Die erste Wahlrunde in Graphiken

Morgen gehen wir für die zweite Runde zur Urne.

Mit „wir“ möchte ich meine ganzen Mitbürger auf der Welt meinen, aber so einfach ist es nicht. Haben vor zwei Wochen fast 74% der Franzosen ihre Stimmen abgegeben, waren es gerade 35% bei denen, die im Ausland leben (1 435 746 registrierte Wahlberechtigte gibt es außerhalb Frankreichs). In Deutschland, wo wir den Luxus haben, sechs Konsulate zur Verfügung zu haben, konnten 42% der Wähler ihre Stimme abgeben. Wählen ist im Ausland nicht einfach, wenn man bedenkt, dass wir die Möglichkeit zur Briefwahl gar nicht angeboten bekommen. Für mich unverständlich, da die Möglichkeit für die Législatives besteht, für die man sogar online wählen kann. Das wird für die Présidentielles als nicht sicher genug gehalten. Franzosen im Ausland haben morgen, wie vor zwei Wochen, die Wahl zwischen selber zum Konsulat zu fahren, oder eine vertraute Person französischer Staatsbürgerschaft zu beauftragen, für sich wählen zu gehen. Wenn Corona nicht einen Strich durch die Rechnung macht. Oder man geht gar nicht wählen, wenn man niemanden kennt und kein Geld oder Zeit für eine Fahrt hat. Wer zum Beispiel in Erfurt lebt braucht schon zwei Stunden Zug zum nächstgelegenen Konsulat in Berlin. Hin.

In meinem letzten Beitrag zum Thema hatte ich Prognosen für die Wahl angegeben. Die Webseite, aus der ich die Daten hatte, zeigt jetzt ganz andere Sachen, unter anderen einen Zeitverlauf der täglichen Wahlprognose während des ganzen Wahlkampfes bis zur ersten Wahl. Es war ein Leichtes, an die Daten zu kommen und selber meine eigene Graphik mit R zu machen. Einfach so zum Spaß, weil ich in letzter Zeit bei (zu) vielen MOOCs mitmache und mich für Datenanalyse interessiere. Einen Kurs über R hatte ich schon vor einigen Jahren gemacht, ich habe meine Kenntnisse ausgegraben und die Entwicklung der Wahlprognose unten schön bunt dargestellt. Nicht für alle Kandidaten. Die, die dauerhaft unter 5% lagen, habe ich ausgelassen. Die letzten Punkte in der Graphik zeigen die Wahlergebnisse. Sie liegen meistens ganz nah an der Prognose.

Die Entwicklung finde ich interessant. Zum einem sieht man eine klare Verlaufsänderung seit dem Angriff von Russland auf die Ukraine. Die Prognose für Macron (gelb) war die ganze Zeit davor konstant bei 25% geblieben, ab dem 24.02., mit einer vertikalen schwarzen Linie dargestellt, sind seine Werte nach oben geschossen. Zum Höhepunkt der Entwicklung hatten sogar 31,5% der Befragten angegeben, für ihn wählen zu wollen. Und dann ist die Prognose stetig gefallen. Ich habe die Debatten in Frankreich nicht mitbekommen und weiß nicht, woran es liegen könnte. Auffällig ist auch, wie Zemmour (grau) sich bis zum Niveau von Le Pen (hellblau) hoch gearbeitet hatte, um dann nach dem Anfang des Krieges fast spiegelverkehrt zu Le Pen Stimmabsichten zu verlieren. Haben sie sich abgesprochen, um wenigstens eine der ausländerfeindlichen Parteien zur zweiten Runde kommen zu lassen? Wären sie mit gleicher Prognose so weiter gegangen, wären sie von Mélenchon (violett) überholt worden. Mélenchon, ein der vielen Politikern aus der zerrissenen Linke, der am Anfang der Kampagne nicht mal auf 10% kam, war für mich von vorne rein wegen seiner anti-europäischen Haltung ausgeschloßen. Seine Gegenkandidatin aus der Partei von Sarkozy, Pécresse (rot), hatte gleich stark wie Le Pen angefangen, um am Ende in den Keller der Wahlergebnissen zu sinken. Zwischen ihr und Mélenchon sieht man auch ein spiegelverkehrtes Verhalten seit dem Ausbruch vom Krieg. Kausalität oder blosse Korrelation? Der Knick von Mélenchon nach oben am Tag der Wahl entspricht ziemlich genau dem Knick nach unten von Pécresse. Le Pen und Mélenchon, beide Anti-Europäer, haben seit Ende Februar den gleichen Zuwachs bekommen. Können die Wähler nicht einsehen, dass man gemeinsam in der EU stark bleiben kann, aber jeder getrennt für sich allein leichte Beute ist?

Aus den Prognosenentwicklungen habe ich mir die Korrelationsmatrizen zwischen den Kandidaten rechnen lassen, unten links vor dem Krieg, in der Mitte seit dem Krieg, rechts während der gesamten Wahlkampagne. Die dicken blauen Punkte auf der Diagonale von oben links nach unten rechts zeigen die Eigenkorrelationen, die mathematisch nur 1 sein können. Korrelationen zeigen die lineare Abhängigkeit zwischen zwei Größen und können Werte zwischen -1 und 1 annehmen. Bei einer Korrelation von 0 gibt es keine lineare Abhängigkeit. Man denkt häufig, dass es bedeutet, dass die Größen dann unabhängig voneinander sind, aber das stimmt auch nicht immer. In den Graphiken unten sind positive Korrelationen in blau dargestellt, negative Korrelationen sind rot. Je dunkler die Farbe und je größer der Kreis, desto höher der absolute Betrag. Man erkennt ganz gut die Verhalten, die ich oben beschrieben habe. Zum Beispiel, die Tatsache, das Le Pen und Mélenchon seit dem Krieg einen ähnlichen Zuwachs bekommen haben, zeigt sich im dicken blauen Punkt. Gleichzeitig zeigt der dunkelrote Punkt zwichen Le Pen und Zemmour dass ihre Prognoseverläufe gegeneinander laufen: Während Le Pen an Stimmabsichten gewonnen hat, hat Zemmour quasi gleich viele Stimmabsichten verloren. Die Überraschung: Die mäßige positive Korrelation zwischen Macron und Jadot seit dem Krieg. Der grüne Kandidat war die ganze Zeit bei 5% geblieben, aus den Kurven erkennt man so keinen Zusammenhang.

