Eine schwere Heimfahrt

Darauf bin ich nicht stolz, aber mein Tagebuch ist auch nicht da, um die schlechten Sachen auszublenden.

Ich habe mich gestern Abend überraschenderweise mit Pawel in der Stadt verabredet. Es hätte nicht so überraschend sein dürfen. Bei unserem letzten Treffen in Berlin hatte er erwähnt, dass er in Kürze nach München kommen würde. Ich hatte es vergessen. Als seine Nachricht gestern nach der Mittagspause kam, habe ich natürlich meine Pläne verschoben[1] und mich mit ihm verabredet.

Wir haben uns in einem tollen Burger-Lokal getroffen. Ich dachte, wir könnten vielleicht dabei das England-Kroatien-Spiel gucken. Nicht, dass ich viel Wert drauf lege. Fußball interessiert mich nicht. Aber mit Kollegen kann man es sich antun. Gestern gab es tatsächlich einen Fernseher im Lokal, und von der Terrasse aus konnte man das Spiel sehen. Mit einem Detail: Es war doch nicht England-Kroatien, sondern Frankreich-Belgien. Sagte ich schon, dass Fußball nicht meine Stärke ist?

Wir haben Bier getrunken. Viel Bier. Pawel kann Unmengen trinken. Ich kenne nicht viele Polen persönlich, aber die, die ich kenne, trinken viel. Wie Pawel. Blöd war nur, dass ich selber nicht aufgepasst habe und munter mit bestellt habe. Im Nachhinein: Bläh, sage ich nur. Wie konnte ich so dumm sein? Ach ja. Der Sieg musste gefeiert werden. Klar. Fußball ist mir so was von egal. Eigentlich. Aber ein Bier geht doch noch. Frankreich hat gewonnen. Nochmal Bläh. Um Mitternacht haben wir als letzte Gäste das Lokal verlassen, weil der Barman schließen wollte.

An der U-Bahn-Station haben wir uns getrennt. Wir mussten in entgegengesetzten Richtungen fahren. Ich merkte schon, wie mein Mund anfing, sich ganz betäubt anzufühlen. Die Zunge vor allem. Nicht gut. Ich habe noch dem Ehemann um 00:15 am Stachus angeschrieben, dass ich besoffen auf dem Weg nach Hause war und eine halbe Stunde auf die S8 warten musste. „Nimm dir ein Taxi,“ schrieb er zurück. „Nee, schlechte Erfahrung,“[2] war meine Antwort.

Ab dann kann ich mich am Ablauf der Rückfahr nicht mehr so gut erinnern. Stand ich wirklich in Pasing, bis die S8 angekommen ist? Das kann nicht sein. Es muss am Stachus gewesen sein. Oder habe ich eine Bahn bis Pasing genommen und bin dort ausgestiegen? Und warum habe ich Pawel über Whatsapp dieses Foto von einer U-Bahn-Station geschickt, das ich einige Tage zuvor aufgenommen hatte?

Jedenfalls erinnere ich mich daran, dass ich zuerst auf einer Bank gesessen habe, bis sich eine Person neben mir hingesessen hat und eine Zigarette anzünden wollte. Ich bin aufgestanden und habe weiter weg im Stehen auf die Bahn gewartet. Ich bin eingestiegen, als die S8 angekommen ist. Ich habe noch wahrgenommen, wie Leute in Neuaubing ausgestiegen sind und habe gedacht, „ein Nickerchen darf sein, aber vergiss nicht, in Neugilching auszusteigen“. Ha! Das nächste Mal, als ich die Augen öffnete, standen die Türe breit offen, und eine Person stieg aus, als eine Durchsage „Weßling“ ankündigte. Wie, Weßling? Ich bin ganz schnell ausgestiegen.

Weßling. Halb zwei. Immer noch betrunken. Kein Taxi in Sicht. Und vermutlich fährt um die Uhrzeit keine S-Bahn mehr in die andere Richtung[3]. Kann es schlimmer werden? Ich informiere den in Berlin längst schlafenden Ehemann über Whatsapp über mein Missgeschick, nachdem ich den Hinweis über den niedrigen Akku-Stand weg klicke. Nach dem Senden der Nachricht schaltet sich das Handy von alleine aus. Tschüß, Feierabend. Mein Akku war noch am Morgen voll geladen. Der hält keinen Tag mehr durch.

Ich stehe also um halb zwei am Bahnhof Weßling, voll betrunken, im Dunkel, mit niemandem herum und ohne Handy, um mich zu navigieren oder doch ein Taxi anzurufen.

Zu Fuß nach Hause, also. Wenigstens war ich schon mal in Weßling, den Weg dürfte ich in Erinnerung haben, auch wenn ich damals nicht zum Bahnhof gekommen war. Ich gehe in die Richtung, aus der die Bahn gekommen ist. Muss schon stimmen. Ich gehe und gehe und sehe keine Schilder. Als ich endlich hinter mir ein Auto höre, winke ich frenetisch. Der Fahrer hält an! Und sagt gleich in einem für mich nicht identifizierbaren ausländischem Akzent, er hat keine Zeit, er muss zur Arbeit. Ich will nur wissen, in welcher Richtung Gilching liegt. „Zurück!“, ruft er, und fährt weiter. Na gut. Ich gehe zurück und komme zu einem Kreisverkehr. Stand er vorher wirklich schon da? Ein Schild zeigt mir die Richtung nach Gilching. Es sind 4,2 oder 4,8 Kilometer, so genau weiß ich nicht mehr. Ich gehe auf dem Radweg. Zwei Autos fahren in die gleiche Richtung wie ich vorbei und bremsen nicht mal, als ich auffällig winke. Soviel zum Thema Hilfsbereitschaft in Bayern. Als ich am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt vorbei gehe, weiß ich wenigstens, dass ich mich nicht verlaufen habe. Den Weg erkenne ich wieder.

Um 02:15 bin ich zu Hause. Ich falle ins Bett, nachdem ich mir die Zähne geputzt habe und dem Ehemann eine beruhigendere Nachricht schicken konnte. Der hat eh die ganze Aufregung durchgeschlafen.

Es hätte schlimmer sein können. Ich hätte in Herrsching aufwachen können.

[1] Heute hat nämlich unser Umzug aus Berlin statt gefunden, nachdem die Jungs schon zwei Tage lang unsere Sachen aus der alten Wohnung gepackt haben. Ich wollte gestern Abend im Voraus einige Sachen vorbereiten. War im Nachhinein betrachtet doch nicht wichtig. Der Umzug ist übrigens noch nicht fertig, morgen geht es weiter.

[2] Stimmt. Darüber habe ich noch nicht geschrieben.

[3] Geprüft. Tatsächlich wäre die nächste S8 nach Hause um 04:57 angekommen.

Advertisements

Der Narzisst

Mr Keen ist ein Narzisst. Seitdem ich dieses Video entdeckt habe, dank Carrie, bin ich fest davon überzeugt. Und habe verstanden, was ein Narzisst ist. Hier folgen ein Paar Punkte, bei denen ich Mr Keen in unzähligen Situationen bildlich vor den Augen bekommen habe.

