Heute ist Weltfrauentag

In Berlin ist sogar erstmalig dafür Feiertag. Ich bin nicht sicher, dass ich das so gut finde. Am internationalen Frauentag können Frauen die Arbeit nieder legen. Sie streiken und treffen sich, um zu diskutieren oder demonstrieren. Aus dem Frauentag einen Feiertag zu machen, entkräftet die Aussage von einer Streitaktion massiv. Andererseits können dadurch mehr Leute an Demos teilnehmen.

Ich habe noch nie an irgendwelchen Aktionen zum Weltfrauentag teilgenommen. Wenn, dann würde ich solidarisch für andere Frauen hingehen, die nicht so viel Glück wie ich haben. Aber dieses Jahr habe ich es verpennt. In München ist kein Feiertag. Ab 16:00 war am Marienplatz etwas organisiert. Ich habe blöderweise einem Telefongespräch am späten Nachmittag mit meinem amerikanischen Kunden zugesagt, bevor ich geschnallt habe, dass heute Frauentag ist. Das Gespräch wurde doch nicht so lang, der Ehemann hat mich mit dem neuen Auto von der Arbeit abgeholt, und wir haben einen ausnahmsweise frühen Feierabend zu Hause genossen.

Ich selber kann nicht meckern, seitdem ich das Elternhaus hinter mir gelassen habe. Ich habe endlich einen guten Job. Keine Ahnung, wie gut ich im Vergleich mit den anderen Kollegen verdiene. Aber ich bin schon sehr zufrieden. Der Ehemann ist arbeitslos, und selbst wenn er gar keine Leistung mehr beziehen würde, könnte ich uns noch einen recht guten Lebensstandard leisten. Trotz freiwilliger Krankenversicherung und großer Wohnung im Münchner Raum. Der Ehemann ist ein Schatz und übernimmt quasi alle Hausarbeiten. Wäsche aufhängen, Spülmaschine ausräumen, Dusche trocken, Staubsaugen, Boden wischen… Ich koche jeden Tag, wahr, weil ich es einfach so gerne tue. Und ab und zu wische ich Staub aus den Regalen. Ich habe Glück, denn ich bin keine Hausfrau.

Andere nicht. Die Dokus auf Arte am Dienstag haben mich recht wütend gemacht. Es ist nichts Neues, man weiß es lange, aber es wirkt ganz anders, wenn man Aussagen von Frauen hört, die in der katholischen Kirche von ihren männlichen Vorgesetztern Jahre lang hirngewaschen vergewaltigt und zu Abtreibungen gezwungen werden. So läuft es seit Jahrhunderten, und danach sind es immer die Frauen, die als schuldig angesehen und rausgeworfen werden. Die zweite Doku über die Misshandlung von entführten Frauen durch Mitglieder des sogenannten IS war noch schlimmer. Es ist zum Kotzen.

Ich weiß nicht, ob so ein Tag wirklich eine Wirkung hat. Die Gewalt gegen Frauen hat schon viel zu lange gedauert. Wenn ich sehe, was heutzutage noch alles passiert, habe ich das Gefühl, dass die Menschheit sich seit Jahrtausenden nicht weiter entwickelt hat. Technisch, ja, aber ganz tief bleibt immer noch der Wurm drin.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Hausarzt gewechselt

Ich war schon länger mit unserem Hausarzt unzufrieden. Der Ehemann hatte ihn uns ausgesucht, bevor wir zusammen umgezogen sind. So praktisch auf der anderen Seite der Straße. Das war vor drei Jahren.

Mich hat es vom Anfang an gestört, wie sehr es im Treppenhaus und in der Praxis nach Zigarettenqualm stinkt. Sobald man die Haustür öffnet, wird man von dem Mief begrüßt. Meistens hat es in der Praxis nicht so stark gestunken, und ich hatte immer gedacht, es wäre ein Nachbar im Haus, der die ganze Zeit so raucht. Nein. Es lag daran, dass die Fenster in der Praxis häufig weit geöffnet sind, um zu lüften. Der Arzt hat eine Küche hinter dem Warteraum, und als ich eines Morgens bei der Eröffnung vor dem Schreibtisch seiner Sekretärin stand, saß er da am Küchentisch mit breit geöffneter Tür und rauchte. In seiner Praxis. In völliger Verachtung seiner Patienten. Das darf doch nicht wahr sein! Der Arzt ist auf Bewertungsportalen dafür bekannt, dass er seine Patienten leicht krank schreibt, wahrscheinlich deswegen ist seine Praxis trotzdem gut gefüllt, überwiegend von kerngesund aussehenden jungen Menschen.

