Die Isar-Wanderung – Tag 4

Nach über zwei Jahren setzen wir unsere Wanderung fort. Der Ehemann hat unsere Route geplant. Wir setzen uns in den leeren 1. Klasse Abteil der BOB[1] nach Lenggries und fahren bis Bad Tölz, wo wir zuletzt kurz nach Ostern waren. Wir fangen erstmal mit einem Frühstück auf der Terrasse einer Konditorei an, unter den breit aufgestellten Sonnenschirmen, während es regnet.

Kurz vor elf verlassen wir unseren Tisch. Ich stehe auf, während der Ehemann noch sitzend seine Sachen zusammen sucht. Eine Oma kommt zu uns und fragt, ob wir jetzt gehen. Alle anderen Tische sind belegt. Ich sage ja, und sie verschwindet hinter mir. Ich sehe sie nicht mehr, aber meinen schweren Rucksack kriegt sie fast eingerammt, als ich ihn aufsetze, so dicht sie doch hinter mir steht, wie ich überrascht feststelle. Obwohl es viel Platz zwischen den Tischen unter den Schirmen gibt. Drei Monaten nach Erklärung des Katastrophenfalles in Bayern hat sie wohl immer noch nichts von COVID-19 und Abstand halten gehört.

Wir laufen herunter zur Brücke. Da der Weg zur rechten Seite der Isar flussabwärts wegen Bauarbeiten gesperrt ist, laufen wir die Straße hoch und biegen links in die Fröhlichgasse ab. Auf dem Weg am Ende der Gasse unter den Bäumen hört es auf zu regnen. Wir laufen an Wiesen und Bauernhöfen vorbei, wo die Pest anno 1634 wütete, lehrt uns ein Schild.

Nach drei Kilometern erreichen wir den Isarkraftwerk von Bad Tölz, der 1961 erbaut wurde. Wir gehen über die Brücke und genießen einen wunderschönen Blick über den Stausee. Auf der anderen Seite der Isar wurde eine Fischtreppe eingerichtet.

Wir suchen den Weg flussabwärts links von der Isar, den der Ehemann sich ausgesucht hat. Der Weg wird immer schmäler, es liegen viele umgestürzte Bäume und nach einigen Metern geht es gar nicht mehr weiter. Uns bleibt nur noch übrig, umzudrehen, direkt am Ufer der Isar zu laufen und den Kiesberg im Hintergrund auf dem zweiten Bild unten zu erklimmen. Die Steine rutschen unter meinen Füßen, ich sehe schon mein letztes Stündchen schlagen und ich schimpfe den Ehemann. Oben angekommen, sehen wir, dass hier schwere Vehikel gefahren sind. Der Abstieg auf der anderen Seite geht also viel leichter. Ich freue mich, einen breiteren Weg zu finden, als wir von der Isar links abbiegen, aber meine Freude ist kurzer Dauer. Wieder umgestürzte Bäume. Am Rande vom Weg machen wir eine paläontologische Entdeckung. Als der Weg wieder völlig unbegehbar wird, laufen wir ein Stück an der Straße entlang, ab der Haltestelle Fiecht, Abzweig. Es fahren nicht viele Autos, dafür sind sie ziemlich schnell unterwegs. Nach der wilden Mülldeponie am Parkplatz betreten wir rechts von der Straße wieder den Wald und finden einen schönen Platz oberhalb von der Isar für die Mittagspause. Ich habe uns eine Art Mpatzina mitgebracht, die ich mit Knollensellerie statt Zucchini gemacht habe, da es noch eine halbe Knolle im Kühlschrank gab.

Nach der Pause geht es weiter flussabwärts. Wir entdecken eine Badestelle, wo wir uns die Füße abkühlen. Zum Schwimmen ist mir das Wasser viel zu kalt. Ein Stückchen weiter legen wir uns auf der Picknick-Decke auf dem Kies. Man merkt es, die Pausen werden immer häufiger. Ich bin müde. Hier werde ich von irgendeinem Insekten gestochen, nehme ich an, ich sehe es nicht. Auf einmal schmerzt es sehr in der rechten Ellbeuge, und ich spüre Hitzewellen durch den Arm bis zum Ellbogen. Es ist schon rot, als ich Fenistil[1] drauf schmiere. Nach einer guten halben Stunde lässt der Schmerz nach.

