SEV nimmt kein Ende

Oder, um ein altes und gerade sehr passendes Sprichwort zu zitieren: Quand y’en n’a plus, y’en a encore. Ich weiß jetzt nicht, wie es ins Deutsche übersetzt wird, und um die späte Uhrzeit ist es mir egal.

Heute früh, kurz nach sieben Uhr morgens. Das Fenster vom Schlafzimmer ist ganz breit auf. Ich höre, wie die S8 am Bahnhof ankommt. Ich wiederhole: Ich höre die S-Bahn! Wahnsinn! Die Wochen des Leidens sind vorbei! Ich kann endlich wieder von zu Hause aus mit der S-Bahn zur Arbeit fahren, nachdem ich gestern noch die letzte Strecke SEV lieber zu Fuß gemacht habe, weil es sich zeitlich einfach nicht lohnte, für den kurzen Abstand so lange auf den Bus zu warten. Trifft sich gut, weil ich aufgrund des Regens keine Lust hatte, Fahrrad zu fahren.

Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, weil, obwohl der Brief der Deutsche Bahn uns ein Ende des Chaos für den 15. April angekündigt hatte, ich letzte Woche auf dem SEV Fahrplan lesen konnte, dass es wohl bis Freitag, 20.4.2018 3 Uhr dauern würde. Was heute Abend geschah, war trotzdem nicht auf dem Plan (ich hab’s noch auf meinem Handy als Foto-Beweis).

Ich war heute mal nicht beim Sport, sondern bei einer Kollegin zum Abendessen und quatschen. Kurz nach 22:00 habe ich mich auf den Weg nach Hause gemacht. Ich hatte gesehen, dass die Verbindung zwanzig Minuten zuvor mit Bus und S-Bahn ganz normal lief, konnte aber wegen meines miesen Vodafone-Empfangs nicht sehen, wie es danach ging. Vermutlich auch mit Bus und S-Bahn.

Als ich im Bus saß, konnte ich die Anfrage auf der App aktualisieren und da stand, Bus bis Pasing und SEV. Ab Pasing schon? Das hatten wir noch nie, seit Beginn der Bauarbeiten. Dort angekommen, bin ich erstmals schnell zum Gleis gelaufen. Dort war die S8 bis Herrsching angekündigt, und es gab sogar eine Durchsage, zusätzlich zur Info-Tafel, um zu informieren, dass sie nicht wie üblich am Gleis 7, sondern am Gleis 8 direkt gegenüber ankommen würde. In zwei Minuten. Super, habe ich gedacht. Die S8 kam, doch auf Gleis 7. Alle Passagiere sind ausgestiegen, und das Licht in der S-Bahn wurde ausgeschaltet. „Bitte nicht einsteigen,“ konnte man hören. Also doch SEV, der zweimal so lange für die Strecke braucht.

Ich bin schnell zur SEV-Haltestelle gelaufen und habe ganz viele Leute dabei überholt. Gut gemacht. Für mich. Den es gab nur einen Reisebus, um die ganze Bahn zu ersetzen. Ich habe einen Sitzplatz ergattern können, ein Paar Sekunden später war der Bus schon so voll, dass Leute dicht im Gang stehen mussten und viele draußen nicht mehr einsteigen konnten. Ob ein anderer Bus kommen würde? Der Fahrer hatte keine Ahnung. Besonders bitter: Die nächste Verbindung mit der S8 sollte erst eine knappe Stunde später sein.

Kurz nach Germering haben wir zwei anderen SEV-Busse gesehen, die in die Gegenrichtung rasten. Der Fahrer hat danach einen Anruf bekommen, vermutlich von Kollegen, die über die „Verstärkung“ geredet haben. Der Fahrer meinte, es wäre jetzt wohl umsonst, da er schon seit über zwanzig Minuten Pasing verlassen hatte. Bis die anderen Busse dort ankommen, ist schon bald die nächste S-Bahn dran, die viel schneller fährt. Warum vereinzelte Züge noch ersetzt werden müssen, wenn andere ganz normal fahren dürfen, ist mir allerdings ein Rätsel.

Advertisements

Es wird langsam

Nachdem wir am Sonntag die Strecke zur Arbeit ausprobiert haben, bin ich sie gleich am Montag mit dem Fahrrad alleine gefahren. Bevor ich die Details vergesse. Einfach war es nicht, ich habe mich zweimal verfahren, einmal im ersten Stück Wald und danach, um zum zweiten Stück Wald zu kommen. Die Kreuzungen waren nicht in der richtigen Reihenfolge in meinem Kopf. Ich habe anderthalb Stunden gebraucht, und das nur, weil ein freundlicher Fahrradfahrer mir entgegen gekommen ist, als ich rätselnd auf dem Handy schaute (mein Navi kennt keine Waldwege) und fragte, wo ich hin wollte. Sonst hätte ich länger gebraucht. Das angenehmere Stück ohne Radweg auf der engen Straße, das wir bei der Rückkehr benutzt hatten, war im Berufverkehr mehr befahren, aber es war noch in Ordnung. Die Sichtweite ist dort sehr gut, da kann man mich nicht im letzten Moment sehen, es gibt also kein Grund, so dicht an mich vorbei zu fahren, es sei denn, man trägt Arschloch-Gene in sich. Das gibt’s. Meistens zeigen die Autofahrer doch Rücksicht. Auf der Rückfahrt habe ich am Montag schon nur noch eine Stunde zwanzig Minuten gebraucht. Ich habe eine Kreuzung verpasst, und im letzten Stück Wald sind mir zu meiner Überraschung zwei Autos hinter einander entgegen gekommen. Ich dachte, dort würden keine motorisierte Fahrzeuge durchfahren. Ich musste am Rand vom Weg mit dem Fahrrad stehen bleiben, um nicht überfahren zu werden. Gebremst hat das erste Auto nicht, und ich war über die Staubwolke danach nicht erfreut, auch wenn der Fahrer vom zweiten Auto sich bedankt hat.

