Gut geschlafen, und Arztgeschichten

Kurz vor zwölf im Bett, um halb neun heute aufgewacht. Unglaublich. So was passiert mir so selten. Ich hatte seit Anfang des Jahres Schlafprobleme, aber selbst vor der Schwangerschaft konnte ich nie so lange schlafen. Ein paar mal bin ich aufgewacht, um halb sechs, wie häufig in letzter Zeit, um sieben, und zuletzt um halb neun, weil der Ehemann mir aus seiner Dienstreise eine „guten Morgen“ Nachricht geschickt hat. Meine kleine innere Stimme behauptet ganz frech, ich hätte vielleicht nicht so gut geschlafen, wenn er zu Hause gewesen wäre. Wegen schnarchen und so. Womöglich hat sie recht.

Heute Nacht tat gut, und das kann ich momentan echt gebrauchen. Gestern fühlte ich mich noch so schlapp. Ich habe mich ins Fitnessstudio geschleppt, wie am Sonntag, weil Sport gut für die Seele sein soll, aber es war ein Kampf. Ich habe seit der Fehlgeburt Schwierigkeiten einzuschlafen. Bin häufig bis zwei, drei Uhr morgens oder später wach geblieben. Wie gut, dass ich krank geschrieben bin.

Am Montag war ich beim Arzt. Ich sollte nochmal die Konzentration vom β-HCG Schwangerschaftshormon im Blut prüfen lassen. Entweder bei meiner Frauenärztin, wofür ich zwei Stunden hin und zurück mit ÖPNV bräuchte, oder im Krankenhaus, zwanzig Minuten von zu Hause aus. Ich dachte, ich frage mal zuerst beim Hausarzt. Ich hatte schon bei ihm eine Blutabnahme machen lassen, aber speziell für β-HCG konnte er nichts machen.

Also bin ich zum Krankenhaus gefahren. Ich bin dort über drei Stunden geblieben, was nicht anders zu erwarten war, da Notfälle Vorrang haben. Ich habe am Schal vom Ehemann weiter gehäkelt. Als die Ergebnisse der Blutuntersuchung bekannt wurden, bin ich von einer anderen Ärztin untersucht worden. Der β-HCG Wert ist gut gefallen. Sie hat noch eine Echographie gemacht. Das war die unsanfteste Untersuchung, die ich je erlebt habe. Die Sonde hat sie in allen Richtungen gedreht, was recht unangenehm war. Die Gebärmutter scheint in Ordnung zu sein, Blutungen sollten noch nicht so schnell aufhören. Irgendwann meinte sie, „Ihr Darm ist gerade am Arbeiten, ich sehe Flüssigkeit“. Häh? Erstens will ich hoffen, dass mein Verdauungssystem funktioniert. Mir ist da nichts aufgefallen. Aber ich dachte, sie prüft meine Gebärmutter, was hat sie beim Darm zu suchen?

Ich bin danach zu Fuß nach Hause gegangen. Das Wetter war am Vormittag toll gewesen, jetzt war es dicht bewölkt. Zum Glück ohne Regen. Laut Navi-App hätte ich eine knappe Stunde brauchen sollen. Es wurden doch nur fünfzig Minuten, und ich war zwischendurch bei einer Pommesbude. Es war schon nachmittags, und mir war danach. Pommes mit Mayo. Den Rest des Tages habe ich mit Schmerzen im Bauch und im unteren Rücken zu Hause verbracht, obwohl ich seit der Fehlgeburt so gut wie keine gespürt hatte. Ich habe gedacht, ich könnte mir gut vorstellen, dass man nach einer Vergewaltigung solche Schmerze spürt. Nur am nächsten Morgen sind sie verschwunden. Es muss von der Untersuchung gekommen sein. Verflucht sei diese Frau.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Eine Woche im Krankenhaus

Sie hatte gut angefangen, diese Woche. Am Montag war ich mit dem Kurs sehr beschäftigt. Studenten empfangen, Vorlesungen gehalten, Führung durch unsere Labore (ein großes Lob an unsere Verwaltung, die alle Studenten noch rechtzeitig anmelden konnte)… Die Gruppe war toll, die Studenten haben viele interessierte Fragen gestellt. Ich habe mir nur eine halbstündige Mittagspause gegönnt und ein Bagel auf die Schnelle gegessen. Nachmittags konnte ich mich kurz entspannen, während Winfried zum Schluß seine Vorlesung gehalten hat.

