Fremd übernachtet

Heute war wieder eine kurze Nacht. Und daran bin ich schuld. Ich habe mich gestern ans Dutch Baby als Nachtisch gewagt, mit frischem Obst und Schlagsahne. Die Mengenangaben war natürlich für eine Familie gedacht… Ja, daher gab’s vorsichtshalber zum Abendessen nur einen grünen Salat. Das ungewöhnlich viel Zucker am Abend hat sein Unheil angerichtet. Um halb zwölf waren wir im Bett, ich war nicht müde. Um zwölf hat der Ehemann das Licht ausgeschaltet. Mein Puls war immer noch viel zu hoch, um einschlafen zu können. Bis mindestens drei Uhr morgens habe ich wach gelegen und einem kleinen Vogel gelauscht, der in regelmäßigen Abständen kurz gepiept hat. Die Fenster waren gekippt.

Ich bin auf Arbeit angekommen. Ich habe den Aufzug genommen, um zu meinem Büro zu kommen. Ich habe mich aber vertippt und bin ganz unten gelandet. Was soll’s, dann fahre ich wieder hoch. Irgendwie sind die Tasten komisch und ich kann nicht erkennen, was ich drücken soll. Ich steige also unten vom Auszug aus.

Ich treffe meinen ehemaligen Zimmerkollegen Moritz und frage ihn, ob es eine Treppe nach oben gäbe. Er weiß es nicht. Wie denn auch, so unsportlich wie der ist, schießt mir durch den Kopf. Ich mache mich auf die Suche und finde einen Treppenhaus. Der Zugang ist leider durch eine blaue, transparente Glaskonstruktion versperrt. Man kann nur mit einer elektronischen Karte das Türchen öffnen.

Ich gehe zurück in Richtung Aufzug. Unterwegs treffe ich eine Kollegin. Sie schlägt mir vor, bei ihr im Büro zu schlafen. Ein Büro ohne Fenster. Ich bin müde und nehme ihr Angebot an. In ihrem Büro sind einige Bette. Ich lege mich in ein kleines Bett hin und gucke ein Video auf dem Handy. Ich liege ungünstig, irgendwie quer, es gibt nicht genug Platz. Ich muss die Beine anwinkeln. Das Licht im Zimmer ist an, gelb, wie aus einer alten Glühbirne. Als ich beim Einschlafen bin, merke ich zwei kleine Kinder, die sich das Bett mit mir teilen. Sie wirken verwirrt, weil ich auch im Bett bin. Ich versuche, ein bisschen mehr Platz für sie zu machen. Meine Kollegin kehrt zurück und erklärt ihnen, dass ich heute Nacht hier übernachte. Die Kinder legen sich in ein anderes Bett hin und ich habe schlechtes Gewissen, sie vertrieben zu haben.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Sonntagsträume

Nachdem ich heute früh kurz vor sechs aufgewacht bin, anderthalb Stunde ohne Erfolg versucht habe wieder einzuschlafen, um dann um halb acht Semmel bei der Bäckerei zu holen, als sie gerade geöffnet hat, mir diverse Videos angeschaut habe, bis der Ehemann aufgestanden ist, und mit ihm gefrühstückt habe, habe ich mich auf der Couch hingelegt. Und diesmal konnte ich endlich schlafen. Es gab Träume. Ich habe mich lange nicht mehr an Träume erinnert, aber wenn ich morgens länger schlafe, merke ich sie mir. Heute waren sie wirr. Ich habe nur noch Brocken in Erinnerung. Vor allem diesen hier.

Ich sitze in der U-Bahn. Ich glaube, ich bin in Berlin. Auf der Schiene links neben uns spielen vier Kinder. Zwei Mädchen und zwei Jungen. Es ist gefährlich. Gerade als ich schaue, kommt eine Bahn in die entgegengesetzte Richtung an. Die zwei Jungs springen zum Gleis hoch. Die zwei Mädchen leider nicht. Sie haben nichts bemerkt. Der Zug fährt mit voller Geschwindigkeit gegen sie und kommt erst weiter zum Stehen. Die Schiene neben mir ist wieder frei. Der Ehemann setzt sich neben mir, er hat nichts mitgekommen. Kurz bevor wir fahren, schaue ich zu den Schienen hinter mir. Ich sehe einen kleinen blutigen abgetrennten Kopf liegen. Wir fahren los. Ich will dem Ehemann das Geschehene erzählen, aber ich denke, es würde ihn traumatisieren. Ich sage doch besser nichts. Später diskutiere ich mit anderen Leuten. Die Geschichte will mir nicht aus dem Kopf und ich versuche, ihnen den Unfall zu schildern. Beim Erzählen bleiben mir die Wörter in der Kehle stecken und ich fange an zu schluchzen.


