Heute ist Weltfrauentag

In Berlin ist sogar erstmalig dafür Feiertag. Ich bin nicht sicher, dass ich das so gut finde. Am internationalen Frauentag können Frauen die Arbeit nieder legen. Sie streiken und treffen sich, um zu diskutieren oder demonstrieren. Aus dem Frauentag einen Feiertag zu machen, entkräftet die Aussage von einer Streitaktion massiv. Andererseits können dadurch mehr Leute an Demos teilnehmen.

Ich habe noch nie an irgendwelchen Aktionen zum Weltfrauentag teilgenommen. Wenn, dann würde ich solidarisch für andere Frauen hingehen, die nicht so viel Glück wie ich haben. Aber dieses Jahr habe ich es verpennt. In München ist kein Feiertag. Ab 16:00 war am Marienplatz etwas organisiert. Ich habe blöderweise einem Telefongespräch am späten Nachmittag mit meinem amerikanischen Kunden zugesagt, bevor ich geschnallt habe, dass heute Frauentag ist. Das Gespräch wurde doch nicht so lang, der Ehemann hat mich mit dem neuen Auto von der Arbeit abgeholt, und wir haben einen ausnahmsweise frühen Feierabend zu Hause genossen.

Ich selber kann nicht meckern, seitdem ich das Elternhaus hinter mir gelassen habe. Ich habe endlich einen guten Job. Keine Ahnung, wie gut ich im Vergleich mit den anderen Kollegen verdiene. Aber ich bin schon sehr zufrieden. Der Ehemann ist arbeitslos, und selbst wenn er gar keine Leistung mehr beziehen würde, könnte ich uns noch einen recht guten Lebensstandard leisten. Trotz freiwilliger Krankenversicherung und großer Wohnung im Münchner Raum. Der Ehemann ist ein Schatz und übernimmt quasi alle Hausarbeiten. Wäsche aufhängen, Spülmaschine ausräumen, Dusche trocken, Staubsaugen, Boden wischen… Ich koche jeden Tag, wahr, weil ich es einfach so gerne tue. Und ab und zu wische ich Staub aus den Regalen. Ich habe Glück, denn ich bin keine Hausfrau.

Andere nicht. Die Dokus auf Arte am Dienstag haben mich recht wütend gemacht. Es ist nichts Neues, man weiß es lange, aber es wirkt ganz anders, wenn man Aussagen von Frauen hört, die in der katholischen Kirche von ihren männlichen Vorgesetztern Jahre lang hirngewaschen vergewaltigt und zu Abtreibungen gezwungen werden. So läuft es seit Jahrhunderten, und danach sind es immer die Frauen, die als schuldig angesehen und rausgeworfen werden. Die zweite Doku über die Misshandlung von entführten Frauen durch Mitglieder des sogenannten IS war noch schlimmer. Es ist zum Kotzen.

Ich weiß nicht, ob so ein Tag wirklich eine Wirkung hat. Die Gewalt gegen Frauen hat schon viel zu lange gedauert. Wenn ich sehe, was heutzutage noch alles passiert, habe ich das Gefühl, dass die Menschheit sich seit Jahrtausenden nicht weiter entwickelt hat. Technisch, ja, aber ganz tief bleibt immer noch der Wurm drin.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Anstrengender Sonntag

Ich bin früh aufgestanden. Das ist nichts Ungewöhnliches. Ich kann morgens nicht lange im Bett bleiben. Wenn ich einmal wach werde, bleibe ich es meistens. Der Ehemann braucht deutlich mehr Schlaf. Ursprünglich war meine Idee, ganz früh um 08:00 zur Botschaft wählen zu gehen, um die Schlange von vor zwei Wochen zu vermeiden. Wir hatten aber Freunde zum Mittagessen, also der Ehemann hatte Freunde zum Brunch, eingeladen, und ich habe gekocht. Das tue ich ja gerne. Nun, bei der vermuteten Schlange vor der Botschaft würde ich wahrscheinlich nicht vor zehn wieder zu Hause sein, und das Kochen würde ich nicht mehr rechtzeitig hinkriegen.

Vor einigen Wochen bin ich zufällig in einer Buchhandlung am Savignyplatz auf das NOPI Kochbuch gestossen. Nachdem ich hier und da soviel darüber lesen konnte, habe ich es mir endlich geschenkt und beschlossen, für heute einige Rezepte daraus zu kochen. Entschieden habe ich mich für das Selleriepüree, allerdings ohne Blumenkohl, die getrüffelte Polentastäbchen mit Tomaten-Chutney, und die Zucchini-Manouri-Krapfen mit Sauerrahm-Limette-Dip, für die ich übrig gebliebene Ricotta statt Manouri benutzt habe, da ich uns am Freitag eins meiner Lieblingspastagericht zubereitet habe. Es war eine Menge Arbeit, aber vieles konnte ich schon gestern Nachmittag vorbereiten. Heute Morgen habe ich trotzdem vier Stunden in der Küche gestanden. Es hat sich mehr als gelohnt. Ein Volltreffer war das. Die Gäste waren hin und weg.