Weiter nach Geretsried, wo die Dusche in der Pension auf uns wartet. Die Wege werden immer schwieriger. In den letzten Wochen hat es so viel geregnet, dass viele Wege überflutet sind. Wir müssen mehrmals umdrehen. An einigen Stellen gibt es zum Glück kleine Holzbrücken. Unser Weg geht plötzlich steil hoch. Eine Treppe mit Handlauf wurde gebaut, was bei dem Schlamm sehr hilfreich ist. Zwischendurch liegen noch mehr umgestürzte Bäume. Als wir endlich oben ankommen, werden wir mit einem atemraubenden Blick ins Isartal belohnt, und machen kurz Halt auf einer der Bänken. Wir sind am Malerwinkel bei Königsdorf, so benannt, weil viele Künstler hier das Motiv für Gemälde benutzt haben.

Den Rest des Weges bis Geretsried habe ich so gut wie nicht mehr fotografiert. Ich hatte nur noch eins im Kopf: Ankommen. Die Füße haben vor allem geschmerzt. Wir sind fast 21 Kilometer gelaufen.

Über die Flora habe ich mich wieder sehr gefreut.

[1] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Zeckenalarm

Wir sind heute nach dem Einkauf am Starnberger Markt wandern gegangen. Anlass war, dass wir beim letzten Teil unserer Isar-Wanderung vor zwei Jahren einen guten Stück der Strecke zwischen Fall und Lenggries aufgrund des regen LKW-Verkehrs mit dem Taxi machen mussten. Es war dem Ehemann ein Dorn im Auge.

Wir haben eine Rundtur gemacht. Gestartet sind wir an der ersten Brücke über dem Jachen, wenn man aus dem Norden entlang der Straße 2072 kommt. An der Isar entlang, durch arg enge Wege und entlang Felder, die mit unheimlichen verrosteten Stacheldrähten begrenzt sind. Danach Trampelweg bis zur Hofkapelle, den steilen weg hoch und irgendwann, als ich nicht mehr konnte, sind wir einem anderen Weg zurück zum Auto gefolgt, zuerst weiter steil hoch, dann steil runter, der parallel zum Almgraben läuft, bis wir zur anderen Seite der Hofkapelle ankommen. Unterwegs sind wir an vielen riesigen Ameisenhaufen vorbei gelaufen. Es gab so viele Ameisen an diesen Orten, dass man sie deutlich laufen hören konnte. Das hatte ich noch nie erlebt.

Die Wanderung war sehr anstrengend. Sechszehn Kilometer und über vierhundert Meter Höhenunterschied. Seit der Ausgangssperre treibe ich mittags wieder Sport, da ich zu Hause arbeite und täglich zwei Stunde ÖPNV ausfallen. Trotzdem war ich nicht fit genug für diese Strecke.

Zu Hause angekommen, habe ich mich in die Badewanne gestürtzt. Und an meinem Bauch, unten rechts vom Bauchnabel, habe ich einen kleinen schwarzen Fleck entdeckt. Merkwürdig. Ein Schönheitsfleck an diesem Ort war mir nicht bekannt. Mit dem Finger konnte ich kaum spüren, dass da etwas war. Ein Stück Dreck, der irgendwie da gelandet ist, obwohl diese Hautpartie die ganze Zeit in der Hose war? Ich kratze dran, es geht trotz der Wärme vom Badeswasser nicht weg. Ein kleiner Bluterguss? Ich versuche es zu platzen, und plötzlich geht das schwarze Stück senkrecht zur Haut. Ich ziehe dran, es bleibt fest an der Haut verankert, bis es endlich mit einem leichten Stichschmerz nachgibt. Was ist das? Ich lege es auf dem weißen Rand der Badewanne und merke erst jetzt durch genauere Betrachtung, dass es etwa ein Millimeter groß ist, rund und mit zwei kleinen Ärmchen vorne. Und nach einer Weile bewegt es sich sogar und lässt mehr Beinchen erkennen! Urg. Ich schaue mir die rote Stelle am Bauch, dort ist scheinbar nichts von der Zecke übrig geblieben. Der Ehemann kommt mit der Lupe an und erklärt die Zecke für vollständig, bevor er sie platzen lässt und entsorgt. Verdammt. Wir checken uns gegenseitig am ganzen Körper, es war scheinbar die einzige Zecke.

