Unerwartet

Ich bin im Urlaub bei meiner Mama. Ohne den Ehemann, der im neuen Job in der Probephase steckt und noch keinen Urlaub machen darf. Er kommt am Wochenende zum Geburtstag vom Neffen.

Mein letzter Urlaub war verdammt lange her. Um die Weihnachten-Neujahr-Zeit.

Die Woche in Februar, die ich mir frei genommen hatte, zählt nicht, da ich mich trotz Impfung mit der auf Arbeit kursierenden Grippe infizieren lassen hatte, und wir unsere Reise stornieren mussten.

Gut, es gab die eine Woche Ende Juni, als ich meine Mama zu uns eingeladen hatte. Sie war noch nie in München gewesen. Es war genau diese eine Woche, als es richtig heiß wurde. Selbst für uns aus der Provence, wo man vermeintlich an die Hitze gewöhnt sein müsste, wurde es unerträglich, und wir waren nur vormittags unterwegs.

Jetzt also Urlaub. Es ist zwei Uhr morgens und ich kann nicht schlafen. Dabei hatte ich gestern richtig entspannen können. Viel geschlafen. Vielleicht zu viel. Oder es liegt an der Mücke im Schlafzimmer. Ich höre sie, kann sie aber nicht entdecken. Ab und zu fliegt sie mir um die Ohren. Ich habe schon sieben Stiche, seit meiner Ankunft am Sonntag. Oder meine Gedanken kreisen zu sehr. Außerdem nervt ein Großhund in der Nachbarschaft, der draußen die ganze Zeit nur am Heulen ist. Jetzt um halb vier immer noch. Das ist ätzend.

Heute sind wir zum Lac de Sainte-Croix gefahren. Wir haben’s nicht weit. Seit meiner frühesten Kindheit verbringen wir dort Zeit im Sommer. Ich bin geschwommen. Das Wasser war fantastisch. Dabei meinte die Friseurin vorhin, es wäre deutlich abgekühlt und man könne nicht mehr drin gehen… Ich habe mich wohl abgehärtet. Ich war am letzten Samstag früh morgens mit dem Ehemann mal wieder nach Starnberg gefahren. Lecker in der französischen Bäckerei gefrühstückt, auf dem Markt eingekauft, und in dem See geschwommen. Boah war das kalt drin. Mir hatte das Steißbein geschmerzt und ich musste erstmal wieder raus, bevor ich los schwimmen konnte. Hier war das Wasser heute richtig gut. Und das tolle ist, die meisten Touristen sind weg, es waren nur sehr wenige Leute am Strand.

Als wir zu Hause waren, habe ich eine Nachricht von meinem Gruppenleiter auf WhatsApp entdeckt. Ich sollte ihn anrufen. Er hatte mir noch nie Nachrichten aufs Handy geschickt, außer als ich mich beworben hatte, und ich habe böses geahnt.

Am Freitag ist etwas auf Arbeit passiert. Unser Chef, der Gründer der Firma, ist bei einem Telefongespräch mit einem Kunden an seinem Schreibtisch kollabiert. Keiner hat es mitbekommen, da seine Tür geschlossen war, außer der Kunde, der daraufhin unser Sekretariat angerufen hat. Ein Notarzt wurde angerufen, und kurz danach sind Sanitäter an unsere offene Bürotür zum Aufzug vorbei gelaufen, mit ihm vollständig unter einer Decke versteckt auf einer Trage. Bei dem Anblick lief mir ein Schauer über den Rücken.

Kurz danach wurden wir von der Chefin, die die Stelle von CEO#2 übernommen hatte, zu einer Versammlung gerufen. Die Reaktion von Ute auf ihrer Email: „Weißt du, was das für uns bedeutet? Wir dürfen nicht mehr alleine im Büro sein, das ist, was jetzt kommt. Das ist blöd, da ich immer so spät abends im Büro bin…“ Die Frau ist unglaublich. Selbst an solchen Momenten kann sie nur an sich selbst denken. Darum ging’s in der Versammlung natürlich nicht, sondern darum, uns alle zu informieren, dass der Chef ins Krankenhaus gebracht wurde. Wie die Chefin über den Vorfall berichtete, klang es aber nicht so schlimm.

