Im Médoc

Endlich sind wir im Urlaub. In Frankreich. Ich habe mich darauf gefreut. Auf den Urlaub. Nicht so sehr auf Frankreich. Urlaub in Frankreich, ohne meine Eltern zu besuchen, fühlt sich komisch an.

Wir sind zuerst im Médoc angekommen. Über Amsterdam nach Bordeaux geflogen. Der Ehemann hatte ein Auto bei Europcar gemietet. Das war vielleicht ein Fehler! Wir sind wegen Verspätung kurz vor fünf Uhr nachmittags gelandet. Nachdem wir das Gepäck geholt haben, hat sich der Ehemann auf dem Weg zu den Mietwagenläden gemacht. Ich habe draußen warten wollen. Die Sonne schien, ich habe sie in Berlin lange genug vermisst. Kurz danach ist der Ehemann zu mir gekommen. Er hatte eine Nummer gezogen, es waren fünfzig Nummer vor ihm und gerade drei Personen waren da, um die Kunden zu empfangen. Wir haben zwei Stunden warten müssen, bis unsere Nummer am Schalter dran kam. Was für eine Unverschämtheit! Wir haben das Auto schon über ein Monat her gebucht, und die anderen Kunden kamen sicherlich auch nicht unangekündigt, wieso konnten die Leute bei Europcar nicht den Ansturm von Kunden planen und sicher stellen, dass genug Angestellte zur Verfügung stehen? Oder dass die gebuchte Wagen tatsächlich vorhanden sind? Wir haben — schon wieder — ein größeres Auto als geplant bekommen, weil unser Wunschmodell nicht mehr da war. Ich freue mich nicht darüber. Der Ehemann hätte auch lieber ein kleineres Modell zu fahren gehabt — wie halt gebucht. Nee. Ob das an Europcar liegt, oder eher daran, dass man in Frankreich nichts gebacken kriegt, frage ich mich. Wir hatten ja gerade auf Arbeit viel Ärger mit einer französischen Firma, die es zum zweiten Mal nicht geschafft hat, uns die versprochene Leistung zu liefern.

Als wir nach einer Stunde Fahrt zu unserem Hotel angekommen sind (wie schnell die Leute hier unterwegs sind! Wir sind auf einer 110 km/h Straße von Autos überholt worden, die bestimmt bei 150 km/h fuhren), war es schon halb neun. Wir konnten noch gerade einen Tisch im Restaurant bekommen. Die Küche machte um neun schon zu. Das Essen war hevorragend, der Kir Médocain (Brombeerlikör mit Rotwein) hat mich sehr angenehm überrascht, aber entspannen konnten wir wegen der blöden Warterei auf den Mietwagen am Flughafen nicht wirklich. Süß fand ich den Hase, der auf der Wiese in aller Ruhe das Gras fraß, und das Kätzchen, das den Hase weg gejaggt hat, wenn die Gäste dem Hase zu viel Aufmerksamkeit geschenkt haben, um sich dann gegen ihre Beine zu reiben.

Geschlafen haben wir gut, aufwachen war trotzdem schwer. Wir sind heute nach La Rochelle gefahren. Ich war den ganzen Tag müde und mir ging es erst besser, als wir auf der Insel Oléron eine kurze Pause am Strand gemacht haben. Kaffee getrunken, obwohl es schon nach vier Uhr nachmittags war, und im Ozean geschwommen. Der Ehemann ist lieber am Strand geblieben. In La Rochelle sind wir am frühen Abend angekommen. Apéritif auf einem Schiff getrunken, Muscheln mit Roquefort in einem Restaurant am Hafen gegessen. Früh zum Hotel (Mercure) gekommen. Der Ehemann hatte sich, wie auch immer, einen Sonnenbrand geholt. Es war doch den ganzen Tag bedeckt.

Wir waren relativ früh im Bett. Der Ehemann schläft jetzt seelisch. Ich kann nicht, obwohl ich den ganzen Tag so müde war. Ich frage mich, ob ich abends am Restaurant wirklich ein Déca bekommen habe. Mein Buch kann ich nicht lesen, weil das Licht den Ehemann beim Schlafen stören würde. Viel auf Internet lesen leider auch nicht, weil die Internetverbindung vom Hotel ziemlich miserabel ist. Ständig wird sie unterbrochen. Ich hasse es, im Bett zu liegen und nicht schlafen zu können.

