Wieder im Lande

Wir haben die Zeit nach Weihnachten bei meiner Familie verbracht. Am Sonntag geflogen, und gestern hieß es wieder, ab nach Hause.

Natürlich konnten wir in der kurzen Zeit nicht alle besuchen. Wir haben bei meiner Mutter übernachtet, haben einen ruhigen Silvesterabend verbracht, und sind danach zu meiner Schwester gefahren. Der Neffe konnte sich noch an uns erinnern. Lustig war, als wir die Ziegen und Hühner vom Nachbar besucht haben. Die Hühner haben mit ihren Krallen den Boden gekratzt, um nach Würmern zu suchen. Der Neffe hat es nachgemacht. Zuerst hat er mit den Füßen das Gras geschrubbt, dann hat er sich mit dem Gesicht ins Gras fallen lassen, um mit seiner Nase etwas zum Essen zu finden. Voll süß. Am Donnerstag waren wir wieder bei meiner Mutter, und gestern war der Bruder mit seiner Freundin kurz da, bevor wir abgefahren sind. Ein Scoop: Die Beiden wollen jetzt Eltern werden. Es klappt jedoch nicht. Da Fastschwägerin vierzig geworden ist, wird es sicherlich schwierig. Ich hoffe, ihr bleiben meine Erfahrungen erspart. Meine letzte Fehlgeburt liegt nun zwei Jahre her, als ich gerade vierzig war. Seitdem bin ich, glaube ich, nicht mehr schwanger geworden.

Gestern hat blöd angefangen. Kurz bevor wir zum Dorfmarkt aufgebrochen sind, hat mein unterer Rücken laut geknackt. Das macht er ab und zu, seitdem ich Ischiasprobleme hatte, unten links im Becken-Bereich. Meistens fühlt es sich gut an, wenn es knackt, als ob eine Blockade sich dadurch lösen würde. Gestern war das Knacken anders, und ich habe seitdem Schmerze bekommen. Ich kann wieder nicht mehr lange stehen bleiben. Mein Becken knackt leicht, wenn ich das linke Bein heben muss, und ich fühle mich blockiert. Es strahlt auch ein bisschen ins Po und der linke Fuß kribbelt. Der Ehemann musste gestern meinen Koffer und meine Laptop-Tasche tragen, zusätzlich zu seinen Sachen.

Wir sind viel früher als nötig abgefahren, weil ich eigentlich schon seit Wochen ahnte, dass wir nicht so leicht zurück zum Flughafen kommen würden. Ich war überrascht, dass wir ohne Problem zu meiner Mutter und meiner Schwester fahren konnten. Aber gestern war Samstag, das erste Wochenende im Jahr, und im Fernseher hieß es, dass die gelben Westen wieder zu Aktionen gerufen hatten. Die Einfahrt zur Autobahn in Le Muy war eingeschränkt und es staute am Kreisverkehr davor. Ich glaube, wir sind kurz zu Beginn der Autobahnsperrung angekommen. Ein Stückchen weiter warnte uns ein LED-Schirm über einen Stau sechs Kilometer weiter, und wir haben die nächste Ausfahrt in Puget-sur-Argens benutzt, um weiter auf kleinen Straßen zu fahren. Das war die beste Entscheidung überhaupt, denn in Fréjus war die Mautstelle komplett gesperrt. LKWs hatten sich vor jeder Schranke gestellt, wie wir von einer Brücke direkt oberhalb sehen konnten. Wer weiß, wann wir in Nizza angekommen wären, wären wir auf der Autobahn geblieben…

