Zurück nach Deutschland

Der Urlaub ist vorbei.

Nach einem schnellen Frühstück auf der Terrasse, mit Blick aufs Meer, hat uns Guido zum Flughafen gebracht. Wir haben eingecheckt und das Gepäck registriert. Wir hätten noch ein bisschen Zeit gehabt, aber wir sind sofort zur Sicherheitskontrolle gegangen. Die Schlange war um knapp zehn Uhr morgens für einen Sonntag beeindruckend. Es gab zwei Reihen neben einander, die durch Bänder getrennt waren. Eine Frau stand am Anfang der Schlange und zeigte den Passagieren, zu welcher Reihe sie sich anschließen sollten, ohne auf die Boardkarte zu schauen. Wir haben uns rechts angestellt. Man kam relativ schnell vorwärts. Als die Schlange nach links bog, haben wir gemerkt, dass die Trennung völlig sinnlos war, da beide Schlangen sich wieder vereinigt haben. Andere Arbeiter waren ständig dabei, die Schlange neu zu begrenzen, und müssen diesen Teil vergessen haben. Es wurde schon chaotisch. Es hat gut zwanzig Minuten gedauert, bis wir zur Kontrolle angekommen sind.

Der Flug war nicht direkt. Ich habe die ganze Zeit den Rest des ersten Kapitels meines Tauchlehrbuches gelesen. Ich musste es bis heute erledigen. Es ging zuerst um das Modell des idealen Gases, weit und breit mit viel Text und Tabellen für Grundschüler erklärt, ohne dass die Formel pV=nRT überhaupt zum Erscheinen kommt – in einem Tauchlehrbuch sollten die Leser nicht erschreckt werden, es geht doch um Spaß. Es hätte aber den Kapitel um gut zehn Seiten gekürzt. Danach ging es um alle Einzelteile der Ausrüstung, wie man sie anzieht, worauf man achten soll, und wie sie gepflegt wird. Martin hatte uns bei der Flugbuchung verplant und glatt vergessen, dass mein erster privater Tauchkurs heute um 16:00 anfängt (als Vorbereitung für den Urlaub in Oktober). Er wollte auch dabei sein. Die geplante Landung in Tegel war um 16:15. Wir haben die Lehrerin (Mara, eine Freundin von ihm, mit der er häufig getaucht ist und die die Reise organisiert hat) vor unserer Abreise informiert und sie meinte, es ginge, wenn wir erst gegen 17:30 dort sind. Das heißt aber Stress. Er hat während des Umstiegs seinen Vater angerufen und ihn gefragt, ob er uns am Flughafen mit dem Auto abholen könnte. Unsere ursprüngliche Idee war eigentlich, ein Taxi zu nehmen. Anscheinend ist die Nachricht, dass wir pleite sind, endlich angekommen.

Die Abholung des Gepäcks hat sehr lange gedauert. Als wir raus gegangen sind, haben wir gemerkt, dass es hier vor kurzem geregnet haben musste. Der Vater von Martin war zunächst schlecht gelaunt. Aber nur mit Martin, nicht mit mir. Merkwürdig. Ich habe hinten gesessen. Ich habe bei ihrer Diskussion nicht alles verstanden. Als wir bei seinem Vater ausgestiegen sind (das Auto wollten wir für die nächsten Tage behalten), hat mir Martin erzählt, dass er völlig vergessen hatte, dass sein Geburtstag gestern war. Das wusste ich gar nicht. Ich fand es gleichzeitig lustig, da bei meinem Vater der Geburtstag am 7.12. ist.

