München, du bist so sonderbar

In nur einem Tag in München habe ich viel mehr außergewöhnliche Begegnungen erlebt, als in einer Woche in Berlin. Kein Wunder, dass Mitzi so viele Inspirationen für ihre Geschichten findet.

In der U6 Richtung Klinikum Großhadern. Ich habe Platz an einem Langsitz genommen. Der Platz links von mir ist frei, die zwei Plätze weiter weg sind von einem jungen Paar belegt. Wahrscheinlich Münchener, dem Akzent nach zu beurteilen. Sie kommen aus einer Reise zurück nach Hause, sie haben dicke Koffer bei sich. An einer Haltestelle steigt eine ältere Dame mit Gehstock ein. Sie zittert ein bisschen und hat Probleme, sich hin zu setzen, schafft es aber doch. Genau zwischen mir und dem jungen Paar. Als sie einige Stationen später aussteigen will, wird es schwierig. Einmal, zweimal hebt sie sich ganz leicht auf, um wieder auf ihrem Sitzplatz zurück zu fallen. Beim dritten Mal packe ich sie leicht an der rechten Seite und unterstütze ich sie beim Aufstehen. Sie schafft es! Und dann sehe ich, an der linken Seite hat der junge Mann sie ebenfalls gehalten. Wahnsinn. So viel Hilfbereitschaft sieht man in Berlin kaum.

Nach einer leckeren Mittagspause am Sendlinger Tor[1] setze ich meine Fahrt fort. Das Vorstellungsgespräch ist erst am Nachmittag. Ich sitze wieder in der überfüllten U-Bahn, als eine asiatisch aussehende junge Frau einsteigt. Ihr Bauch ist leicht rund. Sie geht an mir vorbei und lehnt sich gegen den Faltenbalg an. Ich biete ihr meinen Sitzplatz an. Sie wirkt zuerst überrascht, lacht dann und murmelt ganz leise, mit großen Gestik, „ich bin nicht schwanger, ich bin nur dick!“ Meine Sitznachbarn haben es aber nicht verstanden, und stehen ebenfalls auf, um ihr einen Sitzplatz anzubieten. Sie sitzt sich resigniert neben mir hin und erzählt weiter, „ich muss echt abnehmen, mein Mann sagt auch, ich bin zu dick, und jetzt fangen die Leute an, mir Sitzplätze in der Bahn anzubieten, da muss ich echt was machen, wobei es auch Vorteile hat“, und lacht dabei die ganze Zeit. In ihrer Art erinnert sie mich sehr an meine Freundin Mei.

Nach dem Vorstellungsgespräch habe ich noch viel Zeit und ich beschließe, ein bisschen zu Fuß zu gehen, bevor ich zum Flughafen zurück fahre. Ich war zum letzten Mal vor zehn Jahren[2] in München, glaube ich. Ich steige am Odeonplatz aus und gehe Richtung Englischer Garten. Es sieht genau wie bei meinem letzten Besuch aus. Zuerst muss ich durch den Hofgarten. Es ist sonnig, ohne Wind, das Wetter ist fantastisch, und ich bereue, mit Kostüm und Pumps unterwegs zu sein. Die Pumps sind zum Glück sehr bequem und so offen, dass es den Füßen nicht zu warm wird. Den Blazer ziehe ich aus, und trage nur noch Hose und Shirt. So viel Anstand ist in München vielleicht nicht nötig. Am Eingang vom Hofgarten begegne ich einer älteren Dame mit weißen Haaren. Sie ist anscheinend häufig in der Sonne, ihre Haut ist sehr braun. Ihr ist auch offensichtlich warm. Ihre Bluse ist geöffnet, und ihr Busen hängt so ganz frei rum. Genau so braun wie der Rest. Ich will nicht glotzen und muss es doch tun. Gut, dass meine Brillengläser bei der Sonne so schnell dunkel werden. Ihr Mann folgt ihr. Alles normal.

