Beleidigt

Ich habe es geschafft, Mr Keen zu beleidigen.

Am Samstag war ich auf Arbeit. Ich hatte endlich Zeit, um selber Experimente zu machen. An anderen Geräten waren Gäste beschäftigt. Eine Gruppe von Wissenschaftlern habe ich noch eingewiesen. Der andere Gast, nennen wir ihn Herr Smirnow, ist so häufig bei uns, dass er selbstständig arbeiten kann. Herr Smirnow war schon am Vortag bei seinem Lieblingsgerät beschäftigt gewesen, und machte nun weiter.

Ich mag es ehrlich gesagt nicht, an Tagen, wo ich selber Experimente mache, mich um Gäste kümmern zu müssen. Messzeit ist bei uns knapp, und ich kann sie nicht effektiv nutzen, weil die Gäste sich ständig an mich wenden, wenn etwas nicht stimmt. Aber wenn ich schon am Samstag da bin, brauchen die anderen Kollegen nicht zu kommen, und so wurde es von Winfried entschieden. Selbst an Tagen, wo Kollegen sich um Gäste kümmern, wenden sich diese an mich, wenn ich im Raum bin. Die meisten kennen mich schon. In Ruhe an meinen Projekten arbeiten? Vergiss es. Vielleicht sollte ich mir für solche Tage eine blonde Perücke besorgen. Einweisung fertig, hier ist die Nummer der Rufbereitschaft, Tschüß, kurz mal raus, umziehen, zurück kommen, mich als Gast vorstellen und verkleidet weiter arbeiten? Ob die mich dann nicht wieder erkennen würden?

So ging es mir am Samstag also. Ich fing endlich mit meinem Kram an, da kam plötzlich sehr aufdringlich Herr Smirnow zu mir und meinte, irgendwas würde mit dem Gerät nicht stimmen. „Och nee,“ habe ich mir nur gedacht. Aber ich fragte ihn, was los war. Die Probenumgebung stimmte nicht. Es wäre gar nicht kalt. Er war am Vortag schon irritiert, weil er am Anfang zwei Proben gemessen hätte, bevor ihm aufgefallen wäre, dass das Kühlsystem ja gar nicht eingeschaltet wurde. Mr Keen, der an dem Tag gemeinsam mit Florian für Gäste zuständig war, hätte ihm ganz schnell die Kühlung angeschaltet, und er hätte seine zwei Proben nochmal messen müssen. Nun jetzt, ginge es wieder nicht.

Ich ging zum Gerät und prüfte die Lage. Das Kontrollkasten für das Kühlsystem war an. Leider war das Kühlsystem nicht zum Ort der Probe montiert worden. Es lag in seiner Parkposition, die benutzt wird, wenn die andere Probenumgebung installiert ist. Mr Keen hatte ihm die Kühlung angeschaltet und gar nicht geprüft, ob sie drauf war. Das heißt, dass Herr Smirnow am ganzen Vortag seine Proben gar nicht gekühlt gemessen hatte, und alles von vorne wieder anfangen durfte. Bei ihm nicht tragisch, weil seine Proben bei Raumtemperatur ohne Problem überleben. Die Mehrheit unserer Gäste hantiert aber mit Proben, die sie sehr mühsam erstellen und nur eingefroren messen können, weil sie bei Raumtemperatur zu empfindlich sind, so ein Fehler hätte ihnen Monate Arbeit vernichten können. So nebenbei.

Ich habe die Probenumgebung gewechselt, einen Vermerk im experimentellen Buch geschrieben und an meinem Projekt weiter gearbeitet. Ich hatte schon vor, das Problem im wöchentlichen Meeting am Montag zu erwähnen, aber falls ich aus welchem Grund auch immer nicht zur Arbeit erschienen wäre, sollten es die Kollegen durch das Buch erfahren können. Dabei ging es mir nicht darum, Mr Keen schlecht darzustellen, sondern darauf hinzuweisen, dass ein ernsthafter Fehler statt gefunden hatte, den man mit besserer Planung in Zukunft vermeiden könnte. Früher hatten wir im Meeting das Wechseln von Probenumgebungen für Gäste immer im Voraus diskutiert. Das ist in letzter Zeit vergessen worden. Winfried geht vielleicht davon aus, dass wir automatisch daran denken. Wenn es aber ein bisschen Stress bei der Einweisung der Gäste gibt, kann man schnell etwas vergessen. So lief es am Freitag wohl. Früher, als Uschi noch bei uns war, war ein anderer Kollege dafür zuständig, solche Änderungen an Geräten vorzunehmen, weil man mit Einweisung schon die Hände voll hat. Besagter Kollege neigt aber gerne dazu, nichts zu machen, wenn der Chef nichts explizit von ihm verlangt, und so ist es in letzter Zeit üblich geworden, dass wir das selber machen. Das muss sich offensichtlich ändern.

Wir haben am Montag darüber diskutiert. Wir besprechen immer die Probleme, die wir in der letzten Woche hatten. Mr Keen hat von Herrn Smirnow gar nichts gesagt. Ich kam als letzte dran, da ich am Samstag Einweisungen gemacht hatte, und habe den Vorfall erklärt. Mr Keen hatte wohl das experimentelle Buch schon gelesen, und in einem theatralischen Ton gesagt, es wäre eine Katastrophe. Tja, Herrn Smirnow war alles anderes als belustigt, einen kompletten Tag verloren zu haben. Winfried war ebenfalls nicht erfreut und hat gesagt, er würde ihm gleich einen Brief zur Entschuldigung schicken.

Was ist bei Mr Keen angekommen? Ich habe ihn vor der ganzen Gruppe als unfähig dargestellt. Er, der sich gerne als Mr Wichtig angibt und immer wieder betont, was er alles gemacht hat, hat dadurch einen Kratzer am Ego bekommen. Dabei war er nicht mal alleine für die Gäste am Freitag zuständig, also müsste er es auch nicht so persönlich nehmen. Mit Kritik kann er offensichtlich nicht umgehen. Seitdem verhält er sich mit mir, wie er sich am Anfang vom Sommer mit Kate verhalten hatte, als sie den fatalen Fehler gemacht hatte, bei seinem Vortrag nicht anwesend zu sein. Antwortet knapp, wenn es Sachen zu besprechen gibt, wobei er selbst nicht das Gespräch sucht, schaut einem nicht mehr ins Gesicht und dreht demonstrativ den Rücken zu. Kate hatte es damals verletzt, weil sie ihn mochte. Mir ist es egal. Diese Art von Reaktion finde ich ziemlich lächerlich. Irgendwann wird er sich schon davon erholen.

