München, du bist so sonderbar

In nur einem Tag in München habe ich viel mehr außergewöhnliche Begegnungen erlebt, als in einer Woche in Berlin. Kein Wunder, dass Mitzi so viele Inspirationen für ihre Geschichten findet.

In der U6 Richtung Klinikum Großhadern. Ich habe Platz an einem Langsitz genommen. Der Platz links von mir ist frei, die zwei Plätze weiter weg sind von einem jungen Paar belegt. Wahrscheinlich Münchener, dem Akzent nach zu beurteilen. Sie kommen aus einer Reise zurück nach Hause, sie haben dicke Koffer bei sich. An einer Haltestelle steigt eine ältere Dame mit Gehstock ein. Sie zittert ein bisschen und hat Probleme, sich hin zu setzen, schafft es aber doch. Genau zwischen mir und dem jungen Paar. Als sie einige Stationen später aussteigen will, wird es schwierig. Einmal, zweimal hebt sie sich ganz leicht auf, um wieder auf ihrem Sitzplatz zurück zu fallen. Beim dritten Mal packe ich sie leicht an der rechten Seite und unterstütze ich sie beim Aufstehen. Sie schafft es! Und dann sehe ich, an der linken Seite hat der junge Mann sie ebenfalls gehalten. Wahnsinn. So viel Hilfbereitschaft sieht man in Berlin kaum.

Nach einer leckeren Mittagspause am Sendlinger Tor[1] setze ich meine Fahrt fort. Das Vorstellungsgespräch ist erst am Nachmittag. Ich sitze wieder in der überfüllten U-Bahn, als eine asiatisch aussehende junge Frau einsteigt. Ihr Bauch ist leicht rund. Sie geht an mir vorbei und lehnt sich gegen den Faltenbalg an. Ich biete ihr meinen Sitzplatz an. Sie wirkt zuerst überrascht, lacht dann und murmelt ganz leise, mit großen Gestik, „ich bin nicht schwanger, ich bin nur dick!“ Meine Sitznachbarn haben es aber nicht verstanden, und stehen ebenfalls auf, um ihr einen Sitzplatz anzubieten. Sie sitzt sich resigniert neben mir hin und erzählt weiter, „ich muss echt abnehmen, mein Mann sagt auch, ich bin zu dick, und jetzt fangen die Leute an, mir Sitzplätze in der Bahn anzubieten, da muss ich echt was machen, wobei es auch Vorteile hat“, und lacht dabei die ganze Zeit. In ihrer Art erinnert sie mich sehr an meine Freundin Mei.

Nach dem Vorstellungsgespräch habe ich noch viel Zeit und ich beschließe, ein bisschen zu Fuß zu gehen, bevor ich zum Flughafen zurück fahre. Ich war zum letzten Mal vor zehn Jahren[2] in München, glaube ich. Ich steige am Odeonplatz aus und gehe Richtung Englischer Garten. Es sieht genau wie bei meinem letzten Besuch aus. Zuerst muss ich durch den Hofgarten. Es ist sonnig, ohne Wind, das Wetter ist fantastisch, und ich bereue, mit Kostüm und Pumps unterwegs zu sein. Die Pumps sind zum Glück sehr bequem und so offen, dass es den Füßen nicht zu warm wird. Den Blazer ziehe ich aus, und trage nur noch Hose und Shirt. So viel Anstand ist in München vielleicht nicht nötig. Am Eingang vom Hofgarten begegne ich einer älteren Dame mit weißen Haaren. Sie ist anscheinend häufig in der Sonne, ihre Haut ist sehr braun. Ihr ist auch offensichtlich warm. Ihre Bluse ist geöffnet, und ihr Busen hängt so ganz frei rum. Genau so braun wie der Rest. Ich will nicht glotzen und muss es doch tun. Gut, dass meine Brillengläser bei der Sonne so schnell dunkel werden. Ihr Mann folgt ihr. Alles normal.

Insgesamt habe ich den Eindruck, die Münchener sind viel freundlicher als die Berliner. Schon als ich aus dem Lufthansa-Express-Bus ausgestiegen war und an der Kreuzung um mich herum schaute, um die U-Bahn zu finden, hatte ich keine Minute gestanden, bis ein Fahrradfahrer mich fragte, wo ich denn hin wollte. Unterwegs kann man Leute nach dem Weg fragen, und sie gehen nicht völlig ignorierend mit dem Kopf zur anderen Seite gedreht an einem vorbei, nein, die Leute halten an und erklären den Weg ganz ausführlich und freundlich! Es wäre doch schön, hier zu leben[3].

