Der Duft von Lavendel

Ich bin mit Lavendel groß geworden. Jedes Mal, wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin, bringe ich einige Honiggläser nach Deutschland zurück. Ein Stück Heimat. Unser ehemaliger Nachbar, ein Imker, hatte selber seinen Lavendelhonig produziert und auf dem Markt verkauft, bis er vor zwei Jahren im Alter von fünfundsiebzig Jahren beschlossen hat, in Rente zu gehen. Es gab immer weniger Bienen, und die übrig gebliebenen Bienenstöcke, die er noch auf den Feldern hatte, wurden zu häufig randaliert.

Parfüm aus Lavendel habe ich selten gehabt. Es riecht mir zu stark, um getragen zu werden, ohne gleich wie eine Oma zu riechen (meine Oma mütterlicher Seite hatte immer Lavendel getragen). Ich habe die trockenen Blüten bevorzugt in Beuteln gekauft, um sie im Kleiderschrank zu stecken. Vor einigen Jahren hat mir jedoch meine Mami eine Flasche Lavendel-Parfüm aus meiner Geburtsstadt geschenkt. Ich habe sie kaum benutzt, nur ab und zu einen Tropf im Spülwasser benutzt, wenn ich bestimmte Kleidungsstücke per Hand waschen musste. Die Flasche ist auf einem Regal im Badezimmer gelagert worden, in meiner ehemaligen Dachwohnung. Manchmal habe ich sie kurz beim vorbei gehen geöffnet, um den Geruch zu riechen.

Eines Tages im Sommer bin ich einkaufen gegangen. Es war richtig heiß. Mein Nachbar, der Deutschlehrer, wohnte noch im Haus: Ich hatte noch nicht meine Wohnung mit seinem Zimmer erweitert. Die Temperatur war bei mir sehr hoch, und da ich kaum Lüftungsmöglichkeiten hatte, mit allen Fenstern auf der selben Seite des Hauses, bin ich häufig im Sommer tagsüber unterwegs gewesen. An solchen Tagen war die Lieblingsbeschäftigung meiner Katze, in der Badewanne ganz breit zu liegen und sich nicht zu bewegen.

Bei meiner Rückkehr aus dem Supermarkt bin ich die vier Etagen zu meiner Wohnung gestiegen. Auf der ersten Etage, wo meine Vermieterin wohnte, habe ich einen leckeren Duft wahrgenommen und habe gedacht, dass sie bestimmt gerade raus gegangen war. Auf der zweite Etage war der Geruch stärker: Es war doch nicht meine Vermieterin. Auf der dritten Etage fand ich den Geruch sehr stark. Erst dann habe ich gemerkt, dass es sich um Lavendel handelte. Auf meiner Etage angekommen, war der Geruch so intensiv, dass er nicht mehr auszuhalten war. Bevor ich die Tür geöffnet habe, wusste ich, dass er aus meiner Wohnung kommen musste. Und tatsächlich, im Badezimmer roch es am stärksten. Auf dem Regal gab es noch ein bisschen Parfüm, auf dem Holz verteilt und im Rest der Flasche, die wegen der Hitze und des dadurch gestiegenen Innendruckes wohl explodiert hatte. Überall auf dem Boden waren Glasstücke zerstreut. Ich habe gesammelt, was ich finden konnte, und die anderen Flaschen in den Kühlschrank gepackt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Ein Verdacht

Vor zwei Wochen habe ich mich nicht so toll gefühlt. Leichtes Fieber. Ich habe zuerst gedacht, dass es mit dem Fahrrad fahren zu tun hat, weil es deutlich kühler geworden ist. Nach dem zweiten Tauchkurs war ich mit naßen Haaren mit dem Fahrrad nach Hause gefahren. Seitdem habe ich ein komisches Gefühl, als ob ich gerade geniest hätte. Meine Nase fühlt sich ständig gereizt an. Ich niese häufiger, und die Nachwirkung bleibt viel länger als sonst. Erkältet bin ich aber nicht. Es könnte einfach aus dem Chlorwasser vom Schwimmbad kommen.

Ich schlafe momentan länger als sonst. Wahrscheinlich, weil ich noch im Urlaub bin, obwohl ich es nicht mag, zu lange im Bett zu bleiben. Sobald ich wach werde, habe ich den Eindruck, meine Zeit zu verschwenden, wenn ich liegen bleibe.