Aktuell wird für Macron 55% der Stimmen vorausgesagt, gegen 45% für Le Pen. Es sieht wie ein bitterer Sieg aus. Natürlich werde ich für Macron stimmen, die Alternative will ich mir nicht vorstellen. Aber jetzt bekennen sich fast die Hälfte der Wähler unter meiner Landsleute offen für Ausländerfeindlichkeit. Das ist erschreckend. Warum soll ich mich mit diesem Land weiter identifizieren? Wir waren doch so knapp dabei, mit 1,2% Unterschied Le Pen aus der zweiten Runde raus zu schmeißen! Hätten mehr Franzosen aus dem Ausland gewählt, wäre es Realität geworden. Das Wahlverhalten der Franzosen außerhalb Frankreichs ist ein ganz Anderes.

Wahlergebnisse insgesamt[1] und für die Franzosen im Ausland[2]. Der schwarze Balken rechts zeigt jeweils den Anteil von Nichtwählern.

Ich bin überzeugt, Briefwahl hätte den Ausgang der ersten Runde anders aussehen lassen können. Mit der Gefahr für die EU, danach Mélenchon als Präsident zu bekommen.

[1] Daten aus https://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89lection_pr%C3%A9sidentielle_fran%C3%A7aise_de_2022 (am 23.04.2022).

[2] Daten aus https://www.resultats-elections.interieur.gouv.fr/presidentielle-2022/000/099/index.html (am 23.04.2022).

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Die Wahlunterlagen sind da

Gestern habe ich die Prospekte der Kandidaten mit der Einladung zur Wahl per Post bekommen. Es gibt Fortschritte. Beim letzten Mal hatte ich den Brief erst am Donnerstag vor der Wahl bekommen.

Ich schaue mir die Prospekte der Kandidaten an. Das geht heute nicht sehr konzentriert. Ich habe mich wegen Migräne krank melden müssen. Ein starker Wind weht seit gestern Abend und ich habe mich schon beim Aufwachen nicht gut gefühlt. Wie beim letzten Mal. Noch geht es, halbwegs, ich kann nur nicht lange am Stück den Bildschirm gucken und alles dauert länger. Für Programmierarbeit ist es aus meiner Erfahrung sinnlos, in dem Zustand zu arbeiten. Wenn ich versuche, mich zu überwinden, kommt nichts Produktives raus und es wird im Laufe des Tages nur schlimmer. Vielleicht kann ich durch eine frühe Krankmeldung Schlimmeres verhindern, anstatt zu verharren, bis ich wirklich nicht mehr kann. Es scheint zu klappen. Ich schreibe also. Langsam und peu à peu. Ob was Kohärentes dabei raus kommt?

Nicht vollständig, zwei Prospekte fehlen, die direkt in den Papiermüll gelandet sind.

Auffällig in den Prospekten ist, wie zersplittert die französische Linke ist. Mindestens vier Kandidaten haben Punkte in ihren Programmen, die sich entweder sehr ähnlich sind oder gut ergänzen würden, sie klauen sich gegenseitig Stichwörter, aber zusammen wollten sie nicht kandidieren. Das führt dazu, dass in den Umfragen kein der Kandidaten auf 4% der Stimmabsichten kommt, beginnend bei 0,5%[1]. Dass man mit so wenig Unterstützung zur Wahl zugelassen wird… Anstatt jeder für sich alleine in die Bedeutungslosigkeit zu versinken, könnten diese kleinen Kandidaten zusammen auf 6,5% kommen. Das bleibt sehr wenig, ist aber schon mehr als die ökologische Partei, für die aktuell gerade 4,5% der Wähler stimmen würden. Und eine zusammengeschweisste Linke könnte mehr Stimmen als 6,5% bekommen, weil Leute weniger denken würden, umsonst für sie zu wählen, als für die ganz kleinen Parteien. Die meisten Stimmabsichten sammeln, leider unüberraschenderweise, die Rechtsextreme, gefolgt vom aktuellen Präsident.

Ich betrachte mein Land aus der Ferne, da ich jetzt die zweite Hälfte meines Lebens in Deutschland gelebt habe. Ich frage mich, wie konnte es so weit kommen? Ich hatte gehofft, dass Zemmour genug Wähler von Le Pen klauen würde, so dass keiner der Beiden es in die zweite Runde schafft. Es sieht doch nicht so aus. In den hiesigen Nachrichten wird Zemmour als noch rechtsextremer als Le Pen dargestellt. Aus meiner Jugenderinnerung hätte ich nie gedacht, dass so was möglich ist. Ein damals beliebter „Witz“ war, in den Neunzigern: „Wusstest du, dass Le Pen[2] arabisches Blut hat[3]?“ „Ach nee, im Ernst?“ oder ähnliches war die typische Reaktion der Gefragten. „Ja, auf seiner Stoßstange“. Nicht gerade feinfühlig, aber es beschrieb gut den Typ und wie er in der Bevölkerung wahrgenommen wurde. Dass jetzt jemand als rechtsextremer gilt, geht doch, weil Le Pen[4] in den letzten Jahren den Ton gemäßigt hat und die Partei nach einem Namenswechsel mehr in Richtung traditioneller Rechte gerückt hat. Die ausländerfeindliche Lücke füllt jetzt Zemmour, mit 10% der Stimmabsichten. Und dass die Nachrichten vor einigen Jahren darüber berichtet hatten, wie Le Pen und andere europäische anti-europäische[5] rechtsextreme Parteiführer Geld vom Kreml angenommen hatten, juckt scheinbar niemanden unter den Wählern.

