Fernarbeit

Mich hat heute meine chinesische Freundin Mei aus der Chemie angerufen. Wir hatten uns das letzte Mal in meinem früheren Institut gesehen, am Tag vor meinem Umzug. Sie hatte mir bis früh nachmittags geholfen, danach hatten wir am Institut an einem Gerät gearbeitet, weil sie eine spezielle Einstellung benutzen wollte, mit der wir sonst nie arbeiten. Ich hatte es mit ihr letztes Jahr schon gemacht und im Laborbuch die ganze Prozedur aufgeschrieben, aber irgendwie war keiner am Institut in der Lage, ihr behilflich zu sein. Yong Jin hatte schon das Institut für ihre neue Stelle verlassen (ich glaube, von ihr werde ich wohl nie wieder was hören, sie hatte zwar gesagt, dass wir in Kontakt bleiben sollten, hat aber seitdem nicht mehr auf Emails oder Anrufe geantwortet). Der adipösen Assistentin Angelika hatte ich schon alles erklärt, weil ich wusste, dass Mei das Gerät buchen wollte, aber sie traute sich nicht, das alleine zu machen. Unser angebliche Expert für diese Messmethode, Lars, hat sich sofort raus gehalten, als Mei ihn nach Hilfe fragte. Mein Nachfolger Andrzej ist sehr gut, ist aber in einer anderen Messmethode spezialisiert. Ein Glück für Mei, dass ich noch da war und bereit war, an einem Urlaubstag Zeit für sie zu nehmen.

So glatt lief es nicht, aber wir haben es nach einer Stunde geschafft, das Gerät für Oberflächenmessungen unter streifendem Einfall einzustellen. Ich habe die Prozedur im Laborbuch aktualisiert, ich musste doch damals vergessen haben, einige wichtige Details aufzuschreiben, um den richtigen Detektor anzusprechen (es war auch nicht sooo schwer, drauf zu kommen). Danach habe ich lange mit meinem ex-Chef diskutiert und bin nach Hause gegangen, um Kartons weiter zu packen. Seitdem habe ich fast täglich mehrmals Anrufe von Mei bekommen. Der Untergrund bei ihren neuen Messungen war komisch, die Phase war nicht zu sehen, die sie erwartet hatte… und keiner konnte ihr helfen. Nicht zu fassen. Bei meinem ex-Chef vermute ich Arbeitsüberlastung, er hat einfach keine Zeit, sich um Institutsexterne zu kümmern. Unser auf Dauer eingestellte „Expert“ Lars war bei meinem ex-Chef im Büro, als Mei ihn fragte: Seine spontane Reaktion nach ihrer Frage war „Pfff, keine Ahnung“. Wenn mein ex-Chef noch ein bisschen Vernunft besitzt und ehrlich mit sich selbst ist, muss er doch gemerkt haben, dass er bei seiner Wahl für die Dauereinstellung total daneben gelegen hat und was für eine Pfeife er eingestellt hat. Am Ende haben wir alle Probleme von Mei zu zweit am Telefon gelöst. Falscher Probenträger benutzt, Erklärung für den Untergrund gefunden, und für die fehlende Phase… Meinen neuen Chef hat es teilweise genervt, dass ich selbst während der Mittagspause den Support für mein frühere Institut gemacht habe. Wenigstens ist die Messung von Mei jetzt erfolgreich durchgeführt worden.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Alles umsonst, schon wieder

Ich weiß jetzt Bescheid, ich bin angerufen worden, und eine andere Kandidatin hat die Stelle bekommen. Sie bedauern dies sehr, sie fänden mein Profil sehr interessant, sie würden sich bemühen, innerhalb von drei Wochen eine andere Stelle für mich zu finden, blablabla, ich sollte nicht zögern, mich weiter bei ihnen zu bewerben, ja ja… Das hatte ich eigentlich schon in Dezember für eine andere Stelle bei ihnen gemacht, die nicht so gut passte aber mir von der Arbeitsagentur explizit geschickt wurde, und damals hatten sie mich von vorne rein abgesagt, ohne mich überhaupt einzuladen.

