Blogparade – Meine Kindergartenzeit

Durch Sammy Bee bin ich auf die Blogparade von Andrea von Runzelfüßchen aufmerksam gemacht worden. Über die Kindergartenzeit erzählen? Warum nicht. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr Erinnerungen kommen zurück.

Bei uns hieß es nicht Kindergarten, sondern École maternelle, oder kurz: Maternelle (wahrscheinlich heißt es so, weil man dort noch sehr bemuttert wird). Die Maternelle hatte Schulstatus. Wir sind den ganzen Tag dort geblieben, von halb neun bis halb fünf, wie in der Grundschule. Vermutlich hatten wir Mittwochs frei, aber so genau kann ich mich nicht erinnern.

Meine erste Maternelle war in Grasse. Ich bin dort kurz vor drei eingeschult worden. Als Novemberkind war ich jünger als die meisten Kinder, weil das Schuljahr in September anfängt, man aber im normalen Kalenderjahr, bis zum 31. Dezember, drei werden muss. Und das war völlig normal, hin zu gehen, fast alle Kinder haben die Maternelle besucht.

Meine Mami hatte mich jeden Tag mit dem Auto dahin gebracht. Die Außenwand zur Straße hatte Löcher für Rinnen drin, damit das Wasser bei Regen aus dem Pausenhof abfließen kann. Der Pausenhof lag höher als die Straße. Das Tor, ein verziertes, schwarz lackiertes Metallgitter, stand immer breit offen. Der Weg ging steil hoch bis zum Pausenhof und war mit feinem Kies bedeckt. Dieses Detail ist mir schmerzhaft in Erinnerung geblieben, da ich eines Abends den Weg runter zu meiner Mami rennen wollte und dabei ausrutschte. Ich landete völlig ungeschickt auf der Wange, die vom Kies unsanft geschleift wurde.

Jedesmal, wenn meine Mami mich von der Maternelle abholte, wollte sie wissen, ob ich mittags gut gegessen hatte. Am Anfang war ich ehrlich und, da ich meinen Hunger schlecht verheimlichen konnte, sagte ich, nein, ich mag das Essen nicht. Die Erzieher hatten uns zum Glück nicht dazu gezwungen, alles aufzuessen. Meine Mami fand das aber gar nicht so toll, weil sie dafür bezahlte und meinte, ich müsste mittags essen. Daher habe ich mir danach gemerkt, was es zu essen gab und habe es am Abend erzählt, ohne zu sagen, dass ich es nicht gegessen hatte, und habe mich beim Nutellabrot zurückgehalten, damit die Lüge nicht auffliegt. Ich war in Grasse als Kind ziemlich dünn, vermutlich deswegen. Das hat sich geändert, als wir fürs letzte Jahr Maternelle zum Dorf umgezogen sind.

In Grasse hatten wir eine Erzieherin (ok, ich weiß jetzt nicht, ob sie wirklich Erzieherin oder Lehrerin oder Kindergärtnerin oder sonst was war, und es ist im Grunde egal, sie war jedenfalls eine Erwachsene, die auf uns aufpasste und Autorität hatte). Wir hatten viele, aber diese hatte einen Namen, an den man sich noch nach fast vierzig Jahren erinnern kann. Madame Maillot hieß sie. Oder Mailleau, damals konnte ich noch nicht schreiben, aber sehr wohl mich mit den anderen Kindern kaputt lachen, als wir „Madame Maillot de bain“ sagten (was auf Deutsch etwas wie Frau Badehose hieße).

Madame Maillot war die, die uns bei der Mittagsschlafzwangspause beaufsichtigt hatte. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir schlafen mussten. Langweilig war das. Einmal saß Madame Maillot an einem Tisch im verdunkelten Raum, als wir alle in den Einzelbetten mit Gittern lagen, und schnitt ganz dünne parallele Streifen Papier mit einer großen Schere. Das was faszinierend, und ich wollte ihr tausende Fragen stellen (warum schneidest du Papier, wie schaffst du das, so dünn zu schneiden, darf ich auch schneiden usw.), aber ich bekam nur als Antwort, sei leise und liege brav im Bett, sonst schlafen die Anderen auch nicht.

Einmal hatten wir mit Perlen gebastelt. Ich saß an einem hohen Tisch auf einem normalen Stuhl für Erwachsene und musste eine Kette machen. Weil der Tisch mir zu hoch war, saß ich auf meinen angewinkelten Beinen auf dem Stuhl. Der Stuhl war zu weit vom Tisch und ich musste mich sehr weit nach vorne lehnen. Es wundert nicht, dass ich irgendwann aus dem Stuhl rutschte, mir den Kinn gegen den Tisch knallte, alle Perlen weg flogen und ich am Boden landete. Schmerzhaft war das. Glaubt ihr, die Madame Maillot hätte mich getröstet? Nee, ich habe einen auf den Deckel gekriegt, weil ich nicht normal am Tisch sitzen konnte, obwohl er für Kinder völlig ungeeignet war. Wahrscheinlich der Grund, warum ich viele Jahre lang Perlen einfach blöd fand und nichts damit anfangen wollte. Bis Sabrina mich zu einem Schmuckbastelkurs vor zehn Jahren geschleppt hat.

In der Maternelle hatten wir häufig Geschichten und Märchen erzählt bekommen, über die wir diskutiert hatten, oder Lieder gesungen. Ich erinnere mich an ein Lied von Hugues Aufray über einen alten grauen Esel in der Provence, der sein ganzes Leben geschuftet hat und am Ende alleine stirbt. Komisch, dass ich die Einzige bin, die danach nur noch heulen konnte. Die Lehrerin war so besorgt, dass wir wegen mir aufhören mussten, das Lied zu lernen.