Als er mich vor zweieinhalb Jahren mit Verdacht auf Appendizitis wegen Bauchschmerzen zur Notaufnahme vom nächsten Krankenhaus geschickt hatte, dachte ich nach der OP, immerhin hat er mich dahin geschickt und mir so das Leben gerettet. Ich hatte innerlich viel Blut verloren. Gut, es war keine Appendizitis sondern eine Bauchhöhlenschwangerschaft, aber wie soll man bei so starken Schmerzen so schnell die richtige Diagnose stellen? Die Möglichkeit einer Extrauteringravidität hatte er erwähnt, obwohl er nicht daran glaubte und die zusätzlichen Schulterschmerzen ignoriert hatte. Im Nachhinein: Er hätte drauf kommen sollen. Wir hätten auf jeden Fall viel Zeit gespart, wenn er mich gleich zu einem Krankenhaus mit einer Gynäkologie-Abteilung geschickt hätte.

So sah mein Radiusköpchen im letzten Sommer aus.

Nach der Fehlgeburt am Anfang des Jahres bin ich bei ihm gewesen. Ich hatte einige Wochen zuvor Schmerzen in meinem linken Ellbogen gespürt. Ein Dreivierteljahr davor hatte ich mir den Radiusköpchen angebrochen, und nach der Behandlung wurde der Riss nicht geprüft. Nicht, dass es den Arzt interessiert hätte, er hatte sich damals die Tomographie-Erbegnisse gar nicht angeschaut. Der Bruch war komplizierter als gedacht. Als ich also während der Schwangerschaft Schmerzen bekommen hatte und den Unterarm nicht mehr so weit drehen konnte, bin ich zur Orthopädie gegangen. Wegen meines Zustandes kam Radiologie nicht in Frage, der Unterschied zum rechten Arm war aber deutlich zu sehen. Nach der Fehlgeburt bin ich zurück zum Hausarzt gegangen. Der Schmerz war wieder weg, der Arm sah normal aus, es gab kein akutes Problem, was die Nutzung der Sprechstunde bei der Orthopädie rechtfertigen würde. Außerdem hatte der Hausarzt damals die Tomographie angefordert. Tja. Alles, was er mir verordnet hat, waren Antidepressiva. „Mit ihrem Arm ist alles in Ordnung, Sie haben ein Problem im Kopf“, verkündete er mir. Ist ja klar, nach der Fehlgeburt drehe ich jetzt durch, war seine Schlussfolgerung. Es hat mich recht sauer gemacht. Ich habe beschlossen, nie wieder zu ihm zu gehen.