Genauer gesagt ist diese glückliche Kandidatin die Kollegin Yong Jin, die am nächsten Tag zum Gespräch eingeladen wurde. Die ich teilweise ausgebildet habe, bei der ich für ihre Diplomprüfung Beisitzerin war, für die ich bei unserem Institutsleiter Druck ausüben musste, damit er ihr trotz Familie eine Doktorarbeit gibt, weil er wegen den Kindern Bedenken hatte, und die erst vor einem Jahr ihre Promotion abgeschlossen hat. Und die gerade für zwei Jahren ihren Vertrag verlängert bekommen hatte, und erstmal nicht gebraucht hätte, sich um eine neue Stelle umzuschauen. Und warum? Weil das Profil noch ein bisschen besser gepasst hatte? Wir kommen doch aus dem gleichen Institut…

Und was es für mich so schwer zu schlucken macht, ist, dass es genau Lars war, der sie dazu überredet hatte, sich auf diese Stelle zu bewerben. Sie hat mir gesagt, sie hatte es ursprünglich gar nicht vor gehabt. Lars, der genau weißt, dass ich schon seit Monaten arbeitslos bin und nach einer neuen Stelle suche. Arsch. Lars, der auf der einzigen Dauerstelle am Institut vor dreieinhalb Jahren eingestellt wurde. Und warum keiner, der damals am Institut befristet berufstätig war und sich auf die Dauerstelle beworben hatte, für unseren Chef in Frage kam, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Besser als uns ist er definitiv nicht. Eine ehrliche Erklärung vom Chef dafür hatte ich nicht bekommen, als er mir die Absage mündlich gab.

Ich glaube, alle promovierte Wissenschaftler, die jemals am Institut gearbeitet haben und noch befristet eingestellt waren, hatten sich auf diese Dauerstelle beworben. Mir sind mindestens fünf Personen in diesem Fall bekannt. Wir sind alle bestens mit den Lehrveranstaltungen vertraut gewesen und kannten uns mit den Geräten sehr gut aus. Wir sind auch vom aktuellen Institutsleiter dazu aufgefordert worden, uns zu bewerben. Dabei hat er nie vor gehabt, einer von uns zu nehmen. Ich denke, seine große Angst war einfach, dass er zu wenige Bewerbungen bekommt. Mir ist schon schleierhaft, wie er zu der Liste von Leuten gekommen ist, die er zum Vortrag eingeladen hat. Der erste Kandidat hatte mit unseren Forschungsthemen und Methoden gar nichts zu tun. Der zweite war Lars. Der dritte war ein älterer Mann, der uns durch seine frühere Arbeit sogar ein bisschen bekannt war. Dass der erste Kandidat nicht passte, war klar. Er hätte gar nicht eingeladen werden sollen. Begründung vom Chef: „Ich wusste, dass er nicht passt, wollte aber seinen Vortrag hören, weil es mit meinem Habilitationsthema verwandt ist.“ Und wozu gibt es denn Fachtagungen? Bei Lars hatte ich nichts Besonderes gedacht. Schöne Ergebnisse aus seiner Doktorarbeit hatte er gezeigt, aber nichts, bei dem ich gesagt hätte, er wäre uns so weit überlegen, dass er besser als wir für die Stelle geeignet wäre. Den dritten Kandidat hätte ich sofort akzeptiert, sein Fachwissen war außer Frage, und er war wirklich gut. Tja, wir haben wohl Lars bekommen. Heute frage ich mich immer noch, warum? Der Chef sagte, mit ihm hätte er jemanden, der genau das machen würde, was er will, vom dritten Kandidat könnte er es nicht erwarten, weil er so gut war. Und was hatte ich dann all die Jahre gemacht? …

Eigentlich kann Lars gerade die Hälfte unserer Methoden anwenden. Und er hat sich bis jetzt noch nie die Mühe gegeben, sich mit dem Rest der Geräte anzuvertrauen. Wozu auch, das brauchte er nicht, das konnten wir selber machen. Ich habe mich bemüht, nichts über ihn zu sagen, weil ich als neidisch erschienen wäre. Und habe mich nur geärgert zu sehen, wie man mit einer großen Klappe und wenig Können bei unserem Chef gut ankommen kann. Beispiel: Wir mussten ein Mal ein Gerät justieren. Wir saßen zu viert bei meinem Chef, mit Lars und meinem früheren Kollegen Sebastian, und hatten diskutiert, was zu tun war. Lars sagte sofort mit Überzeugung, „Ja, machen wir das alle drei zusammen“. Als der Zeitpunkt kam, wo wir uns an die Arbeit machen mussten, hat sich Lars aber entschuldigt, weil er etwas anderes zu tun hätte. Aber dann große Töne beim Chef spucken, wie toll wir zusammen gearbeitet hätten – obwohl er die ganze Zeit in seinem Zimmer geblieben ist. Wäre es nur eine Ausnahme gewesen, aber nein, so ist es jedes Mal. Und er wird vom Chef auch noch sehr geschätzt. Dabei ist Lars der einzige Wissenschaftler am Institut, der peinlich genau auf die Uhr schaut und so gut wie nie nach 16:30 am Institut zu sehen ist. Sein Spitzname: „Nichts wie weg“ – vom Chef selbst vergeben.

