Das Wochenende in Träumen

Samstag früh
Ich war auf Arbeit[1] und saß an meinem Rechner. Leider wollte mein Rechner nicht so richtig machen, was ich wollte. Ich habe ihn neu gestartet. Beim Hochfahren ist er bei einem schwarzen Konsolenbildschirm stehen geblieben. Da stand etwas von verschlüsselten Dateien und Bitcoins. Ups. In dem Moment kam Arndt. Wir haben beschlossen, den Rechner erneut neu zu starten. Diesmal lief er über den schwarzen Bildschirm hinaus, aber die Anmeldungsseite von Windows kam nicht. Stattdessen war nur eine preisliche Auflistung von wissenschaftlichen Geräten von einem Anbieter zu sehen, mit einer dürftigen graphischen Oberfläche, wie man sie von alten Tcl/Tk Programmen kennt. Stimmt, am Tag davor hatte ich eine Spam-Email von einer unbekannten Firma bekommen, und hatte sofort den Link ganz unten gesucht, um mich von sämtlichen Mailinglisten zu entfernen[2]. Vielleicht war durch meinen Klick auf dem Link eine Malware heruntergeladen und installiert worden[3]? Ich habe Arndt vor meinem Rechner gelassen und bin zur Toilette gegangen. Es war nachts, kurz vor der Dämmerung. Auf dem Weg zur Toilette musste ich einen Gang mit verglaster Wand entlang laufen, und auf meiner Höhe war draußen die Krone von einem Baum voll mit Vögeln zu sehen. Jedes Mal, wenn ich vorbei lief, kriegten die Vögel Panik und flogen weg vom Baum. Ich habe versucht, auf dem Rückweg ganz leise zu laufen. Die Vögel sind trotzdem weg geflogen. Bei meiner Rückkehr fand ich eine Menschenversammlung vor meinem Büro. Mehrere Kollegen aus dem Labor standen da und diskutierten, und keiner trug einen Mund-Nasen-Schutz.

Sonntag früh
Ich war alleine in Berlin unterwegs. Wo, wusste ich nicht genau, aber in der Nähe war eine U-Bahn Station. Der Eingang mit Rolltreppe war am Ende einer breiten Brücke erreichbar. Unter der Brücke fuhren viele Autos. Ich bin zur U-Bahn gelaufen, um zu einem bekannteren Teil der Stadt zu fahren. Als ich den Fuß auf die Rolltreppe gesetzt hatte, fiel mir ein, dass ich keinen Mund-Nasen-Schutz dabei hatte[4]. Um mich herum trug sonst niemand eine Maske. Ich bin von der Menschenmenge in die Treppe geschleppt worden und habe den Kragen von meinem Wintermantel über die Nase hoch gezogen. Plötzlich hörte die Treppe auf. Der Handlauf lief weiter bis nach unten, aber es gab keine Stufe mehr[5]. Ein Mann vor mir ist auf dem Handlauf herunter gerutscht. Ich habe es ihm nachgemacht. Unten angekommen, wollte ich mich nach Apotheken umschauen, um eine FFP2-Maske zu kaufen. Leider waren alle Geschäfte geschlossen. Ich bin zum Bahnsteig gelaufen. Dort kamen auf beiden Seiten des Bahnsteiges gleichzeitig zwei Züge an. Sie sahen ganz ungewohnt aus, gar nicht wie Berliner Züge. Ich habe versucht, auf den Anzeigetafeln zu lesen, wohin die Züge fuhren, aber ich konnte mir keinen Reimen drauf machen. Die Stationennamen konnte ich kaum lesen und wenn doch, waren sie mir völlig unbekannt. Ich habe einen Mann gefragt, wohin der Zug, in den er gerade einstieg, fahren würde. Er hat mich missverstanden und dachte, ich wollte wissen, wohin er fahren würde, was er mit „es geht Ihnen nichts an“ antwortete. Ich fragte nochmal nach, ob der Zug zur Innenstadt fahren würde[6]. Er sagte ja, ich stieg ein.

Sonntag nachmittags
Der zweite Tag in Folge, an dem ich mit einer Migräne aufstehe. Das ist das dritte Mal in diesem Monat. Was ist los? Die Wechseljahre, die sich bemerkbar machen? Gestern konnte ich die Migräne mit einer intensiven Putzaktion[7] im Schach halten. Heute hatte sie mich im Griff, und nachdem ich mit Kecksebacken fertig war, was nicht geholfen hat, habe ich mich nach zwei Paracetamol-Tabletten auf die Couch hingelegt.

Ich war mit Tim. Wir diskutierten und aßen gleichzeitig. Ich hielt ein dünnes Weinglas in der Hand, das gebrochen war. Ich habe die Glasscherben weiter zerkleinert und sie gegessen. Es war schön knusprig, aber irgendwann habe ich mich gefragt, ob es so gesund wäre, Glas zu essen.

Anderer Traum. Ich war in einer Art Tiefgarage. An einem Ende war ein Seminarraum, wo Vorträge über häusliche Gewalt geheim gehalten wurde. Ich wusste nicht so recht, ob ich hin wollte, aber gerade kam eine neue Rednerin zum Pult, und sie war Stéphanie, eine Kommilitonin vom Physik-Studium. Sie erzählte, wie sie mit einem ehemaligen Kollegen von mir, Rajeev, als Postdoc gearbeitet hatte. Er hatte sie sehr schnell erniedrigt und geschlagen. Ich war schockiert, so kannte ich Rajeev gar nicht, er war doch seit vielen Jahren verheiratet und hatte Kinder, außerdem war er wie ich seit Jahren in Deutschland und nicht mehr in Frankreich, wo Stéphanie noch lebte.