Wir sind weiter zum Tauchkurs in Kreuzberg gefahren. Dort ging es schnell. Ich musste plötzlich alles anziehen, Geräte prüfen, bin mit Informationen überflutet worden, und es war das erste Mal, dass ich die Geräte überhaupt in der Hand halte. Als ich fertig gepackt wurde und am Rand von Schwimmbad saß, habe ich mich gefragt, wie man sich mit dieser Ausrüstung bewegen sollte. Es war so schwer, ich wusste nicht, wie ich es schaffen sollte, ins Wasser zu gehen. Beide Hände auf eine Seite am Boden drücken und runter gleiten, so lautete die Erklärung. Es hat gedauert, bis ich es geschafft habe, das rechte Hand nach links zu bringen. Und ich habe Angst bekommen. Ich dachte, mit allem, was ich mit mir schleppe, würde ich gleich am Boden sinken. Mein Jacket war aber aufgeblasen, und obwohl ich die Theorie kannte, war ich erleichtert zu merken, dass ich an der Oberfläche geblieben bin. Es fühlte sich nicht sehr angenehm an. Ich bin ständig hin und her vom Wasser geschleppt worden und fühlte mich nicht stabil. Es war auf jeden Fall gut, dass ich im Urlaub mit Schnorchel und Maske geübt habe, mindestens ging das Atmen unter Wasser ohne Problem. Wir haben einige Übungen gemacht. Mit Flossen geschwommen. Bei geringer Tiefe Maske mit Wasser gefüllt und geleert. Atemregler entfernt, gesucht und wieder eingesetzt (und daran denken, den Atem unter Wasser auf keinen Fall zu halten). Kommunikation durch Geste geübt. Alles mehr oder weniger gut gelaufen. Das einzige Problem: Ich bin nicht sehr tief gekommen. Mein linkes Ohr hat trotz andauernden Druckausgleichsversuche nach zwei Metern schon geschmerzt. Das habe ich sofort signalisiert, und nach einigen Versuchen haben wir für heute aufgegeben. Frustrierend. Die Theorie ist, dass ich durch das Fliegen schon vorbelastet bin und deswegen keinen Druckausgleich machen konnte. Ich denke, es hat auch damit zu tun, dass meine Ohrkanäle zu eng sind. Wir werden beim nächsten Mal sehen. Hoffentlich klappt’s dann. Der Urlaub ist teuer genug, um nur am Strand zu liegen, während die anderen tauchen gehen.

Nach dem Tauchkurs haben wir uns Pizza geholt und sind zu ihm gefahren. Es hat wieder geregnet. Die Straßen waren fast leer, die einzigen Autos unterwegs fuhren sehr schnell. Das Spiel hatte schon begonnen. Wir haben die WM-Finale bei ihm geschaut. Ich fand sie ziemlich brutal, vor allem in der zweiten Halbzeit. Fußball schaue ich kaum, vielleicht war es doch normal. Ich habe auch von Bissen während der WM-Spiele gehört. Primate. Immerhin eine gute Gelegenheit zu feiern, wenn morgen nicht gearbeitet werden müsste. Wir sind zu mir gefahren. Ich machte mir schon Sorgen um meine Mieze, die jedesmal in Panik gerät, wenn es Feuerwerke gibt. Sie hat uns vorsichtig begrüßt und geschnüffelt, als ob sie es nicht glauben konnte, dass wir endlich wieder da waren. Bei mir im Viertel ist es sehr ruhig. Man hört gar nichts von der Feier. Martin liest gerade seine Emails von den Immobilienagenturen. Wir haben immerhin eine gute Ausrede, um morgen nicht ganz früh bei der Arbeit zu sein.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Beim Standesamt

Ich hatte es seit einiger Zeit geplant, erst gestern kam ich dazu. Es wurde auf der Internetseite darauf hingewiesen, dass Anträge auf Einbürgerung erst nach einer persönlichen Besprechung ausgehändigt werden. Ich hatte Martin gebeten, mich dahin zu begleiten, da ich schon schlechte Erfahrungen mit Ausländerbehörden gemacht hatte. Was sich manche Bearbeiter der Stadt erlauben, wenn sie einzelne Ausländer sich gegenüber haben, muss man erlebt haben, um es zu glauben. Ich bin selbst vor elf Jahren nach Beendigung meiner Promotion in Aachen von der damaligen Bearbeiterin für französische Bürger beim Ausländeramt hysterisch angebrüllt worden, ich sollte zurück kehren, wo ich her komme. Einen Zeugen wollte ich diesmal dabei haben.

