Ute

Mit Ute teile ich mir ein Büro, seitdem ich in der Firma arbeite. Mein erster Eindruck von ihr hat sich mit der Zeit nur bestätigt. Ich bin froh, dass wir im Büro mit Tim zu dritt sitzen. Mit Ute alleine wäre es unerträglich.

Ute kommt aus Berlin. Das hat sie mir mehrmals stolz erzählt, in meiner Anfangszeit, als ich so häufig gependelt war. Dafür sind ihre Ortskenntnisse von Berlin beeindruckend gering. Von Tempelhof, Südkreuz, Schöneberg, Friedenau, Steglitz, Dahlem, Zehlendorf hat sie noch nie was gehört. Charlottenburg, wenigstens? Kennt sie auch nicht. Sie glaubt, ich würde Namen erfinden. Langsam kriege ich den Verdacht, sie kommt in Wirklichkeit aus diesem Berlin, und keiner in ihrer Familie hat’s übers Herz gebracht, sie aufzuklären.

Ute redet viel und laut. Dabei ist das, was sie erzählt, meistens belanglos. Nicht nur, dass sie uns ständig fragt, welchen Tag wir denn heute hätten, oder uns nach zwei Stunden des Zusammensitzens plötzlich fragt, ob X oder Y noch im Hause wäre (wir können weder durch Wände sehen, noch melden sich die Kollegen bei uns ab, wenn sie Feierabend machen). Sie wiederholt gerne immer wieder dasselbe, entweder bis alle ihr zustimmen oder, wie im Büro häufig der Fall ist, bis keiner widerspricht, was nicht lange dauert, weil Tim und ich vertieft in unserer Arbeit stecken und ihr nur mit einem halben Ohr zuhören. Wenn sie bei uns keine Zustimmung bekommt, geht sie von Büro zu Büro und man hört, wie sie mit den anderen Kollegen genau die gleiche Diskussion führt, oder eher das gleiche Monolog.

Ihr zustimmen kann man leider selten tun, denn, obwohl sie als Wissenschaftlerin ausgebildet wurde, verhält sie sich in ihrer Denkweise gar nicht so. Wissenschaft ist objektiv, sie kann nur subjektiv argumentieren. Anstatt eine Erklärung zu suchen, warum ein Experiment einmal ausnahmsweise nicht wie erwartet gelaufen ist, wirft sie lieber Fachwissen über Bord und baut sich esoterische Theorien. Man kann sich mit ihr schlecht als Wissenschaftler unterhalten. Ich habe mich häufig gefragt, warum sie überhaupt eingestellt wurde. Sie soll in einem Bereich sehr gute Kenntnisse haben. Ein Bereich, in dem man nach Schema F ohne viel Nachdenken arbeiten kann. Für den Rest ist sie eine Katastrophe. Einfache Entscheidungen kann sie nicht treffen, ohne vorher alle Kollegen nach ihrer Meinung gefragt zu haben. Sicherlich musste es damals bessere Kandidaten gegeben haben[1].

Ute versteht vieles nicht. Auch das ist etwas, was sie selber gerne von sich selbst sagte, am Anfang. Sie stellte mir viel zu viele private Fragen, und wenn die Antworten ihrer eigenen Vorstellungen nicht entsprachen, war ihre Lieblingsreaktion „Das verstehe ich nicht“, neben „das ist ja abartig“. Selbst für die banalsten und unwichtigsten Sachen. Es wirkte so übertrieben, dass ich mich gefragt habe, was bei ihr nicht stimmt. Ich glaube, sie hat versucht, mich in ihrer eigenen Vorstellung herunter zu spielen, weil sie mich als Bedrohung wahrgenommen hat. Ich habe ja in meinem früheren Job Programme geschrieben, die ihre Arbeit zum großen Teil automatisieren. Sie macht sich Sorgen, dass sie irgendwann als überflüssig in der Firma angesehen wird. Ihr muss bewusst sein, dass sie außerhalb ihres Faches nichts anbieten kann.

Tim und ich programmieren viel, neben unserer wissenschaftlichen Tätigkeit. Tim ist eher der Shellprogrammierer und hat als Netzwerkadministrator fungiert, was gar nicht seiner Fachrichtung entspricht, bis wir endlich vor vier Monaten einen dedizierten IT-Mitarbeiter bekommen haben. In den anderthalb Jahren, in denen er diese Tätigkeit ausgeübt hat, ist es an Ute scheinbar vorbei gegangen. Sie war vor kurzem ernsthaft überrascht zu hören, dass Tim überhaupt programmiert. Obwohl die Beiden ein halbes Jahr im gleichen Büro gesessen haben, bevor ich dazu gekommen bin, und er so viele Skripte für unsere tägliche Arbeit geschrieben hat. Für meinen Teil kümmere ich mich um die Instandhaltung und Weiterentwicklung der Firmendatenbank.

