Das Wochenende in nicht so vielen Bildern

Das Wochenende hat am Mittwochabend begonnen. Ich bin pünktlich aber nach Bier stinkend in Südkreuz angekommen, nachdem ein Mitreisender (ein alter Blonder im Anzug mit Hipster-Knoten-Frisur) am Nachbartisch seine Dose am Boden geschleudert hat – ohne erkennbaren Grund. Hosenbeine und Handtasche getränkt. Ich: Gekränkt (vor allem des Reimes wegen). Die Handtasche ist aus dickem Stoff, und der Inhalt blieb zum Glück verschont.

Am Donnerstag habe ich meine Klamotten gewaschen und die Handtasche per Hand gereinigt. Unglaublich, wieviel Farbstoff dabei rauskam. Bei der Sonne und der Hitze konnte die Tasche schnell auf dem Balkon trocknen. Zum Mittagessen war ich mit dem Ehemann verabredet, der keinen Feiertag hatte, und auf dem Rückweg habe ich diese Skulptur der stillenden Bärin von Hugo Lederer entdeckt. Sie liegt im Grüne versteckt vor dem Rathaus Zehlendorf. Am Gemüsestand vor der Bäckerei habe ich mit dem netten jungen Verkäufer geplaudert und grünen Spargel gekauft, daher gab es am Abend wieder mal den Salat mit grünem Spargel und Tomaten. Als Nachtisch habe ich uns den No-Bake-Cake-Erdbeere nachgemacht, ohne Holunder. Es ist toll, wenn man bei der Hitze den Backofen nicht benutzen muss. Wir hatten noch zwei Termine am späten Nachmittag zu Hause, von einem Umzugsunternehmen und von potentiellen Mietern.

Am Freitag war ich mit Winfried verabredet. Nach fünf Monaten wollte ich endlich den alten schweren Macbook zurück geben. Ich sollte Anfragen wegen Programm#1 bearbeiten, bis ein Nachfolger gefunden wird. Aber mal ehrlich: Nach zwei Monaten in dem neuen Job konnte ich abends nicht mehr die Zeit und Lust finden, um noch kostenlos zu arbeiten, und ein Nachfolger ist immer noch nicht in Sicht. Jetzt bin ich Mac-frei, und es ist gut so. Zur Mittagspause sind fast alle ehemaligen Kollegen mitgekommen. Obwohl ich vorgeschlagen hatte, zum Japaner zu gehen, da Pawel am liebsten dorthin geht. Ich hatte stillschweigend die Hoffnung, dabei Mr Keen los zu werden, weil er sonst immer Wert darauf legt, bei einem anderen Lokal zu essen, den ich nicht mag. Aber nein. Immerhin waren wir so viele am Tisch, dass Wechselwirkungen mit ihm sehr begrenzt waren.

Am Nachmittag habe ich Kate am Treptower Park getroffen. Man merkt, wie trocken es ist Berlin ist. Die Wiese ist ganz gelb. Als ich im Schatten stand und auf Kate wartete, ist mir der alte Herr mit weißen Haaren aufgefallen, der so nah am Weg nackt lag und offensichtlich bemerkt werden wollte. Er hat sich mehrmals umgeschaut und als ihm klar wurde, dass keiner ihn beachtet hat, hat er sich wieder angezogen und ist gegangen. Gegen fünf haben wir den Park verlassen. Ich wollte nach Hause, aber gerade dann fuhr die Ringbahn wegen irgendeiner Störung nicht und ich habe Kate bis Schöneweide begleitet, um von dort die S45 oder S46 zu kriegen. Beim Wegfahren hat ein heftiger Gewitter angefangen. Richtig mit Hagel und allem. Selbst mit geschlossener Tür ist Wasser in die Bahn geströmt. Zehn Minuten später in Schöneweide war es sonnig, als ob nichts gewesen wäre.

Am Freitagabend waren wir bei einer Geburtstagsfeier von einem Schulfreund vom Ehemann eingeladen. Der, der gerade fünfzig wurde. Über hundert Gäste. Viel zum Trinken, und ein Ehemann, der mir ständig neue Gläser gebracht hat. Um zwei Uhr morgens mit dem Taxi nach Hause. Übler Kater am Samstagvormittag. Den ganzen Tag habe ich gebraucht, um mich davon zu erholen. Geholfen hat ein Spaziergang am Dreipfuhlteich, mit putzigen Baby-Enten und Blässhühnern.

Heute war ruhig. Lange geschlafen, Schwiegervater besucht. Er hat sich sehr über die mitgebrachte Spargel-Quiche gefreut, die ich diesmal mit Tomaten ergänzt hatte. Um sechs Uhr abends war ich wieder in Südkreuz. Der Zug nach München war pünktlich, aber wie immer in letzter Zeit wenn ich Bahn fahre stimmt etwas mit dem Bord-Restaurant nicht. Heute: Aus technischen Gründen ist das Angebot eingeschränkt. Wie am Mittwoch. Keine kalte Getränke, keine warme Küche. Ein Mitreisender ist aus dem Restaurant mit der Nachricht zurück gekommen, dass es schon fast nichts mehr gäbe. Heute trauen sich die Zugbegleiter nicht mal zu fragen, ob sie uns was bringen können, obwohl ich es in erster Klasse erwarten würde. Vor zwei Wochen war gar kein Angebot aus dem Restaurant vorhanden. Was ist los mit der Deutschen Bahn, dass sie es mit der Gastronomie derart vermasseln? Wozu noch erste Klasse buchen, wenn man nicht mal bedient wird? Ach ja, überfüllt sind die Züge immer noch, hier kann man wenigstens atmen. Obwohl es auch ab und zu nach Leberpastete stinkt.

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Schöne Unbekannte

Ursprünglich hatte ich einen ganz anderen Beitrag vor. Er wäre bestimmt ziemlich lang geworden. Aber ich bin auf der Couch eingeschlafen. Daher gibt’s heute einfach ein Bild von dieser schönen Unbekannte, wie der Ehemann sie getauft hat, die auf der Wiese vor meinem Büro haufenweise wächst. Ein Hummelparadies, auch wenn gerade keine zu sehen ist.

Das Wochenende in Bildern

Das Wochenende hat am Freitag nach Feierabend angefangen, als ich mich um halb fünf auf dem Weg zum Münchener Hauptbahnhof gemacht habe. Ich hatte mehr als genug Zeit, aber man weiß nie, mit ÖPNV. Ich bin eine Stunde vor Abfahrt des Zuges angekommen und habe es mir erstmals in der DB Lounge bequem gemacht. Ich hatte eine Fahrkarte in erster Klasse, also warum darauf verzichten? Dort kriegt man umsonst Speise und Getränke angeboten, und ich hatte Durst. Die Sitzplätze sind in der Lounge leider rar. Bis jetzt hatte ich immer Glück, und am Freitag konnte ich einen Sessel finden. Den letzten freien Sessel.