Gestern hatte ich geplant, nach Feierabend zum Fitnessstudio zu gehen. Mit der Sporttasche wollte ich nicht Fahrrad fahren, und auch nicht, weil ich sonst nachtsüber nach Hause durch den Wald hätte fahren müssen. Ich bin also, wie ich es seit fast drei Wochen gewöhnt bin, zur Bushaltestelle gegangen, um den SEV bis Germering zu nehmen, und weiter mit einem anderen Bus zur Arbeit zu fahren. Zu meiner Überraschung fuhr der Bus nur bis Gilching-Argelsried, weil die S8 jetzt bis dahin kommt. Ich hätte in der App schauen sollen. Zu Fuß wäre ich schneller gewesen. Das hätte mir doch nicht geholfen, weil die S-Bahn sehr lange einfach nicht kam. Keine Durchsage, wie immer, aber diesmal lag es daran, dass die Bauarbeiten am Bahnsteig nicht fertig waren. Die Männer waren am Bahnsteig tatsächlich dabei, auf der anderen Seite der Sperre auf Säulen die Lautsprecher zu befestigen. Man muss sich vorstellen, wie so viele Leute, die theoretisch zwei verschiedenen Zügen genommen hätten, sich auf dem nicht ganz halben Bahnsteig verteilt haben, um vierzig Minuten lang auf eine Bahn zu warten. Weil der nächste Bus inzwischen seine Ladung gebracht hatte. Als der Zug endlich kam, ist er auch nicht sofort weggefahren, nein, ein paar Minuten hat es noch gedauert. Ich habe für eine Strecke, die im Normalbetrieb von zu Hause aus fünf Minuten dauert, eine ganze Stunde wegen MVG-Chaos verschwendet, und habe insgesamt zwei Stunden zur Arbeit gebraucht. Begeistert war ich nicht.

Heute bin ich wieder Fahrrad gefahren, weil ich so sauer auf die MVG war. Siebzig Minuten für den Hinweg, wobei eine Kreuzung noch nicht optimal ist. Ich sollte sie vermeiden. Man kommt nach einer Brücke aufwärts auf die Kreuzung zu, die zu einer viel befahrenen Straße führt, und muss mit dem Fahrrad da mittig stehen und warten, bis eine Lücke entsteht. Tut sie das, kann man aber nicht gut los nach links radeln, weil dann aus einer anderen Richtung Autos kommen. Aussteigen, Fahrrad zur Ampel schieben, auf dem Knopf drücken um grün zu bekommen… Blöd. Es muss einen besseren Weg geben. Auf dem Rückweg nach Hause habe ich nur noch eine Stunde gebraucht. Fast genau so lange wie mit ÖPNV, wenn es normal ohne SEV fährt. Und entspannter, wenn man keinen Idioten begegnet. Wie die Frau heute hinter mir, die nur noch huppen konnte, weil ich auf der Straße fuhr. Einen Radweg gab es gerade nicht, und ich war noch bemüht, rechts dicht am Straßenrand zu fahren, und sie hätte mehrmals die Gelegenheit gehabt, mich bequem zu überholen, statt hinten zu bleiben und zu huppen. Oder der Opa in seinem grauen Cabrio (M RP 17), der mich mit „Fick dich!“ begrüßte, als er mich nach einem ganz engen Tunnel überholte, wo man eh langsam zu fahren hat. Da gab’s auch gerade keinen Radweg, er fängt erst die Kreuzung danach an. Blöd, dass ich alleine war und keine Zeugen für eine Anzeige hatte.

Mit dem Fahrrad zur Arbeit

An einem Sonntag.

Ich arbeite seit drei Monaten in München, und schon bereue ich es, mir ein Jahresabo fürs ÖPNV gekauft zu haben.

Zuerst dachte ich, es wäre nicht schlimm, so weit weg von der Arbeit zu wohnen. Die Wohnung liegt ganz nah an der S-Bahn, und die fährt alle zwanzig Minuten, morgens sogar häufiger, und ich brauche keine Stunde zur Arbeit. Also besser als das, woran ich mich in Berlin gewöhnt hatte. Nicht. Und nicht nur, weil das Abo wesentlich teurer als in Berlin ist.

Wir hatten schon ein ganzes Wochenende lang wegen Bauarbeiten Einschränkungen im Betriebsablauf hinnehmen müssen. Danach fuhr die S-Bahn normal weiter, und ich dachte naiv, das wär’s, mit den Bauarbeiten. Pustekuchen. Seit zwei Wochen fährt die S-Bahn bei uns gar nicht mehr, und das soll noch eine Woche dauern, wie ich aus dem folgenden Brief erfahren durfte:

Stattdessen gibt es Schienenersatzverkehr (SEV). Und es muss sein, weil es gar keine Alternative zur S-Bahn gibt. Wenn ich in der App suche, wie ich ohne S-Bahn von der Arbeit nach Hause komme, kriege ich Ergebnisse, die über fünf Stunden dauern, mit langen Gehwegen.

In der Woche vor Beginn der Bauarbeiten haben es uns die automatischen Durchsagen im Zug und an den Bahnhöfen die ganze Zeit immer wieder erzählt. Schön wär’s gewesen, wenn die Durchsagen an den Bahnhöfen auch nach Wiederbeginn der Bauarbeiten weiter gelaufen wären. Nicht mal Schilder gab es, um die gelegentlichen Reisenden zu informieren.

Am ersten Samstag sind wir mit dem Ehemann über den Gleis zur Bushaltestelle gelaufen, um den SEV zu benutzen. Schnell, weil der Bus in Kürze kommen sollte. Ich habe von weitem mitbekommen, wie eine Frau mit Koffer sich am Automaten eine Fahrkarte gekauft hat, um sich, ganz alleine am Gleis, auf eine Bank hinzusetzen. Als wir vorbei  liefen, habe ich mein Tempo reduziert und ihr gesagt, „Hier fährt keine Bahn, es gibt nur SEV“. Sie ist uns gefolgt, so gut es mit ihrem Koffer ging, was bei uns nicht einfach ist, da überall Treppen sind, aber keine Aufzüge. Den Bus hat sie bekommen, und hoffentlich konnte sie pünktlich zum Hauptbahnhof ankommen, wo sie einen Zug nehmen sollte. Mit SEV dauert die Fahrt länger. Als wir abends auf dem Weg nach Hause erneut auf dem Bahnsteig gingen, haben ein Italiener und sein junger Sohn auf die Bahn gewartet. Hätten wir ihnen nichts gesagt, hätten sie noch lange da gestanden. Keine Durchsage, keine Aushänge, keine Information. Das ist die MVG.

Die Busse selbst… Bei unserer ersten Fahrt kam gerade ein Bus, um einen ganzen Zug zu ersetzen. So sah es zumindest aus. Alle Leute haben sich da rein gequetscht. Natürlich auch die mit Koffer. Kinderwagen? Rollstuhlfahrer? Fehlanzeige. Die können selber gucken, wie die fahren. Während der Fahrt hat uns dann von hinten ein anderer Bus aufgeholt, bei dem auch S8 angezeigt wurde. Der war leer. Weil er so spät nach dem ersten Bus kam, haben alle Leute geglaubt, es gäbe nur den einen Bus, und sie sind alle drin eingestiegen. Der zweite Bus war noch kein gewöhnlicher Stadtbus, sondern ein Reisebus, mit steilen Treppen zum Einsteigen. Kinderwagen? Rollstuhlfahrer? Fehlanzeige.