Damit hatte ich heute nicht gerechnet, obwohl ich letztes Jahr schon mal einen Zeckenstich hatte. Als meine Mutter uns Ende Juni besucht hatte, waren wir zum Weßlinger See spazieren gegangen. Am Abend hatte der Ehemann eine deutlich größere Zecke als heute hinter meinem rechten Arm nahe an der Achselhöhe gefunden. Ich bin zur Ärztin gegangen und sie hat mir dringend empfohlen, mich gegen FSME impfen zu lassen. Das kannte ich aus Frankreich gar nicht und in Deutschland hatte ich vor München in keinem Risikogebiet gewohnt. Impfung, also, in der Hoffnung, dass es mit dem Zeckenstich nicht zu spät ist. Die Impfung beinhaltet drei Spritzen, und die letzte sollte ich Anfang Mai bekommen. In der Zeit habe ich jetzt schon meinen zweiten Zeckenstich bekommen. Verdammt.


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Die Isar-Wanderung – Tag 3

Der dritte Tag unserer Wanderung fängt mit Regen an. Als wir jedoch fertig gefrühstückt haben und aus dem Hotel raus kommen, ist es nur noch grau, und die Sonne lässt sich nach einer Weile wieder blicken. Trotzdem ist es gut, dass ich diesmal meine lange Sporthose und mein dünnes Pulli mit langen Ärmeln an habe. Es ist ein bisschen frisch.

Wir wollen heute bis Bad Tölz. Es sind wie gestern um die 25 Kilometer. Ich fühle mich nicht so fit und die Blase unter dem kleinen Zeh stört mich. Der Ehemann hat mich davon abgeraten, sie zu platzen. Hätte ich sonst längst gemacht. Eine Nadel habe ich.

Als wir das Hotel verlassen und überlegen, in welche Richtung es denn geht, begrüßt uns ein junges Paar. Der Mann meint, wir wären uns gestern begegnet. Der Ehemann scheint sich daran zu erinnern. Ich nicht. Aber ich habe bekanntlich keine Gesichtserkennungssoftware im meinem Gehirn installiert. Nach ein bisschen Plaudern machen wir uns auf den Weg. Ab zur Brücke. Nach dem Regen fühlt sich die Luft schön frisch an und die Aussicht zum Sylvensteinsee ist bezaubernd.

Leider ist es Montag, und kein Feiertag. Ein LKW rauscht nah an uns vorbei, als wir auf der Brücke gehen. Der Wind, der dadurch verursacht wird, zieht sehr stark und stresst mich. Am Ende der Brücke hört der Bürgersteig auf. Ein Schild informiert die Autofahrer darüber, dass sie nun 1,4 Kilometer lang auf Fahrradfahrer auf der kurvenreichen Straße achten müssen. Sprich, wir müssten auch so lange am Rande der Straße gehen. Ein zweiter LKW rast vorbei. Mir wird es zu unheimlich, und ich überzeuge den Ehemann, zurück zum Hotel zu gehen und uns ein Taxi bis zur nächsten sicheren Wandergelegenheit zu bestellen. Vielleicht ist es an Wochenenden entspannter, da lang zu wandern, wie Komoot vorgeschlagen hat, aber heute grenzt es an einem Selbstmord. Auf dem Weg zum Hotel gehen wir durch das Zentrum von Fall. Die Ortschaft ist sehr überschaubar. Eine Tafel informiert uns darüber, dass die Schriftstellerin Frieda Runge hier einige Jahre gelebt hatte. Ich kenne sie nicht und denke, ich sollte bei Gelegenheit in einer Buchhandlung schauen.