Die Fahrt selbst war in Ordnung, bis wir bei Zapfendorf eine ziemlich brutale Notbremse erleben durften. Mir gegenüber saß niemand, was gut war, da mein Handy und meine Brille vom Tisch aus zum leeren Sessel geflogen sind. Die Flasche Cola konnte ich gerade noch retten. Der Grund für diesen „außerplanmäßigen“ Aufenthalt: „Signalstörung“. Mein älterer Nachbar, der am Tisch auf der anderen Seite vom Gang saß, hat eine Weile gebraucht, um sich davon zu erholen, seinem lauten, aufgeregten Atem nach zu beurteilen. Die Weiterfahrt war anfangs zögerlich, und wir haben zwanzig Minuten Verspätung gesammelt. Da ich in erster Klasse saß, habe ich nicht mitbekommen, wie voll der Zug war, bis ich mich auf der Suche nach einer freien Toilette gemacht habe. Die Leute haben samt Gepäck mitten in den Fluren gesessen! Der Ehemann hat mich in Südkreuz abgeholt und wir sind direkt nach Hause gefahren.

An nächsten Morgen habe ich mich auf dem Balkon richtig gefreut: Die Nelken, die ich vor drei Jahren eingepflanzt hatte, haben endlich geblüht! Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben. Ich war zuletzt vor einem Monat in Berlin und habe die ganze Entwicklung nicht mitbekommen. Der Ehemann war so lieb und hatte mir zwischendurch Fotos von den Kuhschellen mit Schachbrettmuster geschickt, die dieses Jahr wieder gewachsen sind. Sonst hätte ich sie verpasst, sie sind schon verblüht. Wir sind früh zum Markt gegangen und unterwegs habe ich diese wunderschöne Blumen rechts in einem Garten entdeckt.

Es war ein sonniger Tag. Wir brauchten eigentlich nichts aus dem Markt, da der Ehemann schon eingekauft hatte. Am Abend waren wir zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, und ich hatte Hummus versprochen. Mir fiel dann ein, dass wir am Sonntag den Schwiegervater einladen könnten, und dass wir für Montag auch etwas planen sollten. Spargel, Rotbarsch und Gnocchi haben den Weg zur Einkaufstüte gefunden. Auf dem Rückweg nach Hause haben wir eine gemütliche Mittagspause beim Franzoser um die Ecke gemacht. Austern für den Ehemann, Pastete für mich. Angestoßen haben wir. Zwei Jahre schon… Und schon das zweite Mal, das wir es versäumen, unseren Hochzeitstag zusammen zu feiern. Letztes Jahr war ich in Finnland, dieses Jahr war er in Israel. Etwas muss sich ändern.

Als wir nach der Mittagspause zu Fuß weiter gegangen sind, ist mir dieser Baum mit dem Riesenpilz am Fuß aufgefallen.

Auf der Geburtstagsfeier sind wir nicht sehr lange geblieben. Um elf Uhr abends waren wir zu Hause. Müde, und meine Periode war so stark… Eine ganze Woche zu früh. Seitdem ich die Pille nicht mehr einnehme, ist mein Zyklus wieder durcheinander. Vermutlich die Wechseljahre.

Am Sonntag wussten wir zuerst nicht, was wir machen wollten, bis ich vom Karneval der Kulturen gelesen habe. Ich mag keine Menschenmenge, aber gegen mittags war es noch angenehm. Was sich vom Namen her zuerst interessant anhörte, hat sich am Anfang nur als großer Markt mit einer Sammlung von unauthentisch „authentischen“ berliner Hipster-Buden mit Superfood entpuppt. Ich hatte irgendwie andere Erwartungen. Das Gelände der Veranstaltung ist ziemlich groß und nach einer Weile war das Angebot doch abwechslungsreicher. Bei einer afrikanischen Bude habe ich ein paar Leckereien probiert, und die Verkäuferin war erfreut, dass ich Französisch spreche. Auf einer Bühne konnte man Kinder einer Musik-Schule beklatschen, die auf Spanisch gesungen haben. Es gab sogar ein Stand mit polnischer Wurst.

Als es mir zu viele Leute wurden, sind wir gegangen. Kurz vor dem Umzug. Wir haben den alten St.-Matthäus-Kirchhof besucht, den ich noch nicht kannte. Dort sind viele bekannte Persönlichkeiten begraben, wie zum Beispiel die Brüder Grimm. Oder der Chemiker Eilhard Mitscherlich. Die Ruhe vom Friedhof war willkommen. Trotzdem konnte man von dort ganz schön laut den Umzug hören. Beim Verlassen des Friedhofs konnte ich mir noch unbekannte Wandmalereien bewundern. Berlin ist voll von solchen Schätzen. Es hat übrigens am Wochenende zum allerersten Mal den Berlin Mural Fest zum Thema gegeben. Habe ich zu spät erfahren. Wie immer.

Am Abend habe ich den Risotto mit Spargelduo für den Schwiegervater gekocht, und der Ehemann hat den Fisch gebraten. Wir waren alle vom Ergebnis begeistert. Und es gab wieder Anlass zum Anstoßen, denn der Ehemann hat endlich eine Stelle in München gefunden! Gut, ich wusste es, der Schwiegervater aber noch nicht. Der Vertrag muss noch unterschrieben werden, und wenn es wie geplant läuft, fängt er im August an. Gekündigt hatte er sowieso schon, für seine aktuelle Stelle, da wir herausgefunden haben, dass er Anspruch auf Arbeitslosengeld hätte, wenn er wegen mir umzieht. So wird jetzt der Umzug entspannter. Ich rechne damit, dass ich hier spätestens im Juli meine Küche habe. Ich vermisse sie. Den Ehemann auch, das dürfte klar sein.

Da es noch Spargel gab, habe ich sie alle für Montagmittag in einem leckeren Spargel-Orangensalat verarbeitet. Dazu gab’s die Rote-Bete-Gnocchi mit Mascarpone-Füllung aus dem Markt. Das Wetter war wieder toll und wir konnten den Balkon genießen.

Die Rückfahrt nach München lief ohne Problem. Fast. Es gab keine Gastronomie an Bord. Als ich es erfahren habe, war es zum Glück früh genug, um mir ein Sandwich und eine Flasche Apfelschorle in Südkreuz zu besorgen. Kontrolleure gab es anscheinend auch nicht, niemand hat nach Fahrkarten gefragt. Ob das Zugpersonal gestreikt hat? Kurz nach zehn war ich am Hauptbahnhof, und wegen zwei Minuten Verspätung durfte ich zwanzig Minuten lang auf meine nächste S-Bahn warten. Elf Uhr abends zu Hause.

