Der Narzisst

Mr Keen ist ein Narzisst. Seitdem ich dieses Video entdeckt habe, dank Carrie, bin ich fest davon überzeugt. Und habe verstanden, was ein Narzisst ist. Hier folgen ein Paar Punkte, bei denen ich Mr Keen in unzähligen Situationen im Video bildlich vor den Augen bekommen habe.

„Der Narzisst[1] befreit sich und sagt, ich gehe jetzt weg, ich ignoriere dich jetzt. […] Narzissten sind verletzte Kinder.“ Ja. Sein kindliches Verhalten beobachte ich immer wieder, wenn er sich als Opfer fühlt, weil er beleidigt wurde oder nicht genug Aufmerksamkeit bekommen hat oder was weiß ich. Er geht an einem vorbei, ist plötzlich an Leute sehr interessiert, mit denen er sich sonst kaum unterhält, dreht einem dabei demonstrativ den Rücken zu und tut, als ob man nicht existieren würde. Ich habe häufig gedacht, genau so hatte sich meine Katze verhalten, wenn ihr irgendwas nicht gepasst hatte[2]. Merkt er gar nicht, wie lächerlich seine Reaktion ankommt? Nein. Er wendet anscheinend ein Muster an, das er seit der Kindheit kennt, weil er vermutlich in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen ist. Das macht ihn jedoch nicht sympathischer.

„Der Narzisst manipuliert seinen Umfeld“. Dabei habe ich zum ersten Mal im Video den Begriff flying monkeys gehört, der offenbar nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Ich musste an die Geschichte denken, als Mr Keen seine eigene Frau[3] als flying monkey benutzt hat, damit sie die Frau von Pawel (zu Hause mit einem frischen Säugling) anruft, um ihr zu sagen, wie verdächtig häufig Pawel alleine mit Kate Kaffeepausen macht… Weil sich Mr Keen dadurch vernachlässigt fühlte. Krank ist das, echt.

„Der Narzisst lässt dich verrückt erscheinen“. Oder lässt dich schlecht aussehen. Zusammen mit dem letzten Punkt: Die Manipulation vom Umfeld, damit du Opfer als Täter erscheinst. Das hat er bei Kate versucht, nachdem sie unsere Gruppe verlassen hat. Vor einer Woche hat ein Kollege einen runden Geburtstag gefeiert und die ganze Gruppe eingeladen. Kate hatte zugestimmt, bevor sie von ihrem Glück mit dem neuen Job erfahren hatte. Mr Keen war, was mir nicht bewusst war, für die Organisation von einem Geschenk für den Kollegen zuständig. Ich hatte von meinem IT-Kollegen ganz kurzfristig vom Geschenk erfahren und dachte, er würde sich darum kümmern. Kate war jedenfalls nicht mehr da und wusste nichts davon. Nach der Feier ist Mr Keen durch die Büros gegangen, um Geld zu sammeln. In meinem Büro, wo auch unser HiWi sitzt, hat er gefragt, ob Kate denn beigetragen hätte. Sie hätte ja die Karte bei der Feier unterschrieben. Keine Ahnung, war meine Antwort. Ich organisiere das Geschenk nicht, er müsste es doch selber wissen. Na ja, nachdem Kate endlich sein wahres Ich erkannt hat, hat er sie völlig ignoriert. Mit ihr hat er nicht mehr geredet und nicht mal reagiert, wenn wir mit den anderen Kollegen in seinem Büro über ein Abschiedsgeschenk für sie diskutiert hatten. Also hat er sie gar nicht gefragt, hat aber angefangen ganz laut zu erzählen, dass sie so ein Miststück wäre, weil sie kein Geld für das Geschenk zahlen wollte (kurz zusammen gefasst). Das habe ich natürlich laut widersprochen, bis er aufgehört hat, über sie zu lästern, und habe dem Studenten erklärt, dass Mr Keen immer ganz schnell dabei ist, andere unberechtigterweise zu beschuldigen. Die Nachricht muss bei Mr Keen angekommen sein, er ignoriert mich seitdem.

Dass er immer wieder versucht, die Gruppe zu manipulieren, habe ich mehrmals beobachtet. Einmal, als Winfried unterwegs war und Mr Keen die Leitung vom Gruppenmeeting überlassen hatte… Ich hatte die Woche davor Rufbereitschaft. Normalerweise ist der Sonntag entspannt. Keine Nutzer an den Geräten[4], es kann nichts schief gehen. Denkste. Als ich am Samstag die Nutzer für den Tag eingewiesen hatte, habe ich erfahren, dass Winfried jemandem ausnahmsweise versprochen hatte, am Sonntag unsere Geräte benutzen zu dürfen. Ich habe an meinem Plan von einer Wanderung nichts geändert und dem Nutzer (nennen wir ihn Walter) gesagt, da ich nicht informiert wurde, könnte ich bei Problemen nicht sofort helfen, da ich am Sonntag unterwegs war. Alles klar. Ich bin an dem Tag dreimal angerufen worden. Es waren sehr einfache Probleme, die kurz am Telefon zu lösen waren. Ich habe es am Montag im Meeting erwähnt, weil es technische Probleme waren, die sich meine Kollegen anschauen sollten. Die Reaktion von Mr Keen war äußerst merkwürdig. Wie konnte es Winfried wagen, mir den Sonntag zu verderben, indem er unerfahrene Nutzer arbeiten läßt? Man kann doch nicht erwarten, dass wir auch am Sonntag Rufbereitschaft leisten sollen! Was für ein Stress ich doch hatte! Huch, habe ich mir zuerst gedacht. Mr Keen sorgt sich plötzlich um mein Wohlbefinden? Natürlich nicht. Er hat sich nur vorgestellt, wie es ihm gegangen wäre, wäre er statt ich dran gewesen[5]. Und er war schon dabei, die Gruppe zum Aufruhr anzustiften: Wir müssten Winfried sagen, so geht es nicht, und uns weigern, den Nutzern zu helfen, wenn wir schon so eine harte Woche hinter uns haben. Sein Plan ist nicht aufgegangen. Wir können den Nutzern, dank denen übrigens unsere Gruppe überhaupt noch existiert, nicht vorwerfen, dass wir Probleme hatten, bevor sie zu ihrer gebuchten Messzeit kommen. Information von Winfried hätte ich mir gewünscht, sonst nichts. Schließlich werden wir für Rufbereitschaft extra bezahlt, auch am Sonntag.

Das letzte Beispiel war, als der Nachfolger von Kate bekannt gegeben wurde: eben der Walter von vorhin, ein fast fertiger Doktorand aus einer Gruppe, mit der wir viel Kontakt haben. Der Vorteil: Er hat in seiner Arbeit die Methode von Kate angewendet, kann sie mit wenig Einarbeitung weiter entwickeln, und hat auch unsere Geräte schon benutzt. Mr Keen mag ihn aber nicht. Walter wäre nicht respektvoll. Obwohl er „nur“ Doktorand ist, würde er sich als Besserwisser verhalten und seinen Platz nicht kennen. Die Realität: Walter ist jemand, der genau wissen will, wie unsere Geräte funktionieren, und lieber tausendmal nachfragt, als Fehler zu machen, wenn er danach auf sich selbst gestellt ist. Dabei passiert es, dass er Fragen stellt, die auf Schwächen von unseren Geräten hinweisen. Sie sind ja nicht perfekt. Und das ist es, was Mr Keen stört, da er sich um die Entwicklung der Geräte kümmert. Scheinbare Kritik, auch wenn sie keine ist, kratzt an seinem Ego[6]. Also hat er versucht, als wir nur zu zweit zum Büro unterwegs waren, mir die übelsten Geschichten über Walter zu erzählen. Zum Beispiel, Walter wäre jemand, der ständig heimlich über Anderen schlecht reden würde. Ach ja? Das kann man wohl eher von Mr Keen sagen. Der Chef von Walter persönlich soll es noch Mr Keen und Winfried erzählt haben. Nee, so ein Verhalten können wir in der Gruppe echt nicht gebrauchen, habe ich Mr Keen gesagt. Ich meinte dabei Mr Keen. Das Lästern ist ein absolutes No-Go. Wenn er ein persönliches Problem mit Walter hat, soll er mit Winfried darüber reden, nicht mit mir. Wenig später habe ich erfahren, dass Tomasz sich dasselbe über Walter in einem „vertraulichen Gespräch“ mit Mr Keen anhören musste. Weil Tomasz durch das Gespräch verunsichert wurde und Kate gefragt hat, ob es stimmt. Nein, stimmt es nicht. Kate hat mich deswegen gefragt, ob Mr Keen auch bei mir über Walter gelästert hätte. Ja, hat er. Sein Versuch ist gescheitert. Walter kommt zur Gruppe[7].

