Festival – Tag 1

Auszug aus meinem Reisetagesbuch. Warnung: Für empfindlichen Seelen nicht geeignet.

Gegen 07:00 sind wir aufgewacht. Die Sonne schien und unser Zelt wurde schnell zur Sauna. Außerdem wurden unsere Nachbarn schon wach und laut. Ich habe mich angezogen und auf dem Weg zu den Toiletten gemacht. Ich hatte sie gestern nicht besucht, aber Martin meinte, sie wären nicht weit von unserem Zelt entfernt. Die Reihen von Dixi-Klos waren in der Tat nicht zu übersehen.

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Nichts ahnend, habe ich mich in der Schlange hingestellt und gewartet, bis ein Klo frei wurde. Das Entsetzen war groß. Der herrschende Geruch war schon beim ersten Tag überwältigend. Fäkalienreste klebten direkt oben am inneren Rand vom riesigen Loch, das als Kloschüssel galt. Es gab keine Spüle. Nur eine dunkel blaue Flüssigkeit in der Tiefe vom Loch, die als Desinfizierungsmittel gedacht war und in der, unter anderen, Spritzen an der Oberfläche zu sehen waren. Ich habe meine Blase schnell entleert, ohne in Berührung mit dem Klo zu kommen, und habe beschlossen, nie wieder solche Anlagen zu benutzen. Mein Mitleid geht an allen Bauarbeitern, die keine andere Möglichkeit haben und das schon ewig erleben dürfen. Ich habe danach meine Hände an den Becken waschen wollen. Auch ekelhaft. Drin waren noch Kotzreste mit Nudeln, vermutlich vom Abend. An einem Hahn hing eine lange farblose schleimartige Masse. Meine Zähne dort zu putzen habe ich ausgeschlossen.

Ich bin zurück zum Zelt gegangen. Nach einer Erholungszeit haben wir an den Tischen vor den Klos gefrühstückt (es gab sonst keine andere Tische, und die Camping-Shops mit Bäckerei und Kaffee waren auch dort). Nur Kaffee haben wir gekauft (eine Marke, 2,50€), sonst hatten wir unsere Einkäufe vom Carrefour. Ich habe die Becher behalten, um mir mit Evian hinter dem Zelt die Zähne zu putzen. Gegen 08:00 wurde der Duschenbereich zwischen Shops und Klos eröffnet. Die spontane Schlange war sehr lang. Ich habe Martin vorgeschlagen, den Tag sportlich zu beginnen, indem wir mit dem Bus nach Leuven fahren und das lokale Schwimmbad besuchen. Schwimmhose und Bikini hatten wir ja für die Reise nach Spanien nach dem Festival eingepackt. Eine tolle Idee, auch wenn die Suche nach der Sportoase am Anfang schwierig war (nicht mal eine Touristeninformation haben wir gefunden). Der Eingang kostet 5,50€, das Doppelte vom Preis einer Dusche am Camping (auch eine Marke). Dafür kriegt man noch Sauna und jede Menge Spaß. Ich habe mich gefreut, meine Haare richtig waschen zu können. Komisch, dass so wenige Leute auf diese Idee gekommen sind. Der Schwimmbad war nicht überfüllt.

Wir wollten nach einem leckeren Mittagessen am frühen Nachmittag zum Camping-Gelände zurück fahren. Blöderweise haben wir den Bus zum Festival benutzt, statt den zum Camping. Die Haltestelle war 2,5km vom Festival-Eingang entfernt, und 3km vom Campingplatz. The Hive war am teuersten von allen Campings, und den Grund dafür haben wir nicht wirklich verstanden, weil der Camping auch am weitesten vom Festival entfernt war. Wir mussten die ganze Zeit sehr lange Strecken zu Fuß machen. Nicht gut, weil Martin so viele Probleme mit seinen Sehnen hat. Zum Glück war das Wetter toll. Ich habe mich eingecremt und trotzdem einen leichten Sonnenbrand bekommen.