Nachmittags bin ich dann zur Botschaft mit dem Ehemann gefahren. Vor zwei Wochen durfte er noch mit mir rein und auf mich drin warten. Heute musste er wie ein Hund draußen bleiben. Zum Glück regnete es nicht, und die befürchtete Schlange ist ausgeblieben. Einerseits gut, weil ich nicht ewig stehen musste. Andererseits schlecht, weil es bedeutete, dass die Wahlbeteiligung viel niedriger als vor zwei Wochen war. Ich habe beim Einwerfen von meinem Briefumschlag nachgefragt: Tatsächlich sind viel weniger Franzosen in Berlin heute zur Wahl gekommen. Ob es am endlich schönen Wetter lag, oder an der Ablehnung beider Kandidaten, oder wegen der Schlange vom letzten Mal… Eines war klar: Die Le Pen ist hier nicht beliebt. Man muss ja beide Zettel zum kleinen Raum hinter dem Vorhang mitnehmen, und nur eines davon in den Briefumschlag stecken. Der Mülleimer war voll von Le Pen Zettel. Vor zwei Wochen haben ihr in Berlin gerade 2% ihre Stimme gegeben, schrieb noch der tip in seiner letzten Ausgabe. Es ging heute also schnell, in fünf Minuten war ich wieder raus.

Wir sind mit dem Ehemann spazieren gegangen, weil das Wetter so traumhaft war. Zum Gendarmenmarkt gegangen, und dann ein Bier in der Sonne getrunken. Ich bin da Zeugin einer unfassbaren Szene geworden, die mich recht entsetzt hat. Vor allem hat mich entsetzt, dass ich nicht wusste, ob und wie ich helfen könnte. In Konfliktsituationen bin ich nicht gut. An einen Nachbartisch hat sich eine junge Frau hingesessen. Es war an dem Zeitpunkt der einzige noch freie Tisch, und direkt nachdem sie Platz genommen hat, ist eine ältere Frau, etwas klein, pummelig und mit kurzen schwarzen Haaren, geschätzt um die 65, zu ihr gestürmt und hat ihr laut gesagt, sie wäre vorher da und die junge Frau müsste ihr den Tisch lassen. Was definitiv nicht stimmte, die junge Frau war vorher da. Diese konnte anscheinend kein Deutsch und hat auf Englisch gefragt, was die Frau wollte. Daraufhin kam der Mann der ältere Frau, der ein auffällig rotes Gesicht hatte, und hat die junge Frau wie ein Miststück behandelt, und nur laut gerufen, „You go out now!“ Die Frau war sichtlich schockiert von diesem Verhalten, hat aber wenigstens gefragt, „Could you at least be more polite?“ Worauf der Mann nur lauter anwortete, „Go out now please!“ Was wirklich keinen Sinn machte, da wir ohnehin schon draußen waren. Die Frau konnte nichts sagen — nicht, dass sie es nicht versucht hätte, aber das ältere Paar hat sie ständig beim Reden unterbrochen.

Zum Schluß ist die Frau zu ihrem Begleiter gegangen, der in der Schlange stand, um Getränke zu besorgen, und hat ihm die Situation geschildert, nehme ich an, da sie in der Schlange geblieben ist und dieser zum Tisch gekommen ist, wo das ältere Paar in aller Ruhe Platz genommen hatte. Er hat sich einfach zu dem Paar hingesessen. Der Mann konnte Deutsch, das Gespräch verlief aber nicht besser. Als er, ganz ruhig, eine Erklärung für das Verhalten des Paares seiner Frau gegenüber verlangte, sagte die Frau, sie wäre von der Jüngeren beleidigt gewesen. „Wie kommt sie denn drauf?“, habe ich mich gefragt. Weil sie vorher am Tisch saß? Oder weil sie deutlich jünger und hübscher war? Verbal und körperlich habe ich nur Aggression vom älteren Paar wahrgenommen, die Jüngere saß nur sprachlos da und konnte sich nicht wehren. Als der junge Mann nachfragte, inwieweit seine Begleiterin die Frau beleidigt hätte, hat diese dann nur geantwortet, „mit Ihnen will ich nicht mehr reden, gehen Sie weg“, und hat den Kopf gedreht. Er hat sich also dem Mann gewandt und versucht, mit ihm zu reden, aber die Frau, die nicht mehr reden wollte, hat sich ständig eingemischt. Zum Schluß ist ein anderer Tisch frei geworden, und das ältere Paar ist dorthin gegangen, ohne noch abfällige Bemerkungen über Berliner und ihrer Arroganz zu verlieren. Die haben vielleicht einen Knall! Vielleicht hatten sie aber auch einen Sonnenstich bekommen, ober waren schon betrunken, der Mann war so rot im Gesicht, das war nicht normal.