[1] Das Gebäude sah nicht wie mein Bürogebäude aus.

[2] Das ist mir tatsächlich am Freitag passiert. Ich war jahrelang spamfrei, und jetzt kriege ich plötzlich unerwünschte Emails. Ich vermute, es hat mit meiner Teilnahme an einem virtuellen wissenschaftlichen Workshop vor einigen Wochen zu tun, obwohl die Veranstalter in der EU sind und auch einer Datenschutz-Grundverordnung zu gehorchen haben. Ich bin mir ziemlich sicher, Weitergabe von persönlichen Daten an Dritten abgelehnt zu haben.

[3] Das kann wenigstens nicht passieren, da ich keine Admin-Rechte auf dem Rechner habe.

[4] Wie in diesem Traum.

[5] Immer wenn ich von Treppen träume, passiert etwas in der Art, und ich muss akrobatische Figuren machen, um weiter zu kommen.

[6] Was auch immer damit in Berlin gemeint ist.

[7] Gemeinsam mit dem Ehemann, wohl gemerkt. Der Mann ist ein Schatz.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Heute nicht gejoggt

Es war windig und dadurch kälter geworden. Stattdessen bin ich eine halbe Stunde lang die Treppe hoch und runter gelaufen. Die Wohnung ist ja auf zwei Etagen verteilt. Seit dem Anfang der Ausgangssperre und Heimarbeitszeit (Mobile Office, genauer gesagt), bin ich doppelt so froh, damals so eine tolle Wohnung gefunden zu haben. Drin lässt sich wirklich gut leben.

Gestern hätte ich noch gesagt, Sport kommt heute gar nicht in Frage. Nicht nur des Wetters wegen. Nach der Wanderung am Samstag habe ich einen heftigen Muskelkater bekommen, der dem letzten epischen Muskelkater von vor dreieinhalb Jahren in nichts nachsteht. Schon am Samstagabend war ich nicht mehr in der Lage, mich normal in der Wohnung zu bewegen. Ich konnte nur noch die Füße am Boden gleiten lassen. Im Bett auf dem Rücken zu liegen war zu schmerzhaft, weil ich dabei die Beine strecken musste. Am nächsten Morgen haben sich auch Bauch- und Rückenmuskulatur gemeldet. Gehen war immer noch schwierig und schmerzhaft. Ich glaube, es ist der Oberschenkelbindenspanner, der mir so große Schwierigkeiten gemacht hat. Gestern habe ich ganz dicke Beulen ganz oben an den Schenkeln vorne bekommen, selbst unter dem Rock waren sie zu sehen.

Ich war also sehr erleichtert, als ich heute früh gemerkt habe, dass es mir schon viel besser geht. Trotzdem war es mir zu riskant, draußen zu joggen. Was ist, wenn ich weit weg von zu Hause plötzlich nicht mehr laufen kann?

Das letzte Mal bin ich am Freitag in der Mittagspause gejoggt. Es war eigentlich zu warm, in der prallen Sonne, ein richtiger Sommertag. Trotzdem fand ich den recht dicken Mann unpassend, der im Garten eines Mehrfamilienhaus bei Sankt Gilgen mit nur einem schwarzen String bekleidet ganz nah am Bürgersteig stand, um Pflanzen zu gießen. Auf dem Rückweg bin ich von einem anderen Mann aus seiner Haustür angesprochen worden, der ebenfalls dabei war, seine Pflanzen im Garten zu gießen. Immerhin war er anständig angezogen. Ich habe aus Höflichkeit geantwortet, was ein Fehler war, da er meinte, weiter mit mir plaudern zu müssen. Ich meine, ich mache mir die Mühe, joggen zu gehen, es ist nicht um einfach da rum zu stehen. Er fragt, wo ich her komme, und als ich „aus Frankreich“ antworte, meint er, mich mit seinen Französischkenntnissen beeindrucken zu wollen, indem er mir „Je t’aime“ einfach so ruft. Geht’s noch? Den Typ kenne ich nicht, und ja, nichts gegen Bekanntschaften in der Nachbarschaft, aber auf solche Bekanntschaften verzichte ich lieber. Ob ich bei ihm Kaffee trinken kommen möchte, fragt er dann. Der spinnt total, wenn er glaubt, eine Frau würde freiwillig alleine zu einem fremden Mann in die Wohnung gehen. Und wie war’s nochmal mit Corona und Abstand halten? Ausgangssperre und Frühling, eine furchtbare Kombination.

Ich werde mir jedenfalls beim nächsten Mal eine andere Strecke zum Laufen aussuchen.


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In Marseille – Le Panier

Mit Marseille bin ich immer noch nicht befreundet. Die Stadt ist dreckig und stinkt. Überall dicke Hundehaufen und Uringestank. Alte, heruntergekommene Gebäude. Autofahrer, die ohne Rücksicht auf Fußgänger am Hafen rasen, selbst wenn sie eigentlich rot haben. Wen interessiert’s? Die Fußgänger gehen nicht auf Grün los, sondern schauen erstmal um sich um und warten, bis alle Autos durch sind, bevor sie sich auf der Straße trauen. Etwas Anderes wäre Selbstmord.

