Der verpasste Betriebsausflug

Ich war mit meinen Kollegen für einen Betriebsausflug verabredet. Wir sollten uns um viertel vor zehn an einem Badestrand am See treffen, um von dort aus eine Wanderung auf dem Berg zu machen.

Der Badestrand lag dreiviertel Stunde Fußmarsch von meiner aktuellen Position entfernt. Ich stand an einer belebten Kreuzung mitten in der Stadt. Neben mir mein Fahrrad und mein dunkelblauer Samsonite Koffer[1]. Ich wollte zu unserem Treffpunkt weiter fahren, konnte es aber unmöglich schaffen, da der Koffer in dem Korb hinter dem Sattel nicht passte. Ich probierte es sogar verzweifelt, und nein, ich bekam den Koffer nicht in den Korb rein.

Mir fiel ein, dass meine Freundin Sabrina direkt an der Kreuzung wohnte, auf der anderen Straßenseite. Ich ging zu ihr mit dem Koffer, der Flasche Wasser und einer Banane, die im Korb waren, und erklärte ihr mein Problem. Ob ich vielleicht den Koffer bei ihr lassen könnte, um ihn am Abend wieder abzuholen? Sie wäre am Abend nicht da, sagte sie, aber ich könnte den Koffer bei ihrem Mitbewohner Michael lassen, er wäre heute Abend wieder da. Jetzt aber nicht, und ich konnte ihn nicht fragen, ob es ihm passte. Michael war ein gemeinsamer Bekannte von uns[2], der gerade in einem großen Forschungsinstitut seine Doktorarbeit zum Thema Batterien schrieb. Sabrina meinte, es wäre faszinierend, ihn darüber reden zu hören. Ich dachte in mir, er wäre schon so lange dran, dass er nie seine Arbeit zu Ende bringen würde, und dachte eher, er sei nur so ein Schwindler.

Ich wollte mich für die Weiterfahrt umziehen und holte zwei Hosen aus meinem Koffer. Die erste, eine blaue Jeans von Levis[3], hielt ich vor meiner Hüfte, um festzustellen, dass ich niemals rein passen würde. Sie war viel zu eng, oder, wie ich Sabrina erklärte, ich hatte zu viel zugenommen. Ich entschied mich für die zweite Hose, die ich häufiger trage.

Danach gingen wir raus, weil ich noch was zum Essen für die Wanderung einkaufen musste. Dafür stiegen wir in eine Straßenbahn ein. Ich kannte die Gegend nicht und wir fuhren eine Haltestelle zu weit. Es war doof, wir mussten dann in die andere Richtung eine Station zurück fahren, die nächste Straßenbahn käme in zwanzig Minuten und ich würde jetzt verspätet ankommen.

Wir gingen in ein Supermarkt und ich suchte nach etwas Geeignetes zum Mitnehmen für die Wanderung. Ein Sandwich oder so. Das gab es nicht. „Du hast doch die Banane und die Flasche Wasser“, sagte Sabrina. Es würde aber nicht reichen. Mir fiel ein, ich bräuchte sonst noch was vom Supermarkt. Als wir an der Kasse standen und ich am Zahlen mit der EC-Karte war, fragte Sabrina die Kassiererin, ob sie auf dem Zettel schreiben könnte, dass sie auch anwesend war. Warum auch immer.

Ich guckte auf meine Armbanduhr. 09:55. Mit der dreiviertel Stunde Fußmarsch würde ich jetzt so spät ankommen, dass die Kollegen bestimmt nicht mehr auf mich warten würden. Ich könnte mit dem Fahrrad versuchen, sie auf dem Berg einzuholen, aber bergauf radeln, das ist nichts für mich. Ob ich einfach den Betriebsausflug aufgeben sollte? Wir gingen vom Supermarkt raus. Es gab kleine Holzhütten, wo ich vielleicht was zum Essen finden könnte. Sabrina kaufte sich eine Packung Zigaretten.

Zurück in Sabrinas Wohnung. Michael war immer noch nicht da. Ich guckte aus dem Fenster herunter zur inzwischen menschenleeren Kreuzung. Mein Fahrrad und der blaue Koffer standen immer noch brav auf dem Bürgersteig. Niemand hatte sie geklaut, obwohl sie nicht angeschlossen waren.

[1] Den Koffer habe ich vor zwanzig Jahren in Aachen gekauft, und er begleitet mich immer noch auf Reisen.

[2] Keine reale Person.

[3] Blaue Jeans trage ich seit Jahren nicht mehr, schon bevor ich nach Berlin umgezogen bin.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Unerwartet

Ich bin im Urlaub bei meiner Mama. Ohne den Ehemann, der im neuen Job in der Probephase steckt und noch keinen Urlaub machen darf. Er kommt am Wochenende zum Geburtstag vom Neffen.

Mein letzter Urlaub war verdammt lange her. Um die Weihnachten-Neujahr-Zeit.

Die Woche in Februar, die ich mir frei genommen hatte, zählt nicht, da ich mich trotz Impfung mit der auf Arbeit kursierenden Grippe infizieren lassen hatte, und wir unsere Reise stornieren mussten.

Gut, es gab die eine Woche Ende Juni, als ich meine Mama zu uns eingeladen hatte. Sie war noch nie in München gewesen. Es war genau diese eine Woche, als es richtig heiß wurde. Selbst für uns aus der Provence, wo man vermeintlich an die Hitze gewöhnt sein müsste, wurde es unerträglich, und wir waren nur vormittags unterwegs.

Jetzt also Urlaub. Es ist zwei Uhr morgens und ich kann nicht schlafen. Dabei hatte ich gestern richtig entspannen können. Viel geschlafen. Vielleicht zu viel. Oder es liegt an der Mücke im Schlafzimmer. Ich höre sie, kann sie aber nicht entdecken. Ab und zu fliegt sie mir um die Ohren. Ich habe schon sieben Stiche, seit meiner Ankunft am Sonntag. Oder meine Gedanken kreisen zu sehr. Außerdem nervt ein Großhund in der Nachbarschaft, der draußen die ganze Zeit nur am Heulen ist. Jetzt um halb vier immer noch. Das ist ätzend.

