ÖPNV: München kann Berlin das Wasser reichen

Oder hat die MVG aus den Werbespots der BVG gelernt?

Heute morgen, Geisenbrunn. Ich sitze mittig im Wagen. Was ich damit sagen will: Hier steigt man nicht ein, wenn man in letzter Sekunde noch bis zum Zug gerannt ist. Wenn man hier einsteigt, dann, weil man schon in der Mitte vom Bahnsteig gewartet hat. Der Zug hält, eine junge Frau steigt ein. Kurz nach ihr sehe ich einen jungen Mann, der nur auf seinem Handy starrt, während er sich im Schneckentempo bewegt. Das Signal für die Türe ertönt, die Türe schließen. Zugegeben, sie waren nicht lange offen. Der junge Mann hebt endlich den Kopf und schaut sich erstaunt die geschlossene Tür direkt vor ihm an. Er drückt auf dem Knopf, aber die Tür bleibt zu. Sie ist schon verriegelt. Er geht zur nächsten Tür, die ebenfalls geschlossen bleibt. Nach einer gefüllt ewigen Pause, die der Fahrer bestimmt zur Betonung der Dramatik eingelegt hat, fährt der Zug ab.

Ich steige später in einen Bus ein. Irgendwo in Gräfelfing halten wir an eine Haltestelle, wo eine junge Frau offensichtlich auf den Bus gewartet hat. Die Tür geht auf. Gerade als die Frau einsteigen will, wird sie von einer älteren Frau angesprochen, die sie etwas fragen will. Die junge Frau antwortet freundlich, und will noch in den Bus einsteigen, als der Fahrer die Tür wieder zu macht. Es kann keine fünf Sekunden gedauert haben. Die Frau klopft an die Tür. Der Fahrer fährt los. Eine Mitreisende, die vorne sitzt, sagt dem Fahrer, dass die Frau noch einsteigen wollte. „Die Tür war auf, sie hätte längst einsteigen können,“ antwortet er stur. Er fährt vielleicht zehn Meter, um vor einer roten Ampel stehen zu bleiben. Die junge Frau durfte auf den nächsten Bus warten.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Die BVG hat wieder zugeschlagen

Einmal zu viel. Etwas muss sich ändern. Ich will nicht mehr so abhängig vom ÖPNV sein, wenn es zu solchen Verspätungen und Chaos kommt. Entweder muss ich eine neue Arbeitsstelle in der Nähe von der Wohnung finden, oder wir ziehen um, oder ich steige zum Auto um, was nebenbei meine Fahrzeit zur Arbeit mehr als halbieren würde, ich habe mal wieder die Schnauze voll. Jeden Tag die 42 Kilometer hin und zurück mit dem Fahrrad zu fahren ist nicht realistisch, da ich eine minimale Wohlfühltemperatur brauche, um es zu benutzen, und ein paar Tage im Monat geht es auch wirklich nicht, wenn ich so stark verblute, und auch nicht, wenn ich ganz früh morgens einen Termin habe, da das Unfallrisiko in Berlin doch recht groß ist…

Zweimal diese Woche habe ich über anderthalb Stunden gebraucht, um nach Hause zu fahren. Mit dem Fahrrad bin ich schneller. Besonders hat es mich gestern geärgert. Die Hinfahrt lief problemlos, was, zugegeben, recht beeindruckend war, ein Tag nach dem Kabeldiebstahl, der die Bahn lahm gelegt hat. Die Nachricht hatte ich zum Glück vorgestern vom Bett aus im Radio gehört, und ich hatte mir gar nicht die Mühe gegeben, zur S-Bahn zu gehen. Stattdessen war ich Bus gefahren, was fast genau so lange wie mit dem Fahrrad dauert. Wir hatten uns mit dem Ehemann nach dem Feierabend in einer Brauerei verabredet, deswegen ich das Fahrrad nicht benutzt hatte. Das war der Grund, warum ich diese Woche nur zweimal so lange nach Hause gebraucht habe. Das andere Mal war am Montag.