Der Taxi bringt uns zum Bahnhof von Lenggries im Isarwinkel und wir sparen uns so einen guten Teil der Strecke. Inzwischen strahlt die Sonne, als ob der Regen nie gewesen wäre. Ab hier ist der Weg bis Bad Tölz sehr angenehm. Schön gepflegt und flach, vielleicht sogar unterfordernd. Aber ich beschwere mich nicht, am dritten Tag ohne Erholung bin ich müde. Bis Lain am Arzbach laufen wir an kleinen Wohngebieten vorbei, danach sind wir wieder in der Natur. Ob es sich um ein Naturschutzgebiet handelt, weiß ich nicht mehr. Die Wiesen sind mit Elektrozaun gesperrt – nicht, dass ich dorthin gehen würde. Die Isar schlendert hier fast sinusoidal, wobei man es beim Gehen nicht merkt, nur auf der Karte. Ein Schild informiert über die hier lebenden bedrohten Arte. Ich halte die ganze Zeit Ausschau, aber eine andere Kreuzotter sehe ich nicht. Gestern war ein Glücksfall.

Unterwegs freue ich mich – wie immer – über die vielen Blumen. Heute sind es Maiglöckchen, die wir überall kürz vor Bad Tölz sehen. Fast pünktlich für den 1. Mai.

Obwohl wir dank Taxi nur noch um die zwölf Kilometer gehen, kommt mir das Ende der Wanderung elend lang vor. Die Blase unter dem kleinen Zeh ist immer noch da und ich merke, dass ich beim Gehen eine Schonhaltung annehme, wodurch die Innenseite vom Fuß jetzt schmerzt. Nicht gut. Wir kommen in Bad Tölz relativ früh an uns gönnen uns ein Stück Kuchen in einem Café, bevor wir zum Hotel gehen. „Ein Hotel mit Spa“, hatte der Ehemann versprochen. Die Ausstattung ist jedoch enttäuschend. In Fall war es viel größer und gemütlicher. Dazu kommt, dass sich heute eine Familie mit Kleinkindern im Schwimmbad neben dem Whirlpool breit gemacht hat, und die Kinder mit Wasserpistolen nur am Rumschreien waren. In einem Spa-Bereich. Erholung null. Wir sind nach der Sauna schnell raus gegangen und haben beim Ratskeller gegessen.

Hiermit endet unsere Isar-Wanderung. Den Rückweg nach München machen wir am nächsten Tag mit der Bahn, mit zwischendurch einer Schifffahrt von Seeshaupt bis Starnberg.


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Die Isar-Wanderung – Tag 2

Wir starten den Tag nach einer sehr guten Nacht Schlaf mit erstaunlich wenig Muskelkater. Ich hatte Schlimmeres befürchtet. Nach einem leckerem Frühstück lassen wir uns Lunchpakets vorbereiten und gehen relativ früh los. Na ja, gegen zehn Uhr morgens. „Heute wird es leichter“, sagt der Ehemann. „Wir haben viel mehr Zeit als gestern“, sagt er. „Das schaffen wir locker“, sagt er. Ich klinge jetzt wie dieser Legionär in Asterix. Geplant sind um die 25 Kilometer. „Diesmal ohne Umweg“, antworte ich.

Wir verlassen Wallgau. Der Blick vom Dorf mit der Kirche und ihrem Friedhof, der grünen Wiese und den Bergen im Hintergrund ist entzückend.

Da gestern meine Schulter auf die Dauer so starke Schmerze bekommen haben, beschliesse ich, meine Wanderstöcke einzusetzen. So bleiben meine Arme und mein oberer Rücken in Bewegung, und hoffentlich hilft es.