Rundweg durchs Murnauer Moos

Wir sind am frühen Sonntag mit der Bahn bis Murnau am Staffelsee gefahren, um den Rundweg durch das Moor zu machen. Das Moor stellt das größte zusammenhängende naturnah erhaltene Moorgebiet Mitteleuropas dar, sagt Wikipedia. Den Tipp hatte ich von meinem Chef bekommen. Er hat immer tolle Vorschläge, was man am Wochenende unternehmen kann.

Vom Bahnhof aus erstmals zum Kiosk von Petra an der Kreuzung, um Kaffee zu trinken, denn am Bahnhof war alles zu (und „alles“ war schon nicht viel). Nach der Stärkung ging es weiter durch den KulturPark. Einmal die Gleise überqueren, und nach einer hübschen Allee kommt man zum Münter Haus, wo Gabriele Münter und Wassily Kandinsky gelebt haben. Wir waren aber zu früh da und konnten das Haus nicht besuchen.

Weiter geht’s durch eine wunderschöne Eichenallee, Kottmüllerallee genannt, die vom Verschönerungsverein Murnau in den 1870er angelegt wurde. Die Frische der Bäume war jetzt nicht so nötig, bei dem Wetter. In München hatten wir strahlende Sonne, als wir weg fuhren. In Murnau war es kühl und teilweise nebelig. Was nicht schade war. Die Landschaft wirkte dadurch noch entspannender. Alles war ruhig. Kein Wunder, dass dieser Ort als Teil eines Meditationsweges gewählt wurde.

Der Weg fuhr links nach dem Feld zum Ramsachkircherl, auch Ähndl genannt. Es handelt sich um die vermutlich älteste Kirche Oberbayerns, ihre Gründung wird im 7. Jahrhundert geschätzt. Besuchen kann man sie nicht, die Tür ist geschlossen. Schade, ich hätte gerne die Handglocke gesehen, die aus dem 8. Jahrhundert stammen soll.

Direkt nebem dem Ähndl steht eine Gaststätte, wo wir uns kurz für einen Kaffee reingesetzt haben. Dem Ehemann war’s kalt. Die 3,20€ pro Tasse fand ich ganz schön heftig.

Der Rundweg fängt direkt hier an. Wir sind rechts rum dem Ramsach entlang gegangen. Ruhig war es hier nicht mehr, viele Leute waren unterwegs, viele mit Fahrrad, einige sogar mit Pferdekutsche, die ziemlich schnell fuhren. Die Landschaft ist, wie zu erwarten ist, sehr flach. Kurz nach unserer Mittagspause verbesserte sich das Wetter schlagartig und blieb bis zum Ende der Wanderung schön sonnig.

An der Weggabelung war ich sehr versucht, links zum Café zu gehen. Meine Blase stand unter Spannung. Aber ich wusste nicht, wie weit weg es noch war, und wir wolltem dem Rundweg rechts über die Brücke folgen. Ab hier ändert sich auf einmal die Landschaft und ein Waldstück fängt an. Der Kontrast zwischen dem kühlen, feuchten Wald und dem trockenerem Bohlenweg, wo überall Erika wächst, ist beeindruckend. Der Bohlenweg ist in gutem Zustand, außer an einer Stelle, wo die Planken durchgebrochen sind. Mit guten Schuhen kommt man aber gut voran.

Nach dem Waldstück geht man an einigen hübschen Holzhütten vorbei, dann läuft der Weg ab Westried der Straße entlang. Nicht zu lang, dann verlässt man links wieder die Straße, um hoch an den Gleisen lang zu gehen. Ich war froh, dass in der ganzen Zeit kein Zug vorbei fuhr. Gerade als wir die Gleise verlassen hatten und uns am Aufsichtspunkt befanden, kam ein Zug. Die huppen sowieso die ganze Zeit, weil sie wissen, dass Leute zu Fuss unterwegs ist, man kann sie nicht überhören. Es wäre mir nur sehr stressig gewesen, so nah an einem vorbei fahrenden Zug zu sein.

Nach dem Aussichtspunkt mit Panorama-Blick auf die Berge ging’s an Wiesen entlang, mit glücklich aussehenden Kühen. Wir sind zurück zur Gaststätte gegangen, da wir der Meinung waren, uns ein kühles Bier verdient zu haben. Und eine Kleinigkeit zum Essen. Ich muss leider sagen, dass ich von meiner Bestellung recht enttäuscht war. Ich hatte marinierten rohen Lachs auf Kartoffelpuffer bestellt (hieß nicht so, aber so was war’s). Dazu gab’s Rotkohl als Salat. Die Kartoffelpuffer waren versalzen (sagt eine, die gerne salzig isst), der Lachs war zu kalt und konnte sein Aroma nicht entfalten. Der Rotkohl war komisch mit Sahne zubereitet und hatte einen mir sehr unangenehmen Geschmack, ich hab’s liegen lassen. I mog’s net. Der Ehemann war von seiner Bestellung auch nicht begeistert, also lag’s nicht an mir. Die tun so, als ob sie kulinarisch was taugen würden, aber es war eine reine Enttäuschung. Und dafür sind sie nicht mal günstig.

Sehr gefallen hat es mir, die Pflanzenarten zu sehen, die hier wachsen. Besonders die vielen Blumen, die sich gerade blicken lassen. Der Käfer war mir neu, und von der Sorte hingen unglaublich viele an den gleichen Pflanzen. Die Eidechse hat sich nicht stören lassen und ist einfach so lange auf dem Bohlenweg geblieben, bis wir beschlossen haben, weiter zu gehen. Eine Smaragdeidechse haben wir sogar gesehen, einen Bruchteil einer Sekunde, so flink wie sie wieder ins Gras verschwunden ist.

Insgesamt sind wir 18 Kilometer gegangen, wenn man den Weg vom und zum Bahnhof berücksichtigt. Ein kleiner Spaziergang, verglichen mit dem vorherigen Wochenende.

Die Isar-Wanderung – Tag 3

Der dritte Tag unserer Wanderung fängt mit Regen an. Als wir jedoch fertig gefrühstückt haben und aus dem Hotel raus kommen, ist es nur noch grau, und die Sonne lässt sich nach einer Weile wieder blicken. Trotzdem ist es gut, dass ich diesmal meine lange Sporthose und mein dünnes Pulli mit langen Ärmeln an habe. Es ist ein bisschen frisch.

Wir wollen heute bis Bad Tölz. Es sind wie gestern um die 25 Kilometer. Ich fühle mich nicht so fit und die Blase unter dem kleinen Zeh stört mich. Der Ehemann hat mich davon abgeraten, sie zu platzen. Hätte ich sonst länge gemacht. Eine Nadel habe ich.

Als wir das Hotel verlassen und überlegen, in welche Richtung es denn geht, begrüßt uns ein junges Paar. Der Mann meint, wir wären uns gestern begegnet. Der Ehemann scheint sich daran zu erinnern. Ich nicht. Aber ich habe bekanntlich keine Gesichtserkennungssoftware im meinem Gehirn installiert. Nach ein bisschen Plaudern machen wir uns auf den Weg. Ab zur Brücke. Nach dem Regen fühlt sich die Luft schön frisch an und die Aussicht zum Sylvensteinsee ist bezaubernd.

