Erst prüfen, dann teilen

Das gilt sowohl für Falschmeldungen wie allgemein für Hoaxes. Ein sinnvoller Ratschlag, der von Hoaxbuster (auf Französisch) immer wieder empfohlen wird, und ich wünsche, meine Mami würde sich auch dran halten.

Heute Nachmittag habe ich eine private Nachricht von ihr via Facebook bekommen. Schon ungewöhnlich, vor allem, da wir uns keine Stunde später anrufen wollten. Ob etwas los war?

Nein. In der Nachricht war ein Foto von einem ausgedrucktem Brief, angeblich vom Uniklinikum in Nantes, wo ein Arzt nach einem Spender für eine Einjährige mit Leukämie sucht. Das Foto hatte ich schon ein paar Tage zuvor beim schnellen Durchscrollen bei einer anderen Person bemerkt und sofort ignoriert, denn es ziemlich stark nach einem Hoax roch. Es wundert mich immer wieder, was für ein Müll einige Leute ständig verbreiten, ohne ihre „Fakten“ zu prüfen.

Dass meine eigene Mutter es auch macht, das ist mir jetzt peinlich. Für mich. Weil ich dachte, ich hätte sie schon ausführlich über solche falsche Meldungen aufgeklärt und sie würde nicht reinfallen. Vor allem, da sie sonst nie Falschmeldungen auf Facebook teilt. Kurz habe ich mich gefragt, ob jemand Zugriff auf ihr Konto bekommen hätte. Aber am Telefon sagte sie auf Nachfrage, sie hätte wirklich selber die Nachricht geschickt. Die hätte sie von einer Freundin bekommen und schnell weiter geteilt, weil sie dringend klang, ohne sie überhaupt gründlich gelesen zu haben! Selbst den Text dazu hatte sie pauschal übernommen, wo drin steht, dass es sich um das Kind eines Freundes von ihr handelt! Ist es aber nicht!

In diesem Fall war es auch ganz leicht, die Meldung zu prüfen. Eine Google-Suche mit den Namen vom Klinikum und vom Arzt gab als erstes Ergebnis diese Erklärung vom Klinikum, wo drin steht, dass der Arzt (falls er überhaupt existiert) nie am Klinikum gearbeitet hat, und die angegebene Telefonnummer nicht mal vom Klinikum ist. Der Clou: Die Erklärung ist von 2009! Wenn es nicht genug ist, gibt es auch zahlreiche Pressemeldungen, die von der Rückkehr des Hoaxes letztes und dieses Jahr berichten. Die Dinger sind einfach nicht tot zu kriegen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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„Il n’a personne vu“

Heute rege ich mich über meine Landesgleichen auf[1]. Und ich fange gleich mit dem Zitat im Titel an.

Nach meiner Promotion habe ich einen kurzen Vertrag für eine Arbeit in einem Forschungsinstitut in Frankreich bekommen. Fast alle meine Kollegen waren Franzosen, wir hatten auch einige Ausländer in meiner Gruppe, unter anderen einen Deutschen, Burkhardt, der seit zwei oder drei Jahren schon da war und fleißig Französisch lernte[2]. Wir sind eines Tages mit ihm und anderen Kollegen in die Mensa gegangen. Burkhardt hat uns eine Anekdote erzählt, ich weiß nicht mehr genau, worum es ging, aber er hat irgendwann gesagt, dass ein Mann niemanden gesehen hatte. Dabei hat er versehentlich die deutsche Grammatik eingesetzt und das Partizip am Ende gesagt: „Il n’a personne vu“, statt „Il n’a vu personne“. Im Grunde sind nur zwei Wörter getauscht. Nicht schlimm, man kann’s trotzdem verstehen, dachte ich. Was für eine Aufregung bei meinen französischen Kollegen! Einige haben nur gelacht, nachdem ich sein Fehler erklärt habe; eine andere Wissenschaftlerin konnte sich aber nicht mehr beruhigen, weil der Satz für sie völlig unverständlich war, und hat sich nur noch darüber aufgeregt, er sollte wenigstens richtig Französisch sprechen, wenn er sich mit den Leuten hier unterhalten wollte. Die blöde Zicke hat mir ein wenig Leid getan[3]. Wenigstens hatte sich Burkhardt die Mühe gegeben, sich unsere Sprache zu eignen. Ich würde gerne sehen, wie sie in sich in Deutschland ausdrücken würde. Deutsch hat sie anscheinend nie gelernt, sonst hätte sie sein Fehler verstanden. Diese Geschichte zeigt mir, wie verschlossen und intolerant einige Franzosen gegenüber andere Sprachen oder Ausländer sein können. So wenige Franzosen sind es nun auch nicht…

