Heute zu Hause

Es ist toll, wenn ich von zu Hause aus arbeiten darf. Ich spare mir gleich zwei Stunden Fahrt mit der ÖPNV. Wenn ich den Anfang der Woche betrachte, würde ich sogar drei Stunden sagen.

Am Montag lief es erstmal in Ordnung. Ich hatte keine Lust auf S-Bahn. Mit dem ersten Bus los, kurz in der U-Bahn, dann zur nächsten Bushaltestelle, um das letzte Stück zur Arbeit zu fahren. Um neun stand ich dort. Der Bus fährt im zwanzig-Minuten-Takt, zusammen mit einem anderen Bus, der einen Teil der Strecke fährt. Um zwanzig vor zehn, ziemlich durch gefroren, als die Anzahl der Fahrgäste sich schon bedrohlich auf dem Bürgersteig vermehrt hatte, bin ich in den anderen Bus eingestiegen und habe den Fahrer gefragt, ob er irgendwas über die andere Linie wüsste. Nein, aber die Nummer vom Kundendienst hat er mir gegeben: 030-19449. Dort habe ich erfahren, dass es auf der Autobahn einen Unfall gegeben hatte, und alle Fahrzeuge die Ausfahrt nehmen mussten, was einen Monsterstau verursacht hatte. Die Busse kamen einfach nicht durch. Ich bin bis zur letzten gemeinsamen Haltestelle mit dem Bus gefahren und habe den Rest zu Fuß gemacht. Fünfundzwanzig Minuten. Natürlich hat sich inzwischen der Stau aufgelöst, und der lang ersehnte Bus hat mich zwischen zwei Haltestellen überholt. Ich war aber bei der Kälte flott genug unterwegs, und habe ihn bei jeder roten Ampel wieder getroffen.

Gestern hatte der erste Bus schon eine Viertelstunde Verspätung, wie mir meine BVG-App nach fünf Minuten Ungeduld berichtet hat. Mit der App ist es so eine Sache. Verspätungen werden häufig gar nicht angezeigt, wie am Montag. Diesmal schon. Der Bus fährt im zehn-Minuten-Takt, also bin ich in den nächsten Bus eingestiegen. Zu meiner Enttäuschung war es wieder kein Doppeldecker, und nicht mal ein langer Bus, weil er nicht so weit wie der erste Bus fährt und dadurch weniger Gäste bekommt. Im Normalfall. Dadurch, dass der erste Bus de facto ausgefallen ist, war der entsprechend rappelvoll. Wir haben noch auf dem Weg zur U-Bahn im Stau gestanden und zehn Minuten Verspätung gesammelt. Als ich dann bei Rot an der Ampel stand, um zur letzten Bushaltestelle zu gehen, ist mir der Bus vor den Augen weg gefahren. Nochmal zwanzig Minuten in der Kälte warten.

Heute habe ich mich also gefreut, zu Hause zu arbeiten. Dadurch entfällt die Fahrzeit, die ich momentan benutze, um einen Schal für den besten Ehemann der Welt zu häkeln, aber mehr dazu in einem anderen Beitrag. Heute wäre ich sowieso nicht dazu in der Lage gewesen. Schon beim Aufstehen wurde mir klar, ich bin so was von müde! In der Küche würde mir schwindelig, als ich das Radio bedienen wollte. Ich habe mich auf der Couch im Wohnzimmer unter der Decke gekuschelt und geschlafen, als der Ehemann sich für die Arbeit fertig gemacht hat. Nach einer Weile konnte ich mich aufraffen und habe zwei Stunden gearbeitet. Danach bin ich zum Arzt gegangen, um nach den Testergebnissen von letzter Woche zu fragen. Sie hatten mir gar nicht Bescheid gesagt, aber die Ergebnisse lagen schon länger da. Es gab eine kurze Besprechung mit dem Arzt, der meinte, solche tolle Blutwerte hätte er selten gesehen — danke Nadja! Vermutlich. Ich kannte meinte Werte auch nicht, bevor ich meine inzwischen elf Kilogramme abgespeckt habe. Und Mängel gibt es keine. Ich habe noch mein bestelltes Buch Schwangerschaft für Dummies bei der Buchhandlung abgeholt und bin zurück nach Hause gefahren. Kurz gegessen. Und dann wurde mir bewusst, ich war unfähig zu arbeiten.