Als ich am Ende der Vorlesung von meinem Stuhl aufgestanden bin, habe ich plötzlich Schmerze im unteren Bereich vom Bauch gespürt. Es hat sich wie ein Verdauungsproblem angefühlt. Toilette besucht, ohne Ausscheidung. Merkwürdig. Zurück in meinem Zimmer, hatte ich den Eindruck, Messerstiche im Unterleib zu haben. „Cola trinken,“ meinte Winfried. Da der erster Kurstag vorbei war, habe ich beschlossen, Feierabend zu machen und bin von Martin mit dem Auto abgeholt worden. Bei den Bauchschmerzen hatte ich keine Lust auf eine lange Fahrt mit der S-Bahn. Zu Hause habe ich mich hingelegt. Um dem Verdauungstrakt zu helfen, habe ich eine Kürbissuppe gegessen. Es hat nicht geholfen, und die Schmerze haben nicht nachgelassen. Selbst urinieren war schwierig geworden. Konnte es sich um ein Uterusprolaps handeln? In meinem Alter? Vielleicht war es ein Darmverschluss? Es war schon recht spät. Ich habe beschlossen, am nächsten Morgen direkt zum Arzt zu gehen.

Nachtsüber konnte ich nicht gut schlafen. Die Suppe ist lange im Magen geblieben und hat mir neue Magenschmerze verursacht. Am ganzen Brustkorb, sowie seitlich. Ich muss auch schlecht gelegen haben, weil meine Schulter fürchterlich geschmerzt haben. Hätte ich die Symptome bloss gegoogelt. Der Arztbesuch am nächsten Morgen hat nicht mal zwei Minuten gedauert. Ich habe mich hingelegt. Er hat am Bauch leicht gedrückt. Der Schmerz in den Schultern wurde so stark, dass ich angefangen habe, unkontrolliert zu heulen. „Sie gehen sofort zum Krankenhaus“, meinte er, und wir sind zu seiner Sekretärin gegangen, um die Überweisung zu vorbereiten. Als Martin zu uns kam, meinte er, es wäre wahrscheinlich eine Eileiterschwangerschaft. Das habe ich nicht geglaubt. Ich war doch wegen Darmprobleme gekommen, und hatte keine frühe Anzeichen von einer Schwangerschaft wahrgenommen. Auf der Überweisung hat er jedoch „v.a. Appendizitis“ eintragen lassen.

Wir sind zu einem Krankenhaus in der Nähe gefahren, nachdem wir schnell zu Hause eine Tasche zusammengepackt haben und ich meine restliche Vorlesungen für den Kurs an Uschi und Winfried weitergeleitet habe. Die Kollegen mussten für mich einspringen. Beim Krankenhaus bin ich keine zwei Stunden geblieben. Mir ist Blut abgenommen worden. Eine Echographie wurde gemacht. Der Mann, der sie durchführte und kein Gynäkologe war, meinte, es wäre keine Appendizitis, weil mein Bauch nicht hart war, und ich wäre nicht schwanger. Er hatte aber große Mengen an Flüssigkeiten und Blut gesehen, die gar nicht normal waren. Er hat mich zu einem anderen Krankenhaus geschickt, der eine Gynäkologieabteilung besitzt, mit dem Hinweis, dass keine Notwendigkeit für eine stationäre Aufnahme gefunden wurde. Gleichzeitig stand auf dem Überweisungszettel, dass der β-hCG Test positiv war, gefolgt von drei Ausrufezeichen. Vielleicht ein Rest von dem früheren Spontanabort am Anfang des Jahres, meinte der Mann (Arzt kann er definitiv nicht gewesen sein).

Im zweiten Krankenhaus haben wir erneut eine Echographie gemacht, diesmal mit einem Gynäkologen, und ja, da, anscheinend in einer Eileiter, war etwas eingenistet. Ohne Zweifel der Grund für die große Menge an Blut, die bei der ersten Echographie gesehen wurde. Oh Mist. Es passiert nicht nur Anderen. Natürlich musste es möglichst schnell operiert werden, und zwar direkt am Nachmittag. Zum Glück hatte ich morgens nichts essen können, denn ich musste dafür nüchtern sein. Meine allererste OP. Alles, was ich nach der Beruhigungspille noch mitbekommen habe, war, dass jemand sagte, ich hätte gerade eine Sauerstoffmaske bekommen und ich müsste jetzt atmen, tiefer atmen, atmen Sie doch