Nach kurzer Zeit erreichen wir eine Brücke und gehen rechts an der Isar entlang. Pferdereiter sind auf den Kiesbänken unterwegs. Außer uns geht ein Mann mit seinem Hund spazieren. Es ist sehr ruhig hier. Am Rande des Flusses stehen viele Holzstöcke, und auf diesen haben Unbekannte Steinmännchen gebaut.

Wir machen uns auf dem Weg zum Vorderriß, nachdem wir unter einem Elektrozaun ganz flach kriechen müssen, weil wir plötzlich gemerkt haben, dass wir vom Weg getrennt sind. Dreieinhalbstunden Fußmarsch, steht auf dem Schild. Wir folgen zuerst dem „schönen breiten Weg zur Auhütte ohne Stufen“. Der Weg geht hoch, aber nicht so steil wie gestern, und wir laufen eine ganze Weile auf dem Radweg mit der Isar links unter uns. Als wir auf einem Stapel von Baumstämmen kurze Pause machen und ein Brötchen essen, überholt uns der Mann aus Wallgau mit seinem Hund.

Auf dem Weg zum Vorderriß begegnen wir sehr vielen Radfahrern. Die meisten sind freundlich und begrüßen uns mit „Servus!“. Ich gewöhne mich langsam dran. Ich glaube, dass ist die Begrüßung, die mir in Bayern am besten gefällt. „Grüß Gott“ passt nicht, dafür bin ich zu ungläubig. „Grüß Sie“ oder „Grüß di“ ist nett, aber da muss ich mich immer entscheiden, ob duzen oder siezen, und bis ich mir die Begrüßung zurecht überlegt habe, ist es schon zu spät. „Servus“ ist gut.

Der Radweg ist nicht ohne, da er ständig hoch und runter geht. Die Leute sehen alle so fit aus und fahren so schnell hoch und lächeln dabei, es ist deprimierend. Ich habe erst in Berlin angefangen, für längeren Strecken das Fahrrad zu benutzen. Es ist dort so schön flach. Hier? Keine Chance. Ich würde nur absteigen und das Rad schieben wollen. Können wir uns gleich sparen und zu Fuß wandern. Es tut mir also gut, als wir kurz vor dem Vorderriß den steilen Weg runter gehen und eine junge Frau auf ihrem Rad uns keuchend entgegen kommt, bevor sie aussteigt und schiebt. Ihr Freund hinter ihr scheint auch zu leiden. Ich bin doch nicht nur von Übermenschen umgeben!

Heute sind die Schnecken unterwegs. Wir sehen viele mitten im Weg (immer noch der Isar-Radweg) und wundern uns, dass keine noch überfahren oder getreten wurde. Apropos Schnecken. Kennt ihr die Geschichte von Crunch die Schnecke? Es war einmal eine Schnecke, die die Straße überqueren wollte. Plötzlich kam ein Auto, und Crunch die Schnecke!

Die Flora ändert sich. Wir treffen zunehmend uns vertrauten Arte.

Als wir endlich am Vorderriß ankommen, machen wir eine längere Pause am Flussufer unter der Brücke. Ich esse mein zweites Brötchen, ziehe meine Wanderschuhe aus und gehe ins Wasser. Ganz kurz. Das Wasser ist eiskalt und wenn ich länger als zehn Sekunden drin bleibe, schmerzen meine Beine. Ich gehe mehrmals hinter einander. Eiskalt, aber es tut gut. Wir bleiben eine ganze Stunde da. Der Ehemann schläft ein.

Weiter über die Brücke zur linken Seite der Isar. Auf der Straße. Nach der nächsten Brücke zurück zur rechten Seite, und da sehen wir ein Gasthof mit vielen Motorrädern geparkt. Wir sitzen uns an einem langen Holztisch hin, aber das Weißbier schmeckt von weitem nicht so gut wie gestern unter der Geisterklamm.