Dafür braucht man Ruhe. Tim und ich haben uns Kopfhörer zugelegt, um Ute heraus zu filtern. Meine Kopfhörer reduzieren Geräusche. In Wahrheit kann man Ute nicht komplett ausschalten, aber ich tue als ob, und hinter meinen vier Bildschirmen kann ich sie gut ignorieren. Es hat geholfen. Sie stört uns weniger für Lappalien, da sie zu häufig ins Leere geredet hat. Sie muss auffällig winken, wenn sie unsere Aufmerksamkeit auf sich lenken will, und das macht sie doch nur, wenn sie wirklich etwas braucht[2].

Auf Arbeit haben wir eine Kernarbeitszeit, obwohl wir kein Zeiterfassungssystem benutzen. Zwischen halb zehn und halb vier haben alle anwesend zu sein. Das gilt für alle, außer für Ute. Als ich in der Firma angefangen habe, kam sie morgens nie vor elf an. Aus elf wurden halb zwölf, dann zwölf, und schleichend hat sich der Beginn ihres Arbeitstages immer später verschoben. Am Anfang des Jahres wurde es mal gerne ein oder zwei Uhr nachmittags. Ich habe mich nicht darüber beschwert. Ich komme früh morgens an, gegen acht, und genieße die Ruhe vor dem Sturm. Genau wie Tim. Es ist viel besser, wenn wir sie nur einen halben Tag aushalten müssen. Sie muss doch von der Leitung eins auf den Deckel bekommen haben, weil sie seit letzter Woche plötzlich wieder früher kommt. Also, gegen zwölf.

Das Unverschämte an ihr ist dabei ihre Behauptung, sie würde so gerne spät kommen und spät bleiben, weil sie abends ihre Ruhe hätte und keiner sie stören würde. Ob ihr auch entkommen ist, dass Tim und ich wegen ihr ausschließlich mit Kopfhörern arbeiten, weil sie selber die Ursache für die Unruhe ist? Dabei hatte sie schon das Büro wechseln müssen, als Tim eingestellt wurde, weil sie sich wegen den Kollegen auf ihre Arbeit nicht konzentrieren konnte, sie hätten zu sehr geredet. Wenn ich jetzt ans Zimmer ihrer ehemaligen Bürokollegen vorbei laufe, beneide ich sie um ihre Ruhe, die drin herrscht. Ute beschwert sich ständig, wenn Leute sich im Flur oder in ihren Zimmern unterhalten, es würde sie zu sehr ablenken. Sie ist einfach nicht der Lage, ihre Umgebung auszuschalten und sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Es klingt alles sehr wie ADHS, und ich versuche deswegen, mich mit ihr geduldig zu verhalten, auch wenn sie mir gewaltig auf den Keks geht.

Dadurch, dass Ute als Einzige so spät auf Arbeit kommt, erwartet sie, dass wir unmittelbar vor Feierabend Sachen für sie erledigen. Sie schafft es immer, kurz vor fünf einen „dringenden“ Bericht für einen Kunden fertig zu schreiben und fragt uns, ob wir ihn korrigieren können, damit sie ihn „heute noch“ schicken kann. Das machen wir nicht. Der Chef hat ihr mehrmals gesagt, sie kann von uns nicht erwarten, dass wir für sie Überstunden leisten, wenn sie selber so spät ankommt. Das hat ihr Tim wiederholt, der übrigens recht schnell Vertreter von unserem Teamleiter geworden ist und nun über sie entscheidet[3].

In letzter Zeit passiert es trotzdem häufiger, dass sie von uns abends etwas verlangt. Letzte Woche war Tim im Urlaub und ich war nicht erfreut, als ich abends auf der Couch neben dem Ehemann saß und auf dem Handy eine WhatsApp-Nachricht von ihr bekam[4], zwecks Bericht korrigieren. Es war 18:42 und ich habe beschlossen, diese Nachricht zu ignorieren. Am nächsten Tag fragte sie mich, ob ich den Bericht lesen könnte, ohne etwas von ihrer Nachricht zu erwähnen. Als ich gestern früh aufwachte und einen Blick auf Handy warf, wurde ich recht sauer, eine weitere Nachricht von ihr am Abend um 23:00 bekommen zu haben. Wofür hält sie sich, Arbeitskollegen an einem Feiertag so spät abends zu belästigen? Immerhin gut, das ich es erst am Morgen gesehen habe, sonst hätte ich vor lauter Empörung nicht schlafen können. Den Bericht hat Tim gestern selber korrigiert, nachdem ich ihm von dem Vorfall erzählt habe. Als ich Ute später bei ihrer Ankunft mitteilte, sie sollte bitte für die Arbeitsanfragen meine dienstliche Email-Adresse statt meine private Handynummer benutzen, hat sie noch die Frechheit besessen, darauf beleidigt zu reagieren. Hoffentlich stellt sie wenigstens ihr Verhalten ein. Ich kann für viele Sachen Verständnis aufbringen, aber bei Belästigungsversuchen hört’s auf.