Beim Aufwachen war ich in einem Raum voll mit anderen Patienten, die zurück aus einer OP waren. Hinter meinem Kopf hat etwas ständig gepiepst. Mir war unglaublich kalt, aber das Zittern hat schnell aufgehört, und das Piepsen ist langsamer geworden. Ich habe gehustet: Ich hatte die ganze Zeit wohl einen Schlauch für eine künstliche Beatmung, habe ich erklärt bekommen. Ich bin zu meinem Zimmer im Bett zurück gerollt worden. Ich war ziemlich benommen, habe aber noch mit Schrecken festgestellt, dass eine transparente Tasche mit einer roten Flüssigkeit neben mir im Bett lag und durch einen Schlauch mit meinem Bauch verbunden war. Letzteres habe ich nur vermutet, weil ich mir meinen Bauch gar nicht anschauen wollte. Die Tasche auch nicht, aber die Krankenschwester meinte, ich müsste sie immer vorsichtig tragen, wenn ich mal aufstehen müsste. Die rote Flüssigkeit drin war kein reines Blut, wie ich gedacht hatte, sondern die Spülflüssigkeit, die noch durch die Drainage langsam entfernt werden musste. Und an beiden Handgelenken hatte ich Katheter. Mir ist erzählt worden, dass ich sehr viel Blut verloren habe, und dass die Schwangerschaft doch nicht in einer Eileiter war, sondern, noch seltener, in der Bauchhöhle. Gute Nachricht, beide Eileiter sind intakt (falls ich mich jemals vom Schreck erholen sollte), aber der Gedanke an einem Baby irgendwo im Bauch ist sehr beunruhigend.

Der erster Katheter ist am nächsten Tag entfernt worden, der zweite noch ein Tag danach. Die Tasche ist ebenfalls bis Donnerstag an meinem Bauch gebunden geblieben. Es war ziemlich ätzend, alles einhändig machen zu müssen. Schon beim Aufstehen hatte ich immer Angst, drauf zu drücken und den Schlauch weg zu reißen. Beim Toilettengang hatte ich immer einen schmerzenden Druck tief in der Blase gespürt. Ich habe nur darauf gewartet, die Tasche los zu werden. Beim Entfernen vom Schlauch bin ich vom Schmerz fast zur Decke gehüpft und habe laut „Putain“ geschrien (auf Deutsch schimpfen kommt mir nicht natürlich). Den Schmerz habe ich zwei mal hintereinander bekommen. Warum kriegt man vorher keine lokale Betäubungsspritze? Ich habe mich aber danach total befreit gefühlt und keine Hinderung mehr beim Ausscheiden gehabt. Das einzige, was mir noch Sorgen gemacht hat, ist die Klammer an meinem Bauchnabel, die ich durch das Pflaster spüren konnte. Die Entfernung würde wie beim Schlauch bestimmt sehr schmerzhaft sein. Als ich dies einer Ärztin mitteilte, hat sie mich zuerst überrascht geschaut und die Wunde geprüft: Es gab keine Klammer. Ich hatte nur den Knoten gespürt, der von alleine weg gehen sollte.

Ich habe mich relativ schnell erholt. Gestern konnte ich schon mit Martin zwei mal draußen um das Gebäude spazieren gehen. Vielleicht auch, um die komische Frau aus irgendeinem Katho-Verein nicht zu sehen, die fest dazu entschloßen war, mich unbedingt zu besuchen, obwohl ich ausdrücklich gesagt hatte, dass ich keine Seelensorge haben wollte. Zwei Mal ist sie unangekündigt (und von meiner Sicht aus unerlaubt) in meinem Zimmer mit ihren lauten hohen Absätzen herein geplatzt, um ganz laut autoritär durch den Raum zu rufen, dass sie mich besuchen wollte. Jedesmal lag ich im Bett. Beim ersten Mal, kurz nach dem Mittagessen, habe ich sie raus geschickt (und habe ihr Angebot von einem Flyer abgelehnt). Beim zweiten Mal war’s gestern früh, um die unverschämte Uhrzeit von nicht mal 07:30: Ich habe getan, als ob ich noch schlafen würde und sie mich gerade geweckt hätte, und da meine Nachbarinnen sie sich komisch angeschaut haben, hat sie ganz schnell ohne Wort das Zimmer wieder verlassen. Als ich mich bei der Krankenschwester über sie beschwert habe, war sie sehr überrascht und hat mich nach einer Beschreibung der Frau gefragt. Was ich mich frage ist, woher kannte sie denn meinen Namen, und warum hatte sie gar nicht versucht, mit meinen Nachbarinnen im Raum sonst zu sprechen? Kurz danach, als ich beim Frühstück war, ist der Oberarzt mit seinem Team zu mir bekommen, um mir zu sagen, dass ich eine „Exote“ war. Bauchhöhlenschwangerschaften sind so selten. Wie sollte man auf sowas reagieren? Ich habe mich für ein „Ach?“ entschieden (ich hätte mir den Status gerne gespart), und er hat mich dann nach meinem Zustand gefragt.