Letztens hat sich im Bus neben mir ein älterer Herr mit Gehstöcken hingesessen. Es war wieder ein Reisebus, und er hatte große Schwierigkeiten gehabt, überhaupt einzusteigen. Ich war so unzufrieden, jetzt über eine Stunde Fahrt zur Arbeit zu brauchen und in überfüllten Bussen fahren zu müssen, dass ich ernsthaft darüber nachgedacht hatte, den Abo zur nächsten Gelegenheit zu kündigen und mir ein kleines Auto zuzulegen. Den Führerschein habe ich ja, und wir haben sogar zwei Stellplätze in der Tiefgarage, die zur Wohnung gehören. Mein geschwätziger neuer Sitznachbar erzählte mir, früher wäre er Auto gefahren, aber in den letzten Jahren hätte der Verkehr in München derart zugenommen, dass er das Benutzen vom ÖPNV viel angenehmer fände, selbst mit SEV. Doch kein Auto?

Jetzt, wo das Wetter richtig sommerlich wird, könnte ich Fahrrad fahren. Ich bräuchte theoretisch genau so lange wie mit ÖPNV im normalen Betrieb. Der Ehemann ist am Wochenende gekommen, und hat wieder einige Sachen aus Berlin mitgebracht. Darunter sein Fahrrad, wie ich ihn darum gebeten hatte. Wir haben heute die Strecke zur Arbeit getestet.

Ein gutes Gefühl hatte ich im Vorraus nicht. Beim Vorbeifahren mit dem Bus war mir schon klar, dass die Radwege hier, wenn es welche gibt, nicht zum Wohl der Radfahrer gebaut wurden, sondern nur, um sie von der Straße fern zu halten, wo sie die Autos stören. Ganz anders als in Berlin. Die „Radwege“ sind manchmal sogar für Mofas freigegeben, wie ich vor zwei Wochen auf einem Schild lesen konnte. Teilweise wird man als Fahrradfahrer auf renovierungsbedürftige Bürgersteige gelotst, und man ist besser dran, einfach auf der Straße zu fahren. Wenn sich nicht irgendwelche idiotische Autofahrer so rücksichtlos verhalten würden.

Wie heute, als der Ehemann, der vorne fuhr, um mit seinem Navi den Weg zu zeigen, nach links abbiegen wollte. Es war eine ganz enge Straße ohne Radweg oder Bürgersteig, die gerade nach rechts bog. Auf 60 km/h begrenzt. Links gab es keine Straße für Autos, nur einen Radweg durch den Wald. Der Ehemann hatte schon den Arm nach links gestreckt, um zu zeigen, dass er abbiegen wollte. Von hinten kam plötzlich ein Auto, und glaubt ihr, der Fahrer hätte ihn abbiegen lassen? Nein, nicht einmal gebremst hat er, sondern ihn von links überholt. Ich habe nur in höllischer Angst zugucken können, und bin heilfroh, dass der Ehemann im letzten Moment doch nicht abgebogen ist, weil die Tour sonst im besten Fall im Krankenhaus beendet worden wäre. Es ging so schnell, dass ich mir außer STA das Kennzeichen nicht merken konnte, sonst hätte ich darauf bestanden, bei der Polizei eine Anzeige zu machen.

Damit wurde klar, den Weg will ich nicht zur Arbeit fahren. Für die Rückfahrt haben wir eine andere Strecke gewählt, die in der Praxis ein bisschen besser aussieht, obwohl sie auch über eine enge Straße ohne Radweg läuft. Wenigstens ist die Straße gerade, wenn man vom Wald ankommt. Ich weiß aber nicht, wie es im Berufsverkehr aussieht.

Radtour zum Weßlinger See

Der Ehemann musste ungewöhnlich früh zum Flughafen. Er war schon seit Donnerstag hier, weil er am Freitag ein Vorstellungsgespräch hatte. Das Gespräch ist zwar gut gelaufen, aber die Firma hat ihn nicht wirklich überzeugt.

Ich hatte den Wecker auf meinem Handy für sieben gestellt, was für einen Sonntag recht hart ist. Wir sind schon nicht früh eingeschlafen. Und wir haben völlig vergessen, dass die Sommerzeit am Wochenende anfängt. Dementsprechend noch weniger geschlafen, obwohl es mir beim Aufwachen nicht aufgefallen ist. Gut, dass mein Handy die Uhrzeit automatisch anpasst. Als der Ehemann auf Boarding wartete, schrieb er mir, „Kann es sein, dass wir heute Nacht zur Sommerzeit gewechselt sind?“ Ich: „Nee, ich hätte es schon vorher mitbekommen“. Tja.

Das Wetter sah morgens fantastisch aus. Endlich ist der Schnee übers Wochenende weg geschmolzen, oder fast. Auf dem Weg zum Bäcker war es mir doch kalt. Ich habe beschlossen, erst am Nachmittag Fahrrad zu fahren. Die erste Radtour des Jahres. Ich bin nicht weit gefahren, weil ich nicht sicher war, ob mit dem Fahrrad alles in Ordnung ist. Das vordere Rad wirkte beim Fahren ziemlich platt. Ich habe es nicht geschafft, die Kappen vom Ventil aufzumachen, um die Reifen aufzupumpen. Der Ehemann muss sich bei seinem nächsten Besuch darum kümmern. Vermutlich ist er es selber gewesen, der die Kappen so fest zu gedreht hat.

Nach einer halben Stunde bin ich am Weßlinger See angekommen. Es waren schon viele Leute unterwegs. Ich habe das Rad geschoben und bin zu Fuß um den See gelaufen. Der Weg war teilweise eng und matschig, aber es war schön. Ich bin meinem ersten Zitronenfalter des Jahres begegnet. Eine kleine Imbiss-Bude gibt es, direkt am Wasser. Es wäre übertrieben, von einem Biergarten zu sprechen. Das war der meist besuchte Ort am See. Alle Tische waren überfüllt. Sonst war der Spaziergang ruhig. Der Weßlinger See ist ganz klein und ökologisch bedroht. Viele Plakate hängen, um zu erklären, dass man zum Beispiel die Enten und Schwäne nicht füttern darf. Baden kann man nur an bestimmten Stellen. Es gibt in der Gegend sowieso größere Seen, den kleinen hier könnte man komplett in Ruhe lassen. Nach einer Stunde war ich zurück zu meinem Ausgangspunkt gekommen, und ich bin nach Hause geradelt.

 

ÖPNV: München kann Berlin das Wasser reichen

Oder hat die MVG aus den Werbespots der BVG gelernt?