Wie meine Wahl ausfällt, bleibt noch zu sehen. Durch eine Doku auf Arte über das Prekariat in Frankreich, „Abschied von der Mittelschicht“[6], wurde mir bewusst, wie sehr sich die Bedingungen in den letzten Jahren für Arbeitnehmer verschlechtert haben. In der zweiten Wahlrunde wird es sowieso sicherlich nur eine Möglichkeit für mich geben, egal wie ich mich jetzt entscheide.

[1] Die Zahlen ändern sich ständig, weil die Umfragewerte sich ständig ändern.

[2] Der Vater der aktuellen Le Pen war gemeint.

[3] Das ist sicherlich schlecht ins Deutsche übersetzt, steht aber eins zu eins für die französische Version. Was man in Frankreich üblicherweise unter der Redewendung impliziert ist, dass „in seinen Adern arabisches Blut fließt“. Aber so ausgedrückt würde der übersetzte „Witz“ keinen Sinn mehr machen.

[4] Die Tochter.

[5] Nee, kein Typo.

[6] Ich verlinke schon lange keine Arte Doku mehr, weil sie ihre Videos ständig hochladen, löschen, neu hochladen und Links dadurch nicht dauerhaft gültig bleiben.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Bécassine

Der heutige Beitrag von Linsenfutter hat mich an meine Kindheit erinnert. Nicht, dass ich mit den schönen Vögeln groß geworden wäre. Wenn ich Bekassine höre, denke ich an ein bestimmtes Lied. Furchtbar, aber ich muss gestehen, damals liebte ich es:

Ich erinnere mich, wie ich im Schlafzimmer die Schallplatte in meinen roten mange-disque geschoben und das Lied in Schleife gehört hatte. Ich muss um die sechs Jahre alt gewesen sein. Wenn nicht Chantal Goya, dann hörte ich das Lied von Candy, das Anime, das ich in Récré A2 mit meiner Mami geschaut hatte. Ich konnte auswendig mitsingen.

Der Charakter Bécassine stammt aus einem Comics aus dem Anfang vom zwanzigsten Jahrhundert. Ich habe diesen Comics nie gelesen. Bécassine war eine junge Frau aus der Bretagne, die nach Paris als Dienstmädchen ging und für ihre Tollpatschigkeit bekannt war. Es gab in der Zeit viele Dienstmädchen aus der Bretagne in Paris, über die die Pariser sich lustig gemacht hatten. Pariser machen sich allgemein über alles lustig, was nicht aus Paris kommt.

Wie gut, dass der Vorname Bécassine von Georges Brassens rehabiliert wurde. Ich habe das Lied erst viel später entdeckt:

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In Dijon

Wir fahren am Sonntag direkt nach dem Frühstück von Mittelbergheim los[1]. Auf Autobahn haben wir keine Lust, die Strecke an den Ballons des Vosges ist viel schöner. Einen Teil dieser Route war ich schon ein paar Male vor über zwanzig Jahren gefahren.

Der beinahe Unfall

Es ist unser dritter Urlaubstag und ich habe genug von Autofahrten. Das Auto ist bequem, dass ist nicht das Problem. Das lange Sitzen und die Idiotie mancher Verkehrsteilnehmer gehen mir auf den Keks. Am Ende einer Ortschaft kurz nach Mittelbergheim fahren wir die maximal erlaubten fünfzig Kilometer pro Stunde[2], ein Auto klebt uns am Arsch. Der Fahrer setzt zum Überholen an, gerade als wir in einer Kurve nach rechts sind, und verfehlt nur ganz knapp ein Oldtimer-Cabrio, das gerade aus der Kreuzung nach der Kurve uns entgegen kommt. Trotzdem, der Ehemann fährt weiterhin gerne Auto.

Wir treffen mehrere Fahrradfahrer unterwegs, viele tragen dicke Nummer auf die Kleidung gepinnt, einige werden dicht von Autos mit Sponsoren gefolgt, es muss ein Rennen geben. Es wundert mich, dass die Strassen dafür nicht gesperrt sind.

Am Col du Bonhomme machen wir eine kleine Pause. Die Gegend sieht toll aus und ich würde gerne wandern gehen. Wir haben leider zu wenig Zeit dafür, wenn wir bei Tageslicht in Dijon ankommen wollen, es reicht gerade für ein paar Fotos.

Auf der Weiterfahrt kommen wir auf eine breitere, gerade Strasse, die durch eine Ortschaft[3] führt, und ich sehe groß auf einem Schild auf der linken Seite, dass in dem Laden, vor dem es steht, Munster fermier des Vosges verkauft wird. Das habe ich seit über zwanzig Jahren nicht mehr gegessen. Ich schreie „Halt, Halt, Halt!“ und da zu dem Zeitpunkt niemand hinter uns fährt, niemand uns entgegen kommt und der Parkplatz links nur halb voll ist, hält der Ehemann an. Im Laden kann man auch Kaffee trinken, was nötig ist, und ich kaufe einen großen Munsterkäse. Wem jetzt denkt, na dann viel Spaß bei dem Geruch im warmen Auto bis zur Provence, sage ich, weit gefehlt. Diesen Käse habe ich während meiner Diplomzeit in der Gegend kennengelernt und er ist fantastisch, er hat gar nichts mit dem Munster zu tun, den man sonst aus dem Supermarkt in Frankreich oder aus gut sortierten Käseläden in Deutschland kennt. Er riecht ganz frisch und schmeckt herrlich, so richtig kann ich es nicht beschreiben, einfach mal dahin fahren und probieren. Jedenfalls, für die Fahrt haben wir den Käse in der Kühlbox gehalten, wir haben kaum etwas im Auto bemerkt, außer, wenn man die Kühlbox geöffnet hat.