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Mittagspause

Ich bin mal wieder alleine bei der Mittagspause gewesen. Am Wochenende habe ich viel gekocht, so dass ich genug für die Arbeit einpacken konnte. Während die Kollegen aus der Arbeitsgruppe zu einem Lokal gegangen sind, habe ich mein Laptop mitgenommen und mich alleine im Aufenthaltsraum neben den Kaffee- und Nasch-Automaten an einem Tisch hingesessen.

An einem Nachbartisch setzt sich eine junge Frau mit dunklen Haaren hin. Die kenne ich nicht, und ich interessiere mich nicht wirklich für sie. Ich esse aus meiner Tupperware® Dose und lese meine Emails nebenbei.

Kurze Zeit später kommen andere Leute zum Tisch der Frau. Ein Mann und drei anderen Frauen. Bestimmt Kollegen von ihr, die ich auch nicht kenne, außer Frau Schnurelitz. Wenn sie alle enge Kollegen sind, dann sind sie also aus der Verwaltung und haben etwas mit Arbeitssicherheit zu tun.

Ich bin genug an meinem Tisch mit meinem eigenen Kram beschäftigt, trotzdem kann ich es nicht verhindern, Gesprächsfetzen aufzuschnappen.

„Ich treibe es wieder mit meinem Ex-Freund,“ kündigt plötzlich die Frau aus dem Nichts an. Nicht wirklich ein Gesprächsthema, das ich während der Mittagspause mit Kollegen für angemessen halten würde. Aber anscheinend gab es nichts Besseres, worüber sie sprechen konnte. Eine Kollegin bemerkt, ein wenig herablassend, dass es trotzdem keine Beziehung ist.

Wenig später unterhalten sie sich über Gastwissenschaftler, die bei uns für Experimente kommen. Wir haben ein breites Spektrum an Gäste, die aus allen möglichen Fachrichtungen kommen. Die Frau macht sich darüber lustig, dass einer aus einem Institut für Stochastik kommt. Das Wort findet sie lustig. Oder es gibt den anderen Wissenschaftler, der aus einem Institut für analytisches Irgendwas kommt. Was das Irgendwas ist, bekomme ich nicht mit, weil das Wort „analytisches“ ihr schon große Schwierigkeiten bereitet. Dreimal versucht sie, es richtig auszusprechen, ohne Erfolg. „Anal!“ schreit dann Frau Schnurelitz, und bricht in Gelächter aus. Die Anderen lachen ein bisschen verkrampft mit.

Ich bin mit meinem Essen fertig, und habe meine Emails durch gelesen. Beim niveaulosen Gespräch am Nachbartisch habe ich keine Lust, länger da sitzen zu bleiben, und kehre zu meinem Zimmer zurück.

Erkältet

Wir sind beide heute Morgen mit kratzendem Hals aufgewacht.

Bei mir hat es schon am Freitag Vorzeichen gegeben. Zum Frühstück hatte ich mir eine heiße Zitrone mit Honig gemacht. Gestern ist mir nichts aufgefallen. Der Hals fühlte sich morgens nicht so toll an, aber es ging schnell vorbei, und ich habe gedacht, es läge an der Luft im Schlafzimmer. Obwohl wir das Fenster minimal gekippt über Nacht lassen, um Feuchtigkeit an den Scheiben morgens zu vermeiden. Es klappt ganz gut, haben wir mittlerweile heraus gefunden.

Heute Morgen hat der Hals wieder stärker geschmerzt. Beim Ehemann auch. Er meint, er hat schon seit einigen Tagen Anzeichen für eine Erkältung. Wie ich. Ich habe über den Tag verteilt viele heiße Zitrone und Milch mit Honig getrunken. Ich weiß nicht, ob es wirklich hilft, aber schmecken tut es auf jeden Fall, und es lindert den Schmerz für eine Weile. Das mit dem Joggen haben wir heute sein lassen. Mein Arzt sagt bei Erkältungen immer, möglichst ruhen und viel Wasser trinken. Und ich achte für eine Weile nicht auf meine Kalorienbilanz, obwohl sie heute noch gut aussieht. Die Erkältung hat sich rasch entwickelt. Jetzt kann ich schwer reden, und die Nase läuft kontinuierlich. Bläh. Beim Ehemann ist es nicht so aufgeprägt. Wenigstens habe ich kein Fieber.

Ich frage mich, welche Rolle mein Zimmerkollege dabei gespielt hat. Am letzten Montag ist er nach einer Woche Abwesenheit heldenhaft ins Büro geplatzt, um zu ankündigen, dass er gerade eine ganze Woche mit Erkältung und Fieber zu Hause geblieben war, und eigentlich immer noch krank wäre, aber zu Hause wäre es ihm jetzt zu langweilig. Hat sich an seinem Schreibtisch mir gegenüber hin gesessen, um gleich danach entsetzlich zu husten und niesen. Gut, dass zwei Reihen Bildschirme uns trennen. Uschi hatte ja immer gesagt, „wenn du krank bist, will ich dich hier nicht sehen“. Das klingt dreist, ist aber recht sinnvoll. Es bringt nichts, wenn der Rest der Gruppe angesteckt und arbeitsunfähig wird. Das ist bei meinem Zimmerkollegen wohl nicht angekommen. Ich bin direkt nach seiner Ankunft zu unserem Geräteraum geflüchtet und habe ihn für den Rest der Woche vermieden, so gut es ging. Am Montagabend hat er sich zu uns gesellt, als ich mit meiner IT-Kollegin am Arbeiten war, weil es ihm an Gesellschaft fehlte. Unsere knappe Antworten haben ihn nicht davon abgehalten, sich länger mit uns unterhalten zu wollen. Smalltalk über völlig unwichtige Sachen. Zwei Tage später war meine IT-Kollegin für den Rest der Woche wegen Krankheit zu Hause. Vollidiot.

