Das Wochenende in nicht so vielen Bildern

Das Wochenende hat am Mittwochabend begonnen. Ich bin pünktlich aber nach Bier stinkend in Südkreuz angekommen, nachdem ein Mitreisender (ein alter Blonder im Anzug mit Hipster-Knoten-Frisur) am Nachbartisch seine Dose am Boden geschleudert hat – ohne erkennbaren Grund. Hosenbeine und Handtasche getränkt. Ich: Gekränkt (vor allem des Reimes wegen). Die Handtasche ist aus dickem Stoff, und der Inhalt blieb zum Glück verschont.

Am Donnerstag habe ich meine Klamotten gewaschen und die Handtasche per Hand gereinigt. Unglaublich, wie viel Farbstoff dabei rauskam. Bei der Sonne und der Hitze konnte die Tasche schnell auf dem Balkon trocknen. Zum Mittagessen war ich mit dem Ehemann verabredet, der keinen Feiertag hatte, und auf dem Rückweg habe ich diese Skulptur der stillenden Bärin von Hugo Lederer entdeckt. Sie liegt im Grüne versteckt vor dem Rathaus Zehlendorf. Am Gemüsestand vor der Bäckerei habe ich mit dem netten jungen Verkäufer geplaudert und grünen Spargel gekauft, daher gab es am Abend wieder mal den Salat mit grünem Spargel und Tomaten. Als Nachtisch habe ich uns den No-Bake-Cake-Erdbeere nachgemacht, ohne Holunder. Es ist toll, wenn man bei der Hitze den Backofen nicht benutzen muss. Wir hatten noch zwei Termine am späten Nachmittag zu Hause, von einem Umzugsunternehmen und von potentiellen Mietern.

Am Freitag war ich mit Winfried verabredet. Nach fünf Monaten wollte ich endlich den alten schweren Macbook zurück geben. Ich sollte Anfragen wegen Programm #1 bearbeiten, bis ein Nachfolger gefunden wird. Aber mal ehrlich: Nach zwei Monaten in dem neuen Job konnte ich abends nicht mehr die Zeit und Lust finden, um noch kostenlos zu arbeiten, und ein Nachfolger ist immer noch nicht in Sicht. Jetzt bin ich Mac-frei, und es ist gut so. Zur Mittagspause sind fast alle ehemaligen Kollegen mitgekommen. Obwohl ich vorgeschlagen hatte, zum Japaner zu gehen, da Pawel am liebsten dorthin geht. Ich hatte stillschweigend die Hoffnung, dabei Mr Keen los zu werden, weil er sonst immer Wert darauf legt, bei einem anderen Lokal zu essen, den ich nicht mag. Aber nein. Immerhin waren wir so viele am Tisch, dass Wechselwirkungen mit ihm sehr begrenzt waren.

Am Nachmittag habe ich Kate am Treptower Park getroffen. Man merkt, wie trocken es ist Berlin ist. Die Wiese ist ganz gelb. Als ich im Schatten stand und auf Kate wartete, ist mir der alte Herr mit weißen Haaren aufgefallen, der so nah am Weg nackt lag und offensichtlich bemerkt werden wollte. Er hat sich mehrmals umgeschaut und als ihm klar wurde, dass keiner ihn beachtet hat, hat er sich wieder angezogen und ist gegangen. Gegen fünf haben wir den Park verlassen. Ich wollte nach Hause, aber gerade dann fuhr die Ringbahn wegen irgendeiner Störung nicht und ich habe Kate bis Schöneweide begleitet, um von dort die S45 oder S46 zu kriegen. Beim Wegfahren hat ein heftiger Gewitter angefangen. Richtig mit Hagel und allem. Selbst mit geschlossener Tür ist Wasser in die Bahn geströmt. Zehn Minuten später in Schöneweide war es sonnig, als ob nichts gewesen wäre.

Am Freitagabend waren wir bei einer Geburtstagsfeier von einem Schulfreund vom Ehemann eingeladen. Der, der gerade fünfzig wurde. Über hundert Gäste. Viel zum Trinken, und ein Ehemann, der mir ständig neue Gläser gebracht hat. Um zwei Uhr morgens mit dem Taxi nach Hause. Übler Kater am Samstagvormittag. Den ganzen Tag habe ich gebraucht, um mich davon zu erholen. Geholfen hat ein Spaziergang am Dreipfuhlteich, mit putzigen Baby-Enten und Blässhühnern.