Es ist kurz nach vier, als wir das Hotel in Dijon erreichen. Ich bin müde und habe Kopfschmerze. Als wir im Zimmer sind, mutieren die Kopfschmerze zur Migräne. Ich verdunkle das Zimmer und lege mich hin, während der Ehemann spazieren geht. Gegen sieben Uhr abends geht es mir geringfügig besser. Wir gehen essen. Der Ehemann hatte auf dem Handy nach Restaurants gesucht und nichts Besonderes gefunden. Auf der Webseite vom Guide Michelin gibt es einige interessante Restaurants, die hat er wohl nicht gesehen. Bei den Kopfschmerzen will ich sowieso nicht lange laufen, die Altstadt (Fußgängerzone) ist für meine Sommerschuhe zu glatt, und wir landen in einem Restaurant an der Markthalle. Die Eier meurette als Vorspeise kannte ich nicht und ich werde sie auf jeden Fall nachmachen. Das Hähnchen in Senfsauce „vom Chef“ war eine Enttäuschung, einfach ein Stück Hähnchen lieblos auf dem Teller mit einer Art Senf-Béchamel geklatscht, es sah nicht sehr appetitlich aus und hat nur so lala geschmeckt.

Am nächsten Morgen schlendern wir durch die Altstadt von Dijon. Die Markthalle hat geschlossen, es ist Montag. Ich mache erst jetzt Fotos. Am Sonntagabend waren mir viel zu viele Touristen unterwegs.

Bilder der Kirche Notre-Dame, die wir nicht besucht haben. Der Stuck oberhalb von der Tür wurde kurz nach der französischen Revolution zerstört. Die Fassade war zu groß um sie mit der Kamera zu fotografieren. Jedenfalls nicht von meinem Standpunkt aus. Sie ist voll von lustigen Wasserspeiern.

Dijon wirkt verspielt. Überall in der Stadt sieht man Käuzchen abgebildet. Stolpersteine auf dem Bürgersteig. Die Eule ist ein Symbol der Stadt. Sie ist in einer Kante der Kirche eingemeißelt und sieht gut poliert aus. Der Grund: Es soll Glück bringen, sie mit der linken Hand zu streicheln. Vor zwanzig Jahren wurde sie randaliert und dank einer früheren Abformung[4] wieder restauriert. Und sonst, Space Invaders[5] haben die Stadt erobert.

Unser Hauptziel an diesem Morgen ist die Boutique von Maille[5]. Wir kaufen einige Gläser Senf. Die Boutique bietet Sorten an, die man sonst in dem Handel nicht findet. Senf, lerne ich, wird traditionell mit Weißwein hergestellt, nicht mit Essig. Ich nehme auch den Senf mit Rosé mit. Beim Probieren stelle ich fest, der Rosé-Senf ist ganz mild und vielleicht ein bisschen zu salzig für mein Geschmack. Der Senf mit Weißwein steigt richtig in die Nase, wie Senf halt schmecken sollte.

Nach einem letzten Spaziergang setzen wir unsere Reise fort, jetzt nach Saint-Rémy-de-Provence.

[1] Nach der Rückkehr aus dem Urlaub geschrieben, zum Tag des Abfahrt aus Dijon zurück datiert.

[2] Ich gebe zu, ich bin eine nervige Beifahrerin und habe immer einen Auge auf dem Tacho. Wenn wir zu schnell fahren, weiß der Ehemann Bescheid, solange bis wir wieder unter der Geschwindigkeitsgrenze liegen.

[3] Ich wusste schon nicht mehr wo, aber der Kartenzahlungsvorgang aus meinem Kontoauszug hat geholfen: La Bresse[5].

[4] Ich hätte „Moulage“ geschrieben, da es die französische Bezeichnung dafür ist und das Wort ins Deutsche (und ins Englische) übernehmen wurde. Leider ändern andere Sprachen häufig die Bedeutung von den Wörtern, die sie klauen. Gut, dass ich den Begriff zur Sicherheit geprüft habe. Eine Moulage ist auf Deutsch (und auf Englisch) eine Abformung, die nur dem Zweck der Wundedarstellung dient und in der Medizin Anwendung fand.

[5] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Weinprobe im Elsass

Die zweite Etappe vom Urlaub[1] bringt uns am Samstag von Haigerloch zum Elsass. Wohin genau weiß ich erstmal nicht, der Ehemann hat diesen Teil geplant. Wir fahren nicht Autobahn und halten auf halber Strecke an der Kniebis-Hütte[2], wo wir uns ein Stück Schwarzwaldtorte teilen. Einige hundert Meter weiter hält der Ehemann wieder an, um die Aussicht zu genießen. Er probiert die Panorama-Funktion von meiner Kamera aus. Das ist nicht etwas, was ich gerne mache, ich finde es verwirrend, das links und rechts vom Bild das selbe zu sehen ist – wobei es im Bild unten nicht so extrem ist, einen Teil der Straße hinter ihm, wo ich mich aufgehalten habe, hat der Ehemann nicht aufgenommen.

Der Rhein bei Regen

Der Weg nach Frankreich führt uns weiter entlang eine kleine, enge Bergstrasse und kurz vor Oppenau kommen wir unerwartet zu einem Stau. Viele Autos stehen auf der Straße, die Leute sind ausgestiegen. Das machen wir auch. Der Ehemann läuft bis zur Kurve unten, wo man durch die Bäume orangefarbene blinkende Lichter sieht: Zwei Abschleppwagen sind da, es gab einen Unfall. Die Strasse ist gesperrt. Er überlegt kurz, ob wir umdrehen sollen. Ich rate ihn davon ab. Ich habe keine Lust, diese kurvige Strasse wieder hoch zu fahren, um noch kleinere Strassen zu benutzen. Es fängt an zu regnen. Nach zwanzig Minuten Wartezeit ist die Unfallstelle schon geräumt und wir können weiter fahren. Den beschädigten Autos nach zu beurteilen, scheint mir die Unfallursache klar zu sein: Zu dicke Autos für eine zu kleine Straße, und ein Mangel an Rücksicht. Wir hatten Glück, nicht selber in dem Unfall verwickelt zu sein, auch wenn es nur Sachschaden war. Es regnet weiter, als wir den Rhein überqueren.

