Heute beim Sport

Seit einigen Wochen gehe endlich wieder regelmäßig zum Sport.

Das war lange nicht mehr so. Ungefähr seit dem Urlaub in September. Zwei Wochen weg, das hat mich völlig aus dem Rhythmus geworfen. Es gab im Herbst viele interessante online Kurse, die ich absolvieren wollte, und die viel Zeit gekostet haben. Dann waren es schon nicht mehr so viele Wochen bis Weihnachten, ich musste meine selbst gebastelte Geschenke fertig kriegen. Und dann war es so weit weg, bis zum Fitnessstudio, vierzig Minuten hin, vierzig Minuten zurück, wenn der ÖPNV gut läuft, da geht viel Zeit verloren.

Was geschah ist klar: Irgendwann haben die Kleider angefangen, ungemütlich zu sitzen. Das war mir schon im Urlaub bei meiner Schwester aufgefallen. Seitdem der Ehemann aus Berlin zu mir im Juli umgezogen ist, koche und esse ich mehr als im ersten halben Jahr. Man glaubt nicht, wie schnell die Pfunde zurück kommen, wenn man nicht aufpasst. Vor allem, wenn der Ehemann ständig dabei ist, mir Leckeres anzubieten, obwohl er weiß, dass er das lassen soll. Ohne ihn gab es in der Wohnung nie etwas wie Keckse, Schokolade oder Eis. Es gibt jetzt Hosen, die ich seit einigen Monaten nicht mehr trage.

Dabei hatte ich wirklich was erreicht, letztes Jahr. Dreimal die Woche beim Sport, jedesmal mit einem Proteinshake als Abendessen, gelegentlich mit einer Kollegin mittags gejoggt, das Gewicht war vielleicht nicht beeindruckend runter gekommen, aber die Figur war dafür super geworden.

Was soll’s. Was ich letztes Jahr geschafft hatte, kann ich dieses Jahr auch. Diesmal gibt es keine große Lebensumstellung wie ein Umzug mehr, wir sind zu Hause gut eingerichtet, nichts steht mehr im Weg. Wir haben schon seit dem Sommer die Routine, am frühen Samstagvormittag zum Markt in Pasing einkaufen zu gehen, von dort ist es nicht weit, bis zum Fitnessstudio. Seit Januar gehen wir samstags wieder hin. Dann sind wir zusätzlich einmal unter der Woche abends hin gegangen. Jetzt zweimal. Also insgesamt dreimal die Woche. Bei diesem Rhythmus macht es wieder Spaß und der ständige leichte Muskelkater fühlt sich gut an. Ich habe den Punkt erreicht, wo ich mich nicht mehr überwinden muss, sondern morgens selbstverständlich die Sporttasche packe, um nach Feierabend zum Sport zu gehen. Es ist umso leichter geworden, jetzt, wo es die neue Buslinie 259 gibt, die direkt von Martinsried nach Pasing fährt.

Trotzdem denke ich, ein Fitnessstudiowechsel wäre nicht schlecht. Der Ehemann wollte unbedingt hin gehen, wo es auch ein Schwimmbad gibt. Deswegen hatten wir uns in Berlin beim Fitness First in Zehlendorf angemeldet. Das war ein tolles Studio. Und deswegen fahren wir jetzt zum Laimer Studio, obwohl das Schwimmbad deutlich kleiner ist. Ich denke, der Ehemann könnte sich ein normales Schwimmbad aussuchen, und wir könnten näher zur Wohnung Gerätetraining treiben. Was mich bei unserem Fitnessstudio nervt:

  • Erstens ist der Empfang recht unfreundlich. Wenigstens um die Uhrzeiten, wo ich letztes Jahr da war, war immer die gleiche Person hinter der Theke. Dass man beim Ankommen nicht besonders freundlich begrüßt wird, kenne ich schon aus Berlin, aber jedesmal, wenn ich nach dem Sport mein Proteinshake bestellen wollte, tat die Frau immer so, als ob ich sie bei einer unglaublich wichtigeren Tätigkeit stören würde — meistens, beim Quatschen mit einer Kollegin. Manchmal habe ich den Verdacht gehegt, sie war einfach unfreundlich bei allen schlanken Frauen, weil sie selber fett ist und sich deutlich netter mit dickeren Leuten verhält.
  • Vergessene Sachen tauchen nicht wieder auf. Gut, es ist mir nur einmal passiert, dass ich meine Badelatschen liegen lassen habe, aber wie die gleiche Frau an der Theke sofort verneint hatte, dass etwas abgegeben worden wäre, ohne meine Frage zu Ende zu hören und im Fundkorb hinter ihr zu schauen, sah sehr verdächtig aus. Ich denke, sie bedient sich selbst an den Fundsachen.
  • Was mich vor allem stört: Die Musik ist viel zu laut. Bei manchen Kursen, wie beim Zumba am Dienstagabend, wird in dem Kurssaal die Musik so laut gedreht, dass selbst bei geschlossener Tür der Schall zu dem Gerätebereich drängt. Bei mir erzeugt das eine Art Resonanz. Ich sitze auf einem Gerät und mache meine Wiederholungen, aber mein Herz schlägt nicht mehr normal, weil es durch die Bässe anders vibriert. Äußerst unangenehm. Wenn ich jetzt während des Kurses da bin, schaue ich, dass ich an möglichst weit entfernten Geräten trainiere. Ich habe einmal in einem anderen Kurs erlebt, wie eine Frau am Anfang darum gebeten hatte, die Musik nicht zu laut zu drehen, und die Kursleiterin quasi sofort eine Art Nervenzusammenbruch hatte, weil man ja „keine Musik mehr hören könnte“. Ich denke, die Kursleiter sind völlig bescheuert und haben kein Gespür für gesunde Lautstärke. Aber das scheint nicht nur bei Fitness First der Fall zu sein. Es ist bekannt, dass Musik in Fitnesstudios häufig die gesetzliche Grenze für Lärmbelästigung am Arbeitsplatz überschreitet und das Gehör gefährdet. Es interessiert niemanden. Es soll nicht mal eine zulässige Begründung dafür sein, seinen Vertrag vorzeitig zu kündigen. Ich hatte schon recherchiert, nachdem ich vor drei Wochen mit dem Ehemann an einem Montagabend dort war. Auf der Webseite gab es keine Ankündigung, aber die Betreiber vom Fitnessstudio hatten einen DJ-Abend veranstaltet. Und nicht in einem abgetrennten Kurssaal, nein, mitten auf der freien Trainingsfläche, wo drum herum alle Geräte stehen. Da stand ein junger Mann in schwarzer Sportkleidung hinter einer dafür gebaute Musikanlage, und ließ Musik so laut wie in einer Disko laufen. Kein Entkommen. Der Ehemann war im Schwimmbad und war auch dort davon gestört. Ich habe mein Training beendet. Den ganzen Abend zu Hause hat sich mein Kopf wie unter Druck angefühlt, ich war so von der lauten Musik gestresst geworden, dass ich lange nicht einschlafen konnte, und den ganzen Dienstag auf Arbeit hatte ich dumpfe Kopfschmerze. Weil ich meinte, nach einem Tag Arbeit Sport machen zu wollen. Die spinnen total. Auf Anfrage meinte eine Trainerin, solche Veranstaltungen würden nicht auf der Webseite bekannt gemacht, sondern nur auf Facebook. Ich bin jetzt ständig dazu gezwungen, zuerst dort zu schauen, ob ein DJ-Abend geplant ist, bevor ich meine Sportsachen packe. Ich kann mich nicht mehr spontan zum Training entscheiden. Das ist schon eine große Beeinträchtigung. In Zehlendorf hatte ich solche Umstände nie erlebt.

Jetzt sind wir leider bis zum Ende des Jahres bei Fitness First gebunden. Ich hatte die Idee, wir könnten mal ein anderes Studio probieren. Wir waren letzte Woche Samstag bei dem Fitness First am Englischen Garten. Der war aber recht klein, viel weniger Geräte standen zur Verfügung, und sie waren alle auf einer Art offener Etage oberhalb von der freien Trainingsfläche. Da oben war es so warm, dass ich mich fiebrig gefühlt habe und nach dem Training den ganzen Tag Kopfschmerze hatte. Da gehe ich nicht wieder hin.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Keine Fußball-Fan

Wirklich nicht. Ich habe mich seit dem Anfang der gegenwärtigen Meisterschaft ab und zu mit dem Ehemann auf der Couch vor dem Fernseher hingesetzt, aber nach fünf Minuten wird es mir schon zu blöd und ich finde schnell etwas, womit ich meine Zeit viel sinnvoller verbringen könnte. Zugegeben, es geht mir nicht nur beim Fußball so. Fernsehen ist nicht mein Ding.

Nerviger finde ich die Reaktionen in der Stadt, wenn Deutschland mal wieder spielt und ein Tor schießt. Am letzten Sonntag waren wir kurz nach Beginn des Spieles unterwegs, als die ersten Böller ertönten. Wie ich bin, habe ich zuerst an einen Anschlag mit Schießerei auf der Straße gedacht. Nein, es war das erste Tor. Wo haben die denn alle die Dinger her? Ich dachte, man könne sie nur vor Sylvester kaufen.