Ehrlich gesagt sehe ich doch gemeinsame Merkmale mit dem früheren (gestorbenen) Inhaber der Dauerstelle, bei denen ich nicht mit halten kann: Beide sind ernsthaft suchtkrank. Alkohol und Zigarette. Obwohl ich in letzter Zeit bei Lars den charakteristischen Geruch von Alkohol, der durch die Hautporen wieder raus geht, nicht mehr so stark wahrgenommen habe, aber so häufig bin ich auch nicht mehr dort. Ich hatte sonst vom Anfang an schon gemerkt, wie stark seine Hände zittern, wenn wir morgens im Kaffeeraum sitzen. Normal ist es nicht, selbst meine chinesische Freundin Mei hatte mich gefragt, was mit ihm los ist. Und seine Sucht auf Zigaretten ist so stark, dass er nicht in der Lage ist, eine Lehrveranstaltung auf einem Stück durch zu ziehen. Unsere HiWis berichten ab und zu, wie er während Übungsstunden den Hörsaal einfach verlässt, um draußen rauchen zu gehen. Jetzt weiß ich, was ich von Leuten zu halten habe, die „coole“ Bilder von sich selbst sitzend auf der Wiese bei einer Lehrveranstaltung fotografieren lassen. So kann man doch so viel rauchen wie man will.

Aber unser Chef hat ihn eingestellt, und damit allen gezeigt, dass er ihn für besser hält. Das Schlimme daran ist, dass die Ankündigung für die Dauerstelle allgemein bekannt war, und solche Stellen sind schon in unserem Fach eine Seltenheit. Das heißt, viele Leute können sich noch daran gut erinnern. Was denken sie wohl, wenn sie jetzt jemanden aus unserem Institut kommen sehen, der damals die Anforderungen für die Stelle erfüllt hätte, und sich bei ihnen später noch bewirbt? Diese Person muss schlecht sein, weil sie damals die Dauerstelle im eigenen Haus nicht mal bekommen hat?

Vor allem als Frau, wo man es doch leicht haben sollte, eine Stelle zu finden, da es ja Gleichstellungsbeauftragte gibt… Tja, es gibt welche an der Uni, aber zu diesem Auswahlverfahren ist wohl keine gekommen. Bei Dauerstellen ist es eine Pflicht, eine Gleichstellungsbeauftragte zu bestellen. Das hatte der Chef auch gemacht. Aber keine ist gekommen, und es gab nicht mal eine Entschuldigung dafür. Ich habe mich nach dem Grund erkundigt, weil ich damals selber dem Gleichstellungsteam gehört hatte (und aus selbstverständlichen Gründen nicht bei diesem Verfahren als Gleichstellungsbeauftragte mitmachen konnte) und die verantwortliche Person kannte. Sie meinte, sie hätten zu viel zu tun gehabt (aber keine ist auf die Idee gekommen, dass ich sie woanders entlasten könnte…), und sie müssten zwar bei Dauerstellen eingeladen werden, aber ihr offizieller Ziel wäre es in erster Linie, die relative Anzahl von Professorinnen zu erhöhen, „normale“ wissenschaftliche Mitarbeiterinnen würden sie nicht so sehr interessieren… Und Professorinnen tauchen plötzlich aus dem Nichts auf, einfach so, ohne vorher Mitarbeiterinnen zu sein? Das hat mich genug genervt, um aus dem Team auszutreten. Weil keiner mir einreden kann, dass Lars besser als ich wäre, das ist er nicht – laut Gleichstellungsgesetz hätte ich eingestellt werden sollen (oder der dritte Kandidat, aber nicht Lars). Und ich weiß noch, als ich gerade arbeitslos geworden war, dass ich mit Yong Jin eines Tages mittags gegessen hatte, und sie zum ersten Mal am Institut selber mit ihm zu tun haben musste, und sie mir beim Essen auf ein Mal sagte, „Weißt du, Lars ist eigentlich schlecht!“, als sie ärgerlich ihr Essen auf ihre Gabel aufspießte… als ob ich das noch nicht wüsste… aber ich hatte es niemandem erzählt, weil ich mich auch beworben hatte, und es hätte wie Neid ausgesehen. Dass sie es mir so spontan selber gesagt hat, obwohl sie sonst nie schlecht über andere Personen redet, ist mir Bestätigung genug, dass ich mich nicht geirrt habe.