Wir erreichen das Ziel, Mittelbergheim, kurz nach vier Uhr nachmittags. Sobald der Ehemann das Auto geparkt hat, während ich das Gepäck im Zimmer ausgepackt habe, schleppt er mich zu einer Weinprobe, bevor der Laden schließt. Der Grund unseres Besuches ist, dass er schon mal mit seinem Vater hier war. Wenigstens praktisch, die Boutique liegt direkt gegenüber vom Hotel. Nach der Fahrt ist mir nicht wirklich danach, der Kopf schwirrt mir schon, bevor wir überhaupt anfangen. Der Wirt schenkt uns gut gefüllte Gläser, für eine Probe, es sind jedes mal fast zehn Zentiliter. Ich nippe am Glas um den Geschmack festzustellen und der Wirt muss jedesmal meinen Wein weg kippen, um den Nächsten ins Glas zu gießen. Der Ehemann leert alle seine Gläser selber. Ich finde zwei Flaschen, die meiner Mami bestimmt gefallen werden, ein Auxerrois „vieilles vignes“[2] und ein Sylvaner „spontané“[2] ohne Sulfit. Nach der Probe besuchen wir den Keller vom Produzenten, und machen einen Spaziergang durch die Reben am Zotzenberg.

Interessante Strassenbeleuchtungen mit verschiedenen Wappen. Unten rechts, die katholische Kirche Saint-Etienne.

Auf dem Weg zur Kirche und nur des Bildformates wegen unten links, eine animierte Rekonstruktion der traditionellen Weinherstellung. Die restliche Fotos wurden auf dem Weg zurück zum Hotel aufgenommen.

Den Abend verbringen wir im Restaurant vom Hotel. Der Ehemann war, schon vor der Buchung, enttäuscht, dass die Besitzer der Weindomäne das Hotel nicht mehr selber betreiben. Er mag es nicht, wenn Orte sich ändern, in denen er früher Zeit verbracht hat. Das Restaurant bietet keine traditionelle Küche mehr, das Essen war trotzdem hervorragend. Nach einem nächtlichen Spaziergang gehen wir ins Bett. Es ist im Zimmer viel zu warm, wie schon die Nacht davor in Haigerloch. Um drei Uhr morgens liegen wir beide wieder wach und völlig verschwitzt. Der Ehemann öffnet das Fenster vollständig. Draußen ist es kalt und nicht mehr laut, die letzten Feiernden fahren ihren Autos mit lauter Musik nicht mehr. Das Beeindruckendste: Im ganzen Dorf wurden die Strassenbeleuchtungen ausgeschaltet. So einen Sternenhimmel habe ich selten gesehen.

[1] Nach der Rückkehr aus dem Urlaub geschrieben, zum Tag des Abfahrt aus dem Elsass zurück datiert.

[2] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Flammkueche mit roter Paprika

Flammkueche auf dem Backblech.

Flammkueche habe ich durch eine Kommilitonin in meinem Diplomjahr im Nordosten Frankreichs kennengelernt, das ist schon über zwanzig Jahre her. Ein Grundpfeiler der elsässischen Küche. Flammkueche wird dort Flammküche ausgesprochen und ist einfach ein Flammkuchen. Für mich heißt das Gericht Flammkueche, wie ich es zuerst gehört habe.

Traditionell gehören nur Sahne, Zwiebel und Speck als Belag. Variationsmöglichkeiten sind aber unendlich und als ich mich gestern fragte, was ich mit den roten Spitzpaprikas im Kühlschrank anstellen könnte, schieß mir zuerst Pizza in den Kopf, und dann Flammkueche, was ich noch seltener mache. Und wenn ich schon Paprika auf die Flammkueche tue, dann kann ich auch Sumach in den Schmand rühren, habe ich mir gedacht. Es hat super gepasst.

Am besten wäre es, den Teig mit einer Art flacher Schaufel fürs Brot (der Name fällt mir nicht ein) in den Ofen auf einen heißen Pizzastein zu schieben. Ich habe weder Brotschaufel noch Pizzastein und daher die Flammkueche im Blech gebacken. Der Teig war unter dem Belag nicht knusprig.

Die Zutaten (für 4 Portionen)

  • Für den Teig
    • 250 g Weizenmehl
    • 130 mL Wasser
    • 2 Esslöffel Olivenöl
    • 1/2 Teelöffel Salz
  • Für den Belag
    • 150 g Schmand (ein Becher)
    • 1 rote Zwiebel
    • 100 g magerer Speck (also der Speck, bei dem man vorwiegend Fleisch sieht und nicht nur das Weiße vom Fett)
    • 2 rote Spitzpaprikas
    • Salz und Pfeffer nach Geschmack
    • Sumach

Die Zubereitung

  • Die Zutaten für den Teig zusammen kneten. Eine Kugel bilden und diese in Frischhaltefolie gewickelt eine halbe Stunde im Kühlschrank lassen.
  • Die Zwiebel in ganz dünne Halbringe schneiden.
  • Den Speck in dünne Streifen schneiden.
  • Die Paprikas ebenfalls in dünne Streifen schneiden und diese in einer Pfanne mit wenig Olivenöl leicht dünsten.
  • Den Schmand mit den Gewürzen gut rühren.
  • Den Backofen bei 220 °C vorheizen.
  • Den Teig auf einem bemehlten Stück Backpapier ganz flach ausrollen und mit einer Gabel stechen. Der Teig enthält keine Hefe und soll wirklich möglichst dünn nach dem Backen sein.
  • Das Backpapier mit dem Teig auf einem Backblech packen. Wenn der Teig größer als das Blech ist, einen kleinen Rand bilden.
  • Den Schmand auf dem Teig glatt streichen, einen Rand von etwa einem Zentimeter lassen.
  • Die rohen, halbierten Zwiebelringe auf dem Schmand verteilen, dann die rohen Speckstreifen, dann die gedünsteten Paprikastreifen obendrauf.
  • Für etwa zwölf Minuten backen lassen (220 °C Umluft), das kann je nach Ofen variieren.

Dazu passt ein grüner Salat und ein trockener Weißwein, oder ein Bier (aber kein Weißbier).

Nährwertangaben

pro Portion fürs Rezept
Energie (kcal) 467,8 1871
Eiweiß (g) 12,3 49,1
Kohlenhydrate (g) 52,6 210,3
davon Zucker (g) 7,1 28,5
Fett (g) 22,1 88,5
Ballaststoffe (g) 4,8 19,2


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Quiche mit Chicorée und Reblochon

Direkt aus dem Backofen.