Leider ist es Montag, und kein Feiertag. Ein LKW rauscht nah an uns vorbei, als wir auf der Brücke gehen. Der Wind, der dadurch verursacht wird, zieht sehr stark und stresst mich. Am Ende der Brücke hört der Bürgersteig auf. Ein Schild informiert die Autofahrer darüber, dass sie nun 1,4 Kilometer lang auf Fahrradfahrer auf der kurvenreichen Straße achten müssen. Sprich, wir müssten auch so lange am Rande der Straße gehen. Ein zweiter LKW rast vorbei. Mir wird es zu unheimlich, und ich überzeuge den Ehemann, zurück zum Hotel zu gehen und uns ein Taxi bis zur nächsten sicheren Wandergelegenheit zu bestellen. Vielleicht ist es an Wochenenden entspannter, da lang zu wandern, wie Komoot vorgeschlagen hat, aber heute grenzt es an einem Selbstmord. Auf dem Weg zum Hotel gehen wir durch das Zentrum von Fall. Die Ortschaft ist sehr überschaubar. Eine Tafel informiert uns darüber, dass die Schriftstellerin Frieda Runge hier einige Jahre gelebt hatte. Ich kenne sie nicht und denke, ich sollte bei Gelegenheit in einer Buchhandlung schauen.

Der Taxi bringt uns zum Bahnhof von Lenggries im Isarwinkel und wir sparen uns so einen guten Teil der Strecke. Inzwischen strahlt die Sonne, als ob der Regen nie gewesen wäre. Ab hier ist der Weg bis Bad Tölz sehr angenehm. Schön gepflegt und flach, vielleicht sogar unterfordernd. Aber ich beschwere mich nicht, am dritten Tag ohne Erholung bin ich müde. Bis Lain am Arzbach laufen wir an kleinen Wohngebieten vorbei, danach sind wir wieder in der Natur. Ob es sich um ein Naturschutzgebiet handelt, weiß ich nicht mehr. Die Wiesen sind mit Elektrozaun gesperrt – nicht, dass ich dorthin gehen würde. Die Isar schlendert hier fast sinusoidal, wobei man es beim Gehen nicht merkt, nur auf der Karte. Ein Schild informiert über die hier lebenden bedrohten Arte. Ich halte die ganze Zeit Ausschau, aber eine andere Kreuzotter sehe ich nicht. Gestern war ein Glücksfall.

Unterwegs freue ich mich – wie immer – über die vielen Blumen. Heute sind es Maiglöckchen, die wir überall kürz vor Bad Tölz sehen. Fast pünktlich für den 1. Mai.

Obwohl wir dank Taxi nur noch um die zwölf Kilometer gehen, kommt mir das Ende der Wanderung elend lang vor. Die Blase unter dem kleinen Zeh ist immer noch da und ich merke, dass ich beim Gehen eine Schonhaltung annehme, wodurch die Innenseite vom Fuß jetzt schmerzt. Nicht gut. Wir kommen in Bad Tölz relativ früh an uns gönnen uns ein Stück Kuchen in einem Café, bevor wir zum Hotel gehen. „Ein Hotel mit Spa“, hatte der Ehemann versprochen. Die Ausstattung ist jedoch enttäuschend. In Fall war es viel größer und gemütlicher. Dazu kommt, dass sich heute eine Familie mit Kleinkindern im Schwimmbad neben dem Whirlpool breit gemacht hat, und die Kinder mit Wasserpistolen nur am Rumschreien waren. In einem Spa-Bereich. Erholung null. Wir sind nach der Sauna schnell raus gegangen und haben beim Ratskeller gegessen.

Hiermit endet unsere Isar-Wanderung. Den Rückweg nach München machen wir am nächsten Tag mit der Bahn, mit zwischendurch einer Schifffahrt von Seeshaupt bis Starnberg.

Die Isar-Wanderung – Tag 2

Wir starten den Tag nach einer sehr guten Nacht Schlaf mit erstaunlich wenig Muskelkater. Ich hatte Schlimmeres befürchtet. Nach einem leckerem Frühstück lassen wir uns Lunchpakets vorbereiten und gehen relativ früh los. Na ja, gegen zehn Uhr morgens. „Heute wird es leichter“, sagt der Ehemann. „Wir haben viel mehr Zeit als gestern“, sagt er. „Das schaffen wir locker“, sagt er. Ich klinge jetzt wie dieser Legionär in Asterix. Geplant sind um die 25 Kilometer. „Diesmal ohne Umweg“, antworte ich.

Wir verlassen Wallgau. Der Blick vom Dorf mit der Kirche und ihrem Friedhof, der grünen Wiese und den Bergen im Hintergrund ist entzückend.

Da gestern meine Schulter auf die Dauer so starke Schmerze bekommen haben, beschliesse ich, meine Wanderstöcke einzusetzen. So bleiben meine Arme und mein oberer Rücken in Bewegung, und hoffentlich hilft es.

Nach kurzer Zeit erreichen wir eine Brücke und gehen rechts an der Isar entlang. Pferdereiter sind auf den Kiesbänken unterwegs. Außer uns geht ein Mann mit seinem Hund spazieren. Es ist sehr ruhig hier. Am Rande des Flusses stehen viele Holzstöcke, und auf diesen haben Unbekannte Steinmännchen gebaut.

Wir machen uns auf dem Weg zum Vorderriß, nachdem wir unter einem Elektrozaun ganz flach kriechen müssen, weil wir plötzlich gemerkt haben, dass wir vom Weg getrennt sind. Dreieinhalbstunden Fußmarsch, steht auf dem Schild. Wir folgen zuerst dem „schönen breiten Weg zur Auhütte ohne Stufen“. Der Weg geht hoch, aber nicht so steil wie gestern, und wir laufen eine ganze Weile auf dem Radweg mit der Isar links unter uns. Als wir auf einem Stapel von Baumstämmen kurze Pause machen und ein Brötchen essen, überholt uns der Mann aus Wallgau mit seinem Hund.

Auf dem Weg zum Vorderriß begegnen wir sehr vielen Radfahrern. Die meisten sind freundlich und begrüßen uns mit „Servus!“. Ich gewöhne mich langsam dran. Ich glaube, dass ist die Begrüßung, die mir in Bayern am besten gefällt. „Grüß Gott“ passt nicht, dafür bin ich zu ungläubich. „Grüß Sie“ oder „Grüß di“ ist nett, aber da muss ich mich immer entscheiden, ob duzen oder siezen, und bis ich mir die Begrüßung zurecht überlegt habe, ist es schon zu spät. „Servus“ ist gut.