„Der Narzisst[1] befreit sich und sagt, ich gehe jetzt weg, ich ignoriere dich jetzt. […] Narzissten sind verletzte Kinder.“ Ja. Sein kindliches Verhalten beobachte ich immer wieder, wenn er sich als Opfer fühlt, weil er beleidigt wurde oder nicht genug Aufmerksamkeit bekommen hat oder was weiß ich. Er geht an einem vorbei, ist plötzlich an Leute sehr interessiert, mit denen er sich sonst kaum unterhält, dreht einem dabei demonstrativ den Rücken zu und tut, als ob man nicht existieren würde. Ich habe häufig gedacht, genau so hatte sich meine Katze verhalten, wenn ihr irgendwas nicht gepasst hatte[2]. Merkt er gar nicht, wie lächerlich seine Reaktion ankommt? Nein. Er wendet anscheinend ein Muster an, das er seit der Kindheit kennt, weil er vermutlich in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen ist.

„Der Narzisst manipuliert seinen Umfeld“. Dabei habe ich zum ersten Mal im Video den Begriff flying monkeys gehört, der offenbar nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Ich musste an die Geschichte denken, als Mr Keen seine Frau[3] als flying monkey benutzt hat, damit sie die Frau von Pawel (zu Hause mit einem frischen Säugling) anruft, um ihr zu sagen, wie verdächtig häufig Pawel alleine mit Kate Kaffeepausen macht… Weil sich Mr Keen dadurch vernachlässigt fühlte. Krank ist das, echt.

„Der Narzisst lässt dich verrückt erscheinen“. Oder lässt dich schlecht aussehen. Zusammen mit dem letzten Punkt: Die Manipulation vom Umfeld, damit du Opfer als Täter erscheinst. Das hat er bei Kate versucht, nachdem sie unsere Gruppe verlassen hat. Vor einer Woche hat ein Kollege einen runden Geburtstag gefeiert und die ganze Gruppe eingeladen. Kate hatte zugestimmt, bevor sie von ihrem Glück mit dem neuen Job erfahren hatte. Mr Keen war, was mir nicht bewusst war, für die Organisation von einem Geschenk für den Kollegen zuständig. Ich hatte von meinem IT-Kollegen ganz kurzfristig vom Geschenk erfahren und dachte, er würde sich darum kümmern. Kate war jedenfalls nicht mehr da und wusste nichts davon. Nach der Feier ist Mr Keen durch die Büros gegangen, um Geld zu sammeln. In meinem Büro, wo auch unser HiWi sitzt, hat er gefragt, ob Kate denn beigetragen hätte. Sie hätte ja die Karte bei der Feier unterschrieben. Keine Ahnung, war meine Antwort. Ich organisiere das Geschenk nicht, er müsste es doch selber wissen. Na ja, nachdem Kate endlich sein wahres Ich erkannt hat, hat er sie völlig ignoriert. Mit ihr hat er nicht mehr geredet und nicht mal reagiert, wenn wir mit den anderen Kollegen in seinem Büro über ein Abschiedsgeschenk für sie diskutiert hatten. Also hat er sie gar nicht gefragt, hat aber angefangen ganz laut zu erzählen, dass sie so ein Miststück wäre, weil sie kein Geld für das Geschenk zahlen wollte (kurz zusammen gefasst). Das habe ich natürlich laut widersprochen, bis er aufgehört hat, über sie zu lästern, und habe dem Studenten erklärt, dass Mr Keen immer ganz schnell dabei ist, andere unberechtigterweise zu beschuldigen. Die Nachricht muss bei Mr Keen angekommen sein, er ignoriert mich seitdem.

Dass er immer wieder versucht, die Gruppe zu manipulieren, habe ich mehrmals beobachtet. Einmal, als Winfried unterwegs war und Mr Keen die Leitung vom Gruppenmeeting überlassen hatte… Ich hatte die Woche davor Rufbereitschaft. Normalerweise ist der Sonntag entspannt. Keine Nutzer an den Geräten[4], es kann nichts schief gehen. Denkste. Als ich am Samstag die Nutzer für den Tag eingewiesen hatte, habe ich erfahren, dass Winfried jemandem ausnahmsweise versprochen hatte, am Sonntag unsere Geräte benutzen zu dürfen. Ich habe an meinem Plan von einer Wanderung nichts geändert und dem Nutzer gesagt, da ich nicht informiert wurde, könnte ich bei Problemen nicht sofort helfen, da ich am Sonntag unterwegs war. Alles klar. Ich bin an dem Tag dreimal angerufen worden. Es waren sehr einfache Probleme, die kurz am Telefon zu lösen waren. Ich habe es am Montag im Meeting erwähnt, weil es technische Probleme waren, die sich meine Kollegen anschauen sollten. Die Reaktion von Mr Keen war äußerst merkwürdig. Wie konnte es Winfried wagen, mir den Sonntag zu verderben, indem er unerfahrene Nutzer arbeiten läßt? Man kann doch nicht erwarten, dass wir auch am Sonntag Rufbereitschaft leisten sollen! Was für ein Stress ich doch hatte! Huch, habe ich mir zuerst gedacht. Mr Keen sorgt sich plötzlich um mein Wohlbefinden? Natürlich nicht. Er hat sich nur vorgestellt, wie es ihm gegangen wäre, wäre er statt ich dran gewesen. Und er war schon dabei, die Gruppe zum Aufruhr anzustiften: Wir müssten Winfried sagen, so geht es nicht, und uns weigern, den Nutzern zu helfen, wenn wir schon so eine harte Woche hinter uns haben. Sein Plan ist nicht aufgegangen. Wir können den Nutzern, dank denen übrigens unsere Gruppe überhaupt noch existiert, nicht vorwerfen, dass wir Probleme hatten, bevor sie zu ihrer gebuchten Messzeit kommen. Information von Winfried hätte ich mir gewünscht, sonst nichts. Schließlich werden wir für Rufbereitschaft extra bezahlt, auch am Sonntag.

