Alles umsonst, schon wieder

Ich weiß jetzt Bescheid, ich bin angerufen worden, und eine andere Kandidatin hat die Stelle bekommen. Sie bedauern dies sehr, sie fänden mein Profil sehr interessant, sie würden sich bemühen, innerhalb von drei Wochen eine andere Stelle für mich zu finden, blablabla, ich sollte nicht zögern, mich weiter bei ihnen zu bewerben, ja ja… Das hatte ich eigentlich schon in Dezember für eine andere Stelle bei ihnen gemacht, die nicht so gut passte aber mir von der Arbeitsagentur explizit geschickt wurde, und damals hatten sie mich von vorne rein abgesagt, ohne mich überhaupt einzuladen.

Genauer gesagt ist diese glückliche Kandidatin die Kollegin Yong Jin, die am nächsten Tag zum Gespräch eingeladen wurde. Die ich teilweise ausgebildet habe, bei der ich für ihre Diplomprüfung Beisitzerin war, für die ich bei unserem Institutsleiter Druck ausüben musste, damit er ihr trotz Familie eine Doktorarbeit gibt, weil er wegen den Kindern Bedenken hatte, und die erst vor einem Jahr ihre Promotion abgeschlossen hat. Und die gerade für zwei Jahren ihren Vertrag verlängert bekommen hatte, und erstmal nicht gebraucht hätte, sich um eine neue Stelle umzuschauen. Und warum? Weil das Profil noch ein bisschen besser gepasst hatte? Wir kommen doch aus dem gleichen Institut…

Und was es für mich so schwer zu schlucken macht, ist, dass es genau Lars war, der sie dazu überredet hatte, sich auf diese Stelle zu bewerben. Sie hat mir gesagt, sie hatte es ursprünglich gar nicht vor gehabt. Lars, der genau weißt, dass ich schon seit Monaten arbeitslos bin und nach einer neuen Stelle suche. Arsch. Lars, der auf der einzigen Dauerstelle am Institut vor dreieinhalb Jahren eingestellt wurde. Und warum keiner, der damals am Institut befristet berufstätig war und sich auf die Dauerstelle beworben hatte, für unseren Chef in Frage kam, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Besser als uns ist er definitiv nicht. Eine ehrliche Erklärung vom Chef dafür hatte ich nicht bekommen, als er mir die Absage mündlich gab.

Ich glaube, alle promovierte Wissenschaftler, die jemals am Institut gearbeitet haben und noch befristet eingestellt waren, hatten sich auf diese Dauerstelle beworben. Mir sind mindestens fünf Personen in diesem Fall bekannt. Wir sind alle bestens mit den Lehrveranstaltungen vertraut gewesen und kannten uns mit den Geräten sehr gut aus. Wir sind auch vom aktuellen Institutsleiter dazu aufgefordert worden, uns zu bewerben. Dabei hat er nie vor gehabt, einer von uns zu nehmen. Ich denke, seine große Angst war einfach, dass er zu wenige Bewerbungen bekommt. Mir ist schon schleierhaft, wie er zu der Liste von Leuten gekommen ist, die er zum Vortrag eingeladen hat. Der erste Kandidat hatte mit unseren Forschungsthemen und Methoden gar nichts zu tun. Der zweite war Lars. Der dritte war ein älterer Mann, der uns durch seine frühere Arbeit sogar ein bisschen bekannt war. Dass der erste Kandidat nicht passte, war klar. Er hätte gar nicht eingeladen werden sollen. Begründung vom Chef: „Ich wusste, dass er nicht passt, wollte aber seinen Vortrag hören, weil es mit meinem Habilitationsthema verwandt ist.“ Und wozu gibt es denn Fachtagungen? Bei Lars hatte ich nichts Besonderes gedacht. Schöne Ergebnisse aus seiner Doktorarbeit hatte er gezeigt, aber nichts, bei dem ich gesagt hätte, er wäre uns so weit überlegen, dass er besser als wir für die Stelle geeignet wäre. Den dritten Kandidat hätte ich sofort akzeptiert, sein Fachwissen war außer Frage, und er war wirklich gut. Tja, wir haben wohl Lars bekommen. Heute frage ich mich immer noch, warum? Der Chef sagte, mit ihm hätte er jemanden, der genau das machen würde, was er will, vom dritten Kandidat könnte er es nicht erwarten, weil er so gut war. Und was hatte ich dann all die Jahre gemacht? …

Eigentlich kann Lars gerade die Hälfte unserer Methoden anwenden. Und er hat sich bis jetzt noch nie die Mühe gegeben, sich mit dem Rest der Geräte anzuvertrauen. Wozu auch, das brauchte er nicht, das konnten wir selber machen. Ich habe mich bemüht, nichts über ihn zu sagen, weil ich als neidisch erschienen wäre. Und habe mich nur geärgert zu sehen, wie man mit einer großen Klappe und wenig Können bei unserem Chef gut ankommen kann. Beispiel: Wir mussten ein Mal ein Gerät justieren. Wir saßen zu viert bei meinem Chef, mit Lars und meinem früheren Kollegen Sebastian, und hatten diskutiert, was zu tun war. Lars sagte sofort mit Überzeugung, „Ja, machen wir das alle drei zusammen“. Als der Zeitpunkt kam, wo wir uns an die Arbeit machen mussten, hat sich Lars aber entschuldigt, weil er etwas anderes zu tun hätte. Aber dann große Töne beim Chef spucken, wie toll wir zusammen gearbeitet hätten – obwohl er die ganze Zeit in seinem Zimmer geblieben ist. Wäre es nur eine Ausnahme gewesen, aber nein, so ist es jedes Mal. Und er wird vom Chef auch noch sehr geschätzt. Dabei ist Lars der einzige Wissenschaftler am Institut, der peinlich genau auf die Uhr schaut und so gut wie nie nach 16:30 am Institut zu sehen ist. Sein Spitzname: „Nichts wie weg“ – vom Chef selbst vergeben.