Am Eingang vom Festival haben wir wieder Schlange gestanden. Diesmal um den mit Chip versehenen Eintrittsarmband zum Festival-Gelände zu bekommen. Wir haben uns dem Publikum an der großen Bühne hinzugefügt und gewartet. Drauf spielten die White Lies, eine mir unbekannte Gruppe. Danach waren Placebo dran. Den Konzert haben wir uns auch angeschaut und dabei die ganze Zeit versucht, uns nach vorne zu bewegen. Es ging relativ gut, die Publikumsdichte war noch nicht so groß. Am Ende vom Konzert waren wir so weit, dass wir zwei Reihen vor einer Sperre angekommen sind. Es gab danach gut drei Meter Raum, in dem Sicherheitskräfte standen, bevor die nächste eingezaunte Publikumsmasse anfing. Keine Ahnung, wie man dorthin gelangen konnte. Andererseits fand ich den Abstand zur Hauptbühne schon kurz genug. Ich habe mich hingesessen, da wir schon so lange gestanden hatten, während Martin uns Biere geholt hat. Der Boden, kein Rasen sondern eine Kunststoff-Fläche, klebte schon von den vielen gekippten Bieren. Die Sonne knallte weiterhin. Immer mehr Menschen sind angekommen. Wir haben es geschafft, unseren hart erkämpften Platz zu behalten. Vor allem dank mir, weil Martin sonst von allen überholt geworden wäre. Ich hasse Menschendrang, ich hasse warten, ich hasse lange stehen, aber für Metallica kann ich das alles tun.

Sie waren natürlich nicht pünktlich. Als ich sie genau hier vor elf Jahren gesehen hatte, hatten sie gewartet, bis die Dunkelheit ausgebrochen war. Diesmal war es noch ganz hell, als sie aufgetaucht sind. Gleich am Anfang hat ein junger Mann hinter uns Crowdsurfing ausprobiert und ist von den Sicherheitskräften empfangen und rausgeschmissen worden. Es stand groß am Eingang, dass dieses Verhalten verboten war – inmitten einer so langen Liste von anderen verbotenen Sachen, dass ich bestimmt zu den Wenigen zähle, die alles ausgelesen haben. Auf jeder Seite der Bühne standen Gruppen von Fans, die die Band während des ganzen Konzertes hautnah erleben durften. Einige haben teilweise sogar selbst die Songs angekündigt, wobei der zweite junge Mann ziemlich blöd wirkte. Der Konzert selbst war großartig. Keine spezielle Effekte auf der Bühne, aber eine tolle Stimmung. Die Teilnahme der Zuschauer war in keinem Verhältnis zu den zwei vorherigen Konzerten. Meine Stimme hat mehrmals versagt. Trotz meiner Begeisterung bin ich am Ende sehr müde geworden und musste ständig gähnen. Meine Füße taten furchtbar weh (ich trug meine üblichen bequemen flachen Schuhen). Obwohl eine andere Gruppe danach spielen sollte, sind wir nicht geblieben. Ich war sowieso nur für Metallica zum Festival gekommen und hätte gleich am nächsten Tag zurück nach Berlin fliegen können, aber Martin hatte darauf bestanden, bis Sonntag zu bleiben, weil es sich für ihn sonst nicht lohnen würde. Was für ein Quatsch.

Die Umgebung im Camping war wieder total laut. Ich habe die von Martin mitgebrachten Ohrstöpsel ausprobiert, habe es leider nicht geschafft, sie in meine Ohren zu stecken. Ich dachte, ich würde etwas falsch machen, aber er hat es sich mit der Taschenlampe genau angeschaut und meinte, meine Ohrkanäle wären unglaublich schmal. Ich bin irgendwann von lauter Erschöpfung eingeschlafen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Traum am Montagmorgen

Mein Wecker hat heute um 07:00 geklingelt. Ich habe ihn ausgeschaltet. Zwanzig Minuten später kamen Nachbarn die Treppe runter und weckten mich wieder, was meiner Katze offensichtlich nicht gelungen war. Der Traum liegt zeitlich dazwischen.