Das letzte Beispiel war, als der Nachfolger von Kate bekannt gegeben wurde: Walter, ein fast fertiger Doktorand aus einer Gruppe, mit der wir viel Kontakt haben. Der Vorteil: Er hat in seiner Arbeit die Methode von Kate angewendet, kann sie mit wenig Einarbeitung weiter entwickeln, und hat auch unsere Geräte schon benutzt. Mr Keen mag ihn aber nicht. Walter wäre nicht respektvoll. Obwohl er „nur“ Doktorand ist, würde er sich als Besserwisser verhalten und seinen Platz nicht kennen. Die Realität: Walter ist jemand, der genau wissen will, wie unsere Geräte funktionieren, und lieber tausendmal nachfragt, als Fehler zu machen, wenn er danach auf sich selbst gestellt ist. Dabei passiert es, dass er Fragen stellt, die auf Schwächen von unseren Geräten hinweisen. Sie sind ja nicht perfekt. Und das ist es, was Mr Keen stört, da er sich um die Entwicklung der Geräte kümmert. Scheinbare Kritik, auch wenn sie keine ist, kratzt an seinem Ego[5]. Also hat er versucht, als wir nur zu zweit zum Büro unterwegs waren, mir die übelsten Geschichten über Walter zu erzählen. Zum Beispiel, Walter wäre jemand, der ständig heimlich über Anderen schlecht reden würde. Ach ja? Das kann man wohl eher von Mr Keen sagen. Der Chef von Walter persönlich soll es noch Mr Keen und Winfried erzählt haben. Nee, so ein Verhalten können wir in der Gruppe echt nicht gebrauchen, habe ich Mr Keen gesagt. Ich meinte dabei Mr Keen. Das Lästern ist ein absolutes No-Go. Wenn er ein persönliches Problem mit Walter hat, soll er mit Winfried darüber reden, nicht mit mir. Wenig später habe ich erfahren, dass Tomasz sich dasselbe über Walter in einem „vertraulichen Gespräch“ mit Mr Keen anhören musste. Weil Tomasz durch das Gespräch verunsichert wurde und Kate gefragt hat, ob es stimmt. Nein, stimmt es nicht. Kate hat mich deswegen gefragt, ob Mr Keen auch bei mir über Walter gelästert hätte. Ja, hat er. Sein Versuch ist gescheitert. Walter kommt zur Gruppe.

Es gäbe noch viel zu erzählen. Vielleicht ein anderes Mal.

[1] Oder die Narzisstin.

[2] Scheiße. Jetzt wird es mir klar. Katzen sind alle Narzisstische Wesen. Wenn sie auf dem Boden den Bauch zeigen und mit ihren Pfoten in der Luft so süß aussehen und schnurren, dann, um uns vergessen zu lassen, dass sie längst die Welt erobert haben.

[3] Ich kann immer noch nicht glauben, dass er eine freiwillige Frau zum Heiraten finden konnte.

[4] Das kommt noch, aber jetzt bin ich raus.

[5] Und wir sollten die Logbüber unserer Geräte vertuschen, weil unsere Nutzer sie auch lesen und drin schreiben. Selbst wenn er es nicht so ausgedrückt hat, hat er es in einem Gruppenmeeting ernsthaft vorgeschlagen. „Was für einen schlechten Eindruck machen wir bei den Nutzern, wenn sie sehen, welche Probleme auftreten? Wir als Team sollten doch nichts schlechtes in den Logbüchern schreiben.“ Ich sehe es im Gegenteil als meine Pflicht, unsere Nutzer darauf aufmerksam zu machen, wenn irgendwas nicht richtig funktioniert. Logbücher vertuschen? Das grenzt für mich an wissenschaftlichem Fehlverhalten. Winfried saß an dem Meeting nebenan mit glasigem Gesichtsausdruck und merkwürdigem Lächeln auf den Lippen und sagte dazu: Nichts. Manchmal frage ich mich, ob Mr Keen ihn nicht hypnotisiert hat.

Beleidigt

Ich habe es geschafft, Mr Keen zu beleidigen.

Am Samstag war ich auf Arbeit. Ich hatte endlich Zeit, um selber Experimente zu machen. An anderen Geräten waren Gäste beschäftigt. Eine Gruppe von Wissenschaftlern habe ich noch eingewiesen. Der andere Gast, nennen wir ihn Herr Smirnow, ist so häufig bei uns, dass er selbstständig arbeiten kann. Herr Smirnow war schon am Vortag bei seinem Lieblingsgerät beschäftigt gewesen, und machte nun weiter.

Ich mag es ehrlich gesagt nicht, an Tagen, wo ich selber Experimente mache, mich um Gäste kümmern zu müssen. Messzeit ist bei uns knapp, und ich kann sie nicht effektiv nutzen, weil die Gäste sich ständig an mich wenden, wenn etwas nicht stimmt. Aber wenn ich schon am Samstag da bin, brauchen die anderen Kollegen nicht zu kommen, und so wurde es von Winfried entschieden. Selbst an Tagen, wo Kollegen sich um Gäste kümmern, wenden sich diese an mich, wenn ich im Raum bin. Die meisten kennen mich schon. In Ruhe an meinen Projekten arbeiten? Vergiss es. Vielleicht sollte ich mir für solche Tage eine blonde Perücke besorgen. Einweisung fertig, hier ist die Nummer der Rufbereitschaft, Tschüß, kurz mal raus, umziehen, zurück kommen, mich als Gast vorstellen und verkleidet weiter arbeiten? Ob die mich dann nicht wieder erkennen würden?

So ging es mir am Samstag also. Ich fing endlich mit meinem Kram an, da kam plötzlich sehr aufdringlich Herr Smirnow zu mir und meinte, irgendwas würde mit dem Gerät nicht stimmen. „Och nee,“ habe ich mir nur gedacht. Aber ich fragte ihn, was los war. Die Probenumgebung stimmte nicht. Es wäre gar nicht kalt. Er war am Vortag schon irritiert, weil er am Anfang zwei Proben gemessen hätte, bevor ihm aufgefallen wäre, dass das Kühlsystem ja gar nicht eingeschaltet wurde. Mr Keen, der an dem Tag gemeinsam mit Florian für Gäste zuständig war, hätte ihm ganz schnell die Kühlung angeschaltet, und er hätte seine zwei Proben nochmal messen müssen. Nun jetzt, ginge es wieder nicht.

Ich ging zum Gerät und prüfte die Lage. Das Kontrollkasten für das Kühlsystem war an. Leider war das Kühlsystem nicht zum Ort der Probe montiert worden. Es lag in seiner Parkposition, die benutzt wird, wenn die andere Probenumgebung installiert ist. Mr Keen hatte ihm die Kühlung angeschaltet und gar nicht geprüft, ob sie drauf war. Das heißt, dass Herr Smirnow am ganzen Vortag seine Proben gar nicht gekühlt gemessen hatte, und alles von vorne wieder anfangen durfte. Bei ihm nicht tragisch, weil seine Proben bei Raumtemperatur ohne Problem überleben. Die Mehrheit unserer Gäste hantiert aber mit Proben, die sie sehr mühsam erstellen und nur eingefroren messen können, weil sie bei Raumtemperatur zu empfindlich sind, so ein Fehler hätte ihnen Monate Arbeit vernichten können. So nebenbei.