Dazu kommt die allgegenwärtige sexuelle Belästigung. In Marseille kann man als Frau einfach nirgendwo Ruhe haben. Das habe ich in meiner Jugend mit Freundinnen erlebt und am Wochenende aus der Ferne leider wieder beobachtet. Frau sitzt auf einer Bank und liest, Jugendlicher setzt sich dicht neben ihr und belästigt sie derart, dass die Frau aufsteht und den Platz verlässt. Obwohl ein anderer, unbeteiligter Mann auf der anderen Seite der Bank saß. Nichts hat er unternommen. Unterlassene Hilfeleistung ist in Frankreich weit verbreitet.

Aber zurück zur Stadt selbst. Der Ehemann wollte vor unserer Abreise eine Nacht in Marseille verbringen. Ich war nicht begeistert. Wir haben ein Apéro am Hafen getrunken. Ich wollte danach zurück zum Hotel. Es wurde schon dunkel.

Anstatt am Hafen lang zu gehen, nehmen wir die Rue de la République. Ein Schild zeigt den Weg zum Panier. Ich habe keine Ahnung, worum es geht, und beschließe, dem Schild zu folgen. Erstmal Treppen hoch. Wir entdecken ein entzückendes Viertel. Immer noch dreckig und stinkend, aber mit interessanten Graffiti und vielen, besser als am Hafen aussehenden gastronomischen Lokalen. Wir essen eine Kleinigkeit am „Panier Marseillais“[1]. Fisch-Tapas.

Am Sonntag gehen wir wieder hin, zu einem anderen Lokal. Essen kann man in dem Viertel toll. Leider, und man glaubt es nicht, wenn man es nicht selber erlebt, sind die engen Straßen nicht für den motorisierten Verkehr gesperrt. Oder die Anwohner pfeifen drauf. Mofas fahren dicht an uns vorbei, als wir am Tisch mitten auf der Straße sitzen und essen. Ich meine, die Terrasse vom Lokal beanspruchte schon die Hälfte der Gasse. Gegenüber standen zwei Frauen aus einem Laden und diskutierten. Und da lang fahren Leute mit Mofas durch. Völlig rücksichtslos.

Am Sonntagabend war unser Rückflug nach München geplant. Über Frankfurt. Tja. Wegen Unwetter wurde der Flug gestrichen. Unmut bei den Passagieren und Chaos am Flughafen, als wir nur hin und her geschickt wurden. Wir sind dadurch eine extra Nacht in Marseille geblieben. Diesmal haben wir in einem besseren Hotel geschlafen. Ich war vom Golden Tulip[1] enttäuscht. Die Lage war lange nicht so toll wie auf den Bewertungen gepriesen. Nicht mal Margaritas konnte der Barman richtig machen. Der Radisson Blu[1] hat mir viel besser gefallen. Wir konnten sogar im Außenpool am späten Abend schwimmen. Leider mussten wir am Montag um vier aufstehen, um unseren Flug von 06:20 nach München zu kriegen. Wenigstens sind wir direkt geflogen und konnten halbwegs pünktlich auf Arbeit erscheinen. Ich fühle mich immer noch müde davon.

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Belästigung

Ich befand mich am Gleis einer S-Bahn-Station. Ich war gerade aus einem Zug ausgestiegen. Außer zwei Männer, die da rum standen, war niemand zu sehen.

Ein der beiden Männer, in hellgrauer Joggingshose, kam zu mir. Ich sollte mit ihm vögeln, meinte er. Ich habe beschlossen, den Typ zu ignorieren. Keine Zeit für eine Anzeige wegen sexueller Belästigung bei der Polizei. Er hätte einen King-Size Penis, rief er hinterher, als ich an ihm vorbei ging, viele Männer hätten nur Size One, diese einmalige Chance würde sich nicht zweimal anbieten. Ist ja klar. Behaupten die doch alle von selbst.

Ich ging die Treppe hoch, zum Ausgangsbereich vom Bahnhof. Dort waren mehrere Menschen. Der Belästiger war mir hierher gefolgt und versuchte noch, mich zu überreden. Ich ging zu zwei Männern, die nur da rum standen, und sagte dem einen, „Dieser Mann belästigt mich“, und zeigte gleichzeitig zum Belästiger. „What did you say?“ fragte der Mann. Stimmt, ich war in die USA gereist! „This man is harassing me,“ sagte ich. Er hat sich an den Belästiger gewandt, aber diesem schien es egal zu sein, er belästigte mich weiter.

Den Nachbarn von meinem Helfer fragte ich ebenfalls um Hilfe. „If you give me money, I can help you“, antwortete er. Ich sagte ihm kurz, dass ich es nicht so ehrenhaft fand, dass er nur gegen Geld helfen würde. Andererseits hatte ich ihn aktiv um Hilfe gebeten, ich könnte mich auch dafür bedanken. „OK, if you need money, I can give you money. Just help me,“ sagte ich ihm. Er ging zum ersten Helfer. Dem Belästiger wurde es zu viel. Er ergriff die Flucht. Mist, habe ich gedacht, somit könnten wir doch gar nicht bei der Polizei sagen, wer das überhaupt gewesen war. Andererseits hatte ich keine Zeit für die Polizei.

Der zweite Helfer wollte jetzt sein Geld haben. Klar, sagte ich, weiter auf English. Es gäbe nur ein kleines Problem, ich hätte keine Dollars dabei. Nur Euros. „What?“ „European currency,“ sagte ich. „Ah, ok“. Ich ging zu meiner Handtasche, die weiter weg neben einem Aufzug lag. Aus meinem Portemonnaie nahm ich 40 € raus. Es gab noch viel mehr Scheine drin, selbst ein 1000 € Schein, ich konnte es mir echt leisten und kam mir dreist vor, ihm nur 40 € zu geben. Aber er schien zufrieden zu sein.