Seit dem zweiten Tauchkurs habe ich einen Druck im Bauch. Krampfartig, jedoch nicht schmerzhaft. Verstärkte Blähungen. Mit den Ohren habe ich eigentlich gar kein Problem mehr beim Druckausgleich. Beim letzten Kurs am Sonntag ging es noch besser, ich bin mehrmals ab- und aufgetaucht. Ich glaube nicht, dass die Krämpfe im Bauch etwas mit dem Tauchen zu tun haben. Am Wochenende habe ich seltsame Ausscheidungen bekommen. Es sah wie Blut aus, aber hell rosa, nicht wie bei meiner Periode, die zuletzt vor drei Wochen statt gefunden hat. Und ich fühle mich in meinen Kleidern am Bauch eingeengt. Ich war lange nicht mehr beim Fitness-Studio.

An der Haltestelle heute Morgen habe ich mich wieder stark von den Gerüchen um mich herum belästigt gefühlt. Das ist nichts neues, aber in letzter Zeit häufiger. Heute stand eine stark parfümierte Person bei den Sitzplätzen unter der Bahn-Brücke. Zigarettenrauch hing in der Luft. Ich bin vorne bei der Ampel geblieben, wo die vorbei fahrenden Autos die Luft bewegt haben.

Ich warte noch eine Woche ab.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Sonnabend

Heute ist Sonnabend. Ich habe es auf dem Fahrplan gesehen, als ich nach dem Sport auf die Tram wartete. Da waren Fahrpläne für Montag bis Donnerstag, für Freitag, für Sonnabend, und für Sonntag und Feiertage. Ich habe mehrmals in den Spalten nach Samstag gesucht, bis ich verstanden habe, dass es unter Sonnabend zu finden war. Wikipedia hat es mir gerade bestätigt. Laut Plan sollte drei Minuten später eine Tram ankommen. Sie musste aber schon früher abgefahren sein, weil ich die Nächste genommen habe. Ein Glück, dass es nicht so kalt war. Ich habe festgestellt, dass die Leute in der Tram am frühen Samstagabend gut riechen. Warum schaffen sie das unter der Woche nicht? Wenn ich nach der Arbeit mit der Tram nach Hause fahre (nicht häufig, ich bin noch lieber mit Fahrrad unterwegs), sind meistens Menschen da, die stark nach Salami, Tabak oder Bier stinken, oder auch muffige Mäntel tragen. Wenn sie Hundebesitzer sind, wird es für mich an naßen Tagen unerträglich. Ich bin schon mal deswegen früher ausgestiegen und habe den Rest der Strecke zu Fuß gemacht, weil ich es satt war, meinen parfümierten Schal die ganze Zeit vor der Nase zu halten.

Ich war heute beim Sport, statt wie üblich am Sonntag, weil ich morgen vor habe, ein Museum zu besuchen. Ich habe am Dienstag kurz mit meinem Ex-Chef telefoniert, und er hat mich gefragt, was ich bis jetzt in Berlin besucht habe. Als ich ihm in Juni gesagt hatte, dass ich eine neue Stelle hier gefunden hatte, war er begeistert. Er liebt diese Stadt, weil es so viele Museen gibt. Ich musste zugeben, dass ich kulturell noch nicht so viel unternommen habe. Ich war letzte Woche mit dem Fahrrad am Deutschen Historischen Museum vorbei gefahren und wäre gerne spontan rein gegangen, aber es war schon drei Uhr nachmittags, und da ich noch anderthalb Stunden nach Hause brauchte und nicht gerne nachts Fahrrad fahre, habe ich es sein lassen. Für morgen habe ich mir die Dalí-Austellung am Potsdamer Platz ausgesucht. Ich habe schon lange den Traum, sein Museum in Figueres zu besuchen. Vielleicht im Sommer.

Ich merke, wie ich mit dem Gedanke spiele, nach dem Museumbesuch Martin “ganz spontan” anzurufen, um gemeinsam einen Glühwein trinken zu gehen. Ich frage mich, ob ich das machen soll. Ich glaube nicht, dass es ein Rückfall ist. Mir sind schon die Schuppen vor den Augen gefallen. Aber es wäre nicht schlecht, ihn ab und zu außerhalb der Arbeit zu treffen. Er hat mir so viel zu Hause geholfen, ich will nicht, dass er denkt, dass ich gar nichts mehr mit ihm zu tun haben will, jetzt, wo ich keine Hilfe mehr brauche. Und nett ist er, er ist nur nicht als Liebespartner für mich geeignet. Die Wahrscheinlichkeit ist eh sehr groß, dass er ablehnt, weil er Sonntags immer mit seinem Vater etwas unternimmt. Ich gehe kein großes Risiko ein. Ich könnte Mieke fragen, die auch in der Gegend wohnt. Ich habe den Eindruck, dass es ihr zur Zeit nicht so gut geht.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Längeres Wochenende

Dadurch, dass ich am Freitag mit einem früheren Zug gefahren bin und einen Liegeplatz im Nachtzug für die Nacht von Sonntag auf Montag reservieren konnte, konnte ich am Wochenende viel mehr machen als bei den letzten zwei.