[1] Leider auch sehr laut. Es gibt gerade Bauarbeiten.

[2] Damals hatte ich viele Messungen an der Neutronenquelle gemacht.

[3] Es wird vermutlich doch nicht dazu kommen. Alle Kandidaten sollten am Dienstag durch sein, einen habe ich zwischen Tür und Angel gesehen. Ich habe seitdem gar nichts von der Firma gehört. Vermutlich finden schon Verhandlungen mit dem ersten Kandidaten statt.

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Anstrengender Sonntag

Ich bin früh aufgestanden. Das ist nichts Ungewöhnliches. Ich kann morgens nicht lange im Bett bleiben. Wenn ich einmal wach werde, bleibe ich es meistens. Der Ehemann braucht deutlich mehr Schlaf. Ursprünglich war meine Idee, ganz früh um 08:00 zur Botschaft wählen zu gehen, um die Schlange von vor zwei Wochen zu vermeiden. Wir hatten aber Freunde zum Mittagessen, also der Ehemann hatte Freunde zum Brunch, eingeladen, und ich habe gekocht. Das tue ich ja gerne. Nun, bei der vermuteten Schlange vor der Botschaft würde ich wahrscheinlich nicht vor zehn wieder zu Hause sein, und das Kochen würde ich nicht mehr rechtzeitig hinkriegen.

Vor einigen Wochen bin ich zufällig in einer Buchhandlung am Savignyplatz auf das NOPI Kochbuch gestossen. Nachdem ich hier und da soviel darüber lesen konnte, habe ich es mir endlich geschenkt und beschlossen, für heute einige Rezepte daraus zu kochen. Entschieden habe ich mich für das Selleriepüree, allerdings ohne Blumenkohl, die getrüffelte Polentastäbchen mit Tomaten-Chutney, und die Zucchini-Manouri-Krapfen mit Sauerrahm-Limette-Dip, für die ich übrig gebliebene Ricotta statt Manouri benutzt habe, da ich uns am Freitag eins meiner Lieblingspastagericht zubereitet habe. Es war eine Menge Arbeit, aber vieles konnte ich schon gestern Nachmittag vorbereiten. Heute Morgen habe ich trotzdem vier Stunden in der Küche gestanden. Es hat sich mehr als gelohnt. Ein Volltreffer war das. Die Gäste waren hin und weg.

Nachmittags bin ich dann zur Botschaft mit dem Ehemann gefahren. Vor zwei Wochen durfte er noch mit mir rein und auf mich drin warten. Heute musste er wie ein Hund draußen bleiben. Zum Glück regnete es nicht, und die befürchtete Schlange ist ausgeblieben. Einerseits gut, weil ich nicht ewig stehen musste. Andererseits schlecht, weil es bedeutete, dass die Wahlbeteiligung viel niedriger als vor zwei Wochen war. Ich habe beim Einwerfen von meinem Briefumschlag nachgefragt: Tatsächlich sind viel weniger Franzosen in Berlin heute zur Wahl gekommen. Ob es am endlich schönen Wetter lag, oder an der Ablehnung beider Kandidaten, oder wegen der Schlange vom letzten Mal… Eines war klar: Die Le Pen ist hier nicht beliebt. Man muss ja beide Zettel zum kleinen Raum hinter dem Vorhang mitnehmen, und nur eines davon in den Briefumschlag stecken. Der Mülleimer war voll von Le Pen Zettel. Vor zwei Wochen haben ihr in Berlin gerade 2% ihre Stimme gegeben, schrieb noch der tip in seiner letzten Ausgabe. Es ging heute also schnell, in fünf Minuten war ich wieder raus.