[1] Sie war eigentlich Studentin bei Geert, vor zwanzig Jahren, das merkt man ihr gar nicht an. Ich glaube, ich habe selber mehr von Geert in unseren wenigen Treffen gelernt, als sie von ihm. Als ich ihn letzten Monat getroffen habe, habe ich erwähnt, dass sie bei uns im Büro sitzt. Er war überrascht und meinte nur, „Ach, da ist sie also gelandet.“ Es klang nicht, als ob er sie vermisst hätte. Das wundert mich nicht.

[2] Zum Beispiel wenn sie Schwierigkeiten mit unserer Projektmanagementsoftware hat. Sie kann sich nie merken, wie was zu tun ist. Es gibt Sachen, die wir ihr gefühlt tausend Male erklärt haben, er dringt einfach nicht in ihren Schädel rein. Der Hammer war in meiner ersten Arbeitswoche, als sie mich gefragt hatte, wie ein Programm, das mein Chef entwickelt hat, in einem bestimmten Fall zu bedienen wäre. Sie sollte doch die sein, die mich einarbeitet, schließlich ist sie seit zehn Jahren in dem Laden! Ohne Tim wäre mein Anfang sehr schwierig gewesen.

[3] Das hatte sie damals schwer verdaut und war stinksauer, dass ein Jüngling ihr vorgezogen wurde, aber sie wäre selber dafür nie in Frage gekommen.

[4] Ich hatte letztes Jahr die Ehre, unseren Betriebsausflug zu organisieren. Dadurch haben alle Kollegen im Team meine Handynummer bekommen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Schlaflos durch die Nacht

Nee, ich bin keine Fan von Helene Fischer. Schuld an der Titelfindung ist die Schlaflosigkeit. Mal wieder.

Blöd ist, ich war heute, oder gestern, je nachdem, wie man es sieht, jedenfalls am Dienstag, richtig müde.

Beim Sport am Montagabend habe ich mich ausgetobt, um zehn Uhr abends war ich dann im Bett.

Am Dienstag hat mich der Wecker um halb sieben geweckt. Ich habe mich beim Aufstehen recht fit gefühlt. Das hat bis etwa 15:00 angehalten.

Ute hat mal wieder genervt. Weil ich meine Kopfhörer zu Hause vergessen hatte, dachte sie, ich wäre für jeden Scheiß ansprechbar. Tim ist gerade in Elternzeit und wir sind nur noch zu zweit im Büro. Mein Pech. Ihr Problem ist, obwohl sie eine der ältesten Mitarbeiter in der Firma ist, ist sie nicht in der Lage, selbstständig Entscheidungen zu treffen, und sie muss uns ständig nach unserer Meinung fragen. Selbst für die unwichtigsten Lappalien. Das ist ätzend, wenn man beim Programmieren beschäftigt ist.

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich für die Mittagspause notgedrungen auf Obst und Kuchen greifen musste. Ich habe gegen 15:00 wieder Hunger bekommen, und kurz danach sind Kopfschmerze gekommen. Ein jüngerer Kollege hat mich noch besucht, um nach Hilfe bei einer Programmieraufgabe zu fragen. Da er mich unterstützen soll, musste ich durch. Meine eigene Aufgabe für den Tag habe ich erst um halb sechs fertig gekriegt. Vor der Heimreise habe ich Paracetamol geschluckt.

Auf dem Weg nach Hause habe ich mir bei der Bäckerei vor dem Bahnhof in Pasing eine Kleinigkeit zum essen geholt. Es hat nicht geholfen. Einmal zu Hause, bin ich auf der Couch liegen geblieben. Der Ehemann ist aus seinem Vorstellungsgespräch mit der nächsten S-Bahn zwanzig Minuten nach mir angekommen. Er hat mir nochmal Paracetamol gegeben und für uns Abendstulle vorbereitet.

Mir ging’s danach geringfügig besser. Wir haben zusammen für die Mittagspause von Mittwoch gekocht, nachdem ich große Schwierigkeiten hatte, mich von der Couch zu lösen. Danach bin ich wieder auf der Couch vor dem Fernseher gefallen, und von halb neun bis halb zwölf habe ich gedöst und geschlafen.