Einen neuen Arzt hatte ich mir leider noch nicht ausgesucht, als ich vor zehn Tagen aus heiterem Himmel eine Blasenentzündung bekommen habe. Ich war gerade aus einem zweitägigen Workshop mit dem Bus aus dem Flughafen zurück nach Hause gefahren. Nach der Haltestelle hatte ich gut zehn Minuten Fußweg, worüber ich mich freute. Mir ging’s blendend. Beim Aussteigen habe ich plötzlich so einen schmerzhaften Harndrang gespürt, das war unglaublich. Ich konnte keine zehn Meter laufen, ohne eine kurze Pause einlegen zu müssen, um den Urin in der Blase zu halten. Die Nacht war hereingebrochen, die Gegend nicht so stark besiedelt, und obwohl ich so gerne einfach am Straßenrand meine Blase geleert hätte, konnte ich nicht. Es war mir zu hell beleuchtet, vereinzelte Leute waren noch unterwegs. Ich trug einen langen Mantel und habe ernsthaft daran gedacht, mir in die Hose zu pinkeln. Aber dann, die Sauerei in den Schuhen… Ich habe es bis nach Hause geschafft. Habe alles am Boden fallen lassen, bin am erstaunten Ehemann vorbei gerauscht und samt Schuhe und Mantel zum Klo gerannt. Hat es weh getan! Und zum Schluß war der Urin rötlich gefärbt. Den ganzen restlichen Abend hatte ich Harndrang, obwohl ganz wenig zu entsorgen war, und es gab Blut im Urin. Am nächsten Morgen musste ich zum Arzt. Als ich ihn gefragt habe, ob er eine Urinprobe wollte, hat er gelacht. Ich habe pauschal Antibiotika gegen E. Coli bekommen. Wie lange möchte ich denn krank geschrieben werden, wollte er wissen. Gar nicht, war meine Antwort. Ich programmiere, habe also keine schwere körperliche Arbeit, und es macht mir Spaß. Das war für ihn unbegreiflich. Eine junge Frau soll hübsch sein und nicht so viel denken, hat er mir gesagt. Was will ich mit Programmieren? Ah ja, ich hatte schon mitgekriegt, wie frauenfeindlich er seine weiblichen Hilfskräfte behandelt. Und er war schon dabei, mir geistesabwesend das Formular für eine Krankschreibung zu füllen. Die habe ich abgelehnt.

Mir hat’s gereicht. Der Ehemann hat sich letzte Woche einen grippalen Infekt geholt und ich habe etwas davon bekommen. Wir mussten beide zum Arzt. Diesmal war eine Krankschreibung nötig. Wir haben einen anderen Arzt gefunden, der zwar weiter weg liegt, dafür einen viel besseren Eindruck macht. Die Praxis stinkt nicht wie ein Rauchsalon, der Empfangsbereich sieht sauberer und professioneller aus, das Wartezimmer ist viel angenehmer gestaltet, und der Arzt nimmt mich ernst, wenn ich etwas erzähle! Dass ich übrigens nach der Behandlung mit Antibiotika eine vaginale Mykose entwickelt habe, überrascht ihn nicht, es ist bekannt. Das ist die Art von Information, die ich gerne von meinem ehemaligen Arzt bekommen hätte. Ich habe es nicht kommen gesehen. Ich finde nun, langsam könnten die Wehwehchen aufhören. Einen Monat dauert es schon an. Was der neue Arzt sonst angesprochen hat ist, dass wir einen Termin für einen Gesundheitscheck vereinbaren sollen. Darauf hat jeder Versicherter ab 35 alle zwei Jahre einen Anspruch, und das hatte mir der vorherige Arzt verschwiegen! Ich bin froh, dass wir die Praxis gewechselt haben.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Hörschaden und Mysoginie

Ich glaube, einen Zusammenhang gefunden zu haben. Und das, mit Hilfe des Kollegen, den ich letzte Woche bei der Weihnachtsfeier kennen gelernt habe.

Wir waren als kleine Gruppe zum Partyraum angekommen. Ich hatte mir gerade ein Bier geholt und war am Diskutieren mit meiner Gruppe, als ein rundlicher Mann mit kariertem Hemd und gut um die fünfzig zu uns kam und sich vorstellte. Mit seiner Art, laut zu reden, grässlich über seine eigenen Witze zu lachen und jedem seine Meinung über alles erzählen zu müssen, habe ich sofort gedacht, er müsste Rheinländer sein. Ich hatte bis vor kurzem nur in Nordrhein-Westfalen gelebt und habe dort viele ähnliche Leute getroffen. Vom Rest Deutschlands habe ich keine Ahnung. Als er da stand und redete, hatte ich ständig den Eindruck, Jürgen vor mir zu haben, der selbst so viel Wert darauf gelegt hatte, Rheinländer zu sein. Ich habe ihn nicht gefragt, woher er kommt. Ich habe nur zugehört. Seinen Namen habe ich schon beim Hören vergessen. Ich weiß nur, dass er in der Werkstatt arbeitet. Er kam mir vor, als ob er endlich neue Personen gefunden hätte, die noch nie das „Glück“ hatten, seine Redekunst zu bewundern. Sein Gespräch wirkte, als ob er seit langem immer wieder die gleichen Sachen erzählt hätte.