Gewählt

Wäre ich momentan nicht so müde, hätte ich vorher darüber geschrieben. Schon mal vorweg: Enttäuschend aber nicht überraschend, mein Plan, Fillon vor Le Pen zu bringen und diese dadurch daran zu hindern, in die zweite Runde zu kommen, ist nicht aufgegangen. 1,3% der Stimmen haben gefehlt. Der EU-feindliche Mélanchon stand nur ein halbes Prozent hinter Fillon und hat dadurch viel mehr Stimmen bekommen als geplant. Hmm. Keine Panik. Jetzt ist eh klar, dass Macron durch kommt. Ich will noch glauben, dass es genug Vernunft in diesem Land gibt.

Wir sind gestern früh aufgestanden. Ich hatte im Kopf, dass die Wahllokale um 09:00 auf machen und wollte so früh dort sein. Gut fünfzig Minuten brauche ich bis dahin. Die Lokale waren eigentlich schon seit 08:00 geöffnet, aber dafür hätten wir um 06:00 an einem Sonntag aufstehen müssen… Im Nachhinein: Es hätte sich doch gelohnt. So schlimm wie in anderen Ländern war es nicht, aber eine gute Stunde vor Ort hat es mir gekostet. Zuerst eine halbe Stunde unter dem leichten Regen auf dem Bürgersteig vor der Botschaft in der Schlange gestanden. Hätte ich mir ein Kleinkind ausgeliehen, wäre ich vom Personal einfach so vor der ganzen Schlange durchgewunken worden. Hmm, vielleicht eine Idee für die zweite Runde…

Die Sicherheitsvorkehrungen: Minimal. Polizisten haben die Ausweise vor dem Eintritt ins Gebäude geprüft. Im Gebäude wurden die Taschen geröntgt. Aber draußen, wo so viele Wähler standen? Keinen sichtbaren Schutz. Ganz normaler Straßenverkehr. Die Leute standen in zwei Reihen bis zur Kante vom Bürgersteig, und leichte Beute waren wir, falls jemand mit Sturmgewehr oder LKW einen Massaker anrichten wollte. Nichts hätte es verhindern können.

Drin habe ich noch zweimal Schlange gestanden. Zuerst, um den Ausweis geprüft zu bekommen und die Nummer von meinem Wahlzimmer zu erfahren. Eine Frau hinter mir hat sich darüber aufgeregt, dass die Sicherheitsleute am Eingang der Botschaft maghrebiner Herkunft sind, und noch die Frechheit besitzen, sich auf Arabisch zu unterhalten, wenn sie sich alleine glauben. Weil die Frau vielleicht in ihrem täglichen Leben hier mit anderen Franzosen nur auf Deutsch redet? Was geht ihr an, welche Sprache andere Leute unter sich benutzen? Vor allem diese Sicherheitsleute, die ich immer recht freundlich erlebt habe. Blöde Kuh. Die Frau habe ich zum Glück nicht so lange hinter mir ertragen müssen. Danach musste ich nochmal vor dem Wahlzimmer Schlange stehen. Eine Mitwählerin hat sich in der Schlange nach vorne durchgeschummelt, indem sie sich als Journalistin für Le Point angegeben hat und Leute vor der Wahl zu ihrer Meinung vom Wahlkampf befragt hat. Mein Ischias hat am Ende angefangen, sich zu beschweren. Als ich endlich im Büro war, ging es ziemlich schnell.

Abends, beim Lesen meiner Emails, war ich nicht ganz erfreut zu sehen, dass ich eine neue merkwürdige Kontaktanfrage auf LinkedIn bekommen hatte. Von einer Französin, die ich gar nicht kenne und die bei den Republikanern tätig ist. Wahrscheinlich war sie Wahlhelferin, obwohl ihr Profilbild mir nichts sagt. Ich fand es auf jeden Fall eine Frechheit, da sie offensichtlich Datenschutz völlig missachtet. Aber sie kann doch nicht den Namen aller Wähler behalten haben, um sie danach zu kontaktieren! Wir waren um die 7500 Personen, die in Berlin gewählt haben. Keine Ahnung, warum sie meinte, mich kontaktieren zu wollen. Ignorieren kann ich es ja. Wir haben beruflich rein gar nichts miteinander zu tun.