Wir sind mit dem Ehemann spazieren gegangen, weil das Wetter so traumhaft war. Zum Gendarmenmarkt gegangen, und dann ein Bier in der Sonne getrunken. Ich bin da Zeugin einer unfassbaren Szene geworden, die mich recht entsetzt hat. Vor allem hat mich entsetzt, dass ich nicht wusste, ob und wie ich helfen könnte. In Konfliktsituationen bin ich nicht gut. An einen Nachbartisch hat sich eine junge Frau hingesessen. Es war an dem Zeitpunkt der einzige noch freie Tisch, und direkt nachdem sie Platz genommen hat, ist eine ältere Frau, etwas klein, pummelig und mit kurzen schwarzen Haaren, geschätzt um die 65, zu ihr gestürmt und hat ihr laut gesagt, sie wäre vorher da und die junge Frau müsste ihr den Tisch lassen. Was definitiv nicht stimmte, die junge Frau war vorher da. Diese konnte anscheinend kein Deutsch und hat auf Englisch gefragt, was die Frau wollte. Daraufhin kam der Mann der ältere Frau, der ein auffällig rotes Gesicht hatte, und hat die junge Frau wie ein Miststück behandelt, und nur laut gerufen, „You go out now!“ Die Frau war sichtlich schockiert von diesem Verhalten, hat aber wenigstens gefragt, „Could you at least be more polite?“ Worauf der Mann nur lauter anwortete, „Go out now please!“ Was wirklich keinen Sinn machte, da wir ohnehin schon draußen waren. Die Frau konnte nichts sagen — nicht, dass sie es nicht versucht hätte, aber das ältere Paar hat sie ständig beim Reden unterbrochen.

Zum Schluß ist die Frau zu ihrem Begleiter gegangen, der in der Schlange stand, um Getränke zu besorgen, und hat ihm die Situation geschildert, nehme ich an, da sie in der Schlange geblieben ist und dieser zum Tisch gekommen ist, wo das ältere Paar in aller Ruhe Platz genommen hatte. Er hat sich einfach zu dem Paar hingesessen. Der Mann konnte Deutsch, das Gespräch verlief aber nicht besser. Als er, ganz ruhig, eine Erklärung für das Verhalten des Paares seiner Frau gegenüber verlangte, sagte die Frau, sie wäre von der Jüngeren beleidigt gewesen. „Wie kommt sie denn drauf?“, habe ich mich gefragt. Weil sie vorher am Tisch saß? Oder weil sie deutlich jünger und hübscher war? Verbal und körperlich habe ich nur Aggression vom älteren Paar wahrgenommen, die Jüngere saß nur sprachlos da und konnte sich nicht wehren. Als der junge Mann nachfragte, inwieweit seine Begleiterin die Frau beleidigt hätte, hat diese dann nur geantwortet, „mit Ihnen will ich nicht mehr reden, gehen Sie weg“, und hat den Kopf gedreht. Er hat sich also dem Mann gewandt und versucht, mit ihm zu reden, aber die Frau, die nicht mehr reden wollte, hat sich ständig eingemischt. Zum Schluß ist ein anderer Tisch frei geworden, und das ältere Paar ist dorthin gegangen, ohne noch abfällige Bemerkungen über Berliner und ihrer Arroganz zu verlieren. Die haben vielleicht einen Knall! Vielleicht hatten sie aber auch einen Sonnenstich bekommen, ober waren schon betrunken, der Mann war so rot im Gesicht, das war nicht normal.

Die junge Frau ist kurz danach mit Getränken zu ihrem Begleiter am Tisch zurück gekommen, und die beiden sind dort geblieben, bis die Sonne hinter einen der Doms verschwunden ist. Das ältere Paar hat übrigens ziemlich lange gewartet, dass jemand ihre Bestellung entgegen nimmt, bis sie verstanden haben, dass man sich an der Schlange anstellen muss. Das junge Paar hatte schon ausgetrunken, als der ältere Mann mit Getränken zu seiner Frau zurück gekommen ist. Was ich daraus ziehe ist, man sollte in Berlin touristische Ziele vermeiden, wenn man sein Bier in Ruhe trinken will.

Am letzten Montag

Heute war der erste Arbeitstag des Jahres. Es war kalt und teilweise recht glatt auf den Gehwegen. Für mich jedenfalls. An Glätte werde ich mich wohl nie gewöhnen können.

Letzter Montag war besser. Ich habe den Ehemann zurück zum Flughafen in Nizza begleitet, und bin entlang der Prom‘ spazieren gegangen. Ich hatte mir mehr Urlaub genommen, um bei meinen Eltern länger zu bleiben. Vor allem bei meiner Mutter, die momentan eine schwere Zeit wegen eines schlimmen Bandscheibenvorfalls erlebt.