Er war keine Minute bei uns, als er schon anfing, über unsere Zentrumsleiterin zu lästern. Ich kenne sie nicht persönlich, habe sie aber schon seit vielen Jahren bei verschiedenen Tagungen gesehen und Vorträge von ihr gehört. Mich beeindruckt sie als Power-Frau sehr. Dazu sieht sie immer perfekt aus. Unser neue Bekannte musste sich abwertend über sie ausdrücken. Er hat zuerst versucht, sich über ihre sehr feminine Garderobe lustig zu machen. Meine Kollegin Mieke war sehr schnell, ihn zu widersprechen. Das hat ihm offensichtlich nicht gefallen. Ein anderer Kritikpunkt musste her. Wie schlecht würde sie bei Vorträgen reden! Ihre Stimme wäre unerträglich und würde nur an seinen Ohren kratzen, man würde sie kaum verstehen. Diesen Kommentar fand ich merkwürdig, weil ich sie schon häufig gehört hatte und mich ihre Stimme nie gestört hatte. Als er merkte, dass wir seine Meinung nicht teilten, musste er dann sagen, seine Antipathie gegen sie läge daran, dass die Frau Physikerin wäre, und man wüsste, was für asoziale Wesen Physiker wären, normale Leute sind es nicht.

An diesem Zeitpunkt war ich eigentlich schon lange nicht mehr an seinem Gespräch interessiert und fragte mich, zu welcher anderen Gruppe ich mich anschließen konnte. Das wurde mir leider nicht gegönnt, weil Mieke in dem Moment erwähnen musste, dass ich selber Physik studiert habe (und sie musste mir dann noch mal erklären, was er gerade gesagt hatte). Da fing er an, sich zu mir zu wenden. Nichts gegen Physiker, aber ich hätte ja noch nichts gesagt, seit dem er bei uns wäre (sein verbaler Durchfall lud nicht gerade dazu ein), er hätte meine Stimme gar nicht gehört, ob ich nicht etwas jetzt sagen könnte, damit er wisse, wie sie klingt? So eine freche Art. Da er anscheinend nur meine Stimme hören wollte, und nicht daran interessiert war, was ich erzählen könnte, habe ich mich nach einer kurzen Überlegung entschieden, ein betont langes „Ääh“ auszusprechen, was meiner Meinung nach genau den Zweck erfüllen würde. Mieke hat gelacht und ihm gesagt, so würde man doch nicht Leute zum sprechen bringen. Er hat später angemerkt, dass mein „Problem“ daran lag, dass ich nicht Deutsch bin. Nein, daran lag’s nicht, mit ihm wollte ich einfach nicht reden. Nicht mit Leuten, die voll mit Vorurteilen gepackt sind und noch stolz darauf sind.

Als ich glücklicherweise als uninteressant eingestuft wurde, fing er an, Ronald anzusprechen. Da er über 1,90 Meter groß ist, fragte er ihn, wie es ihm da oben gehen würde. Gutmütig antwortete Ronald nur „Ganz gut“. Ich habe ihm gesagt, dass eine Freundin von mir, die so groß wie er ist, in solchen Situationen immer antwortet, „Es stinkt nach Zwergen“. Meine Kollegen haben gelacht. Der Mann hat nicht verstanden. Ich habe es wiederholt. Er hat es immer noch nicht verstanden (dabei hat er mich nicht direkt angesprochen, sondern meinen Kollegen gesagt, „Ich verstehe sie nicht“). Mir war’s egal, es war sowieso nicht nett für ihn gemeint gewesen. Und da habe ich es gemerkt: Der Mann ist mysogin, weil er halb taub ist. Frauen kann er aufgrund ihrer höheren Stimmen nicht wahrnehmen, aber da er nicht merken will, dass er einen Hörschaden hat, verhält er sich, als ob man Frauen nicht ernst nehmen soll. Man versteht nicht, was sie sagen, so wichtig kann’s für ihn also nicht sein.