Der Radweg ist nicht ohne, da er ständig hoch und runter geht. Die Leute sehen alle so fit aus und fahren so schnell hoch und lächeln dabei, es ist deprimierend. Ich habe erst in Berlin angefangen, für längeren Strecken das Fahrrad zu benutzen. Es ist dort so schön flach. Hier? Keine Chance. Ich würde nur absteigen und das Rad schieben wollen. Können wir uns gleich sparen und zu Fuß wandern. Es tut mir also gut, als wir kurz vor dem Vorderriß den steilen Weg runter gehen und eine junge Frau auf ihrem Rad uns keuchend entgegen kommt, bevor sie austeigt und schiebt. Ihr Freund hinter ihr scheint auch zu leiden. Ich bin doch nicht nur von Übermenschen umgeben!

Heute sind die Schnecken unterwegs. Wir sehen viele mitten im Weg (immer noch der Isar-Radweg) und wundern uns, dass keine noch überfahren oder getreten wurde. Apropos Schnecken. Kennt ihr die Geschichte von Crunch die Schnecke? Es war einmal eine Schnecke, die die Straße überquerren wollte. Plötzlich kam ein Auto, und Crunch die Schnecke!

Die Flora ändert sich. Wir treffen zunehmend uns vertrauten Arte.

Als wir endlich am Vorderriß ankommen, machen wir eine längere Pause am Flussufer unter der Brücke. Ich esse mein zweites Brötchen, ziehe meine Wanderschuhe aus und gehe ins Wasser. Ganz kurz. Das Wasser ist eiskalt und wenn ich länger als zehn Sekunden drin bleibe, schmerzen meine Beine. Ich gehe mehrmals hinter einander. Eiskalt, aber es tut gut. Wir bleiben eine ganze Stunde da. Der Ehemann schläft ein.

Weiter über die Brücke zur linken Seite der Isar. Auf der Straße. Nach der nächsten Brücke zurück zur rechten Seite, und da sehen wir ein Gasthof mit vielen Motorrädern geparkt. Wir sitzen uns an einem langen Holztisch hin, aber das Weißbier schmeckt von weitem nicht so gut wie gestern unter der Geisterklamm.

Nach dem Bier geht’s auf den Kiesbänken. Man glaubt zuerst, alleine zu sein, um plötzlich zu merken, dass es nur von Menschen wimmelt. In einer Holzbarrikade sonnt sich eine Frau. Ich merke sie erst, als sie aufsteht. Weiter weg ist eine Familie mit Kleinkind. Überall sind einzelne Personen unterwegs.

Ich übe mich im Steinmännchen basteln, aber es sieht von weitem nicht so elegant wie die anderen aus. Kein Gefühl von Leichtigkeit und Balance. Es wirkt wie ein Klotz. Ich kann Mauer bauen. Mein Steinmännchen wird nicht umkippen.

Da wir irgendwann Richtung Fall gehen müssen, beschließt der Ehemann, uns durch Dickicht zum nächsten Weg zu führen. Ich motze. Ich mag es nicht, durchs Unterholz zu gehen. Da ist kein Weg. Ich mache vieles kaputt. Überall haben Spinnen ihre Netze gespannt, um mich zu fangen.

Als wir endlich zum Weg kommen, bleibt der Ehemann vorne. Er trampelt und schaut, ich weiß nicht wohin, aber nicht auf den Weg, den er gerade betritt. Hören tut es scheinbar auch nicht richtig. Ich schon. Es zischt. Oder es faucht. Ganz schön laut. Ununterbrochen. Ich kann es nicht so gut beschreiben aber es kommt mir sehr bekannt vor. Und als der Ehemann unwissend weiter geht und mir die Sicht von dem, was vor ihm lag, nicht mehr sperrt, kann ich nur noch „Ach du meine Güte“ rufen. Er dreht sich um. Die total angepisste Kreuzotter ist schon zur Hälfte ins Gebüsch links vom Weg verschwunden, als er sie wahrnimmt. „Die war aber nicht so groß“, behauptet er nachher. Die hat er nicht in der ganzen Länge gesehen. Ich habe keine Phobie vor Schlangen wie bei Spinnen, aber vor der habe ich schon Respekt.

Nach einem langen Fußmarsch unterbrochen von Minipausen kommen wir am Hotel. Das einzige Hotel in Fall. Ich bin froh, da zu sein. Ich bin völlig platt. Unter meinem kleinen rechten Zeh hat sich eine Blase gebildet. Eine tolle Überraschung war der Spa-Bereich. Das hatte mir der Ehemann verschwiegen. Wir hüpfen ganz kurz ins Whirlpool und in die Sauna, bevor wie zum Restaurant essen gehen. Brotzeitbrettl mit Obazda. Doch gar nicht so klein, das Brettl. Aber da fddb behauptet, in nur drei Stunden leichter Wanderung verbrennt man über 1000 kcal, und wir viel länger mit schweren Rucksäcken gegangen sind, mache ich mir keine Gedanke darüber, wieviel ich esse.

Ich habe jedenfalls etwas Wichtiges gelernt: Beim Wandern mit Rucksack ist es sehr ratsam, die Arme ständig in Bewegung zu halten. Mit Wanderstöcken geht es automatisch. Auf der Art konnte ich Schmerze in den Schultern deutlich reduzieren. Schon komisch, dass ich vor gut zehn Jahren mit dem selben Rucksack einen zweiwöchigen Urlaub in Finnland alleine gemacht hatte, und ich mich nicht erinnern kann, dass ich solche Probleme bekommen hatte. Vielleicht habe ich es aus meinem Gedächtnis verdrängt. Ich war auch zehn Jahre jünger.

Die Isar-Wanderung – Tag 1

Auf die Idee, eine mehrtägige Wanderung mit Rucksack entlang der Isar zu machen, sind wir im Herbst gekommen. Auf Arte lief eine Dokumentation über diesen Fluss, die uns völlig begeistert hat. Wir haben beschlossen, irgendwann im Frühling eine Woche Urlaub zu nehmen, und dort zu wandern. Damals wussten wir noch nicht, dass ich die Stelle in München antreten würde. Um so besser.

Wir haben das lange Wochenende vom 1. Mai angepeilt. Den Brückentag durfte ich trotz Probephase frei nehmen. Der Ehemann hat die Tour organisiert und ich habe mich überraschen lassen. Wir hatten Glück, mit dem Wetter. Ich hatte mir schon vorgestellt, wie wir unter Regen auf schlammigen Wegen gehen würden. Regenjacke und Wanderstöcke habe ich eingepackt. Das Wetter war doch fantastisch sonnig und schon fast zu warm für eine Wanderung mit Rucksack.