Es gäbe noch viel zu erzählen. Vielleicht ein anderes Mal.

[1] Oder die Narzisstin, Frauen sind davon nicht befreit.

[2] Ach du Scheiße. Jetzt wird es mir klar. Katzen sind alle narzisstische Wesen.

[3] Ich kann immer noch nicht glauben, dass er eine freiwillige Frau zum Heiraten finden konnte.

[4] Das kommt noch, aber jetzt bin ich raus.

[5] Kommentar vom 04.11.2018: Eigentlich steckte noch mehr dahinter: Mr Keen konnte Walter schlicht nicht ertragen, wie weiter im Text erklärt wird.

[6] Und wir sollten die Logbücher unserer Geräte vertuschen, weil unsere Nutzer sie auch lesen und drin schreiben. Selbst wenn er es nicht so ausgedrückt hat, hat er es in einem Gruppenmeeting ernsthaft vorgeschlagen. „Was für einen schlechten Eindruck machen wir bei den Nutzern, wenn sie sehen, welche Probleme auftreten? Wir als Team sollten doch nichts schlechtes in den Logbüchern schreiben.“ Ich sehe es im Gegenteil als meine Pflicht, unsere Nutzer darauf aufmerksam zu machen, wenn irgendwas nicht richtig funktioniert. Logbücher vertuschen? Das grenzt für mich an wissenschaftlichem Fehlverhalten. Winfried saß an dem Meeting nebenan mit glasigem Gesichtsausdruck und merkwürdigem Lächeln auf den Lippen und sagte dazu: Nichts. Manchmal frage ich mich, ob Mr Keen ihn nicht hypnotisiert hat.

[7] Kommentar vom 04.11.2018: Die Taktik hat nach hinten geschossen, weil die Kollegen untereinander auch diskutieren. Als ich die Gruppe verlassen habe, hat es langsam in den Köpfen der Kollegen durchgesickert, dass die Geschichten erfunden waren und bei Mr Keen „irgendwas nicht stimmt“.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Die Zukunft sieht düster aus

Die liebe Kate hat sich von uns verabschiedet. Ganz unerwartet war es nicht, sie hatte mir schon erzählt, dass sie sich beworben hatte und für Vorstellungsgespräche eingeladen wurde. Für die meisten Kollegen kam es abrupt vor, da sie sie eine Woche vor ihrem letzten Arbeitstag  informiert hat. Es ging alles so schnell, selbst für sie. Ich wünsche, es könnte bei mir auch so schnell gehen.

Tomasz verlässt uns bald, da sein Vertrag abläuft. Mir sind auf einmal zu viele Leute weg, die ich schätze, und was übrig bleibt motiviert mich nicht genug, weiter in der Gruppe zu arbeiten. Mein DFG-Antrag liegt mir nicht mehr in den Händen und ist immer noch nicht von unseren Uni-Partnern eingereicht worden (ich selber darf das nicht alleine). Es ist zu spät, um ab Januar weiter beschäftigt zu werden. Winfried droht jedoch damit, mir trotz Wissenschaftszeitvertragsgesetzes einen neuen Vertrag für ein Jahr zaubern zu können. Durch Gespräche mit der Geschäftsleitung hätte er eine mündliche Zusage bekommen und ich sollte mir keine Sorgen machen. Ich mache mir Sorgen, dass er mir tatsächlich einen neuen Vertrag anbieten könnte. Er will mich nicht los lassen. Ich habe die Schnauze voll und nutze meine knappe Freizeit, um Bewerbungen zu schreiben. Die Firma bei München hat sich nicht mehr gemeldet, obwohl meine Kontaktperson mir nochmal vor zwei Monaten geschrieben hatte, dass ich Ende September einen Vorschlag bekommen würde. Ich muss nachhaken. Ich will weg von hier.

Da Kate geht, wird die Mittagspause blöd. Wir hatten uns häufig vom Rest der Gruppe getrennt und waren woanders essen gegangen, manchmal mit anderen Kollegen, aber in letzter Zeit nie mit Mr Keen. Ich müsste ab jetzt mit den Anderen gehen, was ihn einschließt. Ich glaube, ich fange lieber damit an, mir Brot zu schmieren.

Eigentlich trägt Mr Keen eine gewisse Verantwortung dafür, dass Kate geht. Das hat sie mir erzählt, und obwohl ich schon nicht viel von ihm hielt, hätte ich nicht gedacht, dass er tiefer in meinem Ansehen sinken könnte. „Weißt du, Mr Keen ist nicht so nett, wie er aussieht“, meinte sie mich plötzlich warnen zu müssen, als wir vor einem Monat unseren Betriebsausflug hatten. Ach was! Kate hatte schon eine Vorwarnung bekommen, aber die Beiden hatten sich danach versöhnt. Nicht, dass sie eine Affäre hatten, aber sie haben sich häufig außerhalb der Arbeit getroffen. Sie fand ihn interessant, weil er viel gereist ist und einiges über viele Länder zu erzählen hat, und er hat viele Bücher über Psychologie gelesen, worüber sie gerne diskutiert hatte. Alles sehr freundlich, wobei es ihr manchmal unheimlich vor kam, wie er sich mit ihr verhielt. Mir kam es schon lange komisch vor, wie häufig er mit den anderen Postdocs etwas abends oder an Wochenenden unternommen hat, und seine Frau alleine gelassen hatte. Aber Mr Keen ist jemand, der versucht, sich bei allen gut darzustellen. Sich einzuschleichen. Daher hat er immer mit gespielter Begeisterung gemeinsamen Ausflüge vorgeschlagen. Mir kam seine Weise nicht natürlich vor, und ich habe kaum an Aktivitäten außerhalb der Arbeit teil genommen. Mir meine Freizeit verderben, indem ich Mr Keen ertragen muss? Kommt nicht in Frage. Die Anderen sind so geblendet und kaufen ihm seine Freundlichkeit ab, und Kate ist keine Ausnahme. Dass die Beiden sich so häufig privat getroffen hatten, wusste ich aber nicht.