Die junge Frau ist kurz danach mit Getränken zu ihrem Begleiter am Tisch zurück gekommen, und die beiden sind dort geblieben, bis die Sonne hinter einen der Doms verschwunden ist. Das ältere Paar hat übrigens ziemlich lange gewartet, dass jemand ihre Bestellung entgegen nimmt, bis sie verstanden haben, dass man sich an der Schlange anstellen muss. Das junge Paar hatte schon ausgetrunken, als der ältere Mann mit Getränken zu seiner Frau zurück gekommen ist. Was ich daraus ziehe ist, man sollte in Berlin touristische Ziele vermeiden, wenn man sein Bier in Ruhe trinken will.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Harte Nacht

Wir sind gestern ganz früh ins Bett gegangen. Wir haben mit dem Schwiegervater und einer Nichte in einem Lokal gegessen. Ich hatte mir den ganzen Tag ein schönes Kaloriendefizit aufgebaut, um ohne Reue den Abend zu genießen. Schweinerückensteak mit Pfifferlingen und Spätzle. Dazu zwei Biere. Ich hatte es nicht erwartet, weil es nichts Außergewöhnliches war, aber die haben mich mächtig gehauen. Als wir aus dem Lokal gegangen sind, ist mir bewusst geworden, dass ich betrunken war und nur noch schlafen wollte. In der S-Bahn habe ich auf der Schulter vom Ehemann gedöst. Um halb zehn war ich im Bett. Der Ehemann ist mir gefolgt. Wir sind sofort eingeschlafen. Durchgeschlafen haben wir nicht.

Kurz vor Mitternacht hat mich der Ehemann zum ersten Mal geweckt. Er hat etwas von einem Koffer erzählt und ist aus seiner Schlafposition gesprungen, um auf die Bettkante zu sitzen.“Was ist los?“ habe ich gefragt. Er hatte einen Koffer verloren. Da er vorgestern wieder auf Dienstreise geschickt wurde und erst gestern am späten Nachmittag zurück gekommen ist, und da ich gerade aus dem Schlaf gerissen wurde, erschien es mir plausibel. „Was für einen Koffer denn?“ Er hat lange etwas Unverständliches erzählt, wobei ich nur das Wort „Militär“ mitbekommen habe. Ich habe ihn gefragt, ob er noch am Schlafen war, da ich sonst kein Wort verstanden hatte. „Vielleicht, ich habe auch nichts verstanden“, war seine Antwort. Er hat sich wieder hingelegt.

Eine Stunde später bin ich von einem Traum aufgewacht. Am Traum selbst kann ich mich nicht mehr erinnern, außer dass jemand geklingelt hatte. Ich habe gedacht, der Ehemann müsste aufstehen und zur Tür gehen. Bevor ich ihn ansprechen konnte, ist mir aufgefallen, dass es ein Traum gewesen war. Ich bin zur Toilette gegangen, aber der Traum ließ nicht ganz los und ich habe noch den zweiten Schloss der Tür verriegelt, falls ein Eindringling im Haus war.

Eine halbe Stunde später, als ich noch nicht eingeschlafen war, hat der Ehemann gefragt, wem er etwas Unverständliches geben könnte. „Bitte?“ habe ich gefragt. Er ist wach geworden, hat gemerkt, dass er wieder im Schlaf geredet hat und geseufzt.

Als ich noch drei Viertelstunden später den Schlaf suchte, hat er angefangen, ganz aufgeregt zu atmen, und dann „Und Tschüß!“ gerufen. Er klang sehr aufgeregt, daher habe ich versucht, ihn zu beruhigen. Er ist aufgewacht. Da ich noch nicht schlief, habe ich ihn gefragt, mir seinen letzten Traum zu beschreiben. Er war auf einem Gebirge mit Leuten unterwegs, es war sehr windig, und ein Mann ist mit dem Wind weg geflogen. Daher hatte er Tschüß gerufen. Ich konnte nur noch lachen.