Es ging ziemlich schnell. Wir haben lange gesucht, bis wir den richtigen Zimmer gefunden haben. Die Frau hat sich freundlich verhalten. Sie hat mir Fragen gestellt, um vor allem sicher zu sein, dass ich kein Geld vom Staat abzocken will: Was ich beruflich mache, wie lange ich Steuer bezahlt habe… Als ich sagte, dass ich promoviert bin, meinte sie gleich, kluge Leute wären gefragt. Die Frage nach meinen terroristischen Aktivitäten wurde auch gestellt. Wir haben schnell gesehen, dass nichts gegen eine Einbürgerung spricht. Was ich natürlich mit Belegen beweisen muss. Der Antrag ist zwölf Seiten lang, davon drei als Merkblatt. Ein Führungszeugnis wird sie beantragen. Ich kenne das schon, schließlich wird jeder auch so geprüft, der in einem Forschungsreaktor Experimente machen will. Die Einbürgerungsgebühren betragen 255€. Ich bin gespannt, wie es laufen wird. Es dauert ein halbes Jahr, bis der Antrag bearbeitet wird.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Deutschland, Jammerland?

Das dachte ich langsam, aber ich war nur zu lange nicht mehr in Kontakt mit meinen Landesgleichen in meiner Heimat gewesen. Wir können’s auch gut.

Letzte Woche lag ich am Strand in Fréjus und genoss die Sonne. Es gab einige Leute auf dem Strand, aber ganz wenige haben es gewagt, ins noch relativ kühle Wasser zu gehen – nur eine englische Familie mit Kleinkindern ist außer mir an dem Tag geschwommen. Hinter mir, einige Meter entfernt, war ein Paar französischer Rentner da. Ich habe sie gemerkt, als wir den ersten Hund auf der weit entfernten Straße kurz bellen hörten: Der Mann fing gleich an, sich aufzuregen und schoss alle seine Lieblingsschimpfwörter gegen Hunde hintereinander. Das wiederholte er, jedes Mal, wenn ein Hund sich bemerkbar machte. Ehrlich gesagt waren die Hunde so weit entfernt, dass ich sie nicht mal wahr genommen hätte, und so lange haben sie nicht gebellt, vielleicht gerade eine oder zwei Sekunden. Der alte Mann war mir mit seinen hasserfüllten Tiraden eine viel größere Belästigung. Es war eine Erleichterung, als das Paar den Strand verlassen hat.

Bei meiner Rückkehr aus dem Urlaub nach Deutschland bin ich geflogen. Als ich zu meinem Sitzplatz am Fenster angekommen bin, habe ich gemerkt, dass hinter mir ein dreijähriger Italiener saß und es anscheinend schwer hatte, ruhig sitzen zu bleiben. Da der mittlere Platz nicht reserviert war, habe ich nach einigen Tritten im Rücken einfach den Sitzplatz gewechselt. Der Mann, der neben dem Gang auf meiner Reihe saß, fragte mich auf Deutsch, ob ich aufstehen wollte, daher habe ich ihm die Situation erklärt. Seine Bemerkung: „Ach ja, die haben mich im Wartezimmer am Flughafen schon genervt“. Ich war ein bisschen überrascht, schließlich haben wir im gleichen Wartezimmer gesessen, und mir war die italienische Familie nicht besonders aufgefallen. Daraufhin hat der Mann mit mir geplaudert, wobei er sich ab und zu immer noch über die italienische Familie ein bisschen bösartig lustig machte, als das Kind ab und zu laut gesprochen hat (da ich Italienisch in der Schule hatte, wusste ich, dass es hinter uns nur um ein Märchen ging, dass sein Vater ihm vorlas, und das das Kind so begeistert hatte). Ich fand den Mann ein bisschen komisch, und dachte, dass Deutsche wirklich nur jammern können, bis er mich wegen meines Akzentes fragte, ob ich nicht Französin wäre, und er sich selbst als Franzose entpuppte (ok, ich hatte auch seinen Akzent bemerkt, aber er hat’s bestätigt).