Ein anderer Gedanke des Tages habe ich an dem Abend nach Hause mitgenommen. An Weihnachtsfeiern bekommt man die Gelegenheit, Leute zu treffen, mit denen man sonst nichts zu tun hat. Es ist gut, um sich das ganze restliche Jahr froh darüber zu fühlen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Mein Vater

Ich bin mir lange nicht sicher gewesen, ob ich wirklich über dieses Thema in meinem Tagebuch schreiben möchte. Ich versuch’s doch heute, wenn nur, um es hinter mir zu bringen und den Ballast los zu werden. Es droht wieder, ein Roman zu werden.

Erinnerungen aus meiner Kindheit

  • Mein Vater war nie zu Hause, weil er in einer Stadt 30km entfernt gearbeitet hat. Das heißt, früh morgens weg, spät abends zurück. Meine Mami hat sich stets um uns gekümmert, da sie seit meiner Geburt sehr lange nicht mehr berufstätig war. Er hat materiell für uns gesorgt, und hat zum Beispiel unser Haus an Wochenenden selber gebaut, manchmal auch mit Freunden zusammen, das hat Jahre gedauert.
  • Mein Vater ist sehr ungeduldig. Und hatte mich ganz früh als Mädchen für alles zu Hause angestellt[1]. Als ich eines Tages für ihn Kaffee vorbereitet hatte, während er auf der Couch im Wohnzimmer rauchte, ist er plötzlich wütend geworden, weil es seiner Meinung nach nicht schnell genug ging. Er ist mir an der Tür von der Küche brüllend begegnet, als ich sehr langsam mit der Tasse in der Hand raus ging, um den heißen Kaffee nicht umzukippen. Zwar hat er sich gleich entschuldigt, als er gesehen hat, dass ich ihm doch seinen Kaffee vorbereitet hatte und er mich unberechtigter Weise geschimpft hatte, aber es ist nur eine von vielen Geschichten, die ich über ihn noch nicht vergessen habe.
  • Ich bin die älteste von drei Geschwistern. Wir sind alle mit vier Jahren Abstand geboren. Für meinen Vater war es daher selbstverständlich, dass ich die Verantwortung für die Jüngeren übernehme. Auch in der Schule. Das heißt, wenn sie hinterlistig dumme Sachen angestellt haben, wie Kinder es halt häufig tun, bin ich danach immer geschlagen worden[2]. „Als Beispiel für die jüngeren Geschwister.“ Die haben dabei nur gelernt, dass egal was sie tun, jemand anderes für sie büßen wird.
  • Eines Tages hat mich mein Vater für eine Nichtigkeit wieder geschlagen. Ein anwesender Onkel fand das sehr lustig. Meine Mami wurde sauer, hat mich und meine Schwester (die gerade das Gehen gelernt hatte) gepackt, Mantel angezogen, und wir haben das Haus verlassen. Ich weiß leider nicht mehr, was danach passiert ist. Sind wir wirklich bis zu ihrer Mutter in Nizza gefahren? Hat unser Vater uns dort abgeholt? Wie auch immer, wir sind doch zurück gekommen. In den späteren Jahren habe ich häufig davon fantasiert, wie schön mein Leben hätte sein können, wären wir weg geblieben.
  • In der Pubertät, als ich groß genug geworden war, um mich physisch zu wehren, hat er mich nicht mehr geschlagen, sondern er hat mir jeden Tag gesagt, ich wäre hässlich und nicht würdig, seine Tochter zu sein – also psychologische Angriffe. Das war einfacher, damit umzugehen. Ich liebte meinen Vater schon lange nicht mehr (und zweifle dran, ob ich es je tat) und hielt schon nicht mehr viel von ihm, ich war also nicht berührt, als er versuchte, mich verbal zu erniedrigen. Abgesehen davon, dass ich mich um mein Aussehen nicht kümmerte, hatte ich genug Jungs um mich herum, um zu wissen, dass es mit dem hässlich sein nicht stimmen konnte – auch wenn ich mich nicht im Geringsten für sie interessierte, weil sie sich albern verhielten und ich den Unterricht in der Schule spannender fand.
  • In der siebten Klasse habe ich eine neue sehr engagierte Englischlehrerin bekommen, die gerade aus einem Austauschjahr in Amerika zurück gekommen war. Sie hatte am Anfang des Jahres alle Eltern ihrer Schüler zu Hause angerufen, um Kontakt zu knüpfen. Als mein Vater ans Telefon ging und sie sich gerade vorgestellt hatte, hat er sofort explodiert und brüllend gefragt, was ich denn schon wieder angestellt hätte. Am nächsten Tag hat sich die Lehrerin bei mir entschuldigt und gesagt, sie hoffte, ich hätte dadurch kein Problem zu Hause bekommen.
  • Für meinen Vater ist es eine Schande, eine Tochter zu haben. Als ich als siebenjähriges Kind eines Sonntagmorgens vor dem Schlafzimmer meiner Eltern auf dem Weg zu Küche gegangen bin, habe ich gehört, wie er meine Mutter gebetet hatte, ein drittes Kind zu bekommen, weil er endlich einen Jungen haben wollte[3] – was auch zum Glück für meine Mami klappte[4]; ich weiß aber immer noch, wie sie sagte, sie hätte keine Lust auf ein drittes Kind. Als ich in der Mittelstufe war, hat er einmal in meiner Anwesenheit seinen Freunden offenbart, wie sehr er erleichtert war, weil ich weder Drogen zu mir nahm noch mich prostituierte, obwohl ich als Mädchen geboren war. Darauf war er stolz. Tolle Erwartungen.