Es war inzwischen fast drei Uhr morgens. Ich dachte, ich würde lange vergeblich versuchen, wieder einzuschlafen. Es ist mir doch recht schnell gelungen. Ich weiß es, weil ich einen unangenehmen Traum hatte:

Die Ransomware

Ich saß an meinem Rechner in meinem ehemaligen Kinderzimmer unserer Villa in Südfrankreich. Meine Mami lag im Bett, wo früher meine Schwester geschlafen hatte.

Was ich am Rechner genau machte, weiß ich nicht mehr. Ich war unter Windows. Irgendwann habe ich ein merkwürdiges Fenster mit einer Scam-Warnung bekommen. Irgendwas hat angefangen, sich zu installieren. Mein Rechner ist instabil geworden und ich habe keine Kontrolle mehr gehabt. Ich habe kurzzeitig im Vollbildschirm ein Bild bekommen, wo drauf „Ransomware“ stand. Ich habe mich gewundert, warum meine Antivirus-Software nicht reagiert hat. Ich habe versucht, nicht in Panik zu geraten, und habe gedacht, im schlimmsten Fall könnte ich meinen Rechner mit Ubuntu starten, das ich auf einer anderen Festplatte installiert habe.

Ich habe den Rechner neu starten wollen. Die Ransomware hat sich gewehrt und gehindert, dass der Rechner heruntergefahren wird. Ich habe die Tastenkombination Strg + Alt + Entf drücken wollen, aber meine Tastatur sah plötzlich ganz anders aus. Strg und Alt waren an ihren üblichen Plätzen. Entf nicht. Da waren neue bunte Tasten, eine davon hieß Jihad. „Ach du Scheiße“, habe ich gedacht. Ich habe den Power-Knopf lange gedrückt. Der Rechner hat sich ausgeschaltet. So weit so gut.

Beim Hochfahren habe ich nicht das übliche Bild von der Mainboard gesehen. Es ging sofort mit dem Bild der Ransomware los. Ohne GRUB. Zu Ubuntu konnte ich also nicht wechseln. Die Ransomware hat ein Video gestartet. Die Musik war gruselig und laut. Ich habe die Lautsprecher ausgeschaltet. Die Musik lief weiter. Meine Mami hat es gestört, weil sie schlafen wollte. Ich habe versucht, den Rechner auszuschalten. Strg + Alt + Entf hat nicht gewirkt. Der Power-Knopf auch nicht. Das Video lief weiter. Als ich auf den Bildschirm geschaut habe, standen zwei Männer in weißen Gewändern. Beide trugen einen Turban. Von der Seite, nicht zu sehen, hat jemand plötzlich mit einem Säbel den Kopf vom Mann rechts abgetrennt. Blut hat gespritzt, als der Kopf nach vorne fiel. Meine Mami hat gesagt, sowas wollte sie nicht vor dem Einschlafen gesehen haben. Da der Rechner sich nicht herunterfahren ließ, habe ich am Ende beschlossen, die unterbrechungsfreie Stromversorgung, an die mein Rechner immer hängt, auszuschalten. Endlich war Ruhe.

Ich habe die Fensterläden geschlossen. Meine Mami hat auf ihrem Handy einen Anruf bekommen. Meine Schwester war es, die sie mitten in der Nacht angerufen hatte. Da sie gerade hochschwanger ist, hat meine Mami sofort gefragt, ob sie ein Problem hätte.

Ich bin aufgewacht. Vier Uhr morgens. Der Rest der Nacht verlief zum Glück ruhiger.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Aus dem Laufen wird heute nichts

Ich bin fix und fertig.

Heute Morgen habe ich mich noch gefreut, nach der Arbeit zu joggen. Ich habe mir für die Mittagspause eine Packung Schinken mit einem Brötchen geholt. Und einen mageren Naturjoghurt, eine Banane und einen Apfel. Das ist nicht wenig, aber ich wollte ja joggen gehen.

Dann kam der Nachmittag. Ich habe intensiv an meinem Programm #1 gearbeitet und eine Methode verbessert, um Daten zu laden. Ich war nicht so gut konzentriert. Ich habe mich müde gefühlt und leichte Kopfschmerze bekommen. Das Programmieren war mühsam. Ich habe mein Ziel erreicht, um nach anderen Tests festzustellen, dass jetzt etwas anderes nicht mehr läuft. Das Problem habe ich auf morgen verschoben. Ich habe dadurch später als geplant Feierabend gemacht.