Heute Abend habe ich also die Stille Hoffnung, dass Italien sich durchsetzen wird. Den entsetzten Rufen vom Ehemann aus dem Wohnzimmer nach zu beurteilen, sah es am Anfang gut aus. Dann kam das erste Tor, und die Böller dazu. Dann hat Italien auch ein Tor geschossen. Es bleibt spannend, ob wir in den nächsten Tagen ruhige Abende erleben dürfen. Obwohl. Ich erinnere mich an eine andere Meisterschaft vor einigen Jahren (welche auch immer), als Italien ein Spiel gewonnen hatte (welches aus immer), leise wurde es nach dem Sieg nicht. Am besten wäre es, Island würde die Meisterschaft gewinnen. Das ganze Land zieht momentan quer durch Frankreich, um Stadien zu füllen, hier würde die Stille zurückkehren.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Es ist noch nicht Sylvester!

Böller! Seit einigen Wochen hört man schon häufiger welche in Berlin. Ich dachte, die wären nur für Sylvester und Neujahr zugelassen.

Es ist mir besonders nach den Attentaten von Paris aufgefallen. Denn ich gebe es zu, ich habe immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich unterwegs bin oder laute Knalle höre. Seit länger. Als Studentin hatte mich die Anschlagsserie in Paris ziemlich erschüttert, obwohl ich weit weg in Nizza war. Daher fühle ich mich seitdem immer ein bisschen nervös, wenn ich mich mitten in Menschenversammlungen befinde oder mit der Bahn unterwegs bin.

Nun, seit einigen Tagen hört man vermehrt laute Knalle, wenn man unterwegs ist. Am schlimmsten war vorgestern abends, als ich mit der S-Bahn in Hermannstraße auf dem Weg nach Hause war. Der Zug hielt am Gleis, alle Türe waren noch offen. Der plötzliche Knall war so laut, dass mein linkes Ohr leicht geschmerzt hat. Alle Gäste haben sich alarmiert umgeschaut. Ich habe nur noch gedacht, bloß weg von hier. Es hat gefühlt ewig gedauert, bis der Fahrer die Türe wieder geschlossen hat.

In meiner Wohngegend wird es auch laut. An späten Abenden haben wir einige Male vereinzelte Böller gehört, um die zweiundzwanzig Uhr. Und heute Morgen. Es war kurz vor sieben. Welcher Vollidiot zündet Feuerwerkskörper in aller Frühe am Wochenende? Heute Morgen war es die Sorte, die man pfeifen hört, wenn sie in die Luft steigt, bevor sie explodiert. Wir sind davon aufgewacht, und ich konnte nicht mehr schlafen. Verdammt.

Jetzt arbeite ich. Ich habe schon wieder viel zu tun. Artikel schreiben und Beiträge für Veranstaltungen vorbereiten. Martin ist wieder eingeschlafen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Die lieben Kollegen

Die kann ich gerade nicht mehr aushalten. Fangen wir von vorne an.

Heute Morgen war ich um halb neun bei der Arbeit. Im Büro war ich die erste. Ich habe zuerst Fenster und Tür breit geöffnet. Die Rechner bleiben nachtsüber an, und am nächsten Morgen merkt man es. Zum Glück hat es nur danach gerochen. Vor drei Wochen war Tomasz, mein Nachfolger, in den Urlaub gefahren und hatte seine Frischhaltedose im Büro vergessen. Irgendwas gekochtes hatte er sich von zu Hause aus mitgebracht. Die Essensreste haben ganz schnell angefangen zu vergammeln und zu stinken. Ekelhaft. Die Dose haben wir mit Kate in einen Müllbeutel gepackt und entsorgt. Denn es ist nicht das erste Mal. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich benutzte Teller. Bei seiner Rückkehr hat er sich immerhin entschuldigt.

Aber zurück zu heute. Ich saß am Rechner und las meine Emails, wie schon gesagt bei offenen Fenster und Tür. Eine Kollegin aus einer anderen Abteilung, die ich häufig im Flur treffe, ist an das Zimmer vorbei gegangen und hat mich begrüßt. Dann hat sie das Innere des Zimmers genauer wahrgenommen und staunend gefragt, „Sitzen Sie wirklich zu viert da drin?“ Ich: „Tja, ja.“ Sie: „Ist es nicht zu hart?“ Ich: „Schon, aber wir verstehen uns gut, zum Glück.“ Sie musste zu einem Termin und ist weiter gegangen. Wie hart es doch sein kann, habe ich heute festgestellt.