Wir sind mit der Bahn bis Scharnitz gefahren, im Karwendel, direkt hinter der Grenze mit Österreich. Von dort aus wollten wir die Isar ein Stückchen auf ihrem Weg nach München begleiten. Natürlich nach einem Kaffee, dachten wir. Nein. Scharnitz wirkt wie ein Geisterdorf. Am Bahnhof gibt es kein Café. Das Restaurant sieht von weitem ungepflegt aus, und der Eindruck verbessert sich nicht, wenn man näher kommt. Die Fensterscheiben sind mit Staub und Spinnennetzen bedeckt. An der Tür hängt ein Schild: „Wegen Krankheit vorübergehend geschlossen“. Tja. Es wird wohl nichts mehr mit dem Restaurant. Dem Imbiss zwei Häuser weiter geht’s nicht besser. „Haus zum verkaufen“, kann man an der Tür lesen. Wir fangen die Wanderung ohne Kaffee an.

Nach der Kreuzung, an der die Straße gerade renoviert wird, und über die Brücke: Da sieht man schon die Isar! Ganz wild und schnell fließt sie weg. Wir schauen mutige Kayakfahrer zu und folgen dem kleinen Weg entlang der Isar. Einige Leute sind unten auf den Kiesbänken beim Sonnen oder machen Feuer. Sie haben scheinbar die Schilder nicht gelesen, mit der Botschaft „Der Riedboden ist eigentlich ein „Kulturschutzgebiet“.“ Eigentlich. Von April bis August brüten genau dort Flussuferläufer und Flussregenpfeifer. Wir bleiben oben auf dem Weg, wobei wir versuchen, ein bisschen abseits näher am Fluß zu gehen. Es sind viele Fahrräder unterwegs. Einen Wanderweg gibt es an der Isar nicht, man benutzt den Isar-Radweg.

Als wir also abseits vom Weg laufen, kommen wir an einen Mann im Adamkostüm vorbei, der sich gut versteckt in der Sonne bräunen lässt. Da wir nicht besonders leise waren, denke ich, er hat uns längst gehört, und ich rufe „Servus!“, wie alle Leute uns bis jetzt begrüßt haben, um nicht unhöflich zu sein. Der Mann reagiert panisch, er war scheinbar doch am Schlafen gewesen. Das tut mir Leid, ihn in seiner Ruhe so erschreckt zu haben. Und unser Weg hat sich als Sackgasse erwiesen, wir mussten nochmal an ihm vorbei, zurück zum Radweg.

Kurz vor Mittenwald sehen wir einen hübschen kleinen Weg hoch gehen. Der Ehemann schaut auf seinem Handy und meint, wir wären gut in der Zeit, wir könnten einen Abstecher zur Geisterklamm machen. Warum nicht, denke ich naiv. Es ist aber eine Sache, mit Rucksack auf flachem Weg zu gehen, und eine ganz andere, damit einen langen, steilen Weg hoch zu gehen. War das hart! Zwischendurch kommen wir an eine Gaststätte vorbei, um enttäuscht festzustellen, dass diese erst ab dem 1. Mai öffnet. Bei dem tollen Wetter und den vielen Leuten, die unterwegs sind, eindeutig ein Fehler.

Wir gehen weiter hoch bis zur Bayern-Österreich-Grenze und sind ein zweites Mal enttäuscht: Der Weg zur Geisterklamm ist gesperrt! Die Information hätten wir gerne unten gesehen, wo die erste Hinweisschilder zur Klamm standen, bevor wir mühsam hoch gegangen sind. Wir gehen den Weg zurück nach unten und kommen endlich an einem kleinen Biergarten vorbei, der geöffnet hat. Die Pause tut gut. Und weiter geht’s Richtung Mittenwald, wobei der Ehemann merkt, dass er sich verschätzt hat und wir noch nicht die Hälfte der Strecke bis zu unserer ersten Übernachtung bei Krün geschafft haben. Die Meldung schafft mich. Der Rucksack ist schwer.

In Mittenwald angekommen, muss ich feststellen, dass die Häuser genau so kitschig wir in Garmisch-Patenkirchen sind. Wir gehen den Weg mit den Treppen hoch in Richtung Krün. Ich denke schon nur noch daran, endlich im Hotel zu sein und meine Wanderschuhe auszuziehen. Wie frustrierend, die ganze Zeit an der Isar zu laufen, und seine Füße nicht im Wasser abzukühlen! Ich dachte, wenn ich es tue, kriege ich die Füße danach nicht mehr in die Schuhe rein. An einer Stelle wasche ich mir doch kurz die Hände und das völlig versalzene Gesicht.

Nahe am Kraftwerkgelände bei Krün sind wir Zeuge einer Eskapade von Ziegen aus ihrer Wiese. Die eine bannt sich einen Weg unter dem Stacheldraht, die Anderen folgen ihr, bis sie alle vor dem geschlossenen Tor vom Gelände stehen bleiben und warten. Die Ziegen sind alleine. Kein Mensch, kein Hund. Ob sie das häufiger so machen?

Mittlerweile ist mein Rucksack wirklich schwer geworden. Meine Schulter schmerzen, obwohl sein Gewicht um die Hüfte fest sitzt. Ich spüre seitlich von den Oberschenkeln eine sehr angestrengte Muskulatur, deren Existenz mir bis jetzt im Verborgen geblieben war. Die Abduktoren sind es nicht, ich trainiere sie häufig im Fitnessstudio. Nee, diese neuen Muskeln sitzen tiefer. Ich wage es, dem Ehemann meine Beschwerde anzuvertrauen, und er gibt zu, dass er auch diese Muskeln spürt. Er meint, er hat die Strecke vielleicht unterschätzt. Es beruhigt mich. Ich bin doch nicht so ein Sensibelchen, und es liegt nicht an meiner Periode, die ausgerechnet jetzt extrem stark ist. Schwanger bin ich definitiv nicht mehr. Unser Trinkwasser geht auch noch aus.

An Krün vorbei, müssen wir weiter bis Wallgau laufen. Der Weg scheint mir elend lang zu sein. Als wir endlich am Hotel ankommen, stürze ich mich als Erste unter die Dusche. Wir essen im Restaurant, alles schmeckt wunderbar. Wildgeschnetzeltes mit Spätzle und Rosenkohl. Schokoladensoufflé. Enziangeist. Der Geschmack erinnert mich ein bisschen an Radieschen. Um nicht mal zehn fallen wir ins Bett. Erschöpft. Der Ehemann massiert mir noch den Raum zwischen den Schulterblättern, es ist dringend notwendig. Ich revanchiere mich bei seinen Waden. Und dann fallen wir um.

Wir sind an diesem ersten Tag mit dem Abstecher fast 21 Kilometer in sechs Stunden gelaufen – Pausen nicht aus der Zeit abgezogen. Es klingt nicht viel, jedoch war es mit dem Rucksack sehr hart. Ich überlege, was ich zu Hause hätte lassen können, aber alles drin brauche ich. Leichte Sportkleider, Unterwäsche, eine Hose, ein Sweatshirt und leichte Schuhe für den Abend, Latschen, Duschzeug, Sonnencreme, Wasserflasche, Regenjacke, Wanderstöcke. Ich glaube, der Rucksack selbst ist zu schwer.