Da ich nicht zu spät zu Hause ankommen wollte, um mit Martin zu joggen, bin ich mit der S-Bahn gefahren. Auf dem Weg dahin wurde mir schwindelig. Mir ging’s doch gar nicht gut genug, um sportlich tätig zu sein. Vielleicht hat es mit meiner Periode zu tun. Ich verliere momentan viel Blut, und hatte gestern Abend starke Bauchschmerzen. Oder es kommt vom Wetter. Der Himmel war so dunkel und bedrückend. Gerade ist das Gewitter ausgebrochen. Wir wären eh nicht bei dem Wetter gelaufen. Sehr wahrscheinlich ist es der Grund für die Migräne, die sich während der Fahrt in meinem Schädel breit gemacht hat. Es geht gerade so, aber ich kann nicht viel machen. Und ich habe tiefe Ringe unten den Augen, obwohl ich heute Nacht doch so gut geschlafen habe. Schmerzmittel bringen bei mir selten etwas, wenn die Migräne noch nicht richtig explodiert hat.

Das Wetter macht übrigens die Leute verrückt, wie es aussieht. Als ich in der S-Bahn eingestiegen war und einen Sitzplatz gefunden hatte, habe ich plötzlich eine ganz laute Techno-Musik gehört. „Ach nee, nicht das auch noch“, habe ich gedacht, und mir überlegt, ob ich nicht zu einem anderen überfüllten Wagen wechseln sollte. Die Türe sind zu gegangen, und die Musik wurde schwächer. Gut, es war nur am Gleis. Ich habe kurz dort geschaut, als der Zug weg gefahren ist. Ein langer, dürrer, voll tätowierter Mann war dabei, auf der Rücklehne einer Sitzbank zu springen und hat in dem Moment einen gewaltigen Kick nach vorne gemacht, und einen anderen Mann am Kopf getroffen, der direkt zum Boden geschleudert wurde. Die Leute im Zug haben entsetzt geschrien. „Die stehen voll unter Droge“, meinte ein Mann. Es stimmt, dass die Beide ähnlich asozial ausgesehen haben und man leicht den Eindruck gewinnen konnte. „Ob wir die Polizei anrufen sollten?“ frage eine Frau, als der Zug schon den Bahnhof verlassen hatte. Ich glaube, das haben bestimmt die anderen Reisenden am Gleis gemacht.

Schockiert war ich. Es ist mein Bahnhof, wo ich täglich für die Arbeit ein- uns aussteige, wenn ich nicht mit dem Bus fahre. Ich hatte doch vor wenigen Sekunden an dem Ort gestanden, wo der Mann geschlagen wurde. Ich kann es nicht fassen, dass ich seit einer Woche auf Arbeitswege in so kurzer Zeit so viele Menschen sich prügeln sehe, wenn die letzten drei Jahren seitdem ich in Berlin wohne so ruhig gelaufen sind.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Mein Vater

Ich bin mir lange nicht sicher gewesen, ob ich wirklich über dieses Thema in meinem Tagebuch schreiben möchte. Ich versuch’s doch heute, wenn nur, um es hinter mir zu bringen und den Ballast los zu werden. Es droht wieder, ein Roman zu werden.