Ich habe dieses Rezept beim Ausmisten in einem vergessenen Küchenheft[1] gefunden. Es wurde unter der Rubrik ch’ti sortiert. Moment mal, Reblochon und ch’ti? Das Rezept heißt eigentlich Quiche aux endives et au maroilles (endive, nicht chicorée). Ich war gestern in der Mittagspause einkaufen. Der Bioladen hatte kein Maroilles. Ich habe den Ehemann darum gebeten, nach der Arbeit auf dem Weg nach Hause in Pasing auszusteigen, um beim Käseladen am Markt[2] Maroilles zu besorgen. Aber misère! Den Käse kennen sie dort auch nicht! Ich bin enttäuscht. Ersatzweise habe ich nach Reblochon gefragt. Ein ch’ti Rezept mit Savoyer Note, also.

Die Arbeitszeit muss gut eingeplant werden. Die Chicorées werden zuerst in Wasser gekocht und dann zwei Stunden abgetropft. Ich habe es in der Mittagspause gemacht, und den Rest nach Feierabend. Home Office ist so cool.

Auf dem Teller. Beim Abkühlen ist die Füllung in sich zusammen gefallen.

Es ist ein Gericht, das ich eher im Winter machen würde. Bei den aktuellen Temperaturen passt es gut. Es macht müde, nach dem Essen will ich nur noch schlafen, was mir sonst selten passiert. Das muss am Käse liegen. Den Effekt habe ich auch nach Tartiflette bemerkt.

[1] Cuisine pour tous! [2], No. 2, Dez. 2009 – Jan. 2010, Seite 44.

[2] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

Die Zutaten (für acht Portionen)

  • Für den Teig
    • 160 g Weizenmehl
    • 100 Salzbutter, klein geschnitten
    • 1 Ei
  • Für den Belag
    • 1 kg Chicorée (7 kleine Chicorées)
    • 100 g crème fraîche
    • 3 kleine Eier
    • 1/4 Reblochon (112,5 g)
    • Pfeffer nach Geschmack, frisch gemahlen
    • Butter und Mehl für die Backform

Die Zubereitung

  • Die Chicorées waschen (aber nicht schneiden) und eine Viertelstunde in Salzwasser kochen. Raus nehmen, in einem Sieb kopfüber mindestens zwei Stunden abtropfen lassen.
  • Mehl, Salzbutter und Ei zu einer Teigkugel zusammen kneten.
  • Die Backform mit Butter einfetten, Mehl drin wälzen und überschüssiges Mehl heraus kippen.
  • Den Teig am Boden der Backform verteilen, einen Rand bilden und mit einer Gabel stechen.
  • Den Backofen bei 180 °C vorheizen.
  • Die Chicorées mit den Händen gut pressen, damit der Rest Wasser drin entsorgt wird.
  • Die Chicorées halbieren, den noch harten Strunk entfernen, dann jede Hälfte dritteln. Die Stücke auf dem Teig verteilen.
  • Die Eier mit der crème fraîche und dem Pfeffer zusammen rühren, und über die Chicorées gießen.
  • Den Reblochon in kleine Stücke schneiden und auf der Quiche verteilen.
  • Bei 180 °C Umluft eine Dreiviertelstunde backen.

Dazu einen grünen Salat servieren.

Nährwertangaben

pro Portion fürs Rezept
Energie (kcal) 312,1 2497
Eiweiß (g) 10,1 80,8
Kohlenhydrate (g) 18,3 146,3
davon Zucker (g) 3,5 27,7
Fett (g) 22 176,3
Ballaststoffe (g) 2,2 17,4


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Jetzt dürfen Hausärzte gegen Covid-19 impfen

Haben sie heute im Radio gesagt. Es wurde Zeit. Als ich in Frankreich bei meiner Mami war, war ein großes Thema in den Nachrichten, dass ab dem 15. März auch in den Apotheken geimpft werden darf. Das hatte bei den Hausärzten zu Verunsicherungen geführt, weil nicht klar kommuniziert wurde, dass die bestellten Dosen natürlich zuerst in den Praxen geliefert werden, bevor die Apotheken auch ihre Dosen bestellen.

Ich habe mich mit dem Ehemann beim für uns zuständigen Impfzentrum angemeldet. Es hieß vor zwei Wochen im Radio, dass zu wenige Bürger in Bayern das Angebot wahr genommen hätten. Ich war davon ausgegangen, dass es wie in Frankreich eine strikte Reihenfolge gäbe, wer zuerst geimpft werden sollte. Ich dachte, wir wären noch nicht dran. Nach dem Radiobericht habe ich uns angemeldet. Einen Termin haben wir noch nicht zugeteilt bekommen. Vielleicht weil wir beide ohne besondere Risiken eingestuft worden sind. Interessant: In Frankreich wird Bluthochdruck als Risikofaktor für eine Covid-19-Infektion genannt, in Deutschland scheinbar nicht, da es in dem aufklappbaren Menü bei der Registrierungsseite nicht zu finden war. Also hat der Ehemann die selbe Einstufung wie ich, und ich kann nur weiterhin hoffen, dass er sich trotz notwendiger Anwesenheit im Büro nirgendwo ansteckt.

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Anstrengendes Wochenende

Am Sonntag war geplant, dass wir die Urne mit den Aschen von meinem Bruder zum Friedhof bringen. Sie war seit der Einäscherung in der Obhut meiner Mami geblieben.

Es wurde seit dem Anfang der Woche diskutiert, ob unser Département am Wochenende eine Ausgangssperre aufgehängt bekommen soll. Zum Glück ist dies nicht geschehen. Wir bleiben unter Beobachtung und müssen nur, wie auch überall in Frankreich, ab 18:00 zu Hause bleiben. Das ist hart. Ich arbeite den ganzen Tag bei meiner Mami und wenn ich Feierabend mache, ist es zu spät, um raus zu gehen. Es gibt viel zu tun. Mittags schaffe ich es nicht häufig, eine Pause einzulegen. Ich könnte um halb acht anfangen zu arbeiten, aber ich bin nicht sicher, ob ich dann tatsächlich früher Feierabend machen würde.