Das Wetter war traumhaft. Strahlende Sonne, blauer Himmel, und über 15 Grad. Man sieht, dass es Winter ist, weil der großer Weihnachtsmann gegenüber vom Hopital Lenval steht – ein Kinderkrankenhaus. Die Einheimischen waren alle mit dicken Daunenjacken unterwegs. Nur die gelegentlichen Sportler trugen leichte Bekleidung. Angefangen habe ich mit Mantel, leichter Strickjacke, Bluse und Spaghetti-Top. Mir wurde beim Gehen immer wärmer, und am Ende hatte ich nur den Spaghetti-Top an behalten. Auf dem Schattenbild auf der Place Masséna mit frischer neuer Frisur, vorne kürzer und wilder. Früher, als ich noch hier wohnte, hätte ich nie daran gedacht, im Winter mit nackigen Armen zu spazieren. Ich habe mich an die Kälte gewöhnt.

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Eine positive Entwicklung in Nizza ist, dass es viel mehr Radwege gibt. An der Prom‘. Ich glaube, weiter nördlich dürfte es immer noch so umständlich sein. Obwohl, in vielen Straßen kann man nicht mehr rechts und links am Rand parken. Das Risiko, von unaufmerksamen Autopassagieren eine Tür ins Fahrrad geknallt zu bekommen ist gesunken. Die Stadt will weniger Autos fahren sehen. Seit der Einführung der Tram gibt es sogar große Parkplätze, wo man für 2€ am Tag parken kann und mit dem Ticket überall mit ÖPNV fahren darf. Und Stationen mit blauen Leihfahrrädern sieht man recht häufig. Die Fahrräder sind leider leicht zu klauen, weil mein Bruder meinte, ein LKW auf dem Weg nach Nordafrika wäre vor Kurzem mit einer voller Ladung davon noch rechtzeitig entdeckt.

Wie immer wenn ich zurück in der Heimat bin, spiele ich mit dem Gedanke, mich wieder hier niederzulassen. Aber. Das Leben in Frankreich ist teuer. Umso mehr in Südfrankreich. Wohnungen kann man sich kaum leisten. Und dreckig ist es. Überall Hundekacke. Selbst in der Unterführung zu den weiteren Gleisen am Hauptbahnhof von Nizza. Im Sommer ist der Gestank furchtbar. Und die Leute fahren Auto wie Bescheuerte. Kaum waren wir bei unserer Ankunft aus dem Flughafen raus und auf der Autobahn, dass wir fast in einem Unfall verwickelt worden wären. Rechts von einem rasenden Auto überholt, das sich dann ganz links eingeordnet hat, um plötzlich hinter einem normal fahrenden Auto eine Vollbremse zu machen. Hinter ihm kann noch so ein Raser, der auch voll bremsen musste. Stresslevel 100%.

Aber die Leute sind sonst super freundlich, das fehlt mir in Deutschland. Sie gehen auf Fremden zu und reden gerne mit ihnen. So habe ich zum Beispiel meine Sitznachbarin im Flugzeug am Samstag kennen gelernt. Sie wusste nicht wohin sie gehen sollte, nach dem Sicherheitscheck. Der Flughafen ist vor Kurzem völlig umstrukturiert worden. Nachdem ich ihr den Weg geschildert habe, haben wir ganz natürlich weiter geredet. Da wir beide zu früh waren, haben wir einen Kaffee zusammen getrunken. Über unsere Reiseziele diskutiert. Sie wollte nach Málaga in den Urlaub fliegen. Über Zürich, wie ich. Der Mann am Tisch hinter uns, auch ein Franzoser, ist dann zu uns gekommen, weil er sich in Málaga eine Wohnung gekauft hat. Es ist ja „so kalt“ im Winter in Südfrankreich, da muss man in den Süden 😀 Er hat uns viele interessante Sachen über die Stadt erzählt. Solche Begegnungen macht man in Frankreich häufig. Am Tag davor im Zug habe ich mich mit meiner Nachbarin auch sehr freundlich unterhalten. In Deutschland wirken die Leute eher misstrauisch, wenn man als Fremder mit ihnen redet.

Bösartige Oma

Heute Morgen, auf dem Weg zur Radiologie-Praxis. Ich fahre mit dem Bus. Der ist ein bisschen verspätet angekommen, aber die Fahrt dauert nicht mal fünf Minuten.

Ich habe vorne links einen Platz gefunden. Ein Sitzplatz für Behinderte. Das bin ich momentan wohl. Ganz vorne sitzt eine Oma und hält sich mit der linken Hand an der Haltestange fest. Hinter mir, oder besser gesagt rechts von mir (der Sitzplatz ist mit dem Rücken zum Fenster gebaut) ist der Raum für Rollstühle und Kinderwagen. Ein Kinderwagen mit einem Kleinkind steht da, die Mutter sitzt direkt nebenan.