Um halb fünf waren wir bei der Autovermietung am Flughafen, und wir hatten noch viel Zeit, bis zu unserem Flug nach München um 19:35. Ich konnte zum Glück sitzen, während der Ehemann in der Schlange für die Gepäckabgabe gestanden hat. Mein Rücken tat richtig weh. Wir haben dann die Zeit am Restaurant auf der Etage nach der Sicherheitskontrolle verbracht. Das Restaurant hatte blöderweise nichts zum Essen, weil es Samstag war. So gut besucht ist der Flughafen wohl nicht. Wenigstens gab es Pastis. Kurz vor Boarding sind wir zu den anderen Reisenden in die Wartehalle gegangen. Das Restaurant hatte eh um 19:00 Feierabend (es ist schlimmer als in Bayern). Um 19:05 kam dann eine Durchsage: Unser Flug sollte über eine Stunde Verspätung haben. Keine weitere Information, und gar keine Mitarbeiter, um nachfragen zu können. Sowohl die App als auch die Webseite von Lufthansa zeigten noch den Flug als pünktlich an. Würden wir denn noch an dem Tag nach Hause fliegen können, oder sollten wir über eine zusätzliche Übernachtung nachdenken? Würden wir rechzeitig Bescheid bekommen? Mein Vielflieger von Ehemann hat die Hotline angerufen und ihm wurde erzählt, dass aufgrund von schwerem Schneefall in München alle Flüge verspätet oder gar annulliert wurden. Die Maschine nach Nizza wäre gerade erst abgeflogen, wir würden aber zurück fliegen können. Es hätte nur so viele Flugausfälle und Verspätungen gegeben, dass sie gar nicht mehr in der Lage gewesen wären, die Informationen auf der Webseite zu aktualisieren. Die LIMS-Programmiererin (also, ich) hat dafür kein Verständnis.

Um 21:00 fing das Boarding an, anderthalb Stunden später landeten wir in München. Es hat über eine halbe Stunde gedauert, bis wir unsere Koffer bekommen haben. Ich habe wieder zum Glück die ganze Zeit sitzen können, und es war gut, weil mein Rücken sich in der Zeit so gut erholen konnte, dass wir bis zur S-Bahn ein wenig laufen konnten. Nicht super schnell, aber schneller als beim Gehen. Die S8 nach Herrsching von 23:14 haben wir gerade noch erwischt, die Nächste wäre erst vierzig Minuten später abgefahren. Um zwanzig vor eins waren wir endlich zu Hause.

Heute habe ich mich geschont. Ich hatte mich für die Nacht mit Voltaren eingecremt und es ging, beim Aufstehen. Ich spüre aber, dass es schlimmer werden könnte, wenn die Blockierung sich nicht löst. Mit einem Schal habe ich den Becken den ganzen Tag warm gehalten, und ich habe vor dem Abendessen schön warm gebadet. Trotzdem klemmt’s weiter. Ich fürchte, dass es morgen auf Arbeit schwierig werden könnte. Vielleicht sollte ich wieder Diclofenac einkaufen gehen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Auf in den Urlaub

Ich sitze in dem Zug nach Frankfurt, zur Familie vom Ehemann. Die BahnCard hat sich noch gelohnt. Wir sind kurz vor Neustadt an der Aisch und es schüttet wie aus Eimern. Ich fühle mich nicht besonders gut, was an den Sturm von heute Nacht liegt. Ständig bin ich aufgewacht, obwohl ich sehr müde und mit Migräne ins Bett gegangen war. Der Wind war so stark, dass ich dachte, ein Flugzeug würde übers Haus fliegen. Wir wohnen nicht weit vom Flughafen Oberpfaffenhofen, wobei man eigentlich kaum etwas fliegen hört. Aber nein, es war der Wind. Um halb sechs bin ich zuletzt aufgewacht, und ich konnte nicht mehr einschlafen. Zum Glück gab es keine Auswirkung auf meine Bahn-Strecke.

Wenigstens konnte ich noch die Jahresplaner fertig stellen, bevor ich die Wohnung heute morgen verlassen habe. Und ich habe daran gedacht, sie in den Koffer zu packen. Das wär’s noch gewesen. War das vielleicht ein Stress! Hätte ich gewusst, was für ein Aufwand das ist, hätte ich doch etwas anderes als Weihnachtsgeschenk gemacht. Für eine Person geht’s, aber nicht für vier. Der Ehemann ist zuversichtlich, dass es gut ankommen wird. Das will ich hoffen.

Der Ehemann ist auch mit der Bahn nach Frankfurt unterwegs, aber er ist vorher nach Berlin gefahren, um mit seinem Vater zu reisen. In seinem Alter traut er sich nicht mehr, mit Gepäck alleine zu reisen. Alles ist ihm umständlich geworden. Da der Ehemann arbeitslos ist, hat er Zeit. Bewerbungen hat er schon viele geschrieben, seit der Ankündigung seiner Entlassung vor fünf Wochen. Ein Vorstellungsgespräch gab es auch, letzte Woche. So richtig scheint es aber nicht zu passen. Nach Weihnachten tut sich wahrscheinlich mehr.