Als ich die Nachricht von meinem Gruppenleiter heute gelesen habe, hat es mich recht beunruhigt. Ich habe ihn angerufen und er hat mir unter Tränen vom Tod vom Chef berichtet. Hirnblutung. Das war ein Schock.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Immer noch krank

Ich dachte, mir ginge es besser. Ich schlafe wieder besser, seit dem Wochenende. Ich war heute Morgen trotzdem müde beim Aufwachen. Und nach der Mittagspause habe ich mich plötzlich schlecht gefühlt. Zu warm, schwindelig, unfähig, zu lange an etwas zu arbeiten… Ich habe meine Sachen gepackt und bin um zwei nach Hause gefahren.

Kurz vorher noch Winfried angerufen, um Bescheid zu sagen: „Alles klar, riskiere nichts und erhole dich“, war seine Antwort. Ich habe noch nicht erzählt, wie großartig Winfried als Chef ist.

Ich habe ihm schon letzte Woche mitteilen müssen, dass ich schwanger bin. Ich darf ja nicht mehr im Labor arbeiten, oder unsere Messgäste für Experimente einweisen, oder sogar Rufbereitschaft machen. Es musste für meine kommenden Tätigkeiten dringend für Ersatz gesorgt werden. Ich war ganz nervös, als ich ihn angerufen hatte. Uschi, unser ehemaliger Chef, hatte schon mal einer Bewerberin, an die er interessiert war, doch nicht die Stelle angeboten, weil sie ihm im Nachhinein zugegeben hatte, schwanger zu sein.

Winfried hat auf die Nachricht ganz toll reagiert und mir gratuliert. Mein nächster Arbeitsvertrag ist unterwegs und daran ändert sich nach der Ankündigung nichts. Er hat nochmal bei der Personalabteilung angerufen und mir erklärt, dass ich gerne die benötigte Monate um die Geburt aussetzen und am Ende vom Vertrag anhängen kann. Und als ich gestern wieder auf Arbeit war und in seinem Büro stand, meinte er, ich sollte mich zu Hause einrichten, um vor dort aus zu arbeiten. Es wäre kein Problem, ich müsste nur mit der Personalabteilung darüber reden. Und Ausstattung wie neuen Rechner, Bildschirm usw. würde er mir für zu Hause besorgen. Was will man mehr?


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Uschi verlässt uns

Ich war heute endlich wieder bei der Arbeit, und es war ein großes Thema bei den Gesprächen: Uschi geht weg. Er hat sich Anfang des Jahres auf eine Stelle beworben und anscheinend gerade die Zusage samt Vertrag bekommen. Gekündigt hat er schon, ab Januar ist er nicht mehr bei uns. Unser Chef.

Das hätte ich mir nie vorgestellt. Seine Laufbahn ist untypisch für einen Wissenschaftler, da er seine Geburtsstadt nie verlassen musste. Hier geboren, hier studiert, hier gearbeitet, ohne jemals nach einer Arbeit suchen zu müssen. Ziemlich schnell auch hier eine Dauerstelle bekommen. Und jetzt, nach über fünfzehn Jahren, kommt er plötzlich auf die Idee, sich woanders zu bewerben. Im Ausland. Er braucht Abwechslung und neue Herausforderungen, meint er.

Eins weiß ich, ich werde ihn vermissen. Das hätte ich am Anfang meiner Arbeit hier nicht gedacht. Als ich angekommen bin war er häufig gereizt. In Meetings ist er mehrmals ausgerastet und hat Leute niedergemacht. Meistens Meike. Es tat mir Leid zu sehen, wie sehr sie an ihrem Schreibtisch gezittert hatte, wenn er mal vorbei kam. Ich dachte damals, ich würde hier nicht länger als nötig bleiben und möglichst schnell eine andere Stelle suchen. Irgendwie hat er sich doch nach einigen Wochen geändert und ist viel entspannter geworden. Die Atmosphäre in der Gruppe hat sich schlagartig verbessert. Meike meinte, er müsste eine neue Freundin haben. Das stimmte. Was ich damals nicht wusste ist, dass die Beide ein Verhältnis hatten, obwohl es schon viele Jahre her war. Martin meinte, es wäre der Grund für die ganzen Spannungen gewesen.