Ohne in Details gehen zu wollen, hat er mit ihr richtig Psychoterror betrieben, so dass sie am Ende nur noch von sich selbst gezweifelt hat. Anscheinend ist er jemand, der nicht genug Aufmerksamkeit bekommen kann, und extrem eifersüchtig auf die Anderen ist. Es war mir aufgefallen, wie er am Anfang reagiert hatte, dass ich ständig dienstlich unterwegs bin. „Ich will auch endlich mal auf Tagungen fahren und Vorträge vor Publikum halten,“ hatte er mal Winfried neidisch gesagt. Er sehnt sich nach Ruhm und Anerkennung. Dafür hat er nicht genug geleistet. Florian ist halb so lange wie er in der Gruppe und hat viel mehr erreicht. Aber es ging noch viel krasser, wie Kate mir erzählte. Er hat mitbekommen, dass sie häufig mit Pawel Kaffeepause macht. Ich habe auch die Beiden mehrmals mit der Tasse in der Hand außerhalb vom Büro gesehen. Schön, wenn sie sich gut verstehen, schließlich sitzen sie im gleichen Zimmer. Er hat sich bei ihr beschwert, sie würde dadurch Pawel absichtlich von ihm fernhalten. Paranoid ist er also auch. Und um ihrem ihm gegenüber unverschämten Treiben ein Ende zu setzen, hat er sich etwas echt Geisteskrankes ausgedacht. Seine Frau sollte Pawels Frau anrufen und ihr sagen, dass ihr Mann viel zu häufig seine Zeit mit Kate verbringt. Mir sind die Kinnladen herunter gefallen, als sie mir das erzählte. Es hat aber nicht geklappt, sie macht immer noch Pausen mit Pawel. Vielleicht, weil Mr Keen gerade vier Wochen Urlaub hatte.

Mr Keen hat Kate ständig Vorwürfe an den Kopf geschmießen, über Sachen, die er eigentlich selber macht. Er hat sich bei ihr als Opfer dargestellt, obwohl er derjenige ist, der Kate psychologisch immer wieder angegriffen hat. Er sagt immer vor den Anderen über dreiste Verhaltensweisen, „aber so was würde ich nie machen“, um es doch genau zu tun. Wenn ihm etwas Böses ausrutscht, sagt er dann, dass war nur Spaß, er würde es nicht so meinen. Und ob er es doch so meint! Aber weil er sich davon distanziert, glauben es ihm die Leute auch! Ich verstehe es nicht.

Irgendwann wurde es Kate bei ihrem letzten Streit zu viel und ihr sind die Schuppen von den Augen gefallen. Er ist ihr böse geworden, dass sie nicht mehr nach seiner Pfeife tanzt. Sie hat jetzt Angst, alleine mit ihm zu sein und nennt ihn einen Psychopath. Wie gut, dass sie nicht im gleichen Zimmer arbeiten. Er hat ihr viele Hass-SMS geschickt, die sie gleich gelöscht hat, weil es sie so stresst. Was für ein Fehler! Das wäre doch die Lösung, um ihn los zu werden! Wenn Winfried endlich mit Beweisen mitbekommen würde, wie Mr Keen sich wirklich mit seinen Kollegen verhält! Aber Kate will ihm nichts sagen, und so kann ich das, was ich nur vom Erzählen erfahren habe, ihm nicht mitteilen. Jetzt, wo sie uns verlässt, frage ich mich, wen er sich demnächst als Opfer aussucht.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Unwohl

Heute habe ich keine Lust, irgendwas zu essen. Ich spüre kaum Hunger, eher eine ganz leichte Übelkeit, die zum Glück verschwindet, wenn ich eine Kleinigkeit esse. Krackers sind da gut. Schokolade ist keine gute Idee, habe ich festgestellt. Danach fühle ich mich zu voll, und mein Puls fühlt sich unangenehm an. Wieder bin ich müde. Nein, nicht wirklich. Ich fühle mich erschöpft, aber es ist kein Verlangen nach Schlaf. Ich spüre einen Druck auf dem Gesicht. Auf beiden Schläfen, auf den Augen, auf der Stirn, oben auf der Nase. Leichter Kopfschmerz. Kenne ich. Ich weiß, womit es zu tun hat, und die Schwangerschaft ist es nicht. Die Erkältung auch nicht, die immer noch ein bisschen rum hängt. Ich bin sauer. Stinksauer. Ich habe auf Arbeit eine Nachricht gehört, die ich nicht verdauen kann.

Und zwar haben wir gerade die Gelegenheit, in der Arbeitsgruppe mehr permanenten Stellen zu fordern. Wir haben nach einer internen Evaluierung gute Aussichten für eine zusätzliche Dauerstelle. Und wen hat Winfried so nebenbei vor der Gruppe vorgeschlagen? Mr Keen! Ich habe zuerst gedacht, ich höre nicht richtig. Von allen, die in Frage kämen, fällt Winfried nichts besseres ein?

Ich weiß, ich kann ihn seit seinem Vorstellungsgespräch nicht leiden. Es ist schon mal physisch. Er schwitzt ständig in den Händen, es ekelt mich, wenn er meint, mich zum Geburtstag mit einem Handschlag gratulieren zu müssen. Igitt. Vom Anfang an ist es klar, dass ihn nur eines interessiert: Eine Dauerstelle zu bekommen. Noch besser: Als Chef. Die Art, wie er gleichzeitig versucht, das Gegenteil zu zeigen, ohne zu merken, wie durchschaubar er ist, finde ich lächerlich. Zum Beispiel, als wir über einen Nachfolger für Uschi diskutiert hatten. Dabei ist er jemand, der sich vor dem Chef immer begeistert zeigt, aber vor uns nur stöhnt und sich beschwert, wenn er Aufgaben bekommt. Und der gerne prahlt, auch wenn Sachen gut laufen, ohne dass er dafür etwas gemacht hat. Obendrauf verliert er keine Gelegenheit, über Kollegen hinter ihren Rücken schlecht zu reden. Über mich, aber auch über anderen. Und die Art wie er sich mit Kate verhalten hat… Das stimmt, vieles davon erfährt Winfried natürlich nicht. Weil Mr Keen sich anders vor ihm als vor uns verhält. Das alleine zeigt schon, was für ein Heuchler er ist. Aber wenn ich Winfried jetzt aufkläre, bin ich vermutlich die, die lästert und „einfach nur neidisch ist“. Besser nichts sagen.

Natürlich bin ich von Winfried enttäuscht. Immerhin hatte er mir vor zwei Jahren gesagt, er würde mich entfristen wollen. Davon ist seitdem nie wieder was zu hören gewesen, und ich vermute, die Bauchhöhlenschwangerschaft muss damit zu tun haben. Aber es ist nicht das, was mich vor allem sauer macht. Ich kann verstehen, dass er eher jemanden braucht, der an die Weiterentwicklung unserer Geräte arbeitet. Das ist für unseren Betrieb wichtiger als irgendwelche Software zu entwickeln. Mr Keen arbeitet hauptsächlich an den Geräten. Das tut auch Florian, der seit dem Sommer bei uns arbeitet. Und ich muss sagen, seitdem er da ist, läuft die Arbeit an den Geräten viel besser. Florian ist wirklich das Gegenteil von Mr Keen. Er arbeitet mit Begeisterung und engagiert sich total in seinen Aufgaben. Er hat sich unglaublich schnell eingearbeitet, hat gute Ideen und zeigt Initiative, statt wie Mr Keen alles nach Anweisung vom Chef zu machen. Wenn, dann wäre die Wahl für eine Dauerstelle bei ihm viel sinnvoller gewesen. Ich weiß noch, wie sich Mr Keen bei den Vorstellungsgesprächen gegen Florian geäußert hatte. Jetzt spielt er mit ihm den besten Kumpel. Und die Kollegen fallen rein, obwohl sie mitbekommen haben, wie sehr er gegen ihn war. Ich verstehe nicht, wie alle so blind bei Mr Keen sein können. Wirkt sein pummeliges Kleinkind-Gesicht wirklich so unschuldig? Selbst Kate scheint wieder mit ihm gut befreundet zu sein.