Migräne. Lichtempfindlichkeit. Müdigkeit. Lesen und am Rechner arbeiten unmöglich. Ich habe mich wieder auf der Couch unter der Decke mit herunter gezogenen Jalousien gepackt und versucht zu schlafen. Wie gestern, als ich nach Hause gekommen bin. Gestern nachmittags hatte mich genau beim Einschlafen das Klaviermassaker der Nachbarn den Schlaf geraubt. Seitdem wir hier wohnen, hat sich qualitativ am Musizieren der Nachbarn leider nichts geändert, wobei es in letzter Zeit nicht mehr so häufig zu hören ist. Für Elise ist inzwischen halb gelernt aufgegeben worden. Andere Stücke, die ich in meiner Jugend selber gespielt und geliebt hatte, werden dermaßen misshandelt, das ist echt schwer zu ertragen. Wie auch immer. Heute Nachmittag konnte ich ohne Störung schlafen. Es hat aber nicht geholfen, weil die Migräne immer noch da war. Viel Wasser getrunken. Einen Apfel gegessen. Nochmal geschlafen. Übelkeit. Am Ende habe ich doch Paracetamol genommen. Es soll unbedenklich sein. Und nach dem ich wieder geschlafen habe, geht es mir endlich wieder besser. Ein mieser Tag war das.

Ich warte nun, dass der Ehemann auf dem Fitnessstudio zurück kommt. Weil er jetzt trainiert. Mit mir, in einem neuen Fitnessstudio. Aber dazu in einem anderen Beitrag.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Meine musikalischen Nachbarn

Unmittelbar nach dem Umzug ist es mir aufgefallen. Im Nachbarhaus haben wir Musikanten. Ich kenne die Nachbarn nicht persönlich, außer dass wir uns manchmal auf dem Balkon grüßen. Eine Familie mit zwei Teenagers, ein Junge, ein Mädchen. Wer von den Beiden spielt, weiß ich nicht, aber fast täglich hört man Klavier und Flöte aus deren Wohnung. Nie gleichzeitig und wenn beide, dann immer nacheinander, und ich denke deshalb, dass die gleiche Person beide Instrumente spielt. Zu zweit wäre die Versuchung doch groß, zusammen zu spielen. Wir hören Musik vor allem in meinem Arbeitszimmer und im Schlafzimmer. Da es tagsüber ist und nie lange dauert, ist es kein Problem. Nichts im Vergleich zu meinem ehemaligen Nachbar.

Das „Problem“ ist, dass seit November immer wieder das gleiche Stück vergespielt wird, mit sehr geringen Fortschritten. Es würde mich sehr frustrieren. Und ich habe erst jetzt gemerkt, woran es liegt. Die Person spielt nur das Stück, ohne Technik-Übung. Teile, die einwandfrei gespielt werden können, werden bevorzugt gespielt, ohne gezielt dort zu üben, wo es Probleme gibt. Als ich bis vor zwanzig Jahren Klavier gespielt hatte, hatte ich mich immer mit Technik warm gespielt. Ich hatte ein Heft, der nur solche Übungen enthielt. Neue Stücke hatte ich stets für jede Hand getrennt gelernt, bevor ich beide zusammengefügt hatte. Und ich war fleißig. An Mittwochnachmittage und in den Schulferien konnte ich locker vier oder fünf Stunden lang am Klavier sitzen und üben. Ich habe nur aufgehört, als ich mit der Uni angefangen habe. Es war gut, dass wir damals in einer Villa gelebt hatten. Das hätte sonst keiner aushalten können.