Am Montag wollte ich auch ursprünglich zum Fitnessstudio, ich war sogar mit der Sporttasche zur Arbeit gekommen. Und wollte deswegen abends mit Bahn statt mit Bus fahren, um früher anzukommen. Zuerst hatte mich die Anzeige für die Tram in die Irre geführt. Eine Viertelstunde Wartezeit? Da bin ich schneller zu Fuß, um zur S-Bahn zu kommen. Ich war drei Minuten später noch nicht an der nächsten Tram-Haltestelle, da überholte mich die Tram. Von wegen eine Viertelstunde. Es hätte mir aber nichts gebracht, weil ich die S45 doch noch erwischen konnte, die früher hätte fahren sollen. Es hätte mir eine Warnung sein sollen. Einsteigen konnte ich, wie auch alle anderen Fahrgäste, die nach mir gekommen sind. Wenigstens habe ich einen Sitzplatz bekommen können, danach wurde es überfüllt und stickig, und die Bahn fuhr erstmal nicht weg. Keine Ahnung warum, die Durchsagen vom Fahrer waren unverständlich. Nach einer Weile konnten wir doch starten, um zwei Stationen weiter zu erfahren, dass wir alle aussteigen sollen. Der Zug war defekt. Ich bin also doch zum Bus umgestiegen. Das hätte ich von vorne rein machen sollen. Ich bin am Ende so spät angekommen, dass ich keine Lust mehr hatte, zum Fitnessstudio zu gehen. Anderthalb Stunden Training, duschen, nach Hause gehen, ich wäre nicht vor neun angekommen, und wir müssen diese Woche recht früh aufstehen. Stattdessen konnte ich den Ehemann überzeugen, joggen zu gehen. Das haben wir nur eine halbe Stunde durchgezogen, danach musste er aufhören. Achillessehne.

Gestern früh schien laut BVG-App alles wie gewöhnt zu laufen, und ich habe tatsächlich „nur“ eine Stunde zur Arbeit gebraucht. Es war ungewohnt früh, ich bin um sieben angekommen. Der Ehemann muss die ganze Woche ab sechs die Arbeit anfangen. Der Glückliche braucht jetzt nur zehn Minuten zur Arbeit und ist ÖPNV-unabhängig geworden. Ich musste gestern im Labor arbeiten, und habe mir gedacht, je früher ich anfange, desto besser. Danach könnte ich früh nach Hause fahren und zum Fitnessstudio gehen, bevor es zu voll wird. So viel zur Theorie.

Kurz vor vier habe ich mich von meiner Arbeit gerissen, um endlich mal einen frühen Feierabend genießen zu können. Ich hätte problemlos weiter arbeiten können, da ich gerade dabei bin, Programm #1 für Qt5 kompatibel zu machen (alles wegen Mac-Nutzer, weil Qt4 seit Sierra nicht mehr auf Mac zu benutzen ist, wie ich am eigenen Arbeitsrechner feststellen musste). Bewusst habe ich mich gezwungen, die Arbeit liegen zu lassen, und bin gegangen. Mit dem Bus? Ach nee, ich mache nicht ausnahmsweise so früh Feierabend, um eine Viertelstunde länger nach Hause zu fahren… Spoiler: Ich wäre doch schneller angekommen. Wenn ich der BVG in Rechnung stellen würde, wie viele Überstunden auf Arbeit ich hätte machen können, statt auf einem Gleis zu verharren, könnte ich das ganze Jahr kostenfrei fahren.