Heute morgen, Geisenbrunn. Ich sitze mittig im Wagen. Was ich damit sagen will: Hier steigt man nicht ein, wenn man in letzter Sekunde noch bis zum Zug gerannt ist. Wenn man hier einsteigt, dann, weil man schon in der Mitte vom Bahnsteig gewartet hat. Der Zug hält, eine junge Frau steigt ein. Kurz nach ihr sehe ich einen jungen Mann, der nur auf seinem Handy starrt, während er sich im Schneckentempo bewegt. Das Signal für die Türe ertönt, die Türe schließen. Zugegeben, sie waren nicht lange offen. Der junge Mann hebt endlich den Kopf und schaut sich erstaunt die geschlossene Tür direkt vor ihm an. Er drückt auf dem Knopf, aber die Tür bleibt zu. Sie ist schon verriegelt. Er geht zur nächsten Tür, die ebenfalls geschlossen bleibt. Nach einer gefüllt ewigen Pause, die der Fahrer bestimmt zur Betonung der Dramatik eingelegt hat, fährt der Zug ab.

Ich steige später in einen Bus ein. Auf halber Strecke halten wir an eine Haltestelle, wo eine junge Frau offensichtlich auf den Bus gewartet hat. Die Tür geht auf. Gerade als die Frau einsteigen will, wird sie von einer älteren Frau angesprochen, die sie etwas fragen will. Die junge Frau antwortet freundlich, und will noch in den Bus einsteigen, als der Fahrer die Tür wieder zu macht. Es kann keine fünf Sekunden gedauert haben. Die Frau klopft an die Tür. Der Fahrer fährt los. Eine Mitreisende, die vorne sitzt, sagt dem Fahrer, dass die Frau noch einsteigen wollte. „Die Tür war auf, sie hätte längst einsteigen können,“ antwortet er sturr. Er fährt vielleicht zehn Meter, um vor einer roten Ampel stehen zu bleiben. Die junge Frau durfte auf den nächsten Bus warten.

Das Wochenende in Bildern

Der Ehemann ist am Wochenende gekommen.

Ich hatte die Idee, am Samstag zum Ammersee zu fahren. Es war die ganze letzte Woche so kalt, die Temperaturen sind nie über null Grad gekommen. Es müsste doch toll sein, am gefrorenen See spazieren zu gehen. Ja, der Spaziergang war es.

Abgesehen davon, dass die S8 momentan wegen Bauarbeiten nur alle vierzig Minuten fährt, und man am Bahnhof nicht mal darüber informiert wird, dass der Zug nicht am richtigen Bahnsteig ankommt, sondern falsch rum fährt… Ich sage nur, gut, dass der Fahrer uns alle wegrennen gesehen und gewartet hat, bis wir die Treppen runter und hoch gerannt sind, um zum anderen Bahnsteig zu gelangen (und das auf dem neuen frischen Schnee, über dem alten gefrorenen Schnee, der natürlich wie immer gar nicht geräumt wurde). Sonst hätten wir weitere vierzig Minuten in der Kälte stehen müssen. An dieser Stelle vielen Dank an die Münchener, die sich vor den optischen Sensoren der Türe vom Zug stellen, wenn sie sehen, dass jemand noch einsteigen will. So ein hilfreiches Verhalten habe ich in Berlin nie erlebt. Die Leute dort bleiben nur direkt nach dem Einsteigen neben der Tür stehen, weil sie zu blöd sind, um zu denken, dass die Leute hinter ihnen vielleicht auch rein möchten. Sensoren gibt es an den Türen der Berliner S-Bahn nicht, oder nur, wenn die Tür nicht zu geht, weil jemand gerade eingequetscht wird.

Gefroren war der Ammersee am Samstag nicht, dafür ist er viel zu groß. Hätte ich mir denken können. Trotzdem war der Spaziergang sehr schön. Nach dem verschneiten Park kommt man zum Ufer, wo eine Seejungfrau auf einem Waller sitzt. Die Skulptur wurde von der Bildhauerin Hilde Grotewahl angefertig und der Gemeinde Herrsching geschenkt. Leider war von der Sonne, über die wir uns beim Verlassen von München gefreut hatten, nicht viel übrig. Mit dem Nebel aus dem See wirkt das Bild von den Enten und Blässhühnern mit dem Steg im Hintergrund fast surrealistisch.

Ich wäre gerne weiter nach Süden am See entlang gegangen. Einen Teil der Strecke mussten wir über die Straße gehen, und nach dem Schloß Milfelden haben wir den Weg zum Ufer gefunden. Leider war er unter dem frischen Schnee viel zu gefroren und glatt, um darauf laufen zu können. Wir sind umgekehrt, und haben dabei ganz viele süße Fußstapfen von Vöglein am Boden entdeckt.

Was soll’s, Andechs ist auch nicht weit, wir könnten dahin gehen. Das Kloster ist ja berühmt. Da der Fußweg aber genau so glatt wirkte, sind wir zurück zur Bushaltestelle gelaufen und von dort mit der 951 hin gefahren. Inzwischen war der Nebel verschwunden, und in Andechs haben wir sogar ein bisschen Sonne gesehen. Dass hier Bier gebraucht wird, sieht man fast an jeder Ecke. Wir sind um die Mittagszeit am Gasthof angekommen und obwohl der Empfang recht kühl war (unsere Begrüßung wurde beim Betreten des Raumes von den Mitarbeitern nicht mal erwidert, so dass wir uns erstmals fragten, ob es doch noch zu früh war), hat sich der Besuch gelohnt. Das Bergbier war hevorragend, und ich habe zum ersten Mal Obazda gegessen. Was soll ich sagen? Hmm, so lecker!

Nach einem kurzen Spaziergang sind wir weiter mit dem Bus nach Starnberg gefahren. Nachdem ich die Wohnung von Airbnb doch nicht bekommen habe, war ich auf den Starnberger See neugierig, der in der Nähe liegt. Die Idee war dabei auch, das Problem mit der schlecht fahrenden S8 zu vermeiden, und mit der S6 zurück über die Stadt zu kommen, wo wir noch einkaufen wollten. Die Kaffeepause am Ufer hinter dem Bahnhof war mit der wärmenden Sonne so gemütlich, dass wir fast auf der Stelle eingeschlafen wären. Nach einem letzten Spaziergang sind wir müde nach Hause gefahren. An dem Tag sind wir über zehn Kilometer zu Fuß gelaufen.

Heute Morgen habe ich beschlossen, einen faulen Tag einzulegen. Nachdem wir lange ausgeschlafen haben, sind wir zum Café Glockenspiel gefahren, um dort zu frühstücken.