Aus heutiger Sicht

Mein Vater ist nicht der hellste. Wenn er versucht, über Politik zu reden, das heißt, bei jeder Tagesschau, ist er nicht in der Lage, etwas Kohärentes zu erzählen. Dass er einen zu hohen Alkoholkonsum hat, hat die Sache nicht gerade verbessert (das riecht man, selbst früh morgens, der Geruch kommt aus den Poren der Haut wieder raus). Die Schulaufgaben haben wir immer von meiner Mami prüfen lassen, nicht von ihm. Seine Ausrede: „Ich habe keine Zeit“, aber ich denke, er konnte es einfach nicht. Wenn er zum Beispiel sagt, „Der Arzt hat nichts gefunden“, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass er in Wirklichkeit meint, „Er hat etwas gesagt, ich habe nichts verstanden, auf Ärzte ist eh kein Verlass“. Ich habe mich immer gefragt, warum meine Mami mit ihm verheiratet war. Schließlich hatte sie Abitur geschafft, ein bisschen BWL studiert und hatte als Buchhalterin gearbeitet, bevor ich zur Welt kam. Mein Vater hatte gerade den Grundschuldiplom und einen handwerklichen Beruf früh gelernt. Meine Mutter liest immer gerne Bücher; ich habe meinen Vater nie im Leben mit einem Buch in der Hand gesehen[5], außer die lokale Zeitung. Meine Mami mag keine großen Partys, mein Vater möchte am liebsten nur wilde Partys machen und Freunden beeindrucken. Tja, viel zu viele Unterschiede, um glücklich als Paar zu leben, oder? Meine Vermutung ist, dass meine Mami schwanger wurde, und dass eine Hochzeit zwischen beiden Familien schnell arrangiert werden musste. Ja, Mitte der Siebziger. Für meine Großeltern noch unvorstellbar, dass man außerhalb einer Ehe Kinder bekommt. Das ironische dabei ist, dass meine Mami aus Gesundheitsgründen ihr erstes Kind im fünften Monat der Schwangerschaft verloren hat[6]. Und wurde noch damit bestraft, mit meinem Vater weiterhin zu leben, weil es doch noch Zeiten waren, wo geschiedene Frauen als Huren galten.

Mein Vater hat anscheinend versucht, sich für Kinderpsychologie und Erziehung zu interessieren. Ob zusammen mit meiner Mutter oder nur aus Fernsehsendungen, weiß ich nicht.