Ein anderes Mal sind unbekannte Erwachsene gekommen. Vielleicht waren sie Psychologen, oder Inspekteure, die die Erzieher kontrollierten. Sie wollten jedenfalls mit uns Kindern reden. Ich hatte schon mit Sorge beobachtet, wie sie mit meinem Schwarm Alexandre alleine in einer Ecke geredet und ihn befragt hatten. Ich wusste nicht worüber. Danach sind sie zu mir gekommen, weil ich alleine neben einer Säule stand. Warum ich da alleine wäre? Eine Antwort hatte ich dazu nicht, und ich fand es komisch, dass die unbekannte Frau unbedingt wissen wollte, warum ich mit den anderen Kindern nicht spielen wollte. Ich habe nicht geantwortet, bis zuerst ihr Begleiter woandershin gegangen ist, und sie nach weiterem Schweigen meinerseits meinte, ich wäre einfach nur böse, nicht mit ihr zu reden, wo sie doch so nett wäre. Nee, Psychologin kann sie nicht gewesen sein.

Eine Art Clique hatte ich eigentlich, in der Maternelle. Unser Lieblingsspiel war, im Nachhinein betrachtet, recht komisch. Wir sind am Anfang der Pause durch den Hof mit einander gelaufen und haben versucht, andere dafür zu begeistern, indem wir gesungen haben, „qui veut jouer à rien avec nous?„, oder: „wer will mit uns nichts spielen?“ Um dann meistens nur zu dritt unter einem Fenster stehen zu bleiben und nichts zu machen. Wenn andere Kinder gefragt haben, was wir da spielen, haben wir „on joue à rien“ geantwortet. Das haben wir bei fast jeder Pause gemacht.

Fürs letzte Jahr Maternelle sind wir zum Dorf umgezogen. Dort habe ich alle meine zukünftigen Kommilitonen während der Grundschule und Gymnasium kennen gelernt. Außer, dass ich große Angst vom Weihnachtsmann hatte, der uns einmal besucht hatte, und gelernt habe, meinen Namen zu schreiben, habe ich kaum Erinnerungen an diesem Jahr. Ich weiß nur, wie ich eines Tages im Hof mit Solange gespielt hatte, die ich noch nicht kannte, und sie mich plötzlich unerwartet voll die Wange mit ihren Nägeln gekratzt hatte. Die Lehrerin meinte danach vor Solange, ich sollte nicht mit ihr spielen, sie wäre nur bösartig. Was ich erst viele Jahre später erfahren habe: Solange war damals mit fünf schon derart traumatisiert, weil sie von ihrem Vater seit der frühesten Kindheit regelmäßig vergewaltigt wurde, dass ihre psychologische Entwicklung nachhaltig gestört wurde. Die Erzieherin war echt nicht die hellste, um sie weiter verbal zu demütigen, statt zu merken, dass sie ein ernsthaftes Problem hatte.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Fasching steht vor der Tür

Als frischgebackene Bayerin weiß ich noch gar nicht, was auf mich zu kommt. Karneval in Köln und Aachen fand ich beeindruckend genug, und da ich mich in dichten Menschenmengen unwohl fühle, habe ich es immer so weit es ging vermieden. In Berlin hatte ich inzwischen fast vergessen, dass es etwas wie Karnaval gibt.

Wobei wir in Nizza auf unser Carnaval durchaus stolz sind. Eine meiner jüngsten Erinnerungen findet in Nizza während Carnaval statt. Ich sitze auf den Schultern von meinem Vater. Um uns herum ganz viele Leute. Ein junger, unbekannter Typ neben uns meint, mir mit einem Luftrüssel voll laut ins Ohr pfeifen zu müssen. Die Folge war klar: Heulanfall, ab nach Hause, enttäuschte aber immerhin verständnisvolle Eltern. Blöder Typ.

Gerade eben bin ich auf dieses Foto aus meiner Kindheit gestossen. Passend für die Jahreszeit. Ich bin erstaunt, wie gut das Foto ist, obwohl es aus den Achtzigern stammt. 1981 oder 1982, schätze ich. Es müsste in der Grundschule sein. Ich kann mich leider auf viele meiner Kommilitonen nicht mehr erinnern. Eine damalige Freundin, die ich nach so vielen Jahren zufällig am Tag meiner Hochzeit bei der Kosmetikerin im Dorf getroffen habe, meine ich zu erkennen. Die Anderen kann ich nicht mehr zuordnen. Mein Schwarm? Gesicht vergessen, übrig sind nur unsere Lachanfälle im Klassenzimmer geblieben.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Der Urlaub ist vorbei

Ich bin froh, wieder zu Hause zu sein. Schnee und ich passen nicht zusammen. Ich weiß, ich war schon mal in verschneiten Bergen. Es war damals nur für ein Wochenende. Und wir waren damals auch nur zu zweit, was viel entspannter als letzte Woche war. Denn wir waren mit einem Teil seiner Familie im gleichen Urlaubsort. Nicht in der gleichen Unterkunft, aber täglich zusammen. Und obwohl wir uns gut vertragen, es ist für mich nicht so schön wie wenn wir alleine zu zweit Urlaub machen. Ich bin nur dazu gekommen, weil der Ehemann so darauf bestanden hatte. Ich war noch nie dort. Er hätte von mir aus alleine mit seiner Familie die Woche dort verbringen können, wie er es sonst immer gemacht hat.