Die Fahrt mit der S8 war ekelhaft. Man hatte echt den Eindruck, in einer Mülltonne zu fahren. Die Bahn war noch relativ leer, als wir angekommen sind, und wir konnten uns einen sauberen Sitzplatz aussuchen. Das Entsetzen der späteren Fahrgäste war nicht zu überhören. Der Müll, der da rum lag, konnte aber unmöglich erst am Sonntagvormittag entstanden sein. Ich vermute, dass es sich um Reste vom Samstagabend handelt, und dass die Bahn einfach nicht geputzt wurde. Es ist ja schwer, jetzt, wo die Bahn nur alle vierzig Minuten fährt, Zeit zu finden, um sie zu reinigen… 🙄

Wir sind eine halbe Stunde nach der Eröffnung vom Café angekommen, und nicht zu früh. Ich habe den letzten freien Tisch ergattern können, während der Ehemann hinten zwei Männern stecken geblieben war, die nach einem freien Tisch fragen wollten. Das habe ich erst nach dem Hinsetzen gemerkt, als die Männer enttäuscht reagiert haben, dass es plötzlich keinen Tisch mehr gab. Wie der Kellner ihnen sagte, sie hätten sich direkt selber einen Platz aussuchen sollen.

Nach dem leckeren Frühstück sind wir zum Englischen Garten gegangen. Zuerst zum südlichen Teil, wo wir in einem Fußgängertunnel am Friedensengel tolle Kunstwerke entdeckt haben.

Wir sind dann am Bayerisches Nationalmuseum vorbei gegangen, um weiter zum anderen Teil vom Garten zu kommen. Dort standen einige Schaulustige, um die Surfer zu betrachten, die trotz Verbotsschilder ihren Spaß hatten. Wir haben zum Schluß am Biergarten in der Sonne gesessen, während der schmelzende Schnee aus dem Turm auf dem anderen Ende von unserem Tisch herunter tropfte. Danach musste der Ehemann zurück zum Flughafen. Ich bin schwimmen gegangen.

Heute mit Schnee

Ich bin froh dass es nicht halten wird.

Als ich gestern Abend, kurz vor zwölf, aus Berlin zurück kam, ging es noch. Ich hatte mir Sorgen gemacht, weil die Temperatur negativ war und meine App für den Sonntag Schnee vorgesehen hatte. Es gab Schnee, ja, aber der kurze Weg von der S-Bahn bis nach Hause war gut gefegt, mit der Ausnahme vom Bürgersteig vor dem Hotel im Nachbarhaus. Dort scheinen sie sich nie darum zu kümmern.

An der S-Bahn scheint sich auch niemand dafür zuständig zu fühlen, den Bahnsteig und die Ausgänge wenigstens zu streuen, obwohl das Wetter nicht überraschend kam. Nachdem es über Nacht so viel geschneit hat, lag wieder eine dicke Schicht rum. Vor allem fahrlässig war es an den Treppen, die man benutzen muss, um zur anderen Seite des Banhofs zu gelangen. Es gibt nämlich keine Möglichkeit, zum Bahnsteig Richtung München zu gehen, wenn man keine Treppe benutzen kann. Was machen denn Rollstuhlfahrer und Leute mit Kinderwagen? Alternativ könnte man auch Bus fahren, aber die Haltestelle ist ebenfalls auf der anderen Seite vom Bahnhof.

Heute Morgen war es besonders schlimm, da der ganze Schnee auch auf den Stufen der Treppen lag. Schön glatt von der Schülerscharr breit getreten, die mir entgegen gekommen ist und durch die ich mir den Weg in die entgegengesetzte Richtung erkämpfen musste. Wir haben eine Schule ganz in der Nähe. Ich muss mir merken, die Bahn um zehn vor acht in Zukunft zu vermeiden. Wenigstens hätten die Schüler als Dämpfung gedient, wäre ich tatsächlich die Treppe runter gerutscht.

Nachdem ich dann von der S-Bahn zur Bus-Haltestelle tapfer den ganzen Weg über den verschneiten Lidl-Parkplatz gegangen bin, durfte ich über vierzig Minuten auf der Stelle verharren, weil so lange kein Bus kam. Die MVV-Webseite zeigte meine Verbindung trotzdem ohne Verspätung an. Hätte ich es gewusst, wäre ich weiter mit der S-Bahn bis Pasing gefahren. Obwohl es mir nichts gebracht hätte, weil Tim, mein Zimmerkollege, der dort wohnt, heute Morgen fast genau so lange auf den Bus warten musste. Es war einfach überall Chaos. Ein anderer Kollege hatte beschlossen, mit dem Fahrrad zu kommen. Einige andere Leichtsinnige habe ich auch über den Schnee radeln gesehen. Mein Kollege hat es heute nicht zur Arbeit geschafft und musste den Umweg zum Krankenhaus machen.

Ich hatte mich auf jeden Fall über den ununterbrochenen Regen gefreut, der für heute vorausgesagt wurde. Der Schnee würde bestimmt schnell verschwinden. Nicht. Der Regen kam nicht so stark wie erhofft, und der Weg nach Hause war am Abend noch teilweise rutschig. Jetzt liegen viel Wasser und Schneereste auf den Straßen. Gut, dass es über Nacht um die 3°C wird und das alles nicht einfriert. Sonst müsste ich morgen Glättefrei nehmen.

Wohnungssuche in München

Darüber sollte ich ein Buch schreiben, meinte CEO#2 heute.

Am Anfang habe ich mich beschwert, dass ich keine Rückmeldung auf meine Anfragen auf Immobilienscout24 bekommen habe. Ich hatte mir eine Suche eingerichtet und alle Anbieter kontaktiert, die eine dazu passende Wohnung hatten. Mir ist inzwischen klar geworden, dass einige Makler es nicht ernst mit der angebotenen Wohnung meinen. Die Wohnungen dienen nur als Köder, um Leute dazu zu bringen, sich auf die Immobilienportale der Makler selbst anzumelden. Datenkraken.

Ich habe zwischen Weihnachten und Neujahr immerhin zwei Wohnungen besichtigt. Beide wurden nichts. Letzte Woche ging es dann aufwärts. Ich hätte mir denken können, dass man zwischen den Jahren nicht viel erwarten kann. Ein paar Absagen sind jetzt angekommen, alle für Wohnungen, die mich nicht mehr interessieren. Ich dachte zuerst, ich nehme eine kleine Wohnung bis der Ehemann kommt, und danach suchen wir eine Größere für uns beide. Jetzt suche ich von vorne rein eine größere Wohnung. Den Stress will ich mir nicht zweimal antun.

Für die Wohnung von Dienstag habe ich nichts gehört. Vermutlich denkt der Makler, wenn ich nicht nachfrage, bin ich nicht interessiert. Ich habe nicht abgesagt, weil ich dachte, besser die Wohnung nehmen als gar nichts haben, sollte sie doch länger verfügbar bleiben.

Am Donnerstag hatte ich einen vierten Termin. Eine Stunde Fahrt von der Arbeit. Die Wohnung hat mir sehr gut gefallen. Ich war aber nicht die einzige Interessentin. Ich habe ein bisschen mit einem Inder gequatscht, der von einer Hilfsperson begleitet war und der mir sympatisch vorkam. IT-Ingenieur, spricht noch kein Deutsch, seit drei Monaten in München. Immer noch keine Wohnung gefunden. Er wartet darauf, um endlich seine Familie bei sich zu haben. Autsch, wie lange werde ich noch warten müssen? Ich fange erst jetzt richtig an zu suchen.