Manchmal frage ich mich, ob unser Chef dem früheren Doktorvater von Lars ein Gefallen schuldig war. Das ist für mich die einzige Erklärung, die Sinn macht. Seinen Doktorvater habe ich übrigens bei der letzten Fachtagung gesehen. Er hat sich mich amüsiert angeschaut, als ob er es lustig fände, dass Lars am Institut ist. Aber jetzt, wo ich Lars kenne, denke ich, es gibt keinen Grund, so stolz auf ihn zu sein, ich würde mich eher schämen, wenn die Person aus meinem Institut kommen würde. Ach, was soll’s… Jetzt würde ich eh nicht wieder am Institut arbeiten wollen, mein Chef hat mich nicht verdient. Ich habe damals nur deswegen nicht offiziell gekündigt, weil man ja Geld verdienen muss. Innerlich aber wohl.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Geschichte einer Homepage

Dass die Homepage mal aufgefrischt werden sollte, wussten wir am Institut schon lange. Sie wurde vor etwa fünfzehn Jahren erstellt und viele Informationen drin sind längst nicht mehr aktuell. Damals hatten sich zwei Studenten, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter und unsere Sekretärin um das neue Design gekümmert. Es war die Zeit, als es so cool war, Frames zu benutzen – heute wirkt es wie die Vorgeschichte von Internetseiten. Für die Aktualisierung des Inhaltes ist unsere Sekretärin zuständig. Ankündigungen für Vorträge waren immer aktuell, wir haben aber jede Menge Lehrveranstaltungen für Studenten noch drin behalten, die wir längst nicht mehr anbieten, oder bei denen die zuständigen Dozenten entweder nicht mehr bei uns arbeiten, oder sogar in einem Fall seit einigen Jahren gestorben ist. Und das obwohl wir es bei unserer Sekretärin mehrmals bemängelt haben.

Vor einigen Jahren hat unsere Universität ein neues Design für ihren Internetauftritt bekommen. Es hieß, man sollte sich dem Corporate Design anpassen und Institute wurden dazu eingeladen (aber nicht gezwungen), mit Hilfe des neu entwickelten CMS und des Webteams ihre Webseiten neu zu gestalten. Wir hatten uns damals also an das Webteam gewandt und uns wurde versichert, dass sie eine neue Webseitenstruktur für uns sobald wie möglich bereit stellen würden, bei der wir uns nur noch um den Inhalt kümmern sollten. Jahre vergingen. Mit meinen Lehrpflichten und Forschungsarbeit hatte ich die Folgen dieses Treffen mit dem Webteam nicht mitbekommen. Es war auch nicht meine Aufgabe und ich hatte gedacht, wenn sich etwas tut, würde sich unsere Sekretärin melden. Ich hätte auch jeden Fall mitgemacht, um neue IT-Kompetenzen zu erwerben und mich bei späteren Bewerbungen besser zu verkaufen. Ich habe ab und zu nachgefragt, ob vom Webteam etwas Neues zu hören gewesen war und habe vorgeschlagen, sich dort zu informieren, wie der Stand war – das wollte unsere Sekretärin aber nicht machen, da sie uns schon gesagt hatten, dass sie an unsere Homepage arbeiten würden. Zwischendurch habe ich neben meiner Tätigkeit eine beratende Funktion an der Uni angenommen und habe selber dafür eine Homepage mit dem gleichen CMS gestaltet. Als ich nach dieser Tätigkeit wieder Vollzeit zum Institut kam, waren schon zwei Jahre vergangen. Da sich für unsere Homepage nichts geändert hatte, habe ich selber die Initiative ergriffen und eine Email an unseren damaligen Gesprächspartner beim Webteam geschrieben, mit dem Leiter des Teams im CC, wo ich fragte, wie weit sie seit den mehr als zwei Jahren mit unserer Homepage fortgeschritten waren. Da kam die Antwort, dass sie bedauerlicherweise unseren Fall völlig vergessen hatten und sich entschuldigten. Wir haben zu viert, die Sekretärin, die adipöse Assistentin, ein Doktorand und ich, einen neuen Termin mit einer frisch diplomierten Frau beim Webteam vereinbart. Die Struktur für die Homepage wurde dann schnell bereit gestellt und wir konnten daran offline arbeiten.