Ich habe die Probenumgebung gewechselt, einen Vermerk im experimentellen Buch geschrieben und an meinem Projekt weiter gearbeitet. Ich hatte schon vor, das Problem im wöchentlichen Meeting am Montag zu erwähnen, aber falls ich aus welchem Grund auch immer nicht zur Arbeit erschienen wäre, sollten es die Kollegen durch das Buch erfahren können. Dabei ging es mir nicht darum, Mr Keen schlecht darzustellen, sondern darauf hinzuweisen, dass ein ernsthafter Fehler statt gefunden hatte, den man mit besserer Planung in Zukunft vermeiden könnte. Früher hatten wir im Meeting das Wechseln von Probenumgebungen für Gäste immer im Voraus diskutiert. Das ist in letzter Zeit vergessen worden. Winfried geht vielleicht davon aus, dass wir automatisch daran denken. Wenn es aber ein bisschen Stress bei der Einweisung der Gäste gibt, kann man schnell etwas vergessen. So lief es am Freitag wohl. Früher, als Uschi noch bei uns war, war ein anderer Kollege dafür zuständig, solche Änderungen an Geräten vorzunehmen, weil man mit Einweisung schon die Hände voll hat. Besagter Kollege neigt aber gerne dazu, nichts zu machen, wenn der Chef nichts explizit von ihm verlangt, und so ist es in letzter Zeit üblich geworden, dass wir das selber machen. Das muss sich offensichtlich ändern.

Wir haben am Montag darüber diskutiert. Wir besprechen immer die Probleme, die wir in der letzten Woche hatten. Mr Keen hat von Herrn Smirnow gar nichts gesagt. Ich kam als letzte dran, da ich am Samstag Einweisungen gemacht hatte, und habe den Vorfall erklärt. Mr Keen hatte wohl das experimentelle Buch schon gelesen, und in einem theatralischen Ton gesagt, es wäre eine Katastrophe. Tja, Herrn Smirnow war alles anderes als belustigt, einen kompletten Tag verloren zu haben. Winfried war ebenfalls nicht erfreut und hat gesagt, er würde ihm gleich einen Brief zur Entschuldigung schicken.

Was ist bei Mr Keen angekommen? Ich habe ihn vor der ganzen Gruppe als unfähig dargestellt. Er, der sich gerne als Mr Wichtig angibt und immer wieder betont, was er alles gemacht hat, hat dadurch einen Kratzer am Ego bekommen. Dabei war er nicht mal alleine für die Gäste am Freitag zuständig, also müsste er es auch nicht so persönlich nehmen. Mit Kritik kann er offensichtlich nicht umgehen. Seitdem verhält er sich mit mir, wie er sich am Anfang vom Sommer mit Kate verhalten hatte, als sie den fatalen Fehler gemacht hatte, bei seinem Vortrag nicht anwesend zu sein. Antwortet knapp, wenn es Sachen zu besprechen gibt, wobei er selbst nicht das Gespräch sucht, schaut einem nicht mehr ins Gesicht und dreht demonstrativ den Rücken zu. Kate hatte es damals verletzt, weil sie ihn mochte. Mir ist es egal. Diese Art von Reaktion finde ich ziemlich lächerlich. Irgendwann wird er sich schon davon erholen.

Mittagspause

Ich bin mal wieder alleine bei der Mittagspause gewesen. Am Wochenende habe ich viel gekocht, so dass ich genug für die Arbeit einpacken konnte. Während die Kollegen aus der Arbeitsgruppe zu einem Lokal gegangen sind, habe ich mein Laptop mitgenommen und mich alleine im Aufenthaltsraum neben den Kaffee- und Nasch-Automaten an einem Tisch hingesessen.

An einem Nachbartisch setzt sich eine junge Frau mit dunklen Haaren hin. Die kenne ich nicht, und ich interessiere mich nicht wirklich für sie. Ich esse aus meiner Tupperware® Dose und lese meine Emails nebenbei.

Kurze Zeit später kommen andere Leute zum Tisch der Frau. Ein Mann und drei anderen Frauen. Bestimmt Kollegen von ihr, die ich auch nicht kenne, außer Frau Schnurelitz. Wenn sie alle enge Kollegen sind, dann sind sie also aus der Verwaltung und haben etwas mit Arbeitssicherheit zu tun.

Ich bin genug an meinem Tisch mit meinem eigenen Kram beschäftigt, trotzdem kann ich es nicht verhindern, Gesprächsfetzen aufzuschnappen.

„Ich treibe es wieder mit meinem Ex-Freund,“ kündigt plötzlich die Frau aus dem Nichts an. Nicht wirklich ein Gesprächsthema, das ich während der Mittagspause mit Kollegen für angemessen halten würde. Aber anscheinend gab es nichts Besseres, worüber sie sprechen konnte. Eine Kollegin bemerkt, ein wenig herablassend, dass es trotzdem keine Beziehung ist.

Wenig später unterhalten sie sich über Gastwissenschaftler, die bei uns für Experimente kommen. Wir haben ein breites Spektrum an Gäste, die aus allen möglichen Fachrichtungen kommen. Die Frau macht sich darüber lustig, dass einer aus einem Institut für Stochastik kommt. Das Wort findet sie lustig. Oder es gibt den anderen Wissenschaftler, der aus einem Institut für analytisches Irgendwas kommt. Was das Irgendwas ist, bekomme ich nicht mit, weil das Wort „analytisches“ ihr schon große Schwierigkeiten bereitet. Dreimal versucht sie, es richtig auszusprechen, ohne Erfolg. „Anal!“ schreit dann Frau Schnurelitz, und bricht in Gelächter aus. Die Anderen lachen ein bisschen verkrampft mit.

Ich bin mit meinem Essen fertig, und habe meine Emails durch gelesen. Beim niveaulosen Gespräch am Nachbartisch habe ich keine Lust, länger da sitzen zu bleiben, und kehre zu meinem Zimmer zurück.

Erkältet

Wir sind beide heute Morgen mit kratzendem Hals aufgewacht.

Bei mir hat es schon am Freitag Vorzeichen gegeben. Zum Frühstück hatte ich mir eine heiße Zitrone mit Honig gemacht. Gestern ist mir nichts aufgefallen. Der Hals fühlte sich morgens nicht so toll an, aber es ging schnell vorbei, und ich habe gedacht, es läge an der Luft im Schlafzimmer. Obwohl wir das Fenster minimal gekippt über Nacht lassen, um Feuchtigkeit an den Scheiben morgens zu vermeiden. Es klappt ganz gut, haben wir mittlerweile heraus gefunden.

Heute Morgen hat der Hals wieder stärker geschmerzt. Beim Ehemann auch. Er meint, er hat schon seit einigen Tagen Anzeichen für eine Erkältung. Wie ich. Ich habe über den Tag verteilt viele heiße Zitrone und Milch mit Honig getrunken. Ich weiß nicht, ob es wirklich hilft, aber schmecken tut es auf jeden Fall, und es lindert den Schmerz für eine Weile. Das mit dem Joggen haben wir heute sein lassen. Mein Arzt sagt bei Erkältungen immer, möglichst ruhen und viel Wasser trinken. Und ich achte für eine Weile nicht auf meine Kalorienbilanz, obwohl sie heute noch gut aussieht. Die Erkältung hat sich rasch entwickelt. Jetzt kann ich schwer reden, und die Nase läuft kontinuierlich. Bläh. Beim Ehemann ist es nicht so aufgeprägt. Wenigstens habe ich kein Fieber.