Am Freitagnachmittag gab es zwei neue Termine. Die erste Wohnung liegt ebenfalls eine Stunde von der Arbeit entfernt. So südlich, dass es nicht mehr München ist. Es wäre nicht weit, bis zu den Seen und Bergen. Als ich die Wohnung betreten habe, hat sie mir den Atem beraubt. Wie schön! Auf zwei Etagen verteilt, unter dem Dach, mit Balkon vor der Küche. Die Eigentümer, die selber drin gewohnt haben, haben praktische Aufräummöglichkeiten unter den Dachschrägen gelassen. Ich habe mich auf der Stelle völlig verliebt. Dazu kommt, dass es keine Einbauküche gibt. Wir könnten unsere problemlos mitbringen. Der Preis ist höher, aber für so eine Wohnung lohnt es sich. Wir würden nicht so schnell ausziehen wollen, und der Ehemann kann bestimmt damit rechnen, in München besser als in Berlin zu verdienen. Es wird schon. Ob die Maklerin und die Eigentümer auch davon überzeugt sind? Immerhin beträgt die Miete die Hälfte meines Nettogehalts. Es heißt, über ein Drittel sollte es nicht werden. Aber ab einem bestimmten Gehalt bleibt trotzdem immer noch genug übrig, um gut leben zu können. Und das Gehalt vom Ehemann kommt dazu, und unsere Wohnung in Berlin werden wir vermieten können, da bin ich mir ganz sicher. Schön war auf jeden Fall, dass sich die Frau der Agentur so viel Zeit genommen hat, um Einzeltermine anzubieten. So konnte ich in Ruhe staunen.

Die zweite Wohnung am Freitag hat mir wiederum gar nicht gefallen. Mit der Raumteilung wirkte sie sehr unbequem. Direkt nach der Eingangstür kommt man ins riesige Wohnzimmer, das sich verwinkelt über die Breite der Wohnung erstreckt. Ich habe mich schon beim Eintreten unwohl gefühlt. Kein gemütlicher Eingangsbereich. Das Schlafzimmer ist riesig lang, und ich könnte mir nicht vorstellen, drin gut schlafen zu können. Viel zu groß. Dafür gibt es ein kleineres Kinder- oder Arbeitzimmer, das direkt am Treppenhaus liegt, also ungeeignet, um selber drin zu schlafen, und das man durch eine Wand in zwei teilen könnte, erzählte stolz der Makler. Die Fenster sind alle sehr breit aber nicht hoch. Und es gibt eine Einbauküche, die man nicht raus nehmen darf. Dafür, dass die Wohnung viel näher zur Arbeit liegt, bräuchte ich eine halbe Stunde ÖPNV, mit einem Bus pro Stunde. Nee, sie kann nicht ernsthaft in Frage kommen, obwohl sie günstiger ist. Aber doch besser als gar nichts. Ich habe meine Bewerbungsunterlagen hinterlassen.

Am Samstag konnte ich gemeinsam mit dem Ehemann zur siebten Wohnung fahren. Sie ist schön, wenn auch nichts Besonderes. Nach der ersten Wohnung am Freitag war es schwer, mich für normalere Wohnungen zu begeistern. Die Eigentümer sind sehr nett und haben sich die Mühe gemacht, einen Termin extra für uns anzubieten, weil ich am ursprünglich vorgesehenen Termin nicht anwesend sein konnte. Sie melden sich, sobald der geplante Termin statt gefunden hat.

Am frühen Sonntagnachmittag hätte es einen achten Termin geben sollen. Die Vermieter, ein Paar, hatten mich am Freitag angerufen, als ich unterwegs zur ersten Wohnung war. Ob ich reden könnte, wollte der Mann wissen. „Ja,“ habe ich gesagt. „Ich bin unterwegs“. Es wäre blöd, mit dem Handy. Gäbe es keine Festnetznummer, unter der ich angerufen werden könnte? „Ich bin unterwegs“, habe ich wiederholt. „Draußen.“ Der Mann sagte, ich könnte mir am Sonntag um zwei die Wohnung anschauen. „Geht nicht, ich habe schon am Sonntag um zwei einen Termin. Ginge es um zwölf?“ Nein, aber um eins könnten die Vermieter da sein. Sie kommen aus Regensburg, früher ginge es nicht. Um eins hätte ich aber unmöglich Zeit, die Wohnung ausführlich zu besichtigen und pünktlich zu meinem schon länger geplanten Termin mit ÖPNV zu fahren, habe ich erklärt. Wo müsste ich denn hin, wollte der Mann wissen. „Ach, bis dahin brauchen Sie nur eine Viertelstunde, Frau Doktor“, meinte er dann, als ich seine Neugier gestillt habe. Wie hat es mich genervt, dass er mich bei jedem Satz bei Namen mit Frau Doktor angesprochen hat! „Na gut, wenn es stimmt, nehme ich den Termin an.“ Unterwegs beim Telefonieren konnte ich es schlecht prüfen, ich hätte das Handy dafür nutzen müssen. Es gäbe aber einige Sachen, die in meiner schon geschickten Selbstauskunft korrigiert werden müssten, sagte der Mann. Da ich inzwischen zu meinem Termin angekommen war, habe ich ihn darum gebeten, mich eine halbe Stunde später zurück zu rufen.

In der Zwischenzeit hatte ich mich in die Traumwohnung verliebt… Der Rückruf kam. „Kann ich Sie auf eine Festnetznummer anrufen, Frau Doktor?“ „Ich bin immer noch unterwegs!“ Wie blöd kann man denn sein… Ob ich schreiben könnte? „Ich bin unterwegs!“ Unterwegs zu meinem zweiten Termin. „Wie unterwegs? Mit dem Auto?“ meinte er. Er klang dabei ein bisschen frech, als ob er sich noch über mich lustig machen wollte. „Nein, zu Fuß, auf dem Weg zur S-Bahn. Worum geht es denn?“ Also, ich hätte in der Selbstauskunft die Liste der Kinder leer gelassen. Hätte ich denn keine Kinder? „Nein.“ „Dann streichen Sie es bitte durch, damit ich es verstehe, Frau Doktor,“ verlangte er. Auch für die Frage über eventuelle andere Personen, die zum Aushalt gehören würden, und viele andere belangslosen Kleinigkeiten… Niemand hat sich je so penibel bei einer Selbstauskunft verhalten. Wenn ich das Kätschen „keine Kinder“ ankreuze, warum soll ich irgendwas in der Liste drunter schreiben? Ist doch klar… Als ich später feststellen konnte, dass ich mindestens fünfzig Minuten von einem Termin zum anderen brauchte, habe ich dem Paar abgesagt. Ohne Reue. Wenn sie sich schon so blöd anstellen, will ich nicht wissen, wie ein Mieter-Vermieter-Verhältnis aussehen würde.