Die Fahrt am Freitag ging schnell. Weil ich so müde war, dass ich fast nur geschlafen habe. Blöd nur, dass ich meine Wachskugel nicht mehr finden konnte. Wie sich später herausgestellt hat, waren sie ganz unten in meinem Rucksack statt in meiner Handtasche. Das Paar neben mir war ganz schön laut am Anfang. Einschlafen im Zug ist manchmal interessant. Man baut die verschiedenen Gespräche deformiert in den Halluzinationen vor dem Schlaf ein, es kann sehr irre werden. Ich hatte am Tisch reserviert, wie immer. Ich verstehe nicht, warum nicht mehr Leute bei einer so überlasteten Verbindung einen Sitzplatz reservieren. Am Ostbahnhof geht es, da steigen ganz wenige Leute ein. Am Hauptbahnhof wird es plötzlich extrem hektisch, mit genervten Leuten, die sich immer beschweren, dass es so voll ist… Dabei ist die S-Bahn-Fahrt bis zum Ostbahnhof gar nicht so lang. Vielleicht denken die meisten Leute gar nicht daran, von einer Haltestelle aus früher zu starten; die Suche nach einem freien Platz wäre viel entspannter.

Ich möchte sonst noch meinen potentiellen Mitfahrern etwas für mich Wichtiges mitteilen, dass ich so häufig erlebt habe: Wenn ihr für die lange Reise etwas zum Essen packt, ist es ganz vernünftig. Aber muss es unbedingt Brot mit der billigen deutschen Salamisorte sein, die so fürchterlich im ganzen Wagen stinkt, oder mit Leberpastete? Was für ein Spaß, wenn die Dose mit dem Brot nach einigen Stunden Hitze geöffnet wird! Frischkäse tät’s genau so gut und wäre dabei nicht so fett. Dagegen riecht die italienische Salami sehr angenehm, sie liegt Welten von der deutschen entfernt. Allerdings gilt’s auch für Kollegen die im Büro essen (den Fall habe ich zum Glück bei meiner neuen Arbeit nicht gehabt, wir essen in der Mensa).

Am Freitagabend bin ich vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause gekommen. Meine Katze hat mir wieder Vorwürfe für die lange Abwesenheit gemacht. Meine Vermieterin meinte, sie hätte sich diese Woche schlecht gelaunt verhalten, als sie kam, um sie zu füttern. Es kann aber auch an der Hitze liegen, bei Außentemperaturen über 30°C liegt sie am Boden und meckert. Wir wohnen unter dem Dach. Das ist ein anderer Grund, warum ich die Dachwohnung mit der so hohen Maklerprovision lieber nicht nehmen möchte. Zur Not ist sie besser als nichts. Bei der schönen Erdgeschosswohnung habe ich noch nichts gehört, und die Frau wollte mir am Ende letzter Woche Bescheid gesagt haben. Es gab plötzlich einen anderen Kandidaten, als ich am Mittwoch angerufen habe. Am Montag sagte sie noch, ich würde den Zuschlag bekommen (was auch immer das bedeutet, ich hatte es als positiv gespeichert).

Ich bin früh ins Bett gegangen. Ich wollte vor dem Einschlafen ein bisschen lesen. Ich weiß noch, wie ich unter meinem Kopfkissen nach einem Buch gesucht habe (es gibt häufig ein oder zwei Bücher unter meinem Kopfkissen). Aber plötzlich war es ganz hell im Zimmer und es war kurz nach 07:00. Das Buch lag noch unter dem Kissen, die Nachtleuchte war noch an. Ich habe vom Einschlafen nichts gemerkt.