Ich werde froh sein, wenn er endlich aus dem Zimmer auszieht und ich alleine dort bleibe. Er ist ohne Krankheit schon schwer zu ertragen, da er so oft telefoniert und dabei furchtbar laut redet, und noch ständig leise hinter seinem Bildschirm rülpst und furzt. Immer hört man, wie sein Darm arbeitet. Ich habe schon den Raum wegen des Gestanks verlassen müssen. Im Juni hieß es schon, er würde bald ausziehen. Ich kann es kaum noch erwarten.

Rausgefegt

Ich musste Winfried mitteilen, dass ich schwanger bin[1]. Dadurch durfte ich viele Tätigkeiten bei der Arbeit nicht mehr ausführen. Das war blöd, weil ich schon so lange wegen meines kaputten Armes nicht auf Arbeit war.

„Das ist unschön“, meinte Winfried. „Aber wir werden dich ersetzen können.“ Neben ihm stand Mr Keen, der den Kopf nach unten geneigt hielt und nichts sagte. „Du“, sagte Winfried zu ihm, „wir können dich doch länger beschäftigen.“ Er erklärte, dass mein Vertrag zum 25. November dieses Jahres zu Ende ginge, und Mr Keen meine Stelle haben könnte. Moment mal, so früh ging mein Vertrag doch nicht zu Ende.

Zum Einen dachte ich, meine Stelle ist aus Drittmitteln finanziert. Den Folgeantrag für das Projekt haben wir eingereicht. Die Entscheidung wird noch einige Monate dauern. Wenn sie negativ ausfällt, ist kein Geld für meine Stelle da. Wie konnte Winfried sie Mr Keen anbieten? Zum Anderen hatte ich Winfried den Entwurf von meinem „Plan B“ DFG-Antrag geschickt, und er hatte mir bis jetzt noch keine Rückmeldung gegeben[2]. Vielleicht weil er mich doch nicht in der Gruppe behalten wollte? Wie würde ich dann an meinem Projekt weiter arbeiten können?

Bei Winfrieds‘ Ankündigung hob Mr Keen den Kopf. Sein Siegeslächeln war nicht zu übersehen. „Du Miststück, du freust dich richtig, dass ich so weggeschmissen werde“, wollte ich ihm sagen. „Du“, habe ich angefangen, und dann aufgehört. Den Typ hasste ich. Ich würde dort nicht mehr arbeiten und nichts mehr mit ihm zu tun haben müssen. Das war doch was.

[1] Bin ich nicht. Ich bin sicher, dass meine Periode kommen wird. Heute Morgen lag meine Temperatur wieder unter 36°C. Definitiv nicht schwanger.

[2] Das stimmt.

Geht’s noch dreister?

Ich bin mal wieder richtig sauer auf Mr Keen.

Er hat viele Charakterzüge, die mich nerven. Irgendwie scheinen meine Kollegen das alles nicht zu sehen.

  • Er ist ein Heuchler. Nicht nur, dass er bei seinem Vorstellungsgespräch so lächerlich betont hatte, wie toll es wäre, befristet zu arbeiten. In seinem Alter ist es nicht mehr glaubwürdig. Auch nicht, weil er so offensichtlich von einer Dauerstelle in der Gruppe schwärmt.
  • Er überschätzt seine Leistung und redet die seiner Kollegen klein. Er muss sich ja zur Verwirklichung seiner Fantasie als Gruppenleiter selber helfen. Das ist keine Unterstellung, er hatte ein paar Ausrutscher während Gespräche über die Nachfolge von Uschi.
  • Seine von ihm gerne proklamierte Hilfsbereitschaft, hinter der nichts steckt, wenn es mit Aufwand verbunden ist, habe ich schon erwähnt. Wenn er etwas für jemanden macht, dann mit Kalkül. So kommt es mir vor.
  • Er ist geizig. Zum Beispiel im ÖPNV. Ist es nicht schon spät genug, um mit einem von uns Abo-Besitzer umsonst fahren zu können? Nein? Seufzer, dann muss er eine seiner Einzelfahrkarten benutzen… Noch mal Seufzer… Über jeden Cent muss er diskutieren. Bei E13.
  • Beschwerlich seufzen kann er gut. Und jammern. Wie wenn es darum geht, Samstags arbeiten zu müssen. Stimmt, die Geschichte gab’s. Wenigstens sagt er jetzt Winfried gegenüber ganz offen, dass er kein Bock dazu hat. In einem sehr affirmativen Ton. Er will Stärke zeigen. Ja, aber… Motivation und Arbeitsbegeisterung sehen anders aus. Ich glaube, was ihn am Chef-werden so reizt, ist die Vorstellung, andere an blöden Zeiten arbeiten zu lassen, während man Däumchen dreht und wichtig tut.
  • Über Kollegen lästern ist auch eine seiner Stärke. Irgendwo muss es ihm bewusst sein, dass er der Loser-Typ ist, und er will es sich nicht anmerken lassen, indem er versucht, andere lächerlich zu machen. So ein Verhalten schießt aber meistens nach hinten.

Ähm. So einen Roman wollte ich eigentlich nicht anfangen. Ich habe mich wohl gehen lassen. Dabei kann er noch schlimmer, wie ich vor Kurzem erfahren habe, und das wollte ich jetzt erzählen.

Wir haben letzte Woche einen Kurs organisiert. Drei Tage lange ging es. Ich habe mich während der Vorträge um die Lichttechnik im Hörsaal gekümmert. Ich habe auch zwei praktische Teile betreut, jeweils fünf Stunden am Stück. Mr Keen hatte am Anfang eine halbstündige Vorlesung gehalten. Eine abgespeckte Version seiner Vorlesung von vor zwei Wochen. Bei den Vorträgen haben wir alle im Hörsaal gesessen, weil wir auf die Vorlesungen der eingeladenen Dozenten gespannt waren. Bei Mr Keen nicht so, es ist uns allen vertraut. Trotzdem sind wir geblieben. Kate hatte zwischendurch einen wichtigen Telefon-Termin und ist nur am Ende von seinem Vortrag zur Hörsaal zurück gekommen. Ich hätte es schon vergessen, wenn sie es mir nicht gesagt hätte.