Erinnerungen aus meiner Kindheit

  • Mein Vater war nie zu Hause, weil er in einer Stadt 30km entfernt gearbeitet hat. Das heißt, früh morgens weg, spät abends zurück. Meine Mami hat sich stets um uns gekümmert, da sie seit meiner Geburt sehr lange nicht mehr berufstätig war. Er hat materiell für uns gesorgt, und hat zum Beispiel unser Haus an Wochenenden selber gebaut, manchmal auch mit Freunden zusammen, das hat Jahre gedauert.
  • Mein Vater ist sehr ungeduldig. Und hatte mich ganz früh als Mädchen für alles zu Hause angestellt[1]. Als ich eines Tages für ihn Kaffee vorbereitet hatte, während er auf der Couch im Wohnzimmer rauchte, ist er plötzlich wütend geworden, weil es seiner Meinung nach nicht schnell genug ging. Er ist mir an der Tür von der Küche brüllend begegnet, als ich sehr langsam mit der Tasse in der Hand raus ging, um den heißen Kaffee nicht umzukippen. Zwar hat er sich gleich entschuldigt, als er gesehen hat, dass ich ihm doch seinen Kaffee vorbereitet hatte und er mich unberechtigter Weise geschimpft hatte, aber es ist nur eine von vielen Geschichten, die ich über ihn noch nicht vergessen habe.
  • Ich bin die älteste von drei Geschwistern. Wir sind alle mit vier Jahren Abstand geboren. Für meinen Vater war es daher selbstverständlich, dass ich die Verantwortung für die Jüngeren übernehme. Auch in der Schule. Das heißt, wenn sie hinterlistig dumme Sachen angestellt haben, wie Kinder es halt häufig tun, bin ich danach immer geschlagen worden[2]. „Als Beispiel für die jüngeren Geschwister.“ Die haben dabei nur gelernt, dass egal was sie tun, jemand anderes für sie büßen wird.
  • Eines Tages hat mich mein Vater für eine Nichtigkeit wieder geschlagen. Ein anwesender Onkel fand das sehr lustig. Meine Mami wurde sauer, hat mich und meine Schwester (die gerade das Gehen gelernt hatte) gepackt, Mantel angezogen, und wir haben das Haus verlassen. Ich weiß leider nicht mehr, was danach passiert ist. Sind wir wirklich bis zu ihrer Mutter in Nizza gefahren? Hat unser Vater uns dort abgeholt? Wie auch immer, wir sind doch zurück gekommen. In den späteren Jahren habe ich häufig davon fantasiert, wie schön mein Leben hätte sein können, wären wir weg geblieben.
  • In der Pubertät, als ich groß genug geworden war, um mich physisch zu wehren, hat er mich nicht mehr geschlagen, sondern er hat mir jeden Tag gesagt, ich wäre hässlich und nicht würdig, seine Tochter zu sein – also psychologische Angriffe. Das war einfacher, damit umzugehen. Ich liebte meinen Vater schon lange nicht mehr (und zweifle dran, ob ich es je tat) und hielt schon nicht mehr viel von ihm, ich war also nicht berührt, als er versuchte, mich verbal zu erniedrigen. Abgesehen davon, dass ich mich um mein Aussehen nicht kümmerte, hatte ich genug Jungs um mich herum, um zu wissen, dass es mit dem hässlich sein nicht stimmen konnte – auch wenn ich mich nicht im Geringsten für sie interessierte, weil sie sich albern verhielten und ich den Unterricht in der Schule spannender fand.
  • In der siebten Klasse habe ich eine neue sehr engagierte Englischlehrerin bekommen, die gerade aus einem Austauschjahr in Amerika zurück gekommen war. Sie hatte am Anfang des Jahres alle Eltern ihrer Schüler zu Hause angerufen, um Kontakt zu knüpfen. Als mein Vater ans Telefon ging und sie sich gerade vorgestellt hatte, hat er sofort explodiert und brüllend gefragt, was ich denn schon wieder angestellt hätte. Am nächsten Tag hat sich die Lehrerin bei mir entschuldigt und gesagt, sie hoffte, ich hätte dadurch kein Problem zu Hause bekommen.
  • Für meinen Vater ist es eine Schande, eine Tochter zu haben. Als ich als siebenjähriges Kind eines Sonntagmorgens vor dem Schlafzimmer meiner Eltern auf dem Weg zu Küche gegangen bin, habe ich gehört, wie er meine Mutter gebetet hatte, ein drittes Kind zu bekommen, weil er endlich einen Jungen haben wollte[3] – was auch zum Glück für meine Mami klappte[4]; ich weiß aber immer noch, wie sie sagte, sie hätte keine Lust auf ein drittes Kind. Als ich in der Mittelstufe war, hat er einmal in meiner Anwesenheit seinen Freunden offenbart, wie sehr er erleichtert war, weil ich weder Drogen zu mir nahm noch mich prostituierte, obwohl ich als Mädchen geboren war. Darauf war er stolz. Tolle Erwartungen.

Aus heutiger Sicht

Mein Vater ist nicht der hellste. Wenn er versucht, über Politik zu reden, das heißt, bei jeder Tagesschau, ist er nicht in der Lage, etwas Kohärentes zu erzählen. Dass er einen zu hohen Alkoholkonsum hat, hat die Sache nicht gerade verbessert (das riecht man, selbst früh morgens, der Geruch kommt aus den Poren der Haut wieder raus). Die Schulaufgaben haben wir immer von meiner Mami prüfen lassen, nicht von ihm. Seine Ausrede: „Ich habe keine Zeit“, aber ich denke, er konnte es einfach nicht. Wenn er zum Beispiel sagt, „Der Arzt hat nichts gefunden“, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass er in Wirklichkeit meint, „Er hat etwas gesagt, ich habe nichts verstanden, auf Ärzte ist eh kein Verlass“. Ich habe mich immer gefragt, warum meine Mami mit ihm verheiratet war. Schließlich hatte sie Abitur geschafft, ein bisschen BWL studiert und hatte als Buchhalterin gearbeitet, bevor ich zur Welt kam. Mein Vater hatte gerade den Grundschuldiplom und einen handwerklichen Beruf früh gelernt. Meine Mutter liest immer gerne Bücher; ich habe meinen Vater nie im Leben mit einem Buch in der Hand gesehen[5], außer die lokale Zeitung. Meine Mami mag keine großen Partys, mein Vater möchte am liebsten nur wilde Partys machen und Freunden beeindrucken. Tja, viel zu viele Unterschiede, um glücklich als Paar zu leben, oder? Meine Vermutung ist, dass meine Mami schwanger wurde, und dass eine Hochzeit zwischen beiden Familien schnell arrangiert werden musste. Ja, Mitte der Siebziger. Für meine Großeltern noch unvorstellbar, dass man außerhalb einer Ehe Kinder bekommt. Das ironische dabei ist, dass meine Mami aus Gesundheitsgründen ihr erstes Kind im fünften Monat der Schwangerschaft verloren hat[6]. Und wurde noch damit bestraft, mit meinem Vater weiterhin zu leben, weil es doch noch Zeiten waren, wo geschiedene Frauen als Huren galten.