Wir sind gleich bei meiner Haltestelle. Einige Leute fangen schon an, aufzustehen. Die Mutter auch. Wir müssen nur noch über die Kreuzung. Die Kreuzung ist viel befahren. Wir fahren durch, und plötzlich muss der Fahrer mitten in der Kreuzung eine Vollbremse machen. Ich vermute, dass jemand die rote Ampel ignoriert hat. Von meinem Sitzplatz aus sehe ich nichts vom Verkehr. Die Vollbremse ist heftig. Und der Kinderwagen kippt. Die Mutter kann nicht so schnell reagieren, um den Wagen zu halten. Ich erst recht nicht. Erstens bin ich verletzt, zweitens passiert es zu weit weg von mir. Der Kinderwagen landet am Boden. Das Kind schlägt den Boden mit der linken Schläfe und fängt natürlich an, zu schreien.

Der Busfahrer hält mitten in der Kreuzung. Er steht auf und schaut nach dem Kind. Fragt die Mutter, ob sie Hilfe braucht. Der Kinderwagen wird wieder aufrecht gebracht. Das Kind hört auf zu weinen und hält sich ganz still die Schläfe. Kein gutes Zeichen.

Und die Oma vorne lacht. Sie freut sich darüber, dass die Mutter das Unglück nicht verhindern konnte. „Da hat die Mutter den Wagen nicht fest gehalten,“ sagt sie leise vor sich hin, und lacht nochmal.

Kann man wirklich so grausam sein, oder ist es ein Zeichen von Senilität?

Mit der Bahn durch Berlin unterwegs…

Ich bin mit der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Heute ohne Fahrrad, weil es bei der Arbeit spät wird. Eigentlich hätte ich den Hinweg radeln können. Hätte ich machen sollen. Nur die Aussicht auf Regen hat mich davon abgehalten. Ein Fehler. Ich hätte mir Ärger gespart und wäre noch schneller angekommen.

Heute herrscht wieder mal Bahn-Chaos. Der Gleis bei mir war unglaublich voll mit Menschen gepackt, der Zug vorher muss ausgefallen sein. Beim Umsteigen in Schöneberg ist auch eine Ringbahn ausgefallen, die nächste kam zehn Minuten später. Beim nächsten Umsteigen habe ich nochmal zehn Minuten warten müssen. Und andauernd hört man die Durchsagen wegen Zugausfällen und Verspätungen.

In der S1 war es besonders schlimm. Weil so viele Leute auf die Bahn gewartet haben, war der Zug voll. Einen Sitzplatz im Fahrradabteil konnte ich ergattern. Fünf Fahrräder waren schon drin. Gegenüber von mir saß eine ältere Dame mit ihrem Fahrrad. Direkt nach einer Haltestelle hat ihr Sitznachbar sie plötzlich angebrüllt, dass sie ihn aussteigen lassen soll. Um die fünfzig Jahre alt, graue Haare, buschiger Bart, olivgrüne Jacke ohne Ärmel und voll tätowiert. Sie hat sich verbal gut und ruhig gewehrt. Als der Mann aufgestanden ist, um noch einige Minuten bis zur nächsten Haltestelle vor der Tür zu stehen, ist sein Gestank bei meiner Nase angekommen. Volle Pulle Alkohol. Die Fahrradfahrerin hat ein Fenster geöffnet. Als nächste ist eine junge Frau eingestiegen, und musste gleich die  Dame schimpfen, weil die Fahrräder vor leeren Sitzplätzen standen. Höfflich fragen, ob man durchkommen darf, liegt wohl längst nicht mehr im Trend. Wozu gute Erziehung, wenn es agressiv auch geht?

Im Bus

In letzter Zeit fahre ich gerne mit dem Bus abends nach Hause. Mit der S-Bahn brauche ich von Tür zu Tür eine Stunde. Mit dem Bus noch länger. Der erste Bus fährt in zehn Minuten zu einer U-Bahn Station, dann nehme ich fünf Minuten die U-Bahn, dann noch mal vierzig Minuten mit dem nächsten Bus nach Hause. Plus insgesamt eine Viertelstunde zu Fuß. Die Umsteigezeiten sind auf dem Weg nach Hause sehr kurz. Wenn ich in die U-Bahn an der Zugspitze einsteige, kriege ich meistens beim schnellen Laufen noch den Bus, der gerade ankommt. Auf dem Weg zur Arbeit nehme ich noch lieber die S-Bahn, weil der letzte Bus der Strecke morgens im zwanzig-Minuten-Takt fährt und man sieht ihn immer losfahren, wenn man gerade auf der anderen Seite der Kreuzung aus der U-Bahn kommt.