Eine Stunde Ruhe konnte ich genießen. Halbwegs. Ein Kollege, der meistens in einem anderen Gebäude sitzt, ist kurz vorbei gekommen, „um ein bisschen zu quatschen“. Gut, ich sehe ihn kaum. Dann sind die anderen Kollegen gekommen. Alle Postdocs, wie ich. Aber die sind viel jünger als ich und kommen alle frisch von der Promotion. Pawel war zuerst da und meinte, mir die Ergebnisse von seinem Studenten zeigen zu müssen, die er gerade zugeschickt bekommen hatte. Ich habe zugeschaut, da es für meine Arbeit relevant sein könnte. Ich entwickle Programme, die den Anspruch haben, komplexe wissenschaftliche Auswertungen automatisch durchzuführen. Heute habe ich aus Pawels Ergebnisse nichts neues gelernt, habe ihn aber für die tolle Fünde gratuliert und mich wieder zu meinem Bildschirm gewandt. Mr Keen hat mich wegen Hilfe für seine Reisekosten besucht. Warum ich?

Dann kam Kate. Wie sie so ist, macht sie immer den Mund auf, bevor sie nachdenkt, und hat mich ständig bei meiner Arbeit unterbrochen, um mich etwas zu fragen. Pawel hat sich dazu ermutigt gefühlt und meinte, da ich gerade gestört worden wäre, könnte ich ihm auch behilflich sein. Ich habe das Pech, dass ich die einzige im Raum bin, die programmiert, und daher meinen die Kollegen, sie müssten sich nichts merken, sie könnten mich jeder Zeit fragen. Ich saß sowieso nur da und starrte bloss auf den Bildschirm, ja? Dass ich den Bildschirm starre, ohne augenscheinlich irgendwas zu machen, bedeutet aber lange nicht, dass ich allen für alberne Fragen zur Verfügung stehe. Mein Gehirn läuft auf hohen Touren, bevor ich anfange, meine Ideen in Code umzusetzen. Das konnte mir heute Morgen nicht gelingen. Ich sollte mir Notizen machen, wie häufig die Kollegen mich rufen, um etwas zu fragen, das sie selber heraus finden könnten. Wozu habe ich die Optionen --help in meinen Programmen eingebaut und die Dokumentationen geschrieben? Und für den Rest, wozu gibt’s Google?

Ich habe mich gereizt gezeigt, und nach einiger Zeit musste Pawel ins Labor. Tomasz ist spät gekommen und hatte auch praktische Arbeit vor. Kate hat sich in ihrer Arbeit vertieft und ich konnte endlich produktiv werden. Es hat zehn Minuten gedauert, und dann wurde es Mittagszeit. Nach meiner Pause habe ich ein bisschen was geschafft. Kate hat sich gegen drei wegen Migräne verabschiedet und ist nach Hause gefahren. Kurz danach ist Pawel mit Mr Keen ins Zimmer gekommen. Mr Keen, den ich immer noch nicht leiden kann, hat vor Kurzem beschlossen, einen Crash-Kurs in Datenauswertung bei Pawel zu absolvieren. Warum auch immer, das gehört nicht zu seinen Tätigkeiten. Die Beiden haben sich dermaßen laut unterhalten, dass ich mich beschweren musste. Gut, sie haben dann viel leiser gesprochen. Tomasz ist kurz erschienen und hat angefangen, mit den Beiden zu scherzen. Ich musste ihn daran erinnern, dass auch ich in dem Zimmer arbeite. Er hat sich entschuldigt und den Raum verlassen. Das tat mir Leid, da er mich in der Regel am wenigsten stört.

Ich war gereizt. Das war heute eine extreme Belästigung. Als ich um fünf im Zimmer endlich alleine war, habe ich noch eine Stunde weiter gearbeitet, statt Feierabend zu machen. Sonst wäre ich heute zu fast nichts gekommen. Mein IT-Kollege wird uns demnächst leider verlassen. Mein Traum ist es jetzt, zu seinem Schreibtisch zu wechseln und mir den Besenkammer mit der anderen Informatikerin zu teilen. Sie würde mir sicherlich nicht zum x-ten Mal fragen, wie man ein komplettes Verzeichnis vom Terminal aus kopiert. Sie lässt sich kaum blicken, ist an Feierlichkeiten in der Gruppe nicht interessiert und redet nicht viel, mit ihr würde ich eine königliche Ruhe haben (letzteres ist eine direkte Übersetzung aus dem Französischen, ich habe es auf Deutsch nie gehört).