Mein Vater hat anscheinend versucht, sich für Kinderpsychologie und Erziehung zu interessieren. Ob zusammen mit meiner Mutter oder nur aus Fernsehsendungen, weiß ich nicht.

  • Als ich fünf Jahre alt war, hat er mich einmal gefragt, ob ich ihn heiraten möchte, wenn ich erwachsen werde. Ich habe ihm gesagt, nein, er war doch schon mit meiner Mutter verheiratet. Er hat mich dann gefragt, ob ich ihn heiraten würde, wenn meine Mami nicht mehr da wäre. Ich habe geheult. Als meine Mami vom Einkaufen zurück nach Hause gekommen ist, habe ich noch geweint und ihr gesagt, sie soll nicht weg gehen und mich nicht verlassen, was sie zuerst sehr bewundert hat. Blöder Freud.
  • Als ich zehn Jahre alt war und wir aus irgendeinem Grund zu zweit im Auto unterwegs waren (es war ein Sonntagabend, die Nacht hatte schon hereingebrochen, und es regnete extrem stark), hat er plötzlich angefangen, mir zu erklären, wie ich mich verhalten sollte, wenn ein Junge mit mir ausging. Ich sollte den Jungen sagen, ich wäre nicht so wie die sich erhoffen. Ich habe nur Bahnhof verstanden, dafür war ich viel zu jung. Er hat mir erklärt, wenn ich mit einem Jungen Händchen halte, sollte ich nicht alles tun, was er von mir verlangt. Ich habe geantwortet, es wäre blöd, mit einem Jungen Händchen zu halten, das würde ich nicht mal mit meinen Schulfreundinnen machen, und ich wäre schon groß genug, um alleine auf die Straße zu gehen, ohne dass jemand mir die Hand hält, einen Jungen würde ich dafür nicht brauchen[7].
  • Später hat er mich auch davor gewarnt, nachtsüber in die Küche essen zu gehen. Ich habe mich gefragt, woher das auf einmal kam, und habe nur „Ja, ja“ gesagt, wie ich inzwischen immer antwortete. Auf die Idee wäre ich nicht mal gekommen.

Ich denke, er hat irgendwo erfahren, was Kinder am schlimmsten machen könnten, und versucht, das zu verhindern. Dabei habe ich nie ein Zeichen dafür gegeben, dass es mit mir Probleme geben könnte…

Als ich mit sechzehn meinen ersten ernsten Freund Marc kennengelernt habe, habe ich mich an ihn sofort geklammert. Zwei Jahre später, als ich achtzehn wurde, eigentlich sogar noch davor, sind wir zusammen in eine Wohnung umgezogen. Ich habe versucht, es mir nicht anmerken zu lassen, aber ich war so froh, als ich endlich das Elternhaus verlassen habe! Ich denke jetzt, auch wenn ich es damals nicht so deutlich erkannt habe, dass mein Freund für mich vor allem wichtig war, um von zu Hause aus zu fliehen, weil ich nicht sicher bin, dass ich ihn wirklich geliebt habe. Ich bin sehr lange mit ihm geblieben, bis ich für das Diplom-Jahr weit weg umgezogen bin, und mich definitiv von meinem Vater entfernt habe.