Als ich am letzten Tag fertig war, habe ich sie alleine in ihrem Büro getroffen. Sie meinte, sie hätte etwas ganz schlimmes gemacht. Ich war verblüfft, und dann meinte sie, sie hätte den Vortrag von Mr Keen verpasst, weil sie diesen Termin mit ihrem Arbeitgeber hatte. Ich habe ihr gesagt, so schlimm war es nicht, der Vortrag war für die Teilnehmer bestimmt, nicht für uns. Nein, meinte sie, Mr Keen hätte es ihr voll übel genommen und hätte sie seitdem ignoriert. Sie hätte ihn nach dem Grund für sein Verhalten gefragt, und er hätte sie fertig gemacht.

Dazu muss ich erklären, dass Kate in einer Tanztruppe hobbymäßig involviert ist. Mr Keen hatte uns mal vorgeschlagen, sie bei Auftritten im Publikum zu überraschen. Ich habe es gerne mitgemacht und Mr Keen außerhalb der Arbeit ausgehalten, um ihr eine Freude zu machen. Ich hätte nie geträumt, dass Mr Keen dafür von ihr eine Gegenleistung erwarten würde, aber genau das hat er ihr ins Gesicht geworfen. Wir wären zu ihren Auftritten gewesen und hätten sogar gutmütig schwein viel Geld (13€) dafür bezahlt, wie konnte sie es wagen, an seinem super wichtigen Vortrag abwesend zu sein? Mir ist der Kiefer runter gegangen, als sie das erzählte und anfing zu schluchzen. Der Typ hat echt einen Knall. Er scheint sich wohl für ihren Chef zu halten, obwohl sie eigentlich von einer anderen Gruppe für ihre Arbeit bei uns eingestellt ist. Und überhaupt, er ist erst ein Jahr nach ihr zu unserer Gruppe gekommen, wie kommt er drauf, sie als Unterstellte zu behandeln? Dabei hatte sie ihn noch gerne, aus einem mir schleierhaften Grund. Ich hoffe, dass es ihr die Augen über seinen Charakter geöffnet hat.

Dass er so krass sein könnte, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich habe ihn wohl noch überschätzt.

Montag

Die Woche hat ganz schön hart angefangen. Ich war heute um acht bei der Arbeit. Ich hätte also um sieben das Haus verlassen müssen, aber da mein Mann für eine Dienstreise zum Flughafen musste, hat er mich auf dem Weg dahin mit dem Auto gefahren. Ich konnte eine halbe Stunde länger schlafen.

Ganz unerwartet war der Stress heute nicht, da wie jedes Semester unser gemeinsame Kurs mit der Uni statt findet. Ich organisiere unseren Teil, vorbereite die Lehrmaterialien, kontaktiere die Studenten, melde sie für die Experimente an (seit dem Versäumnis vom letzten Jahr habe ich die Verantwortung dafür übernommen), und halte auch Vorlesungen. Ich mache es zum siebten Mal und es läuft wie geschmiert. Ich habe für heute nicht mal meine Präsentation vorher durchlesen müssen.

Dasselbe kann ich für Mr Keen nicht behaupten. Er hat eine Vorlesung von Uschi geerbt, die er heute zum zweiten Mal gehalten hat. Eigentlich hätte ich seine Präsentation damals übernehmen können, ich hatte sie schon bei mehreren Veranstaltungen vorgetragen und es hätte mir nicht viel Aufwand gekostet. Uschi meinte aber, ich sollte mich für den Kurs nicht überanstrengen, und Mr Keen würde sich bestimmt freuen, selber eine Vorlesung halten zu dürfen.

Tja. Wie es bei Mr Keen so ist, sagt er den Chefs immer „ja, mache ich gerne“, aber dahinter steckt nichts. Kein Bock, das war bei ihm in den letzten Wochen schon anzumerken. Und null Vorbereitung, so viel war heute wieder klar. Winfried war diesmal dabei, weil Mr Keen nächste Woche eine ähnliche Präsentation bei einer anderen wichtigeren Veranstaltung halten sollte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit seiner Leistung zufrieden sein konnte. Begriffe verwechselt, ständig versprochen (seine Sprachstörung kommt noch dazu), ich habe teilweise eingreifen müssen, damit die Studenten verstehen, was er so mühsam nicht richtig erklären konnte.

Was mich noch irritiert hat, ist, wie er mir heute sagte, ich müsste nicht so viel alleine für den Kurs machen, er würde gerne helfen. Das hört man von ihm häufig. Er hilft gerne, wirklich, man muss nur fragen. Wenn man es mal versucht, stöhnt er, hat dann doch etwas ganz anderes und wichtigeres zu tun und überhaupt keine Zeit, aber sonst „gerne“, jederzeit, nur jetzt nicht. Und wenn es eh dazu kommt, dass er alles wie seine Präsentation heute verschlampt, dann kommt es definitiv nicht in Frage, dass ich ihn etwas anderes für den Kurs machen lasse. Ich glaube, ihm geht es vor allem darum, sich als hilfsbereit zu zeigen und Verantwortung an sich zu reißen, um sich wichtiger erscheinen zu lassen. Aber bitte ohne zusätzliche Arbeit.

Es wird Zeit, dass Florian, unser neuer Mitarbeiter, bei uns anfängt. Noch zwei Wochen. Es wird einiges in der Gruppe ändern. Mr Keen war beim ganzen Bewerbungsprozess stark gegen ihn. Hat ihm immer vorgeworfen, mehr Schein als Sein zu zeigen. Die Beschreibung trifft eher auf Mr Keen zu. Ich glaube, er sieht Florian als ernsthafter Gegner. Mit Recht. Florian ist jung, sympathisch, dynamisch, motiviert und produktiv. Hat schon viele wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Und sieht auch noch gut aus. Das Gegenteil von Mr Keen, wirklich. Kein Wunder, dass er sich von ihm so bedroht fühlt. Ich kannte Florian schon, bevor er sich bei uns beworben hat, und hatte die ganze Zeit die Hoffnung, dass die Entscheidung auf ihn fallen würde. Es freut mich, ihn demnächst als Kollegen zu haben.

