Einige Stunden später…

Ich sitze noch im Zug. Gestartet sind wir heute Morgen mit einer Viertelstunde Verspätung. Grund dafür war eine technische Störung am Zug, oder Ähnliches. Einige Bahnhöfe später wurde sie zu einer halben Stunde. Es gab einen Polizeieinsatz, weil ein Fahrgast andere Passagiere belästigt hatte. Dann hieß es plötzlich, wir wären eine andere Strecke als geplant gefahren und hätten die Verspätung einigermaßen aufgeholt. Nur noch zehn Minuten Verspätung! Ein Zugbegleiter erzählte uns in einer fröhlichen Durchsage, dass wir sogar einen anderen Zug überholt hatten, den die Fahrgäste sonst verpasst hätten. Um direkt danach zu sagen, „es macht keinen Sinn, der ist sowieso überfüllt, man kommt nicht mehr rein“. Es hat mich an meinen Rückflug aus Israel erinnert, als eine Stewardess eine lange Durchsage gehalten hatte, für die, die gerade noch Hunger hatten, und vielleicht ein Sandwich möchten, leider leider gäbe es nichts mehr, alles wäre schon aufgegessen worden. Ich habe lachen müssen. Eine Station später mussten wir aus irgendeinem Grund lange am Gleis bleiben. Ich habe es nicht ganz mitgekriegt, ich hatte meine Kopfhörer an. Jetzt beträgt die Verspätung siebenundfünfzig Minuten[1]. Nachdem wir nach einem ziemlich brutalen Bremsen mitten im Nichts stehen geblieben sind. Bin ich froh, mir wenigstens eine direkte Verbindung ohne Umsteigen ausgesucht zu haben.

Seit Berlin sitze ich an einem Tisch. Am Nachbartisch saß ein nicht mehr so junger Mann, der ebenfalls mit seinem Laptop beschäftigt war. Er sah gar nicht schlecht aus, wobei ich es mir nur am Rande notiert hatte. Wir haben einige Banalitäten getauscht, aus Höfflichkeit, das war’s. Ich hatte mich zwecks Privatsphäre am freien Sitzplatz am Fenster verschoben und schief dort gesessen, um den Bildschirm von neugierigen Blicken zu schützen. Ich mag es nicht, wenn Fremde zuschauen, was ich gerade am Rechner mache. Der Typ am Nachbartisch ist nach drei Stunden ausgestiegen, nachdem er sich verabschiedet hat. „Untypisch, diese Freundlichkeit“, habe ich noch gedacht. Und ihn aus meinen Gedanken gelöscht.

Ich habe mich kurz danach auf Facebook eingeloggt, um meine Mami zu informieren, dass ich unterwegs war. Groß war meine Überraschung, als ich dort eine Freundschaftseinladung gesehen habe. Facebook nutze ich erstmals sehr selten und zweitens nur für enge Freunde und die Familie, die weit weg von mir wohnt. Nicht mal meine Kollegen lasse ich ran, und mein Profil ist so eingeschränkt wie es geht. Nicht suchbar, außer von Freunden. Dem Profilfoto nach zu beurteilen, stammte die Freundschafteinladung vom Typ vorhin im Zug. Äußerst unangenehm. Namentlich vorgestellt hatte ich mich nicht, und ich hätte erwartet, dass man wenigstens um die Erlaubnis bittet, wenn man schon die ganze Zeit zusammen reist. Und überhaupt, wie war er an mein Profil gekommen? Ah ja… Meine Laptop-Tasche lag die ganze Zeit auf dem Sitzplatz neben mir, den ich am Gang reserviert hatte, weil der Zug angeblich voll war[2]. Ich habe schon so lange eine Visitenkarte in der dafür vorgesehenen Hülle der Tasche, dass ich gar nicht mehr daran denke. Die Tasche lag mit der Visitenkarte sichtbar. Und Facebook hat ja die Profiladresse so eingestellt, dass man mit vorname.nachname leicht zu finden ist. Daher hatte ich meine Adresse als vorname.nachname.nummer geändert. Echte Freunde sollten mich doch noch finden können. Tja. Hätte ich wenigstens meine Visitenkarten mit meinem Ehenamen aktualisieren lassen…

[1] Mehr als eine Stunde wird es nie. Sonst müssen sie deutlich mehr Geld zurück erstatten.

[2] Pustekuchen. So leer habe ich einen Zug selten erlebt. Schön. Es ist auch angenehm kühl hier drin. Die Internetverbindung vom HotSpot der Telekom ist leider nicht so stabil, wie man es sich für 5€ wünschen würde.

Eindringlinge

Ich lag nachts wach im Bett. Alleine. Ich lag auf der linken Seite, neben dem Wecker. Es war sehr dunkel.

Aus dem Wohnzimmer hörte ich männliche Stimmen. Eine Art Verhör fand gerade statt. Ob ein der Männer mit den IS Terroristen zu tun hätte? Der befragte Mann gab keine Antwort. Ob er sich nicht vor Kurzem über die lustig gemacht hätte?

Ich bin ganz still im Bett geblieben und habe gehofft, unentdeckt zu werden. Ich habe zum Wecker geschaut, um die Uhrzeit festzustellen. Der Wecker war aus. Stromausfall?

Ich habe in die andere Richtung vom Schlafzimmer geschaut. Die Verbindungstür zum zentralen Flur war zum Glück geschlossen. Obwohl, eigentlich nicht. Schwer zu sagen, es war so dunkel. Ich habe gehört, wie die Katze hin und her durchs Wohnzimmer gegangen ist.

Und plötzlich stand eine schwarze Gestalt vor dem Bett, rechts von mir. Ich habe den Atem angehalten. Die Gestalt kam näher. Was, wenn ich entdeckt würde? Was, wenn der Mann sich neben mir hinlegen würde? Was sollte ich tun? Schreien? Aufstehen und angreifen? Alle Messer waren in der Küche…

Die dritte Lösung: Aufwachen. Ich lag im Bett, auf der rechten Seite, neben Martin. Es war sehr dunkel. Die Katze lag bei mir auf dem Bett neben meinen Füßen. Es war sonst niemand im Raum. Der Wecker zeigte 04:00.

Gereizt

Der Traum von heute Morgen ist nur ganz vage in Erinnerung geblieben. Ich weiß vor allem, dass ich die ganze Zeit gereizt war.

Es war tagsüber, das Wetter war nicht schön, windig, kalt und bedeckt, ohne Regen. Ich war mit Martin mit dem Fahrrad durch die Stadt unterwegs, ich weiß nicht, wohin. Es war hart, ich konnte ihm schlecht folgen, und er fuhr vorne, ohne sich darum zu kümmern, ob ich noch hinter ihm war. Leute sind auf dem Radweg gegangen und haben uns überhaupt nicht beachtet. Ich habe sie geschimpft.