Nach dem Bier geht’s auf den Kiesbänken. Man glaubt zuerst, alleine zu sein, um plötzlich zu merken, dass es nur von Menschen wimmelt. In einer Holzbarrikade sonnt sich eine Frau. Ich merke sie erst, als sie aufsteht. Weiter weg ist eine Familie mit Kleinkind. Überall sind einzelne Personen unterwegs.

Ich übe mich im Steinmännchen basteln, aber es sieht von weitem nicht so elegant wie die anderen aus. Kein Gefühl von Leichtigkeit und Balance. Es wirkt wie ein Klotz. Ich kann Mauer bauen. Mein Steinmännchen wird nicht umkippen.

Da wir irgendwann Richtung Fall gehen müssen, beschließt der Ehemann, uns durch Dickicht zum nächsten Weg zu führen. Ich motze. Ich mag es nicht, durchs Unterholz zu gehen. Da ist kein Weg. Ich mache vieles kaputt. Überall haben Spinnen ihre Netze gespannt, um mich zu fangen.

Als wir endlich zum Weg kommen, bleibt der Ehemann in der Führung vorne. Er trampelt und schaut, ich weiß nicht wohin, aber nicht auf den Weg, den er gerade betritt. Hören tut es scheinbar auch nicht richtig. Es zischt. Oder es faucht. Ganz schön laut. Ununterbrochen. Ich kann es nicht so gut beschreiben aber es kommt mir sehr bekannt vor. Und als der Ehemann unwissend weiter geht und mir die Sicht von dem, was vor ihm lag, nicht mehr sperrt, kann ich nur noch „Ach du meine Güte“ rufen. Er dreht sich um. Die total angepisste Kreuzotter ist schon zur Hälfte ins Gebüsch links vom Weg verschwunden, als er sie wahrnimmt. „Die war aber nicht so groß“, behauptet er nachher. Die hat er nicht in der ganzen Länge gesehen. Ich habe keine Phobie vor Schlangen wie bei Spinnen, aber vor der habe ich schon Respekt.

Nach einem langen Fußmarsch unterbrochen von Minipausen kommen wir am Hotel. Das einzige Hotel in Fall. Ich bin froh, da zu sein. Ich bin völlig platt. Unter meinem kleinen rechten Zeh hat sich eine Blase gebildet. Eine tolle Überraschung war der Spa-Bereich. Das hatte mir der Ehemann verschwiegen. Wir hüpfen ganz kurz ins Whirlpool und in die Sauna, bevor wie zum Restaurant essen gehen. Brotzeitbrettl mit Obazda. Doch gar nicht so klein, das Brettl. Aber da fddb behauptet, in nur drei Stunden leichter Wanderung verbrennt man über 1000 kcal, und wir viel länger mit schweren Rucksäcken gegangen sind, mache ich mir keine Gedanke darüber, wie viel ich esse.

Ich habe jedenfalls etwas Wichtiges gelernt: Beim Wandern mit Rucksack ist es sehr ratsam, die Arme ständig in Bewegung zu halten. Mit Wanderstöcken geht es automatisch. Auf der Art konnte ich Schmerze in den Schultern deutlich reduzieren. Schon komisch, dass ich vor gut zehn Jahren mit dem selben Rucksack einen zweiwöchigen Urlaub in Finnland alleine gemacht hatte, und ich mich nicht erinnern kann, dass ich solche Probleme bekommen hatte. Vielleicht habe ich es aus meinem Gedächtnis verdrängt. Ich war auch zehn Jahre jünger.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Die Isar-Wanderung – Tag 1

Auf die Idee, eine mehrtägige Wanderung mit Rucksack entlang der Isar zu machen, sind wir im Herbst gekommen. Auf Arte lief eine Dokumentation über diesen Fluss, die uns völlig begeistert hat. Wir haben beschlossen, irgendwann im Frühling eine Woche Urlaub zu nehmen, und dort zu wandern. Damals wussten wir noch nicht, dass ich die Stelle bei München antreten würde. Um so besser.