Wie auch immer. Ich freue mich echt auf den Tag, an dem ich Für Elise endlich fehlerfrei aus der Nachbarwohnung hören werde.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Von dem Spaß, neben einer Wohnung des Stadttheaters zu leben

Ich lebe in meiner derzeitigen Wohnung seit fast acht Jahren. Sie ist genau perfekt für mich: Mitten in der Stadt, auf einer Hauptkreuzung, jedoch extrem ruhig auf der Schlafzimmerseite, da es dort nur Garten und Garagen gibt, und bis gut hundert Meter weit und breit kein Vis-à-vis, da ich unter dem Dach wohne. Zu Fuß brauchte ich bis zur Arbeit nicht mal zehn Minuten. Dazu kommt, dass die möblierte Wohnung mit kompletter eingebauten Küche ausgestattet war: Kühlschrank, Kochplatte, Backofen, Mikrowelle, Spülmaschine, sogar eine Waschmaschine ist vorhanden. Und noch der Schlagargument: Sehr breite Fensterbänke, genau das richtige für eine Katze, und eine Traumvermieterin, die so Katzenlieb ist, dass sie meine gerne betreut, wenn ich wegen der Arbeit mal unterwegs sein muss. Weg von hier? Kommt nicht in Frage (na ja, bis ich endlich eine neue Stelle gefunden habe).

Kurz nach meinem Umzug im Frühling entdeckte ich den Bewohner im Nachbarhaus. Um die Umstände zu verstehen, mache ich noch gleich unten eine Skizze von der Wohnung. Auf meiner Etage im Haus wohnten damals noch der Sohn meiner Vermieterin mit seiner Freundin; die Wohnung im Nachbarhaus teilt eine Wand mit meinem Schlafzimmer (sowieso das einzige Zimmer in meiner Wohnung, wo man ein Bett unterbringen kann).

Wohnung vorher

Ich merkte schnell, wie hellhörig die Wand zwischen beiden Häusern ist, als ich abends gegen 22:00 im Bett lag, und ohne Absicht bei den Telefonaten vom Bewohner im Nachbarhaus lauschen konnte. Dabei hat sich seine Stimme in meinem Gedächtnis sehr gut eingeprägt. Ich habe versucht, nicht drauf aufzupassen, und hätte es für übertrieben gehalten, an die Wand zu klopfen, da es nicht so laut war – es wäre nur dazu gedacht, seine eigene Privatsphäre zu schützen, aber ich denke nicht, dass er das so verstanden hätte. Immerhin dachte ich mir, wie ungerecht die Vorurteile gegen Frauen sind, da er quasi jeden Abend mindestens eine Stunde lang am Telefon fest klebte, während mir eine Viertelstunde schon wie eine Ewigkeit vorkommt.

Tagsüber hatte er Klavier gespielt, manchmal gesungen, manchmal beide gleichzeitig, und ich fand es ganz nett, Talent hat er ja. Irgendwann im November fing er an, spät abends zu spielen, und schnell auch Nachtsüber. Plötzlich wachte ich mitten in der Nacht auf, gegen 01:00, 02:00 oder sogar 03:00 morgens, und hörte, wie er am Klavier spielte. Anfangs konnte ich noch wieder einschlafen; als er jede Nacht musizierte, fand ich keine Ruhe mehr. Ich war berufstätig und musste jeden Morgen früh aufstehen. Ich habe an die Wand geklopft, leider vergeblich – da ich alles bei ihm höre, hätte er das auch merken sollen. Ich fand es vor allem unverschämt, weil er keinen echten Klavier besaß, sondern ein elektronisches Keyboard: Manchmal hörte ich nur die Tasten, als er mit Kopfhörern spielte (habe ich gesagt, dass die Wand sehr hellhörig ist?). Einmal hörte ich sogar, wie jemand weit entfernt (wahrscheinlich im übernächsten Haus) gegen die Wand schlug und gegen ihn Flöte spielte. Nach einigen Wochen und Verspätungen bei der Arbeit war ich völlig erschöpft (mit Übelkeit und Schwindel) und beschloss endlich, mit meiner Vermieterin darüber zu sprechen. Sie ist Rechtsanwältin und sollte wissen, wie ich vorgehen sollte. Sie nahm Kontakt mit den Besitzern des Nachbarhauses, sagte mir, es würde sich um einen Musiker aus dem Stadttheater handeln, empfahl mir, beim nächsten Mal die Polizei anzurufen und mir alles in einer Art Tagebuch zu notieren, und kurz darauf konnte ich wie gewohnt wieder schlafen.