Heute Morgen bin ich endlich entlassen worden. Wie es aussieht muss ich einiges nachholen. Ich habe in der ganzen Zeit gar nicht ferngesehen. Über die schlimme Ereignisse von gestern weiß ich noch Bescheid, aber warum gibt es plötzlich überall auf Facebook Regenbögen? Und vor allem muss ich es schaffen, diese stinkende Wunde am Bauchnabel möglichst sanft zu reinigen. Jetzt kann ich mir wenigstens wieder meinen Bauch ohne Ekel anschauen. Mein Bauchfell schmerzt noch, aber die Ärztin meint, er wäre durch das Aufblasen mit Luft bei der OP normal und würde noch mehrere Tage dauern.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Was für ein Samstag…

Ich bin gestern Abend mit dem Zug recht spät angekommen und bin fast sofort ins Bett gegangen.

Heute Morgen, wie bei den zwei letzten Wochenenden, hat sich meine Katze übergeben. Diesmal nicht so viel, es war vor allem klare (stinkende) Flüssigkeit, Futter und Haare waren ganz wenig dabei. Ich bin also früh aufgestanden, um hinterher zu putzen. Jetzt schläft sie friedlich auf meinem Koffer.

Ich hatte durch meine Vermieterin einen Handwerker beauftragt, um meine Wohnung zu renovieren. Er hat sich diese Woche angeboten, um mir bei dem Umzug zu helfen. Wir sind also heute zum nächsten Baumarkt gefahren, um Kartons zu kaufen. Ich werde mindestens bis morgen brauchen. Ich hatte den ersten Karton fertig gepackt und wollte ihn mit Klebeband zu machen, als ich merkte, dass ich meine Schere nicht dabei hatte. Ich musste raus gehen, um neue zu kaufen. Ich habe die Gelegenheit genutzt, um noch einen Müllsack voll mit alten Kleidern zum Sammelcontainer zu bringen. Dort habe ich gemerkt, wie hungrig ich war, da ich mittags vergessen hatte zu essen. Ich überlegte gerade, wohin ich einkaufen gehen sollte, als ein rotes Auto neben mir hielt und eine weibliche Stimme meinen Namen rief – meine ehemalige Kollegin Angelika. Sie fuhr gerade nach Hause, fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt, und ich bin eingestiegen, um mit ihr ein bisschen zu quatschen. Bei ihr ist um die Ecke ein Kaiser’s, und ich habe dort zum Essen eingekauft. Schere hatten sie nicht, dafür aber vitello tonnato. Ich habe beschlossen, dass mein Cutter auch gut geeignet ist, um Klebeband zu schneiden.

Als ich mich auf Facebook einloggte, hatte ich eine neue Nachricht. Von meinem Vater. Er liege im Krankenhaus, ihm ginge es gut und er denke, schon am Montag raus gehen zu können. Ratlosigkeit, weil ich nicht mal wusste, dass er dahin musste. Ich habe ihn also angerufen. Sein Aufenthalt war doch nicht geplant. Die Nachricht hatte er mit seinem Handy geschickt, aber er konnte sich schon nicht so gut daran erinnern. Er war gerade mit seiner Freundin im Wohnwagen im Urlaub unterwegs, als es ihm schlecht ging. Herzinfarkt, genau wie vor vierzehn Jahren. Notaufnahme in Paris, Katheter überall… Er sagt, er hat jetzt beschlossen, das mit dem Rauchen und Trinken endgültig aufzuhören. Ich frage mich, wie lange er das diesmal durchhält. Er hatte dasselbe meinem Onkel auf seinem Sterbebett vor zwanzig Jahren schon versprochen. Ich habe ihm gesagt, mit dem dabei gesparten Geld könnte er sich bestimmt jeden Monat einen Zugticket von Südfrankreich aus nach Berlin gönnen. Vielleicht ist es für ihn eine Motivation, sich daran zu halten, obwohl ich daran zweifle, so nah zu einander sind wir wirklich nicht. Seine Freundin wird auf jeden Fall auf ihn aufpassen und streng sein. Sie hat einen guten Einfluss auf ihn, was seiner Gesundheit angeht. Mein Bruder sagte mir eben am Telefon, er würde auch zusehen, dass er nicht mehr raucht.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.