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Boah nee

Jetzt ist der andere Nachbar unter meiner Wohnung dran, der, der unter dem Wohnzimmer wohnt (die seit neulich Cannabis rauchenden Studenten sind unter meinem Schlafzimmer). Gegen 21:30 ist er mit zwei Mädels zurück gekommen, die waren schon sehr auffällig im Treppenhaus, jetzt ist Party angesagt. Laute Musik, Bufta-Bufta, Mädels schreien und jubeln, als ob sie in einer Disko wären. Manchmal denke ich, ich sollte super krass sein und mich bei seiner Mutter beschweren. Ich habe sie zufällig vor knapp zweieinhalb Jahren kennen gelernt, als ich mal wieder die Apotheke wechseln musste, um gegen meine Ischias-Schmerze Diclofenac zu kaufen. Ich war zur Apotheke neben dem Luisenhospital gegangen. Diesmal hatte ich sogar ein ärztliches Rezept dabei, also war alles kein Problem. Als sie auf dem Rezept meine Adresse gesehen hatte, meinte sie ganz überrascht, „Aber mein Sohn ist gerade dort eingezogen“. Deswegen war also in dieser Zeit so viel los in dieser Wohnung. Ich hatte damals gerade meine Wohnung mit dem vorderen Teil auf die Straße erweitert, der jetzt das Wohn- und Gastzimmer ist, als mein Nachbar, der Deutschlehrer, ausgezogen war. Dem Sohn der Apothekerin bin ich einmal unwissend auf der Kreuzung bei mir um die Ecke begegnet. Ich stand vor dem Hotel an der Ampel, er ist gleichzeitig angekommen und hat ebenfalls vor mir gestanden. Ich hatte ihn noch nie gesehen und wusste nicht, wer er war. Auf der anderen Straßenseite ist ein Mädchen vorbei gegangen, ich schätze, in den Abiturjahren vom Alter her. Anscheinend kannte er sie, er hat sie mit ihrem Namen gerufen, und dabei so dämlich spöttisch gelacht, dass ich sofort gedacht hatte, „So kriegst du keine, mein Junge“. Er hat mir sehr stark den Eindruck von einem Jungen mit sehr wenig Bildung und Verstand gelassen. Nur als wir beide vor meiner Haustür ankamen und er mit seinem Schlüssel die Tür öffnete, wusste ich, dass er mein neuer Nachbar war. Leider scheint er sich jetzt offensichtlich im Umgang mit Mädels verbessert zu haben. Direkt unter ihm wohnt meine Vermieterin. Sie soll sich darum kümmern, mir reicht’s, ständig diejenige zu sein, die sich wegen Lärmbelästigung beschwert.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Von dem Spaß, neben einer Wohnung des Stadttheaters zu leben

Ich lebe in meiner derzeitigen Wohnung seit fast acht Jahren. Sie ist genau perfekt für mich: Mitten in der Stadt, auf einer Hauptkreuzung, jedoch extrem ruhig auf der Schlafzimmerseite, da es dort nur Garten und Garagen gibt, und bis gut hundert Meter weit und breit kein Vis-à-vis, da ich unter dem Dach wohne. Zu Fuß brauchte ich bis zur Arbeit nicht mal zehn Minuten. Dazu kommt, dass die möblierte Wohnung mit kompletter eingebauten Küche ausgestattet war: Kühlschrank, Kochplatte, Backofen, Mikrowelle, Spülmaschine, sogar eine Waschmaschine ist vorhanden. Und noch der Schlagargument: Sehr breite Fensterbänke, genau das richtige für eine Katze, und eine Traumvermieterin, die so Katzenlieb ist, dass sie meine gerne betreut, wenn ich wegen der Arbeit mal unterwegs sein muss. Weg von hier? Kommt nicht in Frage (na ja, bis ich endlich eine neue Stelle gefunden habe).

Kurz nach meinem Umzug im Frühling entdeckte ich den Bewohner im Nachbarhaus. Um die Umstände zu verstehen, mache ich noch gleich unten eine Skizze von der Wohnung. Auf meiner Etage im Haus wohnten damals noch der Sohn meiner Vermieterin mit seiner Freundin; die Wohnung im Nachbarhaus teilt eine Wand mit meinem Schlafzimmer (sowieso das einzige Zimmer in meiner Wohnung, wo man ein Bett unterbringen kann).