Ein bisschen klingt die Situation wie in meinem Traum vor einem halben Jahr. Schwanger bin ich auch noch. In dem Traum war etwas definitiv wahr: Ich kann die Idee nicht aushalten, langfristig mit Mr Keen in Kontakt zu bleiben. Ich habe mir heute die Zeit genommen, um mehr Bewerbungen zu schreiben. Lieber flüchten. Aber gibt es nicht überall andere Mr Keen? Eine ähnliche Situation hatte ich in meinem früheren Institut ja erlebt. Es ist deprimierend zu sehen, wie große Klappen vor Kompetenzen bevorzugt werden. Ich glaube leider nicht, dass meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt besser als vor dieser Stelle stehen, obwohl ich meine Erfahrungen deutlich erweitert habe. Jetzt bin ich vierzig, und ich habe das Gefühl, beruflich in einer Sackgasse zu stecken. Firmen interessieren sich nicht für alte Akademiker. Wenigstens hat mich das Wegbewerben vom Ärger abgelenkt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Beleidigt

Ich habe es geschafft, Mr Keen zu beleidigen.

Am Samstag war ich auf Arbeit. Ich hatte endlich Zeit, um selber Experimente zu machen. An anderen Geräten waren Gäste beschäftigt. Eine Gruppe von Wissenschaftlern habe ich noch eingewiesen. Der andere Gast, nennen wir ihn Herr Smirnow, ist so häufig bei uns, dass er selbstständig arbeiten kann. Herr Smirnow war schon am Vortag bei seinem Lieblingsgerät beschäftigt gewesen, und machte nun weiter.

Ich mag es ehrlich gesagt nicht, an Tagen, wo ich selber Experimente mache, mich um Gäste kümmern zu müssen. Messzeit ist bei uns knapp, und ich kann sie nicht effektiv nutzen, weil die Gäste sich ständig an mich wenden, wenn etwas nicht stimmt. Aber wenn ich schon am Samstag da bin, brauchen die anderen Kollegen nicht zu kommen, und so wurde es von Winfried entschieden. Selbst an Tagen, wo Kollegen sich um Gäste kümmern, wenden sich diese an mich, wenn ich im Raum bin. Die meisten kennen mich schon. In Ruhe an meinen Projekten arbeiten? Vergiss es. Vielleicht sollte ich mir für solche Tage eine blonde Perücke besorgen. Einweisung fertig, hier ist die Nummer der Rufbereitschaft, Tschüß, kurz mal raus, umziehen, zurück kommen, mich als Gast vorstellen und verkleidet weiter arbeiten? Ob die mich dann nicht wieder erkennen würden?

So ging es mir am Samstag also. Ich fing endlich mit meinem Kram an, da kam plötzlich sehr aufdringlich Herr Smirnow zu mir und meinte, irgendwas würde mit dem Gerät nicht stimmen. „Och nee,“ habe ich mir nur gedacht. Aber ich fragte ihn, was los war. Die Probenumgebung stimmte nicht. Es wäre gar nicht kalt. Er war am Vortag schon irritiert, weil er am Anfang zwei Proben gemessen hätte, bevor ihm aufgefallen wäre, dass das Kühlsystem ja gar nicht eingeschaltet wurde. Mr Keen, der an dem Tag gemeinsam mit Florian für Gäste zuständig war, hätte ihm ganz schnell die Kühlung angeschaltet, und er hätte seine zwei Proben nochmal messen müssen. Nun jetzt, ginge es wieder nicht.

Ich ging zum Gerät und prüfte die Lage. Das Kontrollkasten für das Kühlsystem war an. Leider war das Kühlsystem nicht zum Ort der Probe montiert worden. Es lag in seiner Parkposition, die benutzt wird, wenn die andere Probenumgebung installiert ist. Mr Keen hatte ihm die Kühlung angeschaltet und gar nicht geprüft, ob sie drauf war. Das heißt, dass Herr Smirnow am ganzen Vortag seine Proben gar nicht gekühlt gemessen hatte, und alles von vorne wieder anfangen durfte. Bei ihm nicht tragisch, weil seine Proben bei Raumtemperatur ohne Problem überleben. Die Mehrheit unserer Gäste hantiert aber mit Proben, die sie sehr mühsam erstellen und nur eingefroren messen können, weil sie bei Raumtemperatur zu empfindlich sind, so ein Fehler hätte ihnen Monate Arbeit vernichten können. So nebenbei.

Ich habe die Probenumgebung gewechselt, einen Vermerk im experimentellen Buch geschrieben und an meinem Projekt weiter gearbeitet. Ich hatte schon vor, das Problem im wöchentlichen Meeting am Montag zu erwähnen, aber falls ich aus welchem Grund auch immer nicht zur Arbeit erschienen wäre, sollten es die Kollegen durch das Buch erfahren können. Dabei ging es mir nicht darum, Mr Keen schlecht darzustellen, sondern darauf hinzuweisen, dass ein ernsthafter Fehler statt gefunden hatte, den man mit besserer Planung in Zukunft vermeiden könnte. Früher hatten wir im Meeting das Wechseln von Probenumgebungen für Gäste immer im Voraus diskutiert. Das ist in letzter Zeit vergessen worden. Winfried geht vielleicht davon aus, dass wir automatisch daran denken. Wenn es aber ein bisschen Stress bei der Einweisung der Gäste gibt, kann man schnell etwas vergessen. So lief es am Freitag wohl. Früher, als Uschi noch bei uns war, war ein anderer Kollege dafür zuständig, solche Änderungen an Geräten vorzunehmen, weil man mit Einweisung schon die Hände voll hat. Besagter Kollege neigt aber gerne dazu, nichts zu machen, wenn der Chef nichts explizit von ihm verlangt, und so ist es in letzter Zeit üblich geworden, dass wir das selber machen. Das muss sich offensichtlich ändern.

Wir haben am Montag darüber diskutiert. Wir besprechen immer die Probleme, die wir in der letzten Woche hatten. Mr Keen hat von Herrn Smirnow gar nichts gesagt. Ich kam als letzte dran, da ich am Samstag Einweisungen gemacht hatte, und habe den Vorfall erklärt. Mr Keen hatte wohl das experimentelle Buch schon gelesen, und in einem theatralischen Ton gesagt, es wäre eine Katastrophe. Tja, Herrn Smirnow war alles anderes als belustigt, einen kompletten Tag verloren zu haben. Winfried war ebenfalls nicht erfreut und hat gesagt, er würde ihm gleich einen Brief zur Entschuldigung schicken.

Was ist bei Mr Keen angekommen? Ich habe ihn vor der ganzen Gruppe als unfähig dargestellt. Er, der sich gerne als Mr Wichtig angibt und immer wieder betont, was er alles gemacht hat, hat dadurch einen Kratzer am Ego bekommen. Dabei war er nicht mal alleine für die Gäste am Freitag zuständig, also müsste er es auch nicht so persönlich nehmen. Mit Kritik kann er offensichtlich nicht umgehen. Seitdem verhält er sich mit mir, wie er sich am Anfang vom Sommer mit Kate verhalten hatte, als sie den fatalen Fehler gemacht hatte, bei seinem Vortrag nicht anwesend zu sein. Antwortet knapp, wenn es Sachen zu besprechen gibt, wobei er selbst nicht das Gespräch sucht, schaut einem nicht mehr ins Gesicht und dreht demonstrativ den Rücken zu. Kate hatte es damals verletzt, weil sie ihn mochte. Mir ist es egal. Diese Art von Reaktion finde ich ziemlich lächerlich. Irgendwann wird er sich schon davon erholen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Rausgefegt

Ich musste Winfried mitteilen, dass ich schwanger bin[1]. Dadurch durfte ich viele Tätigkeiten bei der Arbeit nicht mehr ausführen. Das war blöd, weil ich schon so lange wegen meines kaputten Armes nicht auf Arbeit war.