  • Als ich fünf Jahre alt war, hat er mich einmal gefragt, ob ich ihn heiraten möchte, wenn ich erwachsen werde. Ich habe ihm gesagt, nein, er war doch schon mit meiner Mutter verheiratet. Er hat mich dann gefragt, ob ich ihn heiraten würde, wenn meine Mami nicht mehr da wäre. Ich habe geheult. Als meine Mami vom Einkaufen zurück nach Hause gekommen ist, habe ich noch geweint und ihr gesagt, sie soll nicht weg gehen und mich nicht verlassen, was sie zuerst sehr bewundert hat. Blöder Freud.
  • Als ich zehn Jahre alt war und wir aus irgendeinem Grund zu zweit im Auto unterwegs waren (es war ein Sonntagabend, die Nacht hatte schon hereingebrochen, und es regnete extrem stark), hat er plötzlich angefangen, mir zu erklären, wie ich mich verhalten sollte, wenn ein Junge mit mir ausging. Ich sollte den Jungen sagen, ich wäre nicht so wie die sich erhoffen. Ich habe nur Bahnhof verstanden, dafür war ich viel zu jung. Er hat mir erklärt, wenn ich mit einem Jungen Händchen halte, sollte ich nicht alles tun, was er von mir verlangt. Ich habe geantwortet, es wäre blöd, mit einem Jungen Händchen zu halten, das würde ich nicht mal mit meinen Schulfreundinnen machen, und ich wäre schon groß genug, um alleine auf die Straße zu gehen, ohne dass jemand mir die Hand hält, einen Jungen würde ich dafür nicht brauchen[7].
  • Später hat er mich auch davor gewarnt, nachtsüber in die Küche essen zu gehen. Ich habe mich gefragt, woher das auf einmal kam, und habe nur „Ja, ja“ gesagt, wie ich inzwischen immer antwortete. Auf die Idee wäre ich nicht mal gekommen.

Ich denke, er hat irgendwo erfahren, was Kinder am schlimmsten machen könnten, und versucht, das zu verhindern. Dabei habe ich nie ein Zeichen dafür gegeben, dass es mit mir Probleme geben könnte…

Als ich mit sechzehn meinen ersten ernsten Freund Marc kennengelernt habe, habe ich mich an ihn sofort geklammert. Zwei Jahre später, als ich achtzehn wurde, eigentlich sogar noch davor, sind wir zusammen in eine Wohnung umgezogen. Ich habe versucht, es mir nicht anmerken zu lassen, aber ich war so froh, als ich endlich das Elternhaus verlassen habe! Ich denke jetzt, auch wenn ich es damals nicht so deutlich erkannt habe, dass mein Freund für mich vor allem wichtig war, um von zu Hause aus zu fliehen, weil ich nicht sicher bin, dass ich ihn wirklich geliebt habe. Ich bin sehr lange mit ihm geblieben, bis ich für das Diplom-Jahr weit weg umgezogen bin, und mich definitiv von meinem Vater entfernt habe.