In Würzburg scheint jetzt die Sonne. Die Fahrt läuft sehr angenehm, was am Komfort der ersten Klasse liegt. Einmal erste Klasse gefahren, nie wieder zweite Klasse fahren, sage ich. Für unsere Verbindung wurde empfohlen, Sitzplätze zu reservieren, aber bei uns sind noch Sitzplätze frei. Der Reisebegleiter hat mir einen tollen Kaffee am Anfang der Fahrt gebracht. Internet funktioniert. Wir sind pünktlich. Ich weiß seit Kurzem, dass alles unter sechs Minuten Verspätung für die Deutsche Bahn als pünktlich gilt, aber wir sind wirklich wirklich pünktlich. Wir waren es zwischendurch nicht, jetzt doch wieder.

Am anderen Tisch neben mir sitzt eine junge amerikanische Familie mit Säugling, auf dem Weg zum Flughafen. Zufällig hat eine andere Amerikanerin den Sitzplatz ihnen gegenüber am Tisch gebucht, und seit München sind sie nur am quatschen. Ununterbrochen. Für mich als Sozialmuffel sehr bewunderswert. Ich kann es nicht, so lange über so viele Sachen diskutieren. Vielleicht kommt es, wenn man ständig ein Säugling an der Brust hängen hat und nichts anderes machen kann.

Ich freue mich auf die nächsten stressfreien Tage. Gut, so stressfrei ist es bei Weihnachtsbesuchen nie, aber endlich mal vom Job auszuschalten ist toll.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Familienspaziergang

Ich war mit meiner Mutter, meiner Schwester, derem Freund und ihrem Sohn unterwegs.

Wir wollten in einem Restaurant in einem Nachbardorf essen, aber wir hatten kein Auto und mussten zu Fuß gehen. Wir gingen eine Straße hoch. Für den Neffe war es hart und ich habe versucht, ihn zu tragen, aber mit seinen fünfzehn Kilogrammen war es mir zu viel. Wir gingen weiter und ich fragte mich, warum wir kein Auto gemietet hatten. Mit ÖPNV ist bei uns nicht zu denken, aber ein Auto, das hätte ich uns gegönnt.

Am Rand der Straße links von uns lag ein wunderschöner Waran, mit knallen blauen und grünen Farben. Wir haben ihn zuerst nur beobachtet. Als wir ihn überholt haben, ist er zu mir gekommen. Ich habe meine Hand gestreckt, und er hat mich ganz stark gebissen, bevor er in die Böschung rechts von der Straße verschwunden ist.

Wir sind in Fox-Amphoux angekommen. Unser Ziel war aber Aiguines[1]. Ach, was soll’s, hier war es ganz schön[2]. Wir haben die wunderschöne Häuser betrachtet, die sich am Hang von einem Berg erstreckten, und danach beschloßen, zurück nach Hause zu gehen.

Einfach den Weg zurück, dachten wir zuerst. Ich habe auf meiner Navi-App geschaut und gesehen, dass wir auch eine Schleife machen könnten, um den Spaziergang zu verlängern. Aber irgendwie konnte ich unser Dorf auf der Karte nicht erkennen. Es war schon dunkel und ich war alleine, ohne gemerkt zu haben, wann und wohin meine Begleiter gegangen waren. Nochmal aufs Handy geschaut: Da war doch die Straße, die hoch zur Schule ging… Also los.

Es ist hell und schön sonnig, als ich fast zur Straße meiner Mami ankomme. Eine Frau auf einem Mofa grüßt mich, als sie an mich vorbei fährt. Ich glaube, die Freundin von meinem Bruder zu erkennen, aber dann doch nicht, ob sie nicht doch eine ehemalige Freundin aus der Schulzeit ist?

[1] Ganz schön weit auseinander, ich hätte es nie im wahren Leben zu Fuß versucht, nur um essen zu gehen.