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Offener Brief an Jasmina

Liebe Jasmina,

du kennst mich nicht, und ich dich auch nicht. Ich durfte heute Abend im Bus neben deinem Kumpel, dessen Namen ich nicht kenne, sitzen. Aus Bequemlichkeit für den Rest des Briefes soll er Rachid heißen. Als ich in Johannisthaler Chaussee eingestiegen bin, war er schon dabei, mit dir zu telefonieren. Als er in Lichterfelde West ausgestiegen ist, war euer Gespräch immer noch nicht zu Ende.

Ich saß unweit von Rachid ganz hinten im Bus und war dabei, einen Schal für meinen Mann zu häkeln. Ich sitze schon seit fast einem Jahr dran, wenn auch unterbrochenerweise, es wird Zeit, dass ich damit fertig werde. Die Handbewegungen laufen jetzt so automatisch, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenken muss. Es war dabei schwer, der hiesigen Hälfte deines Gespräches mit Rachid nicht zu lauschen. Er kann ganz schön laut reden. Besonders, wenn er jemandem wie dir die Welt erklärt. Da müssen alle seine Mitreisende von seiner Weisheit erfahren.

Jasmina, du hast kürzlich einen neuen Freund gefunden. Rachid tut sich schwer, sich für dich zu freuen. Ja, er war dir gestern Abend auch richtig sauer gegenüber. Hoffentlich ist dieser neuer Freund nicht irgend so ein Arschloch, der dich ausnutzt und dich danach vernachlässigt. Das machen viele. Glaubst du ihm etwa nicht? Rachid weiß, wovon er spricht. Wie alt bist du denn? Und wie alt ist Rachid? Na also. Der Ältere hat doch immer Recht. Und dabei bist du so ein hübsches Mädchen. Wenn dieser Idiot sich so schlecht mit dir verhält, tritt er ihm in die Eier. Er würde ihn für dich richtig prügeln, dass er nach seiner Mutter schreit. Er sabbert ja fast bei dem Gedanke.

Rachid will dich. Das sagt er dir aber nicht. Stattdessen fragt er dich, ob du vielleicht am Samstagabend in die Schischa-Bar gehen willst? Er selber war noch nie dort. Wie viel kostet denn so was? Das weiß er nicht. Aber man wird es sich schon leisten können. Sicherlich kostet es nicht mehr als zehn Euros. Willst du mit ihm am Samstagabend hin? Ach ja, du wolltest ihm eine Freundin von dir vorstellen, vielleicht wäre sie etwas für ihn? Vielleicht würde Rachid dich endlich in Ruhe lassen, wenn du ihm eine Andere findest? Ach nee, woher kommt diese Freundin denn? Aus Niedersachsen? Die Mädchen dort können dir doch nicht das Wasser reichen. Du bist so ein hübsches Mädchen. Bestimmt ist diese Freundin so zickig wie seine letzte Freundin, darauf hat er kein Bock.

Wie, du willst mit deinem neuen Freund am Samstagabend die Zeit verbringen? Dein Freund kann doch gar nicht der Richtige für dich sein, wenn er dir nicht erlaubt, andere Freunde zu haben. Frag ihn mal, was er davon hält, wenn du andere Freunde hast. Und vielleicht ist es doch gar nicht so schlimm, wenn Rachid mit dir schläft? Aber das würde er dich nicht so direkt am Telefon fragen. Bestimmt würde dein neuer Freund dich von Rachid fernhalten wollen. Mit Recht. Also, wirklich, dein neuer Freund verdient dich nicht. Du solltest ihn verlassen.

Jasmina, mal im Ernst. Du hast schon in der Vergangenheit Rachid auf deinem Handy blockiert, das solltest du weiterhin machen, wenn dir noch ein bisschen Selbstliebe übrig bleibt. Rachid schert sich nicht darum, ob du glücklich bist. Alles, was ihn interessiert, ist, dich für ihn alleine zu haben. Willst du wirklich mit jemandem sein, der dir nie deine eigene Meinung gönnen wird, weil du als Jüngere ihm automatisch als Unterlegene erscheinst? Mit jemandem, der damit prahlt, deinen Liebsten gegenüber Gewalt anzuwenden, wenn sie sich ihm quer stellen? Dabei bist du so ein hübsches Mädchen, du könntest jeden kriegen, den du willst. Du findest bestimmt besser. Vertraue mir. Wie alt bist du nochmal? Sicherlich unter vierzig, weil du deine Zeit sonst nicht mit so einem affigen Jugendlichen verschwenden würdest. Du bist ja jünger als Rachid. Also bin ich älter, und damit habe ich Recht. Vergiss Rachid, du wirst auch noch weniger Kopfschmerze nach so langen sinnlosen Telefonaten bekommen.