Ich weiß nicht, ob mein Vater mit meinen zwei Geschwistern in gleicher Weise mit seinen „Erziehungsmaßnahmen“ vorgegangen ist, ich denke aber nicht. Ich habe nie erfahren, dass meine Schwester oder mein Bruder geschlagen worden sind – auf jeden Fall sicherlich nicht so häufig und je nach Lust und Laune wie ich[8]. Ob er versucht hat, mit ihnen zu reden, wie mit mir, weiß ich auch nicht.
Hat mein Vater versucht, uns doch auf seiner Art eine möglichst gute Basis zu geben, damit wir im Leben gute Chancen haben? Sicherlich, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es bei ihm mehr darum ging, sich selber nicht blamieren zu müssen: Wenn wir Delinquenten geworden wären, hätte er sich geschämt und das Gesicht vor seinen Freunden verloren. Warum ich das denke? Als ich nach Deutschland zurück kehren musste, wollte ich ein Umzugsunternehmen fragen, meine Sachen zu transportieren. Mein Vater hat vehement protestiert und gesagt, er würde doch einen LKW mieten und mit mir nach Deutschland fahren – zwölf Stunden Fahrt. Als er festgestellt hatte, dass er am Reisetag eine Feier von einem Freund verpassen würde, hat er mir gesagt, er würde lieber einige Tage später fahren. Ich habe ihm gesagt, das darf er gerne machen, allerdings alleine und umsonst, ich würde aus eigenen Mitteln mit meinem Zeug hin fahren – sonst wäre ich gleich einige Tage bei der Arbeit abwesend gewesen, das kann doch kein normaler Mensch von jemandem verlangen, der gerade endlich einen neuen Arbeitsvertrag bekommen hat und in der Probephase steckt. Mein Vater hat gesagt, er wollte doch etwas für mich machen, und hat schweres Herzens auf diese Feier verzichtet. Tja, vielleicht „nett“ von ihm, aber wie gesagt, es wäre nicht nötig gewesen. Als ich Monate später gesehen habe, mit welchem Stolz er einem Freund meinen Umzug erzählte, hatte ich wieder den Beweis, dass es ihm nur darum ging, sich selber gut darzustellen.

Also… wenn ich heute sage, dass ich für den Urlaub zu meinen Eltern fahre, meine ich eigentlich zu meiner Mami. Mein Pflichtgefühl zwingt mich dazu, meinen Vater auch zu besuchen, ich versuche es aber möglichst kurz zu halten. Zum Glück hat er eine Freundin. Und er beschwert sich zwar, wenn ich zu kurz bei ihm bin, aber er hat schon mit seiner Freundin ganz woanders Urlaub gemacht, gerade in meiner knappen Anwesenheitszeit in Südfrankreich, so schlimm kann’s also nicht sein.

[1] Ich bin als sechsjähriges Kind schon täglich zum lokalen Bar-PMU gegangen, um seine blauen Gitane ohne Filter zu kaufen. Heute mit Zigarettenkaufverbot unter 18 unvorstellbar.
[2] Es hat nie sichtbare Spuren hinter gelassen. Das heißt lange nicht, dass es keinen Schaden verursacht hat.
[3] Als meine Mutter von meiner Schwester schwanger wurde, hatte mein Vater mir erzählt, ich würde einen kleinen Bruder bekommen. Vielleicht hatten sie während der ganzen Schwangerschaft keine Ultraschall-Untersuchung gemacht? Oder hatte meine Mutter Angst gehabt, ihm die Wahrheit zu sagen?
[4] Wir hatten im Dorf eine Frau, die über zehn Kinder bekommen hatte, bevor es „endlich“ einen Jungen gab und ihr Mann zufrieden war. Klingt unglaublich und mittelaltermäßig, woher ich wohl kommen mag? Südfrankreich dreißig Jahre her.
[5] Doch. Als ich in der zweite Schulklasse war und mit Windpocken im Bett lag, hat er mir eines Abends mein allererstes Buch mitgebracht, damit es mir nicht zu langweilig wird. Ich habe seitdem sehr viel gelesen, weil ich dann Ruhe hatte.
[6] Der laut meinem Vater ein Junge geworden wäre…
[7] Ach ja, ich habe mich doch nicht so sehr verändert.
[8] Ein Lieblingsspruch von meinem Vater war auch, „Wenn du abends nach Hause kommst, schlage zuerst deine Frau und Kinder. Wenn du nicht weißt, warum, wissen sie es“. Damit wollte er immer seine Freunden zum Lachen bringen. Auch wenn sie es schon zig Male gehört hatten. Das sagt er aber nicht mehr, seitdem er von meiner Mami getrennt ist und andere Frauen kennengelernt hat. Oh, und ich erinnere mich, wie meine Mami sagte, sie wäre es satt, sein Punching Ball zu sein, als sie mir vor acht Jahren ankündigte, dass sie sich offiziell scheiden lassen wollte. Das hatte ich zu meiner Schande gar nicht mitbekommen. Ich bin umso froher, dass sie es endlich geschafft hat, sich von ihm zu trennen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.