Das Hauptproblem war der Schnee. Sagen wir so, Gleitsportarten sind nicht meine Stärke. Wenn es in Berlin ein bisschen glatt ist, breche ich schon in Panik aus und bewege mich nur noch sehr langsam vorwärts, auch wenn ich Spikes trage. Ich nutze jede Gelegenheit aus, um mich an Gegenständen fest zu halten. Am besten ist es, wenn der Ehemann mir zur Seite steht und ich mich verkrampft an seinem Arm fest klammern kann. Wie die ganze Zeit letzte Woche. Während die Familie tagsüber die Zeit auf den Skiern verbracht hat, bin ich mit Schneeschuhen gewandert. Das Einzige, was mir im Schnee Spaß macht. Damit ist man am Boden fest verankert und läuft keine Gefahr, weg zu rutschen. Und wenn ich nicht am Wandern war, war ich im Spa zu finden. Das war toll. Fast so toll wie die Carolus Thermen in Aachen. Nur viel teurer.

Nicht nur mit Schnee habe ich Probleme. Sobald ich den Boden nicht fest unter meinen Füßen spüre, stehe ich (oder liege ich) völlig hilflos da. Das fing schon in der Grundschule an, als wir in der zweiten Klasse im Sportunterricht Rollschuhe tragen mussten. Die Sorte mit zwei Rädern vorne und zwei Rädern hinten. Ich glaube, in der Vorstellung der Lehrerin war es so, dass man Kinder nur in Rollschuhe packen muss, und alles von selbst läuft. Kinder lernen schnell. Nicht bei mir. Ich habe die meiste Zeit damit verbracht, auf dem Po zu fallen, oder gegen die Wand am Ende vom Hof zu klatschen, bis sie eingesehen hat, dass es bei mir keinen Zweck hat. Ich durfte danach nur noch bei den anderen Schülern zu gucken, obwohl ich mich an frustrierende Übungsversuche im Garten zu Hause erinnern kann. Einige Jahre später hatte eine Freundin ein Skateboard bekommen, weil es so cool war, und es hatte keine Sekunde gedauert, bis ich schmerzhaft auf dem Steißbein gefallen war. Inline-Skates habe ich gar nicht ausprobiert. Ski fahren habe ich nie lernen wollen, obwohl ein zweiwöchiger Aufenthalt in den Alpen zu diesem Zweck ebenfalls in der Grundschule geplant war. Ich habe stattdessen die zwei Wochen in einem anderen Klassenzimmer ausgesessen. Im Gymnasium hatten wir einen Tag in der Eishalle in Nizza verbracht, und es ging, so lange ich mich am Rand festhalten konnte. Versuche auf der Mitte der Eisfläche sind auf dem Hinten abgebrochen worden, wobei ich das Pulli von einem guten Freund ziemlich gezerrt habe. Es ist ein Wunder, dass ich Fahrrad fahren kann. Vielleicht hilft, dass ich dabei die Arme auf dem Lenker benutzen kann, um die Balance zu halten.

Ich bin also froh, wieder in Berlin zu sein. Nicht nur wegen des Schnees. Im Urlaub war alles teurer. Berlin ist fürs essen gehen schon ziemlich günstig in Deutschland, ich habe schlimmeres gesehen. Frankreich ist teurer, und so ein erhobenes Skiressort in den Alpen umso mehr. Für eine Portion Pommes kann man locker 10€ ausgeben. Knapp 20€ für ein Teller Spaghetti Carbonara. Und ich habe noch nicht die Flasche Champagne à 9500€ erwähnt, die von Russen an Nachbartischen tatsächlich bestellt wurde. Bescheuert. Natürlich musste ich viele Sachen essen, die ich in Berlin nicht täglich sehe. Bavette à l’échalote (ich durfte während der Schwangerschaft gar kein blutiges Fleisch genießen, was ich doch so liebe), magrets de canard à la framboise (Entenbrust mit Himbeersauce)… Alles sehr lecker, das hat sich gelohnt. Wir haben viel ausgegeben, und ich habe es noch nicht gewagt, mich auf der Waage zu stellen. Ich fürchte, ich könnte über die 70 Kilogramme zurück gekommen sein.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Der Tag, an dem ich fast ertrunken wäre

Ich kann mich selber kaum daran erinnern, habe früher die Geschichte aber mehrmals erzählt bekommen. Ohne diesen Beitrag hätte ich wahrscheinlich nicht mehr daran gedacht.

Es passierte, als ich noch ein Einzelkind war. Wir hatten mit meinen Eltern und dem Hund an einem See Urlaub gemacht und gezeltet. Ein Süßwassersee. Damals durfte man noch frei am See zelten. Meine Mami konnte unmöglich dabei von meiner Schwester schwanger gewesen sein, deshalb tippe ich, dass ich zwei Jahre alt war.

Alles, woran ich mich erinnere, ist, dass ich mit meinem blauen Eimer am Rand vom Wasser saß, während meine Eltern Kaffee am Zelt tranken. Auf dem Kies im Wasser habe ich einen Seestern gesehen (daran erinnere ich mich immer noch sehr gut). Ich liebte Seesterne. Ich habe ihn mir genauer anschauen wollen und habe mich mit ihm unterhalten. Kurz danach hat mich mein Vater völlig aufgeregt aus dem Wasser gezogen und angebrüllt, weil ich den Kopf unter Wasser gehalten hatte. Es wäre gefährlich, ich hätte sterben können (was ist sterben?). Meine Mami war ganz bleich.