[2] Ich war auch nur ganz wenig in Fox-Amphoux in meiner Kindheit, ich weiß eigentlich gar nicht mehr, wie es dort aussieht.


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Die zickige Nichte

Wir haben einen großen Teil vom Osterwochenende mit der Schwiegerfamilie verbracht. Alle waren da, wenigstens alle aus der näheren Verwandtschaft vom Ehemann. Sein Vater, den wir gestern Morgen mit dem Auto abgeholt haben, um zu einer Cousine zu fahren. Deren Eltern, Schwester und Schwager, die samt Kindern aus Frankfurt hierher gekommen sind. Ihre eigene Kinder und Ehemann. Ich denke immer an sie als „die Familie vom Ehemann“, aber jetzt sind sie auch meine Familie. Ich habe mich noch nicht ganz an den Gedanken gewöhnt.

Mit seinen Cousinen ist der Ehemann eng gebunden, vor allem mit der aus Frankfurt, mit der wir den letzten Urlaub verbracht haben. Nach dem Tod seiner Mutter, als sein Vater mit der neuen Situation nicht klar kam, hat er viel Zeit mit ihnen verbracht. Sie sind ein bisschen wie Schwestern für ihn. Ihre Kinder, alle Mädchen, nennt er seine „Nichten“. Ein besseres Wort gibt es wohl nicht, sonst würde er es benutzen. Er kann sehr penibel sein, wenn es darum geht, die richtigen Begriffe zu benutzen. „Kinder“ trifft bei den Nichten eigentlich nicht mehr zu. Die Jüngste, Ella, ist elf Jahre alt. Die Älteste, Charlotte, ist mit ihrem Bachelor schon fast fertig. Jedenfalls sind sie jetzt auch meine Nichten. Das ist mir erst bewusst geworden, als wir einmal zufällig Charlotte in der Nähe der Uni getroffen haben, und sie uns dann ihrem anwesenden Kommilitonen als „mein Onkel und meine Tante“ vorgestellt hatte. Krass.

Wir haben uns am Wochenende zuerst am Samstagabend zum Essen in einem Restaurant verabredet. Das hat Tradition, wenn die Großeltern zu Besuch kommen. Wir waren alle an einem langen Tisch. Es hat sich natürlich ergeben, dass die vier jüngeren Cousinen an einem Ende des Tisches gesessen haben, während die ältere Familienmitglieder am anderen Ende saßen. Wir waren mit dem Essen noch nicht fertig, als die ältere Schwester von Ella, Mila, uns verlassen hat, weil sie mit einer Freundin in der Nähe verabredet war, um bei ihr zu übernachten. Ich fand es recht rücksichtslos von ihr, da ihre Großeltern nicht häufig da sind und von weitem angereist waren, um ihre Enkelinnen zu besuchen, und sie es offensichtlich nicht zu schätzen weiß. Nun, wenn die Eltern nichts dagegen einzuwenden haben, habe ich auch nichts zu sagen. Ich fand es noch merkwürdig, dass sie sie mit knapp dreizehn Jahren alleine zu Fuß bei Anbruch der Dunkelheit gehen lassen, da man nie weiß, wen man treffen kann. Vielleicht wollen ihr die Eltern dadurch einen Eindruck von Vertrauen vermitteln. Mir kommt es ziemlich unverantwortlich vor.

Zickig finde ich die Kleine, vor allem seit dem letzten Weihnachten. Die vier Mädels sind reichlich mit Geschenken verwöhnt gewesen, und die Anderen haben sich wenigstens dankbar gezeigt. Nicht so bei Mila. Sie hat ihre Mutter richtig angefaucht, weil sie es gewagt hatte, ihr zusätzlich Sachen zu schenken, die sie sich nicht ausdrücklich gewünscht hatte. Sie hat es geschafft, mit ihrem Verhalten sowohl ihre Mutter als auch ihre Oma derart zu verletzen, dass die Oma Tränen bekommen hat. Sie hat sich danach nicht mal entschuldigt. Angeblich war die Mutter in dem Alter genau so. Es scheint erblich zu sein, obwohl die zwei anderen Nichten eine viel bessere Erziehung zeigen. Mit deren Mutter ist auch nicht zu spaßen.