2002 hatten wir eine Präsidentschaftswahl. Wie üblich gab es zwei Wahlgänge, zwei Wochen voneinander entfernt, jeweils sonntags. Ich hatte damals den langen Weg aus Deutschland zu meiner Heimat gemacht, um mich an die Wahl zu beteiligen – das war gleichzeitig die Gelegenheit, meine Eltern zu besuchen. Am ersten Sonntag, Ende April, habe ich mit der Tagesschau abends einen tiefen Schock bekommen, als die Ergebnisse bekannt gegeben wurden. Bei einer Wahlbeteiligung von knapp 72% haben 17% der Wähler ihre Stimme für die rechtsextremistische Partei von Le Pen gegeben, und ihn damit ermöglicht, zum zweiten Wahlgang zu kommen, wo nur noch zwei Kandidaten übrig bleiben dürfen. So konnte Chirac mit 82% der Stimmen zum zweiten Mal gewählt werden. Mein Volk, meine Heimat? Nein, ich kann mich seitdem wirklich nicht mehr mit diesem Volk identifizieren[4].

Das schlimme daran ist, dass ich langsam den Eindruck bekomme, die meisten Wähler sind nicht in der Lage, sich über eine Partei oder über die Lage ihres Landes ein klares Bild zu machen – sie haben keine blasse Ahnung. Das sehe ich täglich auf Facebook. Ein Beispiel von heute Morgen: Eine Bekannte aus der Schulzeit teilt einen Status mit politischem Charakter aus irgendeiner Seite mit, in dem sehr karikaturistische Aussagen über die Parteien von links und rechts gemacht werden, und wo klar wird, dass der Autor die Linksangehörigen für Vollidioten hält und die Rechtsangehörigen für deutlich überlegener. Es ist mir im Grunde egal, wie der Verfasser dieses Status politisch orientiert ist. Was mich stört ist, neben der Benutzung von spöttischen pauschalen Aussagen ohne Quelle, um deren Gültigkeit zu prüfen, der letzte Satz (von mir ins Deutsche übersetzt): „Wenn eine Person einer rechten Partei diesen Status liest, teilt sie ihn mit. Eine Person der Linke nicht.“ Und gleich die Reaktion von meiner Bekannte: „Ich bin parteiunabhängig und teile diesen Status mit.“ Ich wollte gleich schreiben, „Du hast dabei vergessen, deinen Gehirn einzuschalten.“ Ich meine, einfach blind einer Aufforderung zum Mitteilen von irgendeinem Text folgen, weil eine unbekannte Person drin impliziert, wenn du nicht mitteilst musst du linksorientiert sein, also ein Vollidiot? Hallo? Das nenne ich einfach Spam zwecks Hirnwäscherei. Und es ist leider nur ein Beispiel. Vor zwei Wochen hatten wir ein Bild, der viral auf Facebook geteilt wurde, in dem eine Vergleichstabelle zwischen Arbeitnehmern und Arbeitslosen zeigte, dass man als Arbeitslos am Ende vom Staat viel mehr Geld zum Leben bekommt. Nirgendwo wurde angegeben, woher diese ganzen Zahlen kommen, oder auf welcher Basis sie gerechnet wurden, was Facebook-Benutzer nicht daran hinderte, munter das Bild weiter zu teilen. Wie Rue89 später berichtete (auf Französisch), handelte es sich ursprünglich um einen kleinen Witz, der absichtlich zum Spaß viele Fehler enthielt. Dabei interessierte sich keiner dafür, der das Bild weiter teilte, ob die enthaltene Information wahr ist oder nicht. Ahnungsloses Mitteilen ist aber katastrophal, wenn dadurch wie häufig Ideen von Rechtsextremisten an Gewicht gewinnen. Weil man ja diese populäre Weisheit kennt: „Wenn es auf Internet steht, muss es wahr sein“. Und es ist so bequem, die Schuld für eine schlechte Wirtschaftslage auf eine einfach zu identifizieren Bevölkerungsminderheit zu schieben. Diese Beispiele und viele mehr aus einem nicht geringen Teil meines Bekanntenkreises[5] auf Facebook zeigen mir, dass viele Leute ohne nachzudenken alles glauben, was man ihnen erzählt, und mir dadurch als Wahlunfähig erscheinen.

[1] Wobei ich denke, was ich erzähle wird in anderen Ländern nicht anders sein.
[2] Das alleine ist in meinen Augen schon lobenswert. Ich habe in Deutschland französische Kollegen gehabt, die sich nie die Mühe geben wollten, Deutsch zu lernen.
[3] In der Grundschule hatte man – wenigstens noch in meiner Zeit, und die Frau ist älter als ich – eine Übung gehabt, wo Wörter eines Satzes in einer beliebigen Reihenfolge angegeben waren, und man musste sie richtig anordnen, um einen Sinn zu bekommen. Dass sie das in diesem kleinen Satz nicht mal hinbekommen hat, fand ich… traurig.
[4] Ich kann das Ansehen der französischen Flagge auch nicht mehr ertragen, sie ist in meinem Kopf zu sehr mit dieser Partei verbunden. Die haben sie ja in ihrem Logo verarbeitet.
[5] Und aus meiner Familie…


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.