Um halb zwölf hat mich der Ehemann geküsst, bevor er aufgestanden ist, um ins Bett zu gehen. Ich bin aufgewacht, habe Zähne geputzt und bin auch ins Bett gegangen. Einschlafen konnte ich bis jetzt nicht.

Nach einer Stunde habe ich mir eine heiße Milch mit Honig gemacht, weil es mich während der Krankheit schön schläfrig gemacht hatte, aber heute klappt’s nicht.

Um zwei bis ich zurück zur Couch gegangen. Die Augen sind noch nicht müde. Morgen wird es hart auf Arbeit. Ich meine, heute.


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Die schlimmste Migräne überhaupt

Die hatte ich gestern. Ich finde, ich habe momentan häufiger Migränen als sonst. Schon dreimal in diesem Jahr! Im neuen Job habe ich viel zu lernen. Ute ist immer noch so anstrengend, wobei es besser geworden ist, seitdem ich den Trick von Tim verwende, einfach Kopfhörer drauf und ignorieren. Natürlich nicht wenn es um die Arbeit geht, aber das ist eher die Ausnahme. Meistens redet sie irgendein Quatsch ohne vorher nachzudenken oder regt sich total wegen Belanglosigkeiten auf. Gestern zum Beispiel. Sie sitzt vor ihrem Rechner, ich bin tief am Programmieren, und plötzlich fragt sie mich, ob es der 12. oder der 13. Februar wäre. Ignoriert, Kopfhörer als Alibi. Ich kann sie immer noch hören, aber das weiß sie nicht. Wie respektlos ist das, mich für so eine blöde Frage aus meiner Arbeit zu reißen, wenn ein Blick auf ihrem Bildschirm ihr die Antwort geben kann? Ich glaube, sie ist einfach süchtig nach Aufmerksamkeit und erträgt es nicht, wenn sich zwei Stunden lang niemand mit ihr unterhält.

Ich gebe Ute also einen guten Anteil Verantwortung dafür, dass ich so viele Migränen in letzter Zeit hatte. Natürlich könnte es auch daran liegen, dass ich wieder die Pille nehme. Oder dass sich jedes Mal das Wetter geändert hat. Oder dass ich immer am Abend davor im Fitnessstudio war, und mit naßen Haaren raus gekommen bin… Nein. Dann würde ich viel häufiger an Migränen leiden. Ich besitze seit über zwanzig Jahren keinen Föhn.

Gestern war jedenfalls die schlimmste Migräne, die ich je hatte. Schon vor der Mittagspause ahnte ich was Böses. Ich habe viel getrunken, es hat nicht geholfen. Und das, obwohl ich noch am frühen Morgen dachte, wie gut es mir doch in letzter Zeit gegangen war… Wie die zwei anderen Male. Es sollte mir eine Warnung sein. Wenn ich plötzlich denke, mir geht es ausgesprochen gut, sollte ich mich mental darauf vorbereiten, am Nachmittag zu nichts mehr fähig zu sein. Wie gestern Nachmittag. Nach dem Mittagessen habe ich bedauert, ausnahmsweise meine Packung Paracetamol zu Hause gelassen zu haben. Als ich mich kurz nach vier flau im Magen gefühlt habe, habe ich meine Sachen gepackt und früh Feierabend gemacht. Mit Bus und S-Bahn. Zwei Bussen, genauer gesagt. Mein zweiter Bus hat mich zu einer S-Bahn Station gebracht, wo die ersten Menschen schon vom Fasching-Zug zurück kamen. Dort, abseits auf der Wiese, dürfte noch mein gestriges Mittagessen liegen. Dass ich mich bei einer Migräne übergeben muss, hatte ich noch nie. Ich hoffe, es passiert nie wieder.

Um sechs war ich, nach einem unangenehmen Besuch über die Toilette, im Bett. Zwei Stunden später habe ich meinem Magen das Schlucken einer Paracetamol-Tablette zugemutet. Bis elf habe ich dann geschlafen, bis der Ehemann mir eine Nachricht geschickt hat. Ich hätte das Handy im Flugzeugmodus stellen sollen, weil ich danach bis sechs Uhr morgens nicht mehr einschlafen konnte. Dafür ging es mir heute auf Arbeit erstaunlich gut.