Als ich Martin nach einer Kreuzung plötzlich nicht mehr sehen konnte, habe ich beschlossen, ihn alleine fahren zu lassen, und bin zu einem Einkaufszentrum gegangen. Dort gab es eine kleine Konditorei, mit Reihen von Stühlen vor dem Schaufenster. Ein junger Mann saß auf der letzten Reihe und hatte seinen Stuhl auf den hinteren Beinen so weit nach hinten gekippt, dass man nicht mehr durch gehen konnte, um zum Schaufenster zu gelangen. Er hat gesehen, dass ich dahin wollte, ist trotzdem so geblieben und hat den Weg weiter gesperrt, als ob ich nicht da wäre. Die Art von Verhalten, die man in Berlin täglich sehen kann. Es hat mich genervt. Ich habe die Lehne seines Stuhles mit der linken Hand so geschoben, dass er plötzlich wieder aufrecht saß. Er hat nichts gesagt. Ich habe bei der Konditorei etwas gekauft und bin weiter durch das Einkaufszentrum gegangen. Auf dem Rückweg bin ich wieder vor der Konditorei gegangen. Martin kam mir entgegen. Ich habe ihm die Geschichte mit dem jungen Mann erzählt. Dieser, der immer noch aufrecht saß, hat mich gehört und gelacht. Sein Lachen ist erstickt, als er gesehen hat, dass Martin mich geküsst hat.

Später waren wir in einer Art Auditorium an einer Uni. Ich ging mit Martin die seitliche Treppe hoch. Plötzlich kam der junger Mann von der Konditorei hinter uns. Er trug eine Arbeitshose, die mit weißen Farbflecken bedeckt war. Er meinte, wenn ich mich für Martin interessieren würde, und Martin zur Uni geht, würde er auch zur Uni gehen wollen.

Der Traum war kurz vor 08:00 heute Morgen, nachdem ich um 05:00 geweckt wurde und lange nicht mehr einschlafen konnte. Ich vermute, er hatte mit dem gestrigen Tag zu tun. Wir sind tatsächlich mit dem Fahrrad mit Gegenwind gefahren, wenn auch nicht lange, bis zur S-Bahn Haltestelle, um zu mir zu fahren. Es war kalt und bedeckt. Die S-Bahn wurde voll, es hat irgendwann nach Alkohol gestunken (oder nach Alkoholikern), und die Oma, die sich danach neben mir hingesessen hat, meinte auch, das Fenster zu klappen zu müssen. Sie muss ihren Geruchssinn schon längst verloren haben. Ich war froh, als wir eine Station später umgestiegen sind. Ab einer bestimmten Dichte ertrage ich meine Mitmenschen nicht mehr. Außerdem habe ich mich den ganzen Nachmittag ein bisschen fiebrig gefült, und heute hält es an.

Stefan

Stefan ist mein vorletzter Freund gewesen. Ich habe ihn kennen gelernt, als ich für meine Doktorarbeit nach Deutschland gekommen bin. Er war damals ebenfalls Doktorand in meinem Institut, obwohl er über dreißig war und zehn Jahre älter als ich ist. Am Anfang war ich noch mit David zusammen, aber unsere Beziehung hat die Pendelei nicht überlebt. Nachdem er Schluss mit mir gemacht hat, hat es nicht lange gedauert, bis ich mich für Stefan interessiert habe.

Ich kann nicht genau sagen, was mich an ihm angezogen hatte. Er sah anders aus als die anderen. So gut sah er eigentlich nicht aus. Er hatte angefangen, einen „Bierbauch“ zu entwickeln. Ich weiß sogar noch, wie mich seine Hände ein wenig angeekelt hatten, weil ich dabei immer an Frösche denken musste. Seine dicken Lippen mochte ich nicht. Er schien aber nett zu sein und war lustig. Ich denke jetzt, es lag vor allem daran, dass er sich für mich interessierte, und ich wollte nach der Pleite mit David nicht alleine bleiben. Ich hatte mich trotzdem in Stefan verliebt. Aus welchen Gründen auch immer.

Im Frühling 2000 habe ich einen Freund von ihm gefragt, ob Stefan eine Freundin hätte. Da er nein antwortete, habe ich einige Dates mit ihm arrangiert, und eines Abends haben wir uns nach einem Besuch in einer irischen Kneipe geküsst, als er mich nach Hause begleitet hatte. Ich erinnere mich, wie er dabei meine Hüfte mit beiden Händen fest angefasst hatte, als ob er prüfen wollte, wie die Ware sich anfühlt. Es schien, ihn zufrieden zu stellen. Ich fand’s sehr frech von ihm, vor allem mit seiner Figur. Außerdem konnte er nicht so gut küssen, ich musste es ihm beibringen. Er hat dabei einen hoch gekriegt und mich Hexe genannt. Wir haben uns vor meiner Haustür verabschiedet. Am nächsten Tag musste ich früh zu meinen Eltern fliegen.

Nach meinem Urlaub haben wir uns wieder getroffen und Sex gehabt. Eine frustrierende Erfahrung, die sich mit der Zeit nicht verbessert hat. Trotz Erektion war seine Länge zu kurz, er konnte mich gar nicht stillen. Jedes Mal, wenn er danach im Badezimmer verschwunden war, musste ich die Arbeit selber fertig machen. Ich denke, es hatte mit seinem Bauchumfang zu tun. Ich hatte es mit Gilles schon gemerkt. Meine Theorie: Männer mit Bauch haben einen winzigen Penis, weil der Bauch die Haut schon zu sehr spannt. Ich dachte, es ist mir egal, wie ein Mann aussieht, aber das will ich nicht mehr mitmachen. Vor allem nach meiner Erfahrung mit David war es sehr enttäuschend. Dazu hat Stefan noch schnell darauf bestanden, den hinteren Eingang zu benutzen, was ich gar nicht wollte. Er meinte, es wäre für ihn ein großes Bedürfnis, er hätte es wirklich nötig. Ich dachte, super, schlecht im Bett, und mit schwulen Tendenzen. Seine früheren Freundinnen hätten ihn sexuell besser erziehen können.

Eine Woche nach dem Anfang unserer Beziehung habe ich schon gemerkt, dass es nicht gut gehen konnte. Er hatte nämlich doch eine andere Freundin gehabt, sein Freund hatte mich angelogen. Er hat mit ihr Schluss gemacht, nachdem er mit mir zum ersten Mal Sex hatte. So richtig Vertrauen konnte ich in ihm nicht mehr haben. Ich habe mich schlecht gefühlt. Das hatte ich nicht gewollt. Hätte ich die Wahrheit gewusst, dann hätte ich nie zugelassen, dass etwas zwischen uns passiert. Es war schon zu spät. Ich habe gedacht, dass ich verliebt war und er sich im Bett verbessern würde. Ich hätte mir die Frust sparen können.