Heute sind wir zum Lac de Sainte-Croix gefahren. Wir haben’s nicht weit. Seit meiner frühesten Kindheit verbringen wir dort Zeit im Sommer. Ich bin geschwommen. Das Wasser war fantastisch. Dabei meinte die Friseurin vorhin, es wäre deutlich abgekühlt und man könne nicht mehr drin gehen… Ich habe mich wohl abgehärtet. Ich war am letzten Samstag früh morgens mit dem Ehemann mal wieder nach Starnberg gefahren. Lecker in der französischen Bäckerei gefrühstückt, auf dem Markt eingekauft, und in dem See geschwommen. Boah war das kalt drin. Mir hatte das Steißbein geschmerzt und ich musste erstmal wieder raus, bevor ich los schwimmen konnte. Hier war das Wasser heute richtig gut. Und das tolle ist, die meisten Touristen sind weg, es waren nur sehr wenige Leute am Strand.

Als wir zu Hause waren, habe ich eine Nachricht von meinem Gruppenleiter auf WhatsApp entdeckt. Ich sollte ihn anrufen. Er hatte mir noch nie Nachrichten aufs Handy geschickt, außer als ich mich beworben hatte, und ich habe böses geahnt.

Am Freitag ist etwas auf Arbeit passiert. Unser Chef, der Gründer der Firma, ist bei einem Telefongespräch mit einem Kunden an seinem Schreibtisch kollabiert. Keiner hat es mitbekommen, da seine Tür geschlossen war, außer der Kunde, der daraufhin unser Sekretariat angerufen hat. Ein Notarzt wurde angerufen, und kurz danach sind Sanitäter an unsere offene Bürotür zum Aufzug vorbei gelaufen, mit ihm vollständig unter einer Decke versteckt auf einer Trage. Bei dem Anblick lief mir ein Schauer über den Rücken.

Kurz danach wurden wir von der Chefin, die die Stelle von CEO#2 übernommen hatte, zu einer Versammlung gerufen. Die Reaktion von Ute auf ihrer Email: „Weißt du, was das für uns bedeutet? Wir dürfen nicht mehr alleine im Büro sein, das ist, was jetzt kommt. Das ist blöd, da ich immer so spät abends im Büro bin…“ Die Frau ist unglaublich. Selbst an solchen Momenten kann sie nur an sich selbst denken. Darum ging’s in der Versammlung natürlich nicht, sondern darum, uns alle zu informieren, dass der Chef ins Krankenhaus gebracht wurde. Wie die Chefin über den Vorfall berichtete, klang es aber nicht so schlimm.

Als ich die Nachricht von meinem Gruppenleiter heute gelesen habe, hat es mich recht beunruhigt. Ich habe ihn angerufen und er hat mir unter Tränen vom Tod vom Chef berichtet. Hirnblutung. Das war ein Schock.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Migräne

Seit Freitag leide ich an Migräne. Mir war es zu heiß, obwohl wir eine Klimaanlage im Büro haben. Viel Wasser getrunken. Ich musste mir auf Toilette den Kopf unter Wasser stellen, was im Nachhinein vielleicht keine so gute Idee war.

Am Freitag mussten andauernd Leute bei uns ins Büro platzen, um Sachen zu diskutieren. Vor allem Fergus, der noch am Tag davor in einem Meeting von der Leitung einen Hinweis bekommen hatte, dass er mit seinem Verhalten die Kollegen von der Arbeit abhalten würde und damit aufhören sollte. Eine Email tät’s doch auch. Es nützt bei ihm nicht. Vielleicht dachte er, jemand anders wäre gemeint.

Ich war jedenfalls müde. Als ich Feierabend gemacht habe, waren es noch leichte diffuse Kopfschmerze. Im Bus habe ich mich schlecht gefühlt, und als ich wegen Verspätung zur S-Bahn sprinten musste, hat es im Kopf gepocht.

Zu Hause angekommen, habe ich mich auf die Couch geschmissen. Paracetamol geschluckt, Wasser getrunken. Keine Wirkung, jedenfalls nicht die, die ich mir erhofft hatte. Mein Magen hat angefangen zu schmerzen, und ich musste mich kurz danach übergeben. Um uns drehte sich das Gewitter. Donner. Aber es ist woanders ausgebrochen.

Um neun war ich im Bett. Um eins bin ich aufgewacht, als der Ehemann vom Arbeitszimmer runter gekommen ist. Bis vier konnte ich nicht mehr schlafen. Um halb acht bin ich zuletzt aufgewacht und aufgestanden.

Den ganzen Tag habe ich mich komisch gefühlt. Migränekater. Ich bin zu Hause geblieben. Am Abend bin ich gegen halb zehn vor dem Fernseher eingeschlafen. Um zwölf wollte der Ehemann ins Bett, ich bin ihm gefolgt. Wir haben wieder die Fenster gekippt, um frische Luft rein zu lassen.

Ich war dabei einzuschlafen, als es draußen plötzlich einen lauten Knall gegeben hat, wie ein Luftballon der platzt. Eine Frau hat hysterisch gelacht, Männer haben laut geredet. Das war’s dann auch, mit dem Einschlafen. Die Kopfschmerze sind wieder da. Ich bin müde und will schlafen, es klappt aber nicht.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Das Wochenende in nicht so vielen Bildern

Das Wochenende hat am Mittwochabend begonnen. Ich bin pünktlich aber nach Bier stinkend in Südkreuz angekommen, nachdem ein Mitreisender (ein alter Blonder im Anzug mit Hipster-Knoten-Frisur) am Nachbartisch seine Dose am Boden geschleudert hat – ohne erkennbaren Grund. Hosenbeine und Handtasche getränkt. Ich: Gekränkt (vor allem des Reimes wegen). Die Handtasche ist aus dickem Stoff, und der Inhalt blieb zum Glück verschont.