Dumm gelaufen…

In meiner Arbeitsgruppe bin ich vor allem als Programmiererin tätig. Es war für mich damals ein gewagter Schritt, die Stelle anzunehmen, da ich vorher nur mit C und Fortran gearbeitet hatte und keine Ahnung von Python hatte. Ich habe mich mit der neuen Sprache doch relativ schnell abgefunden und gelernt, wie mein Vorgänger zu programmieren, da ich an seinem Projekt weiter arbeiten musste. Inzwischen ist mir klar geworden, dass er selber Python nicht so gut beherrschte und teilweise sehr suboptimale Lösungswege benutzt hat. Die jetzt zu verbessern würde so viel Zeit kosten, dass es mir besser erscheint, das Programm komplett umzuschreiben. Aber darum geht’s heute nicht.

Ich war damals nicht nur in Python eine Anfängerin, sondern auch im Umgang mit Linux. In meinem früheren Institut hatten wir nur Windows benutzt. Ja, während meiner Diplomarbeit musste ich mit Unix arbeiten. Da waren aber schon mehr als fünfzehn Jahre vergangen. Ich konnte mich gerade noch an die Befehle cd und ls erinnern. Und tail -f, warum auch immer. Es gab vieles nachzuholen. Dazu gehört ein großer Dank an meinem IT-Kollegen.

Es war für mich also schon ein bisschen beängstigend, als Uschi mich nicht mal ein halbes Jahr nach meiner Einstellung gefragt hatte, mich um die Aktualisierung der wissenschaftlichen Programme auf unserem Server zu kümmern. „Was, im Ernst jetzt? Aber ich verstehe nur Bahnhof, ich mache sicherlich nur alles kaputt…“ habe ich in dem Moment gedacht. Uschi war scheinbar der Meinung, da ich programmiere, kann ich alles. Und: Es klappt doch. Nochmal Danke für die Hilfe an meinem IT-Kollegen.

Vor Kurzem habe ich für mein wissenschaftliches Projekt eine Software A benutzt. Sie war mit meinen Daten nicht ganz zufrieden und ist bei einem bestimmten Schritt immer wieder mit der gleichen Fehlermeldung abgestürzt. Ich habe einen Autor von A kontaktiert, der mir empfohlen hatte, die allerletzte Entwicklungsversion zu installieren. Das habe ich gemacht. Es hat sich gelohnt, das Problem wurde behoben und ich konnte weiter arbeiten. Da diese Software von vielen Personen mit verschiedenen Zugriffsrechten benutzt wird, habe ich sie mit einem begrenzten Konto getestet. Darauf hatte Uschi immer großen Wert gelegen. Es lief ohne Problem. Ich habe die Aktualisierung von A in unseren internen Dokumenten protokolliert und bin später nach Hause gegangen.

Am nächsten Tag musste ich woanders als in meinem Büro arbeiten. Am frühen Vormittag habe ich eine Email von Winfried bekommen, weil ein Programm B für die Steuerung von einem Gerät nicht mehr funktionierte. Es gab eine Python-Ausnahme, gefolgt von der Fehlermeldung error while loading shared libraries: requires glibc 2.5 or later dynamic linker env: Command not found. Die Ausnahme kam aus dem von mir aktualisierten Programm (A ist in Python geschrieben). Warum die Aktualisierung von A ein solches Problem für Software B verursachen soll, die eigentlich gar nichts mit A zu tun hat, war mir ein Rätsel.

Mein IT-Kollege hat die Ursache vom Problem schnell identifiziert und beheben können. Ich hatte beim Aktualisieren von A die alte Version behalten, daher konnte man den Pfad in der allgemeinen .bashrc Datei einfach zurück setzen. Das Gerät konnte dadurch wieder gesteuert werden. Winfried klang in seiner Email trotzdem ziemlich geärgert, weil ich angeblich A aktualisiert und das Büro verlassen hätte, ohne mich darum zu kümmern, A vorher zu testen und die Aktualisierung zu protokollieren. Das fand ich hart, weil ich es doch alles getan hatte. Ein Blick in unseren Dokumenten hätte gereicht, um Bescheid zu wissen. Ich habe ihm geantwortet, mit Verweis auf mein Protokoll.

Bei unserem Montagsmeeting kam das Problem zur Diskussion. Inzwischen hatte Winfried eingesehen, dass ich doch alles richtig gemacht hatte. Er hat dabei Mr Keen ausdrücklich angestarrt, als er langsam betonte, dass ich kein Fehler gemacht hatte. Mr Keen hat wohl anscheinend keine Zeit verloren, um über mich zu lästern, als ich abwesend war. Dass ich ihn nicht leiden kann ist offensichtlich nicht unbegründet, obwohl ich mein Bestes tue, um es mir nicht anmerken zu lassen. Das ist äußerst schwierig.

Ich habe nach dem Meeting nochmal versucht, das Problem zu reproduzieren, um es zu verstehen. Ich habe dabei gelernt, dass der Befehl, um die Software B zu starten, nicht einfach B ist, sondern, durch ein Alias, ssh -X steuerung.pc.von.geraet; B. Beim ssh wird die .bashrc Datei ausgeführt. Drin steht der Befehl source neue_A_Version, wie von den Entwicklern von A empfohlen. Der Rechner steuerung.pc.von.geraet ist aber alt, und damit gewährleistet wird, dass B immer funktioniert, hat mein IT-Kollege beschlossen, dass keine Linux-Update drauf laufen sollen. Seit Jahren. Unter anderen ist die Bibliothek glibc 2.5 nicht installiert, die A neuerdings braucht. Wenn ich auf steuerung.pc.von.geraet den Befehl source neue_A_Version eingebe, bekomme ich die gleiche Fehlermeldung. Die ist anscheinend so gravierend, dass danach einfache Linux-Befehle nicht mehr funktionieren. Selbst beim ls kriegt man dann die Meldung Command not found.

Ob es so sinnvoll ist, eine uralte Version von einem Betriebssystem zu behalten, nur damit B läuft, obwohl B von meinem IT-Kollegen entwickelt wird, bezweifle ich stark. Vor allem, wenn wir dadurch auf die neuesten Versionen von wissenschaftlichen Programmen verzichten müssen. Eine Lösung wäre jetzt, mit Hilfe von einem Alias den Befehl A durch source neue_A_Version; A in der .bashrc Datei zu ersetzen. Da steuerung.pc.von.geraet für die Ausführung von A nie benutzt wird, sollte es klappen.