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Die Ferien sind vorbei

Das war heute morgen nicht zu übersehen. Es war schwierig genug, zur Arbeit zu fahren. Überfüllte Busse. Als ich in den ersten Bus eingestiegen bin, habe ich den ersten freien Sitzplatz genommen, an den ich vorbei gegangen bin. Direkt neben der Tür. Gut, dass ich nicht gezögert habe, weil noch ganz viele Schüler eingestiegen sind. So dicht aneinander gepackt! An der Haltestelle hätte ich nicht gedacht, dass so viele draußen standen. Vermutlich sind sie ausgestiegen, um wieder einzusteigen, weil andere Passagiere raus mussten. Unweit von mir standen zwei Mädchen, die kein Bock darauf hatten, zurück zur Schule zu gehen. Beide voll geschminkt, mit Übergewicht und langen künstlichen Nägeln. „Warum habe ich keine Ausbildung gemacht?“ fragte die eine. „Was für eine?“ wollte die zweite wissen. „Bei Douglas! Dann könnte ich viel Parfum mitnehmen,“ seufzte die erste.

Beim Umsteigen hat es mich recht sauer gemacht, dass zwei Busse an der Haltestelle vorbei gerauscht sind, ohne zu halten. Beide rappelvoll, mit Leuten an den Türen breit geklatscht. Auf den dritten Bus habe ich mitten auf der Straße gewartet. War doch nicht nötig, er war nicht so voll und hat angehalten. Auf die Art habe ich eine Viertelstunde mehr auf dem Weg zur Arbeit gebraucht. Dabei gibt es sogar unterschiedliche Fahrpläne bei Schule und Ferien. Wozu, frage ich mich. Fehlplanung.

Auf Arbeit waren die Ferien auch vorbei. Ich habe ganz viele neue Leute kennen gelernt, und natürlich konnte ich mir nicht alle Namen merken. Meine Zimmerkollegin Ute ist ebenfalls aus ihrem Urlaub zurück gekommen. Nach einem Tag geht sie mir schon auf die Nerven. Sie kommt mir ein bisschen wie Nina vor, in ihrer Art, obwohl sie wenigstens nicht so dumm wirkt. Bei unserem ersten Treffen im November hatte sie eher einen kompetenten Eindruck hinterlassen. Das kam davon, dass sie so affirmativ und selbstbewusst redet. Wie Mr Keen. Bei ihm war es alles Schau, bei Ute denke ich, es kann in ihrem Fach begründet sein. Obwohl ich schon mitgekriegt habe, wie sie heute genau so selbstbewusst in einem ganz anderen Thema totalen Quatsch erzählt hat. Sie redet leider ununterbrochen und dabei ist es ihr völlig egal, was ihre Zuhörer denken. Sie erwartet Zustimmung und wenn sie sie nicht bekommt, fällt sie einem ins Wort und redet weiter. Sie lässt keine Unterbrechung zu und Gespräche mit ihr sind eher Monologen. Irgendwann habe ich ausgeschaltet, als sie sich mit Tim „unterhalten“ hat (ihm fällt sie auch ins Wort). Meine Arbeit muss erledigt werden. Mir ist aber aufgefallen, sie denkt, ihr würde weiterhin zuhören, weil sie manchmal auf Reaktionen meinerseits wartet, ohne mich vorher explizit angesprochen zu haben. Wozu soll ich zuhören und reagieren, wenn sie eh erwartet, dass ich ihr in allem zustimmen sollte? Anstrengend. Ich muss mir ganz schnell eine Überlebensstrategie aussuchen.


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Erschöpft

Müde mit Migräne. Kurz vor fünf habe ich eingesehen, dass es keinen Zweck hatte, länger bei der Arbeit zu bleiben. Ich konnte nur noch gähnen. Ich bin mit dem Fahrrad nach Hause gefahren, da ich morgen früh anfangen muss und mit dem Fahrrad schneller als mit der Tram bin. Ich bin langsam gefahren und habe jede Bodenunebenheit auf der Straße gespürt. Jedes Mal hat es einen stechenden Schmerz in der linken Schläfe ausgelöst, bis zum Auge.

Ich habe mir diese Woche nicht genug Schlaf gegönnt. Es war schon stressig, da wir seit dem Wochenende mit Martin viele Möbel-Läden besucht haben, um uns Küchen für die neue Wohnung anzuschauen. Zeitverschwendung. Wenn in Läden Preise stehen, beziehen sie sich nie auf das, was man ausgestellt sieht, sondern auf das Foto auf dem Plakat. Man kann sich so keine Vorstellung vom Endpreis machen. Wir sollten mit einem Plan der Küche kommen und sagen, was wir uns als Material und Geräte vorstellen, und einen Preisvorschlag erstellen lassen. Meine Mami sagt, dafür sollte man pro Laden gut anderthalb Stunden planen.

Heute Morgen bin ich von Martin’s Wohnung aus mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Ich hatte es seit fast drei Wochen nicht mehr gemacht. Ich habe anderthalb Stunden gebraucht. Mir ging’s zuerst gut, dachte ich, aber danach habe ich mich doch müde gefühlt. Kaffees und Schokoriegel haben nicht geholfen. Gegen 14:00 habe ich die ersten Anzeichen von einem Kopfschmerz wahrgenommen und Paracetamol geschluckt. Ohne Wirkung.