Am Donnerstag habe ich meine Klamotten gewaschen und die Handtasche per Hand gereinigt. Unglaublich, wie viel Farbstoff dabei rauskam. Bei der Sonne und der Hitze konnte die Tasche schnell auf dem Balkon trocknen. Zum Mittagessen war ich mit dem Ehemann verabredet, der keinen Feiertag hatte, und auf dem Rückweg habe ich diese Skulptur der stillenden Bärin von Hugo Lederer entdeckt. Sie liegt im Grüne versteckt vor dem Rathaus Zehlendorf. Am Gemüsestand vor der Bäckerei habe ich mit dem netten jungen Verkäufer geplaudert und grünen Spargel gekauft, daher gab es am Abend wieder mal den Salat mit grünem Spargel und Tomaten. Als Nachtisch habe ich uns den No-Bake-Cake-Erdbeere nachgemacht, ohne Holunder. Es ist toll, wenn man bei der Hitze den Backofen nicht benutzen muss. Wir hatten noch zwei Termine am späten Nachmittag zu Hause, von einem Umzugsunternehmen und von potentiellen Mietern.

Am Freitag war ich mit Winfried verabredet. Nach fünf Monaten wollte ich endlich den alten schweren Macbook zurück geben. Ich sollte Anfragen wegen Programm #1 bearbeiten, bis ein Nachfolger gefunden wird. Aber mal ehrlich: Nach zwei Monaten in dem neuen Job konnte ich abends nicht mehr die Zeit und Lust finden, um noch kostenlos zu arbeiten, und ein Nachfolger ist immer noch nicht in Sicht. Jetzt bin ich Mac-frei, und es ist gut so. Zur Mittagspause sind fast alle ehemaligen Kollegen mitgekommen. Obwohl ich vorgeschlagen hatte, zum Japaner zu gehen, da Pawel am liebsten dorthin geht. Ich hatte stillschweigend die Hoffnung, dabei Mr Keen los zu werden, weil er sonst immer Wert darauf legt, bei einem anderen Lokal zu essen, den ich nicht mag. Aber nein. Immerhin waren wir so viele am Tisch, dass Wechselwirkungen mit ihm sehr begrenzt waren.

Am Nachmittag habe ich Kate am Treptower Park getroffen. Man merkt, wie trocken es ist Berlin ist. Die Wiese ist ganz gelb. Als ich im Schatten stand und auf Kate wartete, ist mir der alte Herr mit weißen Haaren aufgefallen, der so nah am Weg nackt lag und offensichtlich bemerkt werden wollte. Er hat sich mehrmals umgeschaut und als ihm klar wurde, dass keiner ihn beachtet hat, hat er sich wieder angezogen und ist gegangen. Gegen fünf haben wir den Park verlassen. Ich wollte nach Hause, aber gerade dann fuhr die Ringbahn wegen irgendeiner Störung nicht und ich habe Kate bis Schöneweide begleitet, um von dort die S45 oder S46 zu kriegen. Beim Wegfahren hat ein heftiger Gewitter angefangen. Richtig mit Hagel und allem. Selbst mit geschlossener Tür ist Wasser in die Bahn geströmt. Zehn Minuten später in Schöneweide war es sonnig, als ob nichts gewesen wäre.

Am Freitagabend waren wir bei einer Geburtstagsfeier von einem Schulfreund vom Ehemann eingeladen. Der, der gerade fünfzig wurde. Über hundert Gäste. Viel zum Trinken, und ein Ehemann, der mir ständig neue Gläser gebracht hat. Um zwei Uhr morgens mit dem Taxi nach Hause. Übler Kater am Samstagvormittag. Den ganzen Tag habe ich gebraucht, um mich davon zu erholen. Geholfen hat ein Spaziergang am Dreipfuhlteich, mit putzigen Baby-Enten und Blässhühnern.

Heute war ruhig. Lange geschlafen, Schwiegervater besucht. Er hat sich sehr über die mitgebrachte Spargel-Quiche gefreut, die ich diesmal mit Tomaten ergänzt hatte. Um sechs Uhr abends war ich wieder in Südkreuz.

Der Zug nach München war pünktlich, aber wie immer in letzter Zeit wenn ich Bahn fahre stimmt etwas mit dem Bord-Restaurant nicht. Heute: Aus technischen Gründen ist das Angebot eingeschränkt. Wie am Mittwoch. Keine kalte Getränke, keine warme Küche. Ein Mitreisender ist aus dem Restaurant mit der Nachricht zurück gekommen, dass es schon fast nichts mehr gäbe. Heute trauen sich die Zugbegleiter nicht mal zu fragen, ob sie uns was bringen können, obwohl ich es in erster Klasse erwarten würde. Vor zwei Wochen war gar kein Angebot aus dem Restaurant vorhanden. Was ist los mit der Deutschen Bahn, dass sie es mit der Gastronomie derart vermasseln? Wozu noch erste Klasse buchen, wenn man nicht mal bedient wird? Ach ja, überfüllt sind die Züge immer noch, hier kann man wenigstens atmen. Obwohl es auch ab und zu nach Leberpastete stinkt. Schuld ist, sehr vermutlich, das nicht vorhandene Gastronomie-Angebot.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Die Zukunft sieht düster aus

Die liebe Kate hat sich von uns verabschiedet. Ganz unerwartet war es nicht, sie hatte mir schon erzählt, dass sie sich beworben hatte und für Vorstellungsgespräche eingeladen wurde. Für die meisten Kollegen kam es abrupt vor, da sie sie eine Woche vor ihrem letzten Arbeitstag  informiert hat. Es ging alles so schnell, selbst für sie. Ich wünsche, es könnte bei mir auch so schnell gehen.

Tomasz verlässt uns bald, da sein Vertrag abläuft. Mir sind auf einmal zu viele Leute weg, die ich schätze, und was übrig bleibt motiviert mich nicht genug, weiter in der Gruppe zu arbeiten. Mein DFG-Antrag liegt mir nicht mehr in den Händen und ist immer noch nicht von unseren Uni-Partnern eingereicht worden (ich selber darf das nicht alleine). Es ist zu spät, um ab Januar weiter beschäftigt zu werden. Winfried droht jedoch damit, mir trotz Wissenschaftszeitvertragsgesetzes einen neuen Vertrag für ein Jahr zaubern zu können. Durch Gespräche mit der Geschäftsleitung hätte er eine mündliche Zusage bekommen und ich sollte mir keine Sorgen machen. Ich mache mir Sorgen, dass er mir tatsächlich einen neuen Vertrag anbieten könnte. Er will mich nicht los lassen. Ich habe die Schnauze voll und nutze meine knappe Freizeit, um Bewerbungen zu schreiben. Die Firma bei München hat sich nicht mehr gemeldet, obwohl meine Kontaktperson mir nochmal vor zwei Monaten geschrieben hatte, dass ich Ende September einen Vorschlag bekommen würde. Ich muss nachhaken. Ich will weg von hier.