Jedenfalls waren wir gestern Morgen wieder alle zum Essen verabredet. Mir ist dabei ganz schnell ein bestimmter Geruch in die Nase gekrochen, den ich bei mir sehr gut kenne, seitdem wir mit dem Ehemann keine Kondome mehr benutzen. An solchen Tagen wechsle ich ganz häufig meine Slipeinlagen, um keine olfaktive Belästigung für meine Mitmenschen zu werden, weil die morgendliche Dusche nicht reicht. Der Geruch stammte eindeutig aus Mila, aber den schien außer mir keiner wahrgenommen zu haben. Ich wäre fast drauf und dran gewesen, ihr zu sagen, sie sollte duschen gehen, so sehr sie nach Sperma stank. Von wegen „ich übernachte bei einer Freundin“. Ich habe sie doch nicht darauf angesprochen, weil ich nicht die Gelegenheit hatte, kurz alleine mit ihr zu reden, und ich sie nicht vor den Anderen bloß stellen wollte. Im Nachhinein frage ich mich, warum eigentlich nicht? Sie schert sich nicht um die Gefühle Anderer, wie ich über Weihnachten erfahren durfte.

Ich hoffe wenigstens, dass sie die Pille nimmt, wenn sie offensichtlich schon mal keine Kondome benutzt. Mit dreizehn schwanger zu werden wäre echt blöd. Sie muss aber auch wissen, dass Kondome nicht nur von Schwangerschaft sondern auch von schweren Krankheiten schützen und nicht weg zu denken sein sollten. Das sollte doch in der Schule Thema sein. Ich weiß nicht, ob ich irgendwas unternehmen soll, oder einfach nur die Klappe halten soll. Schließlich muss sie wissen, was sie tut, und wenn sie so zickig ist, wird sie sowieso nicht gut auf ein solches Gespräch reagieren.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Ich bin Tante

Meine Mami hat mich angerufen, als ich im Bus auf dem Rückweg nach Hause war. Es war außergewöhnlich, da wir sonst immer sonntagsabends telefonieren. Ich habe sofort gedacht, es müsste etwas passiert sein. Etwas Schlimmes, und blöderweise war ausgerechnet heute mein Akku fast leer. Nein, schlimm war es doch nicht. Ich bin Tante geworden. Darauf war ich nicht gefasst.

Der Termin für die Geburt war erst in drei Wochen geplant. Gestern Abend, nach dem wöchentlichen Telefonat mit meiner Mami, hat meine Schwester leichte Wehe gespürt und ist mit ihrem Freund zum Krankenhaus gefahren. Um zwei Uhr morgens war mein Neffe schon wohlauf auf die Welt gekommen. Gut, dass es so schnell ging.

Was noch nicht bekannt ist, wie das neue Familienmitglied genannt wird. Über einen Namen konnten sich die Eltern noch nicht einigen. Es wird dringend Zeit.


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Die Nachricht des Tages

Meine Familie wird größer. In vier Monaten bin ich Tante.

Meine Mami hat angerufen. Sie sagte, meine Schwester wäre schwanger. Ich wusste nicht mal, dass sie einen Freund hatte. Wir haben auch nichts miteinander zu tun, seitdem sie vor, wie lange ist es her, mindestens über zehn Jahren den Kontakt mit der Familie abgebrochen hat. Später hat sie sich wieder mit meiner Mami und meinem Bruder regelmäßig getroffen. Ich habe sie erst wieder in September gesehen. Bei unserer Hochzeit war sie auch dabei. Und schon schwanger, aber das war nicht zu sehen, und das wollte sie in dem Moment nicht ankündigen. Sie hat meine Mami darum gebeten, mir telefonisch Bescheid zu sagen, weil sie meine Kontaktdaten nicht hat. Obwohl jede Suchmaschine die kennt.

Ich könnte sagen, es freut mich, aber mir fehlt der emotionaler Bezug. Meine Mami ist natürlich sehr glücklich, endlich Enkel zu bekommen. Von mir wäre es schwierig, ich bin schon zu alt dafür, glaube ich, ich werde dieses Jahr vierzig. Seit dem letzten Jahr bin ich nicht mehr schwanger geworden. Das ist auch nicht schlimm, weil wir ohne mein Gehalt richtig Probleme hätten.