Unterwegs war ich jedenfalls begeistert von den vielen Blumen. Erika, Silberwurz, Enzian… Dafür sind wir kaum Insekten begegnet. Die wenigen Bienen, die wir gesehen haben, sind ganz klein.

USB-Stick plötzlich nur noch lesbar

Ich habe seit Anfang des Jahres viele Fotos mit meiner Kamera gemacht. Meistens ging es mir darum, meiner weit entfernten Familie über Facebook meine neue Umgebung zu zeigen. Bevor ich die Fotos hochlade, bearbeite ich sie kurz mit Gimp. Ich habe noch kein Bild aufgenommen, bei dem das Nachschärfen keine Verbesserung gebracht hat.

Gimp kann man auf allen gängigen Betriebssystemen installieren. Seitdem meine Windows-Festplatte den Geist aufgegeben hat, bearbeite ich jedoch alle meine Bilder unter Ubuntu. Ich habe einen MacBook, aber das Bearbeiten von Bildern ist damit ein Graus. Den MacBook habe ich von meiner alten Arbeitsstelle übergangsweise geliehen bekommen, um Nachfragen über Programm#1 zu beantworten, bis ein Nachfolger gefunden wird. Ich hasse ja Mac. Der MacBook kommt jedoch häufig zum Einsatz, weil mein Ubuntu-Rechner nicht WLAN-fähig ist. Ich benutze immer noch mein Handy als Hotspot.

Was ich also mit meinen Fotos mache:

  1. sie aus der Kamera-Karte zum Ubuntu-Rechner kopieren,
  2. sie dort mit GIMP bearbeiten,
  3. sie nach Bearbeitung auf einem USB-Stick kopieren,
  4. sie vom Stick zum MacBook kopieren, und anschließend
  5. sie auf sozialen Medien hochladen.

Nun der Hacken: Plötzlich hat Ubuntu behauptet, ich könnte nichts auf USB-Sticks kopieren, weil alle schreibgeschützt wären. Das stimmt gar nicht, auf dem Mac kann ich alles drauf schreiben, was ich will. Warum es plötzlich alle meine USB-Sticks betrifft, weiß ich nicht. Vielleicht mag es Ubuntu nicht, wenn die Sticks auf so vielen Betriebssystemen benutzt werden. Mac hinterlässt auf Sticks jede Menge Müll in Form versteckter Dateien. Formattieren konnte das Problem nicht beheben: Weil die Sticks angeblich schreibgeschützt sind, kann Ubuntu sie nicht formattieren. Auf dem MacBook formattieren habe ich nicht probiert. Ich habe zuerst nach einer nicht so radikalen Lösung gesucht. Die habe ich hier gefunden.

Mit dem befehl lsblk kann man sich im Terminal alle verbundenen Laufwerke anzeigen lassen. Das Ergebnis sah bei mir so aus (der Nutzername wurde durch user ersetzt):

NAME MAJ:MIN RM SIZE RO TYPE MOUNTPOINT
sda 8:0 0 931,5G 0 disk
├─sda1 8:1 0 100M 0 part
├─sda2 8:2 0 292,9G 0 part
├─sda3 8:3 0 345,6G 0 part
├─sda4 8:4 0 1K 0 part
└─sda5 8:5 0 97,7G 0 part
sdb 8:16 0 1,8T 0 disk
├─sdb1 8:17 0 15,9G 0 part
│ └─cryptswap1 252:0 0 15,9G 0 crypt [SWAP]
├─sdb2 8:18 0 1K 0 part
├─sdb5 8:21 0 77,7G 0 part /
└─sdb6 8:22 0 1,7T 0 part /home
sdc 8:32 1 3,8G 0 disk
└─sdc1 8:33 1 3,8G 0 part /media/user/kamera_karte
sdd 8:48 1 57,7G 0 disk
└─sdd1 8:49 1 57,7G 0 part /media/user/usb_stick
sr0 11:0 1 649,5M 0 rom /media/user/LARIAN_DIV3
sr1 11:1 1 1024M 0 rom

wodurch ich erfahren habe, dass mein Stick, mit dem Pfad /media/user/usb_stick, den internen Namen sdd1 trägt. Das kann sich immer ändern, daher ist dieser erster Schritt wichtig.

Als zweiter Schritt hebt man mit dem Befehl sudo hdparm -r0 /dev/sdd1 den Schreibschutz auf. Was dieser Befehl raus spuckt:

/dev/sdd1:
setting readonly to 0 (off)
readonly = 0 (off)

Es scheint also ohne Problem zu klappen, aber das Kopieren von Dateien lief bei mir in Nautilus mit der Maus immer noch nicht.

Es könnte sein, dass einige Sektoren auf dem Stick beschädigt sind. Das prüft man mit dem Befehl sudo fsck /dev/sdd1 und repariert es wenn nötig mit dem interaktiven Output:

fsck from util-linux 2.27.1
fsck.fat 3.0.28 (2015-05-16)
0x41: Dirty bit is set. Fs was not properly unmounted and some data may be corrupt.
1) Remove dirty bit
2) No action
? 1
There are differences between boot sector and its backup.
This is mostly harmless. Differences: (offset:original/backup)
3:53/4d, 4:59/53, 5:53/57, 6:4c/49, 7:49/4e, 8:4e/34, 9:55/2e, 10:58/31
, 91:fc/33, 92:31/c9, 93:c9/8e, 94:8e/d1, 95:d1/bc, 96:bc/f8, 97:76/7b

[Geschnitten weil es sonst zu lang wird]

, 501:00/4f, 502:00/4f, 503:00/54, 504:fe/20, 505:02/53, 506:b2/59
, 507:3e/53, 508:18/00, 509:37/00
1) Copy original to backup
2) Copy backup to original
3) No action
? 3
/System Volume Information
Has a large number of bad entries. (85/93)
Drop directory ? (y/n) y
Reclaimed 2 unused clusters (65536 bytes).
Free cluster summary wrong (1810971 vs. really 1810973)
1) Correct
2) Don't correct
? 1
Perform changes ? (y/n) y
/dev/sdd1: 998 files, 78197/1889170 clusters

Es waren also ganz schön viele Fehler, die ich entfernt habe. Das Kopieren von Dateien auf dem Stick klappte danach im Nautilus immer noch nicht und erfolgte nur durch den Terminal:

cp -r ~/Pictures/20180408 /media/user/usb_stick/

zum Beispiel, wo ich das ganze Verzeichnis 20180408 mit vielen Bildern drin rekursiv auf dem Stick kopiere.