Deine liebe Shaarazad


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Einige Stunden später…

Ich sitze noch im Zug. Gestartet sind wir heute Morgen mit einer Viertelstunde Verspätung. Grund dafür war eine technische Störung am Zug, oder Ähnliches. Einige Bahnhöfe später wurde sie zu einer halben Stunde. Es gab einen Polizeieinsatz, weil ein Fahrgast andere Passagiere belästigt hatte. Dann hieß es plötzlich, wir wären eine andere Strecke als geplant gefahren und hätten die Verspätung einigermaßen aufgeholt. Nur noch zehn Minuten Verspätung! Ein Zugbegleiter erzählte uns in einer fröhlichen Durchsage, dass wir sogar einen anderen Zug überholt hatten, den die Fahrgäste sonst verpasst hätten. Um direkt danach zu sagen, „es macht keinen Sinn, der ist sowieso überfüllt, man kommt nicht mehr rein“. Es hat mich an meinen Rückflug aus Israel erinnert, als eine Stewardess eine lange Durchsage gehalten hatte, für die, die gerade noch Hunger hatten, und vielleicht ein Sandwich möchten, leider leider gäbe es nichts mehr, alles wäre schon aufgegessen worden. Ich habe lachen müssen. Eine Station später mussten wir aus irgendeinem Grund lange am Gleis bleiben. Ich habe es nicht ganz mitgekriegt, ich hatte meine Kopfhörer an. Jetzt beträgt die Verspätung siebenundfünfzig Minuten[1]. Nachdem wir nach einem ziemlich brutalen Bremsen mitten im Nichts stehen geblieben sind. Bin ich froh, mir wenigstens eine direkte Verbindung ohne Umsteigen ausgesucht zu haben.

Seit Berlin sitze ich an einem Tisch. Am Nachbartisch saß ein nicht mehr so junger Mann, der ebenfalls mit seinem Laptop beschäftigt war. Er sah gar nicht schlecht aus, wobei ich es mir nur am Rande notiert hatte. Wir haben einige Banalitäten getauscht, aus Höflichkeit, das war’s. Ich hatte mich zwecks Privatsphäre am freien Sitzplatz am Fenster verschoben und schief dort gesessen, um den Bildschirm von neugierigen Blicken zu schützen. Ich mag es nicht, wenn Fremde zuschauen, was ich gerade am Rechner mache. Der Typ am Nachbartisch ist nach drei Stunden ausgestiegen, nachdem er sich verabschiedet hat. „Untypisch, diese Freundlichkeit“, habe ich noch gedacht. Und ihn aus meinen Gedanken gelöscht.

Ich habe mich kurz danach auf Facebook[2] eingeloggt, um meine Mami zu informieren, dass ich unterwegs war. Groß war meine Überraschung, als ich dort eine Freundschaftseinladung gesehen habe. Facebook nutze ich erstmal sehr selten und zweitens nur für enge Freunde und die Familie, die weit weg von mir wohnt. Nicht mal meine Kollegen lasse ich ran, und mein Profil ist so eingeschränkt wie es geht. Nicht suchbar, außer von Freunden. Dem Profilfoto nach zu beurteilen, stammte die Freundschaftseinladung vom Typ vorhin im Zug. Äußerst unangenehm. Namentlich vorgestellt hatte ich mich nicht, und ich hätte erwartet, dass man wenigstens um die Erlaubnis bittet, wenn man schon die ganze Zeit zusammen reist. Und überhaupt, wie war er an mein Profil gekommen? Ah ja… Meine Laptop-Tasche lag die ganze Zeit auf dem Sitzplatz neben mir, den ich am Gang reserviert hatte, weil der Zug angeblich voll war[3]. Ich habe schon so lange eine Visitenkarte in der dafür vorgesehenen Hülle der Tasche, dass ich gar nicht mehr daran denke. Die Tasche lag mit der Visitenkarte sichtbar. Und Facebook hat ja die Profiladresse so eingestellt, dass man mit vorname.nachname leicht zu finden ist. Daher hatte ich meine Adresse als vorname.nachname.nummer geändert. Echte Freunde sollten mich doch noch finden können. Tja. Hätte ich wenigstens meine Visitenkarten mit meinem Ehenamen aktualisieren lassen…

[1] Mehr als eine Stunde wird es nie. Sonst müssen sie Geld zurück erstatten.

[2] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung.

[3] Pustekuchen. So leer habe ich einen Zug selten erlebt. Schön. Es ist auch angenehm kühl hier drin. Die Internetverbindung vom HotSpot der Telekom[2] ist leider nicht so stabil, wie man es sich für 5€ wünschen würde.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Eindringlinge

Ich lag nachts wach im Bett. Alleine. Ich lag auf der linken Seite, neben dem Wecker. Es war sehr dunkel.

Aus dem Wohnzimmer hörte ich männliche Stimmen. Eine Art Verhör fand gerade statt. Ob ein der Männer mit den IS Terroristen zu tun hätte? Der befragte Mann gab keine Antwort. Ob er sich nicht vor Kurzem über die lustig gemacht hätte?

Ich bin ganz still im Bett geblieben und habe gehofft, unentdeckt zu werden. Ich habe zum Wecker geschaut, um die Uhrzeit festzustellen. Der Wecker war aus. Stromausfall?

Ich habe in die andere Richtung vom Schlafzimmer geschaut. Die Verbindungstür zum zentralen Flur war zum Glück geschlossen. Obwohl, eigentlich nicht. Schwer zu sagen, es war so dunkel. Ich habe gehört, wie die Katze hin und her durchs Wohnzimmer gegangen ist.

Und plötzlich stand eine schwarze Gestalt vor dem Bett, rechts von mir. Ich habe den Atem angehalten. Die Gestalt kam näher. Was, wenn ich entdeckt würde? Was, wenn der Mann sich neben mir hinlegen würde? Was sollte ich tun? Schreien? Aufstehen und angreifen? Alle Messer waren in der Küche…

Die dritte Lösung: Aufwachen. Ich lag im Bett, auf der rechten Seite, neben Martin. Es war sehr dunkel. Die Katze lag bei mir auf dem Bett neben meinen Füßen. Es war sonst niemand im Raum. Der Wecker zeigte 04:00.