Die Geschichte meiner Schwester ist schon merkwürdig. Sie war gerade mit ihrem neuen Freund zusammen gezogen (den hätte sie allerdings auch zur Hochzeit bringen können, wenn sie Bescheid gegeben hätte). Sie ist gleich schwanger geworden, hat es aber am Anfang nicht gemerkt. Es gab keine Symptome. Ihre Periode hatte sie wie immer bekommen. Sie hat ein bisschen zugenommen, aber sie dachte, es läge daran, dass sie nicht mehr alleine wohnt. Mir ging’s ähnlich, seitdem ich mit Martin lebe, habe ich wieder zugenommen. Irgendwann ist sie zu ihrer Frauenärztin gegangen, weil sie sich Sorgen um ihren wachsenden Bauch machte. Sie hat doch gemerkt, das etwas nicht stimmen konnte. Das Verdikt: Über drei Monaten schwanger. Das hört sich an wie „Ups, scheiße, jetzt ist es zu spät, um etwas dran zu ändern“. Ich habe keine Ahnung, wie ihr neuer Freund die Nachricht angenommen hat. Das hat mir meine Mami nicht gesagt. Vielleicht ist es schon der Grund, warum er bei der Hochzeit nicht dabei war.


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Eins stinkt mir

Und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.

Es geht um meine Familie. Ich sehe sie kaum, da ich so weit weg lebe. Bei meiner Mami wünsche ich mir, dass wir uns häufiger sehen könnten. Sonst bin ich eher froh, so wenig Kontakt mit den Anderen zu haben. Vor allem seit letzter Woche.

Ich weiß nicht, wer wen so schlecht beeinflusst hat. Tatsache ist, dass mein Bruder und mein Vater sich immer mehr dem Rechtsextremismus nähern. Ihre Ausländerfeindlichkeit habe ich schon früher gemerkt, vor allem bei meinem Vater. Dagegen zu argumentieren hilft nicht. Mein Vater hat nur Vorurteile im Kopf, die der Realität nicht entsprechen, und ist überfordert, wenn er darüber hinaus nachdenken muss (was häufig mit Wutausbrüchen endet). Seine Freundin ist nicht besser. Sie braucht nur eine Frau mit Kopftuch zu sehen, um sich sofort aufzuregen und vor sich hin zu schimpfen. Sie kann sich dabei extrem bösartig verhalten. Als wir vor einigen Jahren am Strand in Fréjus waren, sind einmal drei jungen Araber an uns vorbei gegangen, zwei Männer und eine Frau, die sich unterhielten. Barfuß, da es überall Sand gibt. Als die Frau näher kam, habe ich eine gebrochene Glasflasche im Sand gemerkt und sie darauf aufmerksam gemacht. Die Freundin meines Vaters war sauer darüber, weil sie sich so sehr gefreut hätte, wenn die Frau sich verletzt hätte. Sie hat wirklich einen Dachschaden. Bei meinem Bruder hatte ich bis jetzt nicht so viel in die Richtung gemerkt, was wohl daran liegen muss, dass ich ihn seit seiner Schulzeit kaum gesehen habe. Er war noch minderjährig, als ich vor fünfzehn Jahren nach Deutschland umgezogen bin.

Jetzt sind die Beiden dabei, an Veranstaltungen vom Front National teilzunehmen und lokalen Kandidaten zu unterstützen. Das war letzte Woche. Und sie sind so stolz darauf, dass sie Fotos davon auf Facebook hochladen, wo sie strahlend neben den Parteimitgliedern stehen. Mir stinkt’s gewaltig. Mit Rechtsextremisten will ich nichts zu tun haben. Ich denke, ich sollte den Kontakt mit ihnen völlig abbrechen. Mit meinem Vater kommuniziere ich sowieso extrem selten. Etwa an Geburtstagen und Feiertagen. Sonst rufe ich ihn nicht an, und er mich auch nicht, außer wenn es ihm gerade schlecht geht, wie im Sommer. Es wird keinen Unterschied machen. Wir hatten mit Martin vor, ein Wochenende in Mai in Südfrankreich zu verbringen, er wollte meine Familie kennen lernen. Ich meine, es reicht, wenn wir nur meine Mutter besuchen.