Da Kate geht, wird die Mittagspause blöd. Wir hatten uns häufig vom Rest der Gruppe getrennt und waren woanders essen gegangen, manchmal mit anderen Kollegen, aber in letzter Zeit nie mit Mr Keen. Ich müsste ab jetzt mit den Anderen gehen, was ihn einschließt. Ich glaube, ich fange lieber damit an, mir Brot zu schmieren.

Eigentlich trägt Mr Keen eine gewisse Verantwortung dafür, dass Kate geht. Das hat sie mir erzählt, und obwohl ich schon nicht viel von ihm hielt, hätte ich nicht gedacht, dass er tiefer in meinem Ansehen sinken könnte. „Weißt du, Mr Keen ist nicht so nett, wie er aussieht“, meinte sie mich plötzlich warnen zu müssen, als wir vor einem Monat unseren Betriebsausflug hatten. Ach was! Kate hatte schon eine Vorwarnung bekommen, aber die Beiden hatten sich danach versöhnt. Nicht, dass sie eine Affäre hatten, aber sie haben sich häufig außerhalb der Arbeit getroffen. Sie fand ihn interessant, weil er viel gereist ist und einiges über viele Länder zu erzählen hat, und er hat viele Bücher über Psychologie gelesen, worüber sie gerne diskutiert hatte. Alles sehr freundlich, wobei es ihr manchmal unheimlich vor kam, wie er sich mit ihr verhielt. Mir kam es schon lange komisch vor, wie häufig er mit den anderen Postdocs etwas abends oder an Wochenenden unternommen hat, und seine Frau alleine gelassen hatte. Aber Mr Keen ist jemand, der versucht, sich bei allen gut darzustellen. Sich einzuschleichen. Daher hat er immer mit gespielter Begeisterung gemeinsamen Ausflüge vorgeschlagen. Mir kam seine Weise nicht natürlich vor, und ich habe kaum an Aktivitäten außerhalb der Arbeit teil genommen. Mir meine Freizeit verderben, indem ich Mr Keen ertragen muss? Kommt nicht in Frage. Die Anderen sind so geblendet und kaufen ihm seine Freundlichkeit ab, und Kate ist keine Ausnahme. Dass die Beiden sich so häufig privat getroffen hatten, wusste ich aber nicht.

Ohne in Details gehen zu wollen, hat er mit ihr richtig Psychoterror betrieben, so dass sie am Ende nur noch von sich selbst gezweifelt hat. Anscheinend ist er jemand, der nicht genug Aufmerksamkeit bekommen kann, und extrem eifersüchtig auf die Anderen ist. Es war mir aufgefallen, wie er am Anfang reagiert hatte, dass ich ständig dienstlich unterwegs bin. „Ich will auch endlich mal auf Tagungen fahren und Vorträge vor Publikum halten,“ hatte er mal Winfried neidisch gesagt. Er sehnt sich nach Ruhm und Anerkennung. Dafür hat er nicht genug geleistet. Florian ist halb so lange wie er in der Gruppe und hat viel mehr erreicht. Aber es ging noch viel krasser, wie Kate mir erzählte. Er hat mitbekommen, dass sie häufig mit Pawel Kaffeepause macht. Ich habe auch die Beiden mehrmals mit der Tasse in der Hand außerhalb vom Büro gesehen. Schön, wenn sie sich gut verstehen, schließlich sitzen sie im gleichen Zimmer. Er hat sich bei ihr beschwert, sie würde dadurch Pawel absichtlich von ihm fernhalten. Paranoid ist er also auch. Und um ihrem ihm gegenüber unverschämten Treiben ein Ende zu setzen, hat er sich etwas echt Geisteskrankes ausgedacht. Seine Frau sollte Pawels Frau anrufen und ihr sagen, dass ihr Mann viel zu häufig seine Zeit mit Kate verbringt. Mir sind die Kinnladen herunter gefallen, als sie mir das erzählte. Es hat aber nicht geklappt, sie macht immer noch Pausen mit Pawel. Vielleicht, weil Mr Keen gerade vier Wochen Urlaub hatte.

Mr Keen hat Kate ständig Vorwürfe an den Kopf geschmießen, über Sachen, die er eigentlich selber macht. Er hat sich bei ihr als Opfer dargestellt, obwohl er derjenige ist, der Kate psychologisch immer wieder angegriffen hat. Er sagt immer vor den Anderen über dreiste Verhaltensweisen, „aber so was würde ich nie machen“, um es doch genau zu tun. Wenn ihm etwas Böses ausrutscht, sagt er dann, dass war nur Spaß, er würde es nicht so meinen. Und ob er es doch so meint! Aber weil er sich davon distanziert, glauben es ihm die Leute auch! Ich verstehe es nicht.

Irgendwann wurde es Kate bei ihrem letzten Streit zu viel und ihr sind die Schuppen von den Augen gefallen. Er ist ihr böse geworden, dass sie nicht mehr nach seiner Pfeife tanzt. Sie hat jetzt Angst, alleine mit ihm zu sein und nennt ihn einen Psychopath. Wie gut, dass sie nicht im gleichen Zimmer arbeiten. Er hat ihr viele Hass-SMS geschickt, die sie gleich gelöscht hat, weil es sie so stresst. Was für ein Fehler! Das wäre doch die Lösung, um ihn los zu werden! Wenn Winfried endlich mit Beweisen mitbekommen würde, wie Mr Keen sich wirklich mit seinen Kollegen verhält! Aber Kate will ihm nichts sagen, und so kann ich das, was ich nur vom Erzählen erfahren habe, ihm nicht mitteilen. Jetzt, wo sie uns verlässt, frage ich mich, wen er sich demnächst als Opfer aussucht.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Eigentlich will ich nicht mehr

„Hast du an deinem Antrag weiter gearbeitet?“ fragte mich heute Winfried nach unserem wöchentlichen Meeting. Gemeint war mein DFG-Antrag, den wir seit einem Jahr ständig umschreiben und der mir eine weitere Finanzierung ermöglichen soll, nachdem mein Vertrag am Ende des Jahres ausläuft. Vorausgesetzt, der Antrag wird nicht abgelehnt.