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Gereizt

Der Traum von heute Morgen ist nur ganz vage in Erinnerung geblieben. Ich weiß vor allem, dass ich die ganze Zeit gereizt war.

Es war tagsüber, das Wetter war nicht schön, windig, kalt und bedeckt, ohne Regen. Ich war mit Martin mit dem Fahrrad durch die Stadt unterwegs, ich weiß nicht, wohin. Es war hart, ich konnte ihm schlecht folgen, und er fuhr vorne, ohne sich darum zu kümmern, ob ich noch hinter ihm war. Leute sind auf dem Radweg gegangen und haben uns überhaupt nicht beachtet. Ich habe sie geschimpft.

Als ich Martin nach einer Kreuzung plötzlich nicht mehr sehen konnte, habe ich beschlossen, ihn alleine fahren zu lassen, und bin zu einem Einkaufszentrum gegangen. Dort gab es eine kleine Konditorei, mit Reihen von Stühlen vor dem Schaufenster. Ein junger Mann saß auf der letzten Reihe und hatte seinen Stuhl auf den hinteren Beinen so weit nach hinten gekippt, dass man nicht mehr durch gehen konnte, um zum Schaufenster zu gelangen. Er hat gesehen, dass ich dahin wollte, ist trotzdem so geblieben und hat den Weg weiter gesperrt, als ob ich nicht da wäre. Die Art von Verhalten, die man in Berlin täglich sehen kann. Es hat mich genervt. Ich habe die Lehne seines Stuhles mit der linken Hand so geschoben, dass er plötzlich wieder aufrecht saß. Er hat nichts gesagt. Ich habe bei der Konditorei etwas gekauft und bin weiter durch das Einkaufszentrum gegangen. Auf dem Rückweg bin ich wieder vor der Konditorei gegangen. Martin kam mir entgegen. Ich habe ihm die Geschichte mit dem jungen Mann erzählt. Dieser, der immer noch aufrecht saß, hat mich gehört und gelacht. Sein Lachen ist erstickt, als er gesehen hat, dass Martin mich geküsst hat.

Später waren wir in einer Art Auditorium an einer Uni. Ich ging mit Martin die seitliche Treppe hoch. Plötzlich kam der junger Mann von der Konditorei hinter uns. Er trug eine Arbeitshose, die mit weißen Farbflecken bedeckt war. Er meinte, wenn ich mich für Martin interessieren würde, und Martin zur Uni geht, würde er auch zur Uni gehen wollen.

Der Traum war kurz vor 08:00 heute Morgen, nachdem ich um 05:00 geweckt wurde und lange nicht mehr einschlafen konnte. Ich vermute, er hatte mit dem gestrigen Tag zu tun. Wir sind tatsächlich mit dem Fahrrad mit Gegenwind gefahren, wenn auch nicht lange, bis zur S-Bahn Haltestelle, um zu mir zu fahren. Es war kalt und bedeckt. Die S-Bahn wurde voll, es hat irgendwann nach Alkohol gestunken (oder nach Alkoholikern), und die Oma, die sich danach neben mir hingesessen hat, meinte auch, das Fenster zu klappen zu müssen. Sie muss ihren Geruchssinn schon längst verloren haben. Ich war froh, als wir eine Station später umgestiegen sind. Ab einer bestimmten Dichte ertrage ich meine Mitmenschen nicht mehr. Außerdem habe ich mich den ganzen Nachmittag ein bisschen fiebrig gefühlt, und heute hält es an.


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Stefan

Stefan ist mein vorletzter Freund gewesen. Ich habe ihn kennen gelernt, als ich für meine Doktorarbeit nach Deutschland gekommen bin. Er war damals ebenfalls Doktorand in meinem Institut, obwohl er über dreißig war und zehn Jahre älter als ich ist. Am Anfang war ich noch mit David zusammen, aber unsere Beziehung hat die Pendelei nicht überlebt. Nachdem er Schluss mit mir gemacht hat, hat es nicht lange gedauert, bis ich mich für Stefan interessiert habe.

Ich kann nicht genau sagen, was mich an ihm angezogen hatte. Er sah anders aus als die anderen. So gut sah er eigentlich nicht aus. Er hatte angefangen, einen „Bierbauch“ zu entwickeln. Ich weiß sogar noch, wie mich seine Hände ein wenig angeekelt hatten, weil ich dabei immer an Frösche denken musste. Seine dicken Lippen mochte ich nicht. Er schien aber nett zu sein und war lustig. Ich denke jetzt, es lag vor allem daran, dass er sich für mich interessierte, und ich wollte nach der Pleite mit David nicht alleine bleiben. Ich hatte mich trotzdem in Stefan verliebt. Aus welchen Gründen auch immer.

Im Frühling 2000 habe ich einen Freund von ihm gefragt, ob Stefan eine Freundin hätte. Da er nein antwortete, habe ich einige Dates mit ihm arrangiert, und eines Abends haben wir uns nach einem Besuch in einer irischen Kneipe geküsst, als er mich nach Hause begleitet hatte. Ich erinnere mich, wie er dabei meine Hüfte mit beiden Händen fest angefasst hatte, als ob er prüfen wollte, wie die Ware sich anfühlt. Es schien, ihn zufrieden zu stellen. Ich fand’s sehr frech von ihm, vor allem mit seiner Figur. Außerdem konnte er nicht so gut küssen, ich musste es ihm beibringen. Er hat dabei einen hoch gekriegt und mich Hexe genannt. Wir haben uns vor meiner Haustür verabschiedet. Am nächsten Tag musste ich früh zu meinen Eltern fliegen.