Ich habe erklärt, dass es mir doch gut gegangen war und ich nur mit dem netten Seestern geredet hatte. Im See gibt es keine Seesterne, meinte meine Mami. Die gibt es nur am Meer. Doch, meinte ich, und wollte ihr den zeigen. Der war leider weg, und ich war sehr enttäuscht darüber. Meine Eltern wurden nur besorgter, weil ich offensichtlich Halluzinationen bekommen hatte. Ich durfte danach nie wieder alleine am Wasser sitzen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Was ist los mit mir?

Ich habe es geschafft, mich auf der Arbeit beim Hochlaufen im Treppenhaus richtig hinzulegen. Sowas passiert mir eigentlich nie! Ich bin sonst immer so vorsichtig, wenn ich die Treppe benutze. Am Montag war ich ein bisschen schnell, bin gestolpert und voll mit den Knien gegen die Kante einer nächsten Stufe gelandet. Es hat sau weh getan. Dazu muss ich erklären, wie die Stufen in der Treppe aussehen:


Ich bin also mit voller Energie die Treppe hoch gegangen. Mein rechter Fuß ist ein bisschen zu sehr nach vorne gerutscht und in dem Raum unter der nächsten Stufe stecken geblieben. Durch das Momentum bin ich trotzdem weiter gestiegen und um den Fuß rotiert. Die Folge: Beide Knie haben die Kante einer höheren Stufe (aus Granit) erwischt. Ich habe mich dabei mit der rechten Hand am Handlauf fest gehalten, aber nicht stark genug, und mir den Mittelfinger leicht verdreht. Das linke Knie hat eine Schürfwunde bekommen, das ohnehin schon angeschlagene rechte Knie einen blauen Fleck.

Ich habe natürlich unsere Sicherheitsabteilung über den Unfall per Email informiert, wie unsere Vorschriften für Arbeitsunfälle lauten, und gefragt, ob ich einen Arzt besuchen sollte. Unsere Webseite war darüber nicht ganz klar. Eine Antwort habe ich bis jetzt nicht bekommen. Ich habe meine Wunden selbst mit unserem Erste-Hilfe-Kasten behandelt und weiter gearbeitet. Gestern habe ich den Betriebsarzt besucht. Er ist nicht jeden Tag bei uns, daher konnte ich ihn am Montag nicht sehen. Er hat mich untersucht und nichts gefunden, was eine spätere Komplikation verursachen könnte. Ich bin „sauber“ gefallen. Nebenbei hat er mir erklärt, dass ich eigentlich direkt nach dem Unfall einen Durchgangsarzt hätte besuchen sollen. Jetzt wäre es zu spät, weil die Ärzte mir unterstellen könnten, ich hätte den Unfall zu Hause und nicht bei der Arbeit gehabt. Das ist blöd, falls Komplikationen doch auftreten, weil dann meine Versicherung büßen müsste. Genau die Information hätte ich gerne von der Sicherheitsabteilung bekommen. Wenn sie auf meine Meldung reagiert hätte.

Und nicht genug: Heute Mittag wäre ich fast wieder beim Runtergehen in einer anderen Treppe gefallen. Ich war mit Kollegen zur Mittagspause unterwegs. Fast unten angekommen, habe ich plötzlich einen komischen Sprung gemacht und bin durch einen glücklichen Zufall gut auf eine untere Stufe gelandet. Ich glaube, ich spinne völlig. Keine Ahnung, warum ich da gesprungen bin. Vielleicht ein Zeichen von Erschöpfung.

Jetzt habe ich also eine neue Wunde auf die Knien. Ich dachte, die Zeiten wären vorbei. Als Kind bin ich häufig gestolpert. Ich habe so viel im Garten rum getobt. Ein Mal bin ich die ganze Einfahrt bis zum Tor gerannt, weil der Postbote gerade gekommen war. Beim Zurückrennen bin ich auf Steine so übel gestolpert, dass die Haut unter beiden Knien weg gerissen wurde. Kein schöner Anblick für meine Mami. Ein anderes Mal hatte ich Spaß damit, von der Terrasse aus in den Garten zu springen. Die Terrasse war nicht sehr hoch, aber schon beeindruckend, wenn man acht Jahre alt ist. Ich bin in den Garten gesprungen, zurück zur Terrasse gerannt, bis zur höchsten Stelle, nochmal gesprungen… Dabei mit Schwung, mit den Beinen hoch gezogen, dann während des Falles die Beine wieder gestreckt, um im Garten zu landen. Tja, bei einem Sprung lief es nicht so glatt. An dem Moment, wo ich mit den Füßen hätte landen sollen, erinnere ich mich an ein kurzzeitiges Erstaunen darüber, noch in der Luft zu sein, bevor ich gemerkt habe, dass meine Beine noch hoch gewinkelt waren. Ich habe versucht, sie schnell zurück zu strecken, aber ich war nicht schnell genug. Die Knie haben den Boden vom Garten hart getroffen. Jetzt, quasi zweiunddreißig Jahre später, sind die Narben immer noch da.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Ein Weihnachtsgeschenk

Nicht irgendein Geschenk, sondern das allererste Geschenk, an das ich mich erinnern kann. Ich denke, ich war drei. Wir wohnten noch nicht aufs Land, und meine Schwester, die vier Jahre jünger ist, war noch nicht geboren. Jünger konnte ich nicht sein, weil ich schon zur Maternelle ging.