Was ich mit der Zeit an Uschi zu schätzen gelernt habe, ist wie gut er unsere Gruppe geleitet hat. Bei Konflikten verhält er sich meistens beispielhaft, ich denke, ich hätte noch viel von ihm zu lernen. Er macht sich Gedanke darüber, wie unsere Arbeit motivierend gemacht werden kann und wie die Gruppenmitglieder gut miteinander umgehen können. Er hat eine strenge Art und hackt immer bis ins letzte Detail nach, aber ich merke, wie sehr es dazu beigetragen hat, dass unsere Tätigkeiten glatt laufen und, wichtiger noch, dass alle unsere Geräte gut funktionieren und Ausfälle minimiert werden. Wenn er weg ist, frage ich mich, wie lange wir diesen Zustand behalten können.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Ersatz-Chefin

Die bin ich, diese Woche!

Da unsere beiden Chefs dienstlich unterwegs sind, haben sie mich damit beauftragt, die Führung unseres wöchentlichen Gruppenmeetings zu übernehmen. Nicht zum ersten Mal. Die Gruppe ist in letzter Zeit gut gewachsen, obwohl mein Schatz nicht mehr bei uns arbeitet. Es war eine interessante Erfahrung, eine Diskussion bei so vielen Leuten zu leiten. Es gab aber nicht so viel zu besprechen.

Ich dachte, damit wär’s schon. Ich habe jetzt gemerkt, dass die anderen Postdocs mich um Rat fragen. Vielleicht, weil sie nach mir in der Gruppe angekommen sind. Ich war ja bei allen ihren Bewerbungsvorgängen dabei. Oder weil ich schon älter bin und nicht frisch aus der Doktorarbeit komme. Pawel und Kate haben mich heute sogar gefragt, wie sie bei einem Vorhaben mit Projektpartnern vorgehen sollen. Eigentlich hätten sie selber drauf kommen können, wenn sie nur kurz nachgedacht hätten. Aber hey, nicht gleich den Spaß verderben. Ich werde für meine Meinung geschätzt. Ein kleiner Schub für die Seele.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

In Stockholm

Ich bin zum ersten Mal da. Direkt nach der Arbeit hierher geflogen, komme ich schon morgen Abend wieder nach Berlin. Ein kurzer Aufenthalt, um mit meinem Geldgeber über mein Projekt zu diskutieren. Es gibt keine Zeit für Sehenswürdigkeiten. Winfried und Uschi sind auch dabei, und früher als ich gekommen, da sie heute andere Geschäfte wickeln wollten.

Der Flug mit Air Berlin ging wunderbar. Es wäre nicht meine Wahl gewesen, aber Uschi hatte mir ausdrücklich gesagt, ich sollte dort buchen. Wir fliegen morgen zusammen zurück. Ich bin mit der Nacht angekommen. Die Wegbeschreibung zum Hotel hatte ich mir aus Google Maps geholt. Es war viel einfacher, als ich mir gedacht hatte. Zum einen habe ich festgestellt, dass ich gar keine schwedische Krone brauche. Als ich am Gepäckband vorbei gegangen bin, habe ich Automaten für Busfahrkarten gesehen, bei denen man mit Kreditkarte bezahlen konnte. Zum anderen waren die Fußwege, die von Google Maps angegeben waren, viel komplizierter als nötig. Anders als beschrieben war die Haltestelle am Flughafen direkt vor meinem Ankunftsgate. Von der Haltestelle in der Stadt bis zum Hotel musste ich nur eine Kreuzung überqueren. Laut Google Maps hätte ich über 600 Meter zu Fuß entlang mehrere kleinen Straßen gehen sollen.