Wie schön, dachte ich. Nach ein paar Tagen hörte ich eines Abends, wie mein Nachbar (dessen Namen ich bis heute immer noch nicht kenne) bei einer Freundin buchstäblich weinte, weil er kein Klavier mehr spielen durfte. Dabei hatte ich meiner Vermieterin deutlich gesagt, dass ich nicht mit dem spielen Probleme hatte, sondern mit dem nachtsüber. Dann fingen die Kindereien an, anders kann ich es nicht bezeichnen. Zum Beispiel fing er an, nachtsüber mehrmals zur Toilette zu gehen, um Wasser aus einem hochgehaltenen Behälter rein zu gießen (es ist sicherlich schwierig, akustisch das Pinkeln zu simulieren. Bei einem ein bisschen zu großen Wasserfluss hört es sich schon ganz anders an. Vor allem, weil ich ihn auch sonst normal zur Toilette gehen mithören durfte). Oder manchmal war es nachts völlig still, und plötzlich ließ er ein lautes Lachen von sich raus (wie man es von Kinderfilmen kennt, wenn die Bösen oder Hexen lachen). Ich erinnere mich auch, wie eine Nacht meine Katze den Buchregal hochkletterte (eine Sache von gerade einer halben Minute). Das macht sie nachtsüber selten, aber ich lag wach im Bett mit dem Licht an und las, weil eben Lärm aus dem Nachbarhaus kam. Ich hätte auch nicht mehr daran gedacht, als ich am nächsten Morgen in meinem Kleiderschrank nach Klamotten suchte und hörte, wie mein Nachbar am Telefon mit (vermutlich) seinem Vermieter sprach und sich beschwerte, dass Lärm aus meiner Wohnung gekommen sei. Aus der halben Diskussion und seinen Antworten auf Fragen (ungefähr „Nein, es war nur ganz kurz… ja, aber… na gut, ja“) nahm ich an, dass der Vermieter seine Beschwerde nicht ernst nahm; ich habe auch sonst nie von meiner Vermieterin davon erfahren.