Wir haben uns also zu viert die Arbeit geteilt. Mein Teil wurde schnell erledigt, der vom Doktoranden auch. Bei den zwei anderen haben wir sehr lange gewartet. Als sich nach ein paar Monaten nichts geändert hatte und ich arbeitslos wurde, habe ich selber den Teil der Sekretärin und der Assistentin übernommen. Die Assistentin: „Mir war nicht klar, dass ich etwas machen musste“, ich denke, sie hat sich vom Institut aus noch nie ins CMS eingeloggt. Die Sekretärin: „Toll, dass du die ganze Arbeit gemacht hast“. Immerhin. Ich habe dann alle darum gebeten, dass sie den Inhalt genau prüfen und gegeben falls korrigieren. Ich weiß, dass ich den Teil über die Geschichte des Instituts aktualisiert hatte, und mich genervt nicht nett gegenüber unserer Fakultät geäußert hatte, weil sie uns vor kurzem eine Professur weg genommen hatten, als der Institutsleiter in Rente ging, und noch vor hatten, andere Stellen bei uns abzukassieren. Bearbeitungsbedarf im Text war also da. Nachdem alle letzten Korrekturen gemacht wurden, habe ich mich im Dezember an das Webteam erneut gewandt und geschrieben, dass sie die Homepage online umschalten konnten, nachdem einige Probleme beseitigt wären – z.B. Zugriffsverweigerung auf Beispielseiten, die die Frau für uns erstellt hatte, bei denen sie aber die Rechte nicht richtig gesetzt hatte, oder die Veröffentlichungsliste, die doch eine andere Struktur bekommen sollte.

Ich habe gewartet, vielleicht war die Frau schon im Urlaub, und habe mich weiter um meine Bewerbungen gekümmert. Einen Beitrag für eine Fachtagung wollte ich auch vorbereiten, um den Kontakt mit anderen Kollegen wieder aufzufrischen. Es hat sich auch gelohnt, ich habe spontan durch einen früheren Kollegen ein Vorstellungsgespräch bei der Tagung gemacht, wobei ich mich frage, ob es wirklich etwas bringen wird. Der erste Verantwortlicher für die Stelle wirkte sehr interessiert, aber ich fand den zweiten Mann sehr hochnäsig und unangenehm – wie er sich verhalten hat, immer stur geradeaus über meinem Kopf zu schauen (so groß ist er) und zu reden, ohne mich überhaupt anzuschauen, habe ich eher den Eindruck bekommen, dass er eine spontane starke Antipathie gegen mich entwickelt hat. Ich habe meinen Lebenslauf trotzdem geschickt, aber ich erwarte da nichts. Nach der Tagung habe ich mich gefragt, wie es mit der Homepage ging, es waren schon über drei Monate vergangen. Da die Frau an meiner Email gar nicht geantwortet hatte, habe ich sie angerufen. Mit der Frage, ob sie meine Email bearbeitet hatte. „Welche Email?“ „Die vom 6. Dezember.“ „Ach so, am Nikolaustag! Nein, ich habe an dem Tag keine Email von Ihnen bekommen.“ Wie konnte sie das so schnell sagen, ohne sich die Zeit zu nehmen, in ihrem Postfach zu schauen? Es riecht nach verschlampter Arbeit. Ich habe ihr also noch mal den Inhalt der Email erläutert, die ich vor den Augen hatte. Sie sagte, sie würde es gerne machen, aber die Uni würde in Kürze ein neues CMS anbieten, für die paar Monate würde es sich nicht mehr lohnen. Nachdem ich sie daran erinnert hatte, dass wir nun schon über drei Jahren den Antrag auf die neue Homepage gestellt hatten und sie frech implizierte, dass wir schuld daran gewesen wären, so lange gewartet zu haben, hat sie doch zugestimmt, die Homepage online bereit zu stellen. Dabei ist sie auf Kleinigkeiten gestoßen und hat mich darum gebeten, die Probleme zu beseitigen – ich wiederhole, ich bin arbeitslos und mache das nur noch ehrenamtlich, weil ich bei Vorstellungsgesprächen in der Lage sein will zu sagen, dass ich an der Homepage gearbeitet habe. Ich habe nach der Bearbeitung der Kleinigkeiten der Frau gesagt, dass sie meine Email-Adresse am Institut nicht mehr benutzen soll, da ich dort nicht mehr arbeite, sondern die webmaster@…, die wir extra für die Homepage eingerichtet haben und die auf jeder Seite in der Fußzeile steht. Tja, heute hat sie mich wieder persönlich angeschrieben, weil sie nicht mehr wusste, wie die Veröffentlichungsliste behandelt werden sollte. Allerdings knapp und so formuliert, als ob es mein Fehler gewesen wäre: „ich habe gerade gesehen, dass die Publikationen noch doppelt vorhanden sind“, und das war’s schon. Ja, blöde Kuh, die zweite Seite mit der neuen Struktur hat sie doch selber angelegt, damit ich den Inhalt der alten Seite drauf kopieren kann bevor sie sie löscht. Sie hat anscheinend große Schwierigkeiten damit, sich den Inhalt von Telefongesprächen zu merken. Ich bin gespannt, wie lange es noch dauern wird, bis die neue Homepage endlich online zugänglich ist.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Geschichten aus der Arbeit – Meine männliche Kollegen