Außerdem finde ich diese politische Gesinnung in meiner Familie umso mehr lächerlich, wenn man weiß, dass wir ursprünglich gar nicht aus Frankreich sind. Mein Vater ist in Tunesien geboren. Seine Eltern waren aus Malta dahin umgezogen, bevor sie 1956 gezwungen wurden, das Land zu verlassen. Wie kann man sich mit einem solchen Migrationshintergrund als Ausländerfeindlich erklären?


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Und zurück

Jetzt kenne ich seine ganze Familie, oder fast. Ich fand es sehr lieb, wie sie mich freundlich empfangen haben.

Seine Cousine hat uns am Bahnhof abgeholt. Wir sind direkt in ein Lokal in der Nähe essen gegangen. Dort warteten ihr Mann (auch ein Franzose!) und ihre jüngere Tochter auf uns. Die Ältere war nicht da, aber ich habe sie schon kennen gelernt, sie studiert seit einem halben Jahr in Berlin.

Gestern sind wir in die Stadt spazieren gegangen. Einige Sehenswürdigkeiten besucht. Das Wetter war so toll. Am Abend sind seine Tante mit ihrem Mann angekommen. Sie hatten für Martin gesorgt, als seine Mutter gestorben ist (warum sein Vater sich nicht um ihn kümmern konnte, ist mir nicht bekannt). So viele neue Namen, ich hatte den Eindruck, ich könnte sie mir gar nicht alle merken. Beeindruckend fand ich, dass alle mehr oder weniger gut Französisch können. Wir haben gegrillt. Karten gespielt. Mir sind noch Kindheitsgeschichte und Familien-Videos nicht erspart geblieben.

Heute Morgen sind wir kurz nach dem Frühstück zurück zum Bahnhof gefahren. Das Wochenende kam mir zu kurz vor.


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Brüderchen zu Besuch

Es war sehr kurz. Sonntag angekommen, heute schon abgereist. Da ich gearbeitet habe, haben wir uns nur abends gesehen. Tagsüber war er mit seiner Freundin in der Stadt unterwegs.

Am Sonntagabend habe ich Tartiflette mit einem grünen Salat vorbereitet. Vom Wetter her passte es perfekt, es war so kalt. Ich habe sie im letzten Moment gemacht, da sie spät gelandet sind und ich das Wochenende bei Martin verbracht hatte. Sie haben es noch geschafft, sich auf dem Weg vom Flughafen mit dem Leihwagen trotz Navi zu verfahren, so dass ich genug Zeit hatte, das Abendessen zu vorbereiten. Sie haben sonst nicht bei mir geschlafen. Sie hatten sich einen Hotelzimmer gebucht, obwohl ich genug Platz zu Hause habe. Es war anscheinend sehr günstig, und mein Bruder wollte mich nicht stören. Tja…

Am Montag waren sie so müde von den ganzen Sehenswürdigkeiten, dass sie früh zum Hotel gegangen sind. Dafür hat Martin zum ersten Mal bei mir geschlafen. Es hat mich verblüfft, dass meine Katze ihn so gut toleriert hat. Obwohl, eigentlich habe ich früh gemerkt, dass sie ihn gerne hat. Ich habe nie gesehen, dass sie sich von anderen Personen so schnell anfassen lassen hat. Und sie hat es noch nie erlebt, dass jemand mit mir schläft. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass es sie gar nicht gestört hat. Das blöde ist, dass Martin allergisch ist und Tablette schlucken muss, wenn er bei mir ist.

