Mittagspause

Ich bin mal wieder alleine bei der Mittagspause gewesen. Am Wochenende habe ich viel gekocht, so dass ich genug für die Arbeit einpacken konnte. Während die Kollegen aus der Arbeitsgruppe zu einem Lokal gegangen sind, habe ich mein Laptop mitgenommen und mich alleine im Aufenthaltsraum neben den Kaffee- und Nasch-Automaten an einem Tisch hingesessen.

An einem Nachbartisch setzt sich eine junge Frau mit dunklen Haaren hin. Die kenne ich nicht, und ich interessiere mich nicht wirklich für sie. Ich esse aus meiner Tupperware® Dose und lese meine Emails nebenbei.

Kurze Zeit später kommen andere Leute zum Tisch der Frau. Ein Mann und drei anderen Frauen. Bestimmt Kollegen von ihr, die ich auch nicht kenne, außer Frau Schnurelitz. Wenn sie alle enge Kollegen sind, dann sind sie also aus der Verwaltung und haben etwas mit Arbeitssicherheit zu tun.

Ich bin genug an meinem Tisch mit meinem eigenen Kram beschäftigt, trotzdem kann ich es nicht verhindern, Gesprächsfetzen aufzuschnappen.

„Ich treibe es wieder mit meinem Ex-Freund,“ kündigt plötzlich die Frau aus dem Nichts an. Nicht wirklich ein Gesprächsthema, das ich während der Mittagspause mit Kollegen für angemessen halten würde. Aber anscheinend gab es nichts Besseres, worüber sie sprechen konnte. Eine Kollegin bemerkt, ein wenig herablassend, dass es trotzdem keine Beziehung ist.

Wenig später unterhalten sie sich über Gastwissenschaftler, die bei uns für Experimente kommen. Wir haben ein breites Spektrum an Gäste, die aus allen möglichen Fachrichtungen kommen. Die Frau macht sich darüber lustig, dass einer aus einem Institut für Stochastik kommt. Das Wort findet sie lustig. Oder es gibt den anderen Wissenschaftler, der aus einem Institut für analytisches Irgendwas kommt. Was das Irgendwas ist, bekomme ich nicht mit, weil das Wort „analytisches“ ihr schon große Schwierigkeiten bereitet. Dreimal versucht sie, es richtig auszusprechen, ohne Erfolg. „Anal!“ schreit dann Frau Schnurelitz, und bricht in Gelächter aus. Die Anderen lachen ein bisschen verkrampft mit.

Ich bin mit meinem Essen fertig, und habe meine Emails durch gelesen. Beim niveaulosen Gespräch am Nachbartisch habe ich keine Lust, länger da sitzen zu bleiben, und kehre zu meinem Zimmer zurück.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Mittagspause, Türklingel

Ich wohne direkt an einer Bushaltestelle von einer sehr besuchten Linie. Das ist gut, weil ich schnell zu meinen Zielen in der Stadt kommen kann. Das ist schlecht, weil gerade 5mn entfernt in der Nachbarstraße ein Gymnasium steht. Als ich gearbeitet hatte, war ich selten mittags zu Hause. Jetzt weiß ich, dass ich in der Mittagszeit nach Schulende gar nicht brauche, an die Sprechanlage zu antworten, wenn bei mir geklingelt wird. Meine Nachricht an allen Jugendlichen: „Falls ihr etwas originelles anstellen wollt, vergesst das „klingeln und abhauen“. So viele machen es, es ist inzwischen echt langweilig.“ Schuld ist vielleicht die nicht so hohe Frequenz von Bussen, die fahren bei belasteten Verkehrslagen gerade im 7-8mn Takt (mit überfüllten Bussen). Die Kinder wissen nicht, was sie in der Zeit machen sollen, wenn die Wartezeit zu lang ist. Und bevor jemand fragt: Ja, ich habe es selber gesehen, dass die Kids bei allen im Haus klingeln und sich verstecken, wenn ich an der Haltestelle auf den Bus warte. Das finden meine Vermieter allerdings nicht lustig. Sie haben im Haus eine Anwaltskanzlei und bekommen den ganzen Tag Besuch von Kunden, sie können es sich nicht leisten, den Klingelton zu ignorieren.

Es sind aber nicht nur Kinder, die solche blöde Scherze machen. Am letzten Ostersonntag war ich gemütlich zu Hause vor dem Rechner, als jemand vormittags bei mir klingelte. Niemand hatte mich vorher angerufen, ich erwartete kein Besuch. Da ich noch nicht angezogen war, bin ich nicht dran gegangen. Stattdessen habe ich schnell meine Brillen angezogen und habe aus dem Fenster auf der Straße unten geschaut – nicht mal fünf Sekunden. In der Reflexion aus den großen Fenstern im leeren Gebäude gegenüber von mir habe ich niemanden vor meiner Tür gesehen. Abgesehen von den wenigen Autos war die Straße so gut wie leer. Ich habe nur einen älteren unbekannten Mann gesehen, der sich ziemlich beeilte, genau von meiner Richtung aus quer über die Straße zu gehen, ein Mann mit kahlem Kopf umrandet von grauen Haaren, mit blauen Jeans, brauner Jacke und gelber Tragetasche in der rechten Hand, der dann auf der anderen Seite die Straße sehr schnell Richtung Kaiserplatz runter ging. Der Osterhase war es nicht.

Manchmal erlebe ich auch Überraschungen. Vor gut vier Jahren hat jemand an einem frühen Sonntagvormittag bei mir geklingelt. Ich habe gezögert, bin aber an die Sprechanlage gegangen. Da hat ein unbekannter Mann angefangen, mir auf Italienisch eine sehr lange Rede zu halten, wie er sich im Viertel erkundigen wollte, was für Probleme seine Nachbarn als Ausländer hätten, blablabla… So früh morgens am Sonntag bin ich noch nicht völlig funktionsfähig. Ich habe zwar alles verstanden, was er sagte, aber Italienisch habe ich seit etwa zehn Jahren nicht mehr gesprochen, und wenn ich es jetzt versuche, mischt sich immer die deutsche Grammatik ein, obwohl sie da nichts zu suchen hat. Als er endlich nach einer Frage eine Pause machte, habe ich nur fragen können, ob er Deutsch könnte. Da fragte er überrascht: „Non sei italiana?“ Was ich natürlich verneinen musste (obwohl mein Name sich so anhört, vermutlich deswegen hat er bei mir geklingelt). Dann hat er sich entschuldigt und ist weiter gegangen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.