinter dem Haus unterwegs. Es gibt einen Spielplatz, der nicht so häufig besucht wird. In unserem Haus gibt es keine Kinder, und in der Nachbarschaft sieht man selten welche. Ein der Kinder hat ein bisschen laut gebrüllt. Es hat keine zwei Minuten gedauert, bis aus einem der Nachbarhäuser Rufe wie „Halt die Klappe“ zu hören waren. Ob es einen Zusammenhang mit dem angehäuften Hundekot am Eingang des Spielplatzes gibt? Ich finde es immer eklig, wenn ich morgens auf dem Weg zur S-Bahn-Station entlang gehe. Wer würde da sein Nachwuchs spielen lassen wollen? Die Bewohner herum scheinen wenig tolerant Kindern gegenüber zu sein und ziemlich schnell gereizt zu reagieren.

Meine musikalischen Nachbarn

Unmittelbar nach dem Umzug ist es mir aufgefallen. Im Nachbarhaus haben wir Musikanten. Ich kenne die Nachbarn nicht persönlich, außer dass wir uns manchmal auf dem Balkon grüßen. Eine Familie mit zwei Teenagers, ein Junge, ein Mädchen. Wer von den beiden spielt, weiß ich nicht, aber fast täglich hört man Klavier und Flöte aus deren Wohnung. Nie gleichzeitig und wenn beide, dann immer nacheinander, und ich denke deshalb, dass die gleiche Person beide Instrumente spielt. Zu zweit wäre die Versuchung doch groß, zusammen zu spielen. Wir hören Musik vor allem in meinem Arbeitszimmer und im Schlafzimmer. Da es tagsüber ist und nie lange dauert, ist es kein Problem. Nichts im Vergleich zu meinem ehemaligen Nachbar.

Das „Problem“ ist, dass seit November immer wieder das gleiche Stück gespielt wird, mit sehr geringen Fortschritten. Es würde mich sehr frustrieren. Und ich habe erst jetzt gemerkt, woran es liegt. Die Person spielt nur das Stück, ohne Technik-Übung. Teile, die einwandfrei gespielt werden können, werden bevorzugt gespielt, ohne gezielt dort zu üben, wo es Probleme gibt. Als ich bis vor zwanzig Jahren Klavier gespielt hatte, hatte ich mich immer mit Technik warm gespielt. Ich hatte ein Heft, der nur solche Übungen enthielt. Neue Stücke hatte ich stets für jede Hand getrennt gelernt, bevor ich beide zusammengefügt hatte. Und ich war fleißig. An Mittwochnachmittage und in den Schulferien konnte ich locker vier oder fünf Stunden lang am Klavier sitzen und üben. Ich habe nur aufgehört, als ich mit der Uni angefangen habe. Es war gut, dass wir damals in einer Villa gelebt hatten. Das hätte sonst keiner aushalten können.

Wie auch immer. Ich freue mich echt auf den Tag, an dem ich Für Elise endlich fehlerfrei aus der Nachbarwohnung hören werde.

Die verschwundenen Räder

Es wird noch einige Wochen dauern, bis unsere Wohnung besuchbar wird. Viele Kartons liegen im Wohnzimmer und in der Küche gestapelt. Meine sind fast ausgepackt, bis auf die Kisten für die Küche, die ja auch bestellt werden soll.

Seit einiger Zeit denken wir daran, mal wieder Fahrrad zu fahren. Ich habe es seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gemacht. Ich war krank, dann waren wir im Urlaub, dann kamen schon die Vorbereitungen für den Umzug… Und da es kälter wird, wollte Martin seine Winterräder an seinem Rad bauen. Gute Idee, ich könnte mir auch welche besorgen, wenn es glatt wird.

Er hat angefangen, nach seinen Rädern zu suchen, hinten den Kartons in der Wohnung, im Keller… Nirgendwo zu finden. Seltsam. Die hatte er selber aus dem Keller seiner vorherigen Wohnung bis zum Umzugswagen gebracht. Vielleicht wurden sie im LKW vergessen? Die angerufene Person bei der Umzugsfirma verneinte dies kategorisch. Vielleicht haben sie sie beim Auspacken irgendwo abgestellt und liegen lassen. Dann sind sie seit drei Wochen bestimmt schon weg, sie waren ziemlich teuer gewesen. Er hat sich sehr darüber geärgert.

Am Samstag sind wir zum Frühstück zur Bäckerei um die Ecke gegangen. Auf der Rückkehr, kurz vor der Haustür, ist Martin plötzlich stehen geblieben. Da, neben den anderen angeschlossenen Fahrrädern, waren seine beide Räder angelehnt! Offensichtlich seit längerer Zeit, da sie Spuren von den Vögeln bekommen hatten. Unglaublich. Da wir seit dem Umzug meistens mit dem Auto unterwegs sind, und einen Platz in der Tiefgarage haben, sind wir noch nie bei Tageslicht durch die Haustür gegangen. Dort hatten die Reifen die ganze Zeit gewartet, und keiner hat sie mitgeschleppt. Es sagt einiges über die Qualität der neuen Nachbarschaft aus.

Heute Morgen bin ich ausnahmsweise alleine zur Arbeit gefahren. Im Treppenhaus habe ich die Nachbarin aus dem Erdgeschoss kennen gelernt, eine Dame über 80. Sie hat mich gefragt, ob wir die Räder mitgenommen hätten. Sie wusste nicht, wem sie gehören, und hatte sich Sorgen gemacht, weil sie bestimmt geklaut werden könnten. Süß.