Ich war eines Tages mit meiner Mami in Auchan einkaufen. Ich erinnere mich, dass wir wie immer einen großen Einkaufswagen dabei hatten. Ich durfte ausnahmsweise gehen, statt im Wagen zu sitzen. Meine Mami hatte uns zum Regal mit den Kinderspielzeugen gebracht, wo ich sonst sehr selten war. Was für eine Aufregung! Sie hatte mir erklärt, ich sollte mir ein Spielzeug  aussuchen, damit sie dem Weihnachtsmann sagen könnte, was er mir bringen soll. Ich habe mich auf die Stelle in eine riesige graue Plüschmaus verliebt. Ich konnte sie nur mit beiden Armen tragen. Wir haben sie im Supermarkt gelassen, mit dem Versprechen, dass ich sie bald bekommen würde.

An Weihnachten selbst habe ich keine Erinnerung mehr. Die Maus habe ich tatsächlich bekommen. Natürlich war es für mich klar, dass der Weihnachtsmann sie gebracht hatte. Ich habe die Maus Alexandre genannt. Alexandre war ein Junge, der auch zur Maternelle ging. Meine erste große Liebe. Ich hatte es eines Tages sogar meiner Mami anvertraut. Sie hatte mich aber verraten und es meinem Vater weiter erzählt, der sich darüber lustig gemacht hatte. Das war’s, ich habe ihr seitdem nie wieder etwas von Jungs erzählt. Die Maus habe ich bis zum Gymnasium behalten, bis meine Mami meinte, sie sollte Platz zu Hause schaffen und alle unsere Kindheitssachen entsorgen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Das Leben nach dem Tod

Erklärt von einem vierjährigen Mädchen. Diese Geschichte ist also 32 Jahre alt.

Es war im Sommer. Wir waren mit meinen Eltern gerade aus der Stadt ausgezogen und wohnten in einem kleinen Dorf. Unsere Mietwohnung war in einer engen Gasse, die ganz steil war, wie man in der Provence häufig sehen kann. Ich kann mich nicht mehr genau an die Umstände erinnern, aber ich weiß noch, dass kurz nach unserem Umzug ein Bruder meiner Mutter gestorben ist. Mir hat es niemand so richtig gesagt, ich habe es verstanden, weil ich alles zugehört hatte, was die Erwachsenen um mich herum erzählten (sie verhielten sich immer, als ob ich nichts verstehen würde), und weil meine Mami traurig war. Ich musste erstmal genauer fragen, was der Tod wirklich bedeutet. Ich weiß eigentlich nicht mal, ob ich diesen Onkel überhaupt kannte. Eines Sommertages waren viele Geschwister meiner Mami (also noch fünf) und unbekannte Personen zu Hause und hatten auf einem Paperboard viel geschrieben und diskutiert. Mich hatte es nicht interessiert, ich konnte sowieso noch nicht mal lesen. Ich nehme jetzt an, es gab damals nach dem Tod meines Onkels finanzielle Fragen zu klären.

Sein Tod hat mir viel zum Grübeln gegeben. Vor allem, weil meine Mami traurig war. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich abends alleine in meinem Bett über den Tod nachgedacht hatte und versuchte, mir vorzustellen, wie es war, nicht mehr zu leben. Na ja, nach gerade vier Jahren ist das mit dem Denken noch nicht so entwickelt, aber ich hatte mir eine Geschichte im Kopf gebastelt. Für mich war es so, dass die Leute nach dem Tod weiterhin mitbekommen würden, was die Lebenden machen, aber von weit weg, deswegen wir sie nicht mehr sehen können. Die Verstorbenen würden unter sich bleiben und das Leben ihrer Verwandten auf einem riesen Fernseher schauen. In meinen inneren Bildern konnte ich es mir genau vorstellen, und sah einen Raum, der sehr ähnlich wie die Räume in meiner früheren Vorschule in der Stadt aussah, mit hohen breiten Fenstern, vielen kleine Banken zum sitzen und einen großen Fernseher, wo die Verstorbenen alles, was wir hier machen, schauen würden.

Stolz auf mich, eine tröstende Darstellung über den Tod gefunden zu haben, habe ich beschlossen, das Ergebnis meines Nachdenkens meiner Mami vorzutragen. Wir hatten an einem heißen Tag die Wohnung gerade verlassen und gingen die steile Straße hoch, als ich mit meiner Erklärung anfing. So richtig geschickt im Erklären war ich allerdings noch nicht. So fing ich an: „Weißt du, Mami, es gibt Leute, die uns zuschauen“. Meine Mami hat sich umgeschaut und gesagt, sie würde niemanden sehen. Da konnte ich weiter erklären, da es mit meiner Geschichte so gut passte: „Das ist normal, wir können sie nicht sehen, aber sie schauen uns versteckt“. Und da hat meine Mami etwas gesagt, was ich nicht verstanden habe: „Du bist paranoid“. Also musste ich fragen, was paranoid bedeutet. Meine Mami sagte, es ist, wenn man glaubt, dass alle Leute, wie die Nachbarn oder Unbekannte, uns hinten ihrer Jalousien versteckt aus dem Fenster ihrer Wohnungen beobachten würden. Ich habe mich total missverstanden gefühlt und war frustriert, dass ich meine Gedanken nicht richtig ausdrucken konnte. Aufgegeben habe ich aber nicht, und ich habe gesagt, „Nein, du verstehst nicht, das hatte ich nicht gemeint“. Also hatte meine Mami nachgefragt, was ich wohl erzählen wollte. Neuer Versuch: „Weißt du, manchmal sind Leute da, und danach sieht man sie nicht mehr. Sie verschwinden und sind nicht mehr hier. Aber sie sehen uns trotzdem.“ Kurze Pause, dann hat meine Mami auf einmal verstanden. „Ach so, du meinst, die Leute im Himmel?“ Von Religion hatte ich noch nie was gehört. „Im Himmel?“ „Ja, die Leute, die gestorben sind, gehen zum Himmel“. Ich habe den knallblauen Himmel genauer betrachtet und war ein bisschen skeptisch darüber. Aber warum nicht. Das mit meinem früheren Klassenzimmer konnte nicht wirklich der Realität entsprechen. Wenigstens meinte meine Mami jetzt das gleiche wie ich. „Vielleicht, es ist möglich“, habe ich eingeräumt, und beschlossen, darüber nachzudenken (später konnte ich abends im Bett aus den Fenstern meines Klassenzimmers weiße Wolken vor dem blauen Himmel ziehen sehen). Ich weiß nicht, ob meine Geschichte den gewünschten Effekt hatte, und zwar, meine Mami zu trösten. Ich habe das Thema nicht mehr versucht, so richtig zu diskutieren. Diese Geschichte meiner Kindheit hatte ich sogar völlig verdrängt, bis meine Oma gestorben ist.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Mein Vater