Ich habe ihn am Wochenende zu Hause besucht. Ich weiß noch, wie ich eines Tages bei ihm geklingelt hatte, und er nicht dran gegangen war, obwohl sein Telefon ständig besetzt klang, als ich ihn vorher anrufen wollte. Irgendwann habe ich nicht gemerkt, wie ich am falschen Knopf gedrückt hatte, und sein Nachbar hat die Tür aufgemacht. Ich habe drin bei Stefan geklopft. Es gab Geräusche aus seiner Wohnung, aber er hat die Tür nie aufgemacht. Ich habe eine Nachricht vor seiner Tür gelassen und bin nach Hause gegangen. Am folgenden Montag hat er sich entschuldigt und meinte, er hätte am Rechner online gespielt und gar nichts mitbekommen. Ich war nicht begeistert. Es ist danach nicht mehr vorgekommen.

Wir sind am Anfang viel gereist. Vor allem nach England. Er hat mich seiner Familie vorgestellt. Wir haben mit seinen Freunden in Düsseldorf jede Woche zusammen gekocht. Mit seinem ehemaligen Kommilitonen Thomas, dem buddhistischen Salsa-Lehrer, haben wir uns ab und zu getroffen. Ich mochte ihn nicht besonders, er wirkte zu kalt. Auch zu seiner Frau, mit der er schon vier Kinder hatte. Drei Jungs und ein Mädchen. Ich erinnere mich an eine Party bei Thomas, bei der das Mädchen mit seinen Brüdern beim Essen gespielt hatte, und wie übertrieben wütend er dabei reagiert hatte. Ich hatte gedacht, dass er echt einen Knall hatte und habe richtig Mitleid für das Mädchen gehabt.

Stefan hat sich irgendwann eine neue, größere Mietwohnung ausgesucht und ist umgezogen. Er hat mich um Hilfe gefragt, um seine neue Möbel auszusuchen. Ich fand’s komisch, da ich nicht mit ihm lebte und meine eigene Mietwohnung hatte, aber ich habe es mitgemacht. Ich war doch häufig genug bei ihm. Wir wirkten bei seinen Freunden wie ein ernstes Paar. Dabei ging’s mir nicht so gut. Ich habe mich mehrmals gefragt, warum ich mit ihm noch blieb, weil er sich offensichtlich nicht für mich interessierte. Ich hatte den Eindruck, nur ein Schmuckstück zu sein. Und meine Diskussionen mit Brigitte, einer spanischen Freundin aus meinem Deutschkurs, hatten mich überzeugt, dass Stefan kein Einzelfall war, sie hatte mit anderen deutschen Männern genau die gleichen Erfahrungen gemacht.

Ich fühlte mich sehr von Stefan vernachlässigt, und hatte am Ende den Verdacht, dass er sich von seinem Freund Thomas beraten lassen hatte, mich zu verlassen (Thomas hat es mir nie verziehen, dass ich ihn einmal ausgelacht hatte, weil er einen Gacker von sich rausgelassen hatte. Ich hatte unwillkürlich zu seiner Tochter geschaut, weil ich plötzlich den Eindruck hatte, den Grund für Stefans Vorliebe im Bett, die ich ihm nie erlaubt habe, gefunden zu haben). Selbst Volker hatte mir gesagt, dass Stefan sich mit mir unverschämt schlecht verhalten würde, aber Eigenmotive konnte ich bei ihm nicht ausschließen. Nach mehr als einem Jahr, nachdem er im Sommer mit seinen Eltern zwei Wochen Urlaub an der Nordsee gemacht hatte und mich kein einziges Mal angerufen hatte, habe ich endlich Schluss gemacht. Ich bin nach seiner Rückkehr zu ihm gegangen, habe meine restlichen Sachen aus seiner Wohnung geholt und habe ihm seine Schlüssel zurück gegeben. Mit dem festen Entschluss, mich nie wieder in einem Deutschen zu verlieben.

Es ist schon dreizehn Jahre her. Ich habe mich seitdem nicht mehr verliebt. Bis ich nach Berlin umgezogen bin. Jetzt weiß ich, dass es doch deutsche Männer gibt, die mich im Bett befriedigen können und die sich nicht so kalt verhalten.

Freitag

J-1. Oder auf Deutsch: Der Tag vor dem Tag. Schön wär’s.

Heute fing trotz Regen gut an. Ich habe mich später als sonst auf dem Weg zur Arbeit gemacht. Uschi hatte eine lange Messung für den Nachmittag geplant, zu der ich teilnehmen wollte, und ich wusste, dass wir bestimmt bis 20:00 arbeiten würden. Ich war noch nicht aus dem Kiez raus, als ich hinter einer Gruppe von Rentnerinnen ankam. Mit meinen Pumps ging ich sowieso nicht schnell, und ich hatte sie schon vorgestern getragen. Gleichzeitig kam ein älterer Fahrradfahrer auf dem Bürgersteig von hinten an. Er ist langsamer geworden und hinter den Frauen geblieben. Eine hat es jedoch gemerkt und ihn vorbei gelassen, mit der Bemerkung, dass er hätte klingeln können. Seine Antwort: „Ich wollte doch nicht stören“. Als er die Gruppe überholt hatte, meinte eine der Frauen, es gäbe doch nette Männer. Die anderen haben ihr heftig zugestimmt. Ich musste einfach lächeln, so süß die Szene mir vorkam.

Bei der Arbeit war ich nicht so erfolgreich. Es wird Zeit, dass mein IT-Kollege aus dem Urlaub zurück kommt. Uschi hat sich im letzten Moment krank gemeldet, so dass die Messung ausgefallen ist. Ich war dafür wieder mit Martin wegen Probenvorbereitung im Labor. Wir haben uns für morgen verabredet. Heute Abend hatte er seinen üblichen Sport-Termin. Irgendeine Tätigkeit wird uns einfallen, so lautet der Plan. Ich hätte schon eine Idee und werde mir auf jeden Fall eine Packung Pariser besorgen. Obwohl, so vorsichtig wie er sich verhält, wird es wahrscheinlich noch nicht dazu kommen. Als wir uns heute Abend verabschiedet haben, hat er mich wieder geküsst. Diesmal richtig, nicht mehr so schüchtern wirkend (ich habe dabei gespürt, wie sich mein Unterleib gefreut hat). Die These der Unsicherheit scheint zu stimmen. Ich habe ihm gestern durch meinen Kuss gezeigt, dass ich Interesse an ihn habe. Ich hätte gedacht, dass er das früher verstanden hätte. Schließlich haben es alle anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe seit längerer Zeit gemerkt, mit Ausnahme meiner Kollegin Mieke, aber das ist bei ihr normal.