Am Sonntagnachmittag kam deshalb erst der bisher achte Termin zustande. Sammeltermin. Wie am Tag davor, nette Leute, schöne Wohnung, nichts besonderes, groß genug, aber arg kleine Küche, unsere Küchenmöbel passen niemals rein. Unterlagen wurden trotzdem hinterlassen.

Ich habe am Abend weitere Kontaktanfragen über Immobilienscout24 geschickt. Prompt kam eine Antwort zurück, mit der Bitte, eine angehängte Excel-Tabelle auszufüllen:

Ich möchte Sie darum bitten, den angehängten Fragebogen auszufüllen und mir kurzfristig per E-Mail zurückzusenden. Entschuldigen Sie bitte, wenn Sie hier Informationen angeben sollen, die Sie mir ggf. bereits bei Ihrer Kontaktaufnahme genannt haben. Durch die Nutzung der Excel-Datei kann ich jedoch die Informationen der Interessenten besser konsolidieren.

Im nächsten Schritt könnte ich Ihnen einen Besichtigungstermin am Samstag (13.01.2018) in der Zeit von 10:00 bis 16:40 Uhr anbieten. Ich führe mit jedem Interessenten ein Einzelgespräch. Planen Sie hierfür ca. 20 Minuten ein. Hätten Sie Zeit? Ich würde Ihnen zeitnah einen Termin bestätigen.

Sie müssen im Vorfeld auf keinen Fall finanzielle und weitere persönliche Daten preisgeben. Dies erfolgt erst durch das Ausfüllen einer Mieterselbstauskunft nach der Wohnungsbesichtigung, wenn sich Ihr Interesse bestätigt.

Ist der Mann ernsthaft naiv, oder handelt es sich um einen Infizierungsversuch? Das kennt man schon lange von „Bewerbern“ auf Stellenangeboten, die Viren als Anhang in ihren Unterlagen verstecken. Und wie kann man davon ausgehen, dass Bewerber für eine Mietwohnung privat Microsoft Office installiert haben? Ich habe nicht geantwortet. Die Wohnung liegt eh eine Stunde von der Arbeit entfernt und sah von weitem nicht so schön wie die Traumwohnung von Freitag aus. Seufz…

Gestern kam ein Anruf von der Makleragentur für die zweite Wohnung am Freitag. Die merkwürdige, ungemütlich verteilte Wohnung, bei der mich der Eindruck nicht verlässt, dass sie ursprünglich für gewerbliche Zwecke gebaut wurde, und ohne Verstand als Wohnung versucht wurde umzubauen. Ich wäre die glückliche Auserwählte. Ob ich noch Interesse hätte? „Äh… Ich muss mit meinem Mann reden… Wie lange können wir es uns überlegen?“ wollte ich wissen, um Zeit zu gewinnen. „Morgen mittag wollen wir den anderen Bewerbern eine Antwort geben.“ Ich habe sofort eine Email zur Agentur#1 für die Traumwohnung geschickt. Ich hatte schon in der Danke-Email betont, wie sehr ich die Wohnung mochte. Ob sie mir zeitnah sagen könnte, wie es mit der Entscheidung aussähe? Am Abend kam eine Email vom Leiter der Agentur#2 persönlich an.

Wie mein Kollege Ihnen bereits mitteilte würden wir uns freuen, wenn Sie sich für die Wohnung entscheiden würden.

Wir haben noch weitere Interessenten, welchen wir morgen Mittag gerne zu oder absagen würden.

Nachdem Sie allerdings unsere „Favoriten“ sind, würden wir uns über ein positives Feedback freuen.

Na ja, wenn ich mich an die Mitinteressenten erinnere, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie hoch auf der Warteliste stehen. Als sie (verspätet) herein gekommen sind, war mein ersten Gedanke, „Ach du Scheiße!“ Der zweite: „Haben die sich verlaufen? Was haben die hier zu suchen?“ Der Mann, mitte fünfzig, hochnäsig, im dunklen Anzug, mit den halbgrauen Haaren voll mit Gel nach hinten gekämmt (Würg!), der mich zuerst für eine Mitarbeiterin der Makleragentur gehalten und mir die Hand gestreckt hat. Die Frau, wie man so viele im Fitness-Studio sieht, vollgeschminkt, blond mit einem langen, strengen, hoch gezogenen Pferdeschwanz, um die Wangen noch dünner erscheinen zu lassen, als sie es schon sind, die mit ihren hohen Absätzen auf dem Parkettboden und dem Mini-Dackel an der Leine ging. Mein dritter Gedanke: „Da haben sich zwei super Narzissten gefunden.“ Dazu hatten sie ein frisches Säugling dabei, was in sich erstmal schön ist, aber die Art, wie die Frau es in seinem Babykorb mitten im Wohnzimmer gelassen und gar nicht mehr beachtet hat… Wie ein Objekt, das man zur Schau rum trägt. Mein vierter Gedanke: „Wo hat sie es denn gekauft? Hat sie es geliehen bekommen?“ Es kam mir völlig unnatürlich vor, wie wenig sie sich für das anscheinend gerade geborene Säugling interessiert hat. Als es irgendwann anfing zu weinen (ja, wirklich ganz frisch), hat der Mann den Babykorb auf den Arm genommen. Warum interessieren sie sich für die Wohnung? Sie wirkten total fehl am Platz. Ja, irgendwo müssen sie auch wohnen… Oder der Mann sucht eine Wohnung für seine Geliebte, um sie zu unterhalten… Als wir den Keller besichtigt haben, der genau so groß wie unser aktueller Wohnzimmer in Berlin ist, meinte der Mann, man könnte daraus ein Kinderzimmer machen. Lustig ist anders. Also, als Maklerin oder Eigentümerin würde ich denen keine Wohnung vermieten wollen.

Heute kurz vor der Mittagspause hatte ich noch nichts von Agentur#1 gehört. Schweres Herzens habe ich der blöden Wohnung von Agentur#2 zugesagt. Besser als nichts, und wir könnten ja immer noch umziehen. Nachmittags kam dann ein Anruf von Agentur#1. Wenn ich die Wohnung will, kann ich sie haben! Schnell Agentur#2 abgesagt. Wenn alles gut geht, unterschreibe ich am Freitag den Mietvertrag, und am Montag ziehe ich in die Traumwohnung ein. Und das nach nur zwei Wochen in München! Es ging doch viel einfacher als bei meiner Ankunft in Berlin! Ich werde zuerst ohne Möbel in der Wohnung stehen, aber egal. Ich nehme am Wochenende Schlafsäcke von zu Hause mit.