Ich bin mir lange nicht sicher gewesen, ob ich wirklich über dieses Thema in meinem Tagebuch schreiben möchte. Ich versuch’s doch heute, wenn nur, um es hinter mir zu bringen und den Ballast los zu werden. Es droht wieder, ein Roman zu werden.

Erinnerungen aus meiner Kindheit

  • Mein Vater war nie zu Hause, weil er in einer Stadt 30km entfernt gearbeitet hat. Das heißt, früh morgens weg, spät abends zurück. Meine Mami hat sich stets um uns gekümmert, da sie seit meiner Geburt sehr lange nicht mehr berufstätig war. Er hat materiell für uns gesorgt, und hat zum Beispiel unser Haus an Wochenenden selber gebaut, manchmal auch mit Freunden zusammen, das hat Jahre gedauert.
  • Mein Vater ist sehr ungeduldig. Und hatte mich ganz früh als Mädchen für alles zu Hause angestellt[1]. Als ich eines Tages für ihn Kaffee vorbereitet hatte, während er auf der Couch im Wohnzimmer rauchte, ist er plötzlich wütend geworden, weil es seiner Meinung nach nicht schnell genug ging. Er ist mir an der Tür von der Küche brüllend begegnet, als ich sehr langsam mit der Tasse in der Hand raus ging, um den heißen Kaffee nicht umzukippen. Zwar hat er sich gleich entschuldigt, als er gesehen hat, dass ich ihm doch seinen Kaffee vorbereitet hatte und er mich unberechtigter Weise geschimpft hatte, aber es ist nur eine von vielen Geschichten, die ich über ihn noch nicht vergessen habe.
  • Ich bin die älteste von drei Geschwistern. Wir sind alle mit vier Jahren Abstand geboren. Für meinen Vater war es daher selbstverständlich, dass ich die Verantwortung für die Jüngeren übernehme. Auch in der Schule. Das heißt, wenn sie hinterlistig dumme Sachen angestellt haben, wie Kinder es halt häufig tun, bin ich danach immer geschlagen worden[2]. „Als Beispiel für die jüngeren Geschwister.“ Die haben dabei nur gelernt, dass egal was sie tun, jemand anderes für sie büßen wird.
  • Eines Tages hat mich mein Vater für eine Nichtigkeit wieder geschlagen. Ein anwesender Onkel fand das sehr lustig. Meine Mami wurde sauer, hat mich und meine Schwester (die gerade das Gehen gelernt hatte) gepackt, Mantel angezogen, und wir haben das Haus verlassen. Ich weiß leider nicht mehr, was danach passiert ist. Sind wir wirklich bis zu ihrer Mutter in Nizza gefahren? Hat unser Vater uns dort abgeholt? Wie auch immer, wir sind doch zurück gekommen. In den späteren Jahren habe ich häufig davon fantasiert, wie schön mein Leben hätte sein können, wären wir weg geblieben.
  • In der Pubertät, als ich groß genug geworden war, um mich physisch zu wehren, hat er mich nicht mehr geschlagen, sondern er hat mir jeden Tag gesagt, ich wäre hässlich und nicht würdig, seine Tochter zu sein – also psychologische Angriffe. Das war einfacher, damit umzugehen. Ich liebte meinen Vater schon lange nicht mehr (und zweifle dran, ob ich es je tat) und hielt schon nicht mehr viel von ihm, ich war also nicht berührt, als er versuchte, mich verbal zu erniedrigen. Abgesehen davon, dass ich mich um mein Aussehen nicht kümmerte, hatte ich genug Jungs um mich herum, um zu wissen, dass es mit dem hässlich sein nicht stimmen konnte – auch wenn ich mich nicht im Geringsten für sie interessierte, weil sie sich albern verhielten und ich den Unterricht in der Schule spannender fand.
  • In der siebten Klasse habe ich eine neue sehr engagierte Englischlehrerin bekommen, die gerade aus einem Austauschjahr in Amerika zurück gekommen war. Sie hatte am Anfang des Jahres alle Eltern ihrer Schüler zu Hause angerufen, um Kontakt zu knüpfen. Als mein Vater ans Telefon ging und sie sich gerade vorgestellt hatte, hat er sofort explodiert und brüllend gefragt, was ich denn schon wieder angestellt hätte. Am nächsten Tag hat sich die Lehrerin bei mir entschuldigt und gesagt, sie hoffte, ich hätte dadurch kein Problem zu Hause bekommen.
  • Für meinen Vater ist es eine Schande, eine Tochter zu haben. Als ich als siebenjähriges Kind eines Sonntagmorgens vor dem Schlafzimmer meiner Eltern auf dem Weg zu Küche gegangen bin, habe ich gehört, wie er meine Mutter gebetet hatte, ein drittes Kind zu bekommen, weil er endlich einen Jungen haben wollte[3] – was auch zum Glück für meine Mami klappte[4]; ich weiß aber immer noch, wie sie sagte, sie hätte keine Lust auf ein drittes Kind. Als ich in der Mittelstufe war, hat er einmal in meiner Anwesenheit seinen Freunden offenbart, wie sehr er erleichtert war, weil ich weder Drogen zu mir nahm noch mich prostituierte, obwohl ich als Mädchen geboren war. Darauf war er stolz. Tolle Erwartungen.