„Das ist unschön“, meinte Winfried. „Aber wir werden dich ersetzen können.“ Neben ihm stand Mr Keen, der den Kopf nach unten geneigt hielt und nichts sagte. „Du“, sagte Winfried zu ihm, „wir können dich doch länger beschäftigen.“ Er erklärte, dass mein Vertrag zum 25. November dieses Jahres zu Ende ginge, und Mr Keen meine Stelle haben könnte. Moment mal, so früh ging mein Vertrag doch nicht zu Ende.

Zum Einen dachte ich, meine Stelle ist aus Drittmitteln finanziert. Den Folgeantrag für das Projekt haben wir eingereicht. Die Entscheidung wird noch einige Monate dauern. Wenn sie negativ ausfällt, ist kein Geld für meine Stelle da. Wie konnte Winfried sie Mr Keen anbieten? Zum Anderen hatte ich Winfried den Entwurf von meinem „Plan B“ DFG-Antrag geschickt, und er hatte mir bis jetzt noch keine Rückmeldung gegeben[2]. Vielleicht weil er mich doch nicht in der Gruppe behalten wollte? Wie würde ich dann an meinem Projekt weiter arbeiten können?

Bei Winfrieds‘ Ankündigung hob Mr Keen den Kopf. Sein Siegeslächeln war nicht zu übersehen. „Du Miststück, du freust dich richtig, dass ich so weggeschmissen werde“, wollte ich ihm sagen. „Du“, habe ich angefangen, und dann aufgehört. Den Typ hasste ich. Ich würde dort nicht mehr arbeiten und nichts mehr mit ihm zu tun haben müssen. Das war doch was.

[1] Bin ich nicht. Ich bin sicher, dass meine Periode kommen wird. Heute Morgen lag meine Temperatur wieder unter 36°C. Definitiv nicht schwanger.

[2] Das stimmt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Geht’s noch dreister?

Ich bin mal wieder richtig sauer auf Mr Keen.

Er hat viele Charakterzüge, die mich nerven. Irgendwie scheinen meine Kollegen das alles nicht zu sehen.

  • Er ist ein Heuchler. Nicht nur, dass er bei seinem Vorstellungsgespräch so lächerlich betont hatte, wie toll es wäre, befristet zu arbeiten. In seinem Alter ist es nicht mehr glaubwürdig. Auch nicht, weil er so offensichtlich von einer Dauerstelle in der Gruppe schwärmt.
  • Er überschätzt seine Leistung und redet die seiner Kollegen klein. Er muss sich ja zur Verwirklichung seiner Fantasie als Gruppenleiter selber helfen. Das ist keine Unterstellung, er hatte ein paar Ausrutscher während Gespräche über die Nachfolge von Uschi.
  • Seine von ihm gerne proklamierte Hilfsbereitschaft, hinter der nichts steckt, wenn es mit Aufwand verbunden ist, habe ich schon erwähnt. Wenn er etwas für jemanden macht, dann mit Kalkül. So kommt es mir vor.
  • Er ist geizig. Zum Beispiel im ÖPNV. Ist es nicht schon spät genug, um mit einem von uns Abo-Besitzer umsonst fahren zu können? Nein? Seufzer, dann muss er eine seiner Einzelfahrkarten benutzen… Noch mal Seufzer… Über jeden Cent muss er diskutieren. Bei E13.
  • Beschwerlich seufzen kann er gut. Und jammern. Wie wenn es darum geht, Samstags arbeiten zu müssen. Stimmt, die Geschichte gab’s. Wenigstens sagt er jetzt Winfried gegenüber ganz offen, dass er kein Bock dazu hat. In einem sehr affirmativen Ton. Er will Stärke zeigen. Ja, aber… Motivation und Arbeitsbegeisterung sehen anders aus. Ich glaube, was ihn am Chef-werden so reizt, ist die Vorstellung, andere an blöden Zeiten arbeiten zu lassen, während man Däumchen dreht und wichtig tut.
  • Über Kollegen lästern ist auch eine seiner Stärke. Irgendwo muss es ihm bewusst sein, dass er der Loser-Typ ist, und er will es sich nicht anmerken lassen, indem er versucht, andere lächerlich zu machen. So ein Verhalten schießt aber meistens nach hinten.

Ähm. So einen Roman wollte ich eigentlich nicht anfangen. Ich habe mich wohl gehen lassen. Dabei kann er noch schlimmer, wie ich vor Kurzem erfahren habe, und das wollte ich jetzt erzählen.

Wir haben letzte Woche einen Kurs organisiert. Drei Tage lange ging es. Ich habe mich während der Vorträge um die Lichttechnik im Hörsaal gekümmert. Ich habe auch zwei praktische Teile betreut, jeweils fünf Stunden am Stück. Mr Keen hatte am Anfang eine halbstündige Vorlesung gehalten. Eine abgespeckte Version seiner Vorlesung von vor zwei Wochen. Bei den Vorträgen haben wir alle im Hörsaal gesessen, weil wir auf die Vorlesungen der eingeladenen Dozenten gespannt waren. Bei Mr Keen nicht so, es ist uns allen vertraut. Trotzdem sind wir geblieben. Kate hatte zwischendurch einen wichtigen Telefon-Termin und ist nur am Ende von seinem Vortrag zur Hörsaal zurück gekommen. Ich hätte es schon vergessen, wenn sie es mir nicht gesagt hätte.

Als ich am letzten Tag fertig war, habe ich sie alleine in ihrem Büro getroffen. Sie meinte, sie hätte etwas ganz schlimmes gemacht. Ich war verblüfft, und dann meinte sie, sie hätte den Vortrag von Mr Keen verpasst, weil sie diesen Termin mit ihrem Arbeitgeber hatte. Ich habe ihr gesagt, so schlimm war es nicht, der Vortrag war für die Teilnehmer bestimmt, nicht für uns. Nein, meinte sie, Mr Keen hätte es ihr voll übel genommen und hätte sie seitdem ignoriert. Sie hätte ihn nach dem Grund für sein Verhalten gefragt, und er hätte sie fertig gemacht.

Dazu muss ich erklären, dass Kate in einer Tanztruppe hobbymäßig involviert ist. Mr Keen hatte uns mal vorgeschlagen, sie bei Auftritten im Publikum zu überraschen. Ich habe es gerne mitgemacht und Mr Keen außerhalb der Arbeit ausgehalten, um ihr eine Freude zu machen. Ich hätte nie geträumt, dass Mr Keen dafür von ihr eine Gegenleistung erwarten würde, aber genau das hat er ihr ins Gesicht geworfen. Wir wären zu ihren Auftritten gewesen und hätten sogar gutmütig schwein viel Geld (13€) dafür bezahlt, wie konnte sie es wagen, an seinem super wichtigen Vortrag abwesend zu sein? Mir ist der Kiefer runter gegangen, als sie das erzählte und anfing zu schluchzen. Der Typ hat echt einen Knall. Er scheint sich wohl für ihren Chef zu halten, obwohl sie eigentlich von einer anderen Gruppe für ihre Arbeit bei uns eingestellt ist. Und überhaupt, er ist erst ein Jahr nach ihr zu unserer Gruppe gekommen, wie kommt er drauf, sie als Unterstellte zu behandeln? Dabei hatte sie ihn noch gerne, aus einem mir schleierhaften Grund. Ich hoffe, dass es ihr die Augen über seinen Charakter geöffnet hat.