Heute war ruhig. Lange geschlafen, Schwiegervater besucht. Er hat sich sehr über die mitgebrachte Spargel-Quiche gefreut, die ich diesmal mit Tomaten ergänzt hatte. Um sechs Uhr abends war ich wieder in Südkreuz.

Der Zug nach München war pünktlich, aber wie immer in letzter Zeit wenn ich Bahn fahre stimmt etwas mit dem Bord-Restaurant nicht. Heute: Aus technischen Gründen ist das Angebot eingeschränkt. Wie am Mittwoch. Keine kalte Getränke, keine warme Küche. Ein Mitreisender ist aus dem Restaurant mit der Nachricht zurück gekommen, dass es schon fast nichts mehr gäbe. Heute trauen sich die Zugbegleiter nicht mal zu fragen, ob sie uns was bringen können, obwohl ich es in erster Klasse erwarten würde. Vor zwei Wochen war gar kein Angebot aus dem Restaurant vorhanden. Was ist los mit der Deutschen Bahn, dass sie es mit der Gastronomie derart vermasseln? Wozu noch erste Klasse buchen, wenn man nicht mal bedient wird? Ach ja, überfüllt sind die Züge immer noch, hier kann man wenigstens atmen. Obwohl es auch ab und zu nach Leberpastete stinkt. Schuld ist, sehr vermutlich, das nicht vorhandene Gastronomie-Angebot.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Der Exhibitionist

Diese Geschichte ist sechzehn Jahre alt, sie ist im Jahr vor meiner Diplomarbeit geschehen. Ich hätte sie fast völlig verdrängt, wenn ich nicht heute Abend zufällig einen Blog-Beitrag zum Thema sexuelle Belästigung gelesen hätte, der mich wegen der nachträglichen starken psychologischen Reaktion des Opfers daran erinnert hat. Ich bin überrascht, wie viele Details ich doch behalten habe.

Es war an einem Sonntagabend. Bestimmt in September, das Semester hatte gerade angefangen. Ich hatte bei meinen Eltern gegessen und war mit der Bahn zur Uni zurück gefahren. Mein Zug kam gegen 22:00 an, es war schon nachts. Ich war vollgepackt mit dem schweren Rucksack für die Woche und meiner Gitarre in ihrem Koffer (Gitarre ist nie mein Instrument gewesen, ich hatte nur kurz probiert, weil ich sie von meinem verstorbenen Onkel geerbt hatte). Vom Hauptbahnhof aus bis zum Studentenwohnheim brauchte ich eine gute halbe Stunde zu Fuß.

Als ich die Straße hoch ging und mich einer großen Kreuzung näherte, ist mir von hinten her ein dunkel grünes Familienauto plötzlich sehr schnell rechts vorbei gefahren, obwohl die Lampe rot war. Ich habe nicht besonders aufgepasst und bin ebenfalls rechts Richtung Uni gegangen. Ich war noch vor der Bushaltestelle und habe das Auto mitten auf der Straße gesehen – leer, ohne Licht, es gab schon niemanden mehr drin. Wie es stand hätte tagsüber kein weiteres Auto durchfahren können, aber in Nizza ist es halbwegs normal, so zu parken. Ich habe gedacht, wie dämlich es wäre, Verkehrsdelikte zu begehen, um nicht mal fünf Sekunden später zu halten. Ich habe angenommen, die Person hätte etwas Dringendes zu Hause vergessen.

Direkt nach der Haltestelle hat mich ein kleiner Mann mit kurzen schwarzen Haaren und Schnurrbart plötzlich angesprochen, der vielleicht um die vierzig war. Ich hatte ihn nicht gemerkt, weil er sich im Dunkel hinter der Werbungscheibe versteckt hatte. Er wirkte sehr nervös, ich habe zuerst gar nicht verstanden, was er wollte. Beim Wiederholen stellte sich heraus, dass er nach einer bestimmten Straße suchte, wobei er den Namen so undeutlich gesagt hatte, dass ich ihn nicht mitbekommen habe. Seltsam, dachte ich, wir waren neben einer Bushaltestelle, und eine Karte war vorhanden. Das habe ich dem Mann gesagt, und wollte ihm die Karte zeigen, die nachtsüber gut beleuchtet war, aber er wollte sich nicht vom Fleck berühren. Stattdessen hat er sehr schnell gesagt, „Murmel Murmel Murmel reinstecken“. Ich: „Häh?“ Der Mann, nach tiefem Einatmen: „Meinen Schwanz werde ich bei dir rein stecken, du Schlampe“. In dem Moment ist mir aufgefallen, dass er die ganze Zeit die Hose auf den Knien hatte und seinen Penis in der Hand hielt – wodurch ich auch einen Ehering an seinem Finger gesehen habe. Da sind mir mehrere Gedanken durch den Kopf gegangen. Vor allem, so peinlich wie es klingt: „Wie will er etwas anstellen, der hat nicht mal eine Erektion, das Ding ist so winzig…“ Ich habe gar nichts gesagt, und ohne darüber nachzudenken habe ich reflexartig trotz schwerem Rucksack mit einem leicht geärgerten Seufzer den Rücken gerade gemacht, den Koffer meiner Gitarre wieder fest gehoben, wodurch ich einige Zentimeter gewonnen habe und ihn von oben ins Gesicht kalt geschaut habe. Da stotterte der Mann, „Ich meine, nur wenn Sie einverstanden sind…“ Als ich ihn unfreundlich weiter anstarrte, hat er seine Hose zu gemacht, ist zu seinem Auto gelaufen und „mit dem Schwanz zwischen den Beinen“ abgehauen.