Ich saß in meiner Wohnung und las meine Briefe. Mittendrin war ein Brief von meinem Hausmeister. Er hatte einfach so in meinem Briefkasten gelegen, ohne Briefumschlag. Drin stand, dass ich in der Wohnung nicht bleiben könnte und bis Januar Zeit hätte, mir eine neue zu suchen, weil ich ab Januar nicht mehr hier sein dürfte. Es folgte irgendein Blabla mit der Hausverwaltung und Besitzerwechsel. Ich habe gedacht, das kann nicht sein. Ich habe an meine Einbauküche gedacht, die ich erst seit anderthalb Monat von meiner ausziehenden Nachbarin gekauft habe, und die der Hausmeister mit seinem Sohn bei mir installiert hat. Der ganze Umzug-Stress schon wieder? Ich habe den Brief genauer geschaut. Der Rand vom Papier war rot, das Papier selbst war gelb und kariert. Der Brief war handgeschrieben und nicht mal unterschrieben. Ich habe mich gefragt, ob ihn nicht einfach ignorieren könnte, da er an wesentlichen formalen Punkten mangelte.

Ich habe mir die Ideen wechseln wollen und habe mich auf Internet rum geklickt. Und sehe da, auf Facebook war ein Update von Metallica, wo sie sagten, dass sie gerade in einem Konzert in Berlin mit anderen Künstlern zusammen waren. Es gab einen Link zum live anschauen. Ich war sauer auf mich, dass ich mich nicht früher darüber informiert habe. Der Konzert fand in der Arena statt. Ich müsste mit der Ü6 dahin fahren[1]. Der Konzert hatte schon angefangen, und ich dachte, es macht keinen Sinn, jetzt dahin zu fahren. Aber ich war plötzlich dort, und nicht in der Menge, nein, ich lag ganz kuschelig auf der Bühne neben der Band versteckt. Es war eine sehr kleine Bühne. Vor dem letzten Stück meinte James zu mir, ich würde es bestimmt kennen. Klar, sagte ich. Ich habe doch alle CDs. Ich hatte das Programm vom Abend in der Hand, aber es kam nicht, was drauf stand, stattdessen haben sie Nothing Else Matters gespielt.

Als sie die Bühne verlassen haben, bin ich ihnen einfach gefolgt. Wir sind kurz in einem Supermarkt gewesen. An der Kasse hat die Kundin vor uns eine Zeitschrift fallen lassen, und dadurch hatte man auf einer Seite das Gesicht eines Modells gesehen. James hat sich auf einmal verliebt. Ich habe ihm gesagt, er soll sich zusammen reißen, Modells würden eh alle gleich aussehen. Die Diplom-Studentin, die plötzlich rechts von mir stand, fing an, sich mit James über die verschiedenen Modells zu unterhalten (sie ist so, sie kann über alles ausführlich diskutieren, manchmal muss ich zugeben, dass ich dabei anfange, in meine eigenen Gedanke zu versinken). Als wir aus dem Supermarkt raus gingen, musste ich James sagen: „Don’t forget that you are married“, und habe ihn im Rücken leicht geklopft. Er meinte, stimmt, ich hätte Recht, aber dieses Modell wäre so schön, er müsste die Frau unbedingt kennen lernen. Ich wollte gleich zurück zur U-Bahn-Station, um nach Hause zu fahren. Kirk hat einfach tschüß gewinkt. Wo die zwei anderen geblieben waren, keine Ahnung. James meinte, wir sollten uns zum Abschied küssen. Gerne. Er hat auf den Mund gezielt. Ich hab’s nicht eingesehen, nachdem ich ihn gerade an seiner Frau erinnert hatte, und habe ihn auf die Wange geküsst. Er war nicht rasiert, ich habe es auf der Wange deutlich gespürt.

Auf dem Weg zur U-Bahn wollte ich mit dem Handy auf Facebook schreiben „Hey Leute, ich habe gerade James von Metallica geküsst, ich wasche mir nie wieder das Gesicht“ und dachte, es wäre doch cool, dass ich gerade meinen Tarif gewechselt habe und Internet benutzen könnte. Aber ich hatte keinen Empfang für O2. Ich habe mehrmals versucht, O2 zu finden, und habe jedes Mal andere Netze gefunden. Ich hab’s aufgegeben. Ich stand auf einer niedrigen Mauer, vielleicht 50 cm hoch, und bin drauf Richtung U-Bahn balanciert. Irgendwann musste ich doch runter kommen, weil es plötzlich viele kleine Hütten gab, die Lebensmittel verkauften (Bratwürste, Schokofrüchte auf Spieß, das typische Bend-Essen), und die waren mir im Weg. Ich konnte aber nicht herunter springen. Eine Frau stand da vorne und unterhielt sich am Telefon. Und jedes Mal, wenn ich einen besseren Platz zum herunter springen gefunden hatte, ist sie genau dahin gegangen. Sie hat mich genervt. Als ich endlich an ihr vorbei gegangen bin, habe ich gemerkt, dass sie auf Französisch redete. Es klang sehr komisch, als ob sie sehr große Mühe hätte, Wörter auszusprechen.