Wir haben das lange Wochenende vom 1. Mai angepeilt. Den Brückentag durfte ich trotz Probephase frei nehmen. Der Ehemann hat die Tour organisiert und ich habe mich überraschen lassen. Wir hatten Glück, mit dem Wetter. Ich hatte mir schon vorgestellt, wie wir unter Regen auf schlammigen Wegen gehen würden. Regenjacke und Wanderstöcke habe ich eingepackt. Das Wetter war doch fantastisch sonnig und schon fast zu warm für eine Wanderung mit Rucksack.

Wir sind mit der Bahn bis Scharnitz gefahren, im Karwendel, direkt hinter der Grenze mit Österreich. Von dort aus wollten wir die Isar ein Stückchen auf ihrem Weg nach München begleiten. Natürlich nach einem Kaffee, dachten wir. Nein. Scharnitz wirkt wie ein Geisterdorf. Am Bahnhof gibt es kein Café. Das Restaurant sieht von weitem ungepflegt aus, und der Eindruck verbessert sich nicht, wenn man näher kommt. Die Fensterscheiben sind mit Staub und Spinnennetzen bedeckt. An der Tür hängt ein Schild: „Wegen Krankheit vorübergehend geschlossen“. Tja. Es wird wohl nichts mehr mit dem Restaurant. Dem Imbiss zwei Häuser weiter geht’s nicht besser. „Haus zum verkaufen“, kann man an der Tür lesen. Wir fangen die Wanderung ohne Kaffee an.

Nach der Kreuzung, an der die Straße gerade renoviert wird, und über die Brücke: Da sieht man schon die Isar! Ganz wild und schnell fließt sie weg. Wir schauen mutige Kayakfahrer zu und folgen dem kleinen Weg entlang der Isar. Einige Leute sind unten auf den Kiesbänken beim Sonnen oder machen Feuer. Sie haben scheinbar die Schilder nicht gelesen, mit der Botschaft „Der Riedboden ist eigentlich ein „Kulturschutzgebiet“.“ Eigentlich. Von April bis August brüten genau dort Flussuferläufer und Flussregenpfeifer. Wir bleiben oben auf dem Weg, wobei wir versuchen, ein bisschen abseits näher am Fluß zu gehen. Es sind viele Fahrräder unterwegs. Einen Wanderweg gibt es an der Isar nicht, man benutzt den Isar-Radweg.

Als wir also abseits vom Weg laufen, kommen wir an einen Mann im Adamkostüm vorbei, der sich gut versteckt in der Sonne bräunen lässt. Da wir nicht besonders leise waren, denke ich, er hat uns längst gehört, und ich rufe „Servus!“, wie alle Leute uns bis jetzt begrüßt haben, um nicht unhöflich zu sein. Der Mann reagiert panisch, er war scheinbar doch am Schlafen gewesen. Das tut mir Leid, ihn in seiner Ruhe so erschreckt zu haben. Und unser Weg hat sich als Sackgasse erwiesen, wir mussten nochmal an ihm vorbei, zurück zum Radweg.

Kurz vor Mittenwald sehen wir einen hübschen kleinen Weg hoch gehen. Der Ehemann schaut auf seinem Handy und meint, wir wären gut in der Zeit, wir könnten einen Abstecher zur Geisterklamm machen. Warum nicht, denke ich naiv. Es ist aber eine Sache, mit Rucksack auf flachem Weg zu gehen, und eine ganz andere, damit einen langen, steilen Weg hoch zu gehen. War das hart! Zwischendurch kommen wir an eine Gaststätte vorbei, um enttäuscht festzustellen, dass diese erst ab dem 1. Mai öffnet. Bei dem tollen Wetter und den vielen Leuten, die unterwegs sind, eindeutig ein Fehler.

Wir gehen weiter hoch bis zur Bayern-Österreich-Grenze und sind ein zweites Mal enttäuscht: Der Weg zur Geisterklamm ist gesperrt! Die Information hätten wir gerne unten gesehen, wo die erste Hinweisschilder zur Klamm standen, bevor wir mühsam hoch gegangen sind. Wir gehen den Weg zurück nach unten und kommen endlich an einem kleinen Biergarten vorbei, der geöffnet hat. Die Pause tut gut. Und weiter geht’s Richtung Mittenwald, wobei der Ehemann merkt, dass er sich verschätzt hat und wir noch nicht die Hälfte der Strecke bis zu unserer ersten Übernachtung bei Krün geschafft haben. Die Meldung schafft mich. Der Rucksack ist schwer.