Warum ich lieber länger aber mit dem Bus fahre hängt schon damit zusammen, wie mulmig ich mich fühle, wenn ich mit der S-Bahn fahre. Angenommen, jemand hätte vor, sich in Verkehrsmitteln sprengen zu lassen, würde sich diese Person sicherlich die S-Bahn aussuchen. Die Ringbahn, die an vielen wichtigen Verkehrsknoten fährt und die ich sonst schon morgens benutzen muss. Oder die U-Bahn, mitten in der Stadt. Meine U-Bahn-Strecke ist dagegen ziemlich weit weg außerhalb vom Ring, und immer mindestens zu dreiviertel leer, da würde es sich nicht lohnen. Also halbiere ich die Wahrscheinlichkeit, etwas so Schlimmes zu erleben, indem ich abends nicht die S-Bahn benutze.

Außerdem sind meistens für die lange Busfahrt Doppeldecker im Einsatz. Und von der U-Bahn-Station aus sind die Plätze oben vorne nie besetzt. Ich finde es toll, dort zu sitzen und vom Leben draußen auf der Fahrt viel mehr mitzubekommen, als in der S-Bahn. Häufig muss ich leider von oben beobachten, wie bestimmte Autofahrer sich wie die letzte Arschlöcher verhalten. In der S-Bahn ist die Außenwelt eher langweilig, dafür werden fast alle Sinne belästigt. Musikante folgen einander, dann sind die Motz-Verkäufer dran, und die nasal monologierenden Obdachlosen, oder die, die einfach einen Knall haben, wie der Typ zwischen Hermannstraße und Südkreuz, der im Gang vor der Tür gebückt um sich selbst dreht und bellt, dabei nach Urin stinkend… Das alles kriegt man im Bus nicht.

So ganz rosig ist es im Bus aber auch nicht. Während der Osterferien waren keine Doppeldecker im Einsatz. Ich bin einmal in einen vollgepackten Bus eingestiegen und habe ganz hinten im Bus gesessen, wo es noch Sitzplätze gab. Meine Sitznachbarn haben aber so gestunken, dass ich eine Station später aussteigen musste und auf den nächsten Bus gewartet habe. Der war zum Glück nicht so voll. Gestern hatte ich oben im Doppeldecker als Mitreisender den ekligsten Typ überhaupt. Fünfundzwanzig Minuten lang ist er mitgefahren. Beim reinkommen hat man ihn schon sehr laut seinen Schleim hoch schnauben gehört. Das hat er fast die ganze Zeit gemacht. Zusätzlich hat er auch ständig in der Nase gebohrt und die Zunge dabei möglichst raus gestreckt, um sich seine Befunde in dem Mund zu stecken. Mein Akku war fast alle, aber eine Minute von seiner Show habe ich aufnehmen können. Ich filme sonst meine Mitreisende nie, aber der war so ein Sonderfall, und so offensichtlich, dass man es ihm nicht ernsthaft glauben würde, dass er dadurch keine Aufmerksamkeit haben will. Ich ringe mit mir, ob es auf YouTube landen soll.

Sonntagabend

Es ist kurz nach sechs. Das Wetter war toll. Wir sind ohne Mantel mit dem Fahrrad zum Textilhandwerksmarkt gefahren. Keine zehn Minuten. Nach einem Jahr im Viertel waren wir noch nie dort. Ich jedenfalls nicht. Martin hatte die Domäne Dahlem früher schon mal besucht. Es war richtig schön, und man kann am Hofladen die dort produzierte Bio-Lebensmittel kaufen. Ich werde es am nächsten Wochenende ausprobieren.