Winfried ist gerade aus dem Urlaub zurück gekommen. Drei Wochen war er weg. Drei Wochen, in denen ich nach Lust und Laune an meinen Programmen frei arbeiten konnte. Programm #1 hatte ich in einem schlechtem Zustand bekommen, als ich seine Entwicklung vor vier Jahren übernommen hatte. Damals kannte ich mich noch nicht mit Python aus. Ich habe schlechte Programmiergewohnheiten aus dem Code meines Vorgängers gelernt. Heute weiß ich besser Bescheid. Programm #1 funktionierte ja, aber ich habe im Laufe der Zeit erkannt, dass er von jemandem geschrieben wurde, der Python mit Fortran-Denkmustern missbraucht hat. Grauenhaft. Da ich drei Wochen Ruhe hatte, habe ich den Code grundsätzlich gereinigt. Das wird mir oder meinen Nachfolgern in Zukunft viel Zeit sparen, um weitere Funktionalitäten einzubauen.

Was ich in den drei Wochen nicht gemacht habe, ist, an dem DFG-Antrag zu arbeiten. Bis heute Morgen, als ich ahnte, dass die Frage kommen würde. Also habe ich ganz schnell einen neuen Absatz mit Abbildung geschrieben. „Ja, habe ich,“ konnte ich Winfried ehrlich antworten. „Aber eigentlich habe ich keinen Bock,“ habe ich unerwähnt gelassen.

Fakt ist, ich habe keinen Bock mehr. Die Arbeit an meinen Projekten macht mir weiterhin Spaß, aber wenn ich sehe, wie sich unsere Gruppe entwickelt, würde ich lieber meinen Vertrag auslaufen lassen und die Arbeitslosigkeit mit offenen Armen empfangen.

  • Mr Keen hat jetzt einen permanenten Vertrag, und der blosse Gedanke, ihm langfristig täglich begegnen zu müssen, gibt mir Magenschmerze. Ich könnte kotzen, und es ist nicht übertrieben. Ich kriege wirklich einen schweren Klumpen im Magen, wenn ich zu sehr darüber nachdenke. Aber ich habe genug über ihn geschrieben.
  • Es gibt meinen zum Glück nicht mehr Zimmergenosse, dem ich hier immer noch keinen Namen gegeben habe und der jetzt mit meinem armen IT-Kollegen sitzt. Soll er Moritz heißen. Moritz hat auch eine unbefristete Stelle und ist zu unserer Gruppe infolge einer Umstrukturierung gekommen. Ich kann ihn mittlerweile nur noch schwer ertragen, wenn er mit uns Mittagspause macht (auch einer, der meint, mit vollem Mund reden zu müssen) oder im Meeting sitzt (und immer ganz laut blöde Kommentare abliefert, die nur er lustig findet). Nervig finde ich, wie er seit einem halben Jahr über seine Fußschmerze jammert, ohne die logische Konsequenz daraus zu ziehen: Abzunehmen. Das würde ihm und seinem schwer belasteten Fuß viel besser tun, als die ganzen Maßnahmen, die er bis jetzt verordnet bekommen hat. Nee, zu anstrengend für ihn. Wie die Arbeit, wirklich. Wie stolz erzählt er, dass er morgens und abends an dem Zeiterfassungsgerät, das am weitesten liegt, sich abstempelt, um gut fünf Minuten gratis am Tag auf seinem Überstundenkonto zu bekommen! Er beschwert sich immer, dass die Arbeitsbedingungen und das Geld besser sein könnten, ist aber selber ein echt fauler Sack. Ganz die Vorurteile, die man über Betriebsradmitgliedern hört. Das ist er eigentlich. Was er in seiner Anwesenheitszeit im Büro wirklich treibt, außer ganz laut zu telefonieren, weiß keiner. Nicht mal Winfried, würde ich behaupten.
  • Über Nina, die Nachfolgerin von Mieke, habe ich noch nichts erzählt, aber sie geht mir gewaltig auf dem Keks. Egal, was man sagt, muss sie immer grundsätzlich widersprechen. Sie ist auch die Erste, die über Anderen lacht, selbst wenn sie nicht wirklich versteht, worum es geht. Verstehen tut sie eigentlich selten. Sie ist zu uns vor einem Dreivierteljahr gekommen, um das Chemielabor zu leiten. Das macht sie gut. Nehme ich an. Ich bin ja so gut wie nie im Labor. Was sie gar nicht kann, und auch nicht muss, ist, Messungen an unseren Geräten durchzuführen. Sie hatte mir mal am Anfang aus Neugier Fragen gestellt, und es ist klar, dass sie von der Messmethode und der ganzen physikalischen Theorie dahinter noch nie etwas gehört hatte. Das ist in sich nicht schlimm. Was ich aber nicht ertragen kann, ist, wie sie sofort am Anfang in den Meetings laut über unsere Nutzer gelacht hat, oder „Tss tss tss“ und „wie kann man nur“ von sich gegeben hat, wenn wir erzählten, dass sie Probleme an den Geräten verursacht hatten. Die Details waren dabei so technisch, dass sie als Neulinge und Laie sie kaum verstehen konnte. Nein, sie reagiert nur auf den Tonfall der Stimme des Erzählers. Eine ziemlich blöde Zicke.