Als ich zum ersten Mal zum Institut ankam, vierzehn Jahre her, hatte ich gerade das Diplom in der Tasche und wollte meine Promotion anfangen. Am ersten Tag hatte mich der Institutsleiter, sei er mit H. bezeichnet, durch das ganze Institut mitgenommen und allen anderen Mitarbeitern vorgestellt. Ich erinnere mich ganz genau, wie er sagte, ich sollte mich an ihn wenden, falls ich aufgrund meines Geschlechtes von den Kollegen Schwierigkeiten bekommen würde. Dabei habe ich im Laufe der Jahre gemerkt, dass H. das größte Schwein vom Institut gewesen ist – nicht nur sexuell, ein Fresssack ist er auch, ich habe mich häufig gefragt, wie lange er sein… „e Füße“ nicht mehr gesehen hat. H. besitzt kein Humor und versteht keine Witze, wenn sie nicht sexueller Natur sind. Es ist mir wirklich peinlich für ihn gewesen, wie er einmal mit mir und einer anderen Kollegin in Lachen ausgebrochen ist, weil irgendwo die Zahl 6 vorkam, und er nur „Sechs, Sex“ wiederholte. Zur Erinnerung, der Mann hat Physik studiert und ist Institutsleiter geworden. Und lacht sich tot über Grundschüler-Witze. Ständig muss er die Leute um sich herum anfassen. „Wir sind eine große Familie“, meint er, er würde sich wie unser Vater fühlen. Bei meinen männlichen Kollegen hat er einfach nur kumpelhaft die Hand auf die Schulter gelegt. Als Frau muss man immer sehr schnell reagieren und den Kopf nach hinten ziehen, um nicht die Wange gestreichelt zu bekommen. Nach dem er mir einmal sogar die Hand aufs Gesäß gelegt hat, und ich mit Mühe den Inhalt des Wasserkochers, den ich in der Hand hielt, nicht auf seinen Kopf gegossen habe (er hat immerhin eingesehen, dass es unangemessen war), habe ich immer dafür gesorgt, dass mindestens drei Meter als Sicherheitsabstand zwischen uns stehen. Jetzt ist er Rentner, er kommt aber wieder ab und zu zum Institut. Ich denke immer noch, ich hätte an dem Tag seine Frau anrufen und mich bei ihr beschweren sollen. Und ich frage mich nebenbei, welche Rolle er dabei gespielt hat, dass ich die einzige dauerhafte wissenschaftliche Stelle am Institut nicht bekommen habe, aber da wäre genug Stoff für einen neuen Eintrag, so bizarr der Vorgang war.