Insgesamt habe ich den Eindruck, die Münchener sind viel freundlicher als die Berliner. Schon als ich aus dem Lufthansa-Express-Bus ausgestiegen war und an der Kreuzung um mich herum schaute, um die U-Bahn zu finden, hatte ich keine Minute gestanden, bis ein Fahrradfahrer mich fragte, wo ich denn hin wollte. Unterwegs kann man Leute nach dem Weg fragen, und sie gehen nicht völlig ignorierend mit dem Kopf zur anderen Seite gedreht an einem vorbei, nein, die Leute halten an und erklären den Weg ganz ausführlich und freundlich! Es wäre doch schön, hier zu leben[3].

[1] Leider auch sehr laut. Es gibt gerade Bauarbeiten.

[2] Damals hatte ich viele Messungen an der Neutronenquelle gemacht.

[3] Es wird vermutlich doch nicht dazu kommen. Alle Kandidaten sollten am Dienstag durch sein, einen habe ich zwischen Tür und Angel gesehen. Ich habe seitdem gar nichts von der Firma gehört. Vermutlich finden schon Verhandlungen mit dem ersten Kandidaten statt.

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Morgen habe ich frei

Aber stressig wird es definitiv, obwohl ich mein Bestes tue, um mir keinen Kopf zu machen. Ich werde morgen nämlich nach München reisen. Denn: Ich bin zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden! Und das, nachdem ich schon vor drei Wochen ein Telefongespräch hatte!

Die Stellenanzeige hatte ich vor anderthalb Monat in einer abonnierten Fach-Mailing-Liste entdeckt und ich war begeistert, weil sie ziemlich genau meinem Profil entsprach. Im Gegenteil zu meinen bisherigen Bewerbungen seit dem Anfang des Jahres. Ich habe mich sofort beworben, und dabei die Webseite des Unternehmens besucht. Die Stelle war dort auch zu finden, allerdings war die Liste der Anforderungen viel länger als die Version der Mailing-Liste, auf der ich mich beworben hatte. Es klang mehr wie die Suche nach der eierliegenden Wollmilchsau. Bei den zusätzlichen Kompetenzen, die der Kandidat haben sollte, habe ich nicht so viel Erfahrung. Laborarbeit, chemische Syntheseverfahren, habe ich in meiner aktuellen Arbeit auch an einfachen Systemen gemacht, aber meistens bin ich nur am Programmieren und Daten auswerten. Im Laufe des telefonischen Vorstellungsgesprächs wurden diese Punkte erwähnt, wobei mein eventuell zukünftiger direkter Chef meinte, es wäre kein Beinbruch, sich das zusätzliche Wissen anzueignen. Stimmt auch.

In dem Gespräch wurde erwähnt, dass nur vier Kandidaten telefonisch kontaktiert werden. Schon mal nicht schlecht. Der Chef der Firma wollte sich persönlich bei mir melden, um mich zu informieren, ob ich vor Ort bestellt werde, also werden von den vier Kandidaten nicht alle eingeladen. Das ist für mich schon eine tolle Leistung, wenn ich so durch das zweite Filter weiter komme. Außerdem soll die Stelle von vorne rein unbefristet sein, und der Firma soll es wirtschaftlich sehr gut gehen. Mal schauen, wie sie auf meine Gehaltsvorstellung reagieren.

Sollte es wirklich klappen, würden wir nach München umziehen. Bei den Immobilienpreisen, eher in der Umgebung von München. Ich wäre echt traurig, unsere jetztige Wohnung verlassen zu müssen. Mit unserer schön eingerichteten Terrasse, all die Pflanzen, und wir haben für den Sommer neue, teure Renovierungsarbeiten im großen Badezimmer bestellt… Ob wir die Wohnung dann vermieten oder verkaufen würden, bleibt zu sehen. Der Ehemann hat gerade eine neue Stelle angefangen, es wäre vielleicht besser, wenn er zuerst ein paar Monate hier bleibt und Erfahrungen sammelt, bevor er sich anderweitig bewirbt. Obwohl er meint, dort grundsätzlich mehr Chancen als in Berlin zu haben. Eine Fernbeziehung will er aber nicht.

Ich sollte jetzt ins Bett gehen und aufhören zu grübeln. Ich muss ja morgen früh zum Flughafen. Und zuerst muss das Gespräch gut laufen, bevor wir weitere Pläne machen.