Bianca, die Freundin von meinem Bruder, ist am Freitag vor 18:00 zu uns gekommen. Sie wohnt in dem Haus, das mein Bruder gekauft hatte, in den benachbarten Alpes Maritimes, und dort herrscht Ausgangssperre am Wochenende. Meine Schwester konnte mit ihrem Sohn am Samstag kommen. Sie arbeitet nachtsüber für einen großen Versandkonzern (für den ich keine Werbung machen will), da ihr am Anfang der Pandemie gekündigt wurde. Das Umverpacken von Waren aus beschädigten Paketen vor dem Versand ist leider alles, was sie seitdem finden konnte. Das liegt deutlich unter ihrer Qualifikation, aber die Familie will ernährt werden und ihr Freund verdient nicht viel, seit der Pandemie.

Der Neffe wirkt wie ein kleiner Sturm. Keine Sekunde Ruhe. Mich hat er ewig nicht mehr gesehen, und ich wurde auserwählt, um mit ihm zu spielen. Er hat von seiner Tante Bianca einen aufblasbaren Schwert mit Schild bekommen und hat sich als Ritter erklärt. Ich war ein Tiger, musste auf allen vieren kriechen bis er mich mit dem Schwert getötet hat, um auf den Boden zu fallen und wieder erweckt zu werden, wodurch das Ganze wieder anfing. Über eine Stunde lang. Ich bin am Sonntag mit Muskelkater aufgewacht.

Am Sonntag, also gestern, ist der Neffe früh aufgewacht. Bianca hat ihn zur Toilette gebracht, als seine Mutter noch schlief. Meine Mami hat ihm Frühstück gemacht, und ich habe ihn zum Spielplatz gebracht, damit meine Schwester ihre Ruhe hat. Er wollte zum Spielplatz gehen, oder besser gesagt, rennen. Unterwegs hieß es dann, er wolle zur Buchhandlung, die aber geschlossen war. Er wusste nicht, dass es Sonntag war. Weiter auf dem Weg mussten wir im großen Brunnen vor der Kirche nach Fischen suchen. Es gab keine, dafür hatte jemand Steine bunt bemalt und trocken in der Mitte vom Brunnen platziert, ich musste den Neffen heben, damit er sie sehen konnte. Nach dem Brunnen kam der Platz, auf dem unter den Platanen Boules gespielt wird. Dort hat er angefangen, mit dem Sand zu spielen. Hinweise, dass der Spielplatz sich direkt neben dem Platz befindet, wurden ignoriert. Er wollte nicht mehr hin. Wir haben uns auf dem Platz gejagt. Irgendwann hatte ich ihn in die Nähe vom Spielplatz gebracht, wo er sehen konnte, dass ein Junge alleine spielte, während die Eltern mit dem jüngeren Geschwister auf einer Bank saßen. Er fragte mich, warum der Junge alleine spielen würde. „Weil du nicht dort bist“, habe ich ihm gesagt, und dann ist er doch die kleine Treppe zum Spielplatz herunter gelaufen. Endlich. Eine halbe Stunde nachdem wir das Haus verlassen hatten, wo man sonst keine fünf Minuten braucht. Es gab schöne Schaukeln und Rutschen, der Spielplatz wurde nicht lange her neu gemacht, aber die große Attraktion war ein kleiner Olivenbaum voll mit schwarzen Früchten. Der Junge kletterte gekonnt den Baum rauf und runter, dem Neffen musste geholfen werden und ich habe ihm erklärt, wo er greifen soll. Es klappte trotzdem nicht so gut und ich habe ihn hoch gehoben, damit er Oliven pflückt. Der Junge, den ich ein Jahr älter schätze, ist danach nochmal in den Baum geklettert und hat dem Neffen noch mehr Oliven gebracht. Das war richtig süß.

Der Rückweg nach Hause verlief so schwer wie der Weg zum Spielplatz. Er wollte nicht hin, und nur seine Durst hat geholfen, pünktlich zu sein, um wieder sauber zu werden und meine Schwester zu wecken, bevor wir zum Friedhof gegangen sind. Unterwegs hat er nach seinem Onkel gefragt und war verwirrt, als meine Schwester sagte, er wäre in der Box die Tante Bianca trug. Der Onkel wäre zu groß, ob er zusammen gerollt war? Er wusste schon, dass sein Onkel gestorben ist, aber wie erklärt man Einäscherung einem Vierjährigen? Ich habe meine Schwester antworten lassen, sie hat aber nichts darüber erzählt. Bestimmt später.

Am Friedhof haben wir meinen Vater und seine Freundin getroffen. Mein Vater hat seinen Enkel zum ersten Mal gesehen. Ich weiß, dass meine Schwester keinen Kontakt zu ihm haben will, aber sie hat nie erzählt warum. Das wundert mich, da er sie als Kind vergöttert hatte. Ich war die Enttäuschung, kein Junge zu sein, meine Schwester anfangs auch, aber ich alleine habe die Schläge und die Erniedrigungen bekommen, die Beiden haben vieles zusammen unternommen. Ich frage mich, was passiert ist, nachdem ich das Elternhaus verlassen habe. Ich bin früh gegangen, zuerst nur zeitweise, als ich mit vierzehn in die Oberstufe kam und unter der Woche im Internat bleiben durfte, dann, endgültig mit siebzehn, als ich mit dem ersten Freund umgezogen bin, weil ich es zu Hause nicht mehr ertrug. Hatte mein Vater in meiner jüngeren Schwester sein nächstes Opfer gefunden? Das Treffen mit ihm war kurzer Dauer. Nach dem Friedhofbesuch ist mein Vater mit seiner Freundin weg gefahren, wir sind zurück zu meiner Mami gelaufen.