Ich frage mich, welche Rolle mein Zimmerkollege dabei gespielt hat. Am letzten Montag ist er nach einer Woche Abwesenheit heldenhaft ins Büro geplatzt, um zu ankündigen, dass er gerade eine ganze Woche mit Erkältung und Fieber zu Hause geblieben war, und eigentlich immer noch krank wäre, aber zu Hause wäre es ihm jetzt zu langweilig. Hat sich an seinem Schreibtisch mir gegenüber hin gesessen, um gleich danach entsetzlich zu husten und niesen. Gut, dass zwei Reihen Bildschirme uns trennen. Uschi hatte ja immer gesagt, „wenn du krank bist, will ich dich hier nicht sehen“. Das klingt dreist, ist aber recht sinnvoll. Es bringt nichts, wenn der Rest der Gruppe angesteckt und arbeitsunfähig wird. Das ist bei meinem Zimmerkollegen wohl nicht angekommen. Ich bin direkt nach seiner Ankunft zu unserem Geräteraum geflüchtet und habe ihn für den Rest der Woche vermieden, so gut es ging. Am Montagabend hat er sich zu uns gesellt, als ich mit meiner IT-Kollegin am Arbeiten war, weil es ihm an Gesellschaft fehlte. Unsere knappe Antworten haben ihn nicht davon abgehalten, sich länger mit uns unterhalten zu wollen. Smalltalk über völlig unwichtige Sachen. Zwei Tage später war meine IT-Kollegin für den Rest der Woche wegen Krankheit zu Hause. Vollidiot.

Ich werde froh sein, wenn er endlich aus dem Zimmer auszieht und ich alleine dort bleibe. Er ist ohne Krankheit schon schwer zu ertragen, da er so oft telefoniert und dabei furchtbar laut redet, und noch ständig leise hinter seinem Bildschirm rülpst und furzt. Immer hört man, wie sein Darm arbeitet. Ich habe schon den Raum wegen des Gestanks verlassen müssen. Im Juni hieß es schon, er würde bald ausziehen. Ich kann es kaum noch erwarten.

Rausgefegt

Ich musste Winfried mitteilen, dass ich schwanger bin[1]. Dadurch durfte ich viele Tätigkeiten bei der Arbeit nicht mehr ausführen. Das war blöd, weil ich schon so lange wegen meines kaputten Armes nicht auf Arbeit war.

„Das ist unschön“, meinte Winfried. „Aber wir werden dich ersetzen können.“ Neben ihm stand Mr Keen, der den Kopf nach unten geneigt hielt und nichts sagte. „Du“, sagte Winfried zu ihm, „wir können dich doch länger beschäftigen.“ Er erklärte, dass mein Vertrag zum 25. November dieses Jahres zu Ende ginge, und Mr Keen meine Stelle haben könnte. Moment mal, so früh ging mein Vertrag doch nicht zu Ende.

Zum Einen dachte ich, meine Stelle ist aus Drittmitteln finanziert. Den Folgeantrag für das Projekt haben wir eingereicht. Die Entscheidung wird noch einige Monate dauern. Wenn sie negativ ausfällt, ist kein Geld für meine Stelle da. Wie konnte Winfried sie Mr Keen anbieten? Zum Anderen hatte ich Winfried den Entwurf von meinem „Plan B“ DFG-Antrag geschickt, und er hatte mir bis jetzt noch keine Rückmeldung gegeben[2]. Vielleicht weil er mich doch nicht in der Gruppe behalten wollte? Wie würde ich dann an meinem Projekt weiter arbeiten können?

Bei Winfrieds‘ Ankündigung hob Mr Keen den Kopf. Sein Siegeslächeln war nicht zu übersehen. „Du Miststück, du freust dich richtig, dass ich so weggeschmissen werde“, wollte ich ihm sagen. „Du“, habe ich angefangen, und dann aufgehört. Den Typ hasste ich. Ich würde dort nicht mehr arbeiten und nichts mehr mit ihm zu tun haben müssen. Das war doch was.

[1] Bin ich nicht. Ich bin sicher, dass meine Periode kommen wird. Heute Morgen lag meine Temperatur wieder unter 36°C. Definitiv nicht schwanger.

[2] Das stimmt.

Geht’s noch dreister?

Ich bin mal wieder richtig sauer auf Mr Keen.

Er hat viele Charakterzüge, die mich nerven. Irgendwie scheinen meine Kollegen das alles nicht zu sehen.

  • Er ist ein Heuchler. Nicht nur, dass er bei seinem Vorstellungsgespräch so lächerlich betont hatte, wie toll es wäre, befristet zu arbeiten. In seinem Alter ist es nicht mehr glaubwürdig. Auch nicht, weil er so offensichtlich von einer Dauerstelle in der Gruppe schwärmt.
  • Er überschätzt seine Leistung und redet die seiner Kollegen klein. Er muss sich ja zur Verwirklichung seiner Fantasie als Gruppenleiter selber helfen. Das ist keine Unterstellung, er hatte ein paar Ausrutscher während Gespräche über die Nachfolge von Uschi.
  • Seine von ihm gerne proklamierte Hilfsbereitschaft, hinter der nichts steckt, wenn es mit Aufwand verbunden ist, habe ich schon erwähnt. Wenn er etwas für jemanden macht, dann mit Kalkül. So kommt es mir vor.
  • Er ist geizig. Zum Beispiel im ÖPNV. Ist es nicht schon spät genug, um mit einem von uns Abo-Besitzer umsonst fahren zu können? Nein? Seufzer, dann muss er eine seiner Einzelfahrkarten benutzen… Noch mal Seufzer… Über jeden Cent muss er diskutieren. Bei E13.
  • Beschwerlich seufzen kann er gut. Und jammern. Wie wenn es darum geht, Samstags arbeiten zu müssen. Stimmt, die Geschichte gab’s. Wenigstens sagt er jetzt Winfried gegenüber ganz offen, dass er kein Bock dazu hat. In einem sehr affirmativen Ton. Er will Stärke zeigen. Ja, aber… Motivation und Arbeitsbegeisterung sehen anders aus. Ich glaube, was ihn am Chef-werden so reizt, ist die Vorstellung, andere an blöden Zeiten arbeiten zu lassen, während man Däumchen dreht und wichtig tut.
  • Über Kollegen lästern ist auch eine seiner Stärke. Irgendwo muss es ihm bewusst sein, dass er der Loser-Typ ist, und er will es sich nicht anmerken lassen, indem er versucht, andere lächerlich zu machen. So ein Verhalten schießt aber meistens nach hinten.

Ähm. So einen Roman wollte ich eigentlich nicht anfangen. Ich habe mich wohl gehen lassen. Dabei kann er noch schlimmer, wie ich vor Kurzem erfahren habe, und das wollte ich jetzt erzählen.