Mein Sinn für Richtigkeit muss mich noch dazu bringen, einen Fehler im gestrigen Text zu korrigieren. Wegen Männer küssen und so. Als ich vor fünfzehn Jahren ein Uni-Jahr in Lothringen verbracht habe, habe ich natürlich Partys besucht. Eine davon war eine Mediziner-Party. Egal in welcher Stadt werden Partys von den Medizin-Studenten in Frankreich als die wildesten angesehen. Es war im Frühling. Ich war noch nicht mit David zusammen. Mit meiner Kommilitonin Sophie hatten wir angefangen, eine Party nach der anderen zu besuchen. Jeden Abend. An dieser hatte ich wohl zu viel getrunken. Mirabelle ist ein übles Zeug. Ich erinnere mich dunkel, wie ich einen zufälligen Typ angesprochen habe. Ich muss mich an ihn eng gelehnt haben und ihn gegen die Wand geschubst haben. Ich weiß noch, wie ich ihm gesagt habe, er sollte mich küssen, er würde es nicht bereuen. Als er zögerte, habe ich ihm die Zunge in den Mund gesteckt. Ich weiß nicht, wie lange ich mit ihm beschäftigt war, bevor eine völlig schockierte Sophie ankam und mich mit einer anderen Freundin weg marschiert hat. Ich habe sonst keine Erinnerung mehr. Es war mir im Nachhinein peinlich genug. Als Sophie mir am nächsten Tag die Geschichte nach erzählte, konnte ich ihr am Anfang nicht glauben, bis die Szene mir langsam vor den Augen zurück gekommen ist. Ich hatte sein Aussehen schon völlig vergessen. Aber ich habe ihn eines Tages in der Stadt getroffen. Besser gesagt, er hat mich getroffen. Er ist sogar die Straße überquert, um sich für den Kuss bei mir zu bedanken, es wäre so schön gewesen. Ich konnte mich nur entschuldigen.

Angebaggert

Ich weiß nicht, was heute anders als sonst war. Eigentlich nichts.

Ich bin nicht zum Fitness-Studio gegangen. Ich habe gestern eine große Garderobe aus Metall bei IKEA geholt und nach Hause geschleppt, meine Schultermuskeln schreien noch. Stattdessen bin ich zum Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt gegangen. Ich würde gerne alle Weihnachtsmärkte Berlins besuchen, aber das geht zeitlich nicht. Ich bin eine Stunde geblieben. Den Glühwein fand ich mäßig (den besten habe ich mit Martin am Prenzlauer Berg probiert). Danach bin ich ganz oben im Französischen Dom gestiegen und habe Fotos aufgenommen. Mir ging’s super, ich habe die vielen Treppenstufen kaum gemerkt.

Es war noch früh nachmittags als ich wieder runter kam. Südkreuz lag fast auf meinem Rückweg, und wir hatten heute verkaufsoffener Sonntag. Ich habe beschlossen, weitere kleinere Möbelstücke bei IKEA zu kaufen (meine Mami kommt bald zu Besuch, ich beeile mich, um die Wohnung endlich fertig zu bekommen). Also zuerst mit U6 zum Tempelhof. Ich habe mich bequem gegen die Fensterscheibe gelehnt und vor mich hin geträumt. Ich habe mich gefragt, wie es Martin geht. Er ist gerade bei Freunden zu Besuch. Danach Familienbesuch, und wieder bei Freunden… Ich werde ihn wohl erst in Januar wieder sehen. Er sagte, er würde sich bei mir melden, sobald er wieder hier ist. Hätte ich am Mittwoch bloß den Mut gehabt, ihn zu küssen…

Einige Stationen weiter ist ein junger Mann eingestiegen und hat einen Platz gegenüber von mir genommen. Ich habe ihn nicht beachtet und mich meiner Träumerei weiter gewidmet. Er hat mich angesprochen. Ich habe zuerst nichts verstanden. Er sprach zu leise. Die Wörter ergaben keinen Sinn. Da ich meine „Häh?“-Miene aufgesetzt habe, fragte er mich, ob ich Türkin wäre. Nein, bin ich nicht. Ich habe das Gespräch für beendet gehalten und mich wieder zurück gezogen. Einladend konnte es wirklich nicht wirken. Aber er hat weiter mit mir reden wollen. Ob ich Kopfschmerze hätte? Ich saß mit Ellbogen gegen das Fenster und mit der Stirn in der Hand. Es war mir bequem so. Ich hatte keine Lust, mit ihm darüber zu diskutieren. Wenn er glauben will, dass ich Kopfschmerze habe, von mir aus. Vielleicht gibt er dann Ruhe. „Ja“, habe ich geantwortet, und mich zurück zum Fenster gewandt. „Warum?“, wollte er noch wissen. Ich habe die Frage ignoriert. Er hat meine Beine deutlich geglotzt (ich trug eine enge Hose). „Wo fährst du hin?“ Notlüge… „Zu meinem Freund“. Geärgerte Reaktion. Kurz danach ist er aufgestanden und hat sich einen neuen Platz auf der anderen Seite des Ganges ausgesucht.

Zwei Stunden später saß ich am Gleis mit meinen Kartons aus IKEA und wartete auf die S-Bahn. Ich habe nicht besonders aufgepasst. Plötzlich stand ein unbekannter Mann unweit von mir und lächelte mich intensiv an. Was, zwei mal am gleichen Tag? Als die S-Bahn ankam, hat er einige Schritte in meiner Richtung gemacht. Ich war schneller. Im Handumdrehen habe ich alle meine Kartons gesammelt und bin sehr schnell zu einem Wagen ganz weit weg gegangen. Er ist mir nicht gefolgt.

Freitagabend

Letztes Wochenende kam es im Gespräch. Martin hatte erwähnt, dass er sehr gerne den zweiten Teil vom Hobbit sehen würde. Den ersten Teil hatte ich mit Freunden letztes Jahr gesehen. Das Buch habe ich sonst zwei-drei Male gelesen. Ich habe gegoogelt und festgestellt, dass der Film diese Woche raus kommen sollte. Wir haben uns für eine 3D OV Darstellung gestern Abend entschieden. Ziemlich spät, weil er vorher noch einen Sport-Termin hatte.

Ich hatte gestern bei der Arbeit den ganzen Tag vor allem Frust empfunden. Fehlermeldungen beim Testen der Installation meines Programmes, Probleme, bei denen ich am Anfang gar nicht wusste, wie ich vorgehen sollte (fehlende Bibliothekteilen wie libgomp.so.1, weil ich ein 32-Programm auf einer 64-Maschine laufen lassen wollte). Als mein IT-Kollege nach seinem Treffen mit seiner vielleicht-Geliebte zurück ins Büro kam, bemerkte er, ich würde ihn so entsetzt schauen. Ich habe ihm erklärt, es läge nicht an ihm.