Angefangen hat es, als ich die S46 gerade verpasst habe. Von der Tram ausgestiegen, die Treppe hoch gelaufen, und ich konnte sie von hinten weg fahren sehen. Also Umweg über Treptower Park. In der Ringbahn habe ich dann auf der BVG-App erfahren, dass die S1 wegfallen würde. Das war nur sichtbar, wenn man sich die Details der Strecke anzeigen ließ, weil die Verbindung trotzdem vorgeschlagen wurde. Gut, ich kann eine Station weiter fahren und die Buslinie M48 benutzen, die ja scheinbar pünktlich ist… Ist die Frau denn nicht lernfähig? Die M48 ist doch nie pünktlich, ich hätte wissen sollen, dass es zu schön war, um wahr zu sein! Und tatsächlich, obwohl BVG-App und Webseite nichts ahnen ließen, war auf der Anzeige an der Haltestelle keine M48 in den nächsten zwanzig Minuten zu sehen. Dafür lief die Nachricht, dass sie zur Zeit unregelmäßig fährt. Also noch eine Station mit der nächsten Ringbahn gefahren, und ab in die U9. An der Endstation war es aber genau so blöd, da ich wieder vor der Wahl stand, S1 oder M48. Beide noch stark verspätet. Verflucht. Um zwanzig vor sechs war ich zu Hause, und so sauer, dass ich nicht mehr zum Sport wollte. Lieber hätte ich jemanden verprügelt. Ob ich beim Boxkurs vom Fitnessstudio doch schnuppern sollte? Mit einem Bier habe ich mich auf dem Balkon hingesessen und auf den Ehemann gewartet, der einen unglaublich langen Tag auf Arbeit machen musste.

Ach, was soll, dann fahre ich heute halt Fahrrad… Nicht. Um elf im Bett, um halb drei wach. Aus einem Traum erwacht. Ich saß am Rechner und bekam plötzlich die Meldung, dass meine Dateien verschlüsselt wurden. Um sie zu entschlüsseln, müsste ich eine bestimmte Geldsumme überweisen. Die Meldung erschien sogar auf der Klobrille. Ich bin ins Bett gegangen und habe dem Ehemann gebeichtet, dass ich Opfer einer Ransomware geworden war. Dabei hatte ich den Rechner heruntergefahren, was man in solchen Fällen gar nicht machen soll. Mit einer bestimmten Tastenkombination war es doch möglich, zu seinen Dateien wieder Zugriff zu bekommen… Das Schnarchen vom Ehemann hat mich geweckt. Seitdem kann ich nicht mehr schlafen, ich fühle mich aber nicht gut, und mit nicht mal vier Stunden Schlaf will ich nicht so lange mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Ich glaube, ich bleibe heute wegen Migräne zu Hause.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Echt die Schnauze voll von der Bahn

Heute war zu viel. Ich halte es nicht mehr aus.

Es fing heute Morgen im ersten Zug an. Nach der zweiten Station hat sich ein Mann mir gegenüber hingesessen. Ich war am Nachrichten lesen und habe ihn zuerst nicht beachtet. Er hat angefangen zu reden. In der Bahn passiert es häufig, dass Leute laut vor sich hin reden, ohne einen konkreten Ansprechspartner zu haben. Ich habe trotzdem zugeschaut. Er hatte sich anscheinend vorgenommen, mit mir zu reden. So ein Mist. Sein Aussehen wirkte nicht einladend. Er sah geistlich nicht ganz dicht aus und ich wollte nichts mit ihn zu tun haben. Ich habe mich also dabei ertappt, wie ich ihn aufgrund seines Aussehens für etwas so sinnloses wie ein Gespräch aussortiert hatte. Der Grund, warum er mich ansprechen wollte, war, dass ich eine Laptop-Tasche mit mir trug, mit der Inschrift von einer früheren Tagung über Materialwissenschaften[1]. Er wollte wissen, worum es dabei ging. Kurz überlegt, ob ich nicht einfach sagen sollte, „Sorry, I don’t speak German„. Ich hatte ja kein Bock, mit ihm zu reden. Andererseits ist es sehr unüblich, in der Bahn freundlich angesprochen zu werden. Obwohl er mir komisch vorkam, oder vielleicht genau deswegen, habe ich geantwortet. Es hätte sein können, dass ich ihn unterschätzt hätte. Er hatte zwar das Wort „Spektroskopie“ nicht benutzt, aber gesagt, dass er wusste, dass man Materie aufgrund ihrer wellenlängenabhängigen Absorption mit Licht untersuchen könnte… „Wow“, dachte ich. Vielleicht hat er Kinder, die in dem Bereich arbeiten. Und Steuerzahler sollen wissen, was mit ihrem Geld in Forschungsinstituten gemacht wird. Soviel zur Theorie von wissenschaftlicher Aufklärung. Blöderweise habe ich in meiner kurzen Erläuterung das Wort „Atom“ benutzt. Gleich fing er an, laut von Neutronen und Uranium zu monologisieren, und am Ende hieß es, ich würde Wasserstoff-Atombomben bauen. Dabei ist er aufgestanden und bei der nächsten Station ausgestiegen. Was für ein verrückter Typ. Obwohl ich es diskriminierend fand, hätte ich ihn doch vom Anfang an ignorieren sollen. Ich sollte aufhören, mein Bauchgefühl so bewusst zu missachten.