Bei der Arbeit ging es sowieso seit dem Morgen schleppend. Ich habe viel Zeit damit verbracht, Google-Suchen über Qwt5 und PyQt4 zu machen. Ich habe Daten, die mein Vorgänger in meinem Programm in einigen Plots dargestellt hatte. Ganz einfache x:y Daten. Die Darstellung sollte aber 1/x2:y sein, mit den Werten für x auf der x-Achse, nicht für 1/x2. Ein Kopfzerbrechen. Ich habe den Eindruck bekommen, dass QwtScaleEngine gebraucht wird. Was QwtScaleEngine macht, ist aber, zwischen linearer und logarithmischer Darstellung zu wechseln, mehr nicht. Ich müsste eine neue Funktion definieren, um eine eigene Darstellung mit 1/x2 zu kreieren. Es würde QwtScaleTransformation involvieren. Wie, ist mir nicht ganz klar, so spärlich die Qwt-Dokumentation ist. Dort ist nichts erklärt, es gibt nur eine Auflistung von allen Klassen und Attributen. Keine Ahnung, wie man sie benutzen soll. Ich habe sowieso nur die Dokumentation für die Version 6.1.1 gefunden, und ich arbeite mit einer älteren Version, bei der QwtPowerTransform nicht existiert. Ein Beispiel für eine personalisierte Skalierung habe ich gefunden, mit vielen neuen Klassen zu definieren, was mir zu aufwendig war. Eine einfache Lösung des Problems scheint es nicht zu geben. Kein Wunder, dass mein Vorgänger stattdessen

myengine = self.ui.qwtPlot.axisScaleEngine(Qwt.QwtPlot.xBottom)

Qwt.QwtScaleEngine.setAttribute(myengine, Qwt.QwtScaleEngine.Inverted)

benutzt hat. Das löst das Problem leider nicht wirklich.

Ich habe meine Suche aufgegeben, als Uschi nachmittags zu mir kam und meinte, er würde meine Daten über die Download-Statistik vom Programm, die ich ihm gestern geliefert hatte, für merkwürdig halten und ich sollte sie überprüfen, bevor er sie in seinem Vortrag morgen benutzt. Seit der Freigabe in Februar hat sich die Anzahl der Nutzer verdoppelt. Es kam ihm suspekt vor, weil wir bei jedem Download eine automatische Email bekommen, da die Nutzer ein Registrierungsformular ausfüllen müssen, und er hätte nicht so viele in seinem Postfach. Ich habe meine Zahlen geprüft, was mir eine Stunde gekostet hat, und dasselbe Ergebnis wie gestern bekommen. Das mache ich anhand einer Mailing-Liste, die per Hand gepflegt werden muss. Wir hatten unsere IT-Abteilung gefragt, die Email-Adressen der Nutzer automatisch in der Liste zu speichern, aber „es geht nicht“. Ich muss regelmäßig alle Emails öffnen und prüfen, ob die Adresse schon in der Liste ist, bevor ich eine neue einfüge (wenn ich Updates ankündige, laden die Nutzer das Programm erneut herunter).

Es hat meine Stimmung nicht verbessert, dass Kate mich immer wieder zwischendurch mit idiotischen Fragen belästigt. Heute wollte sie wissen, wie man mit PowerPoint unter Linux PDF-Dateien erzeugen kann. Seufzer. Wie häufig habe ich ihr schon gesagt, dass es unter Linux kein PowerPoint gibt? „Ach nee, mit OpenOffice“, korrigierte sie sich dann. Wir haben eigentlich LibreOffice, aber diese Feinheit habe ich nicht mehr erwähnt. Programm selber geöffnet, unter „File“ geschaut, und da war, mittig, nicht zu übersehen, die Zeile „Export as PDF“. Hätte sie bloss die Menü-Punkte gelesen, hätte sie die Frage nicht stellen müssen. Promovierte blöde Kühe gibt es wohl.

Ich wollte eigentlich heute Abend mit dem Vortrag anfangen, den ich nächste Woche bei einer Tagung halten soll. Mit der Migräne wird es heute nichts mehr.


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Kalter Montag

Die Glätte hat mich völlig überrascht. Ich hatte die Wettervorschau nicht beachtet. Es gab am Wochenende Besseres zu tun.