Martin ist kurz nach 16:00 zu mir ins Büro hoch gekommen. Eine Seltenheit. Das letzte Mal, dass er bei mir war, liegt schon ein paar Wochen zurück. Ich bin viel häufiger bei ihm zu Besuch, da unsere Kaffeemaschine bei meinen anderen Kollegen zwei Etagen tiefer steht. Er wollte sich verabschieden, weil er sich auf dem Weg zum Schwimmbad machen wollte. Wann könnten wir uns später treffen? Mir wurde plötzlich warm. Mein IT-Kollege sitzt gegenüber von mir, und ich weiß, wie er mich manchmal amüsiert schief guckt, wenn ich mit Martin bin. Ich habe ihm gesagt, er sollte mich einfach nach dem Sport anrufen. Der Film war sowieso erst um 23:00.

Der Arbeitstag endete erfolgreich, da ich es endlich geschafft habe, mein Programm auf Scientific Linux fehlerfrei zum Laufen zu bringen. Ich bin um halb sechs deutlich entspannter in den Feierabend gegangen. Jetzt muss ich mich um Ubuntu kümmern. Ich denke, es wird schneller gehen, da ich viele unsaubere Teile von meinem Vorgänger systemunabhängig umschreiben musste. Maverick wird nach dem Urlaub in Angriff genommen. Hoffentlich gibt es bis dahin eine neuere Qt4.8.6 Version. Sonst probiere ich Qt5.2, das Release mit „many fixes to improve support for OS X Maverick“ ist diese Woche raus gekommen. Uschi meinte gestern, ich sollte zusätzlich Suse testen. Jedesmal heißt es für mich, auf einer neuen Partition meines alten langsamen Testrechners selbst das OS installieren, dann die fehlenden Komponenten wie z.B. ssh oder PyQt installieren, und rätseln über neue Fehlermeldungen… So eine Aufgabe hatte ich mir damals nicht vorgestellt, als meine Haupttätigkeit beschrieben wurde. Aber ich muss es positiv sehen, ich lerne etwas Neues, beim nächsten Mal wird es besser klappen.

Ich war so erleichtert, meine Tests auf Scientific Linux abgeschlossen zu haben, dass ich gar nicht nach Hause gefahren bin. Ich habe beschlossen, direkt in die Stadt zu fahren und ein bisschen Shopping zu machen, bis Martin mich anruft. Ein Glühwein musste auch her, um mich für die gute Leistung zu belohnen. Ich bin mit der S-Bahn gefahren. Ich wollte am Ostkreuz umsteigen, um weiter in Richtung Alexanderplatz zu fahren. Das ist mir nicht gelungen. Kurz vor Ostkreuz habe ich mir noch gesagt, dass ich gleich aufstehen müsste. Etwas hat mich dann an Martin erinnert, ich habe kurz an ihn gedacht, und plötzlich hieß es, die nächste Haltestelle wäre Frankfurter Allee. Ich bin dort ausgestiegen. Ich wollte mit U-Bahn weiter fahren, und habe gemerkt, dass es auch hier ein Einkaufszentrum gibt. Ich habe Leckerlies für meine Katze gekauft und bin durch die Läden gegangen. Als ich die vier oder fünf Etagen durch hatte, bin ich zur U-Bahn-Station gegangen.

Dort habe ich Axel kennen gelernt. Er stand am Gleis vor dem Automat. Als ich an ihm vorbei gegangen bin, hat er mich um Hilfe gefragt. Da ich ein Abo habe, wusste ich schon nicht mehr, welche Fahrkarte er kaufen sollte. In dem Moment kam schon die U-Bahn. Mir fiel ein, dass es schon spät genug war, und ich habe ihm angeboten, mit mir auf meiner Karte zu fahren. Wir wollten beide zum Alexanderplatz; er war dort mit Kumpeln verabredet. Wir haben uns während der ganzen Fahrt unterhalten. Keine Telefonnummer getauscht, er ist deutlich älter und vergeben, aber es war ganz nett, mit ihm zu plaudern. Ich sollte häufiger um die Uhrzeit mit der BVG fahren.

Am Alexanderplatz bin ich durch den Weihnachtsmarkt gegangen. Der Grünkohl mit Mettwurst schmeckt nicht so lecker wie auf dem Aachener Weihnachtsmarkt. Der Glühwein hat mir gut getan. Ich bin noch durch das Kaufhaus ziellos spazieren gegangen. Gerne hätte ich mir ein schönes reizendes Nachtkleid gekauft. Ich wünsche mir seit längerer Zeit ein eng geschnittenes rotes Kleid mit schwarzem Rand. Ich fand das Angebot gestern nicht so interessant. Ich hatte mal etwas schönes bei C&A gesehen, obwohl pink, aber das synthetische Material wollte ich nicht haben. Gegen neun bin ich wieder raus gegangen. Eine Nachricht von Martin war auf dem Anrufbeantworter. Ich hatte wohl keinen ausreichenden Empfang im Kaufhaus. Ich habe ihn zurück gerufen und wir haben uns am Potsdamer Platz verabredet.

Ich war noch nie im IMAX gewesen. Der Platz davor war beeindruckend. Es gab eine beleuchtete Skulptur von Smaug, die ich mir angeschaut habe. Martin ist kurz nach mir angekommen. Es war noch früh, wir haben im Lokal nebenan ein Bier getrunken. Obwohl so viele Leute da waren, gingen die Bestellungen sehr schnell. Im Kino selbst fand ich es sehr gemütlich. Der Sound war zu laut, der Boden hat teilweise vibriert, aber die Sessel waren ungewöhnlich breit und bequem. Ich hatte im Laufe des Abendes starke Ischiasschmerze beim Shoppen bekommen; sie sind nach dem Film wieder verschwunden. Der Film war unterhaltsam genug, dass ich kaum gemerkt habe, dass er über zweieinhalbstunden dauert.

Danach haben wir auf seinen Vorschlag hin ein Bier in der Nähe getrunken. Wir haben über den Film diskutiert. Einige Erfindungen gab es, die dem Buch nicht treu waren, wie häufig. Es hat ihn gestört, dass eine Liebesgeschichte eingebaut werden musste. Ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll. Als wir beim Weihnachtsmarkt vor zehn Tagen waren, hatte er schon etwas merkwürdiges in der Richtung erzählt. Da lief gerade die deutsche Version von Ti amo, und er musste sagen, dass er solche Lieder immer gehasst hätte. Was für ein Gesülze, seiner Meinung nach. Das habe ich schon von Männern gehört, die allerdings damals noch in der Pubertät waren. Ich frage mich manchmal, ob er überhaupt jemals eine Freundin hatte. Wir sind bis halb drei in der Kneipe geblieben. Ich hatte die leise Hoffnung, dass er mir anbieten würde, bei ihm zu übernachten, aber das wollte er anscheinend nicht. Er wirkte wieder sehr distanziert. Deutsche Männer zicken wirklich total. Obwohl er sich freundlich verhalten hat, habe ich gemerkt, dass er kühler geworden ist. Ganz anders als letztes Wochenende. Da weiß er nicht, was er verpasst. Ich frage mich, ob es nicht mit meinem Zyklus zu tun haben könnte. Er scheint immer vor allem von mir angezogen zu sein, wenn ich nahe am Eisprung bin. Und ich frage mich auch, ob ich nicht für ihn einfach nur da bin, um Lücken in seinem Zeitplan zu füllen, wenn er keine Lust hat, alleine zu sein. Wenn er ernsthaft Interesse an mich hätte, hätte er mir anbieten können, heute Abend mit seinen Freunden auszugehen, da er mit ihnen etwas geplant hat. Stattdessen hat er mich gefragt, ob ich morgen nachmittags Lust hätte, an irgendeiner Kunstauktion teilzunehmen. Da er sonst keinen Termin hat. Ich habe keine konkrete Antwort gegeben.