Dass er so krass sein könnte, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich habe ihn wohl noch überschätzt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Montag

Die Woche hat ganz schön hart angefangen. Ich war heute um acht bei der Arbeit. Ich hätte also um sieben das Haus verlassen müssen, aber da mein Mann für eine Dienstreise zum Flughafen musste, hat er mich auf dem Weg dahin mit dem Auto gefahren. Ich konnte eine halbe Stunde länger schlafen.

Ganz unerwartet war der Stress heute nicht, da wie jedes Semester unser gemeinsame Kurs mit der Uni statt findet. Ich organisiere unseren Teil, vorbereite die Lehrmaterialien, kontaktiere die Studenten, melde sie für die Experimente an (seit dem Versäumnis vom letzten Jahr habe ich die Verantwortung dafür übernommen), und halte auch Vorlesungen. Ich mache es zum siebten Mal und es läuft wie geschmiert. Ich habe für heute nicht mal meine Präsentation vorher durchlesen müssen.

Dasselbe kann ich für Mr Keen nicht behaupten. Er hat eine Vorlesung von Uschi geerbt, die er heute zum zweiten Mal gehalten hat. Eigentlich hätte ich seine Präsentation damals übernehmen können, ich hatte sie schon bei mehreren Veranstaltungen vorgetragen und es hätte mir nicht viel Aufwand gekostet. Uschi meinte aber, ich sollte mich für den Kurs nicht überanstrengen, und Mr Keen würde sich bestimmt freuen, selber eine Vorlesung halten zu dürfen.

Tja. Wie es bei Mr Keen so ist, sagt er den Chefs immer „ja, mache ich gerne“, aber dahinter steckt nichts. Kein Bock, das war bei ihm in den letzten Wochen schon anzumerken. Und null Vorbereitung, so viel war heute wieder klar. Winfried war diesmal dabei, weil Mr Keen nächste Woche eine ähnliche Präsentation bei einer anderen wichtigeren Veranstaltung halten sollte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit seiner Leistung zufrieden sein konnte. Begriffe verwechselt, ständig versprochen (seine Sprachstörung kommt noch dazu), ich habe teilweise eingreifen müssen, damit die Studenten verstehen, was er so mühsam nicht richtig erklären konnte.

Was mich noch irritiert hat, ist, wie er mir heute sagte, ich müsste nicht so viel alleine für den Kurs machen, er würde gerne helfen. Das hört man von ihm häufig. Er hilft gerne, wirklich, man muss nur fragen. Wenn man es mal versucht, stöhnt er, hat dann doch etwas ganz anderes und wichtigeres zu tun und überhaupt keine Zeit, aber sonst „gerne“, jederzeit, nur jetzt nicht. Und wenn es eh dazu kommt, dass er alles wie seine Präsentation heute verschlampt, dann kommt es definitiv nicht in Frage, dass ich ihn etwas anderes für den Kurs machen lasse. Ich glaube, ihm geht es vor allem darum, sich als hilfsbereit zu zeigen und Verantwortung an sich zu reißen, um sich wichtiger erscheinen zu lassen. Aber bitte ohne zusätzliche Arbeit.

Es wird Zeit, dass Florian, unser neuer Mitarbeiter, bei uns anfängt. Noch zwei Wochen. Es wird einiges in der Gruppe ändern. Mr Keen war beim ganzen Bewerbungsprozess stark gegen ihn. Hat ihm immer vorgeworfen, mehr Schein als Sein zu zeigen. Die Beschreibung trifft eher auf Mr Keen zu. Ich glaube, er sieht Florian als ernsthafter Gegner. Mit Recht. Florian ist jung, sympathisch, dynamisch, motiviert und produktiv. Hat schon viele wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Und sieht auch noch gut aus. Das Gegenteil von Mr Keen, wirklich. Kein Wunder, dass er sich von ihm so bedroht fühlt. Ich kannte Florian schon, bevor er sich bei uns beworben hat, und hatte die ganze Zeit die Hoffnung, dass die Entscheidung auf ihn fallen würde. Es freut mich, ihn demnächst als Kollegen zu haben.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Dumm gelaufen…

In meiner Arbeitsgruppe bin ich vor allem als Programmiererin tätig. Es war für mich damals ein gewagter Schritt, die Stelle anzunehmen, da ich vorher nur mit C und Fortran gearbeitet hatte und keine Ahnung von Python hatte. Ich habe mich mit der neuen Sprache doch relativ schnell abgefunden und gelernt, wie mein Vorgänger zu programmieren, da ich an seinem Projekt weiter arbeiten musste. Inzwischen ist mir klar geworden, dass er selber Python nicht so gut beherrschte und teilweise sehr suboptimale Lösungswege benutzt hat. Die jetzt zu verbessern würde so viel Zeit kosten, dass es mir besser erscheint, das Programm komplett umzuschreiben. Aber darum geht’s heute nicht.

Ich war damals nicht nur in Python eine Anfängerin, sondern auch im Umgang mit Linux. In meinem früheren Institut hatten wir nur Windows benutzt. Ja, während meiner Diplomarbeit musste ich mit Unix arbeiten. Da waren aber schon mehr als fünfzehn Jahre vergangen. Ich konnte mich gerade noch an die Befehle cd und ls erinnern. Und tail -f, warum auch immer. Es gab vieles nachzuholen. Dazu gehört ein großer Dank an meinem IT-Kollegen.

Es war für mich also schon ein bisschen beängstigend, als Uschi mich nicht mal ein halbes Jahr nach meiner Einstellung gefragt hatte, mich um die Aktualisierung der wissenschaftlichen Programme auf unserem Server zu kümmern. „Was, im Ernst jetzt? Aber ich verstehe nur Bahnhof, ich mache sicherlich nur alles kaputt…“ habe ich in dem Moment gedacht. Uschi war scheinbar der Meinung, da ich programmiere, kann ich alles. Und: Es klappt doch. Nochmal Danke für die Hilfe an meinem IT-Kollegen.

Vor Kurzem habe ich für mein wissenschaftliches Projekt eine Software A benutzt. Sie war mit meinen Daten nicht ganz zufrieden und ist bei einem bestimmten Schritt immer wieder mit der gleichen Fehlermeldung abgestürzt. Ich habe einen Autor von A kontaktiert, der mir empfohlen hatte, die allerletzte Entwicklungsversion zu installieren. Das habe ich gemacht. Es hat sich gelohnt, das Problem wurde behoben und ich konnte weiter arbeiten. Da diese Software von vielen Personen mit verschiedenen Zugriffsrechten benutzt wird, habe ich sie mit einem begrenzten Konto getestet. Darauf hatte Uschi immer großen Wert gelegen. Es lief ohne Problem. Ich habe die Aktualisierung von A in unseren internen Dokumenten protokolliert und bin später nach Hause gegangen.

Am nächsten Tag musste ich woanders als in meinem Büro arbeiten. Am frühen Vormittag habe ich eine Email von Winfried bekommen, weil ein Programm B für die Steuerung von einem Gerät nicht mehr funktionierte. Es gab eine Python-Ausnahme, gefolgt von der Fehlermeldung error while loading shared libraries: requires glibc 2.5 or later dynamic linker env: Command not found. Die Ausnahme kam aus dem von mir aktualisierten Programm (A ist in Python geschrieben). Warum die Aktualisierung von A ein solches Problem für Software B verursachen soll, die eigentlich gar nichts mit A zu tun hat, war mir ein Rätsel.