Domäne Dahlem

Wir sind noch bei Tageslicht zurück nach Hause gefahren. Gegen sechs Uhr Abends waren Kinder hinter dem Haus unterwegs. Es gibt einen Spielplatz, der nicht so häufig besucht wird. In unserem Haus gibt es keine Kinder, und in der Nachbarschaft sieht man selten welche. Ein der Kinder hat ein bisschen laut gebrüllt. Es hat keine zwei Minuten gedauert, bis aus einem der Nachbarhäuser Rufe wie „Halt die Klappe“ zu hören waren. Ob es einen Zusammenhang mit dem angehäuften Hundekot am Eingang des Spielplatzes gibt? Ich finde es immer eklig, wenn ich morgens auf dem Weg zur S-Bahn-Station entlang gehe. Wer würde da sein Nachwuchs spielen lassen wollen? Die Bewohner herum scheinen wenig tolerant Kindern gegenüber zu sein und ziemlich schnell gereizt zu reagieren.

Eine erfrischende Begegnung

Treptower Park, auf dem Weg nach Hause. Ich steige um, geistesabwesend. Der Nachfolger in spe von Uschi war heute bei uns, um sich mit einem Vortrag vorzustellen. Oder vielleicht wird Winfried unser neuer Chef, und er wird Winfrieds Nachfolger. Die Stellenaufschreibung, falls es eine gab, habe ich nicht gesehen. Die Entscheidung ist schon gefallen, bevor wir überhaupt in Kenntnis davon gesetzt wurden, dass Uschi uns verlässt. Wie auch immer. Der Nachfolger wirkt nett. Sein Vortrag war gut, aber nicht überragend. Sehr sachlich, leider ohne die Begeisterung, die ich von Uschi kenne. Er verkauft nicht sein Ding, er erzählt nur. Vielleicht, weil er aus einem ähnlichen Forschungszentrum kommt und sich nicht als Konkurrent darstellen wollte?

Ich denke noch darüber nach, als ich aus dem Zug aussteige und in Richtung Treppe gehe, um zum anderen Gleis zu gelangen. Ein junger Mann, links von mir, fragt mich, wohin ich will. Er zögert, anscheinend, weil er mir den Weg nicht sperren will. Deutsch ist er also nicht. Ich lasse ihn vor. Er geht die Treppe runter, ich folge ihm. Wir laufen die nächste Treppe hoch, da wir hören, wie ein Zug gerade ankommt. Vielleicht ist es schon die Ringbahn. Nein. Die S8 steht da. Es verwirrt mich. Ich habe sie noch nie an dem Gleis gesehen. So häufig fahre ich über Treptower Park nicht.

Der junge Mann ist ebenfalls neben mir stehen geblieben und wartet auf die Ringbahn. Er fängt an, mit mir zu reden. Normalerweise bin ich misstrauisch, aber er wirkt sympatisch. Er redet spontan und versucht gar nicht, mich anzubaggern. Es gefällt mir. Wir machen Bekanntschaft. Er kommt aus Marokko und arbeitet in einem Restaurant in Mitte. Als ich sage, dass ich aus Frankreich komme, wechselt er die Sprache. Sein Französisch ist nicht so fließend, aber er nutzt anscheinend gerne die Gelegenheit, es zu üben. Er fragt, was mit meiner Wange los ist, und ich erzähle vom Zahnarztbesuch. Seitdem der Fleck gelb geworden ist, merkt man das Hämatom noch mehr. Wir steigen in die Ringbahn ein und quatschen weiter.

Ich erzähle, dass ich aus der Nähe von Nizza komme (bei einer breiten genug Definition von „Nähe“, und ich habe dort studiert, und der Rest meiner Familie lebt in Nizza). Er meint, dass Nizza vorher italienisch war. Stimmt, die Stadt ist erst am Ende vom neunzehnten Jahrhundert französisch geworden. Es sagt, die Stadt wäre zu Frankreich gekommen, weil Frankreich Italien einen Gefallen gemacht hatte. War nicht damals eine Famine, und, nee, er weiß es nicht mehr, ob Frankreich nicht ein Schiff voller Spaghetti nach Italien geschickt hatte? Ich muss über seine Phantasie lachen, aber gleichzeitig zugeben, dass ich nicht genau weiß, warum es zu dem Wechsel kam. Ich hatte immer gedacht, es müsste in Folge eines Krieges sein, damals, als Napoleon der Neffe an die Macht war. An seine Haltestelle angekommen, verabschieden wir uns. Es war richtig nett, mit einem Fremder einfach so spontan zu plaudern. Das war mir früher in Frankreich viel häufiger passiert.