Man könnte meinen, dass ich mit allen meinen Kollegen nicht klar komme. Das stimmt nicht. Meine IT-Kollegen sind ganz in Ordnung. Mit Kate unternehmen wir sogar ab und zu etwas außerhalb der Arbeit. Seitdem ich aus dem gemeinsamen Zimmer ausgezogen bin, geht es besser. Vielleicht hat sie jetzt gelernt, selbstständig mit ihrem Rechner umzugehen, da ich nicht mehr da bin, um alle ihre spontanen Fragen zu beantworten. Oder sie fragt jetzt die anderen Zimmergenossen. Florian, unser letzter zugekommener Wissenschaftler, ist auch ganz lieb. Vielleicht zu lieb. Er bemüht sich immer, sich mit allen, aber auch wirklich allen, gut zu verstehen. Selbst wenn Leute ihn nerven. Über Nina hat er sich schon bei mir beschwert, wenn sie sich besonders blöd angestellt hat, aber er verhält sich selbst mit ihr äußerst freundlich. Das könnte ich nicht. Moritz hat er sogar mit einem Spitznamen versehen, und er kennt alle Pförtner am Empfang mit Vornamen. Unheimlich. Vielleicht nerve ich ihn, kriege es aber nicht mit, weil er sich immer so freundlich verhält. Über zu viel Freundlichkeit will ich mich auch nicht beschweren, das ist so untypisch.

Also, obwohl ich mich mit vielen in der Gruppe halbwegs gut verstehen kann, braucht es nur einige wirklich nicht auszuhaltenden Persönlichkeiten, um mir die Stimmung komplett zu verderben. Schlimm, wenn diese Personen noch bis zu ihrer Rente in der Gruppe bleiben werden. Da denke ich, lieber arbeitslos werden, als länger dort zu arbeiten. Ich hatte ja vor sechs Wochen ein Vorstellungsgespräch, aber ein anderer Kandidat wurde gewählt, der besser zur Stellenbeschreibung passt. Zur Stellenbeschreibung, die auf der Webseite der Firma veröffentlicht wurde. Die, auf die ich mich beworben hatte, hatten sie in einer Fach-Mailinglist gepostet, und sie passte wunderbar zu meinem Profil… weil ich vermute, dass das Copy-Paste nicht richtig funktioniert hatte, da es nur einen Teil der Beschreibung auf der Webseite war. Der fehlender Teil war wohl wichtiger. Immerhin haben sie mir geschrieben, dass ich einen großen Mehrwert ins Team bringen würde, und sie melden sich im Herbst, um mir eine Stelle ab dem nächsten Jahr anzubieten. Falls sie nicht zwischendurch ihre Meinung geändert haben.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Unwohl

Heute habe ich keine Lust, irgendwas zu essen. Ich spüre kaum Hunger, eher eine ganz leichte Übelkeit, die zum Glück verschwindet, wenn ich eine Kleinigkeit esse. Krackers sind da gut. Schokolade ist keine gute Idee, habe ich festgestellt. Danach fühle ich mich zu voll, und mein Puls fühlt sich unangenehm an. Wieder bin ich müde. Nein, nicht wirklich. Ich fühle mich erschöpft, aber es ist kein Verlangen nach Schlaf. Ich spüre einen Druck auf dem Gesicht. Auf beiden Schläfen, auf den Augen, auf der Stirn, oben auf der Nase. Leichter Kopfschmerz. Kenne ich. Ich weiß, womit es zu tun hat, und die Schwangerschaft ist es nicht. Die Erkältung auch nicht, die immer noch ein bisschen rum hängt. Ich bin sauer. Stinksauer. Ich habe auf Arbeit eine Nachricht gehört, die ich nicht verdauen kann.

Und zwar haben wir gerade die Gelegenheit, in der Arbeitsgruppe mehr permanenten Stellen zu fordern. Wir haben nach einer internen Evaluierung gute Aussichten für eine zusätzliche Dauerstelle. Und wen hat Winfried so nebenbei vor der Gruppe vorgeschlagen? Mr Keen! Ich habe zuerst gedacht, ich höre nicht richtig. Von allen, die in Frage kämen, fällt Winfried nichts besseres ein?

Ich weiß, ich kann ihn seit seinem Vorstellungsgespräch nicht leiden. Es ist schon mal physisch. Er schwitzt ständig in den Händen, es ekelt mich, wenn er meint, mich zum Geburtstag mit einem Handschlag gratulieren zu müssen. Igitt. Vom Anfang an ist es klar, dass ihn nur eines interessiert: Eine Dauerstelle zu bekommen. Noch besser: Als Chef. Die Art, wie er gleichzeitig versucht, das Gegenteil zu zeigen, ohne zu merken, wie durchschaubar er ist, finde ich lächerlich. Zum Beispiel, als wir über einen Nachfolger für Uschi diskutiert hatten. Dabei ist er jemand, der sich vor dem Chef immer begeistert zeigt, aber vor uns nur stöhnt und sich beschwert, wenn er Aufgaben bekommt. Und der gerne prahlt, auch wenn Sachen gut laufen, ohne dass er dafür etwas gemacht hat. Obendrauf verliert er keine Gelegenheit, über Kollegen hinter ihren Rücken schlecht zu reden. Über mich, aber auch über anderen. Und die Art wie er sich mit Kate verhalten hat… Das stimmt, vieles davon erfährt Winfried natürlich nicht. Weil Mr Keen sich anders vor ihm als vor uns verhält. Das alleine zeigt schon, was für ein Heuchler er ist. Aber wenn ich Winfried jetzt aufkläre, bin ich vermutlich die, die lästert und „einfach nur neidisch ist“. Besser nichts sagen.

Natürlich bin ich von Winfried enttäuscht. Immerhin hatte er mir vor zwei Jahren gesagt, er würde mich entfristen wollen. Davon ist seitdem nie wieder was zu hören gewesen, und ich vermute, die Bauchhöhlenschwangerschaft muss damit zu tun haben. Aber es ist nicht das, was mich vor allem sauer macht. Ich kann verstehen, dass er eher jemanden braucht, der an die Weiterentwicklung unserer Geräte arbeitet. Das ist für unseren Betrieb wichtiger als irgendwelche Software zu entwickeln. Mr Keen arbeitet hauptsächlich an den Geräten. Das tut auch Florian, der seit dem Sommer bei uns arbeitet. Und ich muss sagen, seitdem er da ist, läuft die Arbeit an den Geräten viel besser. Florian ist wirklich das Gegenteil von Mr Keen. Er arbeitet mit Begeisterung und engagiert sich total in seinen Aufgaben. Er hat sich unglaublich schnell eingearbeitet, hat gute Ideen und zeigt Initiative, statt wie Mr Keen alles nach Anweisung vom Chef zu machen. Wenn, dann wäre die Wahl für eine Dauerstelle bei ihm viel sinnvoller gewesen. Ich weiß noch, wie sich Mr Keen bei den Vorstellungsgesprächen gegen Florian geäußert hatte. Jetzt spielt er mit ihm den besten Kumpel. Und die Kollegen fallen rein, obwohl sie mitbekommen haben, wie sehr er gegen ihn war. Ich verstehe nicht, wie alle so blind bei Mr Keen sein können. Wirkt sein pummeliges Kleinkind-Gesicht wirklich so unschuldig? Selbst Kate scheint wieder mit ihm gut befreundet zu sein.