Am Samstag habe ich es doch nicht geschafft, zum Sport zu gehen. Ich habe mich um meine Wohnung gekümmert. Mir ist aufgefallen, dass Brüderchen schon am kommenden Wochenende mit seiner Freundin zu Besuch kommt, und ich wollte den Wohnzimmerbereich bequemer gestalten. Ich bin noch nicht fertig. Am frühen Abend habe ich die Katze reichlich versorgt und mich fürs Wochenende auf dem Weg zu Martin gemacht. Über eine Stunde Fahrt mit ÖPNV. Als wir uns umarmt haben, ist mein Stress von Freitag auf einmal verschwunden. Wir sind noch essen gegangen, bevor wir uns im Schlafzimmer vergnügt haben. Er fühlte sich trotz OP ziemlich gut. Da ich ihn schonen wollte, habe ich beschlossen, in die Reitstellung zu gehen. Und muss heute peinlich feststellen, dass ich unbedingt meinen Trainingsplan ändern muss. Solche Muskelkater hatte ich lange nicht mehr gehabt. Aber seiner Reaktion nach zu beurteilen, hat es sich sehr gelohnt. Wir haben auch schon Urlaubspläne für den Sommer diskutiert. Wenn das nicht ernst ist.

Nach einer erholsamen Nacht bei mir habe ich mich heute Morgen kurz nach acht auf dem Weg zur Arbeit gemacht. Normalerweise brauche ich zu Fuß eine Viertelstunde bis zur Haltestelle. Nicht so heute. Die Hälfte meiner Strecke ist bis zur Hauptstraße des Viertels mit Kopfsteinpflastern bedeckt — sowohl Bürgersteig als auch Straße. Mit der Glätte von heute Morgen war es der reine Horror. Aus dem Kiez raus war es kaum besser, da es noch nirgendwo bestreut wurde und ich über eine Brücke gehen musste. Kurz davor stand ich still und überlegte, wie ich weiter gehen sollte, als der Wind plötzlich stark wehte und mich fast zum Fall gebracht hätte. Als ich endlich heil die Haltestelle erreichte, war es schon 08:45. Der Weg von der Straßenbahn bis zu meinem Gebäude war genau so mühsam langsam. Und ich hatte meine Winterschuhen an. Ich muss mir unbedingt Spikes besorgen.

Die Arbeit verlief heute super. Mein IT-Kollege hat eine Beschreibung gefunden, wie man PyQt4 auf Maverick installieren kann. Ich habe sie gleich auf Uschi’s Mac ausprobiert und war begeistert, als es endlich lief. Man musste nur homebrew installieren, und danach brew install qt, brew install sip, brew install pyqt. Einfacher geht’s nicht. Qwt5 musste noch her, dann ist alles reibungslos gelaufen. Was für eine Erleichterung. Damit konnte ich bei unserer Besprechung positive Ergebnisse zeigen. Das Problem mit openSUSE scheint doch nicht so wichtig zu sein. Ich kann mich jetzt darauf konzentrieren, das Programm zu veröffentlichen. Wir hatten letzte Woche schon die Arbeitseinteilung bei den Geräten für diese Woche diskutiert, aber Uschi meinte, es könnte sein, dass jemand für Martin einspringen sollte, falls er noch nicht zurück kommt — wahrscheinlich er oder Winfried. Dabei hat er mich die ganze Zeit angeschaut. Ich werde das Gefühl nicht los, dass er schon Bescheid weiß. Wie auch immer.

Wir haben mit Martin noch nicht darüber diskutiert, ob wir uns als Paar outen oder nicht. Ich finde die Situation unangenehm. Es wäre mir lieber, nichts zu verheimlichen. Meine Kollegin Mieke hat mich heute erneut mit Fragen gebohrt. Und ich bekomme wieder das Gefühl, dass sie sich ihn vielleicht schnappen wollte. Dabei hat sie am Mittwoch darüber gelacht, ob wir denn „schon wieder“ ein Date hätten, als ich offensichtlich nach meiner Präsentation auf ihn wartete, um zusammen Feierabend zu machen. Martin hatte einfach ja geantwortet. Heute fragte sie mich, ob jemand etwas wüsste, wie es ihm nach der OP ging. Mit „jemand“ meinte sie mich. Da wir zu zweit waren, habe ich ihr kurz erzählt, dass er wahrscheinlich die ganze Woche noch abwesend wäre und heute zurück zum Arzt musste. Sie hat mich scherzend gefragt, ob ich ihn besucht hätte, was ich lächelnd bejaht habe. Ich habe gemerkt, dass es ihr danach nicht mehr gelungen ist, ganz locker zu wirken. Es kann sein, dass ich völlig falsch liege, aber mein Bauchgefühl sagt mir das Gegenteil. Sie erinnert mich an Hülya, und wie sie mir einmal erzählt hatte, sie wäre dumm genug gewesen, um Olivier in die Arme einer anderen Frau gesteckt zu haben, weil sie ihm gesagt hatte, die Frau möchte mit ihm Sex haben — sie wollte dadurch nur seine Reaktion prüfen, aber er hat sich tatsächlich darüber gefreut und ist zur anderen Frau gegangen. Ich denke manchmal, Mieke verhält sich mit Martin genau so.