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Deutsche, Ausländer und die Wirtschaftskrise

Oder wie ich mich einmal so angeekelt reden lassen habe, dass mir nichts mehr einfiel. Ich hasse diese Momente der Sprachlosigkeit.

Ich war mit einem gut befreundeten Arbeitskollegen, Sebastian, ein blonder Deutscher, und seiner Frau Amandine, eine Afrikanerin, in der Stadt unterwegs. Es war Frühling, glaube ich, und wir gingen die Straße vom Markt runter. Da kam auf uns ein Paar zu. Der Mann, ein Deutscher, geschätzt über 30, schon mit vielen grauen Haaren in seiner schwarzen Frisur, war ein früherer Kommilitone von Amandine und fing dann an, mit ihr zu reden. Die Frau, auch eine Deutsche und blond, stand neben ihm und sagte nicht viel. Erst wurden Banalitäten über das Leben nach dem Studium ausgetauscht. Der Mann war seit über einem Jahr an seiner Diplomarbeit beschäftigt und teilte seine Tricks mit, wie er es schaffte, trotz seines Alters als Student bei seinem Job keine Steuer bezahlen zu müssen. Amandine erzählte, sie war inzwischen seit Jahren mit Sebastian verheiratet, hatte bei einer Chemie-Firma gearbeitet und war jetzt schwanger. Die Bemerkung ihres Kommilitonen zu seiner Freundin: „Na Schatz, es wird langsam Zeit, dass wir uns auch an die Arbeit machen“, lachte und klatschte mit der Hand gegen ihr Hinten. Gezwungenes Lachen, ich kannte den Mann nicht und fragte mich, ob er sich wirklich immer so wie ein Vollidiot verhalten würde, oder ob es nur zum Spaß gedacht war.

Als ich noch am Grübeln war, glitt die Diskussion über Ausländer. Der Mann vertritt offenbar der Ansicht, dass Ausländer in Deutschland nur der Wirtschaft schaden würden, da diese meistens nur froh wären, ihr Arbeitslosengeld zu beziehen und gemütlich zu Hause auf Kosten des Staates leben zu können. Ich musste gerade an den Bäcker bei mir unten um die Ecke denken, der Türke ist und das ganze Jahr von 06:30 bis 23:00 an der Theke steht, ohne einen Ruhetag in der Woche zu haben. Abgesehen davon, dass ich von pauschalen Behauptungen nichts halte (ja, das ist auch eine pauschale Behauptung), fand ich seine plötzliche Tirade sehr unpassend, da Amandine Afrikanerin ist. Sie ließ sich nicht irritieren und sagte nur lachend, er würde übertreiben. Was konnte ich noch dazu sagen? Mir hat es die Sprache verschlagen. Stellt euch mal vor, ein Deutscher, der mit über 30 immer noch Student ist, seine Diplomarbeit nach so langer Zeit noch nicht fertig geschafft hat und stolz drauf ist, ein Steuerhinterzieher zu sein, versucht uns ernsthaft einzureden, dass was dem Staat richtig Geld kostet die faulen Ausländer seien. Dabei stand seine Freundin neben ihm und lachte ab und zu, allerdings nicht sehr überzeugend. Ich wollte sie an die Schulter packen, sie schütteln und ihr sagen, „Was treibst du mit dem Mann überhaupt? Wach auf! Klar, viele Frauen wollen nicht alleine leben, aber es ist noch lange kein Grund, sich einem solchen Drecktyp vor die Füße zu werfen!“ Ich habe sie genauer betrachtet und dann gemerkt, „Na ja, so hübsch ist sie auch nicht, vielleicht glaubt sie, keinen abkriegen zu können… Aber trotzdem, allein zu sein ist immer noch besser, als schlecht begleitet zu sein…“ Sie hat meinen Blick gemerkt und ihrem Freund dann halb verschämt gesagt, er solle damit aufhören. Nach einem „Ist doch wahr“ sind die beiden nach Hause gegangen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.