Anyway… Die Rückfahrt nach Hause hat lange gedauert. Ich habe kein gutes Gefühl, wenn ich um die Uhrzeit alleine unterwegs bin. Es gab zum Glück noch genug Leute auf der Straße und in der Bahn. Um vier Uhr morgens habe ich meine Wohnung betreten. Ich habe heute festgestellt, dass ich einen Nachtbus hätte benutzen können, der mir eine halbe Stunde gespart hätte. Ich kenne mich noch nicht so gut mit den Fahrplänen aus.

Hörschaden und Mysoginie

Ich glaube, einen Zusammenhang gefunden zu haben. Und das, mit Hilfe des Kollegen, den ich letzte Woche bei der Weihnachtsfeier kennen gelernt habe.

Wir waren als kleine Gruppe zum Partyraum angekommen. Ich hatte mir gerade ein Bier geholt und war am Diskutieren mit meiner Gruppe, als ein rundlicher Mann mit karriertem Hemd und gut um die fünfzig zu uns kam und sich vorstellte. Mit seiner Art, laut zu reden, grässlich über seine eigenen Witze zu lachen und jedem seine Meinung über alles erzählen zu müssen, habe ich sofort gedacht, er müsste Rheinländer sein. Ich hatte bis vor kurzem nur in Nordrhein-Westfalen gelebt und habe dort viele ähnliche Leute getroffen. Vom Rest Deutschlands habe ich keine Ahnung. Als er da stand und redete, hatte ich ständig den Eindruck, Jürgen vor mir zu haben, der selbst so viel Wert darauf gelegt hatte, Rheinländer zu sein. Ich habe ihn nicht gefragt, woher er kommt. Ich habe nur zugehört. Seinen Namen habe ich schon beim Hören vergessen. Ich weiß nur, dass er in der Werkstatt arbeitet. Er kam mir vor, als ob er endlich neue Personen gefunden hätte, die noch nie das „Glück“ hatten, seine Redekunst zu bewundern. Sein Gespräch wirkte, als ob er seit langem immer wieder die gleichen Sachen erzählt hätte.

Er war keine Minute bei uns, als er schon anfing, über unsere Leiterin zu lästern. Ich kenne sie nicht persönlich, habe sie aber schon seit vielen Jahren bei verschiedenen Tagungen gesehen und Vorträge von ihr gehört. Mich beeindruckt sie als Power-Frau sehr. Dazu sieht sie immer perfekt aus. Unser neue Bekannte musste sich abwertend über sie ausdrücken. Er hat zuerst versucht, sich über ihre sehr feminine Garderobe lustig zu machen. Meine Kollegin Mieke war sehr schnell, ihn zu widersprechen. Das hat ihm offensichtlich nicht gefallen. Ein anderer Kritikpunkt musste her. Wie schlecht würde sie bei Vorträgen reden! Ihre Stimme wäre unerträglich und würde nur an seinen Ohren kratzen, man würde sie kaum verstehen. Diesen Kommentar fand ich merkwürdig, weil ich sie schon häufig gehört hatte und mich ihre Stimme nie gestört hatte. Als er merkte, dass wir seine Meinung nicht teilten, musste er dann sagen, seine Antipathie gegen sie läge daran, dass die Frau Physikerin wäre, und man wüsste, was für asoziale Wesen Physiker wären, normale Leute sind es nicht.

An diesem Zeitpunkt war ich eigentlich schon lange nicht mehr an seinem Gespräch interessiert und fragte mich, zu welcher anderen Gruppe ich mich anschließen konnte. Das wurde mir leider nicht gegönnt, weil Mieke in dem Moment erwähnen musste, dass ich selber Physik studiert habe (und sie musste mir dann noch mal erklären, was er gerade gesagt hatte). Da fing er an, sich zu mir zu wenden. Nichts gegen Physiker, aber ich hätte ja noch nichts gesagt, seit dem er bei uns wäre (sein verbaler Durchfall lud nicht gerade dazu ein), er hätte meine Stimme gar nicht gehört, ob ich nicht etwas jetzt sagen könnte, damit er wisse, wie sie klingt? So eine freche Art. Da er anscheinend nur meine Stimme hören wollte, und nicht daran interessiert war, was ich erzählen könnte, habe ich mich nach einer kurzen Überlegung entschieden, ein betont langes „Ääh“ auszusprechen, was meiner Meinung nach genau den Zweck erfüllen würde. Mieke hat gelacht und ihm gesagt, so würde man doch nicht Leute zum sprechen bringen. Er hat später bemerkt, dass mein „Problem“ daran lag, dass ich nicht Deutsch bin. Nein, daran lag’s nicht, mit ihm wollte ich einfach nicht reden. Nicht mit Leuten, die voll mit Vorurteilen gepackt sind und noch stolz darauf sind.

Als ich glücklicherweise als uninteressant eingestuft wurde, fing er an, Ronald anzusprechen. Da er über 1,90 Meter groß ist, fragte er ihn, wie es ihm da oben gehen würde. Gutmütig antwortete Ronald nur „Ganz gut“. Ich habe ihm gesagt, dass eine Freundin von mir, die so groß wie er ist, in solchen Situationen immer antwortet, „Es stinkt nach Zwergen“. Meine Kollegen haben gelacht. Der Mann hat nicht verstanden. Ich habe es wiederholt. Er hat es immer noch nicht verstanden (dabei hat er mich nicht direkt angesprochen, sondern meinen Kollegen gesagt, „Ich verstehe sie nicht“). Mir war’s egal, es war sowieso nicht nett für ihn gemeint gewesen. Und da habe ich es gemerkt: Der Mann ist mysogin, weil er halb taub ist. Frauen kann er aufgrund ihrer höheren Stimmen nicht wahrnehmen, aber da er nicht merken will, dass er einen Hörschaden hat, verhält er sich, als ob man Frauen nicht ernst nehmen soll. Man versteht nicht, was sie sagen, so wichtig kann’s für ihn also nicht sein.