Ich wechsle jetzt zu unserer Werkstatt. Der Leiter, Egbert, der zum Glück in nur wenigen Wochen in Rente geht, hat anscheinend sehr große Schwierigkeiten damit, dass Frauen eine wissenschaftliche Karriere anstreben und promovieren. Ich weiß nicht mehr wie oft er während meiner Doktorarbeit in mein Zimmer gekommen ist, um mir ernsthaft zu erzählen, ich sollte einen Mann heiraten, und zu Hause bleiben, um mich um die Kinder zu kümmern. Anfangs habe ich noch versucht zu diskutieren, aber das ist bei ihm zwecklos, danach habe ich nur noch gesagt, ich hätte jetzt keine Zeit für ihn. Das hat er aufgehört, als ich Gleichstellungsbeauftragte wurde. Ist es ein Generationsproblem? Nein, Franz-Dieter, der im gleichen Alter ist und auch in der Werkstatt arbeitet, ist ganz im Gegenteil in meiner Sicht der beste männliche Mitarbeiter im ganzen Institut. Mit ihm kann man ohne Bedenke allein bleiben, über vieles diskutieren und bekommt immer das Gefühl, ernst genommen zu werden. Wie bei Rolf auch, eigentlich. Und Franz-Dieter hat schon vor den anderen Egbert widersprochen, der sein Chef ist, wenn dieser im Kaffeeraum sexistische Aussagen gemacht hat. Dafür kriegt er meine vier Daumen hoch. Dann gibt‘s noch Bernd, der vom Anfang an – und auch bis ich Gleichstellungsbeauftragte wurde – nie in der Lage war, in einem Gespräch mich oberhalb vom Hals zu gucken. Ich fand ihn gruselig und habe immer vermieden, alleine mit ihm zu sein. Gut, dass ich so wenig mit ihm zu tun hatte und er schon in Rente weg ist. Zum Schluss habe ich auch eine Anekdote über Josef, der einmal im Kaffeeraum sich geäußert hatte, er würde gerne seine jetzige Frau verlassen und eine jüngere heiraten, um die 30, weil Frauen erst ab 30 interessant werden (ich glaube, mein 30. Geburtstag war fast ein Jahr her gewesen), er würde ihr ein stabiles Einkommen anbieten und wäre bereit, wieder Kinder zu haben. Attraktiv wäre er ja, meinte er, da er so viel Sport treibt und eine jüngere Studentin, die bei ihm eine Arbeit als HiWi gemacht hatte, hätte mit ihm eine Affäre haben wollen (es gab eigentlich nur eine Studentin, die mit ihm gearbeitet hatte, und während ihrer Tätigkeit hier hatten wir uns häufig beim Uni-Fitness-Studio getroffen, mit ihrem Freund, einem gut gebauten großen Blonden… und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie gleichzeitig Interesse an Joseph hatte, es war nur „möchte-gerne-Talk“). Ich hab’s zuerst nicht persönlich genommen und fand ihn nach diesem Gespräch nur ekelhaft. Mein Zimmerkollege sagte, mindestens wäre er ehrlich, so offen darüber zu sprechen. Nach einigen komischen Vorfällen habe ich gemerkt, dass Josef es doch auf mich abgesehen hatte. Der hat vielleicht Nerven. Mir gefällt’s nicht, wie er manchmal mir zu nah kommt, ich einen Schritt zur Seite mache, und er direkt danach mir wieder an die Pelle rückt. Und dabei merke ich, dass ich seinen Geruch auch nicht mag, ich glaube, er raucht heimlich Cannabis, wenn er alleine in seiner getrennten Werkstatt ist.

Über meine männlichen wissenschaftlichen Arbeitskollegen gibt es nicht so viel zu berichten. Die meisten haben mich einfach wie eine Arbeitskollegin behandelt, und das fand ich richtig gut so, wir verstehen uns prima. Es gab Volker, der frühere Inhaber der wissenschaftlichen Dauerstelle, der jetzt verstorben ist und versucht hatte, mir Anmachen zu machen. Ich habe mich danach von ihm distanziert. Außerdem hatte er ein großes Alkoholproblem. Und es gibt Lars, sein Nachfolger, der einfach nur ein möchte-gerne-Chef mit großer Klappe ist (und das haben mir die anderen gesagt, es ist nicht (nur) ein Ausdruck von Neid). Aber mit dem muss ich nichts mehr zu tun haben, da ich jetzt arbeitslos bin. Und darüber freue ich mich doch, weil ich mit ihm keine Lust hätte, weiterhin am Institut zu sein. Vor allem jetzt, wo der neue Leiter auf langer Reise ist und ihn als Vertreter gelassen hat.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.