Wohnung vorher

Ich merkte schnell, wie hellhörig die Wand zwischen beiden Häusern ist, als ich abends gegen 22:00 im Bett lag, und ohne Absicht bei den Telefonaten vom Bewohner im Nachbarhaus lauschen konnte. Dabei hat sich seine Stimme in meinem Gedächtnis sehr gut eingeprägt. Ich habe versucht, nicht drauf aufzupassen, und hätte es für übertrieben gehalten, an die Wand zu klopfen, da es nicht so laut war – es wäre nur dazu gedacht, seine eigene Privatsphäre zu schützen, aber ich denke nicht, dass er das so verstanden hätte. Immerhin dachte ich mir, wie ungerecht die Vorurteile gegen Frauen sind, da er quasi jeden Abend mindestens eine Stunde lang am Telefon fest klebte, während mir eine Viertelstunde schon wie eine Ewigkeit vorkommt.

Tagsüber hatte er Klavier gespielt, manchmal gesungen, manchmal beide gleichzeitig, und ich fand es ganz nett, Talent hat er ja. Irgendwann im November fing er an, spät abends zu spielen, und schnell auch Nachtsüber. Plötzlich wachte ich mitten in der Nacht auf, gegen 01:00, 02:00 oder sogar 03:00 morgens, und hörte, wie er am Klavier spielte. Anfangs konnte ich noch wieder einschlafen; als er jede Nacht musizierte, fand ich keine Ruhe mehr. Ich war berufstätig und musste jeden Morgen früh aufstehen. Ich habe an die Wand geklopft, leider vergeblich – da ich alles bei ihm höre, hätte er das auch merken sollen. Ich fand es vor allem unverschämt, weil er keinen echten Klavier besaß, sondern ein elektronisches Keyboard: Manchmal hörte ich nur die Tasten, als er mit Kopfhörern spielte (habe ich gesagt, dass die Wand sehr hellhörig ist?). Einmal hörte ich sogar, wie jemand weit entfernt (wahrscheinlich im übernächsten Haus) gegen die Wand schlug und gegen ihn Flöte spielte. Nach einigen Wochen und Verspätungen bei der Arbeit war ich völlig erschöpft (mit Übelkeit und Schwindel) und beschloss endlich, mit meiner Vermieterin darüber zu sprechen. Sie ist Rechtsanwältin und sollte wissen, wie ich vorgehen sollte. Sie nahm Kontakt mit den Besitzern des Nachbarhauses, sagte mir, es würde sich um einen Musiker aus dem Stadttheater handeln, empfahl mir, beim nächsten Mal die Polizei anzurufen und mir alles in einer Art Tagebuch zu notieren, und kurz darauf konnte ich wie gewohnt wieder schlafen.

Wie schön, dachte ich. Nach ein paar Tagen hörte ich eines Abends, wie mein Nachbar (dessen Namen ich bis heute immer noch nicht kenne) bei einer Freundin buchstäblich weinte, weil er kein Klavier mehr spielen durfte. Dabei hatte ich meiner Vermieterin deutlich gesagt, dass ich nicht mit dem spielen Probleme hatte, sondern mit dem nachtsüber. Dann fingen die Kindereien an, anders kann ich es nicht bezeichnen. Zum Beispiel fing er an, nachtsüber mehrmals zur Toilette zu gehen, um Wasser aus einem hochgehaltenen Behälter rein zu gießen (es ist sicherlich schwierig, akustisch das Pinkeln zu simulieren. Bei einem ein bisschen zu großen Wasserfluss hört es sich schon ganz anders an. Vor allem, weil ich ihn auch sonst normal zur Toilette gehen mithören durfte). Oder manchmal war es nachts völlig still, und plötzlich ließ er ein lautes Lachen von sich raus (wie man es von Kinderfilmen kennt, wenn die Bösen oder Hexen lachen). Ich erinnere mich auch, wie eine Nacht meine Katze den Buchregal hochkletterte (eine Sache von gerade einer halben Minute). Das macht sie nachtsüber selten, aber ich lag wach im Bett mit dem Licht an und las, weil eben Lärm aus dem Nachbarhaus kam. Ich hätte auch nicht mehr daran gedacht, als ich am nächsten Morgen in meinem Kleiderschrank nach Klamotten suchte und hörte, wie mein Nachbar am Telefon mit (vermutlich) seinem Vermieter sprach und sich beschwerte, dass Lärm aus meiner Wohnung gekommen sei. Aus der halben Diskussion und seinen Antworten auf Fragen (ungefähr „Nein, es war nur ganz kurz… ja, aber… na gut, ja“) nahm ich an, dass der Vermieter seine Beschwerde nicht ernst nahm; ich habe auch sonst nie von meiner Vermieterin davon erfahren.