Wir haben letzte Woche einen Kurs organisiert. Drei Tage lange ging es. Ich habe mich während der Vorträge um die Lichttechnik im Hörsaal gekümmert. Ich habe auch zwei praktische Teile betreut, jeweils fünf Stunden am Stück. Mr Keen hatte am Anfang eine halbstündige Vorlesung gehalten. Eine abgespeckte Version seiner Vorlesung von vor zwei Wochen. Bei den Vorträgen haben wir alle im Hörsaal gesessen, weil wir auf die Vorlesungen der eingeladenen Dozenten gespannt waren. Bei Mr Keen nicht so, es ist uns allen vertraut. Trotzdem sind wir geblieben. Kate hatte zwischendurch einen wichtigen Telefon-Termin und ist nur am Ende von seinem Vortrag zur Hörsaal zurück gekommen. Ich hätte es schon vergessen, wenn sie es mir nicht gesagt hätte.

Als ich am letzten Tag fertig war, habe ich sie alleine in ihrem Büro getroffen. Sie meinte, sie hätte etwas ganz schlimmes gemacht. Ich war verblüfft, und dann meinte sie, sie hätte den Vortrag von Mr Keen verpasst, weil sie diesen Termin mit ihrem Arbeitgeber hatte. Ich habe ihr gesagt, so schlimm war es nicht, der Vortrag war für die Teilnehmer bestimmt, nicht für uns. Nein, meinte sie, Mr Keen hätte es ihr voll übel genommen und hätte sie seitdem ignoriert. Sie hätte ihn nach dem Grund für sein Verhalten gefragt, und er hätte sie fertig gemacht.

Dazu muss ich erklären, dass Kate in einer Tanztruppe hobbymäßig involviert ist. Mr Keen hatte uns mal vorgeschlagen, sie bei Auftritten im Publikum zu überraschen. Ich habe es gerne mitgemacht und Mr Keen außerhalb der Arbeit ausgehalten, um ihr eine Freude zu machen. Ich hätte nie geträumt, dass Mr Keen dafür von ihr eine Gegenleistung erwarten würde, aber genau das hat er ihr ins Gesicht geworfen. Wir wären zu ihren Auftritten gewesen und hätten sogar gutmütig schwein viel Geld (13€) dafür bezahlt, wie konnte sie es wagen, an seinem super wichtigen Vortrag abwesend zu sein? Mir ist der Kiefer runter gegangen, als sie das erzählte und anfing zu schluchzen. Der Typ hat echt einen Knall. Er scheint sich wohl für ihren Chef zu halten, obwohl sie eigentlich von einer anderen Gruppe für ihre Arbeit bei uns eingestellt ist. Und überhaupt, er ist erst ein Jahr nach ihr zu unserer Gruppe gekommen, wie kommt er drauf, sie als Unterstellte zu behandeln? Dabei hatte sie ihn noch gerne, aus einem mir schleierhaften Grund. Ich hoffe, dass es ihr die Augen über seinen Charakter geöffnet hat.

Dass er so krass sein könnte, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich habe ihn wohl noch überschätzt.

Montag

Die Woche hat ganz schön hart angefangen. Ich war heute um acht bei der Arbeit. Ich hätte also um sieben das Haus verlassen müssen, aber da mein Mann für eine Dienstreise zum Flughafen musste, hat er mich auf dem Weg dahin mit dem Auto gefahren. Ich konnte eine halbe Stunde länger schlafen.

Ganz unerwartet war der Stress heute nicht, da wie jedes Semester unser gemeinsame Kurs mit der Uni statt findet. Ich organisiere unseren Teil, vorbereite die Lehrmaterialien, kontaktiere die Studenten, melde sie für die Experimente an (seit dem Versäumnis vom letzten Jahr habe ich die Verantwortung dafür übernommen), und halte auch Vorlesungen. Ich mache es zum siebten Mal und es läuft wie geschmiert. Ich habe für heute nicht mal meine Präsentation vorher durchlesen müssen.

Dasselbe kann ich für Mr Keen nicht behaupten. Er hat eine Vorlesung von Uschi geerbt, die er heute zum zweiten Mal gehalten hat. Eigentlich hätte ich seine Präsentation damals übernehmen können, ich hatte sie schon bei mehreren Veranstaltungen vorgetragen und es hätte mir nicht viel Aufwand gekostet. Uschi meinte aber, ich sollte mich für den Kurs nicht überanstrengen, und Mr Keen würde sich bestimmt freuen, selber eine Vorlesung halten zu dürfen.

Tja. Wie es bei Mr Keen so ist, sagt er den Chefs immer „ja, mache ich gerne“, aber dahinter steckt nichts. Kein Bock, das war bei ihm in den letzten Wochen schon anzumerken. Und null Vorbereitung, so viel war heute wieder klar. Winfried war diesmal dabei, weil Mr Keen nächste Woche eine ähnliche Präsentation bei einer anderen wichtigeren Veranstaltung halten sollte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit seiner Leistung zufrieden sein konnte. Begriffe verwechselt, ständig versprochen (seine Sprachstörung kommt noch dazu), ich habe teilweise eingreifen müssen, damit die Studenten verstehen, was er so mühsam nicht richtig erklären konnte.

Was mich noch irritiert hat, ist, wie er mir heute sagte, ich müsste nicht so viel alleine für den Kurs machen, er würde gerne helfen. Das hört man von ihm häufig. Er hilft gerne, wirklich, man muss nur fragen. Wenn man es mal versucht, stöhnt er, hat dann doch etwas ganz anderes und wichtigeres zu tun und überhaupt keine Zeit, aber sonst „gerne“, jederzeit, nur jetzt nicht. Und wenn es eh dazu kommt, dass er alles wie seine Präsentation heute verschlampt, dann kommt es definitiv nicht in Frage, dass ich ihn etwas anderes für den Kurs machen lasse. Ich glaube, ihm geht es vor allem darum, sich als hilfsbereit zu zeigen und Verantwortung an sich zu reißen, um sich wichtiger erscheinen zu lassen. Aber bitte ohne zusätzliche Arbeit.

Es wird Zeit, dass Florian, unser neuer Mitarbeiter, bei uns anfängt. Noch zwei Wochen. Es wird einiges in der Gruppe ändern. Mr Keen war beim ganzen Bewerbungsprozess stark gegen ihn. Hat ihm immer vorgeworfen, mehr Schein als Sein zu zeigen. Die Beschreibung trifft eher auf Mr Keen zu. Ich glaube, er sieht Florian als ernsthafter Gegner. Mit Recht. Florian ist jung, sympathisch, dynamisch, motiviert und produktiv. Hat schon viele wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Und sieht auch noch gut aus. Das Gegenteil von Mr Keen, wirklich. Kein Wunder, dass er sich von ihm so bedroht fühlt. Ich kannte Florian schon, bevor er sich bei uns beworben hat, und hatte die ganze Zeit die Hoffnung, dass die Entscheidung auf ihn fallen würde. Es freut mich, ihn demnächst als Kollegen zu haben.