Damit ist das Problem leider nicht für immer gelöst, weil Ubuntu bei der nächsten Benutzung vom Stick wieder behauptet, der Schreibschutz wäre aktiv. Vermutlich ist es ein Zeichen, dass die Sticks alt werden und irgendwann gar nicht mehr zu benutzen sind.

Das Wochenende in Bildern

Der Ehemann ist am Wochenende gekommen.

Ich hatte die Idee, am Samstag zum Ammersee zu fahren. Es war die ganze letzte Woche so kalt, die Temperaturen sind nie über null Grad gekommen. Es müsste doch toll sein, am gefrorenen See spazieren zu gehen. Ja, der Spaziergang war es.

Abgesehen davon, dass die S8 momentan wegen Bauarbeiten nur alle vierzig Minuten fährt, und man am Bahnhof nicht mal darüber informiert wird, dass der Zug nicht am richtigen Bahnsteig ankommt, sondern falsch rum fährt… Ich sage nur, gut, dass der Fahrer uns alle wegrennen gesehen und gewartet hat, bis wir die Treppen runter und hoch gerannt sind, um zum anderen Bahnsteig zu gelangen (und das auf dem neuen frischen Schnee, über dem alten gefrorenen Schnee, der natürlich wie immer gar nicht geräumt wurde). Sonst hätten wir weitere vierzig Minuten in der Kälte stehen müssen. An dieser Stelle vielen Dank an die Münchener, die sich vor den optischen Sensoren der Türe vom Zug stellen, wenn sie sehen, dass jemand noch einsteigen will. So ein hilfreiches Verhalten habe ich in Berlin nie erlebt. Die Leute dort bleiben nur direkt nach dem Einsteigen neben der Tür stehen, weil sie zu blöd sind, um zu denken, dass die Leute hinter ihnen vielleicht auch rein möchten. Sensoren gibt es an den Türen der Berliner S-Bahn nicht, oder nur, wenn die Tür nicht zu geht, weil jemand gerade eingequetscht wird.

Gefroren war der Ammersee am Samstag nicht, dafür ist er viel zu groß. Hätte ich mir denken können. Trotzdem war der Spaziergang sehr schön. Nach dem verschneiten Park kommt man zum Ufer, wo eine Seejungfrau auf einem Waller sitzt. Die Skulptur wurde von der Bildhauerin Hilde Grotewahl angefertig und der Gemeinde Herrsching geschenkt. Leider war von der Sonne, über die wir uns beim Verlassen von München gefreut hatten, nicht viel übrig. Mit dem Nebel aus dem See wirkt das Bild von den Enten und Blässhühnern mit dem Steg im Hintergrund fast surrealistisch.

Ich wäre gerne weiter nach Süden am See entlang gegangen. Einen Teil der Strecke mussten wir über die Straße gehen, und nach dem Schloß Milfelden haben wir den Weg zum Ufer gefunden. Leider war er unter dem frischen Schnee viel zu gefroren und glatt, um darauf laufen zu können. Wir sind umgekehrt, und haben dabei ganz viele süße Fußstapfen von Vöglein am Boden entdeckt.

Was soll’s, Andechs ist auch nicht weit, wir könnten dahin gehen. Das Kloster ist ja berühmt. Da der Fußweg aber genau so glatt wirkte, sind wir zurück zur Bushaltestelle gelaufen und von dort mit der 951 hin gefahren. Inzwischen war der Nebel verschwunden, und in Andechs haben wir sogar ein bisschen Sonne gesehen. Dass hier Bier gebraucht wird, sieht man fast an jeder Ecke. Wir sind um die Mittagszeit am Gasthof angekommen und obwohl der Empfang recht kühl war (unsere Begrüßung wurde beim Betreten des Raumes von den Mitarbeitern nicht mal erwidert, so dass wir uns erstmals fragten, ob es doch noch zu früh war), hat sich der Besuch gelohnt. Das Bergbier war hevorragend, und ich habe zum ersten Mal Obazda gegessen. Was soll ich sagen? Hmm, so lecker!

Nach einem kurzen Spaziergang sind wir weiter mit dem Bus nach Starnberg gefahren. Nachdem ich die Wohnung von Airbnb doch nicht bekommen habe, war ich auf den Starnberger See neugierig, der in der Nähe liegt. Die Idee war dabei auch, das Problem mit der schlecht fahrenden S8 zu vermeiden, und mit der S6 zurück über die Stadt zu kommen, wo wir noch einkaufen wollten. Die Kaffeepause am Ufer hinter dem Bahnhof war mit der wärmenden Sonne so gemütlich, dass wir fast auf der Stelle eingeschlafen wären. Nach einem letzten Spaziergang sind wir müde nach Hause gefahren. An dem Tag sind wir über zehn Kilometer zu Fuß gelaufen.

Heute Morgen habe ich beschlossen, einen faulen Tag einzulegen. Nachdem wir lange ausgeschlafen haben, sind wir zum Café Glockenspiel gefahren, um dort zu frühstücken.

Die Fahrt mit der S8 war ekelhaft. Man hatte echt den Eindruck, in einer Mülltonne zu fahren. Die Bahn war noch relativ leer, als wir angekommen sind, und wir konnten uns einen sauberen Sitzplatz aussuchen. Das Entsetzen der späteren Fahrgäste war nicht zu überhören. Der Müll, der da rum lag, konnte aber unmöglich erst am Sonntagvormittag entstanden sein. Ich vermute, dass es sich um Reste vom Samstagabend handelt, und dass die Bahn einfach nicht geputzt wurde. Es ist ja schwer, jetzt, wo die Bahn nur alle vierzig Minuten fährt, Zeit zu finden, um sie zu reinigen… 🙄

Wir sind eine halbe Stunde nach der Eröffnung vom Café angekommen, und nicht zu früh. Ich habe den letzten freien Tisch ergattern können, während der Ehemann hinten zwei Männern stecken geblieben war, die nach einem freien Tisch fragen wollten. Das habe ich erst nach dem Hinsetzen gemerkt, als die Männer enttäuscht reagiert haben, dass es plötzlich keinen Tisch mehr gab. Wie der Kellner ihnen sagte, sie hätten sich direkt selber einen Platz aussuchen sollen.

Nach dem leckeren Frühstück sind wir zum Englischen Garten gegangen. Zuerst zum südlichen Teil, wo wir in einem Fußgängertunnel am Friedensengel tolle Kunstwerke entdeckt haben.

Wir sind dann am Bayerisches Nationalmuseum vorbei gegangen, um weiter zum anderen Teil vom Garten zu kommen. Dort standen einige Schaulustige, um die Surfer zu betrachten, die trotz Verbotsschilder ihren Spaß hatten. Wir haben zum Schluß am Biergarten in der Sonne gesessen, während der schmelzende Schnee aus dem Turm auf dem anderen Ende von unserem Tisch herunter tropfte. Danach musste der Ehemann zurück zum Flughafen. Ich bin schwimmen gegangen.