Irgendwann eskalierte das Ganze. Mit dem nächtlichen Klavierspielen fing er wieder an, dann schmiess er wilde Partys mit Freunden (also, wenn ich vor dem Rechner am anderen Ende des Zimmers saß, vibrierte manchmal der Boden unter mir. Schon seltsam, dass meine Nachbarn unten im Haus sich nie darüber beschwert haben, auch wenn sie auf Nachfrage bestätigten, dass es Laut gewesen war. Vielleicht gilt es als normal bei Studenten?). Ich notierte mir alles, benachrichtigte meine Vermieterin und je nach Uhrzeit rief ich die Polizei an. Ich habe nicht den Eindruck gehabt, dass es irgendeinen Einfluss auf ihn hatte. Schließlich kommt die Polizei in der Wohnung an, sagt „Man sollte nachtsüber nicht so laut sein“ und verschwindet wieder, oder gibt es da mehr, was ich nicht mitbekommen habe? Einmal kam die Polizei gegen 04:00 morgens, dann war einigermaße Ruhe, dann ging die Party wieder los (mehrere Typen, die beim Springen ein Lied zusammen brüllen), bis eine Frau überschnappte und sagte, es reiche jetzt, die Polizei wäre schon da gewesen, ob sie nicht wieder ruhig sein könnten. Daraufhin antwortete mein Nachbar, es könne nichts dafür, wenn ich ein so feines Ohr hätte. Ein anderes Abend im Sommer ging ich zu meiner Vermieterin (zwei Etagen runter), weil mir die Musik unglaublich laut vorkam. Ich wollte, dass sie mitbekommt, wie schlimm es sich in meiner Wohnung anfühlte. Bei ihr angekommen: „Nein, Sie irren sich, es kommt zwar aus dem Nachbarhaus, aber aus der 1. Etage, die sind im Sommer immer so laut, mit geöffneten Fenstern.“ Ich konnte sie doch überzeugen, nach oben zu mir zu gehen. Als sie im Schlafzimmer war (mein einziges Zimmer), sah ich Entsetzen auf ihrem Gesicht. „Das ist aber wirklich laut.“ Kurz darauf, weil es noch nicht so spät war: „Ein bisschen Toleranz sollte man noch haben.“ Ich insgeheim: „Sie hat gut reden, sie wohnt nicht direkt hier.“ Aber ein Wunder, gerade als es 22:00 wurde, war die Party diesmal auch endgültig vorbei.

Eine andere Nacht fing er an, Klavier zu spielen. Ich klopfte gleich leicht gegen die Wand, um zu sagen, „Hey, ich bin noch da“. Kurz darauf hörte ich ihn aufgeregt etwas sagen, was genau, konnte ich (und wollte ich) nicht verstehen, dann war Ruhe. Ich entspannte mich im Bett und war gerade beim Einschlafen, als bei mir jemand klingelte. Um die Uhrzeit rühre ich mich nicht vom Fleck, mein neuer Nachbar ging aber dran. Ich hörte ihn sagen, „Nein, hier ist alles ruhig“, und er legte wieder auf. Ja, inzwischen war auf meiner Etage im Haus ein junger Deutschlehrer eingezogen (na ja, etwa in meinem Alter), der aber meiner Vermieterin gegenüber immer behauptete, nichts von den Partys mitzubekommen. Als er ankam, klingelte er bei mir, stellte sich vor und sagte gleich, er wäre ein ruhiger Nachbar. Von wegen. Karaoke Partys abends, laute Schießspiele auf der Playstation… aber immerhin hat er vor Mitternacht immer aufgehört. Er ist auch täglich gegen 06:30 aus dem Haus zur Arbeit gegangen. Ich verstehe nicht, wie man auf Dauer so wenig schlafen kann, aber egal, nicht mein Problem. Warum ich plötzlich von ihm rede? Tja, also, ich fand es nach einiger Zeit einen seltsamen Zufall, wie mein Deutschlehrer abends oder nachtsüber nach Hause zurück kam, immer 2-3 Minuten, nachdem eine Party bei meinem Musiker im Nachbarhaus aufhörte. Ein, zwei Mal, ok, aber jedes Mal… Da hatte ich den starken Verdacht, er wäre mit meinem Musiker sehr gut befreundet. Gleichzeitig bin ich mir aber auch sehr paranoid vorgekommen, ich meine, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas sich ergeben sollte? (Keine Ahnung, ich wüsste auch nicht mal, wie ich sie rechnen soll.)