Wie konnte ich so blöd sein

Ich habe mich in letzter Zeit völlig überarbeitet. Das ist eigentlich ein Dauerzustand, seit Dezember. Ich bin dienstlich rumgereist wie noch nie, habe viel dafür gearbeitet, und musste nebenbei meinen üblichen Tätigkeiten nachgehen — Programmierung, Nutzerbetreuung, Rufbereitschaft, eigene wissenschaftliche Projekte voran treiben… Ich habe ab und zu vereinzelt Tage frei genommen, aber es war nicht so erholsam.

Zwischendurch gab es ein Marathon-Wochenende bei meiner Mami in Südfrankreich, da wir den ganzen Papierkramm für die Hochzeit persönlich abgeben mussten — die Hochzeit wird dort stattfinden. Freitagabend weg geflogen, Mietwagen in Nizza geholt (und dafür Dreiviertelstunde in einer super langen Schlange bei Hertz mit nur zwei Mitarbeitern gestanden), um zwei Uhr morgens bei meiner Mami angekommen. Am Samstagvormittag im Rathaus, Friseurin und Kosmetikerin besucht, Details für die Feier diskutiert. Mein Bruder und seine Freundin sind auch zu meiner Mami gekommen, um die Gelegenheit zu nutzen, uns wieder zu sehen. Am Sonntagabend waren wir wieder in Berlin.

Direkt danach hatte ich Rufbereitschaft. Letzte Woche. Ich bin fast jeden Abend angerufen worden. Einmal musste ich sogar von zu Hause aus zurück zur Arbeit fahren, weil es eine Hardware-Kollision gab. Ich konnte das Problem beheben. Als ich dann fast wieder zu Hause war und vor der Haustür stand, haben die Nutzer wieder angerufen. Es roch nach gebrannten Kabeln. Darum haben sich Techniker vor Ort gekümmert. Von der elektrischen Anlage habe ich zu wenig Ahnung, um selber etwas zu machen. Zum Glück konnte ich nachtsüber durchschlafen, die Probleme sind immer am Abend aufgetaucht. Ich habe aber lange Abende vor dem Rechner gesessen, um sie aus der Ferne zu lösen.

Am Samstag hatte ich Einsatz, und am Sonntag gab es unerwartete Messzeit, die ich nutzen konnte. Messzeit ist bei uns so knapp geworden. Ein von unseren Geräten ist seit mehreren Monaten in Wartung, und unsere Nutzer haben Vorrang. Ich habe am Sonntag die Gelegenheit genutzt und selber Experimente gemacht. Den ganzen Tag. Ich bin nicht fertig geworden, und für morgen war ein Gerät noch frei, also habe ich es gebucht.

Am Montag bin ich extrem früh aufgewacht, weil ich einen Zug um sieben Uhr morgens nehmen musste, um zu einer Tagung zu fahren. Da Pawel und Winfried mitgefahren sind, hatte ich letzte Woche angekündigt, morgen die Nutzerbetreuung zu übernehmen. Meine verbleibenden Kollegen sollten nicht unnötig überlastet werden. Vor allem Kate, die auch viel um die Ohren hat. Da ich morgen wieder Experimente mache, passte es wunderbar. Winfried hatte noch vorher kommentiert, dass Mr Keen halt zwei Mal diese Woche dran sein musste, weil er schon für Samstag geplant war. Ich habe mich also noch am Sonntagabend in der wöchentlichen Tabelle für morgen eingetragen. Dachte ich. Ich habe mich aber um eine Zeile vertan und für Samstag eingetragen. Das habe ich erst heute gemerkt.

Ich habe am Montagabend versucht, das Protokoll von unserem wöchentlichen Meeting zu lesen, um zu schauen, ob ich tatsächlich morgen Nutzerbetreuung mache. Es hätte sein können, dass die Kollegen es sich anders überlegt hätten. Obwohl ich normalerweise von überall aus darauf Zugriff habe, konnte ich am Montag das Protokoll nicht lesen. Die Seite konnte nicht geladen werden. Am Dienstag und gestern auch nicht. Als ich heute nachmittag im Zug saß, habe ich eine Email von unserer IT-Kollegin gelesen, die sagte, dass das Protokoll wieder zugänglich wäre. Ich habe also die Seite geladen und erst dann mein Fehler gemerkt.

Samstageinsätze werden eigentlich ganz klar Wochen im Vorraus verteilt, und Mr Keen war für übermorgen geplant. Und nicht in der wöchentlichen Tabelle, sondern in einem dafür vorgesehenen Kalender. In der wöchentlichen Tabelle steht jetzt Kate für morgen. Am Dienstag war sie schon dran. Im Kalender ist der Einsatz von Samstag schon auf meinem Namen geändert worden. Ich habe Winfried und Mr Keen eine Email geschrieben, um die Sache zu klären. Winfried hat gleich geantwortet, dass er es am Samstag nicht machen konnte, was ich auch nicht von ihm erwartet hatte, da Mr Keen eigentlich geplant war. Er hat explizit in seiner Antwort auf Mr Keen hingewiesen, der keine Antwort von sich gegeben hat.

Ich habe Mr Keen angerufen. Und die Art, wie er sich verweigert hat, am Samstag zu arbeiten, obwohl er schon lange dafür vorgesehen war, hat mich total sauer gemacht. Er war am Montag für das Meeting zuständig, weil Winfried und ich nicht anwesend waren. Der Arsch ist gerade von einem langen Urlauch zurück gekommen, und hat die schon überlastete Kate diese Woche zweimal bei der Nutzerbetreuung eingetragen, obwohl ich Kate über meine Absicht informiert hatte. Er war einfach zu froh darüber, so eine gute Ausrede zu haben, um sich vor seiner Arbeit zu drücken. Er hat jeden Argument vehement abgestritten, und meinte, er wäre überzeugt gewesen, dass ich wirklich zweimal hintereinander freiwillig meinen Samstag opfern wollte. Der „Arme“ ist diese Woche so häufig bei der Rufbereitschaft angerufen worden, dass er am Samstag nicht arbeiten will. Dabei sind wir alle in Rufbereitschaftswochen für Samstageinsätze geplant, genau wie ich letzte Woche. Habe ich mich deswegen geweigert, meine Arbeit wahrzunehmen? Außerdem müssen wir bei Rufbereitschaftseinsätzen elektronische Formulare ausfüllen, und es gibt diese Woche noch keine von ihm zu lesen.