Nach meinem Urlaub haben wir uns wieder getroffen und Sex gehabt. Eine frustrierende Erfahrung, die sich mit der Zeit nicht verbessert hat. Trotz Erektion war seine Länge zu kurz, er konnte mich gar nicht befriedigen. Jedes Mal, wenn er danach im Badezimmer verschwunden war, musste ich die Arbeit selber fertig machen. Ich denke, es hatte mit seinem Bauchumfang zu tun. Ich hatte es mit Gilles schon gemerkt. Meine Theorie: Männer mit Bauch haben einen winzigen Penis, weil der Bauch die Haut schon zu sehr spannt. Ich dachte, es ist mir egal, wie ein Mann aussieht, aber das will ich nicht mehr mitmachen. Vor allem nach meiner Erfahrung mit David war es sehr enttäuschend. Dazu hat Stefan noch schnell darauf bestanden, den hinteren Eingang zu benutzen, was ich gar nicht wollte. Er meinte, es wäre für ihn ein großes Bedürfnis, er hätte es wirklich nötig. Ich dachte, super, schlecht im Bett, und mit schwulen Tendenzen. Seine früheren Freundinnen hätten ihn sexuell besser erziehen können.

Eine Woche nach dem Anfang unserer Beziehung habe ich schon gemerkt, dass es nicht gut gehen konnte. Er hatte doch eine andere Freundin gehabt, sein Freund hatte mich angelogen. Er hat mit ihr Schluss gemacht, nachdem er mit mir zum ersten Mal Sex hatte. So richtig Vertrauen konnte ich in ihm nicht mehr haben. Ich habe mich schlecht gefühlt. Das hatte ich nicht gewollt. Hätte ich die Wahrheit gewusst, dann hätte ich nie zugelassen, dass etwas zwischen uns passiert. Es war schon zu spät. Ich habe gedacht, dass ich verliebt war und er sich im Bett verbessern würde. Ich hätte mir die Frust sparen können.

Ich habe ihn an Wochenenden zu Hause besucht. Ich weiß noch, wie ich eines Tages bei ihm geklingelt hatte, und er nicht dran gegangen war, obwohl sein Telefon ständig besetzt klang, als ich ihn vorher anrufen wollte. Irgendwann habe ich nicht gemerkt, wie ich am falschen Knopf gedrückt hatte, und sein Nachbar hat die Tür aufgemacht. Ich habe um Verzeihung gebeten und drin bei Stefan geklopft. Es gab Geräusche aus seiner Wohnung, aber er hat die Tür nie aufgemacht. Ich habe eine Nachricht vor seiner Tür gelassen und bin nach Hause gegangen. Am folgenden Montag hat er sich entschuldigt und meinte, er hätte am Rechner online gespielt und gar nichts mitbekommen. Ich war nicht begeistert. Es ist danach nicht mehr vorgekommen.

Wir sind am Anfang viel gereist. Vor allem nach England. Er hat mich seiner Familie vorgestellt. Wir haben mit seinen Freunden in Düsseldorf jede Woche zusammen gekocht. Mit seinem ehemaligen Kommilitonen Thomas, dem buddhistischen Salsa-Lehrer, haben wir uns ab und zu getroffen. Ich mochte ihn nicht besonders, er wirkte zu kalt. Auch zu seiner Frau, mit der er schon vier Kinder hatte. Drei Jungs und ein Mädchen. Ich erinnere mich an eine Party bei Thomas, bei der das Mädchen mit seinen Brüdern beim Essen gespielt hatte, und wie übertrieben wütend er dabei reagiert hatte. Es lief mir kalt den Rücken herunter. Ich hatte gedacht, dass er echt einen Knall hatte und habe richtig Mitleid für das Mädchen gehabt.

Stefan hat sich irgendwann eine neue, größere Mietwohnung ausgesucht und ist umgezogen. Er hat mich um Hilfe gefragt, um seine neue Möbel auszusuchen. Ich fand’s komisch, da ich nicht mit ihm lebte und meine eigene Mietwohnung hatte, aber ich habe es mitgemacht. Ich war doch häufig genug bei ihm. Wir wirkten bei seinen Freunden wie ein ernstes Paar. Dabei ging’s mir nicht so gut. Ich habe mich mehrmals gefragt, warum ich mit ihm noch blieb, weil er sich offensichtlich nicht für mich interessierte. Ich hatte den Eindruck, nur ein Schmuckstück zu sein. Und meine Diskussionen mit Brigitte, einer spanischen Freundin aus meinem Deutschkurs, hatten mich überzeugt, dass Stefan kein Einzelfall war, sie hatte mit anderen deutschen Männern genau die gleichen Erfahrungen gemacht.