Aus heutiger Sicht

Mein Vater ist nicht der hellste. Wenn er versucht, über Politik zu reden, das heißt, bei jeder Tagesschau, ist er nicht in der Lage, etwas Kohärentes zu erzählen. Dass er einen zu hohen Alkoholkonsum hat, hat die Sache nicht gerade verbessert (das riecht man, selbst früh morgens, der Geruch kommt aus den Poren der Haut wieder raus). Die Schulaufgaben haben wir immer von meiner Mami prüfen lassen, nicht von ihm. Seine Ausrede: „Ich habe keine Zeit“, aber ich denke, er konnte es einfach nicht. Wenn er zum Beispiel sagt, „Der Arzt hat nichts gefunden“, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass er in Wirklichkeit meint, „Er hat etwas gesagt, ich habe nichts verstanden, auf Ärzte ist eh kein Verlass“. Ich habe mich immer gefragt, warum meine Mami mit ihm verheiratet war. Schließlich hatte sie Abitur geschafft, ein bisschen BWL studiert und hatte als Buchhalterin gearbeitet, bevor ich zur Welt kam. Mein Vater hatte gerade den Grundschuldiplom und einen handwerklichen Beruf früh gelernt. Meine Mutter liest immer gerne Bücher; ich habe meinen Vater nie im Leben mit einem Buch in der Hand gesehen[5], außer die lokale Zeitung. Meine Mami mag keine großen Partys, mein Vater möchte am liebsten nur wilde Partys machen und Freunden beeindrucken. Tja, viel zu viele Unterschiede, um glücklich als Paar zu leben, oder? Meine Vermutung ist, dass meine Mami schwanger wurde, und dass eine Hochzeit zwischen beiden Familien schnell arrangiert werden musste. Ja, Mitte der Siebziger. Für meine Großeltern noch unvorstellbar, dass man außerhalb einer Ehe Kinder bekommt. Das ironische dabei ist, dass meine Mami aus Gesundheitsgründen ihr erstes Kind im fünften Monat der Schwangerschaft verloren hat[6]. Und wurde noch damit bestraft, mit meinem Vater weiterhin zu leben, weil es doch noch Zeiten waren, wo geschiedene Frauen als Huren galten.

Mein Vater hat anscheinend versucht, sich für Kinderpsychologie und Erziehung zu interessieren. Ob zusammen mit meiner Mutter oder nur aus Fernsehsendungen, weiß ich nicht.

  • Als ich fünf Jahre alt war, hat er mich einmal gefragt, ob ich ihn heiraten möchte, wenn ich erwachsen werde. Ich habe ihm gesagt, nein, er war doch schon mit meiner Mutter verheiratet. Er hat mich dann gefragt, ob ich ihn heiraten würde, wenn meine Mami nicht mehr da wäre. Ich habe geheult. Als meine Mami vom Einkaufen zurück nach Hause gekommen ist, habe ich noch geweint und ihr gesagt, sie soll nicht weg gehen und mich nicht verlassen, was sie zuerst sehr bewundert hat. Blöder Freud.
  • Als ich zehn Jahre alt war und wir aus irgendeinem Grund zu zweit im Auto unterwegs waren (es war ein Sonntagabend, die Nacht hatte schon hereingebrochen, und es regnete extrem stark), hat er plötzlich angefangen, mir zu erklären, wie ich mich verhalten sollte, wenn ein Junge mit mir ausging. Ich sollte den Jungen sagen, ich wäre nicht so wie die sich erhoffen. Ich habe nur Bahnhof verstanden, dafür war ich viel zu jung. Er hat mir erklärt, wenn ich mit einem Jungen Händchen halte, sollte ich nicht alles tun, was er von mir verlangt. Ich habe geantwortet, es wäre blöd, mit einem Jungen Händchen zu halten, das würde ich nicht mal mit meinen Schulfreundinnen machen, und ich wäre schon groß genug, um alleine auf die Straße zu gehen, ohne dass jemand mir die Hand hält, einen Jungen würde ich dafür nicht brauchen[7].
  • Später hat er mich auch davor gewarnt, nachtsüber in die Küche essen zu gehen. Ich habe mich gefragt, woher das auf einmal kam, und habe nur „Ja, ja“ gesagt, wie ich inzwischen immer antwortete. Auf die Idee wäre ich nicht mal gekommen.

Ich denke, er hat irgendwo erfahren, was Kinder am schlimmsten machen könnten, und versucht, das zu verhindern. Dabei habe ich nie ein Zeichen dafür gegeben, dass es mit mir Probleme geben könnte…

Als ich mit sechzehn meinen ersten ernsten Freund Marc kennengelernt habe, habe ich mich an ihn sofort geklammert. Zwei Jahre später, als ich achtzehn wurde, eigentlich sogar noch davor, sind wir zusammen in eine Wohnung umgezogen. Ich habe versucht, es mir nicht anmerken zu lassen, aber ich war so froh, als ich endlich das Elternhaus verlassen habe! Ich denke jetzt, auch wenn ich es damals nicht so deutlich erkannt habe, dass mein Freund für mich vor allem wichtig war, um von zu Hause aus zu fliehen, weil ich nicht sicher bin, dass ich ihn wirklich geliebt habe. Ich bin sehr lange mit ihm geblieben, bis ich für das Diplom-Jahr weit weg umgezogen bin, und mich definitiv von meinem Vater entfernt habe.