Eines Abends war ich dabei, mir für einen Tanzauftritt ein Kostüm zu basteln. Es war noch früh abends, etwa 21:00. Die Nähmaschine war auf dem Küchentisch. Ich holte noch Stoff aus meinem Schlafzimmer, als ich hörte, wie mehrere Personen die Wohnung meines Musikers verließen und die Treppe runter gingen (ja, selbst Leute im Treppenhaus des Nachbarhauses kann man hier wahrnehmen). Sehr kurz darauf klingelte es bei meinem Deutschlehrer, mehrmals und lange. Der war aber nicht zu Hause. Ich setzte mich am Küchentisch, als ich hörte, wie mein Deutschlehrer mit jemandem die Treppen hoch ging und kicherte. Neugierig, endlich zu erfahren, wie mein (vermutlich) Musiker aussieht, schaltete ich das Licht im Flur aus und schaute durch das Loch in meiner Tür. Ich sah einen ziemlich jung aussehenden Milchbuben mit Brillen ankommen. Die beiden gingen in die Wohnung des Deutschlehrers rein. Ich weiß nicht, ob sie überhaupt mitbekommen haben, dass ich zu Hause war, da ich immer ruhig und leise bin (es liegt in meiner Natur). Jedenfalls, ein bisschen später hörte ich lautes Stöhnen, und mein Deutschlehrer rief unmissverständlich „Komm, komm!“ Ein bisschen schockiert, nein, mehr überrascht als schockiert, wollte ich die Küchentür zu machen, was natürlich nicht klappte (seit ich eingezogen war, konnte ich nie die Innentüre zu machen, weil bei der Renovierung nicht aufgepasst wurde, dass die Leisten zwischen den Zimmern zu hoch sind). Den Rest muss ich auch nicht beschreiben. Am nächsten Morgen, auch wieder unabsichtlich, hörte ich die beiden diskutieren, als ich zum Badezimmer ging. Der Musiker (diesmal war ich davon sicher) war gerade dabei zu erzählen, wie er eine Nacht zu Hause Klavier gespielt hatte, und nach meinem Klopfen bei der Polizei angerufen hatte, um sich zu beschweren, dass ich laut wäre. Mir fiel der Kiefer runter. Gleich kam aber die Antwort meines Deutschlehrers: „Du bist wirklich ein Arschloch!“ Er erzählte dann auch, wie er selbst an der Sprechanlage geantwortet hatte. Wie die weiter diskutiert haben, habe ich nicht aufgepasst, ich lausche nicht gerne, danach ist der Musiker allein aus der Wohnung gegangen. Zwei Minuten später hörte ich im Nachbartreppenhaus, dass er nach Hause kam.

Wie ging’s weiter? So häufig haben sich die Beiden danach nicht mehr getroffen. Nach einiger Zeit ist der Musiker für einen Semester weg gewesen, stattdessen hatte ich eine Truppe Frauen, die sich die ganze Nacht ständig im Zimmer neben mir unterhielten. Dafür keine Partys mehr. Ab und zu höre ich immer noch, wie mein Musiker zu Besuch vorbei kommt. Meine Vermieterin meint, die Wohnung wäre vom Stadttheater gemietet, die Bewohner würden ständig wechseln. Aber sie scheinen alle einen Knall zu haben. Ich bin auch schon mal gegen 05:20 aufgewacht, weil einer auf einmal meinte, eine Nagel an meiner Wand hämmern zu müssen – selbst meine Vermieterin, wie gesagt zwei Etagen tiefer, wurde davon wach. Irgendwann hat mein Deutschlehrer angekündigt, ausziehen zu wollen. Als meine Vermieterin eines Tages zu mir kam und sagte, ein studentisches Paar hätte sich die Wohnung angeschaut, hat mich der Graus gepackt. Nein, jetzt noch Studenten? Schnell überlegte ich, wie schön es doch wäre, wenn ich ein zusätzliches Zimmer hätte, um Gäste zu Hause übernachten zu lassen. Ich ging zu meiner Vermieterin und sagte ihr, ich wollte meine Wohnung mit den Nachbarwohnung vergrößern lassen (unverschämt, jetzt, wo das doppelte Jahrgang auf uns zu kommt? Mir egal). Gesagt, gemacht, jetzt habe ich auch noch einen Zufluchtsort, wenn wieder Partys angesagt sind, wir haben sogar die Innentüre so geschleift, dass ich sie zu machen kann. Die Straße ist aber laut.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.