[1] Ja, ich weiß, 1) es heißt U6, aber in meinem Traum habe ich wirklich Ü6 gesehen, und 2) ich muss im Traum wohl Berlin und München verwechselt haben.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Samstag 19.10.2013

Drei Uhr morgens, aber ich fühle mich noch nicht bereit, einzuschlafen.

Ich bin für einen Samstag früh aufgestanden. Martin wollte kurz nach 10:00 zu mir kommen. Er war sich nicht sicher, weil er heute zur Arbeit musste und nachmittags einen Termin hatte. Als er eine Stunde später anrief und sagte, es würde nicht klappen, war ich nicht überrascht. Morgen muss er wieder kurz arbeiten. Ob von zu Hause aus oder am Büro, das wusste er noch nicht. Er meinte zuerst, er könnte mir danach zu Hause helfen. Das habe ich abgelehnt, weil es morgen Sonntag ist und Ruhe eingehalten werden muss (wir wollten Löcher bohren). Ich habe ihm stattdessen angeboten, danach einen Kaffee zu trinken, falls er tatsächlich zur Arbeit fahren muss. Mal schauen.

Ich bin heute Nachmittag einkaufen gegangen. Das letzte Mal, dass ich im KaDeWe war, war bei einer Fachtagung vor zehn Jahren. Mein ehemaliger Kollege Günther hatte gerade während der Tagung die Geburt seines Sohnes erfahren und ich hatte ihm mit Sebastian ein Geschenk organisiert. Heute wollte ich neue Kleider und eine italienische Espressomaschine kaufen. Falls Martin morgen doch kommt, muss ich ihm einen guten Kaffee anbieten können. Falls er nicht kommt, kann ich mir immer noch selber einen guten Kaffee machen, statt das übliche wasserlösliche Zeug.

Auf dem Rückweg nach Hause habe ich mir eine Kino-Karte besorgt. Ich wollte schon seit längerer Zeit den Film von Metallica schauen. Er ist seit dem 3. Oktober in den Kinos zu sehen, aber ich habe den Eindruck, dass er nicht so gut läuft. Die einzigen Darstellungen sind jetzt alle nach 22:00. Ich wollte ursprünglich in der Stadt bis zum Film bleiben, aber meine Einkäufe waren mir zu viel.

Es war 21:00, als ich wieder am Alexanderplatz ankam. Ich bin zwei Stunden lang durch die Stadt gegangen. Mein Chef hatte uns von dem Festival of Lights erzählt, das heute Abend endet, und ich habe mich ein bisschen umgeschaut. Es war schön, die Temperatur war sehr angenehm. Mein Ischias schmerzt wieder stark. Und ich bin von meiner Kamera enttäuscht. Bilder bei Nacht kann ich mit ihr vergessen. Gut, ich habe sie schon seit sechs Jahren.

Im Kino war der Raum gefühlt gerade ein Viertel voll. Ich habe mir eine kleine Packung salziges Popcorn mit einem Köstritzer geholt. Nach den super langen Werbungen und Vorschauen („47 Ronin“ sieht total cool aus), fing der Film endlich an. Ich hatte vermutet, dass die Handlung schwach wäre, und war nicht enttäuscht: Ich fand sie schwach. Sie wurde zum Glück sehr kurz gehalten, meistens hat man Szenen von Konzerten gesehen (sie sind letztes Jahr aufgenommen worden). Ich war aber nicht für die Story zum Kino gegangen. James in 3D! Der heißeste Typ überhaupt, und seine Stimme… Als der Konzert startete, habe ich trotz Pulli richtig Gänsehaut bekommen. Ich habe vergessen, meine Popcorn zu essen und mein Bier zu trinken. Zum Schluss haben sie Orion gespielt. Ein meiner Lieblingsstücke. Ich hatte Metallica schon vor zehn Jahren auf dem Werchter Festival in Belgien mit Pascal live erlebt. Es war aber anders, wir waren zu weit weg von der Bühne.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.