Erstes Date

Wenn man das so bezeichnen kann.

In meiner neuen Wohnung habe ich wirklich nichts. Viele Kartons, und eine Couch, auf der ich momentan schlafe. Nicht mal Lampen sind vorhanden, ich habe nur nackte Kabel, die aus der Decke hängen. Ich habe mir in der Mittagspause eine Lampe für die Küche gekauft. Da ich mich nicht traue, die selber zu installieren, habe ich Martin nach Hilfe gefragt. Wir sind nach der Arbeit zu mir gefahren. Und haben festgestellt, dass es doch nicht ging, weil meine Leiter zu klein ist. So ein Mist aber auch. Meine Decke ist 3m20 hoch, ich bin daran nicht gewöhnt. Martin hat vorgeschlagen, bei meinen Nachbarn zu fragen, ob sie eine größere Leiter zum Ausleihen hätten. Einige waren nicht da, die anderen hatten nur kleine Leiter wie meine. Ich glaube, sie haben uns für ein Paar gehalten – Martin hat sich auch jedesmal selbst vorgestellt. Als wir zu meiner Wohnung zurück gekommen sind, habe ich ihm gesagt, wir sollten das mit der Lampe lieber vertagen. Er hat darauf bestanden, es trotzdem zu versuchen und hat auf der obersten Stufe der Leiter Bücher gestapelt. Es hat geklappt. Ich hatte dabei echt kein gutes Gefühl, ein Unfall kann so schnell passieren, zum Glück ist es noch gut gegangen. Ich habe die ganze Zeit die Leiter festgehalten und mich gezwungen, trotz extremer Nähe mich normal zu verhalten, keine kleine Herausforderung, da ich mich so sehr zu ihm hingezogen fühle. Danach hat er vorgeschlagen, Eis essen zu gehen. Wir sind auf dem Weg dahin an die kleinste Brauerei vorbei gegangen, von der Winfried schon mehrmals erzählt hat, und haben dort ein Bier getrunken. Ich habe ihn als Dankeschön eingeladen. Wir haben viel geredet, danach ist jeder nach Hause gegangen. Irgendwie blöd. Als er sich auf dem Weg zur Straßenbahn gemacht hat, hat er sich umgedreht, und ich habe den Eindruck bekommen, dass er vielleicht etwas von mir erwartet hätte.

Einschlafen fiel mir danach sehr schwer ein. Ich habe mich ständig gefragt, was ich anders hätte sagen oder machen sollen. Und dann kam die Unsicherheit wieder, und ich habe gedacht, dass ich mir vielleicht Sachen einbilde, die gar nicht der Realität entsprechen. Warum würde er sich für mich interessieren? Oder bin ich einfach pessimistisch geworden, weil meine Tage wieder dran sind?


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Creepy Date

Vor etwa elf Jahren, als ich noch nicht mitten im Schreiben von meiner Doktorarbeit steckte und Zeit hatte, war mir aufgefallen, dass meine einzigen Bekannte oder Freunde in Deutschland entweder aus der Arbeit an der Uni oder aus meinem Deutschkurs bei der Volkshochschule stammten. Letztere Gruppe neigte auch dazu, nicht lange in der Stadt zu bleiben, weil die Leute entweder nur kurze Arbeitsaufenthalte hatten oder als Austauschstudenten für ein oder zwei Semester hier waren. Ich habe mir überlegt, es wäre nett, andere Leute kennenzulernen, und habe mir ein Profil bei einem kostenlosen „Kennenlernen-Portal“ angelegt.

Als erstes habe ich besonders darauf aufgepasst, in meinem Profil zu schreiben, dass ich nur neue Bekanntschaften suchte, weiblich oder männlich, und gar nichts Sexuelles im Kopf hatte – es war klar zu verstehen, auch wenn ich es nicht so formuliert hatte. Ich bin schnell von einem jungen blonden Mann in meinem Alter kontaktiert worden und wir haben gechattet. Er hat mich gefragt, was ich genau suchte, und ich habe geantwortet, glaube ich, „einfach Freunde, um mal auszugehen“. Nach zwei oder drei Chat-Abenden, wo wir sinnlose Banalitäten getauscht haben, haben wir uns an einem Nachmittag in einer Kneipe im Studentenviertel verabredet.

Als wir uns am Tisch hingesessen haben, habe ich mich schon unwohl gefühlt. Er hatte die ganze Zeit gar nicht natürlich gewirkt – es gab sehr kurze Momente, wo er sich körperlich normal verhalten hatte und ich mich entspannen konnte, gefolgt von Momenten, wo er anscheinend merkte, dass er vergessen hatte zu lächeln, und ich am liebsten ganz woanders gewesen wäre. Ah, sein Lächeln. Irgendwie unvergesslich. Ich glaube, ich habe noch nie ein solches verkrampftes Lächeln in meinem Leben gesehen. Das hatte ziemlich geisteskrank gewirkt. Dabei konnte man seine Zähne sehr gut sehen – das hat mich daran erinnert, dass Tiere eigentlich ihre Zähne zeigen, wenn sie gleich angreifen wollen. Ich denke, er muss irgendwo gelesen haben, dass bei einem Date das Lächeln sehr wichtig ist und gedacht, na gut, ich mache das die ganze Zeit. Mit dem Rest vom Gesicht hatte es aber nicht gepasst, es waren lediglich die Mundwinkeln, die nach oben gingen. Ich hätte ihn fast gefragt, ob es ihm schlecht ging, habe mich aber gezwungen, nicht darauf hinzuweisen. Er hat mich auch wiederholt im Gespräch gefragt, was ich genau suchte – ich konnte nur wiederholen, was ich beim Chatten schon geschrieben hatte, wobei er sehr enttäuscht wirkte. Aber hey, ich kann nichts dafür, wenn er nicht lesen kann. Ich hatte ihm oft genug geschrieben, dass ich nicht vor hatte, eine Liebesbeziehung anzufangen.

Ich weiß nicht mehr, welchen Grund ich wohl gefunden habe, aber ich habe mich sehr schnell verabschiedet, nach dem ich meinen Fruchtsaft ausgetrunken habe, und habe nie wieder Kontakt mit ihm aufgenommen. Das war’s auch, ich habe beschlossen, nicht mehr übers Internet neue Freunde kennen zu lernen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.