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Kindergartenliebe

An meine erste Liebe kann ich mich immer noch erinnern, obwohl die Details diffus sind. Ich muss drei Jahre alt gewesen sein, denn wir besuchten die gleiche Schule in meiner Geburtsstadt (nicht Kindergarten, eine richtige Schule, école maternelle heißt es in Frankreich, und ganztägig war es), und von dort sind wir ausgezogen, bevor meine Schwester geboren wurde und ich zur Gruppe der Großen wechseln konnte, für das letzte Jahr vor der Grundschule. Alexandre hieß er. Und ich weiß nicht mehr, wie es lief, ob wir zusammen gespielt hatten, oder ob ich ihn nur heimlich von weitem mochte. Ich hatte sogar ein Plüschtier, das ich nach ihm genannt hatte. Nur meiner Mami hatte ich meine Verliebtheit anvertraut, und da sich mein Vater wenig später sich darüber lustig machte, hatte ich schon ganz früh mein Vertrauen zu ihr verloren. Herzensgeschichte habe ich nie wieder erzählt, außer, um meine Eltern vor Tatsachen zu stellen — ich will ausziehen, oder ich heirate (gut, vorher wurde der Auserwählte vorgestellt, aber zuerst rein aus Pflichtgefühl, „weil man halt sowas macht“).

Sehr süß dagegen war die Szene im Rückflug vom Urlaub am Samstag. Das Flugzeug wimmelte nur von Familien mit Kleinkindern. Es drohte, ein Alptraum zu werden, aber die Kinder waren außerordentlich still, außer beim Starten und beim Landen, was verständlich ist. Auf der anderen Seite vom Gang, auf gleicher Höhe wie wir, saßen zwei Familien hintereinander. Die Familien schienen sich nicht zu kennen. In der vorderen Reihe saßen Eltern mit einem kleinen Jungen, hinter ihnen saßen eine Mutter mit zwei Töchtern, die eine im Grundschulalter, die andere etwa gleich alt wie der Junge, geschätzt maximal zwei Jahre alt. Der Vater saß bei uns neben dem Ehemann. Nachdem wir in der Luft waren und man nicht mehr angeschnallt sein musste, sind die zwei Kleinkinder aufeinander aufmerksam geworden. Es war die Liebe auf den ersten Blick. Die Beiden haben sich nicht mehr aus den Augen verloren und haben sich ständig angelacht und in Babysprache angequatscht. Beim Verlassen des Flugzeuges hat der Junge dem Mädchen seinen Schnuller geschenkt.


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Die zickige Nichte

Wir haben einen großen Teil vom Osterwochenende mit der Schwiegerfamilie verbracht. Alle waren da, wenigstens alle aus der näheren Verwandtschaft vom Ehemann. Sein Vater, den wir gestern Morgen mit dem Auto abgeholt haben, um zu einer Cousine zu fahren. Deren Eltern, Schwester und Schwager, die samt Kindern aus Frankfurt hierher gekommen sind. Ihre eigene Kinder und Ehemann. Ich denke immer an sie als „die Familie vom Ehemann“, aber jetzt sind sie auch meine Familie. Ich habe mich noch nicht ganz an den Gedanken gewöhnt.

Mit seinen Cousinen ist der Ehemann eng gebunden, vor allem mit der aus Frankfurt, mit der wir den letzten Urlaub verbracht haben. Nach dem Tod seiner Mutter, als sein Vater mit der neuen Situation nicht klar kam, hat er viel Zeit mit ihnen verbracht. Sie sind ein bisschen wie Schwestern für ihn. Ihre Kinder, alle Mädchen, nennt er seine „Nichten“. Ein besseres Wort gibt es wohl nicht, sonst würde er es benutzen. Er kann sehr penibel sein, wenn es darum geht, die richtigen Begriffe zu benutzen. „Kinder“ trifft bei den Nichten eigentlich nicht mehr zu. Die Jüngste, Ella, ist elf Jahre alt. Die Älteste, Charlotte, ist mit ihrem Bachelor schon fast fertig. Jedenfalls sind sie jetzt auch meine Nichten. Das ist mir erst bewusst geworden, als wir einmal zufällig Charlotte in der Nähe der Uni getroffen haben, und sie uns dann ihrem anwesenden Kommilitonen als „mein Onkel und meine Tante“ vorgestellt hatte. Krass.