Wahlunterlagen bekommen

Ich habe sie heute im Briefkasten gefunden. Inklusiv Wahlzettel und Werbematerial aller Kandidaten. Es sind ja noch vier Tage bis zur Wahl… Immerhin habe ich letzte Woche die Information zum Wahlort per Email erhalten. Wie zu erwarten war, muss ich zur Botschaft. Ich hatte mir nur Sorgen gemacht, weil ich bisher gar nichts über die Wahl bekommen hatte, und mich fragte, ob ich irgendwie vergessen wurde und doch nicht wählen gehen könnte.

Ich hatte mich bis jetzt noch nicht entschieden, für wen ich wählen würde. Gegen wen ist ja klar, obwohl sie in der zweiten Runde sowieso keine Chance hat. Als ihr Vater es vor fünfzehn Jahren durch die erste Runde geschafft hatte, und alle Franzosen plötzlich blöd geguckt hatten, wurde Chirac in der zweiten Runde mit über 80% der Stimmen neu gewählt. Zähneknirschend, aber immer noch besser als die Alternative. Nun, wenn man den Umfragen glaubt, hätte sie selbst bei der zweiten Runde viel mehr Stimmen als ihr Vater, aber nicht genug, um durch zu kommen.

Das Aussortieren der Kandidaten ging relativ schnell. Als Expat in der EU sind schon mal alle, die sich für ein Frexit ausgesprochen haben, in den Mülleimer gelandet. Ihnen sind die gefolgt, deren Namen ich noch nicht mal kannte. Ich gebe zu, ich lese kaum französische Nachrichten. Alles, was ich über den Wahlkampf mitbekommen habe, stammt aus der deutschen Presse. Wichtig ist mir aber, dass die Le Pen nicht durch kommt. Meine Stimme einer kleinen Partei zu schenken, die von vornherein keine Erfolgschance hat, hätte den selben Effekt, wie in eine Geige zu pinkeln — was jetzt direkt eins zu eins vom Französischen übersetzt wurde, der deutsche Äquivalent wäre eher, „es wäre völlig für die Katz“. Genau das ist 2002 passiert, als alle dachten, Jospin würde mit links durch kommen, und deswegen kleine Parteien als Ausdruck der allgemeinen Unzufriedenheit gewählt haben.

Nun habe ich jetzt mit diesen Kriterien meine Auswahl auf zwei Kandidaten reduzieren können. Ich habe dann nach Umfragen gegoogelt, und beide stehen in der Viererliste vorne. Mélanchon hat schon vorher wegen seiner EU-feindlichen Haltung den Weg zum Papierkorb gefunden. Die Frage ist nun, Fillon oder Macron? Macron hat laut Umfragen knapp mehr Wahlabsichten als Le Pen, Fillon liegt deutlich drunter. Ich könnte Fillon wählen, um Le Pen nicht so einen großen Vorsprung zu gönnen. Der Ehemann ist Fillon skeptisch gegenüber, weil er sich als überzeugter Katholiker angibt. Er fürchtet, dass er die Laizität, die ich in Frankreich so schätze, gefährden könnte. In seinem Wahlkampfblatt steht aber, dass er sie weiterhin schützen würde. Und ich hatte vor vielen Jahren im Fernseher eine Debatte zwischen ihm und Jospin gehört, in der er viele interessante Ideen gebracht hatte. Andererseits kenne ich Macron nur seit dem aktuellen Wahlkampf, aber er bringt bessere Vorschläge im Bereich Soziales. Na ja, wie gesagt, meine Stimme für Fillon in der ersten Runde wäre erstmals nur eine rein taktische Wahl, um ihn näher an Le Pen zu bringen. Ich wage es kaum zu glauben, dass er sie sogar überholen könnte. Träumen kann man.

Am letzten Montag

Heute war der erste Arbeitstag des Jahres. Es war kalt und teilweise recht glatt auf den Gehwegen. Für mich jedenfalls. An Glätte werde ich mich wohl nie gewöhnen können.

Letzter Montag war besser. Ich habe den Ehemann zurück zum Flughafen in Nizza begleitet, und bin entlang der Prom‘ spazieren gegangen. Ich hatte mir mehr Urlaub genommen, um bei meinen Eltern länger zu bleiben. Vor allem bei meiner Mutter, die momentan eine schwere Zeit wegen eines schlimmen Bandscheibenvorfalls erlebt.