Ich weiß nicht, ob mein Vater mit meinen zwei Geschwistern in gleicher Weise mit seinen „Erziehungsmaßnahmen“ vorgegangen ist, ich denke aber nicht. Ich habe nie erfahren, dass meine Schwester oder mein Bruder geschlagen worden sind – auf jeden Fall sicherlich nicht so häufig und je nach Lust und Laune wie ich[8]. Ob er versucht hat, mit ihnen zu reden, wie mit mir, weiß ich auch nicht.
Hat mein Vater versucht, uns doch auf seiner Art eine möglichst gute Basis zu geben, damit wir im Leben gute Chancen haben? Sicherlich, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es bei ihm mehr darum ging, sich selber nicht blamieren zu müssen: Wenn wir Delinquenten geworden wären, hätte er sich geschämt und das Gesicht vor seinen Freunden verloren. Warum ich das denke? Als ich nach Deutschland zurück kehren musste, wollte ich ein Umzugsunternehmen fragen, meine Sachen zu transportieren. Mein Vater hat vehement protestiert und gesagt, er würde doch einen LKW mieten und mit mir nach Deutschland fahren – zwölf Stunden Fahrt. Als er festgestellt hatte, dass er am Reisetag eine Feier von einem Freund verpassen würde, hat er mir gesagt, er würde lieber einige Tage später fahren. Ich habe ihm gesagt, das darf er gerne machen, allerdings alleine und umsonst, ich würde aus eigenen Mitteln mit meinem Zeug hin fahren – sonst wäre ich gleich einige Tage bei der Arbeit abwesend gewesen, das kann doch kein normaler Mensch von jemandem verlangen, der gerade endlich einen neuen Arbeitsvertrag bekommen hat und in der Probephase steckt. Mein Vater hat gesagt, er wollte doch etwas für mich machen, und hat schweres Herzens auf diese Feier verzichtet. Tja, vielleicht „nett“ von ihm, aber wie gesagt, es wäre nicht nötig gewesen. Als ich Monate später gesehen habe, mit welchem Stolz er einem Freund meinen Umzug erzählte, hatte ich wieder den Beweis, dass es ihm nur darum ging, sich selber gut darzustellen.

Also… wenn ich heute sage, dass ich für den Urlaub zu meinen Eltern fahre, meine ich eigentlich zu meiner Mami. Mein Pflichtgefühl zwingt mich dazu, meinen Vater auch zu besuchen, ich versuche es aber möglichst kurz zu halten. Zum Glück hat er eine Freundin. Und er beschwert sich zwar, wenn ich zu kurz bei ihm bin, aber er hat schon mit seiner Freundin ganz woanders Urlaub gemacht, gerade in meiner knappen Anwesenheitszeit in Südfrankreich, so schlimm kann’s also nicht sein.

[1] Ich bin als sechsjähriges Kind schon täglich zum lokalen Bar-PMU gegangen, um seine blauen Gitane ohne Filter zu kaufen. Heute mit Zigarettenkaufverbot unter 18 unvorstellbar.
[2] Es hat nie sichtbare Spuren hinter gelassen. Das heißt lange nicht, dass es keinen Schaden verursacht hat.
[3] Als meine Mutter von meiner Schwester schwanger wurde, hatte mein Vater mir erzählt, ich würde einen kleinen Bruder bekommen. Vielleicht hatten sie während der ganzen Schwangerschaft keine Ultraschall-Untersuchung gemacht? Oder hatte meine Mutter Angst gehabt, ihm die Wahrheit zu sagen?
[4] Wir hatten im Dorf eine Frau, die über zehn Kinder bekommen hatte, bevor es „endlich“ einen Jungen gab und ihr Mann zufrieden war. Klingt unglaublich und mittelaltermäßig, woher ich wohl kommen mag? Südfrankreich dreißig Jahre her.
[5] Doch. Als ich in der zweite Schulklasse war und mit Windpocken im Bett lag, hat er mir eines Abends mein allererstes Buch mitgebracht, damit es mir nicht zu langweilig wird. Ich habe seitdem sehr viel gelesen, weil ich dann Ruhe hatte.
[6] Der laut meinem Vater ein Junge geworden wäre…
[7] Ach ja, ich habe mich doch nicht so sehr verändert.
[8] Ein Lieblingsspruch von meinem Vater war auch, „Wenn du abends nach Hause kommst, schlage zuerst deine Frau und Kinder. Wenn du nicht weißt, warum, wissen sie es“. Damit wollte er immer seine Freunden zum Lachen bringen. Auch wenn sie es schon zig Male gehört hatten. Das sagt er aber nicht mehr, seitdem er von meiner Mami getrennt ist und andere Frauen kennengelernt hat. Oh, und ich erinnere mich, wie meine Mami sagte, sie wäre es satt, sein Punching Ball zu sein, als sie mir vor acht Jahren ankündigte, dass sie sich offiziell scheiden lassen wollte. Das hatte ich zu meiner Schande gar nicht mitbekommen. Ich bin umso froher, dass sie es endlich geschafft hat, sich von ihm zu trennen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.