Damit bin ich also am Samstag vierzehn Tage pausenlos am Arbeiten gewesen. Ich schöre, ich werde es ihm nie vergessen. Vor allem, weil er letzte Woche schon den ganzen Sonntag für Rufbereitschaft geplant war, und mich gefragt hatte, ob ich erst am Abend mit ihm wechseln könnte. Er wollte nicht seinen Sonntag versauen. Ich blöde Kuh hatte nichts dagegen, weil ich selber für meine Experimente vor Ort war. Beim nächsten Mal schicke ich ihn zur Hölle.

Ein bisschen Trost habe ich dadurch, dass sein Verhalten von Winfried jetzt wirklich nicht übersehen werden kann. Ich habe schon lange gemerkt, dass er sich gerne vor den Chefs als arbeitswillig ausgibt, aber jede Gelegenheit nutzt, um seine Arbeit bei anderen zu verlagern. Er hat sich auch nicht für die Nachfolge von Uschi beworben, und das sagt mir, dass Winfried ihm gesagt hat, dass er sehr schlechte Aussichten dafür haben würde. Da bin ich beruhigt. Dass ich aufgrund vom Wissenschaftszeitvertragsgesetzt nicht drauf eingestellt werden kann, ist inzwischen auch klar. Aber es ist jetzt nicht mehr so schlimm.

Ich habe mich beworben

Endlich ist die Stellenanzeige für die Nachfolge von Uschi veröffentlicht worden.

Es hat gedauert, weil Winfried zuerst einen Wunschkandidat hatte, mit dem er schon gearbeitet hatte, bevor er nach Berlin gekommen ist. Den hatte er zum Vorstellungsvortrag bei uns eingeladen. Die zur Zeit leider angespannte Personalsituation in der Gruppe hatte ihn doch erschreckt, da mein IT-Kollege nur noch ein Tag pro Woche bei uns ist, ohne Aussicht auf einen Nachfolger, und Miekes Vertrag alle paar Monate erst im letzten Moment verlängert werden kann — dabei ist sie zuständig für unser ganzes Labor.

Unsere Verwaltung hat die Stelle frei gegeben. Als Nachfolge von Uschi ist sie allerdings gar nicht zu erkennen. Sie ist als banale befristete Postdoc-Stelle ausgeschrieben worden. Immerhin für drei Jahre, was eine Seltenheit ist. Die Begründung von Winfried war, dass er seinem Wunschkandidat sofort eine Dauerstelle angeboten hätte. Eine andere Person müsste sich aber zuerst beweisen, daher die Befristung.

Damit sind meine Chancen, für die Stelle in Frage zu kommen, gleich null. Ich habe schon die maximale Beschäftigungsdauer auf öffentlichen befristeten Stellen erreicht, und kann nur noch über Drittmittelprojekte finanziert werden (DFG und BMBF ausgenommen). Außerdem zieht mich eine Führungsaufgabe nicht so richtig an. Dann hätte ich viel weniger Zeit für meine wissenschaftliche Arbeit, die doch so viel Spaß macht. Wozu denn die Bewerbung?

Vor einigen Wochen hatte uns Winfried beim Gruppenmeeting erzählt, dass die Stellenausschreibung bei der Verwaltung liegen würde. Ich saß gegenüber von ihm. Mr Keen saß neben ihm. Ich habe auf einmal gehört, wie Mr Keen plötzlich laut geatmet hat. Ich hatte schon lange den Verdacht, dass er sich gerne als Chef bei uns sehen würde, seitdem Uschi über seine Kündigung gesprochen hatte. Winfried hat die Stellenausschreibung beschrieben und ausdrücklich einen Punkt erwähnt, der ausschlaggebend war. Der erfolgreiche Bewerber sollte ein Expert in einem bestimmten wissenschaftlichen Gebiet sein. In der Gruppe bin ICH eigentlich DIE Expertin in dem Gebiet. Mr Keen hat da überhaupt keine Erfahrung. Am Ende vom Meeting habe ich absichtlich als letzte den Raum verlassen, während Mr Keen und Winfried noch am Tisch saßen. Als ich an der Tür war, habe ich gehört, wie er ihn „leise“ gefragt hat, ob er wegen seinen fehlenden Kenntnisse in dem Gebiet als Kandidat nicht geeignet wäre. Winfried hat tief eingeatmet. Länger bin ich nicht geblieben, um nicht aufzufallen.

Es wird bestimmt bessere Bewerber geben. Ich sollte mir keine Sorgen machen. Aber was ist, wenn Mr Keen sich bewirbt, und die anderen Bewerber doch nicht passen? Eine Zukunft mit ihm als Chef kommt mir sehr grauenhaft vor. An eine Weiterbeschäftigung in der Gruppe wäre ich sicherlich nicht mehr interessiert. Wer will denn so einen protzigen Typ als Chef haben, der gerne seine Kollegen klein redet, weil er ein bisschen älter ist, und grundsätzlich frauenfeindliche Meinungen mit sich trägt? Er hat sich noch sichtlich für besonders hinterlistig gehalten, als er mir danach gesagt hat, er wäre gespannt, wer zu uns in der Gruppe als Nachfolger von Uschi kommt. Obwohl ihm seine Aufregung im Meeting nicht zu überhören war. Das alleine ist für mich schon ein Ausschlusskriterium. Ein Chef sollte nicht so leicht durchzuschauen sein.

Meine Bewerbung ist also hauptsächlich ein Schutz gegen seine. Denn Winfried kann ihn nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, wenn meine Kandidatur daneben liegt. Und Forschungsinstitute sind nicht so starr wie Unis, was Stellen angeht. Wenn er meint, mich einstellen zu wollen, kann er vielleicht trotz Wissenschaftszeitvertragsgesetzes einen Weg finden.