Ich bin später ausgestiegen. Die Ringbahn bringt mich auch nicht ans Ziel und ich muss meistens zwei mal umsteigen, um zur Arbeit zu kommen. Es gab kurz vor der Station die übliche Durchsage im Zug, dass Reisende nach Schönefeld hier aussteigen sollten. Nun, als ich ausgestiegen bin, gab es am Gleis eine andere Durchsage, weil es aufgrund von Bauarbeiten keine direkte Verbindung mehr gab und man mit der Ringbahn erstmal weiter fahren sollte. Zu spät gehört, auf die nächste Bahn gewartet, Umweg gefahren, spät angekommen. Die BVG ist zu dämlich, um automatische Meldungen im Zug auszuschalten, wenn sie mal nicht mehr zutreffen.

Heute Abend auf dem Weg nach Hause wurde es nicht besser. Überfüllte Bahn, da meine üblichen Züge wegen den Bauarbeiten nicht mehr fahren. Ich habe meine Überdosis an menschlicher Nähe erreicht. In einer Ecke vom Wagen saß ein Pack von übergepiercten Männern mit Bierflaschen. Ich habe mich kurz gefragt, ob sie auf dem Weg zum nächsten Asylbewerberheimbrand unterwegs waren. Beim nächsten Umsteigen ist mir die Bahn vor der Nase weggefahren. Zehn Minuten Wartezeit. Ich habe am vorderen Ende des Gleises eine Ecke ohne Zigarettenqualm gefunden. Eine Herausforderung. Als der Zug kam konnte ich immerhin einen Sitzplatz finden. Hinter mir standen mehrere jungen Frauen und ein Mann vor der Tür. Der Mann fing an, ihnen in einer merkwürdigen Stimme laut zu erzählen, dass rauchende Leute im Grunde nicht böse sind. Immer wieder durch kurze laute „Äh“ unterbrochen. Ich habe mich umgeschaut, falls die Mädels Hilfe brauchten. Die eine fühlte sich offenbar so belästigt, dass sie gleich den Wagenflur entlang geflohen ist. An der nächsten Station ist der Mann ausgestiegen. Er zuckte die ganze Zeit beim Gehen mit den Schultern. Vielleicht eine neurologische Krankheit, die das sehr eigenartige Sprechen erklären würde. Ich dachte, jetzt ist aber Ruhe, bis ich aussteige. Nein. Jemand hinter mir hat sich ein Brötchen mit Leberpastete rausgeholt. Schal vor der Nase. Über den Gestank von billiger Salami etc. habe ich mich hier schon häufig genug beschwert. Ich war so froh, endlich an die frische Luft auszusteigen, dass ich erstmal tief eingeatmet habe.

Mir hat es gereicht. Das will ich mir nicht jeden Tag antun. Jetzt ist es nicht mehr so kalt und es soll diese Woche nicht regnen. Es wird Zeit, mein Fahrrad wieder zu benutzen. Von zu Hause aus bis zur Arbeit brauche ich mit der Bahn knapp über eine Stunde, mit dem Fahrrad laut Google Maps auch. Keine Spinner mehr, und auch weg mit dem Winterspeck.

[1] Genauer gesagt, von dieser Tagung. Die Tasche habe ich vor Kurzem beim Umzug wieder gefunden. Sie sieht wie neu aus.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.