Ein bisschen klingt die Situation wie in meinem Traum vor einem halben Jahr. Schwanger bin ich auch noch. In dem Traum war etwas definitiv wahr: Ich kann die Idee nicht aushalten, langfristig mit Mr Keen in Kontakt zu bleiben. Ich habe mir heute die Zeit genommen, um mehr Bewerbungen zu schreiben. Lieber flüchten. Aber gibt es nicht überall andere Mr Keen? Eine ähnliche Situation hatte ich in meinem früheren Institut ja erlebt. Es ist deprimierend zu sehen, wie große Klappen vor Kompetenzen bevorzugt werden. Ich glaube leider nicht, dass meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt besser als vor dieser Stelle stehen, obwohl ich meine Erfahrungen deutlich erweitert habe. Jetzt bin ich vierzig, und ich habe das Gefühl, beruflich in einer Sackgasse zu stecken. Firmen interessieren sich nicht für alte Akademiker. Wenigstens hat mich das Wegbewerben vom Ärger abgelenkt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Weihnachtsfeier

Ich liebe die Weihnachtsfeier bei der Arbeit, aus einem guten Grund: Danach kann man endlich richtig entspannen.

Das Ende des Jahres war sehr stressig. Ich musste viele Beiträge für verschiedene Veranstaltungen vorbereiten, einige Vorträge halten und hatte keine Minute zur Ruhe gefunden. Ich bin kaum dazu gekommen, ein paar Zeilen hier in meinem Tagebuch zu schreiben. Zu Hause gibt es auch viel zu tun. Ich glaube, ich habe mir mit den Geschenken für die Mädels zu viel vorgenommen, obwohl ich dachte, lange genug im Voraus angefangen zu haben. Jetzt aufzugeben wäre echt blöd. Ich habe noch eine Woche, um anderthalb Ketten zu basteln, bevor wir zur Familie fahren. Das Wochenende wird hart. Diese Situation kommt mir bekannt vor  😀

Nun, gestern hatten wir unsere Weihnachtsfeier. Danach sind viele Kollegen im Urlaub, die Geräte werden ausgeschaltet, und die Arbeit wird weniger. Wir haben unter uns gefeiert, nachdem wir es bei meiner ersten Weihnachtsfeier in der Gruppe doch nicht so toll fanden, den Abend mit kaum bekannten Kollegen aus anderen Abteilungen zu verbringen.

Wir hatten beschlossen, zu Fuß zu einem Restaurant zu gehen und dort zu wichteln. Das war schon unser Plan letztes Jahr. Vorher haben wir Glühwein getrunken. Wir brauchten gut drei Stunden, um das Restaurant zu erreichen. Das fand ich eine tolle Idee, weil man dadurch ganz viele Kalorien verbrennt und ohne Sorge danach lecker essen kann.

Der Weg ging bis zur Hälfte der Strecke sehr gut. Ich fühlte mich in Form, obwohl ich schon länger nicht mehr im Fitnessstudio war. Danach habe ich Bauchschmerze bekommen. Meine Blase war voll. Ich hatte es nicht so früh erwartet, da ich absichtlich die Toilette besucht hatte, bevor wir los gegangen sind. Ich habe versucht, das Problem zu ignorieren. Mit der Zeit wurde es schmerzhafter und ich habe Blähungen bekommen. Als wir an einem Café vorbei gegangen sind, habe ich die Gruppe darum gebeten, auf mich zu warten. Um dann auf der Toilette zu merken, dass ich nicht nur eine sehr volle Blase hatte, sondern auch Durchfall. Das hatte ich nicht nötig. Eine halbe Stunde später haben wir unser Ziel erreicht, und ich musste nochmal zur Toilette. Unglaublich, wie schnell meine Blase sich wieder gefüllt hat. Und nochmal Durchfall.

Warum auf einmal? Weil der Stress endlich abgebaut wird? Wegen des Glühweins vor dem Gehen? Wegen der Kälte beim Gehen und der ungewöhnlichen körperlichen Anstrengung? Wegen der Periode? Wegen der neuen, engeren Hose, die ich mir zur Belohnung für die Abnahme geschenkt hatte? Sie ist doch sehr bequem, wie alle Hosen bei BiBA. Oder habe ich das Mittagessen nicht vertragen? Ein bisschen von allem? Der Rest vom Abend verlief zum Glück gut, aber seit dem Aufstehen habe ich heute wieder Bauchschmerze und Durchfall. Ich bleibe zu Hause. Wenn es morgen nicht besser wird, muss ich zum Arzt. Es wäre sehr blöd, so kurz vor dem Urlaub krank zu werden.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Geschichten aus der Arbeit – Meine männliche Kollegen