Wir haben vorgestern und gestern abends zusammen mit meinem Bruder und seiner Freundin in der Stadt gegessen. Ich hatte ihnen schon von Martin erzählt. Ein Glück, dass er Französisch spricht, so konnten wir alle ohne Problem reden. Gestern haben wir die Beiden direkt am Hotel getroffen. Auf dem Weg dahin ist eine Frau an uns vorbei gegangen. Sie hat sich uns genau betrachtet, und besonders Martin. Als sie an mir vorbei ging sagte sie plötzlich ganz leise „Scheiße“ zu sich. Martin hat davon gar nichts gemerkt. Die Frau hat er wahrgenommen, aber nicht den Eindruck gegeben, sie zu kennen. Vermutlich hat sie geglaubt, einen anderen Mann erkannt zu haben. Vielleicht kennt sie jemanden, der ähnlich aussieht, und dachte, er würde mit mir fremd gehen…

Heute ist Brüderchen schon weg. Er hatte nur eine Woche Urlaub, war schon bei der Familie seiner Freundin in Italien, und morgen will er zu unserer Schwester fahren. Was für ein Stress, wenn Familienmitglieder so weit von einander leben…


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Was für ein Samstag…

Ich bin gestern Abend mit dem Zug recht spät angekommen und bin fast sofort ins Bett gegangen.

Heute Morgen, wie bei den zwei letzten Wochenenden, hat sich meine Katze übergeben. Diesmal nicht so viel, es war vor allem klare (stinkende) Flüssigkeit, Futter und Haare waren ganz wenig dabei. Ich bin also früh aufgestanden, um hinterher zu putzen. Jetzt schläft sie friedlich auf meinem Koffer.

Ich hatte durch meine Vermieterin einen Handwerker beauftragt, um meine Wohnung zu renovieren. Er hat sich diese Woche angeboten, um mir bei dem Umzug zu helfen. Wir sind also heute zum nächsten Baumarkt gefahren, um Kartons zu kaufen. Ich werde mindestens bis morgen brauchen. Ich hatte den ersten Karton fertig gepackt und wollte ihn mit Klebeband zu machen, als ich merkte, dass ich meine Schere nicht dabei hatte. Ich musste raus gehen, um neue zu kaufen. Ich habe die Gelegenheit genutzt, um noch einen Müllsack voll mit alten Kleidern zum Sammelcontainer zu bringen. Dort habe ich gemerkt, wie hungrig ich war, da ich mittags vergessen hatte zu essen. Ich überlegte gerade, wohin ich einkaufen gehen sollte, als ein rotes Auto neben mir hielt und eine weibliche Stimme meinen Namen rief – meine ehemalige Kollegin Angelika. Sie fuhr gerade nach Hause, fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt, und ich bin eingestiegen, um mit ihr ein bisschen zu quatschen. Bei ihr ist um die Ecke ein Kaiser’s, und ich habe dort zum Essen eingekauft. Schere hatten sie nicht, dafür aber vitello tonnato. Ich habe beschlossen, dass mein Cutter auch gut geeignet ist, um Klebeband zu schneiden.

Als ich mich auf Facebook einloggte, hatte ich eine neue Nachricht. Von meinem Vater. Er liege im Krankenhaus, ihm ginge es gut und er denke, schon am Montag raus gehen zu können. Ratlosigkeit, weil ich nicht mal wusste, dass er dahin musste. Ich habe ihn also angerufen. Sein Aufenthalt war doch nicht geplant. Die Nachricht hatte er mit seinem Handy geschickt, aber er konnte sich schon nicht so gut daran erinnern. Er war gerade mit seiner Freundin im Wohnwagen im Urlaub unterwegs, als es ihm schlecht ging. Herzinfarkt, genau wie vor vierzehn Jahren. Notaufnahme in Paris, Katheter überall… Er sagt, er hat jetzt beschlossen, das mit dem Rauchen und Trinken endgültig aufzuhören. Ich frage mich, wie lange er das diesmal durchhält. Er hatte dasselbe meinem Onkel auf seinem Sterbebett vor zwanzig Jahren schon versprochen. Ich habe ihm gesagt, mit dem dabei gesparten Geld könnte er sich bestimmt jeden Monat einen Zugticket von Südfrankreich aus nach Berlin gönnen. Vielleicht ist es für ihn eine Motivation, sich daran zu halten, obwohl ich daran zweifle, so nah zu einander sind wir wirklich nicht. Seine Freundin wird auf jeden Fall auf ihn aufpassen und streng sein. Sie hat einen guten Einfluss auf ihn, was seiner Gesundheit angeht. Mein Bruder sagte mir eben am Telefon, er würde auch zusehen, dass er nicht mehr raucht.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.