Mir blieb nichts anderes übrig als meinen Weg fortzusetzen. Das Autokennzeichen hatte ich mir nicht merken können. Ich habe Mitleid für seine Frau empfunden, zu der er bestimmt gefahren war und die wahrscheinlich nichts von seinem Verhalten wusste. Nicht mal eine Minute nach seinem Verschwinden sind mir bekannte Kommilitonen auf dem gleichen Bürgersteig über den Weg gelaufen, die zur Kneipe gehen wollten. Ich bin zu meinem Zimmer angekommen. Ich war sehr wütend, dass der Typ sich das bei mir erlaubt hat, aber ich habe nach einigen Tagen nicht mehr viel daran gedacht. Ich war auf jeden Fall verblüfft, dass ich so einfach einen Angreifer in die Flucht jagen konnte.

Zwei Wochen später bin ich mit einer Freundin genau diese Straße tagsüber herunter gegangen. Ich habe gedacht, ich müsste ihr die Geschichte erzählen. Ganz zu meiner Überraschung konnte ich es doch nicht tun, ich bin mitten im Erzählen in Tränen ausgebrochen und habe nur noch geheult. Ich war erschrocken, weil ich es nicht erwartet hatte, mir war an dem Abend physisch gar nichts geschehen und ich dachte, ich hätte die Geschichte schon verarbeitet. Ich habe mich über meine übertriebene Reaktion geärgert, aber ich konnte mich beim Erzählen nicht mehr kontrollieren. Meine Freundin hat mir dann Geschichten erzählt, die ihr selber passiert sind, mit fremden Männern, die sie auf der Straße sogar am Körper angefasst haben, als sie in der Mittelstufe war. Ich weiß noch, wie ich mich gefragt habe, ob es überhaupt Frauen gibt, die ihr ganzes Leben ohne sexuelle Belästigung gelebt haben (selbst in meiner kleinen Grundschule mit etwa 120 Schülern waren zwei Mädchen von Männern aus ihren Familienkreisen vergewaltigt worden – das sind nur die Fälle, die damals in die Öffentlichkeit gekommen sind). Irgendwie hat mir das Erzählen geholfen, weil ich danach wirklich nicht mehr daran gedacht habe.

Einen letzten Absatz muss es noch geben. Als ich mit dieser Freundin unterwegs war, waren wir an einem Mini-Supermarkt vorbei gegangen. Ich war einige Tagen später dort einkaufen. An der Kasse angekommen, fragte mich die Kassiererin, die dabei war, sich mit einer anderen Frau zu unterhalten, wie es mir ging. Ich war überrascht, weil sie sonst nie das Gespräch mit mir gesucht hatte. Da ich mich gerade von einer Erkältung erholt hatte, habe ich ihr gesagt, dass die Erkältung vorbei wäre. Sie wirkte enttäuscht und fragte wieder gierig, ob mir nichts passiert wäre, ich könne ihr alles erzählen. Ich habe mit einem überraschten Ton wiederholt, dass es mir gut ginge, dass nichts passiert wäre, und bin weg gegangen. Beim raus gehen habe ich gehört, wie sie ihrer Freundin sagte, „Komisch, ich hätte schwören können, dass ich sie am heulen gesehen hätte… War sie es doch nicht?“ Tja, eine Kundin hat sie auf jeden Fall verloren, ich hasse diese Art, sich über das Leiden von anderen zu freuen. Ich bin danach immer zur Tankstelle gegenüber einkaufen gegangen, die hatten einen guten 24/24 Laden.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.