Ein anderer Gedanke des Tages habe ich an dem Abend nach Hause mitgenommen. An Weihnachtsfeiern bekommt man die Gelegenheit, Leute zu treffen, mit denen man sonst nichts zu tun hat. Es ist gut, um sich das ganze restliche Jahr froh darüber zu fühlen.

Die Weihnachtsfeier

Gestern war sehr entspannt. Da ich es diese Woche wieder geschafft habe, Überstunden zu sammeln (den Abendessen habe ich nicht als Arbeitszeit angerechnet, es war ja eine freiwillige Entscheidung von mir), und die Überstunden vom letzten Monat noch nicht ausgleichen konnte, habe ich mir den Vormittag frei genommen. Ich brauchte Zeit, um Geschenke zum Wichteln in der Arbeitsgruppe zu finden. Zuerst habe ich richtig ausgeschlafen. Es wurde nicht so spät vormittags, weil oberhalb von meiner Wohnung eine Familie mit Kleinkind wohnt; wenn alle aufstehen, ist es immer der Zeitpunkt, an dem ich mich aus dem Bett zwinge. Sonst bekomme ich den Eindruck, meine Zeit zu vergeuden.

Ich bin mit der Tram zum Forum Köpenick gefahren. Ich habe so gefroren auf dem kurzen Weg zur Haltestelle! Starkes Wind, das mir ständig Schnee ins Gesicht geworfen hat und mich aus meiner Trajektorie weg gepustet hat, meine Hose, die sich schnell eisig angefühlt hat, obwohl ich darunter noch eine Strumpfhose trug… Das Einkaufszentrum selbst gefällt mir. Es ist nicht zu weit weg und enthält so viele Geschäfte, ich war mir sicher, dort etwas passendes zu finden. Ich habe beim schlechten Wetter einen anderen Eingang zum Forum als sonst benutzt. Schräg gegenüber von dem Telekom-Shop ist ein Teehaus, in dem ich noch nie war. Ich bin gestern auch zum letzten Mal dort gewesen. So eine unfreundliche Bedienung habe ich selten erlebt. Ich war nicht mal fünf Minuten in dem Laden gewesen, um mir die verschiedenen Teesorten anzuschauen, dass die ältere Tante hinter der Theke mir sagte, ich würde lange da stehen, so viel Zeit hätte man doch nicht. Nachdem sie mich schon als Begrüßung trocken gefragt hatte, was ich denn hier suchte. Ich habe beschlossen, dass meine Kollegen keinen Tee bekommen würden und habe den Laden auf der Stelle verlassen.

Mein Kollege Winfried hatte mir erklärt, das Geschenk sollte nicht teurer als 10€ werden. Ich hatte selber noch nie gewichtelt, das hatten wir in meinem früheren Institut nicht gemacht. Meine ursprüngliche Idee war eigentlich, entweder ein Buch oder Pralinen zu kaufen. Beim Wichteln sollte man aber nicht wissen, wer welche Geschenke gebracht hat, meinte Winfried. Als Buch hätte ich sehr gerne Der Herzausreißer von Boris Vian geschenkt, wegen eines Gespräches mit Martin, in dem er von dem übervorsichtigen Verhalten seiner Mutter mit ihm als Kind gesprochen hatte, und hätte mich dabei natürlich sofort selbst verraten. Ich habe bis jetzt nur von sehr wenigen deutschen Kollegen erfahren, dass sie diesen Schriftsteller kennen. Ich habe mich für die Pralinen entschieden. Die Idee war, ein Geschenk zu kaufen, das ich selber gerne bekommen würde, da wir beim Wichteln um die Geschenke würfeln würden. Was ich super cool gefunden hätte, ist eine gelbe Badeente. Aber ich dachte, es würde für die Kollegen zu billig vorkommen, und sie würden den Sinn wahrscheinlich nicht erkennen. Außer mein IT-Kollege programmiert sonst keiner.

Ein bisschen habe ich gearbeitet, bis kurz vor vier. Die Pralinen habe ich, genau wie die anderen Kollegen bei ihren Geschenken, mit Zeitungspapier verpackt und heimlich in den Jutesack getan. Wir haben Glühwein vorbereitet und eine erste Runde getrunken. Wir haben gewürfelt, um zu entscheiden, wer sich Geschenke in welcher Reihenfolge im Sack aussuchen darf. Als sie ausgepackt wurden und nach der zweiten Glühweinrunde haben wir weiter gewürfelt, um die Geschenke zu tauschen. Es hat mir Spaß gemacht. Ich habe festgestellt, dass meine Pralinen sehr begehrt waren. Es war doch eine gute Idee, ich war mir am Vormittag nicht so sicher gewesen. Winnfried hat sie am Ende behalten dürfen, und den Inhalt der Tüte gleich unter uns geteilt.

Wir haben uns anschließend auf dem Weg zur größeren Weihnachtsfeier vom Forschungszentrum gemacht. Es waren dort viele Leute, die ich nicht kannte. Wir waren die einzige Wissenschaftler, die sich zur Feier angemeldet hatten. Es waren sonst Leute aus der Verwaltung und aus der Werkstatt da. Mein gelegentlicher Flirt aus der Verwaltung war nicht da, obwohl er auf der Liste gestanden hatte. Seine Kollegin erklärte uns, er hätte in letzter Zeit zu viel gearbeitet und ihm ginge es nicht gut. Es hörte sich wie ein Burn-Out an. Hoffentlich nicht. Ich habe drei Männer an dem Abend kennen gelernt. Der erste Mann war so eigenartig, dass er einen ganzen Eintrag für sich bräuchte. Nach fünf Minuten Aufmerksamkeit habe ich mich einer anderen Gruppe angeschlossen. Mit dem zweiten habe ich länger geredet, obwohl ich schnell das Interesse verloren habe. Ich will keinen Mann, der zehn Jahre jünger als ich bin (er hat sein Abiturjahr verraten). Zwei, drei Jahre, ok, aber mehr nicht. Ich glaube, er hat mich für jünger gehalten, wie viele es häufig machen. Außerdem raucht er. Ich hatte früher am Nachmittag Mieke nach draußen zum Rauchen begleitet. Ich wollte einfach in die frische Luft. Vor der Tür waren schon zwei Männer am Rauchen. Er war einer davon gewesen, sagte er (ich hatte ihm kaum Aufmerksamkeit geschenkt und konnte mich nicht mehr daran erinnern). Sein Gespräch hat mich an manchen Stellen gestört. Irgendwie unbedacht, unreif, protzig… Zum Glück ist Martin zu uns am Tisch gekommen und hat mit ihm geredet. Ich habe Martin irgendwann gefragt, mir ein Bier zu holen. Der junge Mann ist ihm zur Theke gefolgt und war frech genug, über Martin wegen Langsamkeit zu lästern, weil er früher als ihn zum Tisch zurück gekommen ist. Ich glaube, er wollte sich einfach besser als Martin darstellen. Kleiner Balg. Nach dem zuvieltem Bier habe ich Martin gefragt, ob er nicht mit mir zurück zur S-Bahn gehen wollte. Der Balg sagte, er würde auch jetzt gehen wollen, und es wäre so toll, dass er in die gleiche Richtung wie ich müsste, wir könnten gemeinsam Bus fahren. Und ist dann ohne Wort in Richtung Toilette verschwunden. Martin hat zu mir geschaut und, ich bilde mir ein, mich ein bisschen irritiert gefragt, ob wir auf ihn warten sollten. Wir sind zu zweit gegangen. Ach ja, der dritte Mann… Irgendwie hat er lange neben mir gesessen und mit Winfried geredet. Ich habe mich ab und zu nach links gedreht und ihn neben mir gesehen. Also, „kennen gelernt“ ist übertrieben. Aber er ist jetzt jemand, den ich im Gebäude wieder erkennen würde.