Wir haben uns am Wochenende zuerst am Samstagabend zum Essen in einem Restaurant verabredet. Das hat Tradition, wenn die Großeltern zu Besuch kommen. Wir waren alle an einem langen Tisch. Es hat sich natürlich ergeben, dass die vier jüngeren Cousinen an einem Ende des Tisches gesessen haben, während die ältere Familienmitglieder am anderen Ende saßen. Wir waren mit dem Essen noch nicht fertig, als die ältere Schwester von Ella, Mila, uns verlassen hat, weil sie mit einer Freundin in der Nähe verabredet war, um bei ihr zu übernachten. Ich fand es recht rücksichtslos von ihr, da ihre Großeltern nicht häufig da sind und von weitem angereist waren, um ihre Enkelinnen zu besuchen, und sie es offensichtlich nicht zu schätzen weiß. Nun, wenn die Eltern nichts dagegen einzuwenden haben, habe ich auch nichts zu sagen. Ich fand es noch merkwürdig, dass sie sie mit knapp dreizehn Jahren alleine zu Fuß bei Anbruch der Dunkelheit gehen lassen, da man nie weiß, wen man treffen kann. Vielleicht wollen ihr die Eltern dadurch einen Eindruck von Vertrauen vermitteln. Mir kommt es ziemlich unverantwortlich vor.

Zickig finde ich die Kleine, vor allem seit dem letzten Weihnachten. Die vier Mädels sind reichlich mit Geschenken verwöhnt gewesen, und die Anderen haben sich wenigstens dankbar gezeigt. Nicht so bei Mila. Sie hat ihre Mutter richtig angefaucht, weil sie es gewagt hatte, ihr zusätzlich Sachen zu schenken, die sie sich nicht ausdrücklich gewünscht hatte. Sie hat es geschafft, mit ihrem Verhalten sowohl ihre Mutter als auch ihre Oma derart zu verletzen, dass die Oma Tränen bekommen hat. Sie hat sich danach nicht mal entschuldigt. Angeblich war die Mutter in dem Alter genau so. Es scheint erblich zu sein, obwohl die zwei anderen Nichten eine viel bessere Erziehung zeigen. Mit deren Mutter ist auch nicht zu spaßen.

Jedenfalls waren wir gestern Morgen wieder alle zum Essen verabredet. Mir ist dabei ganz schnell ein bestimmter Geruch in die Nase gekrochen, den ich bei mir sehr gut kenne, seitdem wir mit dem Ehemann keine Kondome mehr benutzen. An solchen Tagen wechsle ich ganz häufig meine Slipeinlagen, um keine olfaktive Belästigung für meine Mitmenschen zu werden, weil die morgendliche Dusche nicht reicht. Der Geruch stammte eindeutig aus Mila, aber den schien außer mir keiner wahrgenommen zu haben. Ich wäre fast drauf und dran gewesen, ihr zu sagen, sie sollte duschen gehen, so sehr sie nach Sperma stank. Von wegen „ich übernachte bei einer Freundin“. Ich habe sie doch nicht darauf angesprochen, weil ich nicht die Gelegenheit hatte, kurz alleine mit ihr zu reden, und ich sie nicht vor den Anderen bloß stellen wollte. Im Nachhinein frage ich mich, warum eigentlich nicht? Sie schert sich nicht um die Gefühle Anderer, wie ich über Weihnachten erfahren durfte.

Ich hoffe wenigstens, dass sie die Pille nimmt, wenn sie offensichtlich schon mal keine Kondome benutzt. Mit dreizehn schwanger zu werden wäre echt blöd. Sie muss aber auch wissen, dass Kondome nicht nur von Schwangerschaft sondern auch von schweren Krankheiten schützen und nicht weg zu denken sein sollten. Das sollte doch in der Schule Thema sein. Ich weiß nicht, ob ich irgendwas unternehmen soll, oder einfach nur die Klappe halten soll. Schließlich muss sie wissen, was sie tut, und wenn sie so zickig ist, wird sie sowieso nicht gut auf ein solches Gespräch reagieren.