Direkt nach meiner Ankunft habe ich Winfried kontaktiert und wir sind essen gegangen. Uschi hatte wohl schon „ein Date“ mit einer schwedischen Wissenschaftlerin für den Abend. Ich dachte ursprünglich, dass er eine feste Freundin hatte. Im Sommer hatte er noch davon erzählt, dass er nach einer größeren Wohnung suchen würde, um mit ihr und ihrem jungen Sohn umzuziehen. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Er hat schon lange nicht mehr von ihr geredet. In Dezember kam eine Gastwissenschaftlerin aus dem Südeuropa-Raum, die auch zu unserer Weihnachtsfeier gekommen ist. Ich war ein wenig überrascht, als sie so nah neben einander gesessen haben, aber ich dachte, Alkohol bringt die Leute näher zu einander, und Südländerbewohner sind nicht so distanziert wie die Deutsche. Kurz nach 22:00 haben sich die beiden als erste leicht beschwipst zusammen verabschiedet. Unsere fette Diplomandin hat keine Zeit verloren, um sich hinter seinem Rücken darüber lustig zu machen und über die Wissenschaftlerin bei jeder Gelegenheit zu lästern. Mit ihrer komischen Stimme und ihrer Art, langweilige Dinge tausend mal zu erzählen, hatte sie mich schon immer genervt; dieser bösartige Ausdruck von Neid war die Krönung. Ich bin froh, dass sie jetzt nicht mehr bei uns ist. Wie auch immer. Mit der Gastwissenschaftlerin hat er seitdem einen etwas längeren dienstlichen Auslandsaufenthalt gehabt, der wieder zu Lästereien bei der Arbeit geführt hat. Und jetzt heute Abend. Es ist mir im Grunde egal, mit wem er gerade seine Zeit verbringt und was für Beziehungen er mit Frauen hat. Ich hätte aber erwartet, dass er mit uns den Abend verbringen würde, wenn er uns zu einer gemeinsamen Reise bestellt.

Im Laufe des Abends hat sich Winfried mit mir über meine Arbeit und meine befristete Stelle unterhalten. Er hat mir ausdrückliche Vorschläge gegeben, wie ich meine Stelle zu einer Dauerstelle machen könnte. Ich hätte schon große Chancen, müsste mich nur in bestimmte Gebiete vertieft einbringen, um mich unersetzlich zu machen. Natürlich bin ich daran interessiert. Die Arbeit kann stressig sein, aber im Ganzen macht es mir Spaß. Irgendwie glaube ich leider nicht, dass es so glatt laufen würde, wenn ich schwanger werden soll. Martin will wirklich Kinder haben. Ich muss nicht unbedingt, habe auch nichts dagegen, wenn es bei einem bleibt. Aber wenn wir Eltern werden wollen, dann jetzt. So jung bin ich nicht mehr, das Risiko einer Trisomie steigt jederzeit. Und gerade jetzt könnte ich wieder schwanger sein. Ich spüre seit dem Wochenende ein leichtes zittern im Unterleib, genau wie in Dezember, bevor meine Periode ausgefallen war. Wenigstens nehme ich jetzt Folsäure mit Jod ein, nach der Empfehlung der Frauenärztin.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Bei meinem Chef

Ich erinnere mich an einen Traum, den ich vor einigen Jahren hatte.

Ich war zu einer Party bei meinem ehemaligen Chef zu Hause eingeladen worden[1]. Als ich ankam, war die Dunkelheit schon hereingebrochen. Es war ein Haus ohne Etage, mit Garten und hohen Bäumen. Die Gäste bildeten kleine Gruppen und unterhielten sich im großen, gut beleuchteten Wohnzimmer mit Gläsern in der Hand. Ein Orchester spielte Musik für die wenigen tanzenden Paaren.

Ich ging direkt zu meinem Chef, um mich für die Einladung zu bedanken. „Ach, schön, dass du da bist!“[2], begrüßte er mich. „Jetzt kann die Party endlich steigen.“ Ich, mit einem plötzlichen Gefühl von Stolz, ohne es mir anmerken lassen zu wollen: „Ach so, wieso denn?“ „Tja, die Party ist ganz gut, aber wir brauchen mehr Spin[3].“ Er führte mich dann zum Garten.

Und so befand ich mich dabei, im Garten in Kreisen auf einem Fahrrad zu fahren, das mit einem langen Hebel zum Haus verbunden war, um das Haus um seine eigene Achse drehen zu lassen…

[1] Spätestens da hätte ich merken sollen, dass ich mich in einem Traum befand. Er ist sonst ganz nett, aber ich habe noch nie einen schlimmeren Einzelgänger kennen gelernt.

[2] Wir duzen uns auch gar nicht.

[3] Ich hatte bei der Arbeit etwas mit Spins in magnetischen Systemen zu tun.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.