Zu Hause wollte der Neffe wieder Ritter spielen. Ich war platt und habe ihm stattdessen meine billige Gitarre gezeigt, die ich hier gekauft habe, für die Zeit, die ich bei meiner Mami bleibe. Er war begeistert, hat alle seine Spielzeuge vergessen und neben mir auf meinem Bett nur noch Lieder gesungen und irgendwie an die Saiten gezupft.

Am frühen Nachmittag sind Bianca, meine Schwester und ihr Sohn weg gefahren, um vor 18:00 zu Hause zu sein. Ich war klebrig, meine Kleider dreckig, nachdem ich den Neffen nach Streitereien dazu gebracht hatte, sich die Zähne zu putzen. Geduscht, umgezogen, und auf der Couch bis sechs geschlafen. Bin ich doch froh, selber keine Kinder zu haben.

Nach dem Aufwachen habe ich dumpfe Kopfschmerze in der linken Schläfe gespürt. Um zehn war ich im Bett.

Um drei weckt mich ein lautes Miauen, und kurz danach höre ich den Gummiball vom Kater die Treppe zur Küche runter laufen. Stimmt, sein Lieblingsspiel. Das kann er richtig lange machen, Ball runter, in die Küche holen und wieder hoch tragen, und er miaut immer ganz laut, bevor er den Ball fallen lässt. Aber echt, muss es um drei Uhr morgens sein? Ich stehe auf, gehe zur Toilette, bringe die leere Klopapierrolle zum Papiermüll in die Küche, finde den Ball neben der Waschmaschine, hebe den und verstecke ihn unter meinem Kopfkissen im Bett. Nach einer kurzen Weile miaut der Kater wieder. Meine Mami wird wach und ruft ihn zu ihr. Ruhe kehrt wieder ein. Ich kann nicht mehr schlafen. Wenigstens ist die Migräne weg.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Warum Franzosen ihre Tartines in den Kaffee tunken

Aus meiner Sicht. Frühstücksgedanken. Ich wache kurz nach sechs auf, weil die Heizung hoch gefahren ist, genau wie ich sie programmiert habe. Nachtsüber ist sie aus, beim Aufstehen soll es bitte schön warm sein. Wenn sie läuft, brauche ich keinen Wecker. Das leise Gurgeln reicht. Der Ehemann hatte mich am Wochenende dazu gebeten, sie wieder zu aktivieren. Ich hatte keinen Bedarf, aber ja, wenn man den ganzen Tag zu Hause am Schreibtisch sitzt, wird’s jetzt kalt, wenn man noch in Sommerklamotten rum hängt.

Der Ehemann ist seit gestern auf Motorradtour mit seinen Kumpeln. Die Baguette[1], die er uns am Wochenende aus unserer Lieblingsbäckerei[2,3] in Starnberg gebracht hat, hatten wir eingefroren, weil ihm danach eingefallen war, dass wir doch genug Brot hatten. Ein leckeres deutsches Vollkornbrot. Ich habe uns die Baguette gestern zum Frühstück wieder aufgetaut, bevor er abgereist ist.

Meine Tartines, heute kurz vor sieben Uhr morgens künstlich abgelichtet, weil es draußen noch dunkel war. Und nebelig. Der Herbst ist da.

Heute habe ich den letzten Viertel der Baguette für Tartines benutzt. Die Baguette war drin noch weich, außen rum hart geworden. Kein Vergnügen, so drin zu beißen. Als Französin ist es mir kein Problem. Ich habe dazu eine große Tasse Milchkaffee gemacht, pardon, café au lait, und habe die Tartines drin getunkt.

Weil die Baguette sich nicht lange hält, im Gegenteil zu den deutschen Broten. Bei uns in der Provence war im Hochsommer die Baguette, die am frühen Morgen gekauft wurde, am Abend schon hart. Sollte man das Rezept der Baguette ändern, damit sie sich länger hält? „Auf gar keinen Fall!“ höre ich schon alle brüllen, und ich verschwinde gedanklich unter den Schreibtisch, um mich mit meiner Scham darüber, den Gedanken geäußert zu haben, zu verstecken. So wie die Deutschen an ihr Reinheitsgebot halten, ist es bei den Franzosen mit ihrer Baguette (und Wein, und Käse, und und und).

Wegschmeißen ist aber doof. Also weicht man die Tartines in den Kaffee ein, bevor man sie isst. Und dann denkt man, was ich mit altem Brot mache, kann ich auch mit frischem Brot, und es schmeckt so geil. Wenn ihr noch nie Baguette mit Salzbutter[4] und Erdbeerkonfitüre, getunkt im Kaffee, probiert habt, habt ihr was verpasst. Und dann gibt’s die, die sogar ihr Croissant in den Kaffee tunken. Das macht Robert, der Ehemann der ältesten Cousine vom Ehemann, der auch ein Franzose ist. Ich habe es probiert, aber Croissants schmecken mir pur am besten, wenn sie richtig gut sind, und das sind sie, in unserer Lieblingsbäckerei.

Ein anderer Vorteil vom Tunken der Tartines ist, wenn man früh morgens an akuten Koffeinmangel leidet und der Kaffee noch zu heiß ist, um getrunken zu werden. Wenn die Flüssigkeit das kältere Brot einweicht, kühlt sie ab und man kann sie besser aufnehmen.

[1] Ich bestehe auf das „die“, bei der Baguette. Wenn die Pizza es geschafft hat, auf Deutsch weiblich zu bleiben, soll es die Baguette auch.

[2] Unbezahlte Werbung, da Namensnennung und/oder Verlinkung.

[3] Diese Bäckerei macht auch echte Rosinenschnecken, pardon, pains aux raisins, die sind zum Niederknien. Mit richtiger Konditorcreme und ohne Zuckerguss. Zum ersten Mal seitdem ich in Deutschland lebe, und das ist schon ein halbes Leben, habe ich eine Bäckerei gefunden, die das richtig kann. Selbst Aux Délices Normands[2], unsere Stammbäckerei in Berlin, kann den Starnbergern das Wasser bei Rosinenschnecken nicht reichen.

[4] Richtige Salzbutter, die aus der Bretagne, die nach Salz schmeckt, nicht die geschmacklose deutsche Variante.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.