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Ein junger Mann

In der S-Bahn. Ich sitze im Fahrradabteil. Neben mir sitzt ein junger Mann.

Eine Station weiter steigt eine Frau mit einem kleinen Kind ein. Das Mädchen könnte zwei oder drei Jahre alt sein. Es hält einen pinken Schnuller im Mund.

Das Kind fängt gleich an, mit dem niedrig gestellten grünen Knopf an der Haltestange zu spielen. Die Mutter erklärt ihm, es sollte es nicht tun. Warum, weiß ich nicht. Ich habe mich immer gefragt, wozu dieser Knopf da ist. Ich werde heute nicht schlau.

Beim Wegfahren hört der Knopf aus zu leuchten. Uninteressant. Das Mädchen schaut sich um.

Es entdeckt den jungen Mann neben mir und schnappt laut nach Luft. „Ein junger Mann!“, schreit es seiner Mutter durch den Schnuller zu und zeigt mit dem Finger auf ihn. Der junge Mann schmunzelt. „Ein junger Mann!“, wiederholt es. „Ja, ein junger Mann“, bestätigt die Mutter. Das Mädchen lässt ihn nicht mehr aus den Augen und lächelt ihn an. Als die Beiden an der nächsten Station aussteigen, schreit das Mädchen ganz laut „Tschüß“ und winkt mit der Hand. Die Mutter muss das Kind schubsen, damit es sich von seiner Stelle los lässt und aussteigt.


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Sonntagabend

Es ist kurz nach sechs. Das Wetter war toll. Wir sind ohne Mantel mit dem Fahrrad zum Textilhandwerksmarkt gefahren. Keine zehn Minuten. Nach einem Jahr im Viertel waren wir noch nie dort. Ich jedenfalls nicht. Martin hatte die Domäne Dahlem früher schon mal besucht. Es war richtig schön, und man kann am Hofladen die dort produzierte Bio-Lebensmittel kaufen. Ich werde es am nächsten Wochenende ausprobieren.

Domäne Dahlem

Wir sind noch bei Tageslicht zurück nach Hause gefahren. Gegen sechs Uhr Abends waren Kinder hinter dem Haus unterwegs. Es gibt einen Spielplatz, der nicht so häufig besucht wird. In unserem Haus gibt es keine Kinder, und in der Nachbarschaft sieht man selten welche. Ein der Kinder hat ein bisschen laut gebrüllt. Es hat keine zwei Minuten gedauert, bis aus einem der Nachbarhäuser Rufe wie „Halt die Klappe“ zu hören waren. Ob es einen Zusammenhang mit dem angehäuften Hundekot am Eingang des Spielplatzes gibt? Ich finde es immer eklig, wenn ich morgens auf dem Weg zur S-Bahn-Station entlang gehe. Wer würde da sein Nachwuchs spielen lassen wollen? Die Bewohner herum scheinen wenig tolerant Kindern gegenüber zu sein und ziemlich schnell gereizt zu reagieren.


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Osterwochenende

Wie letztes Jahr sind wir bei Gudrun zum Osterfeuer aufs Land eingeladen worden. Diesmal sind wir drei Tage bei ihr geblieben. Das war anstrengend.

Gudrun ist die Mutter von Axel, einem engen Schulfreund von Martin. Sie hat auch eine ältere Tochter, Sonia, die Teil unserer Tauchergruppe in den Seychellen war. Martin war viel mit der Familie zusammen seit der Kindheit, sogar im Urlaub. Wahrscheinlich, weil er seine Mutter so früh verloren hat und sein Vater sich nicht so gut um ihn kümmern konnte. Er hat jedenfalls jedes Osterwochenende mit ihnen verbracht.