Ich weiß nicht, ob mein Vater mit meinen zwei Geschwistern in gleicher Weise mit seinen „Erziehungsmaßnahmen“ vorgegangen ist, ich denke aber nicht. Ich habe nie erfahren, dass meine Schwester oder mein Bruder geschlagen worden sind – auf jeden Fall sicherlich nicht so häufig und je nach Lust und Laune wie ich[8]. Ob er versucht hat, mit ihnen zu reden, wie mit mir, weiß ich auch nicht.
Hat mein Vater versucht, uns doch auf seiner Art eine möglichst gute Basis zu geben, damit wir im Leben gute Chancen haben? Sicherlich, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es bei ihm mehr darum ging, sich selber nicht blamieren zu müssen: Wenn wir Delinquenten geworden wären, hätte er sich geschämt und das Gesicht vor seinen Freunden verloren. Warum ich das denke? Als ich nach Deutschland zurück kehren musste, wollte ich ein Umzugsunternehmen fragen, meine Sachen zu transportieren. Mein Vater hat vehement protestiert und gesagt, er würde doch einen LKW mieten und mit mir nach Deutschland fahren – zwölf Stunden Fahrt. Als er festgestellt hatte, dass er am Reisetag eine Feier von einem Freund verpassen würde, hat er mir gesagt, er würde lieber einige Tage später fahren. Ich habe ihm gesagt, das darf er gerne machen, allerdings alleine und umsonst, ich würde aus eigenen Mitteln mit meinem Zeug hin fahren – sonst wäre ich gleich einige Tage bei der Arbeit abwesend gewesen, das kann doch kein normaler Mensch von jemandem verlangen, der gerade endlich einen neuen Arbeitsvertrag bekommen hat und in der Probephase steckt. Mein Vater hat gesagt, er wollte doch etwas für mich machen, und hat schweres Herzens auf diese Feier verzichtet. Tja, vielleicht „nett“ von ihm, aber wie gesagt, es wäre nicht nötig gewesen. Als ich Monate später gesehen habe, mit welchem Stolz er einem Freund meinen Umzug erzählte, hatte ich wieder den Beweis, dass es ihm nur darum ging, sich selber gut darzustellen.

Also… wenn ich heute sage, dass ich für den Urlaub zu meinen Eltern fahre, meine ich eigentlich zu meiner Mami. Mein Pflichtgefühl zwingt mich dazu, meinen Vater auch zu besuchen, ich versuche es aber möglichst kurz zu halten. Zum Glück hat er eine Freundin. Und er beschwert sich zwar, wenn ich zu kurz bei ihm bin, aber er hat schon mit seiner Freundin ganz woanders Urlaub gemacht, gerade in meiner knappen Anwesenheitszeit in Südfrankreich, so schlimm kann’s also nicht sein.

[1] Ich bin als sechsjähriges Kind schon täglich zum lokalen Bar-PMU gegangen, um seine blauen Gitane ohne Filter zu kaufen. Heute mit Zigarettenkaufverbot unter 18 unvorstellbar.
[2] Es hat nie sichtbare Spuren hinter gelassen. Das heißt lange nicht, dass es keinen Schaden verursacht hat.
[3] Als meine Mutter von meiner Schwester schwanger wurde, hatte mein Vater mir erzählt, ich würde einen kleinen Bruder bekommen. Vielleicht hatten sie während der ganzen Schwangerschaft keine Ultraschall-Untersuchung gemacht? Oder hatte meine Mutter Angst gehabt, ihm die Wahrheit zu sagen?
[4] Wir hatten im Dorf eine Frau, die über zehn Kinder bekommen hatte, bevor es „endlich“ einen Jungen gab und ihr Mann zufrieden war. Klingt unglaublich und mittelaltermäßig, woher ich wohl kommen mag? Südfrankreich dreißig Jahre her.
[5] Doch. Als ich in der zweite Schulklasse war und mit Windpocken im Bett lag, hat er mir eines Abends mein allererstes Buch mitgebracht, damit es mir nicht zu langweilig wird. Ich habe seitdem sehr viel gelesen, weil ich dann Ruhe hatte.
[6] Der laut meinem Vater ein Junge geworden wäre…
[7] Ach ja, ich habe mich doch nicht so sehr verändert.
[8] Ein Lieblingsspruch von meinem Vater war auch, „Wenn du abends nach Hause kommst, schlage zuerst deine Frau und Kinder. Wenn du nicht weißt, warum, wissen sie es“. Damit wollte er immer seine Freunden zum Lachen bringen. Auch wenn sie es schon zig Male gehört hatten. Das sagt er aber nicht mehr, seitdem er von meiner Mami getrennt ist und andere Frauen kennengelernt hat. Oh, und ich erinnere mich, wie meine Mami sagte, sie wäre es satt, sein Punching Ball zu sein, als sie mir vor acht Jahren ankündigte, dass sie sich offiziell scheiden lassen wollte. Das hatte ich zu meiner Schande gar nicht mitbekommen. Ich bin umso froher, dass sie es endlich geschafft hat, sich von ihm zu trennen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.