Ich bin mit Tram nach Hause gefahren. Glaube ich. Ich erinnere mich, dass ich an den Balg gedacht habe und mir sagte, es wäre gut, dass er Bus fahren wollte. Ich hätte kein gutes Gefühl gehabt, mit ihm zu fahren. Zu Hause angekommen, habe ich meine Hose ausgezogen, bevor ich merkte, dass ich die Rollos runter bringen sollte. Bei meiner Rückkehr im Flur habe ich mein Handy aus der Tasche geholt. Ich habe mich weiter ausgezogen und bin ins Bett gefallen. Stimmt, Martin fragt mich am nächsten Morgen häufig, ob ich gut nach Hause angekommen bin… Kleine SMS geschickt. Ich war schon am Einschlafen, als er geantwortet hat. Mist. Ich habe ihm eine „gute Nacht SMS“ geschickt. Ach, das hat er bestimmt nicht so verstanden.

Spät

Ich wollte eigentlich die Arbeit früh verlassen. Eins hatte ich vernachlässigt: Mich über das Programm der Veranstaltung zu informieren.

Es ging den ganzen Tag relativ entspannt. Die Vorträge vormittags hätten mich interessiert, es war thematisch sehr stark mit meiner früheren wissenschaftlichen Beschäftigung verwandt, hatte aber gar nichts mit meiner aktuellen Arbeit zu tun. Uschi hat uns dafür einen Termin mit einem regelmäßigen Nutzer aus einer hessischen Uni organisiert, mit dem wir eine Zusammenarbeit anfangen wollen. Ursprünglich war der Termin für eine knappe Stunde geplant. Als das Ende der Besprechung näherte und wir uns schon mit knurrendem Magen innerlich fragten, wohin wir heute denn zum Mittagessen gehen würden, hat unser neue Partner sein Notebook hochgefahren und angefangen, uns einen Vortrag zu halten, um einen aus meiner Sicht unwichtigen Punkt aus der Diskussion zu klären. Uschi sagte ein wenig irritiert, die Zeit für die Besprechung wäre schon um, aber man könnte sich noch ausnahmsweise den Vortrag anhören. Unser Gast hat seine Reaktion anscheinend nicht gemerkt. Sein Vortrag hat noch eine gute halbe Stunde in Anspruch genommen. Ich bin nicht gut gelaunt, wenn meine Mittagspause sich aus externen Gründen verzögert. Ich habe mich trotzdem bemüht, zuzuhören und eine interessierte Frage zu stellen.

Nachmittags konnte ich ein bisschen an meinem Programm arbeiten. Nicht viel, weil eine Wissenschaftlerin aus unseren Nutzergruppen einen Preis erhalten hat und einen Vortrag dafür halten durfte, den ich mir anhören wollte. Danach blieb mir eine Stunde, um endlich erfolgreich pop-up Fenster mit einer Fehlermeldung im GUI im Fall von schweren Abstürzen einzubauen, dann fing schon die Postersession an. Ich habe eine Posternummer direkt nebem Martin bekommen. Unser Gast vom Vormittag war auch bei uns, sowie Boris, ein Kollege aus der Uni, der vor meiner Zeit in unserer Gruppe gearbeitet hat und den wir häufig noch sehen. Wo wir waren, auf der ersten Etage, gab es nicht viele Leute. Ich habe gerade mit einer Person über mein Poster diskutieren können. Es hat sich gelohnt, er hat interessante Anregungen gebracht. Als wir um 20:00 nach der Postersession zum Foyer heruntergegangen sind, war es mir zu spät, um einkaufen zu gehen. Ich bin geblieben und habe mit den Kollegen am Abendessen der Veranstaltung teilgenommen. Dort habe ich festgestellt, dass viele Teilnehmer einfach nicht wussten, dass es außerhalb vom Erdgeschoss auch Posters gab. Kein Wunder, dass so wenige Leute zu uns gekommen sind.

Es gab beim Abendessen viel Bier. Als wir zusammen gestoßen haben, war ich sehr darüber konzentriert, nichts zu versauen, und habe dabei vergessen, den Blickkontakt aufrecht zu erhalten. Das musste mir Martin deutlich signalisieren. Stimmt, ich hatte diesen deutschen Brauch schon mal von Horst erklärt bekommen (in Frankreich hatte ich nie davon gehört, daher nehme ich an, es sei deutsch). Ich hab’s resigniert angenommen und gesagt, es würde eh nichts ändern. „Stimmt,“ meinte Martin. Der kann so was von frech sein. Irgendwann sind zwei Männer an mir vorbei gegangen. Martin hat mich gefragt, ob ich sie kenne. Als ich dies beneinte, meinte er betont, sie hätten mich angelächelt. Vielleicht meinte er, ich könnte mit ihnen flirten. Es hat noch vier Biere gedauert, bis wir das Gebäude verlassen haben. Um festzustellen, dass die nächste Straßenbahn in knapp dreißig Minuten ankommen würde. Den Weg zur S-Bahn-Station haben wir also zu Fuß gemacht, mit Martin und Boris. Es war schon heftig mit dem Wind, und es regnete stark. Ich habe meinen kleinen Regenschirm die ganze Zeit mit Boris geteilt, der sonst mit freiem Kopf rum gelaufen wäre. Ich muss sagen, es hat mit dem Sturm nicht viel geholfen. Mit meinem kurzen Kleid wurde ich schnell eisig naß. Martin hat auf meinem Regenschirm geschaut und festgestellt, dass es nicht regnete sondern schneite, mit schnell schmelzenden Flocken. Wir haben uns vor der S-Bahn getrennt. Ich habe mich völlig blamiert und habe Martin zum Abschied eng umarmt. Es muss am Bier liegen. Ich habe nach zehn Minuten in der Kälte endlich einen Bus kommen gesehen, der mich nach Hause gebracht hat.