Im Gegenteil zum letzten Jahr war Axel dabei. Er ist meistens mit seiner eigenen Familie so beschäftigt, dass wir ihn kaum sehen, obwohl wir ziemlich nah zu einander wohnen. Er ist mit Frau und Kindern gekommen. Zwei Jungen, sechs und vier, ein Mädchen, gerade über ein Jahr alt. Das Wochenende hat sich wie ein ständiges Geschrei angefühlt. Wenigstens haben sie in ihrem neuen Wohnanhänger übernachtet. Gestern sind wir von der ganzen Truppe geweckt worden. Geheul, Streit, Gelächter. Mit dem heftigen Kater vom Osterfeuer am Abend davor nicht besonders toll. Ich hätte auch aufpassen können, ich hasse Kater. Ich habe zwei Aspirin-Tabletten gebraucht, um mich für den Tag fit genug zu fühlen.

Nach dem Frühstück haben wir einen langen Spaziergang gemacht. Die Kinder sind eigentlich pflegeleicht. Sie wären sicherlich viel ruhiger gewesen, wenn die Mutter nicht ständig ihnen gesagt hätte, was sie tun sollten und was nicht. Selbst im Garten durfte die Kleine keine zehn Meter von ihr entfernt spielen, obwohl überall Erwachsene waren, die im Notfall helfen konnten. Ich habe später den Ältesten beim Tischdecken damit beschäftigt, Seerosen aus Pappservietten zu basteln. Er war begeistert. Die Mutter war überrascht zu sehen, wie ruhig und konzentriert er an einem Tisch sitzen konnte.

Der jüngere Bruder wirkt dagegen häufig deprimiert und kränklich. Ich habe den Verdacht, dass er eine harte Zeit damit hatte, seitdem seine Schwester geboren wurde und er nicht mehr der Jüngste der Familie ist. Bei jeder Mahlzeit ging es ihm nicht gut und er wollte nur noch auf der Couch liegen bleiben, statt mit uns zum Tisch zu gehen. Es passiert anscheinend häufig. Wahrscheinlich, weil die Eltern nur noch damit beschäftigt sind, die Kleine zu füttern. Heute morgen saß er verkrochen auf einem Stuhl und weinte leise, als wir den Frühstück vorbereitet haben. Er hat es aber nicht zugeben wollen und meinte nur, dass er Schnupfen hatte. Ich habe seine Schwester zu ihm geschickt, mit der Aufgabe, ihm ein Küsschen zu geben. Es hat wie ein Wunder gewirkt. Plötzlich hat er gestrahlt und ist aufgestanden, um mit uns zu essen. Süßes Kerlchen.

Wir sind relativ früh nach Hause zurück gefahren. Ich bin müde vom Wochenende. Und habe Kopfschmerz. Schon wieder beim Eisprung. Aber nach dem Wochenende finde ich es sowieso hart, mich für eigenen Nachwuchs zu begeistern.


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Mit Kindern fliegen

Für einige eine Herausforderung, wie ich schon mal erfahren durfte.

Gestern sind wir aus unserem verlängerten Wochenende bei meinen Eltern zurück gekommen. Martin wollte meine Familie kennen lernen, und zum Glück hat sich mein Vater einigermaßen normal verhalten, was bei ihm nicht unbedingt zu erwarten ist. Es gab nicht zu viel von seiner üblichen vulgären Sprache zu merken (es hat auch geholfen, dass Martin nicht perfekt Französisch beherrscht), und von seinem letzten Zwischenfall ist er doch nicht so begeistert gewesen, wie ich vermutet hatte, im Gegenteil. So lange sind wir nicht bei ihm geblieben, da wir bei meiner Mutter auch zu Besuch waren. Aber ich weiche vom Thema ab.

Der Rückflug ging nicht direkt nach Berlin, und wir mussten in Frankfurt umsteigen. Wir sind mit Lufthansa geflogen, da wir uns so spät um die Reiseplanung gekümmert haben, dass es keinen großen Preisunterschied mehr mit anderen Fluggesellschaften gab. Wir waren in der letzten Reihe. Vor uns saßen eine ältere Frau am Gang und ein Mann. Der Sitzplatz am Fenster war unbesetzt. Kurz vor dem Start ist eine Stewardess zum Mann gekommen und hat ihm mitgeteilt, er sollte einen anderen Sitzplatz benutzen, als den, den er schon gebucht hatte. Die Begründung: Nur so könnte eine Frau mit ihrer noch sehr jungen Tochter zusammen sitzen. Hatte die Frau es verpennt, sich um die Sitzplatzreservierung rechtzeitig zu kümmern? Mit Martin hatten wir es erst am Tag davor gemacht, und es waren noch einige freie Paare von Sitzplätzen vorhanden. Gut, es kann sein, dass sie im letzten Moment den Flug buchen musste.