Als ich zum ersten Mal zum Institut ankam, vierzehn Jahre her, hatte ich gerade das Diplom in der Tasche und wollte meine Promotion anfangen. Am ersten Tag hatte mich der Institutsleiter, sei er mit H. bezeichnet, durch das ganze Institut mitgenommen und allen anderen Mitarbeitern vorgestellt. Ich erinnere mich ganz genau, wie er sagte, ich sollte mich an ihn wenden, falls ich aufgrund meines Geschlechtes von den Kollegen Schwierigkeiten bekommen würde. Dabei habe ich im Laufe der Jahre gemerkt, dass H. das größte Schwein vom Institut gewesen ist – nicht nur sexuell, ein Fresssack ist er auch, ich habe mich häufig gefragt, wie lange er sein… „e Füße“ nicht mehr gesehen hat. H. besitzt kein Humor und versteht keine Witze, wenn sie nicht sexueller Natur sind. Es ist mir wirklich peinlich für ihn gewesen, wie er einmal mit mir und einer anderen Kollegin in Lachen ausgebrochen ist, weil irgendwo die Zahl 6 vorkam, und er nur „Sechs, Sex“ wiederholte. Zur Erinnerung, der Mann hat Physik studiert und ist Institutsleiter geworden. Und lacht sich tot über Grundschüler-Witze. Ständig muss er die Leute um sich herum anfassen. „Wir sind eine große Familie“, meint er, er würde sich wie unser Vater fühlen. Bei meinen männlichen Kollegen hat er einfach nur kumpelhaft die Hand auf die Schulter gelegt. Als Frau muss man immer sehr schnell reagieren und den Kopf nach hinten ziehen, um nicht die Wange gestreichelt zu bekommen. Nach dem er mir einmal sogar die Hand aufs Gesäß gelegt hat, und ich mit Mühe den Inhalt des Wasserkochers, den ich in der Hand hielt, nicht auf seinen Kopf gegossen habe (er hat immerhin eingesehen, dass es unangemessen war), habe ich immer dafür gesorgt, dass mindestens drei Meter als Sicherheitsabstand zwischen uns stehen. Jetzt ist er Rentner, er kommt aber wieder ab und zu zum Institut. Ich denke immer noch, ich hätte an dem Tag seine Frau anrufen und mich bei ihr beschweren sollen. Und ich frage mich nebenbei, welche Rolle er dabei gespielt hat, dass ich die einzige dauerhafte wissenschaftliche Stelle am Institut nicht bekommen habe, aber da wäre genug Stoff für einen neuen Eintrag, so bizarr der Vorgang war.

Ich wechsle jetzt zu unserer Werkstatt. Der Leiter, Egbert, der zum Glück in nur wenigen Wochen in Rente geht, hat anscheinend sehr große Schwierigkeiten damit, dass Frauen eine wissenschaftliche Karriere anstreben und promovieren. Ich weiß nicht mehr wie oft er während meiner Doktorarbeit in mein Zimmer gekommen ist, um mir ernsthaft zu erzählen, ich sollte einen Mann heiraten, und zu Hause bleiben, um mich um die Kinder zu kümmern. Anfangs habe ich noch versucht zu diskutieren, aber das ist bei ihm zwecklos, danach habe ich nur noch gesagt, ich hätte jetzt keine Zeit für ihn. Das hat er aufgehört, als ich Gleichstellungsbeauftragte wurde. Ist es ein Generationsproblem? Nein, Franz-Dieter, der im gleichen Alter ist und auch in der Werkstatt arbeitet, ist ganz im Gegenteil in meiner Sicht der beste männliche Mitarbeiter im ganzen Institut. Mit ihm kann man ohne Bedenke allein bleiben, über vieles diskutieren und bekommt immer das Gefühl, ernst genommen zu werden. Wie bei Rolf auch, eigentlich. Und Franz-Dieter hat schon vor den anderen Egbert widersprochen, der sein Chef ist, wenn dieser im Kaffeeraum sexistische Aussagen gemacht hat. Dafür kriegt er meine vier Daumen hoch. Dann gibt‘s noch Bernd, der vom Anfang an – und auch bis ich Gleichstellungsbeauftragte wurde – nie in der Lage war, in einem Gespräch mich oberhalb vom Hals zu gucken. Ich fand ihn gruselig und habe immer vermieden, alleine mit ihm zu sein. Gut, dass ich so wenig mit ihm zu tun hatte und er schon in Rente weg ist. Zum Schluss habe ich auch eine Anekdote über Josef, der einmal im Kaffeeraum sich geäußert hatte, er würde gerne seine jetzige Frau verlassen und eine jüngere heiraten, um die 30, weil Frauen erst ab 30 interessant werden (ich glaube, mein 30. Geburtstag war fast ein Jahr her gewesen), er würde ihr ein stabiles Einkommen anbieten und wäre bereit, wieder Kinder zu haben. Attraktiv wäre er ja, meinte er, da er so viel Sport treibt und eine jüngere Studentin, die bei ihm eine Arbeit als HiWi gemacht hatte, hätte mit ihm eine Affäre haben wollen (es gab eigentlich nur eine Studentin, die mit ihm gearbeitet hatte, und während ihrer Tätigkeit hier hatten wir uns häufig beim Uni-Fitness-Studio getroffen, mit ihrem Freund, einem gut gebauten großen Blonden… und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie gleichzeitig Interesse an Joseph hatte, es war nur „möchte-gerne-Talk“). Ich hab’s zuerst nicht persönlich genommen und fand ihn nach diesem Gespräch nur ekelhaft. Mein Zimmerkollege sagte, mindestens wäre er ehrlich, so offen darüber zu sprechen. Nach einigen komischen Vorfällen habe ich gemerkt, dass Josef es doch auf mich abgesehen hatte. Der hat vielleicht Nerven. Mir gefällt’s nicht, wie er manchmal mir zu nah kommt, ich einen Schritt zur Seite mache, und er direkt danach mir wieder an die Pelle rückt. Und dabei merke ich, dass ich seinen Geruch auch nicht mag, ich glaube, er raucht heimlich Cannabis, wenn er alleine in seiner getrennten Werkstatt ist.

Über meine männlichen wissenschaftlichen Arbeitskollegen gibt es nicht so viel zu berichten. Die meisten haben mich einfach wie eine Arbeitskollegin behandelt, und das fand ich richtig gut so, wir verstehen uns prima. Es gab Volker, der frühere Inhaber der wissenschaftlichen Dauerstelle, der jetzt verstorben ist und versucht hatte, mir Anmachen zu machen. Ich habe mich danach von ihm distanziert. Außerdem hatte er ein großes Alkoholproblem. Und es gibt Lars, sein Nachfolger, der einfach nur ein möchte-gerne-Chef mit großer Klappe ist (und das haben mir die anderen gesagt, es ist nicht (nur) ein Ausdruck von Neid). Aber mit dem muss ich nichts mehr zu tun haben, da ich jetzt arbeitslos bin. Und darüber freue ich mich doch, weil ich mit ihm keine Lust hätte, weiterhin am Institut zu sein. Vor allem jetzt, wo der neue Leiter auf langer Reise ist und ihn als Vertreter gelassen hat.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.