In Mittenwald angekommen, muss ich feststellen, dass die Häuser genau so kitschig wir in Garmisch-Patenkirchen sind. Wir gehen den Weg mit den Treppen hoch in Richtung Krün. Ich denke schon nur noch daran, endlich im Hotel zu sein und meine Wanderschuhe auszuziehen. Wie frustrierend, die ganze Zeit an der Isar zu laufen, und seine Füße nicht im Wasser abzukühlen! Ich dachte, wenn ich es tue, kriege ich die Füße danach nicht mehr in die Schuhe rein. An einer Stelle wasche ich mir doch kurz die Hände und das völlig versalzene Gesicht.

Nahe am Kraftwerkgelände bei Krün sind wir Zeuge einer Eskapade von Ziegen aus ihrer Wiese. Die eine bannt sich einen Weg unter dem Stacheldraht, die Anderen folgen ihr, bis sie alle vor dem geschlossenen Tor vom Gelände stehen bleiben und warten. Die Ziegen sind alleine. Kein Mensch, kein Hund. Ob sie das häufiger so machen?

Mittlerweile ist mein Rucksack wirklich schwer geworden. Meine Schulter schmerzen, obwohl sein Gewicht um die Hüfte fest sitzt. Ich spüre seitlich von den Oberschenkeln eine sehr angestrengte Muskulatur, deren Existenz mir bis jetzt im Verborgen geblieben war. Die Abduktoren sind es nicht, ich trainiere sie häufig im Fitnessstudio. Nee, diese neuen Muskeln sitzen tiefer. Ich wage es, dem Ehemann meine Beschwerde anzuvertrauen, und er gibt zu, dass er auch diese Muskeln spürt. Er meint, er hat die Strecke vielleicht unterschätzt. Es beruhigt mich. Ich bin doch nicht so ein Sensibelchen, und es liegt nicht an meiner Periode, die ausgerechnet jetzt extrem stark ist. Schwanger bin ich definitiv nicht mehr. Unser Trinkwasser geht auch noch aus.

An Krün vorbei, müssen wir weiter bis Wallgau laufen. Der Weg scheint mir elend lang zu sein. Als wir endlich am Hotel ankommen, stürze ich mich als Erste unter die Dusche. Wir essen im Restaurant, alles schmeckt wunderbar. Wildgeschnetzeltes mit Spätzle und Rosenkohl. Schokoladensoufflé. Enziangeist. Der Geschmack erinnert mich ein bisschen an Radieschen. Um nicht mal zehn fallen wir ins Bett. Erschöpft. Der Ehemann massiert mir noch den Raum zwischen den Schulterblättern, es ist dringend notwendig. Ich revanchiere mich bei seinen Waden. Und dann fallen wir um.

Wir sind an diesem ersten Tag mit dem Abstecher fast 21 Kilometer in sechs Stunden gelaufen – Pausen nicht aus der Zeit abgezogen. Es klingt nicht viel, jedoch war es mit dem Rucksack sehr hart. Ich überlege, was ich zu Hause hätte lassen können, aber alles drin brauche ich. Leichte Sportkleider, Unterwäsche, eine Hose, ein Sweatshirt und leichte Schuhe für den Abend, Latschen, Duschzeug, Sonnencreme, Wasserflasche, Regenjacke, Wanderstöcke. Ich glaube, der Rucksack selbst ist zu schwer.

Unterwegs war ich jedenfalls begeistert von den vielen Blumen. Erika, Silberwurz, Enzian… Dafür sind wir kaum Insekten begegnet. Die wenigen Bienen, die wir gesehen haben, sind ganz klein.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.