Der Weg nach Hause sah heute Abend genau so schlimm wie am Morgen aus. Ich habe kurz eingekauft und ein Taxi bestellt. Das werde ich morgen auch machen, weil ich so früh bei der Arbeit sein muss. Danach schaue ich, ob ich Spikes kaufen kann. Es soll diese Woche nur noch kälter werden.


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Dienstag

Mir geht’s schon viel besser. Das hätte ich nach heute Nacht nicht erwartet. Mit Kopfschmerz gegen elf ins Bett, um halb drei aus irgendeinem Grund wieder wach. Unruhig. Ständig gewälzt. Um halb sechs habe ich noch den Wecker geschaut. Um sieben hat er mich plötzlich aus einem heißen lesbischen Traum gerissen. Am frühen Morgen nach langer Schlaflosigkeit sind meine Träume immer sehr merkwürdig.

Als ich auf dem Weg zur Arbeit in die Straßenbahn eingestiegen bin, war Winfried auch drin. Er wohnt ein bisschen weiter weg auf der gleichen Linie. Wir haben uns während der Fahrt über die Entwicklung meines Projektes unterhalten. Wenn Uschi nicht da ist, übernimmt er ja seine Funktion als Chef. Ich habe wieder im Büro meiner Kollegen gesessen und versucht, mein Programm auf einer frischen Installation von openSUSE 13.1 zum Laufen zu bringen. Vergeblich. Qwt5 kann nicht gefunden werden, obwohl ich alle Pakete installiert habe. Google hat mich im Stich gelassen. Die Kaffeemaschine hat erneut gestreikt. Martin war wegen eines Termins den ganzen Vormittag nicht da. Er ist kurz vor der Mittagspause angekommen. Mittags waren wir nicht alleine. Ich bin dafür mit ihm nachmittags im Labor geblieben, aber natürlich ging’s primär um die Arbeit. Keine süße Zärtlichkeit wie am Wochenende. Um fünf war er schon weg, um zum Sport zu gehen. Mist.

Nach weiteren erfolglosen Versuchen mit Qwt5 bin ich zum Fitness-Studio gegangen. Mein Training lief super. Zwei Stunden, wie immer. Ich werde beim nächsten Mal das gleiche machen, aber es wird danach wieder Zeit, einige Gewichte zu erhöhen, damit es anstrengend genug bleibt. Ich habe fast die 70kg verlassen. Das Gewicht hatte ich ewig nicht mehr erreicht, obwohl ich nicht besonders auf meine Ernährung aufpasse. Döner-Box mit Pommes gibt’s relativ häufig. Selbst als ich vor drei oder vier Jahren täglich trainiert hatte, vor meinem Ischias-Problem, war ich nie unter 74kg gekommen. Ich muss zum Arzt gehen, um meinen Zustand prüfen zu lassen. Ich habe seit dem Sommer zu schnell abgenommen, und ich erinnere mich an mein Diploma-Jahr, als ich wegen der ganzen Paukerei super dünn geworden war und den Sommer danach mit Eisen- und Magnesium-Tabletten verbringen musste, weil erhebliche Mängel durch eine Blutspende zufällig ans Tageslicht gekommen waren.

Aber jetzt fühle ich mich toll. Das Training hat Spaß gemacht. Mein Ischias verhält sich fast wieder, als ob nie etwas gewesen wäre. Morgen gibt’s ein enges Kleid mit Pumps. Vielleicht kann ich Martin überzeugen, etwas am Abend zu unternehmen. Ohne dass meine (deutlich ältere) Kollegin Mieke es mitbekommt. Ich mag es nicht, wie sie sich manchmal mit ihm verhält, vor allem, da sie sich vor kurzem von ihrem Mann getrennt hat. Als ich das letzte Mal mit Martin zum Weihnachtsmarkt verabredet war, hatte sie es irgendwie erfahren und wollte sich einmischen. Etwas hatte sie doch im letzten Moment daran gehindert. Es war ein bisschen der Grund, warum ich zum Labor mit ihm heute Nachmittag gegangen bin, da er zum ersten Mal dort arbeitet und sie ihn vorher einweisen musste. Ich habe selber nie im Labor etwas gemacht, ich konnte dadurch meine Absicht gut tarnen. Vielleicht bilde ich mir nur etwas ein. Mit mir verhält sie sich auch überfreundlich.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.