Mein IT-Kollege hat die Ursache vom Problem schnell identifiziert und beheben können. Ich hatte beim Aktualisieren von A die Kopie der alten Version behalten, daher konnte man den Pfad in der allgemeinen .bashrc Datei einfach zurück setzen. Das Gerät konnte dadurch wieder gesteuert werden. Winfried klang in seiner Email trotzdem ziemlich geärgert, weil ich angeblich A aktualisiert und das Büro verlassen hätte, ohne mich darum zu kümmern, A vorher zu testen und die Aktualisierung zu protokollieren. Das fand ich hart, weil ich es doch alles getan hatte. Ein Blick in unseren Dokumenten hätte gereicht, um Bescheid zu wissen. Ich habe ihm geantwortet, mit Verweis auf mein für alle in der Arbeitsgruppe zugängliches Protokoll.

Bei unserem Montagsmeeting kam das Problem zur Diskussion. Inzwischen hatte Winfried eingesehen, dass ich doch alles richtig gemacht hatte. Er hat dabei Mr Keen ausdrücklich angestarrt, als er langsam betonte, dass ich kein Fehler gemacht hatte. Mr Keen hat wohl anscheinend keine Zeit verloren, um über mich zu lästern, als ich abwesend war. Dass ich ihn nicht leiden kann ist offensichtlich nicht unbegründet, obwohl ich mein Bestes tue, um es mir nicht anmerken zu lassen. Das ist äußerst schwierig.

Ich habe nach dem Meeting nochmal versucht, das Problem zu reproduzieren, um es zu verstehen. Ich habe dabei gelernt, dass der Befehl, um die Software B zu starten, nicht einfach B ist, sondern, durch ein Alias, ssh -X steuerung.pc.von.geraet; B. Beim ssh wird die .bashrc Datei ausgeführt. Drin steht der Befehl source neue_A_Version, wie von den Entwicklern von A empfohlen. Der Rechner steuerung.pc.von.geraet ist aber alt, und damit gewährleistet wird, dass B immer funktioniert, hat mein IT-Kollege beschlossen, dass keine Linux-Update drauf laufen sollen. Seit Jahren. Unter anderen ist die Bibliothek glibc 2.5 nicht installiert, die A neuerdings braucht. Wenn ich auf steuerung.pc.von.geraet den Befehl source neue_A_Version eingebe, bekomme ich die gleiche Fehlermeldung. Die ist anscheinend so gravierend, dass danach einfache Linux-Befehle nicht mehr funktionieren. Selbst beim ls kriegt man dann die Meldung Command not found.

Ob es so sinnvoll ist, eine uralte Version von einem Betriebssystem zu behalten, nur damit B läuft, obwohl B von meinem IT-Kollegen entwickelt wird, bezweifle ich stark. Vor allem, wenn wir dadurch auf die neuesten Versionen von wissenschaftlichen Programmen verzichten müssen. Eine Lösung wäre jetzt, mit Hilfe von einem Alias den Befehl A durch source neue_A_Version; A in der .bashrc Datei zu ersetzen. Da steuerung.pc.von.geraet für die Ausführung von A nie benutzt wird, sollte es klappen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Wie konnte ich so blöd sein

Ich habe mich in letzter Zeit völlig überarbeitet. Das ist eigentlich ein Dauerzustand, seit Dezember. Ich bin dienstlich herumgereist wie noch nie, habe viel dafür gearbeitet, und musste nebenbei meinen üblichen Tätigkeiten nachgehen — Programmierung, Nutzerbetreuung, Rufbereitschaft, eigene wissenschaftliche Projekte voran treiben… Ich habe ab und zu vereinzelt Tage frei genommen, aber es war nicht so erholsam.

Zwischendurch gab es ein Marathon-Wochenende bei meiner Mami in Südfrankreich, da wir den ganzen Papierkram für die Hochzeit persönlich abgeben mussten — die Hochzeit wird dort stattfinden. Freitagabend weg geflogen, Mietwagen in Nizza geholt (und dafür Dreiviertelstunde in einer super langen Schlange bei Hertz mit nur zwei Mitarbeitern gestanden), um zwei Uhr morgens bei meiner Mami angekommen. Am Samstagvormittag im Rathaus, Friseurin und Kosmetikerin besucht, Details für die Feier diskutiert. Mein Bruder und seine Freundin sind auch zu meiner Mami gekommen, um die Gelegenheit zu nutzen, uns wieder zu sehen. Am Sonntagabend waren wir wieder in Berlin.

Direkt danach hatte ich Rufbereitschaft. Letzte Woche. Ich bin fast jeden Abend angerufen worden. Einmal musste ich sogar von zu Hause aus zurück zur Arbeit fahren, weil es eine Hardware-Kollision gab. Ich konnte das Problem beheben. Als ich dann fast wieder zu Hause war und vor der Haustür stand, haben die Nutzer wieder angerufen. Es roch nach gebrannten Kabeln. Darum haben sich Techniker vor Ort gekümmert. Von der elektrischen Anlage habe ich zu wenig Ahnung, um selber etwas zu machen. Zum Glück konnte ich nachtsüber durchschlafen, die Probleme sind immer am Abend aufgetaucht. Ich habe aber lange Abende vor dem Rechner gesessen, um sie aus der Ferne zu lösen.

Am Samstag hatte ich Einsatz, und am Sonntag gab es unerwartete Messzeit, die ich nutzen konnte. Messzeit ist bei uns so knapp geworden. Ein von unseren Geräten ist seit mehreren Monaten in Wartung, und unsere Nutzer haben Vorrang. Ich habe am Sonntag die Gelegenheit genutzt und selber Experimente gemacht. Den ganzen Tag. Ich bin nicht fertig geworden, und für morgen war ein Gerät noch frei, also habe ich es gebucht.

Am Montag bin ich extrem früh aufgewacht, weil ich einen Zug um sieben Uhr morgens nehmen musste, um zu einer Tagung zu fahren. Da Pawel und Winfried mitgefahren sind, hatte ich letzte Woche angekündigt, morgen die Nutzerbetreuung zu übernehmen. Meine verbleibenden Kollegen sollten nicht unnötig überlastet werden. Vor allem Kate, die auch viel um die Ohren hat. Da ich morgen wieder Experimente mache, passte es wunderbar. Winfried hatte noch vorher kommentiert, dass Mr Keen halt zwei Mal diese Woche dran sein musste, weil er schon für Samstag geplant war. Ich habe mich also noch am Sonntagabend in der wöchentlichen Tabelle für morgen eingetragen. Dachte ich. Ich habe mich aber um eine Zeile vertan und für Samstag eingetragen. Das habe ich erst heute gemerkt.

Ich habe am Montagabend versucht, das Protokoll von unserem wöchentlichen Meeting zu lesen, um zu schauen, ob ich tatsächlich morgen Nutzerbetreuung mache. Es hätte sein können, dass die Kollegen es sich anders überlegt hätten. Obwohl ich normalerweise von überall aus darauf Zugriff habe, konnte ich am Montag das Protokoll nicht lesen. Die Seite konnte nicht geladen werden. Am Dienstag und gestern auch nicht. Als ich heute Nachmittag im Zug saß, habe ich eine Email von unserer IT-Kollegin gelesen, die sagte, dass das Protokoll wieder zugänglich wäre. Ich habe also die Seite geladen und erst dann mein Fehler gemerkt.