Ich habe es nachgegoogelt. Nizza ist wirklich zuletzt französisch geworden, weil Frankreich Italien geholfen hatte. Damals wollte sich Italien vereinen. Napoleon der Dritte hat seine Hilfe angeboten, weil Österreich drohte, eine zu starke Macht zu bekommen. Gleichzeitig sollte Italien auch nicht zu groß und potentiell gefährlich werden, deswegen Napoleon als Gegenleistung die Abgabe von Savoyen und Nizza verlangte. Boah. Der Junge hat mich jetzt echt beeindruckt. Ich habe auch nie richtig in der Schule im Geschichtunterricht aufgepasst.

Autismus in der S-Bahn

Junger Mann sitzt in der S-Bahn. Ziemlich groß, gepflegt angezogen, aber die Körperhaltung, mit dem Hinten auf der Kante vom Sessel und so breitbeinig zusammengesackt, verrät den Mangel an guten Manieren. Seine Knien reichen bis zum Sessel gegenüber von ihm. Ohrstöpsel an, mit dem Handy beschäftigt. Die Welt könnte untergehen, ohne dass er davon Kenntnis nimmt.

Schräg gegenüber von ihm sitzt eine Frau. Wir kommen an eine Haltestelle. Die Frau steht auf und will offensichtlich austeigen. Wenn sie sich nur von ihrem Platz weg bewegen könnte. Der Mann Balg sperrt ihr komplett den Weg. Sie spricht ihn an, er zeigt keine Reaktion. Sie schubst ihn leicht. Immer noch kein Zeichen von Wahrnehmung. Sie streckt beide Arme und drückt mit den Händen so stark gegen seine Beine, dass diese doch zur Seite rutschen müssen. Er hebt den Kopf, schaut die Frau kurz an. Sie kann endlich raus und steigt aus. Er bleibt an der Stelle und schaut wieder aufs Handy.

Die Situation ist so skurril, dass ich ein Lachen nicht unterdrücken kann. Leise. Das merkt er doch. Sichtlich gestört, steht er auf und verschwindet.

Am Wochenende aufgeschnappt

Es war schön sonnig am Samstagmorgen. Wir haben uns zum Frühstücken an der Terrasse einer Bäckerei in Friedenau hingesessen. Außer uns war an einem Tisch eine Gruppe von zwei Männern und einer Frau (alle Raucher). Ich genoss meine Spiegeleier mit Bacon, während einer der Männer am Rauchertisch die Diskussion fürhte, in der hauptsächlich die Rede von einer „Tussi“ war. Nachdem die junge Angestellte ihnen ihre Bestellung zum Tisch gebracht hatte, wechselte das Gespräch in Richtung Ernährungswissenschaft. Ungefähr so: „Wisst ihr, dass in einem richtigen Butter-Croissant 800 Kalorien stecken? Das glaubt man kaum, ist aber wahr“, fuhr der Mann mit der „Tussi“ fort. „Boah,“ war die allgemeine Reaktion.

Nein, das glaube ich nicht (annehmend, der Mann meinte Kilokalorien statt Kalorien, wie das Wort so häufig misbraucht wird). Nach einer schnellen Google-Suche kommt man für 100 g Butter-Croissant auf etwa 373 kcal (hier, auch bei Brigitte, und 381 kcal hier). In Frankreich haben die Croissants vielleicht ein bisschen mehr Butter, weil man dort auf 405 kcal pro 100 g kommt. Das sind längst keine 800 kcal. Dann muss man sich noch überlegen, wieviel ein Croissant wiegt. Der durchschnittliche französiche Croissant bringt 50 g auf die Waage. Wenn man dem ersten Link Glauben schenkt, von 50 g bis 100 g in Deutschland[1]. Also von 200 kcal bis 400 kcal. Natürlich, wenn man nichts drauf schmiert. Es ist schließlich kein Brot.

Ich glaube, die Kalorienanzahl vom Butter-Croissant hat den gleichen inflationären Wachstum erlitten wie die Größe von der selbst gefischten Forelle, die bei jeder Wiederezählung von meinem Bruder an Zentimetern gewonnen hatte.

[1] Portionen sind in Deutschland immer größer. Ich hatte zum Beispiel vor sechszehn Jahren als frisch zugewanderte Französin über die Größe der Joghurtbecher im Supermarkt gestaunt, 150 g statt die für mich übliche 125 g. Oder ich hatte den Fehler gemacht, bei meinem ersten Besuch eines grieschiches Restaurants einen Salat vorweg zum Spinat-Auflauf zu bestellen. Jetzt weiß ich Bescheid.