Dumm gelaufen…

In meiner Arbeitsgruppe bin ich vor allem als Programmiererin tätig. Es war für mich damals ein gewagter Schritt, die Stelle anzunehmen, da ich vorher nur mit C und Fortran gearbeitet hatte und keine Ahnung von Python hatte. Ich habe mich mit der neuen Sprache doch relativ schnell abgefunden und gelernt, wie mein Vorgänger zu programmieren, da ich an seinem Projekt weiter arbeiten musste. Inzwischen ist mir klar geworden, dass er selber Python nicht so gut beherrschte und teilweise sehr suboptimale Lösungswege benutzt hat. Die jetzt zu verbessern würde so viel Zeit kosten, dass es mir besser erscheint, das Programm komplett umzuschreiben. Aber darum geht’s heute nicht.

Ich war damals nicht nur in Python eine Anfängerin, sondern auch im Umgang mit Linux. In meinem früheren Institut hatten wir nur Windows benutzt. Ja, während meiner Diplomarbeit musste ich mit Unix arbeiten. Da waren aber schon mehr als fünfzehn Jahre vergangen. Ich konnte mich gerade noch an die Befehle cd und ls erinnern. Und tail -f, warum auch immer. Es gab vieles nachzuholen. Dazu gehört ein großer Dank an meinem IT-Kollegen.

Es war für mich also schon ein bisschen beängstigend, als Uschi mich nicht mal ein halbes Jahr nach meiner Einstellung gefragt hatte, mich um die Aktualisierung der wissenschaftlichen Programme auf unserem Server zu kümmern. „Was, im Ernst jetzt? Aber ich verstehe nur Bahnhof, ich mache sicherlich nur alles kaputt…“ habe ich in dem Moment gedacht. Uschi war scheinbar der Meinung, da ich programmiere, kann ich alles. Und: Es klappt doch. Nochmal Danke für die Hilfe an meinem IT-Kollegen.

Vor Kurzem habe ich für mein wissenschaftliches Projekt eine Software A benutzt. Sie war mit meinen Daten nicht ganz zufrieden und ist bei einem bestimmten Schritt immer wieder mit der gleichen Fehlermeldung abgestürzt. Ich habe einen Autor von A kontaktiert, der mir empfohlen hatte, die allerletzte Entwicklungsversion zu installieren. Das habe ich gemacht. Es hat sich gelohnt, das Problem wurde behoben und ich konnte weiter arbeiten. Da diese Software von vielen Personen mit verschiedenen Zugriffsrechten benutzt wird, habe ich sie mit einem begrenzten Konto getestet. Darauf hatte Uschi immer großen Wert gelegen. Es lief ohne Problem. Ich habe die Aktualisierung von A in unseren internen Dokumenten protokolliert und bin später nach Hause gegangen.

Am nächsten Tag musste ich woanders als in meinem Büro arbeiten. Am frühen Vormittag habe ich eine Email von Winfried bekommen, weil ein Programm B für die Steuerung von einem Gerät nicht mehr funktionierte. Es gab eine Python-Ausnahme, gefolgt von der Fehlermeldung error while loading shared libraries: requires glibc 2.5 or later dynamic linker env: Command not found. Die Ausnahme kam aus dem von mir aktualisierten Programm (A ist in Python geschrieben). Warum die Aktualisierung von A ein solches Problem für Software B verursachen soll, die eigentlich gar nichts mit A zu tun hat, war mir ein Rätsel.

Mein IT-Kollege hat die Ursache vom Problem schnell identifiziert und beheben können. Ich hatte beim Aktualisieren von A die alte Version behalten, daher konnte man den Pfad in der allgemeinen .bashrc Datei einfach zurück setzen. Das Gerät konnte dadurch wieder gesteuert werden. Winfried klang in seiner Email trotzdem ziemlich geärgert, weil ich angeblich A aktualisiert und das Büro verlassen hätte, ohne mich darum zu kümmern, A vorher zu testen und die Aktualisierung zu protokollieren. Das fand ich hart, weil ich es doch alles getan hatte. Ein Blick in unseren Dokumenten hätte gereicht, um Bescheid zu wissen. Ich habe ihm geantwortet, mit Verweis auf mein Protokoll.

Bei unserem Montagsmeeting kam das Problem zur Diskussion. Inzwischen hatte Winfried eingesehen, dass ich doch alles richtig gemacht hatte. Er hat dabei Mr Keen ausdrücklich angestarrt, als er langsam betonte, dass ich kein Fehler gemacht hatte. Mr Keen hat wohl anscheinend keine Zeit verloren, um über mich zu lästern, als ich abwesend war. Dass ich ihn nicht leiden kann ist offensichtlich nicht unbegründet, obwohl ich mein Bestes tue, um es mir nicht anmerken zu lassen. Das ist äußerst schwierig.

Ich habe nach dem Meeting nochmal versucht, das Problem zu reproduzieren, um es zu verstehen. Ich habe dabei gelernt, dass der Befehl, um die Software B zu starten, nicht einfach B ist, sondern, durch ein Alias, ssh -X steuerung.pc.von.geraet; B. Beim ssh wird die .bashrc Datei ausgeführt. Drin steht der Befehl source neue_A_Version, wie von den Entwicklern von A empfohlen. Der Rechner steuerung.pc.von.geraet ist aber alt, und damit gewährleistet wird, dass B immer funktioniert, hat mein IT-Kollege beschlossen, dass keine Linux-Update drauf laufen sollen. Seit Jahren. Unter anderen ist die Bibliothek glibc 2.5 nicht installiert, die A neuerdings braucht. Wenn ich auf steuerung.pc.von.geraet den Befehl source neue_A_Version eingebe, bekomme ich die gleiche Fehlermeldung. Die ist anscheinend so gravierend, dass danach einfache Linux-Befehle nicht mehr funktionieren. Selbst beim ls kriegt man dann die Meldung Command not found.

Ob es so sinnvoll ist, eine uralte Version von einem Betriebssystem zu behalten, nur damit B läuft, obwohl B von meinem IT-Kollegen entwickelt wird, bezweifle ich stark. Vor allem, wenn wir dadurch auf die neuesten Versionen von wissenschaftlichen Programmen verzichten müssen. Eine Lösung wäre jetzt, mit Hilfe von einem Alias den Befehl A durch source neue_A_Version; A in der .bashrc Datei zu ersetzen. Da steuerung.pc.von.geraet für die Ausführung von A nie benutzt wird, sollte es klappen.

Wie konnte ich so blöd sein

Ich habe mich in letzter Zeit völlig überarbeitet. Das ist eigentlich ein Dauerzustand, seit Dezember. Ich bin dienstlich rumgereist wie noch nie, habe viel dafür gearbeitet, und musste nebenbei meinen üblichen Tätigkeiten nachgehen — Programmierung, Nutzerbetreuung, Rufbereitschaft, eigene wissenschaftliche Projekte voran treiben… Ich habe ab und zu vereinzelt Tage frei genommen, aber es war nicht so erholsam.