Samstageinsätze werden eigentlich ganz klar Wochen im Voraus verteilt, und Mr Keen war für übermorgen geplant. Und nicht in der wöchentlichen Tabelle, sondern in einem dafür vorgesehenen Kalender. In der wöchentlichen Tabelle steht jetzt Kate für morgen. Am Dienstag war sie schon dran. Im Kalender ist der Einsatz von Samstag schon auf meinem Namen geändert worden. Ich habe Winfried und Mr Keen eine Email geschrieben, um die Sache zu klären. Winfried hat gleich geantwortet, dass er es am Samstag nicht machen konnte, was ich auch nicht von ihm erwartet hatte, da Mr Keen eigentlich geplant war. Er hat explizit in seiner Antwort auf Mr Keen hingewiesen, der keine Antwort von sich gegeben hat.

Ich habe Mr Keen angerufen. Und die Art, wie er sich verweigert hat, am Samstag zu arbeiten, obwohl er schon lange dafür vorgesehen war, hat mich total sauer gemacht. Er war am Montag für das Meeting zuständig, weil Winfried und ich nicht anwesend waren. Der Arsch ist gerade von einem langen Urlaub zurück gekommen, und hat die schon überlastete Kate diese Woche zweimal bei der Nutzerbetreuung eingetragen, obwohl ich Kate über meine Absicht informiert hatte. Er war einfach zu froh darüber, so eine gute Ausrede zu haben, um sich vor seiner Arbeit zu drücken. Er hat jeden Argument vehement abgestritten, und meinte, er wäre überzeugt gewesen, dass ich wirklich zweimal hintereinander freiwillig meinen Samstag opfern wollte. Der „Arme“ ist diese Woche so häufig bei der Rufbereitschaft angerufen worden, dass er am Samstag nicht arbeiten will. Dabei sind wir alle in Rufbereitschaftswochen für Samstageinsätze geplant, genau wie ich letzte Woche. Habe ich mich deswegen geweigert, meine Arbeit wahrzunehmen? Außerdem müssen wir bei Rufbereitschaftseinsätzen elektronische Formulare ausfüllen, und es gibt diese Woche noch keine von ihm zu lesen.

Damit bin ich also am Samstag vierzehn Tage pausenlos am Arbeiten gewesen. Ich schwöre, ich werde es ihm nie vergessen. Vor allem, weil er letzte Woche schon den ganzen Sonntag für Rufbereitschaft geplant war, und mich gefragt hatte, ob ich erst am Abend mit ihm wechseln könnte. Er wollte nicht seinen Sonntag versauen. Ich blöde Kuh hatte nichts dagegen, weil ich selber für meine Experimente vor Ort war. Beim nächsten Mal schicke ich ihn zur Hölle.

Ein bisschen Trost habe ich dadurch, dass sein Verhalten von Winfried jetzt wirklich nicht übersehen werden kann. Ich habe schon lange gemerkt, dass er sich gerne vor den Chefs als arbeitswillig ausgibt, aber jede Gelegenheit nutzt, um seine Arbeit bei anderen zu verlagern. Er hat sich auch nicht für die Nachfolge von Uschi beworben, und das sagt mir, dass Winfried ihm gesagt hat, dass er sehr schlechte Aussichten dafür haben würde. Da bin ich beruhigt. Dass ich aufgrund vom Wissenschaftszeitvertragsgesetz nicht drauf eingestellt werden kann, ist inzwischen auch klar. Aber es ist jetzt nicht mehr so schlimm.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Ich habe mich beworben

Endlich ist die Stellenanzeige für die Nachfolge von Uschi veröffentlicht worden.

Es hat gedauert, weil Winfried zuerst einen Wunschkandidat hatte, mit dem er schon gearbeitet hatte, bevor er nach Berlin gekommen ist. Den hatte er zum Vorstellungsvortrag bei uns eingeladen. Die zur Zeit leider angespannte Personalsituation in der Gruppe hatte ihn doch erschreckt, da mein IT-Kollege nur noch ein Tag pro Woche bei uns ist, ohne Aussicht auf einen Nachfolger, und Miekes Vertrag alle paar Monate erst im letzten Moment verlängert werden kann — dabei ist sie zuständig für unser ganzes Labor.

Unsere Verwaltung hat die Stelle frei gegeben. Als Nachfolge von Uschi ist sie allerdings gar nicht zu erkennen. Sie ist als banale befristete Postdoc-Stelle ausgeschrieben worden. Immerhin für drei Jahre, was eine Seltenheit ist. Die Begründung von Winfried war, dass er seinem Wunschkandidat sofort eine Dauerstelle angeboten hätte. Eine andere Person müsste sich aber zuerst beweisen, daher die Befristung.

Damit sind meine Chancen, für die Stelle in Frage zu kommen, gleich null. Ich habe schon die maximale Beschäftigungsdauer auf öffentlichen befristeten Stellen erreicht, und kann nur noch über Drittmittelprojekte finanziert werden (DFG und BMBF ausgenommen). Außerdem zieht mich eine Führungsaufgabe nicht so richtig an. Dann hätte ich viel weniger Zeit für meine wissenschaftliche Arbeit, die doch so viel Spaß macht. Wozu denn die Bewerbung?

Vor einigen Wochen hatte uns Winfried beim Gruppenmeeting erzählt, dass die Stellenausschreibung bei der Verwaltung liegen würde. Ich saß gegenüber von ihm. Mr Keen saß neben ihm. Ich habe auf einmal gehört, wie Mr Keen plötzlich laut geatmet hat. Ich hatte schon lange den Verdacht, dass er sich gerne als Chef bei uns sehen würde, seitdem Uschi über seine Kündigung gesprochen hatte. Winfried hat die Stellenausschreibung beschrieben und ausdrücklich einen Punkt erwähnt, der ausschlaggebend war. Der erfolgreiche Bewerber sollte ein Expert in einem bestimmten wissenschaftlichen Gebiet sein. In der Gruppe bin ICH eigentlich DIE Expertin in dem Gebiet. Mr Keen hat da überhaupt keine Erfahrung. Am Ende vom Meeting habe ich absichtlich als letzte den Raum verlassen, während Mr Keen und Winfried noch am Tisch saßen. Als ich an der Tür war, habe ich gehört, wie er ihn „leise“ gefragt hat, ob er wegen seinen fehlenden Kenntnisse in dem Gebiet als Kandidat nicht geeignet wäre. Winfried hat tief eingeatmet. Länger bin ich nicht geblieben, um nicht aufzufallen.

Es wird bestimmt bessere Bewerber geben. Ich sollte mir keine Sorgen machen. Aber was ist, wenn Mr Keen sich bewirbt, und die anderen Bewerber doch nicht passen? Eine Zukunft mit ihm als Chef kommt mir sehr grauenhaft vor. An eine Weiterbeschäftigung in der Gruppe wäre ich sicherlich nicht mehr interessiert. Wer will denn so einen protzigen Typ als Chef haben, der gerne seine Kollegen klein redet, weil er ein bisschen älter ist, und grundsätzlich frauenfeindliche Meinungen mit sich trägt? Er hat sich noch sichtlich für besonders hinterlistig gehalten, als er mir danach gesagt hat, er wäre gespannt, wer zu uns in der Gruppe als Nachfolger von Uschi kommt. Obwohl ihm seine Aufregung im Meeting nicht zu überhören war. Das alleine ist für mich schon ein Ausschlusskriterium. Ein Chef sollte nicht so leicht durchzuschauen sein.

Meine Bewerbung ist also hauptsächlich ein Schutz gegen seine. Denn Winfried kann ihn nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, wenn meine Kandidatur daneben liegt. Und Forschungsinstitute sind nicht so starr wie Unis, was Stellen angeht. Wenn er meint, mich einstellen zu wollen, kann er vielleicht trotz Wissenschaftszeitvertragsgesetzes einen Weg finden.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.