Das Wetter war traumhaft. Strahlende Sonne, blauer Himmel, und über 15 Grad. Man sieht, dass es Winter ist, weil der großer Weihnachtsmann gegenüber vom Hopital Lenval steht – ein Kinderkrankenhaus. Die Einheimischen waren alle mit dicken Daunenjacken unterwegs. Nur die gelegentlichen Sportler trugen leichte Bekleidung. Angefangen habe ich mit Mantel, leichter Strickjacke, Bluse und Spaghetti-Top. Mir wurde beim Gehen immer wärmer, und am Ende hatte ich nur den Spaghetti-Top an behalten. Auf dem Schattenbild auf der Place Masséna mit frischer neuer Frisur, vorne kürzer und wilder. Früher, als ich noch hier wohnte, hätte ich nie daran gedacht, im Winter mit nackigen Armen zu spazieren. Ich habe mich an die Kälte gewöhnt.

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Eine positive Entwicklung in Nizza ist, dass es viel mehr Radwege gibt. An der Prom‘. Ich glaube, weiter nördlich dürfte es immer noch so umständlich sein. Obwohl, in vielen Straßen kann man nicht mehr rechts und links am Rand parken. Das Risiko, von unaufmerksamen Autopassagieren eine Tür ins Fahrrad geknallt zu bekommen ist gesunken. Die Stadt will weniger Autos fahren sehen. Seit der Einführung der Tram gibt es sogar große Parkplätze, wo man für 2€ am Tag parken kann und mit dem Ticket überall mit ÖPNV fahren darf. Und Stationen mit blauen Leihfahrrädern sieht man recht häufig. Die Fahrräder sind leider leicht zu klauen, weil mein Bruder meinte, ein LKW auf dem Weg nach Nordafrika wäre vor Kurzem mit einer voller Ladung davon noch rechtzeitig entdeckt.

Wie immer wenn ich zurück in der Heimat bin, spiele ich mit dem Gedanke, mich wieder hier niederzulassen. Aber. Das Leben in Frankreich ist teuer. Umso mehr in Südfrankreich. Wohnungen kann man sich kaum leisten. Und dreckig ist es. Überall Hundekacke. Selbst in der Unterführung zu den weiteren Gleisen am Hauptbahnhof von Nizza. Im Sommer ist der Gestank furchtbar. Und die Leute fahren Auto wie Bescheuerte. Kaum waren wir bei unserer Ankunft aus dem Flughafen raus und auf der Autobahn, dass wir fast in einem Unfall verwickelt worden wären. Rechts von einem rasenden Auto überholt, das sich dann ganz links eingeordnet hat, um plötzlich hinter einem normal fahrenden Auto eine Vollbremse zu machen. Hinter ihm kann noch so ein Raser, der auch voll bremsen musste. Stresslevel 100%.

Aber die Leute sind sonst super freundlich, das fehlt mir in Deutschland. Sie gehen auf Fremden zu und reden gerne mit ihnen. So habe ich zum Beispiel meine Sitznachbarin im Flugzeug am Samstag kennen gelernt. Sie wusste nicht wohin sie gehen sollte, nach dem Sicherheitscheck. Der Flughafen ist vor Kurzem völlig umstrukturiert worden. Nachdem ich ihr den Weg geschildert habe, haben wir ganz natürlich weiter geredet. Da wir beide zu früh waren, haben wir einen Kaffee zusammen getrunken. Über unsere Reiseziele diskutiert. Sie wollte nach Málaga in den Urlaub fliegen. Über Zürich, wie ich. Der Mann am Tisch hinter uns, auch ein Franzoser, ist dann zu uns gekommen, weil er sich in Málaga eine Wohnung gekauft hat. Es ist ja „so kalt“ im Winter in Südfrankreich, da muss man in den Süden 😀 Er hat uns viele interessante Sachen über die Stadt erzählt. Solche Begegnungen macht man in Frankreich häufig. Am Tag davor im Zug habe ich mich mit meiner Nachbarin auch sehr freundlich unterhalten. In Deutschland wirken die Leute eher misstrauisch, wenn man als Fremder mit ihnen redet.

Belle de Sancerre

Im Viertel haben wir einen kleinen französischen Laden. Ein wahrer Schatz. Drin ist vieles vorhanden, was ich sonst nicht so einfach bekomme. Ich habe keine Lust, bis zu den Galeries Lafayette in Friedrichstraße mit der S-Bahn zu fahren, nur um Flageolets zu kaufen, zum Beispiel. Die finde ich auch in dem Laden. Sowie natürlich ganz viel Wein und Käse.