Das Wochenende habe ich fast nur mit Putzen verbracht. Staubgesaugt, Boden gewaschen, Kleider in die Waschmaschine, meine Sachen und kleine Möbel aus der kleineren Wohnung zur größeren gebracht… Beim Staubsaugen habe ich eine Spinne entdeckt. Eine echte Spinne, von dem Typ groß ekelhaft dick braun. Sie war in einer Ecke versteckt. Es kann sein, dass meine Vermieterin, die über meine Phobie informiert ist, versucht hat, sie zu entsorgen. Der Staubsauger lag nicht wie sonst. Vielleicht hat sie sie vor einer Besichtigung gesehen. Wo die Spinne war, sah es nicht sehr gemütlich aus. Es war so eng, zwischen Wand und Leiste am Boden, ich habe nur die Beine zusammengewinkelt gesehen, die raus ragten. Vielleicht war sie schon tot. Ich muss sagen, es ist sehr selten vorgekommen, dass ich in dieser Wohnung Spinnen getroffen habe.

Die Rückfahrt im Nachtzug war nicht so toll. Ich hatte meinen Wecker um 04:20 gestellt, weil ich so früh in Berlin ankommen sollte. Ich bin aufgestanden, habe mich frisch gemacht, habe den Rucksack auf dem Rücken gepackt, nach draußen geschaut, wir fuhren gerade an einem Bahnhof vorbei… Magdeburg. Mist. Zurück zur Liege. Schlafen konnte ich für die kurze Zeit schon nicht mehr. Wir hatten insgesamt anderthalb Stunde Verspätung. Ich hätte mich blind darauf verlassen sollen, dass die Kontrolleure einen kurz vor Anreise wecken. Wobei eine halbe Stunde davor schon zu viel ist. Aufstehen, aufs Klo gehen, Gepäck sammeln, dafür braucht man doch nicht so lange. Ich hatte ursprünglich vor gehabt, die Nacht im Büro auszuschlafen, aber bei der verspäteten Ankunft lohnt es sich schon nicht mehr. Bald kommt mein dritter Zimmerkollege an.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Die Stadt stinkt

Ich musste heute raus gehen. Die Agentur für Arbeit erwartet ja meine Rückmeldung für die Stelle, die sie mir geschickt hatten, mit Begründung für die eventuelle Absage. Das Formular habe ich jetzt ausgefüllt und geschickt. Abgehackt. Die Bewerbung nach England habe ich doch nicht geschrieben, nachdem ich den vorgesehenen Gehalt gemerkt habe. Was promovierte Wissenschaftler am ISIS verdienen entspricht gerade das Gehalt von unseren Doktoranden auf 3/4 Stellen in Deutschland. Oder 1/2 Stellen, wenn es brutto war.

Das Wetter ist wieder traumhaft. Die Temperatur macht mit. Die Magnolienbäume sind gerade beim Erblühen. Die Leute sind mit Sommerkleidung und Sonnenbrillen unterwegs. Heute ist Donnerstag – warum war ich gestern so fest überzeugt, schon am Donnerstag zu sein? Egal, das hat mit dem jetzigen Eintrag nichts zu tun.

Ich bin die Theaterstraße runter gegangen. An einer Haltestelle waren viele Busse angehalten. Nicht nur die aus dem öffentlichen Nahverkehr, auch Reisebusse. Ihre Abgase mag ich nicht. Einige können wirklich aggressiv riechen. Ich bin möglichst schnell an ihnen vorbei gegangen. Nach der Post wollte ich noch ein paar Sachen kaufen, wie Katzenstreu. Auf dem Rückweg gab es viel mehr Leute auf der Straße, es war schon über mittags. Ich bin an vielen kleinen Gruppen vorbei gegangen, die am Rauchen waren. Mit riesigen Rauchwolken. Bei einigen war es auch nicht bloß Tabak. Den Geruch mag ich noch weniger. Eine neue Baustelle gab’s auch, ich bin die Theaterstraße auf der anderen Seite wieder hoch gegangen. Die haben viel Staub verursacht. An meiner Kreuzung gab es einen riesen Stau, mit entsprechenden Abgasen. Autos überall quer, man musste sich mit Einkaufswagen dazwischen einen Weg finden, niemand konnte richtig weg fahren, egal welche Farbe die Ampel zeigte. Der Bus vor meiner Haustür konnte nicht weg aus seiner Haltestelle. Ich bin froh, Fußgängerin zu sein.

Ich muss auch noch essen. Mir ist nicht danach. Und ich habe gerade festgestellt, dass ich heute schon 19 Seitenaufrufe habe, obwohl ich noch nichts geschrieben habe. Das Tagebuch einer arbeitslosen Wissenschaftlerin wird im Durchschnitt drei Mal mehr gelesen, als mein selbst verfasster Artikel über das Friedelsche Gesetz auf Wikipedia (in meiner Muttersprache). Irgendwie deprimierend.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.