Die lieben Kollegen

Die kann ich gerade nicht mehr aushalten. Fangen wir von vorne an.

Heute Morgen war ich um halb neun bei der Arbeit. Im Büro war ich die erste. Ich habe zuerst Fenster und Tür breit geöffnet. Die Rechner bleiben nachtsüber an, und am nächsten Morgen merkt man es. Zum Glück hat es nur danach gerochen. Vor drei Wochen war Tomasz, mein Nachfolger, in den Urlaub gefahren und hatte seine Frischhaltedose im Büro vergessen. Irgendwas gekochtes hatte er sich von zu Hause aus mitgebracht. Die Essensreste haben ganz schnell angefangen zu vergammeln und zu stinken. Ekelhaft. Die Dose haben wir mit Kate in einen Müllbeutel gepackt und entsorgt. Denn es ist nicht das erste Mal. Auf seinem Schreibtisch stappeln sich benutzte Teller. Bei seiner Rückkehr hat er sich immerhin entschuldigt.

Aber zurück zu heute. Ich saß am Rechner und las meine Emails, wie schon gesagt bei offenen Fenster und Tür. Eine Kollegin aus einer anderen Abteilung, die ich häufig im Flur treffe, ist an das Zimmer vorbei gegangen und hat mich begrüßt. Dann hat sie das Innere des Zimmers genauer wahrgenommen und staunend gefragt, „Sitzen Sie wirklich zu viert da drin?“ Ich: „Tja, ja.“ Sie: „Ist es nicht zu hart?“ Ich: „Schon, aber wir verstehen uns gut, zum Glück.“ Sie musste zu einem Termin und ist weiter gegangen. Wie hart es doch sein kann, habe ich heute festgestellt.

Eine Stunde Ruhe konnte ich genießen. Halbwegs. Ein Kollege, der meistens in einem anderen Gebäude sitzt, ist kurz vorbei gekommen, „um ein bisschen zu quatschen“. Gut, ich sehe ihn kaum. Dann sind die anderen Kollegen gekommen. Alle Postdocs, wie ich. Aber die sind viel jünger als ich und kommen alle frisch von der Promotion. Pawel war zuerst da und meinte, mir die Ergebnisse von seinem Studenten zeigen zu müssen, die er gerade zugeschickt bekommen hatte. Ich habe zugeschaut, da es für meine Arbeit relevant sein könnte. Ich entwickle Programme, die den Anspruch haben, komplexe wissenschaftliche Auswertungen automatisch durchzuführen. Heute habe ich aus Pawels Ergebnisse nichts neues gelernt, habe ihn aber für die tolle Fünde gratuliert und mich wieder zu meinem Bildschirm gewandt. Mr Keen hat mich wegen Hilfe für seine Reisekosten besucht. Warum ich?

Dann kam Kate. Wie sie so ist, macht sie immer den Mund auf, bevor sie nachdenkt, und hat mich ständig bei meiner Arbeit unterbrochen, um mich etwas zu fragen. Pawel hat sich dazu ermutigt gefühlt und meinte, da ich gerade gestört worden wäre, könnte ich ihm auch behilflich sein. Ich habe das Pech, dass ich die einzige im Raum bin, die programmiert, und daher meinen die Kollegen, sie müssten sich nichts merken, sie könnten mich jeder Zeit fragen. Ich saß sowieso nur da und starrte bloss auf den Bildschirm, ja? Dass ich den Bildschirm starre, ohne augenscheinlich irgendwas zu machen, bedeutet aber lange nicht, dass ich allen für alberne Fragen zur Verfügung stehe. Mein Gehirn läuft auf hohen Touren, bevor ich anfange, meine Ideen in Code umzusetzen. Das konnte mir heute Morgen nicht gelingen. Ich sollte mir Notizen machen, wie häufig die Kollegen mich rufen, um etwas zu fragen, das sie selber heraus finden könnten. Wozu habe ich die Optionen --help in meinen Programmen eingebaut und die Dokumentationen geschrieben? Und für den Rest, wozu gibt’s Google?

Ich habe mich gereizt gezeigt, und nach einiger Zeit musste Pawel ins Labor. Tomasz ist spät gekommen und hatte auch praktische Arbeit vor. Kate hat sich in ihrer Arbeit vertieft und ich konnte endlich produktiv werden. Es hat zehn Minuten gedauert, und dann wurde es Mittagszeit. Nach meiner Pause habe ich ein bisschen was geschafft. Kate hat sich gegen drei wegen Migräne verabschiedet und ist nach Hause gefahren. Kurz danach ist Pawel mit Mr Keen ins Zimmer gekommen. Mr Keen, den ich immer noch nicht leiden kann, hat vor Kurzem beschlossen, einen Crash-Kurs in Datenauswertung bei Pawel zu absolvieren. Warum auch immer, das gehört nicht zu seinen Tätigkeiten. Die Beiden haben sich dermaßen laut unterhalten, dass ich mich beschweren musste. Gut, sie haben dann viel leiser gesprochen. Tomasz ist kurz erschienen und hat angefangen, mit den Beiden zu scherzen. Ich musste ihn daran erinnern, dass auch ich in dem Zimmer arbeite. Er hat sich entschuldigt und den Raum verlassen. Das tat mir Leid, da er mich in der Regel am wenigsten stört.

Ich war gereizt. Das war heute eine extreme Belästigung. Als ich um fünf im Zimmer endlich alleine war, habe ich noch eine Stunde weiter gearbeitet, statt Feierabend zu machen. Sonst wäre ich heute zu fast nichts gekommen. Mein IT-Kollege wird uns demnächst leider verlassen. Mein Traum ist es jetzt, zu seinem Schreibtisch zu wechseln und mir den Besenkammer mit der anderen Informatikerin zu teilen. Sie würde mir sicherlich nicht zum x-ten Mal fragen, wie man ein komplettes Verzeichnis vom Terminal aus kopiert. Sie lässt sich kaum blicken, ist an Feierlichkeiten in der Gruppe nicht interessiert und redet nicht viel, mit ihr würde ich eine königliche Ruhe haben (letzteres ist eine direkte Übersetzung aus dem Französischen, ich habe es auf Deutsch nie gehört).