Ich gehe normalerweise selten dorthin, weil ich mit der Arbeit unter der Woche nicht dazu komme. Morgens ist es noch zu, nach Feierabend ist es schon zu. Am Wochenende geht es nur, wenn wir nicht etwas anderes zu tun haben, und wenn wir daran denken. Eigentlich schade.

Gestern auf dem Rückweg vom Arzt habe ich den Laden besucht. Der Besitzer ist auch ein Franzoser. Es tut gut, sich mal mit jemandem in der Muttersprache zu unterhalten. Ich hatte Lust auf Käse und wollte einen aus Ziegenmilch, der mit Asche bedeckt ist. Wir kaufen den gelegentlich gerne bei ihm. So sieht er aus:

Belle_de_Sancerre

Ich kann mich aber nie daran erinnern, wie der Käse heißt. Und es gab keine Schilder. Da es der einzige war, der mit Asche bedeckt war, habe ich nach dem cendré gefragt. Das hat er nicht verstanden. Dabei reden wir dieselbe Sprache. Ich habe den Käse gezeigt. „Ach so, Belle de Sancerre heißt er“, meinte er. Gut. Jetzt weiß ich Bescheid. „Die Leute merken sich den Namen nie und sagen immer Buse [sein] dazu, weil er so aussieht“, fügte er hinzu. „Eine Buse, eine Buse“, machte er seinen deutschen Kunden nach. Er hat mir wirklich nicht gut zugehört, wenn er sein statt cendré verstanden hat. Aber egal. Ich fand es irgendwie lustig und bin den Rest vom Weg gut gelaunt nach Hause gegangen.

Eine erfrischende Begegnung

Treptower Park, auf dem Weg nach Hause. Ich steige um, geistesabwesend. Der Nachfolger in spe von Uschi war heute bei uns, um sich mit einem Vortrag vorzustellen. Oder vielleicht wird Winfried unser neuer Chef, und er wird Winfrieds Nachfolger. Die Stellenaufschreibung, falls es eine gab, habe ich nicht gesehen. Die Entscheidung ist schon gefallen, bevor wir überhaupt in Kenntnis davon gesetzt wurden, dass Uschi uns verlässt. Wie auch immer. Der Nachfolger wirkt nett. Sein Vortrag war gut, aber nicht überragend. Sehr sachlich, leider ohne die Begeisterung, die ich von Uschi kenne. Er verkauft nicht sein Ding, er erzählt nur. Vielleicht, weil er aus einem ähnlichen Forschungszentrum kommt und sich nicht als Konkurrent darstellen wollte?

Ich denke noch darüber nach, als ich aus dem Zug aussteige und in Richtung Treppe gehe, um zum anderen Gleis zu gelangen. Ein junger Mann, links von mir, fragt mich, wohin ich will. Er zögert, anscheinend, weil er mir den Weg nicht sperren will. Deutsch ist er also nicht. Ich lasse ihn vor. Er geht die Treppe runter, ich folge ihm. Wir laufen die nächste Treppe hoch, da wir hören, wie ein Zug gerade ankommt. Vielleicht ist es schon die Ringbahn. Nein. Die S8 steht da. Es verwirrt mich. Ich habe sie noch nie an dem Gleis gesehen. So häufig fahre ich über Treptower Park nicht.

Der junge Mann ist ebenfalls neben mir stehen geblieben und wartet auf die Ringbahn. Er fängt an, mit mir zu reden. Normalerweise bin ich misstrauisch, aber er wirkt sympatisch. Er redet spontan und versucht gar nicht, mich anzubaggern. Es gefällt mir. Wir machen Bekanntschaft. Er kommt aus Marokko und arbeitet in einem Restaurant in Mitte. Als ich sage, dass ich aus Frankreich komme, wechselt er die Sprache. Sein Französisch ist nicht so fließend, aber er nutzt anscheinend gerne die Gelegenheit, es zu üben. Er fragt, was mit meiner Wange los ist, und ich erzähle vom Zahnarztbesuch. Seitdem der Fleck gelb geworden ist, merkt man das Hämatom noch mehr. Wir steigen in die Ringbahn ein und quatschen weiter.