Wofür ich weniger Verständnis habe, ist, wie sie sich dabei verhalten hat. Dass der Mann aus seinem Sitzplatz weg musste, schien ihr völlig normal zu sein, sie hat sich nicht mal für die Störung entschuldigt oder dafür bedankt, dass er den Platz für sie frei gemacht hat. Da sie ursprünglich vorne saß, und alle anderen Gästen schon auf ihren Sesseln waren, hat sie ihr Gepäck mitgenommen, um dann festzustellen, dass es keine Möglichkeit mehr gab, es in ihrer Nähe aufzuräumen. Den kleinen Koffer hat sie einfach mitten im Gang gelassen und sich nicht mehr darum gekümmert. Als ein Mitarbeiter vorbei kam und dies merkte, nahm er den Koffer mit, um ihn weiter vorne zu packen, und sagte der Frau, im Gang könnte er nicht bleiben, da die Gehwege frei bleiben sollten. Wie reagierte die Frau? Sie hat sich über den Mann aufgeregt, und dabei versucht, ihre Sitznachbarin in ihrer Lästerei über die Lufthansa einzuwickeln (was erfolglos blieb).

Genau wie die Frau, die die Windel ihres Kindes mitten im Flugzeug gewechselt hat, hätte sie eigentlich die Mitarbeiter im Flugzeug um Hilfe fragen können. Ob sie auf das zweite Kind während des Umziehens des Anderes in den dafür aufgerüsteten Toiletten aufpassen oder den Koffer woanders packen könnten, bestimmt wäre es ohne Problem und ohne Ärger gewesen. Wollen sie sich dadurch als „starke Frauen“ angeben? Der Eindruck, den ich dabei habe, ist vor allem, dass Erziehung und gute Manieren an ihnen vorbei gegangen sind.


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Nachts unterwegs

Ich war nachts alleine in der Stadt zu Fuß unterwegs. Ich hatte gerade mit Leuten in einer Kneipe gegessen und bis spät getrunken. Es war um die zwei Uhr morgens. Den Weg nach Hause kannte ich nicht so gut. Ich war sehr müde. Ich habe kurz daran gedacht, einen Taxi zu bestellen. Ich habe beim Gehen die Augen kurz zu gemacht. Als ich sie wieder geöffnet habe, ging die Sonne gerade auf. Ich habe mich gefragt, was in der ganzen Zeit passiert war. Ich wusste nicht mehr, wo ich mich befand. Gegenüber von mir stand eine Kneipe, von einer Wiese mit vereinzelten Bäumen umgeben, und ich bin herein gegangen, um zu frühstücken und mich von meinem Schreck zu erholen.

Ich habe mir einen Tisch ausgewählt, wo auch ein schlecht angezogener Mann und eine Frau saßen. Ich habe weiße Bohnen in Tomatensauce gegessen. Der Mann hat angefangen mit mir zu reden, worüber, weiß ich nicht mehr. Nach einer Weile hat die Frau ebenfalls an unserem Gespräch teilgenommen. Weil wir uns so gut verstanden haben, habe ich drei kantenverknüpften Vierecke von meinem Gürtel gefeilt, die aus einem Muster von quadratisch angeordneten Gummispitzen bestanden (wie eine Fußmatte). Ich habe der Frau erzählt, dass ich in der Nacht beim Gehen durch die Stadt eingeschlafen war und beim Sonnenaufgang woanders aufgewacht war. Diese Vorstellung hat sie erschreckt.

An der Theke neben dem hinteren Ausgang standen Leute mit Kindern. Die Kinder haben mich böse angestarrt. Ich fand sie gruselig. Ihre Gesichter waren häßlich. Aus ihren kleinen Münden konnte ich scharfe Zahnenspitzen erahnen. Ich dachte, sie hatten etwas damit zu tun, wie ich nachts beim Gehen eingeschlafen bin.

Bevor ich irgendwas gegen sie unternehmen konnte, bin ich aufgewacht. Der Wind wehte heute Nacht so stark, er hat mich mehrmals aus dem Schlaf gerissen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.