Irgendwann eskalierte das Ganze. Mit dem nächtlichen Klavierspielen fing er wieder an, dann schmiess er wilde Partys mit Freunden (also, wenn ich vor dem Rechner am anderen Ende des Zimmers saß, vibrierte manchmal der Boden unter mir. Schon seltsam, dass meine Nachbarn unten im Haus sich nie darüber beschwert haben, auch wenn sie auf Nachfrage bestätigten, dass es Laut gewesen war. Vielleicht gilt es als normal bei Studenten?). Ich notierte mir alles, benachrichtigte meine Vermieterin und je nach Uhrzeit rief ich die Polizei an. Ich habe nicht den Eindruck gehabt, dass es irgendeinen Einfluss auf ihn hatte. Schließlich kommt die Polizei in der Wohnung an, sagt „Man sollte nachtsüber nicht so laut sein“ und verschwindet wieder, oder gibt es da mehr, was ich nicht mitbekommen habe? Einmal kam die Polizei gegen 04:00 morgens, dann war einigermaße Ruhe, dann ging die Party wieder los (mehrere Typen, die beim Springen ein Lied zusammen brüllen), bis eine Frau überschnappte und sagte, es reiche jetzt, die Polizei wäre schon da gewesen, ob sie nicht wieder ruhig sein könnten. Daraufhin antwortete mein Nachbar, es könne nichts dafür, wenn ich ein so feines Ohr hätte. Ein anderes Abend im Sommer ging ich zu meiner Vermieterin (zwei Etagen runter), weil mir die Musik unglaublich laut vorkam. Ich wollte, dass sie mitbekommt, wie schlimm es sich in meiner Wohnung anfühlte. Bei ihr angekommen: „Nein, Sie irren sich, es kommt zwar aus dem Nachbarhaus, aber aus der 1. Etage, die sind im Sommer immer so laut, mit geöffneten Fenstern.“ Ich konnte sie doch überzeugen, nach oben zu mir zu gehen. Als sie im Schlafzimmer war (mein einziges Zimmer), sah ich Entsetzen auf ihrem Gesicht. „Das ist aber wirklich laut.“ Kurz darauf, weil es noch nicht so spät war: „Ein bisschen Toleranz sollte man noch haben.“ Ich insgeheim: „Sie hat gut reden, sie wohnt nicht direkt hier.“ Aber ein Wunder, gerade als es 22:00 wurde, war die Party diesmal auch endgültig vorbei.

Eine andere Nacht fing er an, Klavier zu spielen. Ich klopfte gleich leicht gegen die Wand, um zu sagen, „Hey, ich bin noch da“. Kurz darauf hörte ich ihn aufgeregt etwas sagen, was genau, konnte ich (und wollte ich) nicht verstehen, dann war Ruhe. Ich entspannte mich im Bett und war gerade beim Einschlafen, als bei mir jemand klingelte. Um die Uhrzeit rühre ich mich nicht vom Fleck, mein neuer Nachbar ging aber dran. Ich hörte ihn sagen, „Nein, hier ist alles ruhig“, und er legte wieder auf. Ja, inzwischen war auf meiner Etage im Haus ein junger Deutschlehrer eingezogen (na ja, etwa in meinem Alter), der aber meiner Vermieterin gegenüber immer behauptete, nichts von den Partys mitzubekommen. Als er ankam, klingelte er bei mir, stellte sich vor und sagte gleich, er wäre ein ruhiger Nachbar. Von wegen. Karaoke Partys abends, laute Schießspiele auf der Playstation… aber immerhin hat er vor Mitternacht immer aufgehört. Er ist auch täglich gegen 06:30 aus dem Haus zur Arbeit gegangen. Ich verstehe nicht, wie man auf Dauer so wenig schlafen kann, aber egal, nicht mein Problem. Warum ich plötzlich von ihm rede? Tja, also, ich fand es nach einiger Zeit einen seltsamen Zufall, wie mein Deutschlehrer abends oder nachtsüber nach Hause zurück kam, immer 2-3 Minuten, nachdem eine Party bei meinem Musiker im Nachbarhaus aufhörte. Ein, zwei Mal, ok, aber jedes Mal… Da hatte ich den starken Verdacht, er wäre mit meinem Musiker sehr gut befreundet. Gleichzeitig bin ich mir aber auch sehr paranoid vorgekommen, ich meine, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas sich ergeben sollte? (Keine Ahnung, ich wüsste auch nicht mal, wie ich sie rechnen soll.)