Die Ferien sind vorbei

Das war heute morgen nicht zu übersehen. Es war schwierig genug, zur Arbeit zu fahren. Überfüllte Busse. Als ich in den ersten Bus eingestiegen bin, habe ich den ersten freien Sitzplatz genommen, an den ich vorbei gegangen bin. Direkt neben der Tür. Gut, dass ich nicht gezögert habe, weil noch ganz viele Schüler eingestiegen sind. So dicht aneinander gepackt! An der Haltestelle hätte ich nicht gedacht, dass so viele draußen standen. Vermutlich sind sie ausgestiegen, um wieder einzusteigen, weil andere Passagiere raus mussten. Unweit von mir standen zwei Mädchen, die kein Bock darauf hatten, zurück zur Schule zu gehen. Beide voll geschminkt, mit Übergewicht und langen künstlichen Nägeln. „Warum habe ich keine Ausbildung gemacht?“ fragte die eine. „Was für eine?“ wollte die zweite wissen. „Bei Douglas! Dann könnte ich viel Parfum mitnehmen,“ seufzte die erste.

Beim Umsteigen hat es mich recht sauer gemacht, dass zwei Busse an der Haltestelle vorbei gerauscht sind, ohne zu halten. Beide rappelvoll, mit Leuten an den Türen breit geklatscht. Auf den dritten Bus habe ich mitten auf der Straße gewartet. War doch nicht nötig, er war nicht so voll und hat angehalten. Auf die Art habe ich eine Viertelstunde mehr auf dem Weg zur Arbeit gebraucht. Dabei gibt es sogar unterschiedliche Fahrpläne bei Schule und Ferien. Wozu, frage ich mich. Fehlplanung.

Auf Arbeit waren die Ferien auch vorbei. Ich habe ganz viele neue Leute kennen gelernt, und natürlich konnte ich mir nicht alle Namen merken. Meine Zimmerkollegin Ute ist ebenfalls aus ihrem Urlaub zurück gekommen. Nach einem Tag geht sie mir schon auf die Nerven. Sie kommt mir ein bisschen wie Nina vor, in ihrer Art, obwohl sie wenigstens nicht so dumm wirkt. Bei unserem ersten Treffen im November hatte sie eher einen kompetenten Eindruck hinterlassen. Das kam davon, dass sie so affirmativ und selbstbewusst redet. Wie Mr Keen. Bei ihm war es alles Schau, bei Ute denke ich, es kann in ihrem Fach begründet sein. Obwohl ich schon mitgekriegt habe, wie sie heute genau so selbstbewusst in einem ganz anderen Thema Quatsch erzählt hat. Sie redet leider ununterbrochen und dabei ist es ihr völlig egal, was ihre Zuhörer denken. Sie erwartet Zustimmung und wenn sie sie nicht bekommt, fällt sie einem ins Wort und redet weiter. Sie lässt keine Unterbrechung zu und Gespräche mit ihr sind eher Monologen. Irgendwann habe ich ausgeschaltet, als sie sich mit Tim „unterhalten“ hat (ihm fällt sie auch ins Wort). Meine Arbeit muss erledigt werden. Mir ist aber aufgefallen, sie denkt, ihr würde weiterhin zuhören, weil sie manchmal auf Reaktionen meinerseits wartet, ohne mich vorher explizit angesprochen zu haben. Wozu soll ich zuhören und reagieren, wenn sie eh erwartet, dass ich ihr in allem zustimmen sollte? Anstrengend. Ich muss mir ganz schnell eine Überlebensstrategie aussuchen.

Eine Woche ist rum

Auf Arbeit ist noch nicht viel passiert. Scheinbar. Ich habe eine Aufgabe bekommen und lerne dabei viel. Ich muss mich jetzt mit Access und Visual Basic vertraut machen, um mehr Funktionalität in dem Programm von meinem Chef zu bringen. Sein Programm ist aber recht kompliziert geschrieben, und mein Chef selber kann teilweise nicht mehr nachvollziehen, warum der Code an manchen Stellen so aussieht. Wie gut, dass ich wenigstens vor fünf Jahren Grundlagen von Datenmanagement mit SQL gelernt hatte! Einiges ist noch gut genug in meinem Kopf erhalten, dass ich wenigstens die Datenbankabfragen verstehe.

Von lauter Aufregung habe ich am ersten Arbeitstag glatt vergessen, die Pille einzunehmen. Und das in der ersten Woche nach der Periode, was am gefährlichsten ist. Ich habe es am nächsten Tag gemerkt, als ein komisches Gefühl sich in meinem Bauch bemerkbar machte. Ich habe sie also mit etwa zwölf Stunden Verspätung eingenommen, und weiter gemacht wie geplant. Tja, ob ich jetzt schwanger werde? Nach all den Versuchen seit der Fehlgeburt, wo es nicht geklappt hat, wäre es ziemlich blöd, ausgerechnet jetzt, wo ich meine neue Stelle in der teuresten Stadt Deutschlands eingetreten habe. Hoffen wir, dass es nicht dazu kommt. Daraus lerne ich, es ist besser, die Pille morgens statt abends einzunehmen. Da hat man mehr Zeit, in so einem Fall wieder daran zu denken, statt gut sieben Stunden durch Schlaf zu verlieren. Als der Ehemann mich am Wochenende besucht hat, habe ich ihn darum gebeten, Kondome mitzubringen.

Es traf sich gut, dass er am Wochenende gekommen ist, denn es gab weitere Wohnungsbesichtigungen. Jetzt ist es mir aber zu spät, um darüber zu berichten. Morgen stehe ich früh auf, um die ganze Zeit nachzuholen, wo ich letzte Woche zu Besichtigungsterminen fahren musste.

Wir haben noch keine Wohnung, aber eins haben wir geschafft: Ein Jahresabo zum Deutschen Museum zu erwerben. Gar nicht so teuer: 52€, sogar für uns beide! Wir haben den ganzen Samstagnachmittag dort verbracht. Am Abend waren wir im Kino, und ich kann Loving Vincent wärmstens empfehlen. Das Wochenende haben wir heute vor dem letzten Besichtigungstermin mit einem schönen Spaziergang an der Isar abgerundet. Was nötig war, da wir es uns auch gut gehen lassen haben. Am Freitagabend hatte ich uns einen Tisch am Jagdschlössl gebucht. Ich hatte gute Kritik über ihren Fisch gelesen, und es stimmt, mein Saibling auf Kürbis-Risotto war einfach fantastisch. Nachdem der Ehemann sich heute auf dem Rückweg zum Flughafen gemacht hat, habe ich das Fitnessstudio besucht, da ich überall in Deutschland in der Kette trainieren darf. Ich war aus Zeitmangel ewig nicht mehr sportlich tätig gewesen und habe daher als Neueinstieg nicht zu viel gemacht. Vielleicht schaffe ich es, morgen zur Wassergymnastik zu gehen.