Zwischendurch gab es ein Marathon-Wochenende bei meiner Mami in Südfrankreich, da wir den ganzen Papierkramm für die Hochzeit persönlich abgeben mussten — die Hochzeit wird dort stattfinden. Freitagabend weg geflogen, Mietwagen in Nizza geholt (und dafür Dreiviertelstunde in einer super langen Schlange bei Hertz mit nur zwei Mitarbeitern gestanden), um zwei Uhr morgens bei meiner Mami angekommen. Am Samstagvormittag im Rathaus, Friseurin und Kosmetikerin besucht, Details für die Feier diskutiert. Mein Bruder und seine Freundin sind auch zu meiner Mami gekommen, um die Gelegenheit zu nutzen, uns wieder zu sehen. Am Sonntagabend waren wir wieder in Berlin.

Direkt danach hatte ich Rufbereitschaft. Letzte Woche. Ich bin fast jeden Abend angerufen worden. Einmal musste ich sogar von zu Hause aus zurück zur Arbeit fahren, weil es eine Hardware-Kollision gab. Ich konnte das Problem beheben. Als ich dann fast wieder zu Hause war und vor der Haustür stand, haben die Nutzer wieder angerufen. Es roch nach gebrannten Kabeln. Darum haben sich Techniker vor Ort gekümmert. Von der elektrischen Anlage habe ich zu wenig Ahnung, um selber etwas zu machen. Zum Glück konnte ich nachtsüber durchschlafen, die Probleme sind immer am Abend aufgetaucht. Ich habe aber lange Abende vor dem Rechner gesessen, um sie aus der Ferne zu lösen.

Am Samstag hatte ich Einsatz, und am Sonntag gab es unerwartete Messzeit, die ich nutzen konnte. Messzeit ist bei uns so knapp geworden. Ein von unseren Geräten ist seit mehreren Monaten in Wartung, und unsere Nutzer haben Vorrang. Ich habe am Sonntag die Gelegenheit genutzt und selber Experimente gemacht. Den ganzen Tag. Ich bin nicht fertig geworden, und für morgen war ein Gerät noch frei, also habe ich es gebucht.

Am Montag bin ich extrem früh aufgewacht, weil ich einen Zug um sieben Uhr morgens nehmen musste, um zu einer Tagung zu fahren. Da Pawel und Winfried mitgefahren sind, hatte ich letzte Woche angekündigt, morgen die Nutzerbetreuung zu übernehmen. Meine verbleibenden Kollegen sollten nicht unnötig überlastet werden. Vor allem Kate, die auch viel um die Ohren hat. Da ich morgen wieder Experimente mache, passte es wunderbar. Winfried hatte noch vorher kommentiert, dass Mr Keen halt zwei Mal diese Woche dran sein musste, weil er schon für Samstag geplant war. Ich habe mich also noch am Sonntagabend in der wöchentlichen Tabelle für morgen eingetragen. Dachte ich. Ich habe mich aber um eine Zeile vertan und für Samstag eingetragen. Das habe ich erst heute gemerkt.

Ich habe am Montagabend versucht, das Protokoll von unserem wöchentlichen Meeting zu lesen, um zu schauen, ob ich tatsächlich morgen Nutzerbetreuung mache. Es hätte sein können, dass die Kollegen es sich anders überlegt hätten. Obwohl ich normalerweise von überall aus darauf Zugriff habe, konnte ich am Montag das Protokoll nicht lesen. Die Seite konnte nicht geladen werden. Am Dienstag und gestern auch nicht. Als ich heute nachmittag im Zug saß, habe ich eine Email von unserer IT-Kollegin gelesen, die sagte, dass das Protokoll wieder zugänglich wäre. Ich habe also die Seite geladen und erst dann mein Fehler gemerkt.

Samstageinsätze werden eigentlich ganz klar Wochen im Vorraus verteilt, und Mr Keen war für übermorgen geplant. Und nicht in der wöchentlichen Tabelle, sondern in einem dafür vorgesehenen Kalender. In der wöchentlichen Tabelle steht jetzt Kate für morgen. Am Dienstag war sie schon dran. Im Kalender ist der Einsatz von Samstag schon auf meinem Namen geändert worden. Ich habe Winfried und Mr Keen eine Email geschrieben, um die Sache zu klären. Winfried hat gleich geantwortet, dass er es am Samstag nicht machen konnte, was ich auch nicht von ihm erwartet hatte, da Mr Keen eigentlich geplant war. Er hat explizit in seiner Antwort auf Mr Keen hingewiesen, der keine Antwort von sich gegeben hat.

Ich habe Mr Keen angerufen. Und die Art, wie er sich verweigert hat, am Samstag zu arbeiten, obwohl er schon lange dafür vorgesehen war, hat mich total sauer gemacht. Er war am Montag für das Meeting zuständig, weil Winfried und ich nicht anwesend waren. Der Arsch ist gerade von einem langen Urlauch zurück gekommen, und hat die schon überlastete Kate diese Woche zweimal bei der Nutzerbetreuung eingetragen, obwohl ich Kate über meine Absicht informiert hatte. Er war einfach zu froh darüber, so eine gute Ausrede zu haben, um sich vor seiner Arbeit zu drücken. Er hat jeden Argument vehement abgestritten, und meinte, er wäre überzeugt gewesen, dass ich wirklich zweimal hintereinander freiwillig meinen Samstag opfern wollte. Der „Arme“ ist diese Woche so häufig bei der Rufbereitschaft angerufen worden, dass er am Samstag nicht arbeiten will. Dabei sind wir alle in Rufbereitschaftswochen für Samstageinsätze geplant, genau wie ich letzte Woche. Habe ich mich deswegen geweigert, meine Arbeit wahrzunehmen? Außerdem müssen wir bei Rufbereitschaftseinsätzen elektronische Formulare ausfüllen, und es gibt diese Woche noch keine von ihm zu lesen.

Damit bin ich also am Samstag vierzehn Tage pausenlos am Arbeiten gewesen. Ich schöre, ich werde es ihm nie vergessen. Vor allem, weil er letzte Woche schon den ganzen Sonntag für Rufbereitschaft geplant war, und mich gefragt hatte, ob ich erst am Abend mit ihm wechseln könnte. Er wollte nicht seinen Sonntag versauen. Ich blöde Kuh hatte nichts dagegen, weil ich selber für meine Experimente vor Ort war. Beim nächsten Mal schicke ich ihn zur Hölle.

Ein bisschen Trost habe ich dadurch, dass sein Verhalten von Winfried jetzt wirklich nicht übersehen werden kann. Ich habe schon lange gemerkt, dass er sich gerne vor den Chefs als arbeitswillig ausgibt, aber jede Gelegenheit nutzt, um seine Arbeit bei anderen zu verlagern. Er hat sich auch nicht für die Nachfolge von Uschi beworben, und das sagt mir, dass Winfried ihm gesagt hat, dass er sehr schlechte Aussichten dafür haben würde. Da bin ich beruhigt. Dass ich aufgrund vom Wissenschaftszeitvertragsgesetzt nicht drauf eingestellt werden kann, ist inzwischen auch klar. Aber es ist jetzt nicht mehr so schlimm.