Ich fühlte mich sehr von Stefan vernachlässigt, und hatte am Ende den Verdacht, dass er sich von seinem Freund Thomas beraten lassen hatte, mich zu verlassen (Thomas hat es mir nie verziehen, dass ich ihn einmal ausgelacht hatte, weil er einen Gacker von sich raus gelassen hatte. Ich hatte unwillkürlich zu seiner Tochter geschaut, weil ich plötzlich den Eindruck hatte, den Grund für Stefans Vorliebe im Bett, die ich ihm nie erlaubt habe, gefunden zu haben). Selbst Viktor hatte mir gesagt, dass Stefan sich mit mir unverschämt schlecht verhalten würde, aber Eigenmotive konnte ich bei Viktor nicht ausschließen. Nach mehr als einem Jahr, nachdem er im Sommer mit seinen Eltern zwei Wochen Urlaub an der Nordsee gemacht hatte und mich kein einziges Mal angerufen hatte, habe ich endlich Schluss gemacht. Ich bin nach seiner Rückkehr zu ihm gegangen, habe meine restlichen Sachen aus seiner Wohnung geholt und habe ihm seine Schlüssel zurück gegeben. Mit dem festen Entschluss, mich nie wieder in einem Deutschen zu verlieben.

Es ist schon dreizehn Jahre her. Ich habe mich seitdem nicht mehr verliebt. „Lieber alleine als in schlechter Begleitung“, war mein Gedanke, und alleine bin ich erstaunlich gerne gewesen. Bis ich nach Berlin umgezogen bin. Jetzt weiß ich, dass es doch deutsche Männer gibt, die mich im Bett befriedigen können und die sich nicht so kalt verhalten.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Freitag

J-1. Oder auf Deutsch: Der Tag vor dem Tag. Schön wär’s.

Heute fing trotz Regen gut an. Ich habe mich später als sonst auf dem Weg zur Arbeit gemacht. Uschi hatte eine lange Messung für den Nachmittag geplant, zu der ich teilnehmen wollte, und ich wusste, dass wir bestimmt bis 20:00 arbeiten würden. Ich war noch nicht aus dem Kiez raus, als ich hinter einer Gruppe von Rentnerinnen ankam. Mit meinen Pumps ging ich sowieso nicht schnell, und ich hatte sie schon vorgestern getragen. Gleichzeitig kam ein älterer Fahrradfahrer auf dem Bürgersteig von hinten an. Er ist langsamer geworden und hinter den Frauen geblieben. Eine hat es jedoch gemerkt und ihn vorbei gelassen, mit der Bemerkung, dass er hätte klingeln können. Seine Antwort: „Ich wollte doch nicht stören“. Als er die Gruppe überholt hatte, meinte eine der Frauen, es gäbe doch nette Männer. Die anderen haben ihr heftig zugestimmt. Ich musste einfach lächeln, so süß die Szene mir vorkam.

Bei der Arbeit war ich nicht so erfolgreich. Es wird Zeit, dass mein IT-Kollege aus dem Urlaub zurück kommt. Uschi hat sich im letzten Moment krank gemeldet, so dass die Messung ausgefallen ist. Ich war dafür wieder mit Martin wegen Probenvorbereitung im Labor. Wir haben uns für morgen verabredet. Heute Abend hatte er seinen üblichen Sport-Termin. Irgendeine Tätigkeit wird uns einfallen, so lautet der Plan. Ich hätte schon eine Idee und werde mir auf jeden Fall eine Packung Kondome besorgen. Obwohl, so vorsichtig wie er sich verhält, wird es wahrscheinlich noch nicht dazu kommen. Als wir uns heute Abend verabschiedet haben, hat er mich wieder geküsst. Diesmal richtig, nicht mehr so schüchtern wirkend (ich habe dabei gespürt, wie sich mein Unterleib gefreut hat). Die These der Unsicherheit scheint zu stimmen. Ich habe ihm gestern durch meinen Kuss gezeigt, dass ich Interesse an ihn habe. Ich hätte gedacht, dass er das früher verstanden hätte. Schließlich haben es alle anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe seit längerer Zeit gemerkt, mit Ausnahme meiner Kollegin Mieke, aber das ist bei ihr normal.

Mein Sinn für Richtigkeit muss mich noch dazu bringen, einen Fehler im gestrigen Text zu korrigieren. Wegen Männer küssen und so. Als ich vor fünfzehn Jahren ein Uni-Jahr in Lothringen verbracht habe, habe ich natürlich Partys besucht. Eine davon war eine Mediziner-Party. Egal in welcher Stadt werden Partys von den Medizin-Studenten in Frankreich als die wildesten angesehen. Es war im Frühling. Ich war noch nicht mit David zusammen. Mit meiner Kommilitonin Sophie hatten wir angefangen, eine Party nach der anderen zu besuchen. Jeden Abend. An dieser hatte ich wohl zu viel getrunken. Mirabelle ist ein übles Zeug. Ich erinnere mich dunkel, wie ich einen zufälligen Typ angesprochen habe. Ich muss mich an ihn eng gelehnt haben und ihn gegen die Wand geschubst haben. Ich weiß noch, wie ich ihm gesagt habe, er sollte mich küssen, er würde es nicht bereuen. Als er zögerte, habe ich ihm die Zunge in den Mund gesteckt. Ich weiß nicht, wie lange ich mit ihm beschäftigt war, bevor eine völlig schockierte Sophie ankam und mich mit einer anderen Freundin weg marschiert hat. Ich habe sonst keine Erinnerung mehr. Es war mir im Nachhinein peinlich genug. Als Sophie mir am nächsten Tag die Geschichte nach erzählte, konnte ich ihr am Anfang nicht glauben, bis die Szene mir langsam vor den Augen zurück gekommen ist. Ich hatte sein Aussehen schon völlig vergessen. Aber ich habe ihn eines Tages in der Stadt getroffen. Besser gesagt, er hat mich getroffen. Er ist sogar die Straße überquert, um sich für den Kuss bei mir zu bedanken, es wäre so schön gewesen. Ich konnte mich nur entschuldigen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.