Ich erzähle, dass ich aus der Nähe von Nizza komme (bei einer breiten genug Definition von „Nähe“, und ich habe dort studiert, und der Rest meiner Familie lebt in Nizza). Er meint, dass Nizza vorher italienisch war. Stimmt, die Stadt ist erst am Ende vom neunzehnten Jahrhundert französisch geworden. Es sagt, die Stadt wäre zu Frankreich gekommen, weil Frankreich Italien einen Gefallen gemacht hatte. War nicht damals eine Famine, und, nee, er weiß es nicht mehr, ob Frankreich nicht ein Schiff voller Spaghetti nach Italien geschickt hatte? Ich muss über seine Phantasie lachen, aber gleichzeitig zugeben, dass ich nicht genau weiß, warum es zu dem Wechsel kam. Ich hatte immer gedacht, es müsste in Folge eines Krieges sein, damals, als Napoleon der Neffe an die Macht war. An seine Haltestelle angekommen, verabschieden wir uns. Es war richtig nett, mit einem Fremder einfach so spontan zu plaudern. Das war mir früher in Frankreich viel häufiger passiert.

Ich habe es nachgegoogelt. Nizza ist wirklich zuletzt französisch geworden, weil Frankreich Italien geholfen hatte. Damals wollte sich Italien vereinen. Napoleon der Dritte hat seine Hilfe angeboten, weil Österreich drohte, eine zu starke Macht zu bekommen. Gleichzeitig sollte Italien auch nicht zu groß und potentiell gefährlich werden, deswegen Napoleon als Gegenleistung die Abgabe von Savoyen und Nizza verlangte. Boah. Der Junge hat mich jetzt echt beeindruckt. Ich habe auch nie richtig in der Schule im Geschichtunterricht aufgepasst.

Deutschland, Jammerland?

Das dachte ich langsam, aber ich war nur zu lange nicht mehr in Kontakt mit meinen Landesgleichen in meiner Heimat gewesen. Wir können’s auch gut.

Letzte Woche lag ich am Strand in Fréjus und genoss die Sonne. Es gab einige Leute auf dem Strand, aber ganz wenige haben es gewagt, ins noch relativ kühle Wasser zu gehen – nur eine englische Familie mit Kleinkindern ist außer mir an dem Tag geschwommen. Hinter mir, einige Meter entfernt, war ein Paar französischer Rentner da. Ich habe sie gemerkt, als wir den ersten Hund auf der weit entfernten Straße kurz bellen hörten: Der Mann fing gleich an, sich aufzuregen und schoss alle seine Lieblingsschimpfwörter gegen Hunde hintereinander. Das wiederholte er, jedes Mal, wenn ein Hund sich bemerkbar machte. Ehrlich gesagt waren die Hunde so weit entfernt, dass ich sie nicht mal wahr genommen hätte, und so lange haben sie nicht gebellt, vielleicht gerade eine oder zwei Sekunden. Der alte Mann war mir mit seinen hasserfüllten Tiraden eine viel größere Belästigung. Es war eine Erleichterung, als das Paar den Strand verlassen hat.

Bei meiner Rückkehr aus dem Urlaub nach Deutschland bin ich geflogen. Als ich zu meinem Sitzplatz am Fenster angekommen bin, habe ich gemerkt, dass hinter mir ein dreijähriger Italiener saß und es anscheinend schwer hatte, ruhig sitzen zu bleiben. Da der mittlere Platz nicht reserviert war, habe ich nach einigen Tritten im Rücken einfach den Sitzplatz gewechselt. Der Mann, der neben dem Gang auf meiner Reihe saß, fragte mich auf Deutsch, ob ich aufstehen wollte, daher habe ich ihm die Situation erklärt. Seine Bemerkung: „Ach ja, die haben mich im Wartezimmer am Flughafen schon genervt“. Ich war ein bisschen überrascht, schließlich haben wir im gleichen Wartezimmer gesessen, und mir war die italienische Familie nicht besonders aufgefallen. Daraufhin hat der Mann mit mir geplaudert, wobei er sich ab und zu immer noch über die italienische Familie ein bisschen bösartig lustig machte, als das Kind ab und zu laut gesprochen hat (da ich Italienisch in der Schule hatte, wusste ich, dass es hinter uns nur um ein Märchen ging, dass sein Vater ihm vorlas, und das das Kind so begeistert hatte). Ich fand den Mann ein bisschen komisch, und dachte, dass Deutsche wirklich nur jammern können, bis er mich wegen meines Akzentes fragte, ob ich nicht Französin wäre, und er sich selbst als Franzoser entpuppte (ok, ich hatte auch seinen Akzent bemerkt, aber er hat’s bestätigt).