Eines Abends war ich dabei, mir für einen Tanzauftritt ein Kostüm zu basteln. Es war noch früh abends, etwa 21:00. Die Nähmaschine war auf dem Küchentisch. Ich holte noch Stoff aus meinem Schlafzimmer, als ich hörte, wie mehrere Personen die Wohnung meines Musikers verließen und die Treppe runter gingen (ja, selbst Leute im Treppenhaus des Nachbarhauses kann man hier wahrnehmen). Sehr kurz darauf klingelte es bei meinem Deutschlehrer, mehrmals und lange. Der war aber nicht zu Hause. Ich setzte mich am Küchentisch, als ich hörte, wie mein Deutschlehrer mit jemandem die Treppen hoch ging und kicherte. Neugierig, endlich zu erfahren, wie mein (vermutlich) Musiker aussieht, schaltete ich das Licht im Flur aus und schaute durch das Loch in meiner Tür. Ich sah einen ziemlich jung aussehenden Milchbuben mit Brillen ankommen. Die beiden gingen in die Wohnung des Deutschlehrers rein. Ich weiß nicht, ob sie überhaupt mitbekommen haben, dass ich zu Hause war, da ich immer ruhig und leise bin (es liegt in meiner Natur). Jedenfalls, ein bisschen später hörte ich lautes Stöhnen, und mein Deutschlehrer rief unmissverständlich „Komm, komm!“ Ein bisschen schockiert, nein, mehr überrascht als schockiert, wollte ich die Küchentür zu machen, was natürlich nicht klappte (seit ich eingezogen war, konnte ich nie die Innentüre zu machen, weil bei der Renovierung nicht aufgepasst wurde, dass die Leisten zwischen den Zimmern zu hoch sind). Den Rest muss ich auch nicht beschreiben. Am nächsten Morgen, auch wieder unabsichtlich, hörte ich die beiden diskutieren, als ich zum Badezimmer ging. Der Musiker (diesmal war ich davon sicher) war gerade dabei zu erzählen, wie er eine Nacht zu Hause Klavier gespielt hatte, und nach meinem Klopfen bei der Polizei angerufen hatte, um sich zu beschweren, dass ich laut wäre. Mir fiel der Kiefer runter. Gleich kam aber die Antwort meines Deutschlehrers: „Du bist wirklich ein Arschloch!“ Er erzählte dann auch, wie er selbst an der Sprechanlage geantwortet hatte. Wie die weiter diskutiert haben, habe ich nicht aufgepasst, ich lausche nicht gerne, danach ist der Musiker allein aus der Wohnung gegangen. Zwei Minuten später hörte ich im Nachbartreppenhaus, dass er nach Hause kam.

Wie ging’s weiter? So häufig haben sich die Beiden danach nicht mehr getroffen. Nach einiger Zeit ist der Musiker für einen Semester weg gewesen, stattdessen hatte ich eine Truppe Frauen, die sich die ganze Nacht ständig im Zimmer neben mir unterhielten. Dafür keine Partys mehr. Ab und zu höre ich immer noch, wie mein Musiker zu Besuch vorbei kommt. Meine Vermieterin meint, die Wohnung wäre vom Stadttheater gemietet, die Bewohner würden ständig wechseln. Aber sie scheinen alle einen Knall zu haben. Ich bin auch schon mal gegen 05:20 aufgewacht, weil einer auf einmal meinte, eine Nagel an meiner Wand hämmern zu müssen – selbst meine Vermieterin, wie gesagt zwei Etagen tiefer, wurde davon wach. Irgendwann hat mein Deutschlehrer angekündigt, ausziehen zu wollen. Als meine Vermieterin eines Tages zu mir kam und sagte, ein studentisches Paar hätte sich die Wohnung angeschaut, hat mich der Graus gepackt. Nein, jetzt noch Studenten? Schnell überlegte ich, wie schön es doch wäre, wenn ich ein zusätzliches Zimmer hätte, um Gäste zu Hause übernachten zu lassen. Ich ging zu meiner Vermieterin und sagte ihr, ich wollte meine Wohnung mit den Nachbarwohnung vergrößern lassen (unverschämt, jetzt, wo das doppelte Jahrgang auf uns zu kommt? Mir egal). Gesagt, gemacht, jetzt habe ich auch noch einen Zufluchtsort, wenn wieder Partys angesagt sind, wir haben sogar die Innentüre so geschleift, dass ich sie zu machen kann. Die Straße ist aber laut.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.