Ehrlich gesagt sehe ich doch gemeinsame Merkmale mit dem früheren (gestorbenen) Inhaber der Dauerstelle, bei denen ich nicht mit halten kann: Beide sind ernsthaft suchtkrank. Alkohol und Zigarette. Obwohl ich in letzter Zeit bei Lars den charakteristischen Geruch von Alkohol, der durch die Hautporen wieder raus geht, nicht mehr so stark wahrgenommen habe, aber so häufig bin ich auch nicht mehr dort. Ich hatte sonst vom Anfang an schon gemerkt, wie stark seine Hände zittern, wenn wir morgens im Kaffeeraum sitzen. Normal ist es nicht, selbst meine chinesische Freundin Mei hatte mich gefragt, was mit ihm los ist. Und seine Sucht auf Zigaretten ist so stark, dass er nicht in der Lage ist, eine Lehrveranstaltung auf einem Stück durch zu ziehen. Unsere HiWis berichten ab und zu, wie er während Übungsstunden den Hörsaal einfach verlässt, um draußen rauchen zu gehen. Jetzt weiß ich, was ich von Leuten zu halten habe, die „coole“ Bilder von sich selbst sitzend auf der Wiese bei einer Lehrveranstaltung fotografieren lassen. So kann man doch so viel rauchen wie man will.

Aber unser Chef hat ihn eingestellt, und damit allen gezeigt, dass er ihn für besser hält. Das Schlimme daran ist, dass die Ankündigung für die Dauerstelle allgemein bekannt war, und solche Stellen sind schon in unserem Fach eine Seltenheit. Das heißt, viele Leute können sich noch daran gut erinnern. Was denken sie wohl, wenn sie jetzt jemanden aus unserem Institut kommen sehen, der damals die Anforderungen für die Stelle erfüllt hätte, und sich bei ihnen später noch bewirbt? Diese Person muss schlecht sein, weil sie damals die Dauerstelle im eigenen Haus nicht mal bekommen hat?

Vor allem als Frau, wo man es doch leicht haben sollte, eine Stelle zu finden, da es ja Gleichstellungsbeauftragte gibt… Tja, es gibt welche an der Uni, aber zu diesem Auswahlverfahren ist wohl keine gekommen. Bei Dauerstellen ist es eine Pflicht, eine Gleichstellungsbeauftragte zu bestellen. Das hatte der Chef auch gemacht. Aber keine ist gekommen, und es gab nicht mal eine Entschuldigung dafür. Ich habe mich nach dem Grund erkundigt, weil ich damals selber dem Gleichstellungsteam gehört hatte (und aus selbstverständlichen Gründen nicht bei diesem Verfahren als Gleichstellungsbeauftragte mitmachen konnte) und die verantwortliche Person kannte. Sie meinte, sie hätten zu viel zu tun gehabt (aber keine ist auf die Idee gekommen, dass ich sie woanders entlasten könnte…), und sie müssten zwar bei Dauerstellen eingeladen werden, aber ihr offizieller Ziel wäre es in erster Linie, die relative Anzahl von Professorinnen zu erhöhen, „normale“ wissenschaftliche Mitarbeiterinnen würden sie nicht so sehr interessieren… Und Professorinnen tauchen plötzlich aus dem Nichts auf, einfach so, ohne vorher Mitarbeiterinnen zu sein? Das hat mich genug genervt, um aus dem Team auszutreten. Weil keiner mir einreden kann, dass Lars besser als ich wäre, das ist er nicht – laut Gleichstellungsgesetz hätte ich eingestellt werden sollen (oder der dritte Kandidat, aber nicht Lars). Und ich weiß noch, als ich gerade arbeitslos geworden war, dass ich mit Yong Jin eines Tages mittags gegessen hatte, und sie zum ersten Mal am Institut selber mit ihm zu tun haben musste, und sie mir beim Essen auf ein Mal sagte, „Weißt du, Lars ist eigentlich schlecht!“, als sie ärgerlich ihr Essen auf ihre Gabel aufspießte… als ob ich das noch nicht wüsste… aber ich hatte es niemandem erzählt, weil ich mich auch beworben hatte, und es hätte wie Neid ausgesehen. Dass sie es mir so spontan selber gesagt hat, obwohl sie sonst nie schlecht über andere Personen redet, ist mir Bestätigung genug, dass ich mich nicht geirrt habe.

Manchmal frage ich mich, ob unser Chef dem früheren Doktorvater von Lars ein Gefallen schuldig war. Das ist für mich die einzige Erklärung, die Sinn macht. Seinen Doktorvater habe ich übrigens bei der letzten Fachtagung gesehen. Er hat sich mich amüsiert angeschaut, als ob er es lustig fände, dass Lars am Institut ist. Aber jetzt, wo ich Lars kenne, denke ich, es gibt keinen Grund, so stolz auf ihn zu sein, ich würde mich eher schämen, wenn die Person aus meinem Institut kommen würde. Ach, was soll’s… Jetzt würde ich eh nicht wieder am Institut arbeiten wollen, mein Chef hat mich nicht verdient. Ich habe damals nur deswegen nicht offiziell gekündigt, weil man ja Geld verdienen muss. Innerlich aber wohl.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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